Abschnitt 4: kuṇḍalinī, bandhāḥ, khecarī, binduḥ, mahā-mudrā
Kuṇḍalinī, die Bandhas, Khecarī, Bindu und Mahāmudrā (Verse 66–93)
Die „höchste Herrin“ Kuṇḍalinī schläft mit ihrem Mund vor dem Tor zur Stätte des Brahman; erweckt durch Feuer, Geist und Wind steigt sie wie eine Nadel mit dem Faden durch die Suṣumnā empor, und der Yogin bricht mit ihr wie mit einem Schlüssel das Tor der Erlösung auf. Vers 69 beschreibt die dazugehörige Technik im Śārdūlavikrīḍita-Metrum (Lotossitz, Kinnverschluss, wiederholtes Hochtreiben des Apāna), die Verse 70–72 die Lebensordnung des Yogins: Einreiben mit Schweiß, Verzicht auf Scharfes, Saures und Salziges, Milchkost, Keuschheit und Maßhalten. Dann folgen die Verschlusstechniken und Siegel: Mūla-Bandha (Fersendruck, Hochziehen des Apāna, Verjüngung), Uḍḍiyāṇa-Bandha (Zurückziehen des Bauches, „Löwe gegen den Elefanten Tod“), Jālandhara-Bandha (Kehlverschluss, der den herabfließenden Nektar vor dem Feuer bewahrt) und die Khecarī-Mudrā mit ihren Verheißungen. Daran schließt die Bindu-Lehre: Der Bindu ist zweifach, weiß (śukra, Mond, Śiva) und rot (rajas, Sonne, Śakti); solange er im Körper bleibt, gibt es keine Todesfurcht, und aus der Vereinigung beider im samarasa entsteht der göttliche Leib. Den Abschluss bildet die Mahāmudrā, wieder in einem Śārdūlavikrīḍita-Vers, der wörtlich im Gorakṣaśataka und in der Haṭhapradīpikā wiederkehrt. Auffällig sind die Halbverse 68 und 92, die die Vorlage als eigene Verse zählt, und die verkürzte Fassung mancher Parallelverse.
mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī | prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha ||66||
– dessen Tor verdeckt die höchste Herrin (parameśvarī, die Kuṇḍalinī) mit ihrem Mund, indem sie schläft. Erweckt durch die Verbindung mit dem Feuer, [zusammen] mit dem Geist (manas) und dem Wind (marut),
Wort für Wort
mukhena ācchādya
mit dem Mund verdeckend (Absol.)
tat dvāram
jenes Tor (Akk.Sg.)
prasuptā
eingeschlafen (Nom.Sg.f.)
parama-īśvarī
die höchste Herrin (Nom.Sg.)
prabuddhā
erwacht (Nom.Sg.f.)
vahni-yogena
durch Verbindung mit dem Feuer (Instr.Sg.)
manasā
mit dem Geist (Instr.Sg.)
marutā saha
zusammen mit dem Wind (Instr.Sg.)
= Yogacūḍāmaṇi 38; Gorakṣaśataka 30b–31a. Die „höchste Herrin“ ist die Kuṇḍalinī, die den unteren Eingang der Suṣumnā (das Brahma-Tor) verschließt.
nimmt sie wie eine Nadel den Faden auf und steigt durch die Suṣumnā empor. Wie man mit einem Schlüssel eine Tür mit Gewalt (haṭhāt) aufschließt,
Wort für Wort
sūci-vat
wie eine Nadel
guṇam ādāya
den Faden aufnehmend (Absol.)
vrajati ūrdhvam
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
suṣumnayā
durch die Suṣumnā (Instr.Sg.)
udghāṭayet
man öffne (3.Sg.Opt.Kaus.)
kapāṭam tu
die Tür aber (Akk.Sg.)
yathā kuñcikayā
wie mit einem Schlüssel (Instr.Sg.)
haṭhāt
mit Gewalt (Abl.Sg.)
