Glossar (Yogaśikhā)
Yogaśikhā-Upaniṣad · 47 Begriffe
- ādhāra
- Im engeren Sinn das Mūlādhāra, der unterste Stützpunkt zwischen After und Glied, Sitz der Kuṇḍalinī; die sechs Ādhāras (1,166; 5,3) sind die sechs Cakras. Der sechste Adhyāya preist die „Grundlage“ (Kuṇḍalinī-Śakti, 6,22–34), deren Anhalten des Windes den Yogin tanzen lässt. Grundlage, Stützpunkt
- ahaṃkāra / ahaṃkṛti
- Das Prinzip der Selbstbezogenheit, aus dem nach 1,8 der Leib entsteht und mit dessen Schwund Krankheit und Leid des Leibes vergehen (1,34–37, 1,150). Ich-Bewusstsein, Ich-Machen
- akalpita-siddhi
- Die dem Yogin von selbst zufallenden, beständigen und kraftvollen Siddhis, im Gegensatz zu den durch Elixiere, Kräuter, Riten und Mantras künstlich bewirkten (kalpita) Siddhis (1,151–160); sie sind geheim zu halten und sind bloß Wegmarken, an denen man den Vollendeten erkennt. nicht hervorgebrachte Vollkommenheit
- akṣara
- Der höchste Klang als „Wort-Brahman“ (3,2); das Brahman jenseits von Vergänglichem und Unvergänglichem heißt an-akṣara, das „Silbenlose“ (3,15–16); die Laute von a bis kṣa entstehen aus der Vaikharī (3,6). das Unvergängliche; Silbe, Laut
- apāna
- Der Wind im Unterleib, dessen Vereinigung mit dem Prāṇa durch Mūla-Bandha und Kumbhaka das Ziel des Haṭha-Yoga ist (1,56, 1,68, 1,105, 1,138); Prāṇa und Apāna werfen die Seele hin und her (6,51–53). abwärts wirkender Lebenswind
- bandha
- Die drei muskulären Verschlüsse Mūla-Bandha (Fersendruck und Zusammenziehen des Afters), Uḍḍiyāna-Bandha (Zurückziehen des Bauches am Ende des Kumbhaka) und Jālandhara-Bandha (Kehlverschluss am Ende des Einatmens), die den Wind in die Suṣumnā treiben (1,101–112; 5,37–39). Verschluss
- bhastrā
- Rasches, ungestümes Aus- und Einatmen „wie der Blasebalg des Schmieds“ bis zur Ermüdung, dann Einatmen durch die Sonne, Kehlverschluss und Ausatmen durch den Mond; erweckt die Kuṇḍalī und durchbricht die drei Knoten (1,96–100, 1,113). Blasebalg-Kumbhaka
- bhāvanā
- Das einzige Mittel, die höchste Wirklichkeit zu erreichen (3,22–25); zugleich die Vorstellung, die den Menschen in einen neuen Leib führt (3,24) und die innere Haltung (bhāva), die jede Siddhi bewirkt (5,55). Vergegenwärtigung, meditative Vorstellung
- bindu
- Der grobe Leib des Brahman als weißer Samen (5,28); in feiner Gestalt kristallklar zwischen den Brauen als Gestalt Mahāviṣṇus (5,34); Sitz der Einzelseele (6,49); mit Nāda und Citta wesensgleich (6,72–73). Durch Übung geht er nicht mehr nach unten (1,126). Tropfen; Samen; Lebenspunkt
- brahma-nāḍī
- Name der Suṣumnā (5,17) bzw. des feinen Hohlraums am Ende des Rückgrats (6,8–9); in ihn gelangt der Prāṇa durch die drei Bandhas (1,112), und er zieht die Körpersubstanzen an sich wie ein Blutegel das Blut (1,125). Brahma-Kanal
- brahma-randhra
- Die Öffnung am Scheitel, Wohnort der höchsten Śakti (6,19) und der Bewusstseinskraft (6,47); durch sie geht der Wind nach dem Durchbrechen der sechs Cakras hinaus (6,33–34). Brahma-Öffnung am Scheitel
- cakra
