Abschnitt 2: hṛt-padma-dhyānam, amṛta-sthānam
Die Meditation im Herzlotos: Viṣṇu, Brahmā, Śiva; die Stätte des Nektars (Verse 26–40)
Der zweite Abschnitt enthält die eigentlichen Meditationsanweisungen, die dem Text den Namen geben. Der achtblättrige Herzlotos mit zweiunddreißig Staubfäden birgt in seiner Mitte Sonne, Mond, Feuer und Glanz, darin einen edelsteingeschmückten Thron und auf ihm Vāsudeva mit Śrīvatsa und Kaustubha – eine Visualisierung, die der purāṇischen und tantrischen Viṣṇu-Verehrung entstammt. Alternativ werden die drei Atemphasen mit drei Göttern an drei Körperorten verbunden: Mit der Einatmung wird der vierarmige Viṣṇu im Nabel, mit dem Anhalten der viergesichtige Brahmā im Herzen, mit der Ausatmung der dreiäugige Śiva an der Stirn meditiert. Es folgen die Beschreibung des nach unten gewandten Herzlotos, dessen Öffnung den „Herz-Keim“ freigibt, die Lehre vom dreifachen und halbmorigen Praṇava jenseits von Bindu, Nāda und Kalā, das Bild vom Lotosstängel, durch den der Yogin den Wind emporsaugt wie Wasser, und das Hinaufführen des zur Knospe geschlossenen Lotos zum Brauenzentrum. Dort, an der Nasenwurzel, liegt die Stätte des Nektars, „der große Wohnsitz des Brahman“. Mehrere Verse haben enge Parallelen in der Yogatattva-Upaniṣad (136–139).
Der Herzlotos hat acht Blütenblätter und zweiunddreißig Staubfäden. In seiner Mitte steht die Sonne, inmitten der Sonne der Mond,
Wort für Wort
aṣṭa-patram tu
achtblättrig aber (Nom.Sg.n.)
hṛt-padmam
der Herzlotos (Nom.Sg.)
dvātriṃśat-kesara-anvitam
mit zweiunddreißig Staubfäden versehen (Nom.Sg.n.)
tasya madhye
in seiner Mitte (Lok.Sg.)
sthitaḥ bhānuḥ
steht die Sonne (Nom.Sg.)
bhānu-madhya-gataḥ
inmitten der Sonne befindlich (Nom.Sg.)
śaśī
der Mond (Nom.Sg.)
Beginn der Visualisierung Viṣṇus im Herzlotos (Verse 26–29), die an die Meditationsanweisungen der purāṇischen und tantrischen Viṣṇu-Verehrung anknüpft; der achtblättrige Herzlotos wird im Prosaabschnitt (Vers 94) ausführlich behandelt.
und in seiner Mitte den Gott Vāsudeva, den Makellosen, mit dem Śrīvatsa[-Zeichen] und dem Kaustubha[-Juwel] auf der Brust, mit Perlen und Edelsteinen geschmückt,
Wort für Wort
tasya madhya-gatam
in dessen Mitte befindlich (Akk.Sg.)
devam
den Gott (Akk.Sg.)
vāsudevam
Vāsudeva [Viṣṇu-Kṛṣṇa] (Akk.Sg.)
nirañjanam
den Makellosen (Akk.Sg.)
śrīvatsa-kaustubha-uraskam
mit Śrīvatsa und Kaustubha auf der Brust (Akk.Sg.)
muktā-maṇi-vibhūṣitam
mit Perlen und Edelsteinen geschmückt (Akk.Sg.)
Śrīvatsa (Haarlocke bzw. Glückszeichen) und Kaustubha (das bei der Milchozean-Quirlung gewonnene Juwel) sind die klassischen Brustzeichen Viṣṇus.
strahlend wie reiner Bergkristall, mit dem Glanz von zehn Millionen Monden – so meditiere man, von Demut erfüllt, den großen Viṣṇu; oder auch auf folgende Weise:
Mit der Einatmung (pūraka) stelle man sich den großen Viṣṇu vor, [blau] wie die Blüte des Flachses, vierarmig, an der Stelle des Nabels gegründet;
Wort für Wort
atasī-puṣpa-saṃkāśam
der Flachsblüte gleichend (Akk.Sg.)
nābhi-sthāne
an der Stelle des Nabels (Lok.Sg.)
pratiṣṭhitam
gegründet, befindlich (Akk.Sg.)
catur-bhujam
vierarmig (Akk.Sg.)
mahā-viṣṇum
den großen Viṣṇu (Akk.Sg.)
pūrakeṇa
mit der Einatmung (Instr.Sg.)
vicintayet
man stelle sich vor (3.Sg.Opt.Kaus.)