= Yogacūḍāmaṇi 39a–b (dort gātram ādāya „den Leib zusammennehmend“); Gorakṣaśataka 31b (prajīva-guṇam ādāya). guṇa „Faden“ setzt das Nadelbild fort: Die Kuṇḍalinī zieht den Lebensfaden wie eine Nadel durch die Suṣumnā. haṭhāt „mit Gewalt“ klingt an den Namen Haṭha-Yoga an.
Man lege die Hände schalenförmig ineinander, nehme sodann sehr fest den Lotossitz ein, drücke das Kinn fest an die Brust, [richte] im Geist die Meditation auf jenes [Wirken der Śakti] und treibe wieder und wieder den Apāna-Wind nach oben; indem er den eingesogenen Lebensatem [dann] entlässt, gelangt der Mensch durch die Macht der Śakti zu unvergleichlichem Erwachen.
Wort für Wort
kṛtvā sampuṭitau karau
die Hände schalenförmig zusammengelegt habend (Absol.; Akk.Du.)
dṛḍhataram
sehr fest
baddhvā atha padmāsanam
sodann den Lotossitz gebunden habend (Absol.)
gāḍham
fest
vakṣasi sannidhāya cubukam
das Kinn an die Brust gelegt habend (Absol.)
dhyānam ca tat cetasi
und die Meditation auf jenes im Geist (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
vāram vāram
wieder und wieder
apānam ūrdhvam anilam
den Apāna-Wind nach oben (Akk.Sg.)
proccārayan
hinauftreibend (Nom.Sg. Part.Kaus.)
pūritam prāṇam muñcan
den eingefüllten Atem entlassend (Nom.Sg. Part.)
upaiti bodham atulam
gelangt zu unvergleichlichem Erwachen (3.Sg.Präs.)
śakti-prabhāvāt
durch die Macht der Śakti (Abl.Sg.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
Vers im Śārdūlavikrīḍita-Metrum. Vorlage: badhvātha, amapātam; zu baddhvātha und apānam berichtigt (nach Yogacūḍāmaṇi 40, mit dem der Vers bis auf tac cetasi statt tac ceṣṭitam übereinstimmt). Inhaltlich die Śakticālana-Technik; vgl. Haṭhapradīpikā 3,104–120.
padmāsana-sthito yogī nāḍī-dvāreṣu pūrayan | mārutaṃ kumbhayan yas tu sa mukto nātra saṃśayaḥ ||70||
Der Yogin, der im Lotossitz sitzt, den Wind durch die Öffnungen der Kanäle einfüllt und ihn anhält (kumbhaka) – der ist befreit, daran ist kein Zweifel.
Wort für Wort
padmāsana-sthitaḥ
im Lotossitz befindlich (Nom.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
nāḍī-dvāreṣu
in den Öffnungen der Kanäle (Lok.Pl.)
pūrayan
einfüllend (Nom.Sg. Part.Kaus.)
mārutam
den Wind (Akk.Sg.)
kumbhayan
anhaltend (Nom.Sg. Part.)
yaḥ tu
wer aber
saḥ muktaḥ
der ist befreit (Nom.Sg.)
na atra saṃśayaḥ
hierüber kein Zweifel (Nom.Sg.)
= Haṭhapradīpikā 1,49 (padmāsane sthito yogī nāḍī-dvāreṇa pūritam | mārutaṃ dhārayed yas tu sa mukto nātra saṃśayaḥ).
Er reibe die Glieder mit dem durch die Anstrengung entstandenen Schweiß ein; wer Scharfes, Saures und Salziges meidet und dem Trinken von Milch zugetan ist, wird glücklich.
Wort für Wort
aṅgānām mardanam kṛtvā
das Reiben der Glieder ausgeführt habend (Absol.)
śrama-jātena vāriṇā
mit dem durch Anstrengung entstandenen Wasser, d.h. Schweiß (Instr.Sg.)
