Quellen der Menschheit

Glossar

Vājasaneyi-Saṃhitā (Śukla-Yajurveda) · 39 Begriffe

Agni
Mittler zwischen Menschen und Göttern, der die Opfergaben zu den Göttern trägt; in der Vājasaneyi-Saṃhitā zugleich Adressat zahlloser Einzelformeln beim Entzünden, Schüren und Versorgen des Opferfeuers sowie zentrale Gottheit des Agnicayana, des Altarbaus. Gott des (Opfer-)Feuers
Indra
Kriegerischer Hauptgott des vedischen Pantheons, Bezwinger des Vṛtra; im Yajurveda vor allem als Empfänger von Soma-Trankspenden und als Schutzgott königlicher Riten (Rājasūya, Vājapeya) angerufen. Gott des Gewitters und König der Götter
Soma
Der aus einer (heute nicht mehr sicher identifizierten) Pflanze gepresste berauschende Opfertrank sowie die ihn verkörpernde Gottheit; das Somaopfer (Adhyāya 3–8) bildet das Zentrum des gesamten śrauta-Opfersystems, dem sich fast alle übrigen Rituale anschließen. Somapflanze/-trank und ihr Gott
Varuṇa
Wächter des Ṛta, oft mit Mitra als Paar (Mitrā-Varuṇā) angerufen; ihm eigen sind die "Fesseln" (pāśa), mit denen er Eidbrüchige straft, ein häufiges Motiv in Sühne- und Bindeformeln. Gott der kosmischen Ordnung und Hüter der Eide
Mitra
Fast stets zusammen mit Varuṇa als Götterpaar Mitrā-Varuṇā genannt; verkörpert die vertragliche, freundschaftliche Seite der kosmischen Ordnung, wie Varuṇa deren strafende. Gott des Vertrags und der Freundschaft
Savitṛ
Gott, der Sonne, Welt und Menschen in Bewegung setzt und wieder zur Ruhe bringt; Adressat der berühmten Sāvitrī (Gāyatrī-Mantra) und zahlreicher Formeln, die um ungehinderten Antrieb (prasava) bitten. "Antreiber", Sonnengott der Anregung
Sūrya
Im Unterschied zu Savitṛ eher die sichtbare Sonnenscheibe als Gottheit; der Legende nach offenbarte Sūrya, in Gestalt eines Pferdes, dem Yājñavalkya die Vājasaneyi-Saṃhitā. Sonnengott, die Sonne selbst
Rudra
Ambivalente, gefürchtete Gottheit, Vorläufer des späteren Śiva; Adressat der großen Litanei Śatarudriya (Adhyāya 16), die ihn unter hunderten Beinamen anruft, um seine zerstörerische Kraft von den Opfernden abzulenken. Gott des Sturms, Schrecken und Heilung
Prajāpati
Ursprungsgottheit, die sich in der kosmogonischen Spekulation des späten Veda selbst als Opfer darbringt und so die Welt hervorbringt; zentrale Figur der großen Opfer Aśvamedha, Puruṣamedha und Sarvamedha. "Herr der Geschöpfe", Schöpfergott
Hiraṇyagarbha
Kosmogonische Urgestalt, aus der sich das Weltall entfaltet, gleichgesetzt mit Prajāpati; Titelfigur des in mehreren Adhyāyas wiederkehrenden Hiraṇyagarbha-Hymnus mit dem Kehrreim "welchem Gott sollen wir mit der Opferspende huldigen?". "Goldener Keim/Embryo"
Vāyu
Gott des Windes und Atems, oft eng mit Indra verbunden (Vāyu erhält traditionell die erste Soma-Spende); im Yajurveda häufig zusammen mit Prāṇa (Lebensatem) gedacht. Windgott
Aśvin
Zwillingsgötter der Morgen- und Abenddämmerung, Heiler und Retter in Not; in Litaneien meist im Dual (Aśvinā) angerufen. Die beiden göttlichen Ärzte-Zwillinge
Sarasvatī
Ursprünglich Personifikation eines (heute verschwundenen) Flusses, zugleich Göttin der Sprache und Eingebung; oft mit Iḷā und Bhāratī zur Göttertriade der "drei Frauen" (tisro devīḥ) gruppiert. Flussgöttin und Göttin der Rede/Weisheit