Die Verse 30–32 verbinden die drei Atemphasen mit der Meditation der drei Götter an drei Körperorten (Nabel – Herz – Stirn); vgl. Vers 21 mit abweichender Zuordnung. Die Flachsblüte (atasī) ist das übliche Vergleichsbild für Viṣṇus dunkelblaue Hautfarbe.
mit dem Anhalten (kumbhaka) stelle man sich an der Stelle des Herzens Brahmā vor, den auf dem Lotos Sitzenden, rötlich-hell strahlend, viergesichtig, den Urahn;
recakena tu vidyātmā lalāṭa-sthaṃ tri-locanam | śuddha-sphaṭika-saṃkāśaṃ niṣkalaṃ pāpa-nāśanam ||32||
mit der Ausatmung (recaka) aber [stelle sich] der, dessen Selbst Wissen ist, den Dreiäugigen (Śiva) auf der Stirn vor, strahlend wie reiner Bergkristall, ohne Teile (niṣkala), die Sünden vernichtend.
Wort für Wort
recakena tu
mit der Ausatmung aber (Instr.Sg.)
vidyā-ātmā
dessen Selbst Wissen ist (Nom.Sg.)
lalāṭa-stham
auf der Stirn befindlich (Akk.Sg.)
tri-locanam
den Dreiäugigen (Akk.Sg.)
śuddha-sphaṭika-saṃkāśam
reinem Bergkristall gleichend (Akk.Sg.)
niṣkalam
ohne Teile (Akk.Sg.)
pāpa-nāśanam
Sünden vernichtend (Akk.Sg.)
Zweiter Halbvers = Yogatattva-Upaniṣad 139. Der Dreiäugige ist Śiva; die Stirn entspricht dem Brauenzentrum (vgl. Vers 40).
[Man betrachte den Herzlotos:] mit Lotosblättern, die Blüte nach unten, den Stiel nach oben, nach unten gewandt, der Bananenblüte gleich, aus allen Veden bestehend, heilbringend (śiva),
Wort für Wort
abja-patram
mit Lotosblättern (Akk.Sg.)
adhaḥ-puṣpam
mit der Blüte nach unten (Akk.Sg.)
ūrdhva-nālam
mit dem Stiel nach oben (Akk.Sg.)
adhaḥ-mukham
nach unten gewandt (Akk.Sg.)
kadalī-puṣpa-saṃkāśam
der Bananenblüte gleichend (Akk.Sg.)
sarva-veda-mayam
aus allen Veden bestehend (Akk.Sg.)
śivam
heilbringend, glückverheißend (Akk.Sg.)
Vorlage: añjapatram (sinnlos); zu abja-patram („lotosblättrig“) berichtigt – die Devanāgarī-Ligaturen ñj und bj sind leicht zu verwechseln. Parallele: Yogatattva-Upaniṣad 137–138 (hṛdi sthāne sthitaṃ padmaṃ tasya vaktram adhomukham | ūrdhva-nālam …). Die Akkusative der Verse 33–34 hängen von cintayet in Vers 34 ab.
hundertspeichig, reich an hundert Blütenblättern, mit ausgebreitetem Lotos-Fruchtboden; dort stelle man sich Sonne, Mond und Feuer übereinander vor.
Wort für Wort
śata-aram
hundertspeichig (Akk.Sg.)
śata-patra-āḍhyam
reich an hundert Blütenblättern (Akk.Sg.)
vikīrṇa-ambuja-karṇikam
mit ausgebreitetem Lotos-Fruchtboden (Akk.Sg.)
tatra
dort
arka-candra-vahnīnām
Sonne, Mond und Feuer (Gen.Pl.)
upari upari
übereinander, eines über dem anderen
cintayet
man stelle sich vor (3.Sg.Opt.Kaus.)
Sonne, Mond und Feuer übereinander: vgl. die Schichtung in Vers 26–27 und die drei Lichter im Sahasrāra der tantrischen Tradition. Der Genitiv arka-candra-vahnīnām steht objektiv zu cintayet.
Nachdem man den Lotos geöffnet hat, [in dem] Mond, Feuer und Sonne des Erwachens [ruhen], entnimmt man ihm den Herz-Keim (hṛd-bīja) und wandelt gewiss [als] das Selbst.
Wort für Wort
padmasya udghāṭanam
das Öffnen des Lotos (Akk.Sg.)
kṛtvā
gemacht habend (Absol.)
bodha-candra-agni-sūryakam
[den Lotos] mit Mond, Feuer und Sonne des Erwachens (Akk.Sg.)
tasya
dessen (Gen.Sg.)
hṛd-bījam
den Herz-Keim (Akk.Sg.)
āhṛtya
herausgenommen habend (Absol.)
