Quellen der Menschheit

Dhyānabindu-Upaniṣad

Abschnitt 4: kuṇḍalinī, bandhāḥ, khecarī, binduḥ, mahā-mudrā Kuṇḍalinī, die Bandhas, Khecarī, Bindu und Mahāmudrā (Verse 66–93)

Die „höchste Herrin“ Kuṇḍalinī schläft mit ihrem Mund vor dem Tor zur Stätte des Brahman; erweckt durch Feuer, Geist und Wind steigt sie wie eine Nadel mit dem Faden durch die Suṣumnā empor, und der Yogin bricht mit ihr wie mit einem Schlüssel das Tor der Erlösung auf. Vers 69 beschreibt die dazugehörige Technik im Śārdūlavikrīḍita-Metrum (Lotossitz, Kinnverschluss, wiederholtes Hochtreiben des Apāna), die Verse 70–72 die Lebensordnung des Yogins: Einreiben mit Schweiß, Verzicht auf Scharfes, Saures und Salziges, Milchkost, Keuschheit und Maßhalten. Dann folgen die Verschlusstechniken und Siegel: Mūla-Bandha (Fersendruck, Hochziehen des Apāna, Verjüngung), Uḍḍiyāṇa-Bandha (Zurückziehen des Bauches, „Löwe gegen den Elefanten Tod“), Jālandhara-Bandha (Kehlverschluss, der den herabfließenden Nektar vor dem Feuer bewahrt) und die Khecarī-Mudrā mit ihren Verheißungen. Daran schließt die Bindu-Lehre: Der Bindu ist zweifach, weiß (śukra, Mond, Śiva) und rot (rajas, Sonne, Śakti); solange er im Körper bleibt, gibt es keine Todesfurcht, und aus der Vereinigung beider im samarasa entsteht der göttliche Leib. Den Abschluss bildet die Mahāmudrā, wieder in einem Śārdūlavikrīḍita-Vers, der wörtlich im Gorakṣaśataka und in der Haṭhapradīpikā wiederkehrt. Auffällig sind die Halbverse 68 und 92, die die Vorlage als eigene Verse zählt, und die verkürzte Fassung mancher Parallelverse.

mukhenācchādya tad dvāraṃ prasuptā parameśvarī | prabuddhā vahni-yogena manasā marutā saha ||66||

– dessen Tor verdeckt die höchste Herrin (parameśvarī, die Kuṇḍalinī) mit ihrem Mund, indem sie schläft. Erweckt durch die Verbindung mit dem Feuer, [zusammen] mit dem Geist (manas) und dem Wind (marut),

Wort für Wort
mukhena ācchādya
mit dem Mund verdeckend (Absol.)
tat dvāram
jenes Tor (Akk.Sg.)
prasuptā
eingeschlafen (Nom.Sg.f.)
parama-īśvarī
die höchste Herrin (Nom.Sg.)
prabuddhā
erwacht (Nom.Sg.f.)
vahni-yogena
durch Verbindung mit dem Feuer (Instr.Sg.)
manasā
mit dem Geist (Instr.Sg.)
marutā saha
zusammen mit dem Wind (Instr.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 38; Gorakṣaśataka 30b–31a. Die „höchste Herrin“ ist die Kuṇḍalinī, die den unteren Eingang der Suṣumnā (das Brahma-Tor) verschließt.

sūcivad guṇam ādāya vrajaty ūrdhvaṃ suṣumnayā | udghāṭayet kapāṭaṃ tu yathā kuñcikayā haṭhāt ||67||

nimmt sie wie eine Nadel den Faden auf und steigt durch die Suṣumnā empor. Wie man mit einem Schlüssel eine Tür mit Gewalt (haṭhāt) aufschließt,

Wort für Wort
sūci-vat
wie eine Nadel
guṇam ādāya
den Faden aufnehmend (Absol.)
vrajati ūrdhvam
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
suṣumnayā
durch die Suṣumnā (Instr.Sg.)
udghāṭayet
man öffne (3.Sg.Opt.Kaus.)
kapāṭam tu
die Tür aber (Akk.Sg.)
yathā kuñcikayā
wie mit einem Schlüssel (Instr.Sg.)
haṭhāt
mit Gewalt (Abl.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 39a–b (dort gātram ādāya „den Leib zusammennehmend“); Gorakṣaśataka 31b (prajīva-guṇam ādāya). guṇa „Faden“ setzt das Nadelbild fort: Die Kuṇḍalinī zieht den Lebensfaden wie eine Nadel durch die Suṣumnā. haṭhāt „mit Gewalt“ klingt an den Namen Haṭha-Yoga an.

kuṇḍalinyā tayā yogī mokṣa-dvāraṃ vibhedayet ||68||

so soll der Yogin mit dieser Kuṇḍalinī das Tor der Erlösung aufbrechen.

