Abschnitt 1: dhyāna-yogaḥ, ātmā, praṇavaḥ
Der Yoga der Meditation, das Selbst und der Praṇava (Verse 1–25)
Nach dem Segensvers und der Friedensformel des Kṛṣṇa-Yajurveda eröffnet der Text mit dem Lob der Meditation (dhyāna), die selbst bergegroße Schuld zerbricht, und mit einer knappen Lehre vom Klang: Keimsilbe, Bindu und Nāda führen zur lautlosen höchsten Stätte, und die Seele ist feiner als jeder Bruchteil einer Haarspitze. Die Verse 5–8 veranschaulichen mit den klassischen Gleichnissen von Duft, Butter, Öl und Gold die verborgene Allgegenwart des Selbst in allen Wesen und im Leib. Der Hauptteil des Abschnitts (Verse 9–25) ist eine Lehre vom Oṃ: Die drei Laute a, u, m nehmen Welten, Elemente, Veden, heilige Ausrufungen und die Götter Brahmā, Viṣṇu und Śiva in sich auf, tragen Farben und Guṇas, und mit der halben More verleiht der Praṇava die Erlösung. Muṇḍaka-Upaniṣad (Bogen und Pfeil) und Śvetāśvatara-Upaniṣad (die Reibhölzer) werden wörtlich zitiert. Praktische Anweisungen – die Meditation des daumengroßen Oṃ als Herrn im Herzlotos, die Einatmung durch die Iḍā, die Zuordnung der Atemphasen zu den drei Göttern, die Sammlung bis zur Auflösung im Klang – verbinden die vedāntische Lehre mit der Praxis der Yogins. Der Abschnitt schließt mit der Schau des Oṃ als Haṃsa im Innern aller Wesen und der Auflösung des Geistes als „höchster Stätte Viṣṇus“.
dhyātvā yad brahma-mātraṃ te svāvaśeṣa-dhiyā yayuḥ | yoga-tattva-jñāna-phalaṃ tat sva-mātraṃ vicintaye ||
Das reine Brahman (brahma-mātra), über das jene [Weisen] meditierten und [in das sie] mit einem Geist, in dem allein das Selbst übrig blieb, eingingen – jenes reine Eigene (sva-mātra), die Frucht der Erkenntnis der Yoga-Wahrheit, bedenke ich.
Wort für Wort
dhyātvā
meditiert habend (Absol.)
yat
welches (Akk.Sg.n., Relativpron.)
brahma-mātram
das reine Brahman, das bloße Brahman (Akk.Sg.)
te
jene (Nom.Pl.)
sva-avaśeṣa-dhiyā
mit einem Geist, in dem [nur] das Selbst übrig ist (Instr.Sg.)
yayuḥ
sie gingen [ein] (3.Pl.Perf.)
yoga-tattva-jñāna-phalam
die Frucht der Erkenntnis der Yoga-Wahrheit (Akk.Sg.)
tat
jenes (Akk.Sg.n.)
sva-mātram
das reine Eigene/Selbst (Akk.Sg.)
vicintaye
ich bedenke, meditiere (1.Sg.Präs.Med.)
Vorangestellter Segensvers (maṅgala) der Textüberlieferung, nicht Teil der Verszählung. Er stammt aus der Tradition des Kommentators Upaniṣad-Brahmayogin (18. Jh.), in dessen Ausgabe jeder Upaniṣad ein solcher Vers vorangeht; „Yoga-Wahrheit“ (yoga-tattva) spielt auf den Inhalt der Yoga-Upaniṣaden an, sva-mātra („das bloße Eigene“) meint das Brahman als reines Selbst.
oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu mā vidviṣāvahai | oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ ||
Oṃ. Möge er uns beide beschützen; möge er uns beide nähren; mögen wir beide mit Kraft wirken; möge unser Lernen glanzvoll sein; mögen wir einander nicht hassen. Oṃ, Friede, Friede, Friede.
Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
möge er schützen (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
möge er nähren, erfreuen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Tatkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
glanzvoll, kraftvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
unser beider Lernen, Studium (Nom.Sg.n.)
astu
es sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
mögen wir beide nicht hassen (1.Du.Inj.Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (Taittirīya-Upaniṣad 2,1; Kaṭha-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit des Textes zum Schwarzen Yajurveda. In der Vorlage steht sie zwischen dem Segensvers und Vers 1.