Puruṣa
Der tausendköpfige Urmensch des Puruṣasūkta (Adhyāya 31, wörtlich aus dem Ṛgveda übernommen), aus dessen rituell zerteiltem Leib die Welt und die vier gesellschaftlichen Stände (varṇa) hervorgehen; Vorbild des Puruṣamedha. "Urmensch", der kosmische Mensch
Yajña
Der zentrale Begriff des vedischen Ritualsystems: das rechte, formelgemäße Opfer, oft selbst quasi-personifiziert als kosmische Kraft angesprochen, die "sich fügen" oder "gedeihen" möge. Opfer(handlung)
Ṛta
Das dem Kosmos, dem Ritual und dem sittlichen Handeln gemeinsam zugrundeliegende Prinzip rechter Ordnung, dessen Verletzung (anṛta) Unheil nach sich zieht; Gegenstück u. a. in vielen Reinigungs- und Sühneformeln. Die kosmische Wahrheit/Ordnung
Brahman
In der Vājasaneyi-Saṃhitā noch überwiegend konkret als wirkkräftige heilige Formel bzw. das sie tragende geistige Vermögen verstanden; in der abschließenden Īśā-Upaniṣad (Adhyāya 40) bereits im späteren, absoluten Sinn als letzter Weltgrund gebraucht. Das Absolute; auch: heilige Rede/Formel
Ātman
In der Īśā-Upaniṣad (Adhyāya 40) zentraler Begriff für das alldurchdringende wahre Selbst, dessen Erkenntnis Leidfreiheit und Furchtlosigkeit verbürgt. Das Selbst
Dīkṣā
Der Zustand rituell-asketischer Weihung, den der Opferherr (Yajamāna) vor dem Somaopfer und anderen Großriten durchläuft; verbunden mit Enthaltsamkeitsvorschriften und eigenen Formeln (u. a. Adhyāya 1). Weihe, rituelle Konsekration
Yajamāna
Der Stifter des Opfers (oft ein verheirateter Hausherr oder König), in dessen Namen die Priester das Ritual vollziehen und dem seine Früchte (Nachkommenschaft, Wohlstand, Ansehen) zugutekommen sollen. Opferherr, der das Opfer in Auftrag gibt
Adhvaryu
Der Priester, der die eigentlichen Ritualhandlungen vollzieht und dabei die Formeln der Vājasaneyi-Saṃhitā spricht; sein Handbuch ist eben diese Saṃhitā, während Hotṛ, Udgātṛ und Brahman auf Ṛg-, Sāma- bzw. Atharvaveda zurückgreifen. Der ausführende Opferpriester
Hotṛ
Der Priester, der die aus dem Ṛgveda stammenden Preislieder rezitiert; in der Vājasaneyi-Saṃhitā erscheinen seine charakteristischen Anrufungsformeln ("Hotā yakṣat") an vielen Stellen der großen Opfer. Der rezitierende Opferpriester
Yūpa
Der hölzerne, rituell konsekrierte Pfosten, an dem das Opfertier gebunden wird; seine Errichtung und Weihe (u. a. Adhyāya 6) ist Gegenstand eigener Formelgruppen. Opferpfosten
Agnicayana
Monumentales, mehrtägiges Ritual des Schichtens eines aus tausenden einzeln geweihten Backsteinen errichteten, meist vogelförmigen Feueraltars; Gegenstand der Adhyāyas 11–18, eingebettet in zahlreiche Identifikations- und Weihformeln. Der Bau des (vogelförmigen) Feueraltars
Vājapeya
Prestigeträchtiges Somaopfer (Adhyāya 9–10), das dem Opferherrn gesteigerten Rang verleiht; charakteristisch ist ein rituelles Wagenrennen, das seinen Sieg über gesellschaftliche Rivalen symbolisch vorwegnimmt. "Trank der Kraft", ein Somaopfer mit Wettrennen
Rājasūya
Das große Konsekrationsritual, durch das ein Fürst formell zum König geweiht wird, mit Besprengungen, Würfelspiel-Episoden und Huldigungsformeln (Adhyāya 9–10). Königsweihe