Wort für Wort
kuṇḍalinyā tayā
mit dieser Kuṇḍalinī (Instr.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
mokṣa-dvāram
das Tor der Erlösung (Akk.Sg.)
vibhedayet
soll aufbrechen (3.Sg.Opt.Kaus.)

Nur ein Halbvers, in der Vorlage eigens als Vers 68 gezählt; = Yogacūḍāmaṇi 39c (dritte Zeile des dortigen Dreizeilers).

kṛtvā sampuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvātha padmāsanam | gāḍhaṃ vakṣasi sannidhāya cubukaṃ dhyānaṃ ca tac cetasi | vāraṃ vāram apānam ūrdhvam anilaṃ proccārayan pūritam | muñcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śakti-prabhāvān naraḥ ||69||

Man lege die Hände schalenförmig ineinander, nehme sodann sehr fest den Lotossitz ein, drücke das Kinn fest an die Brust, [richte] im Geist die Meditation auf jenes [Wirken der Śakti] und treibe wieder und wieder den Apāna-Wind nach oben; indem er den eingesogenen Lebensatem [dann] entlässt, gelangt der Mensch durch die Macht der Śakti zu unvergleichlichem Erwachen.

Wort für Wort
kṛtvā sampuṭitau karau
die Hände schalenförmig zusammengelegt habend (Absol.; Akk.Du.)
dṛḍhataram
sehr fest
baddhvā atha padmāsanam
sodann den Lotossitz gebunden habend (Absol.)
gāḍham
fest
vakṣasi sannidhāya cubukam
das Kinn an die Brust gelegt habend (Absol.)
dhyānam ca tat cetasi
und die Meditation auf jenes im Geist (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
vāram vāram
wieder und wieder
apānam ūrdhvam anilam
den Apāna-Wind nach oben (Akk.Sg.)
proccārayan
hinauftreibend (Nom.Sg. Part.Kaus.)
pūritam prāṇam muñcan
den eingefüllten Atem entlassend (Nom.Sg. Part.)
upaiti bodham atulam
gelangt zu unvergleichlichem Erwachen (3.Sg.Präs.)
śakti-prabhāvāt
durch die Macht der Śakti (Abl.Sg.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)

Vers im Śārdūlavikrīḍita-Metrum. Vorlage: badhvātha, amapātam; zu baddhvātha und apānam berichtigt (nach Yogacūḍāmaṇi 40, mit dem der Vers bis auf tac cetasi statt tac ceṣṭitam übereinstimmt). Inhaltlich die Śakticālana-Technik; vgl. Haṭhapradīpikā 3,104–120.

padmāsana-sthito yogī nāḍī-dvāreṣu pūrayan | mārutaṃ kumbhayan yas tu sa mukto nātra saṃśayaḥ ||70||

Der Yogin, der im Lotossitz sitzt, den Wind durch die Öffnungen der Kanäle einfüllt und ihn anhält (kumbhaka) – der ist befreit, daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
padmāsana-sthitaḥ
im Lotossitz befindlich (Nom.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
nāḍī-dvāreṣu
in den Öffnungen der Kanäle (Lok.Pl.)
pūrayan
einfüllend (Nom.Sg. Part.Kaus.)
mārutam
den Wind (Akk.Sg.)
kumbhayan
anhaltend (Nom.Sg. Part.)
yaḥ tu
wer aber
saḥ muktaḥ
der ist befreit (Nom.Sg.)
na atra saṃśayaḥ
hierüber kein Zweifel (Nom.Sg.)

= Haṭhapradīpikā 1,49 (padmāsane sthito yogī nāḍī-dvāreṇa pūritam | mārutaṃ dhārayed yas tu sa mukto nātra saṃśayaḥ).

aṅgānāṃ mardanaṃ kṛtvā śrama-jātena vāriṇā | kaṭv-amla-lavaṇa-tyāgī kṣīra-pāna-rataḥ sukhī ||71||

Er reibe die Glieder mit dem durch die Anstrengung entstandenen Schweiß ein; wer Scharfes, Saures und Salziges meidet und dem Trinken von Milch zugetan ist, wird glücklich.