Selbst wenn die Sünde einem Berge gleicht, viele Wegmaße (yojana) weit ausgedehnt – durch den Yoga der Meditation (dhyāna-yoga) wird sie zerbrochen; ein anderes Zerbrechen gibt es niemals.
Wort für Wort
yadi
wenn, selbst wenn
śaila-samam
einem Berg gleich (Nom.Sg.n.)
pāpam
die Sünde, das Übel (Nom.Sg.)
vistīrṇam
ausgedehnt (Nom.Sg.n.)
bahu-yojanam
viele Yojanas [weit] (Nom.Sg.n.)
bhidyate
wird zerbrochen, gespalten (3.Sg.Pass.)
dhyāna-yogena
durch den Yoga der Meditation (Instr.Sg.)
na anyaḥ bhedaḥ
kein anderes Zerbrechen (Nom.Sg.)
kadācana
jemals
Programmatischer Eingangsvers: Die Meditation (dhyāna), die dem Text den Namen gibt, ist das einzige Mittel zur Tilgung selbst bergegroßer Schuld. Ein Yojana ist ein altindisches Wegmaß von etwa zwölf bis fünfzehn Kilometern. In der Vorlage geht dem Vers die Friedensformel unmittelbar voraus.
Die Keimsilbe (bīja-akṣara) [ist] der höchste Bindu (Punkt); der Klang (nāda) steht über ihm. Das Lauthafte [gehört noch zur Silbe]; ist aber die Silbe geschwunden, [bleibt] die lautlose höchste Stätte.
Wort für Wort
bīja-akṣaram
die Keimsilbe (Akk./Nom.Sg.n.)
param bindum
den höchsten Bindu, Punkt/Tropfen (Akk.Sg.)
nādaḥ
der Klang (Nom.Sg.)
tasya upari
über ihm (Gen.Sg. + Adv.)
sthitam
stehend, befindlich (Nom.Sg.n.)
sa-śabdam ca
und das mit Laut Versehene (Nom.Sg.n.)
akṣare kṣīṇe
wenn die Silbe geschwunden ist (Lok.abs.)
niḥśabdam
lautlos (Nom.Sg.n.)
paramam padam
die höchste Stätte (Nom.Sg.)
Vorlage: nādo tasyopari; zu nādas tasyopari berichtigt (Sandhi). Die Stufenfolge Silbe – Bindu – Nāda – lautloses Höchstes entspricht der Praṇava-Lehre der Nāda-Texte (vgl. Nādabindu-Upaniṣad; Haṭhapradīpikā 4, Nādānusandhāna) und wird in Vers 37 (bindu-nāda-kalātītam) wieder aufgenommen. Die Akkusative des ersten Halbverses stehen syntaktisch lose.
anāhataṃ tu yac chabdaṃ tasya śabdasya yat param | tat paraṃ vindate yas tu sa yogī chinna-saṃśayaḥ ||3||
Der unangeschlagene Klang (anāhata-śabda) aber – und das, was jenseits dieses Klanges liegt: Wer dieses Jenseitige findet, der Yogin ist von Zweifeln befreit.
Wort für Wort
anāhatam tu
der unangeschlagene aber (Nom./Akk.Sg.n.)
yat śabdam
welcher Klang (Nom.Sg.n.)
tasya śabdasya
dieses Klanges (Gen.Sg.)
yat param
was das Höhere, Jenseitige [ist] (Nom.Sg.n.)
tat param
jenes Höhere (Akk.Sg.)
vindate
findet (3.Sg.Präs.Med.)
yaḥ tu
wer aber
saḥ yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
chinna-saṃśayaḥ
dessen Zweifel abgeschnitten sind (Nom.Sg.)
Vgl. Yogaśikhā-Upaniṣad 6,21 (anāhatasya śabdasya …) und Haṭhapradīpikā 4,101 (das Jenseits des Klanges). anāhata: der ohne Anschlag zweier Körper von selbst tönende innere Klang. śabdam steht hier in neutraler Form neben dem Maskulinum śabdasya.
