Abschnitt 3: yogāṅgāni, cakrāṇi, nāḍyaḥ, vāyavaḥ, ajapā-gāyatrī
Die Glieder des Yoga, Cakras, Kanäle, Lebenswinde und die Ajapā-Gāyatrī (Verse 41–65)
Mit Vers 41 beginnt der lange, der Gorakṣa-Überlieferung entnommene Teil des Textes, der bis Vers 93 fast Vers für Vers dem Gorakṣaśataka und der Yogacūḍāmaṇi-Upaniṣad entspricht. Gelehrt wird der sechsgliedrige Yoga der Nātha-Tradition (Āsana, Prāṇa-Zügelung, Pratyāhāra, Dhāraṇā, Dhyāna, Samādhi), von den unzähligen Sitzhaltungen werden Siddha-, Bhadra-, Siṃha- und Padmāsana hervorgehoben. Es folgt die Cakra-Lehre: das Ādhāra mit der Yoni Kāmākhyā und dem goldglänzenden Liṅga, das Svādhiṣṭhāna als „Stütze des Prāṇa“, das Maṇipūraka im Nabel und das zwölfspeichige Herzcakra, in dem die Seele nach Maßgabe ihrer Taten kreist. Aus der eiförmigen Knolle (kanda) entspringen 72.000 Kanäle, von denen zehn mit Namen genannt werden; Iḍā, Piṅgalā und Suṣumnā sind die drei Wege des Atems, Mond, Sonne und Feuer ihre Gottheiten. Die zehn Lebenswinde werden aufgezählt, und in den Bildern von Ball und Vogel an der Schnur wird geschildert, wie die Seele von Prāṇa und Apāna hin- und hergezogen wird. Der Abschnitt gipfelt in der Ajapā-Gāyatrī: Der Atem selbst murmelt 21.600-mal in Tag und Nacht das Mantra haṃsa – das höchste Wissen, das den Yogins Erlösung verleiht.
Sitzhaltung (āsana), Zügelung des Atems (prāṇa-saṃrodha), Zurückziehen der Sinne (pratyāhāra), Sammlung (dhāraṇā), Meditation (dhyāna) und Versenkung (samādhi) – dies sind die sechs Glieder des Yoga.
Wort für Wort
āsanam
Sitzhaltung (Nom.Sg.)
prāṇa-saṃrodhaḥ
Zügelung, Hemmung des Atems (Nom.Sg.)
pratyāhāraḥ ca
und Zurückziehen [der Sinne] (Nom.Sg.)
dhāraṇā
Sammlung, Fixierung (Nom.Sg.)
dhyānam
Meditation (Nom.Sg.)
samādhiḥ
Versenkung (Nom.Sg.)
etāni
diese (Nom.Pl.n.)
yoga-aṅgāni
Glieder des Yoga (Nom.Pl.)
bhavanti ṣaṭ
sind sechs (3.Pl.Präs.)
Wortgleich Yogacūḍāmaṇi 2; Gorakṣaśataka 4 (dort prāṇa-saṃyāmaḥ). Mit diesem Vers beginnt der lange, der Gorakṣa-Überlieferung entnommene Teil des Textes (Verse 41–93). Der sechsgliedrige Yoga ohne Yama und Niyama ist das Kennzeichen der Nātha-Tradition.
Siddha[-āsana], Bhadra[-āsana], ebenso Siṃha[-āsana] und Padma[-āsana] – das sind die vier [wichtigsten Sitze]. Das Ādhāra ist das erste Cakra, das Svādhiṣṭhāna das zweite.
Wort für Wort
siddham
der Siddha[-Sitz] (Nom./Akk.Sg.n.)
bhadram
der Bhadra[-Sitz], „der glückliche“ (Nom.Sg.n.)
tathā siṃham
ebenso der Siṃha[-Sitz], „Löwensitz“ (Nom.Sg.n.)
padmam ca iti
und der Lotossitz – so (Nom.Sg.n.)
catuṣṭayam
die Vierheit (Nom.Sg.)