Wort für Wort
aṅgānām mardanam kṛtvā
das Reiben der Glieder ausgeführt habend (Absol.)
śrama-jātena vāriṇā
mit dem durch Anstrengung entstandenen Wasser, d.h. Schweiß (Instr.Sg.)
kaṭu-amla-lavaṇa-tyāgī
Scharfes, Saures, Salziges meidend (Nom.Sg.)
kṣīra-pāna-rataḥ
dem Milchtrinken zugetan (Nom.Sg.)
sukhī
glücklich (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 41; Gorakṣaśataka 50; vgl. Haṭhapradīpikā 2,13 (Einreiben mit Schweiß).

brahmacārī mitāhārī yogī yoga-parāyaṇaḥ | abdād ūrdhvaṃ bhavet siddho nātra kāryā vicāraṇā ||72||

Ein Yogin, der keusch lebt, maßvoll isst (mitāhāra) und ganz dem Yoga hingegeben ist, wird nach Ablauf eines Jahres vollendet (siddha) – darüber ist kein Zweifel angebracht.

Wort für Wort
brahmacārī
keusch lebend (Nom.Sg.)
mita-āhārī
maßvoll essend (Nom.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
yoga-parāyaṇaḥ
dem Yoga ganz hingegeben (Nom.Sg.)
abdāt ūrdhvam
nach einem Jahr (Abl.Sg.)
bhavet siddhaḥ
wird vollendet (3.Sg.Opt.)
na atra kāryā vicāraṇā
hier ist kein Zweifel anzustellen (Gerundiv)

Vorlage: kāryāṃ; zu kāryā berichtigt. = Yogacūḍāmaṇi 42; Haṭhapradīpikā 1,57 (dort tyāgī statt yogī).

kandordhva-kuṇḍalī-śaktiḥ sa yogī siddhi-bhājanam | apāna-prāṇayor aikyaṃ kṣayān mūtra-purīṣayoḥ ||73||

[Wer] die Kuṇḍalī-Śakti oberhalb der Knolle (kanda) [kennt], der Yogin ist ein Gefäß der Vollendung (siddhi). [Durch beständigen Wurzelverschluss entsteht] die Einheit von Apāna und Prāṇa, Harn und Kot nehmen ab,

Wort für Wort
kanda-ūrdhva-kuṇḍalī-śaktiḥ
die Kuṇḍalī-Śakti oberhalb der Knolle (Nom.Sg.)
saḥ yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
siddhi-bhājanam
Gefäß der Vollendung (Nom.Sg.)
apāna-prāṇayoḥ aikyam
Einheit von Apāna und Prāṇa (Nom.Sg.)
kṣayāt
durch Abnahme (Abl.Sg.)
mūtra-purīṣayoḥ
von Harn und Kot (Gen.Du.)

Der erste Halbvers ist ein elliptisches Konglomerat aus Yogacūḍāmaṇi 44a (kandordhve kuṇḍalī-śaktir) und Yogacūḍāmaṇi 45b bzw. Gorakṣaśataka 32b (sa yogī siddhi-bhājanam); ein Prädikat („kennt“) fehlt und ist ergänzt. Vorlage: kṣayan; zu kṣayān berichtigt. Zweiter Halbvers = Yogacūḍāmaṇi 47a; er gehört zu Vers 74a.

yuvā bhavati vṛddho 'pi satataṃ mūla-bandhanāt | pārṣṇi-bhāgena sampīḍya yonim ākuñcayed gudam ||74||

und selbst ein Greis wird durch beständigen Wurzelverschluss (mūla-bandha) wieder jung. Mit der Ferse presse man den Damm (yoni) und ziehe den After zusammen;

Wort für Wort
yuvā bhavati
wird jung (3.Sg.Präs.)
vṛddhaḥ api
selbst ein Greis (Nom.Sg.)
satatam
beständig
mūla-bandhanāt
durch den Wurzelverschluss (Abl.Sg.)
pārṣṇi-bhāgena
mit dem Fersenteil (Instr.Sg.)
sampīḍya
pressend (Absol.)
yonim
den Damm, die Yoni (Akk.Sg.)
ākuñcayet gudam
ziehe den After zusammen (3.Sg.Opt.Kaus.)