[Man denke] ein Hunderttausendstel einer Haarspitze; von einem Teil davon [wieder] einen Teil, und von diesem Teil die Hälfte eines Teils – [so fein ist die Seele]; wenn auch das schwindet, [bleibt] das Makellose (nirañjana).
Wort für Wort
vāla-agra-śata-sāhasram
ein Hunderttausendstel einer Haarspitze (Nom.Sg.n.)
tasya bhāgasya
von diesem Teil (Gen.Sg.)
bhāginaḥ
des Teilhabenden, [ein Teil] (Gen.Sg.)
tasya bhāgasya
von diesem Teil (Gen.Sg.)
bhāga-ardham
die Hälfte eines Teils (Nom.Sg.)
tat-kṣaye tu
bei dessen Schwinden aber (Lok.Sg.)
nirañjanam
das Makellose, Unbefleckte (Nom.Sg.)
Vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 5,9, wo die Seele als hundertster Teil des hundertsten Teils einer Haarspitze beschrieben wird; der Text steigert die Verkleinerung, um das Feinste noch zu überschreiten: Im Schwinden auch dieser Größe erscheint das makellose Brahman. Der Vers ist stark elliptisch, die Ergänzungen folgen der Parallele.
Wie der Duft in der Blüte, wie die Butter in der Milch, wie das Öl im Sesamkorn, wie das Gold im Gestein –
Wort für Wort
puṣpa-madhye
inmitten der Blüte (Lok.Sg.)
yathā
wie
gandhaḥ
der Duft (Nom.Sg.)
payaḥ-madhye
in der Milch (Lok.Sg.)
ghṛtam
die Butter, das Ghee (Nom.Sg.)
tila-madhye
im Sesam (Lok.Sg.)
tailam
das Öl (Nom.Sg.)
pāṣāṇeṣu iva
wie in den Steinen (Lok.Pl.)
kāñcanam
das Gold (Nom.Sg.)
Vorlage: pāṣāṇāṣviva; zu pāṣāṇeṣv iva berichtigt (so auch die Parallele Yogatattva-Upaniṣad 136–137). Die vier Gleichnisse für die verborgene Allgegenwart des Selbst sind ein Gemeinplatz der Upaniṣaden (vgl. Śvetāśvatara 1,15–16).
– so [ruhen] alle Wesen im Selbst (ātman) wie der Faden in der Perle. Wer festen Verstandes und unverwirrt ist, der Kenner des Brahman, steht im Brahman.
Wort für Wort
evam
so
sarvāṇi bhūtāni
alle Wesen (Nom.Pl.)
maṇau
in der Perle, im Juwel (Lok.Sg.)
sūtram iva
wie der Faden (Nom.Sg.)
ātmani
im Selbst (Lok.Sg.)
sthira-buddhiḥ
von festem Verstand (Nom.Sg.)
asaṃmūḍhaḥ
unverwirrt (Nom.Sg.)
brahma-vit
der Brahman-Kenner (Nom.Sg.)
brahmaṇi sthitaḥ
im Brahman stehend (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
Umkehrung des bekannten Bildes von Bhagavadgītā 7,7 (die Perlen auf dem Faden): Hier ruht der Faden in der Perle, das heißt die Wesen im Selbst.
Den Baum erkenne man als das Teilhafte (sakala), sein Schatten aber ist das Teillose (niṣkala); im teilhaften wie im teillosen Sein ist das Selbst überall gegenwärtig.
Wort für Wort
vṛkṣam tu
den Baum aber (Akk.Sg.)
sakalam
als teilhaft, mit Teilen (Akk.Sg.)
vidyāt
man erkenne (3.Sg.Opt.)
chāyā
der Schatten (Nom.Sg.)
tasya eva
eben dessen (Gen.Sg.)
niṣkalā
teillos (Nom.Sg.f.)
sakale niṣkale bhāve
im teilhaften [und] im teillosen Sein (Lok.Sg.)
sarvatra
überall
ātmā
das Selbst (Nom.Sg.)
vyavasthitaḥ
gegenwärtig, festgestellt (Nom.Sg.)
sakala/niṣkala („mit Teilen/ohne Teile“) sind Grundbegriffe der śivaitischen Theologie für das Höchste in gestalthafter und gestaltloser Form; Baum und Schatten veranschaulichen ihr Verhältnis.
