Dhyānabindu-Upaniṣad
Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, Vers für Vers mit Wort-für-Wort-Analyse, Vorwort, Einführung, Abschnitts-Einordnungen und Glossar.
Upaniṣaden · 5 Abschnitte · 108 Verse
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Vorwort
Diese Ausgabe legt die Dhyānabindu-Upaniṣad („Upaniṣad vom Tropfen der Meditation“) zweisprachig vor: den Sanskrit-Text in lateinischer Umschrift (IAST) neben einer durchgehenden deutschen Übersetzung, Vers für Vers, ergänzt um eine Wort-für-Wort-Analyse jedes Verses. Grundlage ist der von Sunder Hattangadi transliterierte und korrekturgelesene elektronische Text von sanskritdocuments.org (Fassung vom Februar 2000, Satz vom April 2025), der die verbreitete Textform der 108 Upaniṣaden der Muktikā-Liste (Nr. 39, Kṛṣṇa-Yajurveda) wiedergibt. Die deutsche Übersetzung wurde eigenständig und unmittelbar aus dem Sanskrit erarbeitet; zur Bedeutungsprüfung der zahlreichen Parallelverse wurden das Gorakṣaśataka, die Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad und die Haṭhapradīpikā herangezogen, die in dieser Bibliothek ebenfalls vorliegen, ferner die Yogatattva- und die Yogaśikhā-Upaniṣad.
Die Vorlage zählt 105 Verse; die Zählung wurde unverändert übernommen, obwohl sie uneben ist: Die Verse 68 und 92 sind nur Halbverse, die Verse 69 und 93 sind lange Strophen im Śārdūlavikrīḍita-Metrum, Vers 24 steht im Upajāti-Metrum, und Vers 94 umfasst einen mehrseitigen Prosaabschnitt mit abschließendem Śloka, Vers 95 eine Prosaeinleitung mit Versen. Der vorangestellte Segensvers und die Friedensformel, die in der Vorlage zwischen Segensvers und Vers 1 steht, sind ohne Nummer aufgenommen. Offensichtliche Fehler des elektronischen Textes wurden berichtigt und in der Anmerkung zum jeweiligen Vers ausgewiesen – etwa chidraṃ für siddhaṃ (43), añjapatram für abjapatram (33), yathaivatpalanālena für yathaivotpalanālena (38), amapātam für apānam (69), mudrasti für mudrāsti (82), ubhayaoḥ für ubhayoḥ (89) und mehrere Sandhi- und Endungsfehler; wo ein Wort der Parallelen abweicht, aber sachlich zwingend ist (adho statt atho, 50; kaṇṭha statt karṇa, 78), wurde dies ebenfalls dokumentiert. Zwei wirklich verderbte oder dunkle Stellen (der Schlussvers von 94 und jyotsninādam in 105) sind mit [?] bzw. einer eingeklammerten Anmerkung versehen, statt eine scheinbar sichere Lesart vorzuspiegeln; grammatisch unebene Halbverse (48, 73, 98) sind sinngemäß übersetzt und als solche gekennzeichnet.
Der Text ist für diese Ausgabe in fünf thematische Abschnitte gegliedert (Meditation, Selbst und Praṇava – Herzlotos-Meditation – Yoga-Glieder, Cakras, Nāḍīs, Winde und Ajapā – Kuṇḍalinī, Bandhas, Khecarī, Bindu und Mahāmudrā – Bestimmung des Selbst, Keimsilben und Nāda). Diese Gliederung ist ein Hilfsmittel der Ausgabe und findet sich nicht in der Überlieferung, in der die Upaniṣad ein durchlaufender Text ist; die Verszählung läuft entsprechend über die Abschnitte hinweg durch. Die Anmerkungen weisen zu jedem Vers die Parallelen im Gorakṣaśataka (Zählung der Lonavla-Ausgabe), in der Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad und in der Haṭhapradīpikā nach; eine Einordnung je Abschnitt und ein Glossar der Fachbegriffe ergänzen den Text.
Einführung
Die Dhyānabindu-Upaniṣad gehört zur Gruppe der zwanzig „Yoga-Upaniṣaden“, jener Texte, die in der südindischen Sammlung der 108 Upaniṣaden (Muktikā-Kanon) den Yoga in die Form und Autorität der Upaniṣaden kleiden. Sie steht dort an 39. Stelle und wird dem Kṛṣṇa-Yajurveda zugeordnet, worauf auch ihre Friedensformel (saha nāv avatu) weist; im Kommentar des Upaniṣad-Brahmayogin (18. Jh.), aus dessen Tradition der vorangestellte Segensvers stammt, ist sie mit den anderen Yoga-Upaniṣaden überliefert. Der Name („Tropfen“ oder „Punkt der Meditation“) stellt sie neben die Amṛtabindu-, Nādabindu- und Tejobindu-Upaniṣad, mit denen sie die Vorliebe für die Praṇava- und Klanglehre teilt.