ādhāram
das Ādhāra, die Stütze (Nom.Sg.)
prathamam cakram
das erste Cakra (Nom.Sg.)
svādhiṣṭhānam
das Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
dvitīyakam
das zweite (Nom.Sg.)
Vorlage: chidraṃ („Loch“), sinnlos; nach Haṭhapradīpikā 1,34 (siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ veti catuṣṭayam) zu siddhaṃ berichtigt – dieselben vier Sitze auch in der Śivasaṃhitā 3. Zweiter Halbvers = Gorakṣaśataka 10a, Yogacūḍāmaṇi 6b.
Zwischen diesen beiden liegt der Ort der Yoni; er wird Kāmarūpa genannt. Der vierblättrige Lotos, der sich an der Stelle des Afters befindet und Ādhāra heißt –
Wort für Wort
yoni-sthānam
der Ort der Yoni (Nom.Sg.)
tayoḥ madhye
in der Mitte der beiden (Gen.Du.; Lok.Sg.)
kāma-rūpam
Kāmarūpa, „Liebesgestalt“ (Nom.Sg.)
nigadyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
ādhāra-ākhye
Ādhāra genannt (Lok.Sg.)
guda-sthāne
an der Stelle des Afters (Lok.Sg.)
paṅkajam yat
der Lotos, welcher (Nom.Sg.)
catur-dalam
vierblättrig (Nom.Sg.)
= Gorakṣaśataka 10b–11a; Yogacūḍāmaṇi 7. Kāmarūpa und Kāmākhyā (Vers 45) sind zugleich Namen des berühmten Śakti-Heiligtums in Assam; die heilige Geographie wird in den Körper verlegt.
– in dessen Mitte, so heißt es, ist die Yoni namens Kāmākhyā, von den Siddhas verehrt; und inmitten der Yoni steht das Liṅga, nach hinten (Westen) gewandt.
mastake maṇivad bhinnaṃ yo jānāti sa yoga-vit | tapta-cāmīkarākāraṃ taḍil-lekheva visphurat ||46||
Wer [das Liṅga] kennt, das an seinem Kopf gespalten ist wie ein [durchbohrtes] Juwel, der ist ein Kenner des Yoga; [es hat] die Gestalt geschmolzenen Goldes und blitzt auf wie ein Blitzstrahl.
Wort für Wort
mastake
am Kopf, an der Spitze (Lok.Sg.)
maṇi-vat
wie ein Juwel
bhinnam
gespalten, durchbohrt (Akk.Sg.)
yaḥ jānāti
wer kennt (3.Sg.Präs.)
saḥ yoga-vit
der ist Yoga-Kenner (Nom.Sg.)
tapta-cāmīkara-ākāram
von der Gestalt geschmolzenen Goldes (Akk.Sg.)
taḍit-lekhā iva
wie ein Blitzstrahl
visphurat
aufblitzend (Akk.Sg.n.)
= Gorakṣaśataka 12b–13a; vgl. Yogacūḍāmaṇi 9 (dort auf die Scheibe im Nabel bezogen). „Am Kopf gespalten wie ein Juwel“: wie eine durchbohrte Perle, durch die der Faden – die Suṣumnā – läuft.
Viereckig, oberhalb des Feuers, unterhalb des Gliedes ist [das Ādhāra] gegründet. Mit dem Wort sva ist der Lebensatem (prāṇa) gemeint; das Svādhiṣṭhāna ist dessen Stütze (adhiṣṭhāna).
Wort für Wort
catur-asram
viereckig (Nom.Sg.n.)
upari agneḥ
oberhalb des Feuers (Abl.Sg.)
adhaḥ meḍhrāt
unterhalb des Gliedes (Abl.Sg.)
pratiṣṭhitam
gegründet, gelegen (Nom.Sg.n.)
sva-śabdena
mit dem Wort „sva“ (Instr.Sg.)
bhavet prāṇaḥ
ist [gemeint] der Prāṇa (3.Sg.Opt.)
svādhiṣṭhānam
das Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
tat-āśrayam
dessen Stütze, Sitz (Nom.Sg.n.)