Ein Yogin, der keusch lebt, maßvoll isst (mitāhāra) und ganz dem Yoga hingegeben ist, wird nach Ablauf eines Jahres vollendet (siddha) – darüber ist kein Zweifel angebracht.
kandordhva-kuṇḍalī-śaktiḥ sa yogī siddhi-bhājanam | apāna-prāṇayor aikyaṃ kṣayān mūtra-purīṣayoḥ ||73||
[Wer] die Kuṇḍalī-Śakti oberhalb der Knolle (kanda) [kennt], der Yogin ist ein Gefäß der Vollendung (siddhi). [Durch beständigen Wurzelverschluss entsteht] die Einheit von Apāna und Prāṇa, Harn und Kot nehmen ab,
Wort für Wort
kanda-ūrdhva-kuṇḍalī-śaktiḥ
die Kuṇḍalī-Śakti oberhalb der Knolle (Nom.Sg.)
saḥ yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
siddhi-bhājanam
Gefäß der Vollendung (Nom.Sg.)
apāna-prāṇayoḥ aikyam
Einheit von Apāna und Prāṇa (Nom.Sg.)
kṣayāt
durch Abnahme (Abl.Sg.)
mūtra-purīṣayoḥ
von Harn und Kot (Gen.Du.)
Der erste Halbvers ist ein elliptisches Konglomerat aus Yogacūḍāmaṇi 44a (kandordhve kuṇḍalī-śaktir) und Yogacūḍāmaṇi 45b bzw. Gorakṣaśataka 32b (sa yogī siddhi-bhājanam); ein Prädikat („kennt“) fehlt und ist ergänzt. Vorlage: kṣayan; zu kṣayān berichtigt. Zweiter Halbvers = Yogacūḍāmaṇi 47a; er gehört zu Vers 74a.
und selbst ein Greis wird durch beständigen Wurzelverschluss (mūla-bandha) wieder jung. Mit der Ferse presse man den Damm (yoni) und ziehe den After zusammen;
Wort für Wort
yuvā bhavati
wird jung (3.Sg.Präs.)
vṛddhaḥ api
selbst ein Greis (Nom.Sg.)
satatam
beständig
mūla-bandhanāt
durch den Wurzelverschluss (Abl.Sg.)
pārṣṇi-bhāgena
mit dem Fersenteil (Instr.Sg.)
sampīḍya
pressend (Absol.)
yonim
den Damm, die Yoni (Akk.Sg.)
ākuñcayet gudam
ziehe den After zusammen (3.Sg.Opt.Kaus.)
= Yogacūḍāmaṇi 47b und 46a; Gorakṣaśataka 37a; Haṭhapradīpikā 3,61 und 3,65.
indem man den Apāna nach oben zieht – das wird Mūla-Bandha genannt. Weil durch ihn der unermüdliche große Vogel (der Lebensatem) auffliegt (uḍyāṇa),
Wort für Wort
apānam ūrdhvam utkṛṣya
den Apāna nach oben ziehend (Absol.)
mūla-bandhaḥ ayam
dieser Mūla-Bandha (Nom.Sg.)
ucyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
uḍyāṇam kurute
macht einen Aufflug (3.Sg.Präs.Med.)
yasmāt
weil
aviśrānta-mahā-khagaḥ
der unermüdliche große Vogel (Nom.Sg.)
= Yogacūḍāmaṇi 46b und 48a; Gorakṣaśataka 37b; Haṭhapradīpikā 3,55 (uḍḍīyate … mahā-khagaḥ). Der Name Uḍḍiyāna wird volksetymologisch von uḍ-ḍī „auffliegen“ hergeleitet.
uḍḍiyāṇaṃ tad eva syāt tatra bandho vidhīyate | udare paścimaṃ tāṇaṃ nābher ūrdhvaṃ tu kārayet ||76||
heißt eben dieser [Verschluss] Uḍḍiyāṇa; dort wird der Verschluss (bandha) angelegt. Das Zurückziehen des Bauches nach hinten führe man oberhalb des Nabels aus.
Wort für Wort
uḍḍiyāṇam
Uḍḍiyāṇa (Nom.Sg.)
tat eva syāt
eben dieser ist (3.Sg.Opt.)
tatra bandhaḥ vidhīyate
dort wird der Verschluss ausgeführt (3.Sg.Pass.)
udare
im Bauch (Lok.Sg.)
paścimam tāṇam
das Ziehen nach hinten (Akk.Sg.)
nābheḥ ūrdhvam tu
oberhalb des Nabels aber (Abl.Sg.)
kārayet
man führe aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
= Yogacūḍāmaṇi 48b–49 (dort adho nābheḥ „unterhalb des Nabels“); vgl. Haṭhapradīpikā 3,56–57 (udare paścimaṃ tāṇaṃ nābher ūrdhvaṃ ca kārayet).