om ity ekākṣaraṃ brahma dhyeyaṃ sarva-mumukṣubhiḥ | pṛthivy agniś ca ṛg-vedo bhūr ity eva pitāmahaḥ ||9||
Oṃ – das einsilbige Brahman – ist von allen, die Erlösung begehren, zu meditieren. Erde, Feuer, Ṛgveda, [die Ausrufung] bhūḥ und der Urahn (Brahmā) –
Wort für Wort
om iti
„oṃ“ – so
eka-akṣaram brahma
das einsilbige Brahman (Nom.Sg.)
dhyeyam
zu meditieren (Gerundiv)
sarva-mumukṣubhiḥ
von allen Erlösungsuchenden (Instr.Pl.)
pṛthivī
die Erde (Nom.Sg.)
agniḥ ca
und das Feuer (Nom.Sg.)
ṛg-vedaḥ
der Ṛgveda (Nom.Sg.)
bhūḥ iti eva
eben [die Ausrufung] „bhūḥ“
pitāmahaḥ
der Urahn, Brahmā (Nom.Sg.)
Vorlage: mumukṣibhiḥ; zu mumukṣubhiḥ berichtigt. Die Verse 9–13 verteilen Welten, Elemente, Veden, heilige Ausrufungen (vyāhṛti) und Götter auf die drei Laute a, u, m des Oṃ; dieselbe Systematik in Yogatattva-Upaniṣad 134–135 und Yogacūḍāmaṇi 74–76. Der Hiat ca ṛg-vedo ist metrisch bedingt.
– [all dies] geht im Laut m auf, dem dritten Teil des Praṇava. Der Laut a ist von gelber Farbe und wird als [Träger der] Eigenschaft Rajas (rajo-guṇa) bezeichnet;
Wort für Wort
ma-kāre tu
im Laut m aber (Lok.Sg.)
layam prāpte
wenn die Auflösung erreicht ist (Lok.abs.)
tṛtīye praṇava-aṃśake
im dritten Teil des Praṇava (Lok.Sg.)
a-kāraḥ
der Laut a (Nom.Sg.)
pīta-varṇaḥ syāt
ist von gelber Farbe (3.Sg.Opt.)
rajaḥ-guṇaḥ
die Eigenschaft Rajas (Nom.Sg.)
udīritaḥ
genannt, ausgesprochen (Nom.Sg.)
In Yogacūḍāmaṇi 75 ist der Laut a rot (rakta), hier gelb (pīta); die Zuordnung zu Rajas ist dieselbe.
der Laut u ist von Sattva und weiß, der Laut m schwarz und von Tamas. [Der Praṇava] hat acht Glieder, vier Füße, drei Stätten und fünf Gottheiten.
Wort für Wort
u-kāraḥ
der Laut u (Nom.Sg.)
sāttvikaḥ
sattva-haft (Nom.Sg.)
śuklaḥ
weiß (Nom.Sg.)
ma-kāraḥ
der Laut m (Nom.Sg.)
kṛṣṇa-tāmasaḥ
schwarz und tamas-haft (Nom.Sg.)
aṣṭa-aṅgam ca
und achtgliedrig (Nom.Sg.n.)
catuḥ-pādam
vierfüßig (Nom.Sg.n.)
tri-sthānam
mit drei Stätten (Nom.Sg.n.)
pañca-daivatam
mit fünf Gottheiten (Nom.Sg.n.)
Die acht Glieder, vier Füße (die vier Bewusstseinszustände bzw. die drei Moren und die halbe More, vgl. Māṇḍūkya-Upaniṣad), drei Stätten und fünf Gottheiten des Oṃ werden hier nicht ausgeführt; vgl. Vers 36 und Yogatattva-Upaniṣad 134–135.
oṅkāraṃ yo na jānāti brāhmaṇo na bhavet tu saḥ | praṇavo dhanuḥ śaro hy ātmā brahma tal lakṣyam ucyate ||14||
Wer den Oṃkāra nicht kennt, der ist kein [wahrer] Brahmane. Der Praṇava ist der Bogen, das Selbst (ātman) der Pfeil, das Brahman wird sein Ziel genannt.