Erster Halbvers nach Gorakṣaśataka 13b (dort caturasraṃ puraṃ vahner adho-meḍhram, „die viereckige Stadt des Feuers unterhalb des Gliedes“); die Lesart upary agneḥ („oberhalb des Feuers“) ist eine Umbildung. Zweiter Halbvers = Gorakṣaśataka 14a, Yogacūḍāmaṇi 11b: volksetymologische Erklärung des Namens Svādhiṣṭhāna als „Stütze des sva (= Prāṇa)“.
Daher wird das Cakra Svādhiṣṭhāna eben [nach] dem Glied benannt. [Dort ist die Knolle,] wo der Leib vom Wind erfüllt wird wie das Juwel [durchzogen] vom Faden.
Wort für Wort
svādhiṣṭhānam
das Svādhiṣṭhāna (Nom.Sg.)
tataḥ
daher
cakram
das Cakra (Nom.Sg.)
meḍhram eva
eben [nach] dem Glied (Nom.Sg.)
nigadyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
maṇi-vat
wie ein Juwel
tantunā
vom Faden (Instr.Sg.)
yatra
wo
vāyunā
vom Wind (Instr.Sg.)
pūritam vapuḥ
der erfüllte Leib (Nom.Sg.n.)
Verkürzte und gestörte Fassung von Gorakṣaśataka 14b–15a (svādhiṣṭhānākhyayā tasmān meḍhram evābhidhīyate | tantunā maṇivat proto yatra kandaḥ suṣumṇayā) und Yogacūḍāmaṇi 12; dort gilt das Bild vom Faden im Juwel der Suṣumnā, die die Knolle (kanda) durchzieht. Der zweite Halbvers ist hier nur sinngemäß übersetzbar.
Das Cakra in der Nabelregion wird Maṇipūraka genannt. Im großen Cakra mit den zwölf Speichen, gelenkt von Verdienst und Schuld (puṇya-pāpa),
Wort für Wort
tat-nābhi-maṇḍalam
[das in] dieser Nabelregion (Nom.Sg.n.)
cakram
das Cakra (Nom.Sg.)
procyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
maṇipūrakam
Maṇipūraka, „Juwelenfülle“ (Nom.Sg.)
dvādaśa-ara-mahā-cakre
im großen zwölfspeichigen Cakra (Lok.Sg.)
puṇya-pāpa-niyantritaḥ
von Verdienst und Schuld gelenkt (Nom.Sg.)
= Gorakṣaśataka 15b; Yogacūḍāmaṇi 13 (dort puṇya-pāpa-vivarjite „frei von Verdienst und Schuld“). Das zwölfspeichige Cakra ist der Herzlotos (Anāhata), in dem die Seele nach Maßgabe ihrer Taten kreist.
tāvaj jīvo bhramaty evaṃ yāvat tattvaṃ na vindati | ūrdhvaṃ meḍhrād adho nābheḥ kando yo 'sti khagāṇḍavat ||50||
irrt die Seele (jīva) so lange umher, wie sie die Wahrheit (tattva) nicht findet. Oberhalb des Gliedes und unterhalb des Nabels liegt die Knolle (kanda), die wie ein Vogelei [geformt] ist.
Wort für Wort
tāvat
so lange
jīvaḥ
die Seele (Nom.Sg.)
bhramati evam
irrt so umher (3.Sg.Präs.)
yāvat
solange wie
tattvam
die Wahrheit, das Wesen (Akk.Sg.)
na vindati
nicht findet (3.Sg.Präs.)
