Suśruta-Saṃhitā
Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung, Kapitel-Einordnungen, Sachtabellen und Glossar.
Āyurveda · 186 Adhyāyas · 8.332 Verse
Interaktive LeseansichtGlossar
Vorwort
Diese Ausgabe legt die vollständige Suśruta-Saṃhitā zweisprachig vor: den Sanskrit-Text in lateinischer Umschrift (IAST) neben einer durchgehenden deutschen Übersetzung, Vers für Vers, alle einhundertsechsundachtzig Kapitel. Sie ist, wie die parallel erschienene Ausgabe der Caraka-Saṃhitā, aus einem digitalen Leseprojekt hervorgegangen und wurde für den Druck in diese Buchform gebracht.
Jedem Kapitel ist eine kurze Einordnung vorangestellt, die Inhalt, Aufbau und Stellung im Gesamtwerk skizziert. Sachtabellen ergänzen den Text an zahlreichen Stellen, an denen eine Aufzählung – etwa der zwanzig chirurgischen Scharfinstrumente (śastra), der Klassifikation von Wundarten oder der Aufzählung anatomischer Strukturen – im Fließtext schwer lesbar wäre. Ein ausführliches Glossar am Ende des Buches versammelt weit über tausend Fachbegriffe in alphabetischer Ordnung: chirurgische und anatomische Termini ebenso wie Krankheitsnamen, Zubereitungsarten und Maßeinheiten sowie – so vollständig, wie es sich anhand der Quellen verantworten ließ – die im Text genannten Heilpflanzen mit ihrer botanischen (lateinischen) Bezeichnung, wo diese sich zweifelsfrei bestimmen ließ. Wo eine sichere Zuordnung nicht möglich war, wird dies im Glossareintrag offen vermerkt, statt eine Vermutung als Tatsache auszugeben.
Eine systematische Prüfung des Sanskrit-Textes gegen externe Quellen deckte in 295 Versen Übertragungsfehler auf – vereinzelte Buchstabenverschiebungen und -auslassungen, wie sie bei der digitalen Erfassung eines derart umfangreichen Werks entstehen können. Die weit überwiegende Mehrheit davon (286 von 295) konnte anhand von Vergleichsquellen korrigiert oder als unproblematisch bestätigt werden; neun Verse, überwiegend aus einem einzelnen sehr langen Kapitel über unregelmäßiges Fieber, bleiben als ungeklärt dokumentiert, statt sie stillschweigend zu glätten. Diese Ausgabe erhebt keinen Anspruch auf eine kritische Edition im philologischen Sinn, sondern versteht sich als sorgfältig geprüfte Lese- und Studienausgabe für ein deutschsprachiges Publikum.
Die vorliegende Fassung versteht sich als Lesebuch im eigentlichen Sinn: für die durchgehende Lektüre ebenso gedacht wie für das gezielte Nachschlagen einzelner Kapitel oder Begriffe. Sie richtet sich an ein deutschsprachiges Publikum, das sich für die chirurgische, anatomische und diätetische Tradition des Āyurveda interessiert – Studierende der Medizingeschichte, der Indologie und der Komplementärmedizin ebenso wie historisch interessierte Leser. Die nachfolgende Einführung skizziert die Entstehungsgeschichte, den Aufbau und die Rezeptionsgeschichte des Werks, das für seine chirurgischen Verfahren, insbesondere die früheste bekannte Beschreibung einer plastisch-rekonstruktiven Operation, bis heute besondere Aufmerksamkeit findet.
Auch die typografische Gestaltung folgt dieser doppelten Absicht aus Lesbarkeit und Nachschlagbarkeit: Der Sanskrit-Text steht durchgehend kursiv in einer klassischen Serifenschrift, die deutsche Übersetzung in einer schlichten, gut lesbaren Groteskschrift; jedes Sthāna erhält seine eigene farbliche Kennzeichnung, und die Sachtabellen – bei diesem chirurgisch-anatomisch geprägten Werk besonders zahlreich, von Instrumentenlisten bis zu Marman-Übersichten – heben sich als eigenständige, sofort auffindbare Blöcke vom Fließtext ab. Kleine dekorative Vignetten am Ende der Kapitel markieren, wo ein Kapitel endet, bevor auf der nächsten Seite ein neues beginnt – ein bewusst zurückhaltendes gestalterisches Mittel, das keinen Anspruch auf historische Bebilderung erhebt, sondern schlicht dem Buch als Objekt eine ruhige, in sich stimmige Form geben soll.
Einführung
Die Suśruta-Saṃhitā ist neben der Caraka-Saṃhitā das zweite große Grundlagenwerk der klassischen indischen Medizin (Āyurveda) und gilt insbesondere als der zentrale Text der chirurgischen Tradition (śalya-tantra). Ihre Kapitel über Operationstechnik, Instrumentenkunde und plastische Chirurgie – darunter die früheste bekannte Beschreibung einer Nasenrekonstruktion – haben ihr auch außerhalb Indiens besondere Aufmerksamkeit eingebracht.