= Yogacūḍāmaṇi 47b und 46a; Gorakṣaśataka 37a; Haṭhapradīpikā 3,61 und 3,65.

apānam ūrdhvam utkṛṣya mūla-bandho 'yam ucyate | uḍyāṇaṃ kurute yasmād aviśrānta-mahā-khagaḥ ||75||

indem man den Apāna nach oben zieht – das wird Mūla-Bandha genannt. Weil durch ihn der unermüdliche große Vogel (der Lebensatem) auffliegt (uḍyāṇa),

Wort für Wort
apānam ūrdhvam utkṛṣya
den Apāna nach oben ziehend (Absol.)
mūla-bandhaḥ ayam
dieser Mūla-Bandha (Nom.Sg.)
ucyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)
uḍyāṇam kurute
macht einen Aufflug (3.Sg.Präs.Med.)
yasmāt
weil
aviśrānta-mahā-khagaḥ
der unermüdliche große Vogel (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 46b und 48a; Gorakṣaśataka 37b; Haṭhapradīpikā 3,55 (uḍḍīyate … mahā-khagaḥ). Der Name Uḍḍiyāna wird volksetymologisch von uḍ-ḍī „auffliegen“ hergeleitet.

uḍḍiyāṇaṃ tad eva syāt tatra bandho vidhīyate | udare paścimaṃ tāṇaṃ nābher ūrdhvaṃ tu kārayet ||76||

heißt eben dieser [Verschluss] Uḍḍiyāṇa; dort wird der Verschluss (bandha) angelegt. Das Zurückziehen des Bauches nach hinten führe man oberhalb des Nabels aus.

Wort für Wort
uḍḍiyāṇam
Uḍḍiyāṇa (Nom.Sg.)
tat eva syāt
eben dieser ist (3.Sg.Opt.)
tatra bandhaḥ vidhīyate
dort wird der Verschluss ausgeführt (3.Sg.Pass.)
udare
im Bauch (Lok.Sg.)
paścimam tāṇam
das Ziehen nach hinten (Akk.Sg.)
nābheḥ ūrdhvam tu
oberhalb des Nabels aber (Abl.Sg.)
kārayet
man führe aus (3.Sg.Opt.Kaus.)

= Yogacūḍāmaṇi 48b–49 (dort adho nābheḥ „unterhalb des Nabels“); vgl. Haṭhapradīpikā 3,56–57 (udare paścimaṃ tāṇaṃ nābher ūrdhvaṃ ca kārayet).

uḍḍiyāṇo 'py ayaṃ bandho mṛtyu-mātaṅga-kesarī | badhnāti hi śiro-jātam adho-gāmi nabho-jalam ||77||

Dieser Uḍḍiyāṇa-Bandha ist ein Löwe gegen den Elefanten Tod. Weil er das im Kopf entstehende, nach unten fließende Wasser des Himmelsraums (den Nektar) bindet,

Wort für Wort
uḍḍiyāṇaḥ api ayam bandhaḥ
auch dieser Uḍḍiyāṇa-Bandha (Nom.Sg.)
mṛtyu-mātaṅga-kesarī
ein Löwe für den Elefanten Tod (Nom.Sg.)
badhnāti hi
bindet fürwahr (3.Sg.Präs.)
śiraḥ-jātam
im Kopf entstanden (Akk.Sg.)
adhaḥ-gāmi
nach unten gehend (Akk.Sg.n.)
nabhaḥ-jalam
das Wasser des Himmelsraums, den Nektar (Akk.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 48b und 50a; Gorakṣaśataka 35b; Haṭhapradīpikā 3,59 (mṛtyu-mātaṅga-kesarī). Der zweite Halbvers gibt die Volksetymologie des Namens Jālandhara (jala „Wasser“ + dhara „haltend“), vgl. Vers 78.

tato jālandharo bandhaḥ karma-duḥkhaugha-nāśanaḥ | jālandhare kṛte bandhe kaṇṭha-saṃkoca-lakṣaṇe ||78||

heißt er Jālandhara-Bandha; er vernichtet die Flut von Taten (karman) und Leiden. Ist der Jālandhara-Bandha, dessen Kennzeichen das Zusammenziehen der Kehle ist, ausgeführt,

Wort für Wort
tataḥ
daher
jālandharaḥ bandhaḥ
der Jālandhara-Bandha (Nom.Sg.)
karma-duḥkha-ogha-nāśanaḥ
die Flut von Taten und Leiden vernichtend (Nom.Sg.)
jālandhare kṛte bandhe
wenn der Jālandhara-Bandha ausgeführt ist (Lok.abs.)
kaṇṭha-saṃkoca-lakṣaṇe
gekennzeichnet durch das Zusammenziehen der Kehle (Lok.Sg.)