- Die sechs Zentren Mūlādhāra (Dreieck zwischen After und Glied), Svādhiṣṭhāna (Sechseck an der Wurzel des Gliedes), Maṇipūraka (zehnspeichig im Nabel), Anāhata (zwölfspeichig im Herzen), Viśuddha (sechzehneckig in der Kehlgrube) und Ājñā (zweiblättrig zwischen den Brauen), denen die vier Pīṭhas zugeordnet sind (1,168–175; 5,5–12). Rad; Energiezentrum
- citta
- An den Atem gebunden wie ein Vogel an die Schnur (1,59), nur durch den Prāṇa zu besiegen (1,60); Ursache der Dinge, mit dessen Schwund die Welt schwindet (6,58–59); es weilt stets dort, wo der Wind ist (6,69); mit Nāda und Bindu eins (6,72). Denken, Bewusstseinsstrom
- dvādaśānta
- Der Punkt zwölf Fingerbreit oberhalb des Scheitels (oder der Brauenmitte), Endpunkt des aufsteigenden Atems; nach 5,43 der Uḍḍyāṇa-Sitz, an dem über Nārāyaṇa in der Mondscheibe meditiert wird. „Ende der zwölf“
- granthi
- Die drei Knoten Brahma-, Viṣṇu- und Rudra-Granthi in der Suṣumnā, die die erweckte Kuṇḍalinī mit Wind und Feuer durchbricht (1,86–87, 1,113–116); ihr Durchbrechen führt über die drei Guṇas hinaus. Der „Knoten des Herzens“ (5,45; 6,40) stammt aus der Muṇḍaka-Upaniṣad. Knoten
- guru
- Ohne die Gnade des Vollendeten wird man kein Yogin (1,50); der Lehrer, dem die Bezwingung des Windes gelungen ist, ist zu dienen (1,80); er ist Brahmā, Viṣṇu und der Gott selbst (5,56–59), Steuermann über das Meer des Werdens (6,79). Lehrer
- haṃsa
- Der Atemklang ha (Ausatmen, Sonne) und sa (Einatmen, Mond), den jedes Lebewesen unaufhörlich murmelt; nach dem Wort des Lehrers in der Suṣumnā zu so 'ham umgekehrt (1,130–133; 6,53–54); der Haṃsa ist die Gestalt des höchsten Selbst im Innern aller (6,20). Gans/Schwan; der Atem; die Seele
- haṭha-yoga
- Dritte Stufe des vierfachen „großen Yoga“; ha und ṭha werden als Sonne und Mond gedeutet, deren Einheit Haṭha heißt (1,133); durch Haṭha wird die Trägheit verschlungen, und der Yogin ist „schon gestorben“ (1,45, 1,134). Yoga der Kraft; Einheit von Sonne und Mond
- jīvan-mukta
- Der Yogin, für den es nichts mehr zu tun gibt und der durch Taten nicht befleckt wird (1,47); nur wessen Leib ohne Alter und Tod ist, ist Jīvanmukta – Befreiung durch das Fallen des Leibes ist keine (1,161–164). zu Lebzeiten Befreiter
- jñāna
- Nach dem Text nur zusammen mit Yoga erlösend: Erkenntnis ohne Yoga ist bloße Mühe, Yoga ohne Erkenntnis gelingt nicht; aus dem Yoga entsteht Erkenntnis in einer einzigen Geburt (1,12–14, 1,51–53, 1,65). Erkenntnis
- kāka-mata
- Der rasche Weg dessen, der aufgrund der Übung in früheren Geburten die Frucht sogleich genießt, im Gegensatz zum langsamen „Weg des Affen“ (markaṭa-krama) über viele Leben (1,140–144); Bild aus dem Yogabīja. „Ansicht der Krähe“
- khecarī-mudrā
- Zurückwenden der Zunge in die Schädelhöhle bei Blick zwischen die Brauen; versiegelt die Öffnung über dem Zäpfchen, sodass der Nektar nicht ins Feuer fällt; befreit von Hunger, Durst, Schlaf, Trägheit und Tod (5,39–42; vgl. 2,1). „die im Raum Wandelnde“
- kumbhaka
- Der Text lehrt vier „verbundene“ (sahita) Kumbhakas – Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī, Bhastrā –, die mit den drei Bandhas zum „alleinigen“ (kevala) Kumbhaka führen, bei dem der Wind ohne Ein- und Ausatmen still steht (1,87–100, 1,120–127). Atemanhalten