Die historische Gestalt des namengebenden Suśruta liegt im Dunkeln; nach heutigem Forschungsstand lässt sich nicht sicher sagen, ob überhaupt eine einzelne Person dieses Namens den Kern des Werks verfasst hat. Der Überlieferung nach empfing Suśruta die Lehre von seinem Lehrer Divodāsa, der als König von Kāśī (dem heutigen Varanasi) und – in der religiösen Tradition – als Verkörperung oder Nachkomme des Gottes Dhanvantari gilt, des mythischen Begründers der Heilkunde. Das Werk erhielt seine heute bekannte Form durch einen Redaktor namens Nāgārjuna, der nicht mit dem gleichnamigen berühmten buddhistischen Philosophen zu verwechseln ist; er fügte insbesondere das sechste Buch, das Uttaratantra, als Ergänzung hinzu. Die Forschung datiert die älteste Textschicht auf die letzten vorchristlichen Jahrhunderte, die Redaktion durch Nāgārjuna auf ungefähr das 3. bis 5. Jahrhundert n. Chr.; die älteste erhaltene Handschrift (aus Kathmandu, datiert auf das Jahr 878 n. Chr.) enthält das Uttaratantra bereits als festen Bestandteil. Wie bei der Caraka-Saṃhitā bleiben genaue Datierungen in der Forschung umstritten – vorgeschlagene Zeiträume reichen, je nach methodischem Ansatz, von vorchristlicher Zeit bis ins erste nachchristliche Jahrtausend.
Das Werk gliedert sich in sechs Bücher (sthāna) mit insgesamt einhundertsechsundachtzig Kapiteln: das Sūtrasthāna (sechsundvierzig Kapitel) mit Grundlagen, Instrumentenkunde und Diätetik; das Nidānasthāna (sechzehn Kapitel) zur Krankheitsdiagnostik; das Śārīrasthāna (zehn Kapitel) zu Anatomie und Embryologie; das Chikitsāsthāna (vierzig Kapitel) zur Behandlung einzelner Krankheiten und Wundarten; das Kalpasthāna (acht Kapitel) zur Toxikologie; sowie das später hinzugefügte Uttaratantra (sechsundsechzig Kapitel), das Augenheilkunde (Śālākya), Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kinderheilkunde (Kaumārabhṛtya), Psychiatrie/Dämonologie (Bhūtavidyā) sowie zahlreiche weitere Krankheitskapitel zusammenfasst.
Die älteste erhaltene vollständige Handschrift der Suśruta-Saṃhitā, ein Palmblattmanuskript aus der Kaiser Library in Kathmandu, wurde von ihrem Schreiber nachweislich am 13. April 878 n. Chr. fertiggestellt – ein für ein derart altes Sanskrit-Werk außergewöhnlich präzise datierbarer Fixpunkt der Überlieferungsgeschichte, auch wenn ältere, heute verlorene Textstufen naturgemäß weiter zurückreichen. Das Werk fand schon im frühen Mittelalter Eingang in andere Kulturräume: Im Bagdad des frühen 8. Jahrhunderts ließ die einflussreiche Familie der Barmakiden, die am Kalifenhof für die Übersetzung fremder Wissenschaftsliteratur ins Arabische sorgte, es unter einem arabisierten Titel übertragen; über diesen Weg erreichte sein Gedankengut, wie die Forschung zeigt, letztlich auch das mittelalterliche Europa. Auch am Hof des Khmer-Königs Yaśovarman I. (reg. um 889–900) und in der tibetischen Literatur ist das Werk bezeugt. Besondere Berühmtheit erlangte im Rückblick die Beschreibung von mehr als fünfzehn Verfahren der Nasenrekonstruktion mittels gestielter Hautlappen, unter anderem von der Wange – die früheste schriftlich überlieferte Darstellung einer plastisch-rekonstruktiven Operation überhaupt. Ob und in welchem Umfang die im Italien der Renaissance tätigen Chirurgen der Familie Branca sowie Gasparo Tagliacozzi in Bologna von dieser Technik direkt oder indirekt Kenntnis hatten, ist unter Historikern umstritten und lässt sich nicht mit letzter Sicherheit klären; die sachliche Ähnlichkeit der beschriebenen Verfahren ist jedoch bemerkenswert.
Charakteristisch für das Werk ist die enge Verzahnung von anatomischem und chirurgischem Detailwissen – gewonnen unter anderem durch das im Text selbst empfohlene Studium an in Wasser gelegten Leichen – mit der breiteren internistischen und diätetischen Theorie, die es mit der Caraka-Saṃhitā teilt. Beide Werke ergänzen einander bis heute als die beiden Säulen der klassischen ayurvedischen Textüberlieferung.
Wie die Caraka-Saṃhitā wird auch die Suśruta-Saṃhitā traditionell gemeinsam mit einem dritten großen Werk genannt, der Aṣṭāṅgahṛdaya-Saṃhitā des Vāgbhaṭa (nach überwiegender, aber nicht unumstrittener Forschungsmeinung etwa 6. bis 7. Jahrhundert n. Chr.), die ausdrücklich auf beide älteren Saṃhitās zurückgreift und ihren Stoff neu ordnet; die drei Werke gelten zusammen als die klassische Trias der grundlegenden Autoritäten des Āyurveda. Innerhalb dieser Trias behält die Suśruta-Saṃhitā bis heute ihre Sonderstellung als der Text, der die chirurgische Praxis am gründlichsten und detailliertesten behandelt.
Inhalt
- Sutrasthana46 von 46 übersetzt
- Nidanasthana16 von 16 übersetzt
- Sharirasthana10 von 10 übersetzt
- Chikitsasthana40 von 40 übersetzt
- Kalpasthana8 von 8 übersetzt
- Uttaratantra66 von 66 übersetzt