ūrdhvam meḍhrāt
oberhalb des Gliedes (Abl.Sg.)
adhaḥ nābheḥ
unterhalb des Nabels (Abl.Sg.)
kandaḥ yaḥ asti
die Knolle, die ist (Nom.Sg.)
khaga-aṇḍa-vat
wie ein Vogelei
Vorlage: atho nābheḥ („und des Nabels“); nach Yogacūḍāmaṇi 14 und Gorakṣaśataka 16 zu adho nābheḥ („unterhalb des Nabels“) berichtigt, da die Knolle zwischen Glied und Nabel liegt.
Dort entspringen die Kanäle (nāḍī), zweiundsiebzigtausend an der Zahl. Unter diesen Tausenden von Kanälen werden zweiundsiebzig [als die wichtigsten] genannt.
Wort für Wort
tatra
dort
nāḍyaḥ
die Kanäle (Nom.Pl.)
samutpannāḥ
entsprungen (Nom.Pl.)
sahasrāṇi dvi-saptatiḥ
zweiundsiebzig Tausende, d.h. 72.000 (Nom.)
teṣu nāḍī-sahasreṣu
unter diesen Tausenden von Kanälen (Lok.Pl.)
dvi-saptatiḥ
zweiundsiebzig (Nom.Sg.)
udāhṛtāḥ
genannt, angeführt (Nom.Pl.)
= Gorakṣaśataka 16b–17a; Yogacūḍāmaṇi 15. udāhṛtāḥ (Plural) neben dvi-saptatiḥ (Singular) wie im Gorakṣaśataka.
Gāndhārī, Hastijihvā, Pūṣā, Yaśasvinī, Alambusā, Kuhū – und als zehnte wird hier die Śaṅkhinī genannt.
Wort für Wort
gāndhārī
Gāndhārī (Nom.Sg.)
hasti-jihvā ca
und Hastijihvā, „Elefantenzunge“ (Nom.Sg.)
pūṣā ca eva
und Pūṣā (Nom.Sg.)
yaśasvinī
Yaśasvinī (Nom.Sg.)
alambusā
Alambusā (Nom.Sg.)
kuhūḥ atra
Kuhū hier (Nom.Sg.)
śaṅkhinī
Śaṅkhinī, „die Muschelartige“ (Nom.Sg.)
daśamī smṛtā
wird als zehnte überliefert (Nom.Sg.f.)
Vorlage: yaśasvini; zu yaśasvinī berichtigt. = Gorakṣaśataka 18b–19a; Yogacūḍāmaṇi 17. Anders als dort (Gorakṣaśataka 20–22, Yogacūḍāmaṇi 19–20) nennt die Dhyānabindu die Endpunkte der zehn Kanäle nicht.
So ist dieses aus Kanälen bestehende Rad vom Yogin stets zu erkennen. Beständig führen sie den Lebensatem; ihre Gottheiten sind Mond, Sonne und Feuer.
Wort für Wort
evam
so
nāḍī-mayam cakram
das aus Kanälen bestehende Rad (Nom.Sg.)
vijñeyam
ist zu erkennen (Gerundiv)
yoginā sadā
vom Yogin stets (Instr.Sg.)
satatam
beständig
prāṇa-vāhinyaḥ
den Lebensatem führend (Nom.Pl.f.)
soma-sūrya-agni-devatāḥ
mit Mond, Sonne und Feuer als Gottheiten (Nom.Pl.)