Der Text ist in zwei Schichten gewachsen. Eine kurze Fassung von rund zwanzig Versen – Lob der Meditation, Gleichnisse für das Selbst, Lehre vom Oṃ, Zitate aus Muṇḍaka- und Śvetāśvatara-Upaniṣad – gehört zu den älteren Yoga-Upaniṣaden und dürfte in die Zeit vor dem Haṭha-Yoga zurückreichen; in dieser kurzen Gestalt (23 Verse) hat Paul Deussen den Text 1897 in seinen „Sechzig Upanishad's des Veda“ übersetzt. Die lange südindische Fassung, die hier übersetzt ist, hat diesen Kern um die Herzlotos-Meditation, um ein umfangreiches Stück der Gorakṣa-Überlieferung (Verse 41–93, fast durchweg parallel zu Gorakṣaśataka und Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad), um den Prosaabschnitt zur „Bestimmung des Selbst“ und um Verse zur Keimsilben- und Nāda-Lehre erweitert. Diese Erweiterung setzt die Haṭhapradīpikā des Svātmārāma (15. Jh.) voraus, deren Verse sie teils wörtlich aufnimmt; die Zusammenstellung der Yoga-Upaniṣaden in ihrer heutigen Gestalt wird meist ins 17.–18. Jahrhundert datiert.
Inhaltlich ist die Dhyānabindu ein Kompendium: Vedāntische Lehre vom Selbst, das wie Öl im Sesam alle Wesen durchdringt, verbindet sich mit der Meditation des Oṃ, dessen drei Laute Welten, Veden und Götter in sich fassen; die Visualisierung Viṣṇus, Brahmās und Śivas an Nabel, Herz und Stirn wird an die drei Atemphasen gebunden; die subtile Physiologie des Haṭha-Yoga – Cakras, Kanäle, Lebenswinde, Kuṇḍalinī, die drei Bandhas, Khecarī, der weiße und der rote Bindu, Mahāmudrā – wird in der Fassung der Nātha-Tradition gelehrt; und die Bestimmung des Selbst führt über Schlaf, Traum und Tiefschlaf zum vierten Zustand und darüber hinaus. Ziel ist die Schau des eigenen Selbst als Puruṣa, „wie die Sonne am Himmel“, im inneren Klang und Licht, mit der das Alleinsein (kaivalya) erlangt wird.
Für Leser dieser Bibliothek ist die Dhyānabindu vor allem als Vergleichstext aufschlussreich. Wer die Verse 41–93 neben dem Gorakṣaśataka und der Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad liest, sieht, wie derselbe Versbestand in drei Redaktionen wandert: Die Dhyānabindu kürzt (die Endpunkte der zehn Kanäle, die Funktionen der Nebenwinde und die Beschreibung der Kuṇḍalinī fehlen), verschiebt Halbverse und lässt gelegentlich nur elliptische Konglomerate stehen. Die Bandha-, Khecarī- und Bindu-Verse kehren in der Haṭhapradīpikā (Kapitel 3) wörtlich wieder, die Mahāmudrā-Strophe steht in allen vier Texten. Die Śivasaṃhitā teilt mit ihr die vier bevorzugten Sitzhaltungen und die Nāḍī-Lehre. Eigenständig ist die Dhyānabindu in ihrer Herzlotos-Meditation und im Prosaabschnitt zur Bestimmung des Selbst, die den Haṭha-Stoff in eine vaiṣṇavisch-vedāntische Meditationslehre einbetten.
Inhalt
- 1dhyāna-yogaḥ, ātmā, praṇavaḥDer Yoga der Meditation, das Selbst und der Praṇava (Verse 1–25)27 Verse
- 2hṛt-padma-dhyānam, amṛta-sthānamDie Meditation im Herzlotos: Viṣṇu, Brahmā, Śiva; die Stätte des Nektars (Verse 26–40)15 Verse
- 3yogāṅgāni, cakrāṇi, nāḍyaḥ, vāyavaḥ, ajapā-gāyatrīDie Glieder des Yoga, Cakras, Kanäle, Lebenswinde und die Ajapā-Gāyatrī (Verse 41–65)25 Verse
- 4kuṇḍalinī, bandhāḥ, khecarī, binduḥ, mahā-mudrāKuṇḍalinī, die Bandhas, Khecarī, Bindu und Mahāmudrā (Verse 66–93)28 Verse
- 5ātma-nirṇayaḥ, bhūta-bījāni, nādaḥDie Bestimmung des Selbst, die Keimsilben der Elemente und der innere Klang; Schluss (Verse 94–105)13 Verse