- kuṇḍalinī / kuṇḍalī
- Die achtfach zusammengerollte Kraft über der Knolle bzw. im Mūlādhāra, die durch Wickeltuch, Atemanhalten, Afterkontraktion und Feuer gerade gerichtet und erweckt wird, in die Suṣumnā eintritt und die drei Knoten durchbricht (1,82–87, 1,169); Befreiung für die Yogins, Fessel für die Toren (6,55). die Zusammengerollte; Schlangenkraft
- laya-yoga
- Zweite Stufe des vierfachen Yoga: Wenn Feldkenner und höchstes Selbst eins werden, löst sich das Denken auf und der Wind kommt zur Ruhe; aus der Auflösung entsteht die Seligkeit des Selbst (1,134–136). Yoga der Auflösung
- liṅga
- Das Klang-Liṅga (nāda-liṅga) als Kennzeichen des höchsten Herrn, das in allen Wesen gegenwärtig ist (2,6–10); Bindu und Nāda als „großes Liṅga“ des Körpertempels (1,167); das „hintere Liṅga“ im Ādhāra mit seiner Türe (6,31). Zeichen; Phallus
- mantra-yoga
- Erste Stufe des vierfachen Yoga: das umgekehrte Haṃsa-Mantra so 'ham in der Suṣumnā, aus dem die Gewissheit auf dem hinteren Pfad entsteht (1,130–132). Yoga des Mantra
- mūla-mantra
- Das aus Śiva und Śakti bestehende, aus dem Mūlādhāra aufsteigende Mantra, für das Hörer und Sprecher schwer zu finden sind; Wurzel aller Mantras, zugleich Liṅga, Sūtra und Pīṭha genannt (2,4–13). Wurzel-Mantra
- nāda
- Der unangeschlagene Klang, aus dem Sprache, Veden und Töne hervorgehen (3,2–8); im Klang ist das Licht, im Licht das Denkorgan (6,21); höher als der Nāda ist kein Mantra (2,20); sein Nachforschen tilgt die Prägungen (6,71). Der feine Leib des Brahman ist Nāda (2,15). innerer Klang
- nāḍī
- Die 72.000 Kanäle des Körpers (6,14, 6,17) mit den Hauptkanälen Iḍā, Piṅgalā und Suṣumnā; der fünfte Adhyāya beschreibt ein „Rad der Kanäle“ mit Vilambinī, Gāndhārī, Hastijihvā, Pūṣā, Alambusā, Śūrā, Viśvodarī, Sarasvatī, Rākā, Śaṅkhinī, Kuhū, Vāruṇī und Citrā/Sīvinī (5,17–27). Kanal, Ader
- paścima-mārga
- Die Suṣumnā entlang des Rückgrats als Weg des Windes und der Erlösung; „hinteres Tor“ (1,121–122, 1,142, 1,145) und „hinterer Teil des Ādhāra“, wo die drei Ströme zusammenfließen (6,30–33). „westlicher“, hinterer Weg
- pīṭha
- Die vier großen Śākta-Heiligtümer Kāmarūpa (Mūlādhāra), Pūrṇagiri (Herz), Jālandhara (Kehle) und Uḍyāṇa (über der Brauenmitte), in den Körper verlegt (1,167–175; 5,8–12); im zweiten Adhyāya der Sitz des Klang-Liṅga bzw. des Bindu (2,6, 2,12–13). heiliger Sitz
- prāṇa
- Seine Bezwingung (prāṇa-jaya) ist das einzige Mittel, das Denken zu besiegen, und ohne die Methode der Siddhas nicht möglich (1,60–66); mit dem Apāna vereint bewirkt er die Einheit von Sonne und Mond (1,56). Lebensatem; aufwärts wirkender Hauptwind
- rāja-yoga
- Vierte Stufe des vierfachen Yoga, im Text esoterisch aus der Vereinigung von Rajas (rotem Frauensamen) und Retas (Samen) erklärt; führt zu Aṇimā und den übrigen Siddhis (1,136–138). königlicher Yoga
- śakti-cālana
- Die Erweckung der Kuṇḍalinī durch festes Anhalten des Atems, Zusammenziehen des Afters und das Wickeltuch von einer Spanne Länge und vier Fingerbreit Breite (1,81–84); Parallele in Haṭhapradīpikā 3,104–120. Rütteln der Śakti