Dieser Uḍḍiyāṇa-Bandha ist ein Löwe gegen den Elefanten Tod. Weil er das im Kopf entstehende, nach unten fließende Wasser des Himmelsraums (den Nektar) bindet,
Wort für Wort
uḍḍiyāṇaḥ api ayam bandhaḥ
auch dieser Uḍḍiyāṇa-Bandha (Nom.Sg.)
mṛtyu-mātaṅga-kesarī
ein Löwe für den Elefanten Tod (Nom.Sg.)
badhnāti hi
bindet fürwahr (3.Sg.Präs.)
śiraḥ-jātam
im Kopf entstanden (Akk.Sg.)
adhaḥ-gāmi
nach unten gehend (Akk.Sg.n.)
nabhaḥ-jalam
das Wasser des Himmelsraums, den Nektar (Akk.Sg.)
= Yogacūḍāmaṇi 48b und 50a; Gorakṣaśataka 35b; Haṭhapradīpikā 3,59 (mṛtyu-mātaṅga-kesarī). Der zweite Halbvers gibt die Volksetymologie des Namens Jālandhara (jala „Wasser“ + dhara „haltend“), vgl. Vers 78.
tato jālandharo bandhaḥ karma-duḥkhaugha-nāśanaḥ | jālandhare kṛte bandhe kaṇṭha-saṃkoca-lakṣaṇe ||78||
heißt er Jālandhara-Bandha; er vernichtet die Flut von Taten (karman) und Leiden. Ist der Jālandhara-Bandha, dessen Kennzeichen das Zusammenziehen der Kehle ist, ausgeführt,
Wort für Wort
tataḥ
daher
jālandharaḥ bandhaḥ
der Jālandhara-Bandha (Nom.Sg.)
karma-duḥkha-ogha-nāśanaḥ
die Flut von Taten und Leiden vernichtend (Nom.Sg.)
jālandhare kṛte bandhe
wenn der Jālandhara-Bandha ausgeführt ist (Lok.abs.)
kaṇṭha-saṃkoca-lakṣaṇe
gekennzeichnet durch das Zusammenziehen der Kehle (Lok.Sg.)
Vorlage: karṇa-saṃkoca („Zusammenziehen des Ohres“); nach den Parallelen Yogacūḍāmaṇi 51, Gorakṣaśataka 36 und Haṭhapradīpikā 3,70 zu kaṇṭha-saṃkoca berichtigt (anders Vers 101, wo karṇa-saṅkocana, das Verschließen der Ohren, sachlich passt). = Yogacūḍāmaṇi 50b–51a (dort kaṣṭa-duḥkha-).
badhyate na ca kālena yasya mudrāsti khecarī | cittaṃ carati khe yasmāj jihvā bhavati khe-gatā ||82||
nicht von der Zeit (dem Tod) gebunden, wer die Khecarī-Mudrā besitzt. Weil der Geist (citta) im Raum (kha) wandert und die Zunge in den Raum [der Schädelhöhle] gelangt,
darum heißt diese Mudrā Khecarī („die im Raum Wandelnde“), von den Siddhas verehrt. Wem durch die Khecarī-Mudrā die Öffnung oberhalb des Gaumenzäpfchens (lambikā) [versiegelt ist],
Wort für Wort
tena
deshalb (Instr.Sg.)
eṣā khecarī nāma mudrā
diese Mudrā namens Khecarī (Nom.Sg.)
siddha-namaskṛtā
von den Siddhas verehrt (Nom.Sg.f.)
khecaryā mudrayā
durch die Khecarī-Mudrā (Instr.Sg.)
yasya
wem (Gen.Sg.)
vivaram
die Öffnung (Nom.Sg.)
lambikā-ūrdhvataḥ
oberhalb des Zäpfchens (Adv.)