Aśvamedha
Das große königliche Herrschaftsritual, bei dem ein frei umherziehender Hengst ein Jahr lang von Kriegern begleitet wird, ehe er geopfert wird; Gegenstand der Adhyāyas 22–25 mit ihren umfangreichen Tier- und Körperteil-Identifikationslisten. Roßopfer
Puruṣamedha
Ein dem Aśvamedha nachgebildetes Großritual (Adhyāya 30), in dem zahlreiche Menschen verschiedenster Stände und Berufe symbolisch als Opfergaben aufgezählt, tatsächlich aber – so die überwiegende Forschungsmeinung und der Ritualtext selbst – am Ende freigelassen werden. "Menschenopfer"
Sarvamedha
Abschließendes Großritual (Adhyāya 32), in dem der Opferherr symbolisch seinen gesamten Besitz hingibt, bevor er sich in den Wald zurückzieht – ritueller Übergang vom Hausherrenleben zur Askese. "Allopfer"
Pitṛmedha
Formeln zur Einäscherung und Bestattung der Toten sowie zu ihrer Aufnahme unter die Ahnen (Pitaras) (Adhyāya 35). Bestattungsriten, "Ahnenopfer"
Pravargya
Esoterisches, dem eigentlichen Somaopfer vorgeschaltetes Ritual, bei dem in einem tönernen Gefäß (Mahāvīra) heiße Milch dargebracht und mit Sonne und Lebensatem (Prāṇa) gleichgesetzt wird (Adhyāya 36–39). Vorbereitendes Milch-Erhitzungsritual
Śatarudriya
Berühmte, in Adhyāya 16 überlieferte lange Litanei, die Rudra unter hunderten Namen und Erscheinungsformen (Bergbewohner, Räuber, Handwerker, Tierherr u. v. a.) anruft, um seine gefürchtete Macht zu besänftigen. Die "Hundert-Rudra"-Litanei
Puruṣasūkta
Der aus dem Ṛgveda (10.90) übernommene, in Adhyāya 31 wiedergegebene Schöpfungshymnus vom kosmischen Urmenschen Puruṣa, dessen Zerteilung Welt und Gesellschaftsordnung hervorbringt. "Hymnus vom Urmenschen"
Īśāvāsya-Upaniṣad
Auch Īśā-Upaniṣad genannt; die kürzeste der "Haupt-Upaniṣaden" (18 Verse), die als Adhyāya 40 die Vājasaneyi-Saṃhitā beschließt und das Verhältnis von rechtem Handeln und befreiendem Wissen verhandelt. Die den Yajurveda abschließende Upaniṣad
Vājasaneyin
Nach ihrem legendären Stifter Yājñavalkya, dem Sūrya die Lehre in Gestalt eines Pferdes (vājin) offenbart haben soll, benannte Priesterschule; überliefert in den Rezensionen Mādhyandina und Kāṇva. Die Schule des Śukla-Yajurveda
Śatapatha-Brāhmaṇa
Die zur Vājasaneyi-Saṃhitā gehörige, um ein Vielfaches umfangreichere Ritualerklärung in Prosa, überliefert in derselben Vājasaneyin-Schule; ihr letztes Buch bildet die eigenständig überlieferte Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad. "Brāhmaṇa der hundert Pfade"
Kaṇḍikā
Die kleinste durchgezählte Texteinheit der Saṃhitā, meist ein zusammenhängender Opferspruch oder eine Formelgruppe, nicht notwendig metrisch gebunden wie ein Ṛgveda-Vers. Sinnabschnitt (hier als "Vers" gezählt)
Svāhā
Formelhafter Ausruf, der die Darbringung einer Feuerspende begleitet und abschließt; durchzieht als Kehrreim zahllose Litaneien der Saṃhitā. Opferruf beim Guss der Spende
Upayāma
Feste Formel ("upayāmagṛhīto'si"), mit der der Adhvaryu beim Somaopfer die einzelnen Opfergefäße "zum Halt ergreift", bevor er sie einer Gottheit weiht. Der Somagefäß-Ergreifungsspruch