Vorlage: karṇa-saṃkoca („Zusammenziehen des Ohres“); nach den Parallelen Yogacūḍāmaṇi 51, Gorakṣaśataka 36 und Haṭhapradīpikā 3,70 zu kaṇṭha-saṃkoca berichtigt (anders Vers 101, wo karṇa-saṅkocana, das Verschließen der Ohren, sachlich passt). = Yogacūḍāmaṇi 50b–51a (dort kaṣṭa-duḥkha-).

na pīyūṣaṃ pataty agnau na ca vāyuḥ pradhāvati | kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparīta-gā ||79||

so fällt der Nektar nicht ins Feuer, und der Wind schweift nicht umher. Wenn die Zunge, nach hinten gewendet, in die Höhle des Schädels eingeführt ist

Wort für Wort
na pīyūṣam patati
der Nektar fällt nicht (3.Sg.Präs.)
agnau
ins Feuer (Lok.Sg.)
na ca vāyuḥ pradhāvati
und der Wind läuft nicht davon (3.Sg.Präs.)
kapāla-kuhare
in der Schädelhöhle (Lok.Sg.)
jihvā praviṣṭā
die Zunge eingetreten (Nom.Sg.f.)
viparīta-gā
umgekehrt gehend, nach hinten gewendet (Nom.Sg.f.)

= Yogacūḍāmaṇi 51b–52a; Gorakṣaśataka 36b und 34a; Haṭhapradīpikā 3,32 (Khecarī).

bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khecarī | na rogo maraṇaṃ tasya na nidrā na kṣudhā tṛṣā ||80||

und der Blick zwischen die Brauen gerichtet ist, so ist dies die Khecarī-Mudrā. Weder Krankheit noch Tod, weder Schlaf noch Hunger noch Durst

Wort für Wort
bhruvoḥ antar-gatā
zwischen die Brauen gegangen (Nom.Sg.f.)
dṛṣṭiḥ
der Blick (Nom.Sg.)
mudrā bhavati khecarī
[das] ist die Khecarī-Mudrā (3.Sg.Präs.)
na rogaḥ
keine Krankheit (Nom.Sg.)
maraṇam
Tod (Nom.Sg.)
tasya
für den (Gen.Sg.)
na nidrā
kein Schlaf (Nom.Sg.)
na kṣudhā tṛṣā
kein Hunger, [kein] Durst (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 52b–53a; Gorakṣaśataka 34b; Haṭhapradīpikā 3,32 und 3,39.

na ca mūrcchā bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khecarīm | pīḍyate na ca rogeṇa lipyate na ca karmaṇā ||81||

noch Ohnmacht befällt den, der die Khecarī-Mudrā kennt. Nicht wird von Krankheit geplagt, nicht von der Tat (karman) befleckt,

Wort für Wort
na ca mūrcchā bhavet
und keine Ohnmacht tritt ein (3.Sg.Opt.)
tasya
für den (Gen.Sg.)
yaḥ mudrām vetti khecarīm
wer die Khecarī-Mudrā kennt (3.Sg.Präs.)
pīḍyate na ca rogeṇa
und wird nicht von Krankheit geplagt (3.Sg.Pass.)
lipyate na ca karmaṇā
und wird nicht von der Tat befleckt (3.Sg.Pass.)

= Yogacūḍāmaṇi 53b–54a; Haṭhapradīpikā 3,39–40.

badhyate na ca kālena yasya mudrāsti khecarī | cittaṃ carati khe yasmāj jihvā bhavati khe-gatā ||82||

nicht von der Zeit (dem Tod) gebunden, wer die Khecarī-Mudrā besitzt. Weil der Geist (citta) im Raum (kha) wandert und die Zunge in den Raum [der Schädelhöhle] gelangt,

Wort für Wort
badhyate na ca kālena
und wird nicht von der Zeit gebunden (3.Sg.Pass.)
yasya
wem (Gen.Sg.)
mudrā asti khecarī
die Khecarī-Mudrā [zu eigen] ist
cittam carati khe
der Geist wandert im Raum (3.Sg.Präs.)
yasmāt
weil
jihvā bhavati khe-gatā
die Zunge in den Raum gelangt (Nom.Sg.f.)