- samarasa
- Der Zustand, in dem Mond und Sonne in der Suṣumnā aufgegangen sind und der Mond unaufhörlich Nektar regnet (1,146; 6,36–37); wer ihn kennt, ist ein Yoga-Kenner. Gleichgestimmtheit
- siddhi
- Sowohl das Gelingen des Yoga („Weg der Siddhi“, 1,4) als auch die Vollkommenheiten wie Aṇimā, Fernhören, Fernsehen, Eingehen in fremde Körper, Gehen durch die Luft (5,46–55); zweifach als künstlich hervorgebracht und natürlich (1,151–160); auf sie soll das Denken nicht gerichtet werden (5,62). Vollendung; übernatürliche Vollkommenheit
- śūnya / ākāśa
- Der Leib des Yogin wird wie der Raum und reiner als der Raum (1,42, 1,57); der Elementkreis des Raumes ist rund mit Sadāśiva bzw. Nārāyaṇa als Gottheit (1,178; 5,15); im „höchsten Raum“ schwinden die Werke (6,40). Leere, Raum
- sūryabheda
- Einatmen durch den Sonnenkanal (Piṅgalā), Anhalten, Ausatmen durch den Mondkanal (Iḍā); heilt Bauchkrankheiten und Würmer (1,91–92). Sonnendurchbruch-Kumbhaka
- suṣumnā
- Der zwölf Fingerbreit lange mittlere Kanal, „Diamantrohr“ mit den einundzwanzig Perlen der Wirbel (1,118–119), Brahma-Nāḍī und Śāmbhavī-Śakti (6,18), in dem das All enthalten ist (6,10–13); der sechste Adhyāya preist sie als höchsten Wallfahrtsort, höchstes Japa, höchste Meditation und höchstes Ziel (6,41–46). mittlerer Hauptkanal
- śītalī
- Einatmen durch den Mund, Ausatmen durch die Nase; vertreibt Galle, Hunger und Durst (1,95–96). kühlendes Kumbhaka
- ujjāyī
- Einatmen durch beide Nasenlöcher, Halten im Bauch, Ausatmen durch die Iḍā; im Gehen und Stehen ausführbar; vertreibt Schleim, mehrt das Körperfeuer (1,93–95). „siegreiches“ Kumbhaka
- unmanī
- Der Zustand, in dem das Denkorgan über sich hinausgeht und weder Verdienst noch Sünde bleiben (6,61, 6,63); als Manonmanī Name der Śakti in der Anrufung 6,3. Über-Denken, Zustand jenseits des Denkens
- vāk (parā, paśyantī, madhyamā, vaikharī)
- Die Rede entfaltet sich aus der Bindu-Śakti im Mūlādhāra (parā) über die „Schauende“ (paśyantī), die „Mittlere“ im Herzen (madhyamā) zur „Ausgesprochenen“ (vaikharī), aus der Laute, Wörter, Sätze und alle Schriften hervorgehen (3,2–10); die Rede ist die Göttin Sarasvatī. die vier Stufen der Rede
- vāsanā
- Die aus früheren Erfahrungen zurückbleibenden Neigungen, die den Wissenden ohne Yoga dem Weltmenschen gleichmachen (1,23), einen neuen Leib bestimmen (1,141) und durch Nachforschen nach dem Klang schwinden (6,71); die natürlichen Siddhis entstehen bei den von Vāsanās Freien (1,155). latente Prägung
- yoga
- Definiert als Zusammenführung der Gegensatzpaare – Apāna und Prāṇa, Rajas und Retas, Sonne und Mond, Einzelseele und höchstes Selbst (1,68–69); der eine „große Yoga“ in den vier Stufen Mantra, Laya, Haṭha, Rāja (1,129–138); nichts steht über dem Yoga (1,67). Vereinigung; Übungsweg
- yoga-śikhā
- Titel des Textes; die „höchste unter allen Erkenntnissen“, die Śiva zu verkünden verspricht (1,69), und das „große Geheimnis“, dessen Kenner in den drei Welten nichts unbekannt bleibt (5,60). Krone, Spitze des Yoga