Wort für Wort
oṅkāram
den Oṃkāra (Akk.Sg.)
yaḥ na jānāti
wer nicht kennt (3.Sg.Präs.)
brāhmaṇaḥ
Brahmane (Nom.Sg.)
na bhavet tu saḥ
der ist nicht (3.Sg.Opt.)
praṇavaḥ dhanuḥ
der Praṇava [ist] der Bogen (Nom.Sg.)
śaraḥ hi ātmā
der Pfeil fürwahr [ist] das Selbst (Nom.Sg.)
brahma
das Brahman (Nom.Sg.)
tat lakṣyam
dessen Ziel (Nom.Sg.n.)
ucyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
Vorlage: brahmaṇo („des Brahman“), was keinen Satz ergibt; zu brāhmaṇo („Brahmane“) berichtigt. Der zweite Halbvers zitiert Muṇḍaka-Upaniṣad 2,2,4 (praṇavo dhanuḥ śaro hy ātmā brahma tal lakṣyam ucyate), ebenso der folgende Vers.
Von einem Unabgelenkten ist es zu durchbohren; wie der Pfeil [im Ziel] soll er ganz darin aufgehen. Alle Werke hören auf, wenn jenes [Brahman] geschaut ist, das Hohe und das Niedere [umfasst].
Wort für Wort
apramattena
von einem Unabgelenkten, Achtsamen (Instr.Sg.)
veddhavyam
ist zu durchbohren (Gerundiv)
śara-vat
wie der Pfeil
tat-mayaḥ
aus jenem bestehend, ganz darin aufgehend (Nom.Sg.)
bhavet
soll werden (3.Sg.Opt.)
nivartante
hören auf, kehren um (3.Pl.Präs.Med.)
kriyāḥ sarvāḥ
alle Werke, Handlungen (Nom.Pl.)
tasmin dṛṣṭe
wenn jenes geschaut ist (Lok.abs.)
para-avare
dem Hohen und Niederen (Lok.Sg.)
Erster Halbvers = Muṇḍaka-Upaniṣad 2,2,4; der zweite lehnt sich an Muṇḍaka 2,2,8 (tasmin dṛṣṭe parāvare) an. Vgl. Yogacūḍāmaṇi 11 und 113.
Aus dem Oṃkāra entspringen die Götter, aus dem Oṃkāra entspringen die Töne; aus dem Oṃkāra entspringt die ganze Dreiwelt mit allem, was sich regt und nicht regt.
Kurz [gesprochen] verbrennt er die Sünden, lang [gesprochen] verleiht er Wohlstand und ist unvergänglich; mit der halben More (ardha-mātrā) verbunden, verleiht der Praṇava die Erlösung.
Wort für Wort
hrasvaḥ
kurz [gesprochen] (Nom.Sg.)
dahati
verbrennt (3.Sg.Präs.)
pāpāni
die Sünden (Akk.Pl.)
dīrghaḥ
lang [gesprochen] (Nom.Sg.)
sampat-pradaḥ
Wohlstand gebend (Nom.Sg.)
avyayaḥ
unvergänglich (Nom.Sg.)
ardha-mātrā-samāyuktaḥ
mit der halben More verbunden (Nom.Sg.)
praṇavaḥ
der Praṇava (Nom.Sg.)
mokṣa-dāyakaḥ
Erlösung verleihend (Nom.Sg.)
Die „halbe More“ ist der nach den drei Lauten a, u, m verklingende, nicht mehr artikulierte Nachhall des Oṃ, in der Māṇḍūkya-Tradition dem vierten Zustand (turīya) zugeordnet; vgl. Yogatattva-Upaniṣad 135 und die Verse 36 und 39.
taila-dhārām ivācchinnaṃ dīrgha-ghaṇṭā-ninādavat | avācyaṃ praṇavasyāgraṃ yas taṃ veda sa veda-vit ||18||
Ununterbrochen wie ein Ölstrahl, wie der lange Nachhall einer Glocke, unaussprechlich ist die Spitze des Praṇava; wer sie kennt, ist ein Kenner des Veda.
Wort für Wort
taila-dhārām iva
wie einen Ölstrahl (Akk.Sg.)
acchinnam
ununterbrochen (Nom.Sg.n.)
dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat
wie der lange Nachhall einer Glocke
avācyam
unaussprechlich (Nom.Sg.n.)
praṇavasya agram
die Spitze des Praṇava (Nom.Sg.)
yaḥ tam veda
wer sie kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner (Nom.Sg.)