Vorlage: mudrasti; zu mudrāsti (mudrā asti) berichtigt. = Yogacūḍāmaṇi 54b–55a; Haṭhapradīpikā 3,40–41.

tenaiṣā khecarī nāma mudrā siddha-namaskṛtā | khecaryā mudrayā yasya vivaraṃ lambikordhvataḥ ||83||

darum heißt diese Mudrā Khecarī („die im Raum Wandelnde“), von den Siddhas verehrt. Wem durch die Khecarī-Mudrā die Öffnung oberhalb des Gaumenzäpfchens (lambikā) [versiegelt ist],

Wort für Wort
tena
deshalb (Instr.Sg.)
eṣā khecarī nāma mudrā
diese Mudrā namens Khecarī (Nom.Sg.)
siddha-namaskṛtā
von den Siddhas verehrt (Nom.Sg.f.)
khecaryā mudrayā
durch die Khecarī-Mudrā (Instr.Sg.)
yasya
wem (Gen.Sg.)
vivaram
die Öffnung (Nom.Sg.)
lambikā-ūrdhvataḥ
oberhalb des Zäpfchens (Adv.)

= Yogacūḍāmaṇi 55b und 57a; Haṭhapradīpikā 3,41–42. Das Prädikat „versiegelt“ (mudritam) der Parallelen fehlt hier und ist ergänzt.

binduḥ kṣarati no yasya kāminy-āliṅgitasya ca | yāvad binduḥ sthito dehe tāvan mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ ||84||

dessen Bindu (Samen) fließt nicht ab, selbst wenn er von einer verlangenden Frau umarmt wird. Solange der Bindu im Körper bleibt – woher [sollte da] Todesfurcht kommen?

Wort für Wort
binduḥ kṣarati no
der Bindu fließt nicht ab (3.Sg.Präs.)
yasya
dessen (Gen.Sg.)
kāminī-āliṅgitasya ca
auch des von einer liebenden Frau Umarmten (Gen.Sg.)
yāvat binduḥ sthitaḥ dehe
solange der Bindu im Körper weilt
tāvat
so lange
mṛtyu-bhayam kutaḥ
woher Todesfurcht?

= Yogacūḍāmaṇi 57b–58a; Haṭhapradīpikā 3,42–43.

yāvad baddhā nabho-mudrā tāvad bindur na gacchati | galito 'pi yadā binduḥ samprāpto yoni-maṇḍale ||85||

Solange die Nabhomudrā gehalten wird, entweicht der Bindu nicht. Selbst wenn der Bindu bereits abgeflossen ist und den Bereich der Yoni erreicht hat,

Wort für Wort
yāvat baddhā nabhaḥ-mudrā
solange die Nabhomudrā gebunden ist (Nom.Sg.f.)
tāvat binduḥ na gacchati
so lange geht der Bindu nicht fort (3.Sg.Präs.)
galitaḥ api
selbst abgeflossen (Nom.Sg.)
yadā binduḥ
wenn der Bindu (Nom.Sg.)
samprāptaḥ
angelangt (Nom.Sg.)
yoni-maṇḍale
im Bereich der Yoni (Lok.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 58b–59a (dort jvalito 'pi „entflammt“); Haṭhapradīpikā 3,43–44. Nabhomudrā („Himmelsraum-Siegel“) ist ein anderer Name der Khecarī.

vrajaty ūrdhvaṃ haṭhāc chaktyā nibaddho yoni-mudrayā | sa eva dvividho binduḥ pāṇḍaro lohitas tathā ||86||

steigt er, durch die Yoni-Mudrā zurückgehalten, kraft der Śakti mit Gewalt (haṭhāt) nach oben. Eben dieser Bindu ist zweifach: weiß und rot.