= Yogacūḍāmaṇi 55b und 57a; Haṭhapradīpikā 3,41–42. Das Prädikat „versiegelt“ (mudritam) der Parallelen fehlt hier und ist ergänzt.
binduḥ kṣarati no yasya kāminy-āliṅgitasya ca | yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ ||84||
dessen Bindu (Samen) fließt nicht ab, selbst wenn er von einer verlangenden Frau umarmt wird. Solange der Bindu im Körper bleibt – woher [sollte da] Todesfurcht kommen?
Wort für Wort
binduḥ kṣarati no
der Bindu fließt nicht ab (3.Sg.Präs.)
yasya
dessen (Gen.Sg.)
kāminī-āliṅgitasya ca
auch des von einer liebenden Frau Umarmten (Gen.Sg.)
Den weißen nennt man Śukra (Samen), den roten Mahārajas (das „große Rajas“, Menstrualblut). Das Rajas, einem Korallenbaum gleichend, hat seinen Sitz am Ort der Yoni;
der Bindu wohnt am Ort des Mondes. Die Vereinigung der beiden ist sehr schwer zu erlangen. Der Bindu ist Śiva, das Rajas ist die Śakti; der Bindu ist der Mond, das Rajas die Sonne.
Allein aus der Vereinigung beider wird der höchste Leib erlangt. Wenn das Rajas, durch den Wind mittels der Śakti-Bewegung (śakti-cālana) angetrieben, im Raum (kha)
Wort für Wort
ubhayoḥ saṅgamāt eva
allein aus der Vereinigung beider (Gen.Du.; Abl.Sg.)
mit der Sonne zur Einheit gelangt, dann entsteht ein göttlicher Leib. Das Śukla (der weiße Bindu) ist mit dem Mond verbunden, das Rajas mit der Sonne vereint;
dvayoḥ samarasī-bhāvaṃ yo jānāti sa yoga-vit | śodhanaṃ mala-jālānāṃ ghaṭanaṃ candra-sūryayoḥ ||91||
wer das Gleichgestimmt-Werden (samarasī-bhāva) der beiden kennt, ist ein Kenner des Yoga. Die Reinigung der Netze von Unreinheiten, das Zusammenfügen von Mond und Sonne
Wort für Wort
dvayoḥ
der beiden (Gen.Du.)
samarasī-bhāvam
das Gleichgestimmt-Werden, die Einheit im gleichen Wesen (Akk.Sg.)
Das Kinn auf die Brust gelegt, die Öffnung des Damms (yoni) mit dem linken Fuß fest pressend, den ausgestreckten rechten Fuß mit beiden Händen haltend, fülle man beide Flanken mit Atem, halte [ihn] an und lasse ihn langsam ausströmen – dies ist fürwahr die große Mudrā (mahāmudrā), die den Menschen die Sünden vernichtet, so wird sie verkündet.
Wort für Wort
vakṣaḥ-nyasta-hanuḥ
mit auf die Brust gelegtem Kinn (Nom.Sg.)
nipīḍya
pressend (Absol.)
suṣiram yoneḥ ca
und die Öffnung des Damms (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
vāma-aṅghriṇā
mit dem linken Fuß (Instr.Sg.)
hastābhyām anudhārayan
mit beiden Händen haltend (Nom.Sg. Part.)
pravitatam pādam tathā dakṣiṇam
den ausgestreckten rechten Fuß (Akk.Sg.)
āpūrya śvasanena
mit Atem füllend (Absol.)
kukṣi-yugalam
beide Flanken (Akk.Sg.)
baddhvā
haltend, bindend (Absol.)
śanaiḥ recayet
langsam lasse man ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
eṣā
diese (Nom.Sg.f.)
pātaka-nāśinī
Sünden vernichtend (Nom.Sg.f.)
nanu
fürwahr
mahā-mudrā
die große Mudrā (Nom.Sg.)
nṛṇām procyate
wird den Menschen verkündet (3.Sg.Pass.)
Vers im Śārdūlavikrīḍita-Metrum. Vorlage: badhvā; zu baddhvā normalisiert. = Gorakṣaśataka 33; Yogacūḍāmaṇi 66 (dort vyādhi-vināśinī „Krankheiten vernichtend“); Haṭhapradīpikā 3,10–11.