= Yogacūḍāmaṇi 80–81 (zusammengezogen); vgl. Vers 37. Das Bild des Ölstrahls für den ununterbrochenen inneren Klang ist in der Nāda-Literatur verbreitet (vgl. Haṭhapradīpikā 4, Nādānusandhāna).
In der Mitte des Fruchtbodens (karṇikā) des Herzlotos meditiere man den Oṃkāra als den Herrn (īśvara), von der Gestalt einer ruhig brennenden Lampe, daumengroß, unbeweglich.
Wort für Wort
hṛt-padma-karṇikā-madhye
in der Mitte des Fruchtbodens des Herzlotos (Lok.Sg.)
sthira-dīpa-nibha-ākṛtim
von der Gestalt einer ruhigen Lampe (Akk.Sg.)
aṅguṣṭha-mātram
daumengroß (Akk.Sg.)
acalam
unbeweglich (Akk.Sg.)
dhyāyet
man meditiere (3.Sg.Opt.)
oṅkāram
den Oṃkāra (Akk.Sg.)
īśvaram
den Herrn (Akk.Sg.)
Der daumengroße Puruṣa im Herzen: Kaṭha-Upaniṣad 2,1,12–13; Śvetāśvatara 3,13. Die ruhige Lampenflamme als Bild des gesammelten Geistes: Bhagavadgītā 6,19.
Nachdem man durch die Iḍā den Wind eingesogen und [ihn] im Bauch angefüllt hat, meditiere man den Oṃkāra in der Mitte des Leibes, umgeben von einem Kranz von Flammen.
Wort für Wort
iḍayā
durch die Iḍā (Instr.Sg.)
vāyum āpūrya
den Wind eingesogen habend (Absol.)
pūrayitvā
gefüllt habend (Absol.)
udara-sthitam
im Bauch befindlich (Akk.Sg.)
oṅkāram
den Oṃkāra (Akk.Sg.)
deha-madhya-stham
in der Mitte des Leibes befindlich (Akk.Sg.)
dhyāyet
man meditiere (3.Sg.Opt.)
jvālā-āvalī-vṛtam
von einer Flammenreihe umgeben (Akk.Sg.)
Vorlage: āpurya, jvālavalīvṛtam; zu āpūrya und jvālāvalī-vṛtam (jvālā-āvalī „Flammenreihe“) berichtigt. Die Iḍā ist der linke Kanal; die Einatmung durch das linke Nasenloch entspricht der Praxis von Yogacūḍāmaṇi 95.
Die Einatmung (pūraka) wird Brahmā genannt, das Anhalten (kumbhaka) heißt Viṣṇu, die Ausatmung (recaka) wird Rudra genannt – [dies sind] die Gottheiten der Atemzügelung (prāṇāyāma).
Wort für Wort
brahmā
Brahmā (Nom.Sg.)
pūrakaḥ iti uktaḥ
wird „Einatmung“ genannt (Nom.Sg.)
viṣṇuḥ
Viṣṇu (Nom.Sg.)
kumbhakaḥ ucyate
wird „Anhalten“ genannt (3.Sg.Pass.)
recaḥ
die Ausatmung (Nom.Sg.)
rudraḥ iti proktaḥ
wird „Rudra“ genannt (Nom.Sg.)
prāṇāyāmasya
des Prāṇāyāma (Gen.Sg.)
devatāḥ
die Gottheiten (Nom.Pl.)
In den Versen 30–32 wird die Zuordnung abgewandelt: Dort wird mit der Einatmung Viṣṇu, mit dem Anhalten Brahmā, mit der Ausatmung Śiva meditiert. Dieselbe Dreiergruppe der Atemphasen in Yogacūḍāmaṇi 101 und Gorakṣaśataka 47.
Indem man das Selbst zum [unteren] Reibholz (araṇi) und den Praṇava zum oberen Reibholz macht, schaue man allein durch die Übung des Quirlens in der Meditation [den Gott] wie das verborgene [Feuer im Holz].