Wort für Wort
vrajati ūrdhvam
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
haṭhāt
mit Gewalt (Abl.Sg.)
śaktyā
durch die Kraft, Śakti (Instr.Sg.)
nibaddhaḥ
zurückgehalten, gebunden (Nom.Sg.)
yoni-mudrayā
durch die Yoni-Mudrā (Instr.Sg.)
saḥ eva
eben dieser
dvividhaḥ binduḥ
der zweifache Bindu (Nom.Sg.)
pāṇḍaraḥ
weiß (Nom.Sg.)
lohitaḥ tathā
und rot (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 59b–60a; Haṭhapradīpikā 3,44–45.

pāṇḍaraṃ śukram ity āhur lohitākhyaṃ mahā-rajaḥ | vidruma-druma-saṃkāśaṃ yoni-sthāne sthitaṃ rajaḥ ||87||

Den weißen nennt man Śukra (Samen), den roten Mahārajas (das „große Rajas“, Menstrualblut). Das Rajas, einem Korallenbaum gleichend, hat seinen Sitz am Ort der Yoni;

Wort für Wort
pāṇḍaram śukram iti āhuḥ
den weißen nennen sie Śukra, Samen (3.Pl.Perf.)
lohita-ākhyam
den rot genannten (Akk.Sg.)
mahā-rajaḥ
das große Rajas (Nom./Akk.Sg.)
vidruma-druma-saṃkāśam
einem Korallenbaum gleichend (Nom.Sg.n.)
yoni-sthāne sthitam
am Ort der Yoni befindlich (Lok.Sg.; Nom.Sg.n.)
rajaḥ
das Rajas (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 60b–61a (dort sindūra-vrāta-saṅkāśaṃ ravi-sthāna-sthitaṃ rajaḥ); Haṭhapradīpikā 3,45–46.

śaśi-sthāne vased bindus tayor aikyaṃ su-durlabham | binduḥ śivo rajaḥ śaktir bindur indū rajo raviḥ ||88||

der Bindu wohnt am Ort des Mondes. Die Vereinigung der beiden ist sehr schwer zu erlangen. Der Bindu ist Śiva, das Rajas ist die Śakti; der Bindu ist der Mond, das Rajas die Sonne.

Wort für Wort
śaśi-sthāne
am Ort des Mondes (Lok.Sg.)
vaset binduḥ
der Bindu wohnt (3.Sg.Opt.)
tayoḥ aikyam
die Einheit der beiden (Nom.Sg.)
su-durlabham
sehr schwer erreichbar (Nom.Sg.n.)
binduḥ śivaḥ
der Bindu ist Śiva
rajaḥ śaktiḥ
das Rajas ist die Śakti
binduḥ induḥ
der Bindu ist der Mond
rajaḥ raviḥ
das Rajas ist die Sonne

Vorlage: binduḥstayor; zu bindus tayor berichtigt. = Yogacūḍāmaṇi 61b–62a (dort bindur brahmā statt binduḥ śivo); vgl. Haṭhapradīpikā 3,46–47.

ubhayoḥ saṅgamād eva prāpyate paramaṃ vapuḥ | vāyunā śakti-cālena preritaṃ khe yathā rajaḥ ||89||

Allein aus der Vereinigung beider wird der höchste Leib erlangt. Wenn das Rajas, durch den Wind mittels der Śakti-Bewegung (śakti-cālana) angetrieben, im Raum (kha)

Wort für Wort
ubhayoḥ saṅgamāt eva
allein aus der Vereinigung beider (Gen.Du.; Abl.Sg.)
prāpyate
wird erlangt (3.Sg.Pass.)
paramam vapuḥ
der höchste Leib (Nom.Sg.)
vāyunā
durch den Wind (Instr.Sg.)
śakti-cālena
durch die Śakti-Bewegung (Instr.Sg.)
preritam
angetrieben (Nom.Sg.n.)
khe
im Raum (Lok.Sg.)
yathā rajaḥ
wenn das Rajas (Nom.Sg.)

Vorlage: ubhayaoḥ; zu ubhayoḥ berichtigt. = Yogacūḍāmaṇi 62b–63a (dort paramaṃ padam „die höchste Stätte“ statt paramaṃ vapuḥ).

raviṇaikatvam āyāti bhaved divyaṃ vapus tadā | śuklaṃ candreṇa saṃyuktaṃ rajaḥ sūrya-samanvitam ||90||

mit der Sonne zur Einheit gelangt, dann entsteht ein göttlicher Leib. Das Śukla (der weiße Bindu) ist mit dem Mond verbunden, das Rajas mit der Sonne vereint;

Wort für Wort
raviṇā
mit der Sonne (Instr.Sg.)
ekatvam āyāti
gelangt zur Einheit (3.Sg.Präs.)
bhavet divyam vapuḥ tadā
dann entsteht ein göttlicher Leib (3.Sg.Opt.)
śuklam candreṇa saṃyuktam
das Śukla mit dem Mond verbunden (Nom.Sg.)
rajaḥ sūrya-samanvitam
das Rajas mit der Sonne vereint (Nom.Sg.)