= Gorakṣaśataka 19b und 23a; Yogacūḍāmaṇi 18a und 22a. Vorlage: soma sūryāgni- (Worttrennung); zu soma-sūryāgni- berichtigt. Mond, Sonne und Feuer sind die Gottheiten von Iḍā, Piṅgalā und Suṣumnā.
suṣumnā madhya-deśe tu prāṇa-mārgās trayaḥ smṛtāḥ | prāṇo 'pānaḥ samānaś codāno vyānas tathaiva ca ||56||
Die Suṣumnā aber [verläuft] in der Mitte; [dies sind] nach der Überlieferung die drei Wege des Lebensatems. Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna und ebenso Vyāna,
Wort für Wort
suṣumnā
Suṣumnā (Nom.Sg.)
madhya-deśe tu
in der mittleren Region aber (Lok.Sg.)
prāṇa-mārgāḥ trayaḥ
die drei Wege des Lebensatems (Nom.Pl.)
smṛtāḥ
überliefert (Nom.Pl.)
prāṇaḥ
Prāṇa (Nom.Sg.)
apānaḥ
Apāna (Nom.Sg.)
samānaḥ ca
und Samāna (Nom.Sg.)
udānaḥ
Udāna (Nom.Sg.)
vyānaḥ tathā eva ca
und ebenso Vyāna (Nom.Sg.)
= Gorakṣaśataka 20b und 24a; Yogacūḍāmaṇi 19a und 22b.
Nāga, Kūrma, Kṛkaraka, Devadatta und Dhanañjaya: Die fünf mit Prāṇa beginnenden sind [als Hauptwinde] berühmt, die fünf mit Nāga beginnenden [sind die Neben-]Winde.
Wort für Wort
nāgaḥ
Nāga, „Schlange“ (Nom.Sg.)
kūrmaḥ
Kūrma, „Schildkröte“ (Nom.Sg.)
kṛkarakaḥ
Kṛkaraka (Nom.Sg.)
devadattaḥ
Devadatta (Nom.Sg.)
dhanañjayaḥ
Dhanañjaya (Nom.Sg.)
prāṇa-ādyāḥ pañca
die fünf mit Prāṇa beginnenden (Nom.Pl.)
vikhyātāḥ
berühmt (Nom.Pl.)
nāga-ādyāḥ pañca
die fünf mit Nāga beginnenden (Nom.Pl.)
vāyavaḥ
die Winde (Nom.Pl.)
= Gorakṣaśataka 24b–25a; vgl. Yogacūḍāmaṇi 23–26, wo Sitze und Funktionen der zehn Winde ausgeführt werden. Kṛkaraka ist die metrisch erweiterte Form von Kṛkara.
Diese [Winde] weilen in den Tausenden von Kanälen in der Gestalt des Lebens (jīva). Unter der Gewalt von Prāṇa und Apāna läuft die Seele nach unten und nach oben,
Wort für Wort
ete
diese (Nom.Pl.)
nāḍī-sahasreṣu
in den Tausenden von Kanälen (Lok.Pl.)
vartante
weilen, bewegen sich (3.Pl.Präs.Med.)
jīva-rūpiṇaḥ
in Gestalt des Lebens (Nom.Pl.)
prāṇa-apāna-vaśaḥ
in der Gewalt von Prāṇa und Apāna (Nom.Sg.)
jīvaḥ hi
die Seele fürwahr (Nom.Sg.)
adhaḥ ca ūrdhvam
nach unten und nach oben
pradhāvati
läuft (3.Sg.Präs.)
= Gorakṣaśataka 25b–26a; Yogacūḍāmaṇi 26b und 28a.
prāṇāpāna-samākṣiptas tadvaj jīvo na viśramet | apānāt karṣati prāṇo 'pānaḥ prāṇāc ca karṣati ||60||
so kommt die Seele, von Prāṇa und Apāna hin und her geworfen, nicht zur Ruhe. Der Prāṇa zieht [sie] vom Apāna weg, und der Apāna zieht [sie] vom Prāṇa weg.
Wort für Wort
prāṇa-apāna-samākṣiptaḥ
von Prāṇa und Apāna hin und her geschleudert (Nom.Sg.)
tadvat
so, ebenso
jīvaḥ na viśramet
die Seele kommt nicht zur Ruhe (3.Sg.Opt.)
apānāt
vom Apāna [weg] (Abl.Sg.)
karṣati prāṇaḥ
zieht der Prāṇa (3.Sg.Präs.)
apānaḥ prāṇāt ca karṣati
und der Apāna zieht vom Prāṇa [weg] (Abl.Sg.)