Wort für Wort
ātmānam
das Selbst (Akk.Sg.)
araṇim kṛtvā
zum Reibholz gemacht habend (Absol.)
praṇavam ca
und den Praṇava (Akk.Sg.)
uttara-araṇim
zum oberen Reibholz (Akk.Sg.)
dhyāna-nirmathana-abhyāsāt
durch die Übung des Quirlens in der Meditation (Abl.Sg.)
eva
allein, eben
paśyet
man schaue (3.Sg.Opt.)
nigūḍha-vat
wie das Verborgene
= Śvetāśvatara-Upaniṣad 1,14 (auch Kaivalya-Upaniṣad 11), wo der zweite Halbvers „devaṃ paśyen nigūḍhavat“ lautet („man schaue den Gott wie den Verborgenen“). Die Vorlage liest abhyāsād eva („allein durch die Übung“); die Lesart ist sinnvoll und wurde beibehalten, das Objekt „den Gott“ ist aus der Parallele ergänzt. Das Bild: Wie das Feuer durch Quirlen zweier Hölzer aus ihnen hervorgeholt wird, so das Göttliche durch die Meditation.
Mit dem Tönen des Klanges des Oṃkāra [sammle man sich] bis zum Einziehen des Windes; solange die Kraft reicht, sammle man sich recht, bis hin zur Auflösung im Klang (nāda-laya).
gamāgama-sthaṃ gamanādi-śūnyam oṅkāram ekaṃ ravi-koṭi-dīptim | paśyanti ye sarva-janāntara-sthaṃ haṃsātmakaṃ te virajā bhavanti ||24||
Die den einen Oṃkāra schauen, der im Kommen und Gehen [des Atems] weilt und doch frei von Gehen und dergleichen ist, der leuchtet wie zehn Millionen Sonnen, der im Innern aller Wesen weilt und dessen Wesen der Haṃsa ist – die werden frei von Staub (rajas: Leidenschaft).
Wort für Wort
gama-āgama-stham
im Gehen und Kommen befindlich (Akk.Sg.)
gamana-ādi-śūnyam
leer von Gehen und dergleichen (Akk.Sg.)
oṅkāram ekam
den einen Oṃkāra (Akk.Sg.)
ravi-koṭi-dīptim
mit dem Glanz von zehn Millionen Sonnen (Akk.Sg.)
paśyanti ye
welche schauen (3.Pl.Präs.)
sarva-jana-antara-stham
im Innern aller Wesen befindlich (Akk.Sg.)
haṃsa-ātmakam
dessen Wesen der Haṃsa ist (Akk.Sg.)
te
die (Nom.Pl.)
virajāḥ bhavanti
werden staublos, leidenschaftslos (3.Pl.Präs.)
Vers im Upajāti-Metrum (elfsilbige Zeilen). Nahezu wortgleich Yogaśikhā-Upaniṣad 6,20 (dort als Verehrungsformel: namāmi haṃsaṃ paramātma-rūpam). haṃsa: der Atem als Mantra „haṃ-sa“ und zugleich das höchste Selbst (vgl. Verse 61–63).
yan manas tri-jagat-sṛṣṭi-sthiti-vyasana-karma-kṛt | tan mano vilayaṃ yāti tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ||25||
Der Geist (manas), der die Werke der Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung der drei Welten vollbringt – wenn dieser Geist zur Auflösung gelangt, das ist die höchste Stätte Viṣṇus.
Wort für Wort
yat manaḥ
welcher Geist (Nom.Sg.n.)
tri-jagat-sṛṣṭi-sthiti-vyasana-karma-kṛt
die Werke der Schöpfung, Erhaltung und Vernichtung der drei Welten vollbringend (Nom.Sg.)
tat manaḥ
dieser Geist (Nom.Sg.)
vilayam yāti
gelangt zur Auflösung (3.Sg.Präs.)
tat
das (Nom.Sg.n.)
viṣṇoḥ paramam padam
die höchste Stätte Viṣṇus (Nom.Sg.)
Zweiter Halbvers = Yogaśikhā-Upaniṣad 6,21. „Viṣṇus höchste Stätte“ (viṣṇoḥ paramaṃ padam) ist eine vedische Wendung (Ṛgveda 1,22,20; Kaṭha-Upaniṣad 3,9).