= Yogacūḍāmaṇi 63b–64a.

dvayoḥ samarasī-bhāvaṃ yo jānāti sa yoga-vit | śodhanaṃ mala-jālānāṃ ghaṭanaṃ candra-sūryayoḥ ||91||

wer das Gleichgestimmt-Werden (samarasī-bhāva) der beiden kennt, ist ein Kenner des Yoga. Die Reinigung der Netze von Unreinheiten, das Zusammenfügen von Mond und Sonne

Wort für Wort
dvayoḥ
der beiden (Gen.Du.)
samarasī-bhāvam
das Gleichgestimmt-Werden, die Einheit im gleichen Wesen (Akk.Sg.)
yaḥ jānāti
wer kennt (3.Sg.Präs.)
saḥ yoga-vit
der ist Yoga-Kenner (Nom.Sg.)
śodhanam
Reinigung (Nom.Sg.)
mala-jālānām
der Netze von Unreinheiten (Gen.Pl.)
ghaṭanam
Zusammenfügen, Vereinigen (Nom.Sg.)
candra-sūryayoḥ
von Mond und Sonne (Gen.Du.)

= Yogacūḍāmaṇi 64b–65a (dort nāḍi-jālasya „des Kanalnetzes“ und cālanaṃ „das Bewegen“).

rasānāṃ śoṣaṇaṃ samyaṅ mahā-mudrābhidhīyate ||92||

und das vollständige Austrocknen der [schädlichen] Säfte – [das bewirkt, was] Mahāmudrā genannt wird.

Wort für Wort
rasānām śoṣaṇam
das Austrocknen der Säfte (Nom.Sg.)
samyak
vollständig, recht
mahā-mudrā abhidhīyate
wird Mahāmudrā genannt (3.Sg.Pass.)

Nur ein Halbvers, in der Vorlage eigens als Vers 92 gezählt; = Yogacūḍāmaṇi 65b (dort caiva statt samyak).

vakṣo-nyasta-hanur nipīḍya suṣiraṃ yoneś ca vāmāṅghriṇā hastābhyām anudhārayan pravitataṃ pādaṃ tathā dakṣiṇam | āpūrya śvasanena kukṣi-yugalaṃ baddhvā śanai recayed eṣā pātaka-nāśinī nanu mahā-mudrā nṛṇāṃ procyate ||93||

Das Kinn auf die Brust gelegt, die Öffnung des Damms (yoni) mit dem linken Fuß fest pressend, den ausgestreckten rechten Fuß mit beiden Händen haltend, fülle man beide Flanken mit Atem, halte [ihn] an und lasse ihn langsam ausströmen – dies ist fürwahr die große Mudrā (mahāmudrā), die den Menschen die Sünden vernichtet, so wird sie verkündet.

Wort für Wort
vakṣaḥ-nyasta-hanuḥ
mit auf die Brust gelegtem Kinn (Nom.Sg.)
nipīḍya
pressend (Absol.)
suṣiram yoneḥ ca
und die Öffnung des Damms (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
vāma-aṅghriṇā
mit dem linken Fuß (Instr.Sg.)
hastābhyām anudhārayan
mit beiden Händen haltend (Nom.Sg. Part.)
pravitatam pādam tathā dakṣiṇam
den ausgestreckten rechten Fuß (Akk.Sg.)
āpūrya śvasanena
mit Atem füllend (Absol.)
kukṣi-yugalam
beide Flanken (Akk.Sg.)
baddhvā
haltend, bindend (Absol.)
śanaiḥ recayet
langsam lasse man ausströmen (3.Sg.Opt.Kaus.)
eṣā
diese (Nom.Sg.f.)
pātaka-nāśinī
Sünden vernichtend (Nom.Sg.f.)
nanu
fürwahr
mahā-mudrā
die große Mudrā (Nom.Sg.)
nṛṇām procyate
wird den Menschen verkündet (3.Sg.Pass.)

Vers im Śārdūlavikrīḍita-Metrum. Vorlage: badhvā; zu baddhvā normalisiert. = Gorakṣaśataka 33; Yogacūḍāmaṇi 66 (dort vyādhi-vināśinī „Krankheiten vernichtend“); Haṭhapradīpikā 3,10–11.

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