= Gorakṣaśataka 27b und 29a; Yogacūḍāmaṇi 27b und 30b (dort mit Akkusativ: „der Apāna zieht den Prāṇa“). Die Ablative der Vorlage ergeben das Bild des Tauziehens um die Seele.
khaga-rajjuvad ity etad yo jānāti sa yoga-vit | ha-kāreṇa bahir yāti sa-kāreṇa viśet punaḥ ||61||
„Wie ein Vogel an der Schnur“ – wer dies [Verhältnis] kennt, ist ein Kenner des Yoga. Mit dem Laut ha geht [der Atem] hinaus, mit dem Laut sa tritt er wieder ein.
Wort für Wort
khaga-rajju-vat
wie ein Vogel an der Schnur
iti etat
dies – so (Akk.Sg.n.)
yaḥ jānāti
wer kennt (3.Sg.Präs.)
saḥ yoga-vit
der ist Yoga-Kenner (Nom.Sg.)
ha-kāreṇa
mit dem Laut ha (Instr.Sg.)
bahiḥ yāti
geht hinaus (3.Sg.Präs.)
sa-kāreṇa
mit dem Laut sa (Instr.Sg.)
viśet punaḥ
tritt wieder ein (3.Sg.Opt.)
Verkürzung des Gleichnisses vom Falken an der Schnur (Gorakṣaśataka 28, Yogacūḍāmaṇi 29); zweiter Halbvers = Yogacūḍāmaṇi 31b. Die Laute ha und sa bilden das Atem-Mantra haṃsa der folgenden Verse.
Dieses Mantra in dieser Zahl murmelt die Seele beständig. Es ist die Gāyatrī namens Ajapā („die Ungemurmelte“), die den Yogins stets die Erlösung verleiht.
Wort für Wort
etat-saṅkhyā-anvitam
mit dieser Zahl versehen (Akk.Sg.)
mantram
Mantra (Akk.Sg.)
jīvaḥ japati sarvadā
die Seele murmelt beständig (3.Sg.Präs.)
ajapā nāma
mit Namen Ajapā, „ungemurmelt“
gāyatrī
Gāyatrī (Nom.Sg.)
yoginām
den Yogins (Gen.Pl.)
mokṣa-dā sadā
stets Erlösung gebend (Nom.Sg.f.)
Vorlage: etansaṅkhyānvitaṃ; zu etat-saṅkhyānvitaṃ berichtigt. = Yogacūḍāmaṇi 33.
anayā sadṛśaṃ puṇyaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati | yena mārgeṇa gantavyaṃ brahma-sthānaṃ nirāmayam ||65||
ein Verdienst wie dieses hat es nie gegeben und wird es nie geben. Der Weg, auf dem man zur leidlosen Stätte des Brahman gehen muss –
Wort für Wort
anayā sadṛśam puṇyam
ein Verdienst gleich diesem (Nom.Sg.n.)
na bhūtam
ist nicht gewesen
na bhaviṣyati
wird nicht sein (3.Sg.Fut.)
yena mārgeṇa
auf welchem Weg (Instr.Sg.)
gantavyam
zu gehen ist (Gerundiv)
brahma-sthānam
zur Stätte des Brahman (Nom.Sg.)
nirāmayam
leidlos, heil (Nom.Sg.n.)
Erster Halbvers = Yogacūḍāmaṇi 35a (dort jñānaṃ); der zweite entspricht Yogacūḍāmaṇi 37b (brahma-dvāram anāmayam). Die Dhyānabindu überspringt die Beschreibung der Kuṇḍalinī (Yogacūḍāmaṇi 36–37a) und setzt unvermittelt mit deren Schlaf ein; das Relativum yena mārgeṇa wird durch tad dvāram in Vers 66 aufgenommen.