ātmānam
das Selbst (Akk.Sg.)
carate
wandelt, bewegt sich (3.Sg.Präs.Med.)
dhruvam
gewiss
Der Hiat āhṛtya ātmānam ist metrisch bedingt. hṛd-bīja: die Keimsilbe im Herzen (nach Vers 2 der Bindu). carate („bewegt sich, wandelt“) mit Akkusativ ist ungewöhnlich; gemeint ist wohl das Eingehen in das Selbst.
tri-sthānaṃ ca tri-mātraṃ ca tri-brahma ca trayākṣaram | tri-mātram ardha-mātraṃ vā yas taṃ veda sa veda-vit ||36||
[Der Praṇava hat] drei Stätten, drei Moren (mātrā), drei Brahmans (Brahmā, Viṣṇu, Rudra) und drei Silben; ob als dreimorig oder als halbe More – wer ihn kennt, ist ein Kenner des Veda.
Wort für Wort
tri-sthānam ca
und mit drei Stätten (Nom./Akk.Sg.n.)
tri-mātram ca
und dreimorig (Nom./Akk.Sg.n.)
tri-brahma ca
und aus drei Brahmans bestehend (Nom./Akk.Sg.n.)
traya-akṣaram
dreisilbig (Nom./Akk.Sg.n.)
tri-mātram
dreimorig (Akk.Sg.)
ardha-mātram vā
oder [als] halbe More (Akk.Sg.)
yaḥ tam veda
wer ihn kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner (Nom.Sg.)
Vgl. Vers 13 und 17 sowie Yogatattva-Upaniṣad 134–135 (trayākṣare … ardham akṣaram). Die drei Stätten sind nach den Versen 30–32 Nabel, Herz und Stirn; die drei Brahmans sind die drei Götter der Guṇas.
taila-dhārām ivācchinna-dīrgha-ghaṇṭā-ninādavat | bindu-nāda-kalātītaṃ yas taṃ veda sa veda-vit ||37||
Wie ein Ölstrahl, wie der ununterbrochene lange Nachhall einer Glocke [ist er]; wer ihn kennt, der jenseits von Bindu, Nāda und Kalā ist, der ist ein Kenner des Veda.
Wort für Wort
taila-dhārām iva
wie einen Ölstrahl (Akk.Sg.)
acchinna-dīrgha-ghaṇṭā-nināda-vat
wie der ununterbrochene lange Nachhall einer Glocke
bindu-nāda-kalā-atītam
jenseits von Bindu, Nāda und Kalā (Akk.Sg.)
yaḥ tam veda
wer ihn kennt (3.Sg.Perf.)
saḥ veda-vit
der ist Veda-Kenner (Nom.Sg.)
Vorlage: tailadhāram; nach Vers 18 zu taila-dhārām berichtigt. Bindu, Nāda und Kalā sind in der tantrischen Mantra-Lehre die feinsten Stufen des verklingenden Oṃ; das Höchste liegt jenseits auch dieser (vgl. Vers 2).
Wie ein Mensch durch den Stängel einer Lotosblume Wasser einsaugt, ebenso soll der Yogin, der auf dem Pfad des Yoga steht, den Wind emporziehen.
Wort für Wort
yathā eva
ebenso wie
utpala-nālena
durch den Stängel des Lotos (Instr.Sg.)
toyam
Wasser (Akk.Sg.)
ākarṣayet
zieht heran, saugt (3.Sg.Opt.Kaus.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
tathā eva
genauso
utkarṣayet
soll emporziehen (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
yoga-pathe sthitaḥ
auf dem Yoga-Pfad stehend (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
Vorlage: yathaivatpalanālena, tathaivaotkarṣayed (Sandhi-Fehler); zu yathaivotpala-nālena und tathaivotkarṣayed berichtigt. Der hohle Lotosstängel als Trinkhalm ist ein in der Haṭha-Literatur verbreitetes Bild für die Suṣumnā.
Man mache [den Praṇava] zur halben More, ziehe den zur Knospe gewordenen Lotos allein durch den [hohlen] Stängel empor und führe [ihn] zwischen den Brauen zur Auflösung.
Wort für Wort
ardha-mātra-ātmakam
zum Wesen der halben More [gemacht] (Akk.Sg.)
kṛtvā
gemacht habend (Absol.)
kośī-bhūtam tu
zur Knospe/Hülle geworden aber (Akk.Sg.)
paṅkajam
den Lotos (Akk.Sg.)
karṣayet
man ziehe (3.Sg.Opt.Kaus.)
nala-mātreṇa
allein durch den [hohlen] Stängel (Instr.Sg.)
bhruvoḥ madhye
zwischen den Brauen (Gen.Du.; Lok.Sg.)
layam nayet
man führe zur Auflösung (3.Sg.Opt.)
Knapp und bildhaft: Der Herzlotos (Verse 33–34) schließt sich zur Knospe (kośī-bhūta) und wird – wie das Wasser im Lotosstängel des vorigen Verses – durch die Suṣumnā zum Brauenzentrum hinaufgezogen, wo der auf die halbe More reduzierte Praṇava sich auflöst (laya).