Quellen der Menschheit

Vājasaneyi-Saṃhitā (Śukla-Yajurveda)

Vollständige zweisprachige Ausgabe (Mādhyandina-Rezension): Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung und Glossar.

Veda-Saṃhitās · 40 Adhyāyas · 1.973 Kaṇḍikās

Interaktive LeseansichtGlossar

Vorwort

Die Vājasaneyi-Saṃhitā liegt hier in der Rezension der Mādhyandina-Schule vor, der heute im Norden und Westen Indiens am weitesten verbreiteten der beiden vollständig erhaltenen Fassungen des Śukla- ("weißen") Yajurveda; die zweite, in Andhra und Karnataka verbreitete Kāṇva-Rezension weicht in Zählung, Wortlaut und Anordnung einzelner Abschnitte ab, folgt aber im Wesentlichen demselben Ritualgang. Der Text gliedert sich in 40 Adhyāyas (Kapitel) mit insgesamt 1973 Kaṇḍikās (Sinnabschnitten, hier als Verse gezählt) und begleitet der Reihe nach die großen Opfer des śrauta-Ritualsystems: die Neu- und Vollmondopfer sowie das tägliche Agnihotra (Adhyāya 1–2), Cāturmāsya und Soma-Vorbereitung (Adhyāya 3–8), Vājapeya und Rājasūya (Adhyāya 9–10), den Bau des Feueraltars, Agnicayana, samt der berühmten Rudra-Litanei Śatarudriya (Adhyāya 11–18), Sautrāmaṇī (Adhyāya 19–21), Aśvamedha, das Roßopfer (Adhyāya 22–25), weitere Ergänzungshymnen (Adhyāya 26–29), Puruṣamedha und Sarvamedha (Adhyāya 30–32), Pitṛmedha, die Bestattungsriten (Adhyāya 35), sowie Pravargya (Adhyāya 36–39). Den Abschluss bildet, gewissermaßen als philosophische Summe des vorangegangenen Ritualwerks, die Īśāvāsya-Upaniṣad (Adhyāya 40) – eine der ältesten und einflussreichsten Upaniṣaden, die trotz ihrer Kürze bis heute als eigenständiger Text gelesen und kommentiert wird (u. a. von Śaṅkara).

Als Sanskrit-Grundlage diente die digitalisierte Textfassung des Vedic Heritage Portal, wie sie im offen zugänglichen DharmicData-Repositorium (github.com/bhavykhatri/DharmicData) vorliegt. Diese portalseitige Digitalisierung wurde vor Übersetzungsbeginn einer systematischen Qualitätsprüfung unterzogen: Zwei durchgängige Kodierungsfehler (eine Verwechslung von Anusvāra und dem lateinischen Buchstaben 'j' sowie von Visarga und Doppelpunkt) wurden korpusweit identifiziert und behoben, ebenso mehrere vereinzelte Fehlstellen, die sich durch Sanskrit-Morphologie oder Abgleich mit der parallelen Kāṇva-Rezension eindeutig auflösen ließen; die resultierende Kaṇḍikā-Zählung wurde zusätzlich gegen eine unabhängige Referenzzählung geprüft. Zwei genuine Zählungslücken im Quelltext (Adhyāya 13 nach Kaṇḍikā 55, Adhyāya 15 nach Kaṇḍikā 49) wurden nicht künstlich geschlossen, sondern als das behandelt, was sie sind: Der jeweils folgende Inhalt schließt sich der vorherigen Kaṇḍikā an, ohne dass eine eigene Nummer vergeben wurde. Für die Devanāgarī-Umschrift wurde eigens ein Transliterationsmodul nach demselben unbetonten IAST-Konventionssystem erstellt, das bereits für Ṛgveda und Atharvaveda-Saṃhitā dieser Reihe verwendet wird (vedische Akzentzeichen werden also nicht wiedergegeben).

Die deutsche Übersetzung folgt der für diese Reihe entwickelten mehrstufigen Methode: einem ersten wörtlichen Durchlauf direkt aus dem Sanskrit, einer zweiten, um natürliches Deutsch bemühten Überarbeitung und einem dritten, unabhängigen Kontrolldurchlauf. Anders als die inhaltlich vielgestaltige Atharvaveda-Saṃhitā ist die Vājasaneyi-Saṃhitā fast durchweg formelhafte Ritualsprache – kurze Anrufungen, Opfersprüche und Litaneien, oft mit langen Aufzählungen (Götternamen, Opfertiere, Körperteile in Identifikationsformeln) und häufigen Wiederholungen mit nur geringfügigen Wortänderungen. Wo eine Kaṇḍikā einer bereits übersetzten nahezu wortgleich entspricht, weist die Wort-für-Wort-Ansicht auf die frühere Stelle zurück und hebt nur die abweichenden Wörter hervor, statt den ohnehin repetitiven Text vollständig zu wiederholen. Unsichere Wortbedeutungen und ungeklärte Realien – von denen es in den Aufzählungen seltener Tier-, Pflanzen- und Ritualgerätnamen nicht wenige gibt – sind durchgehend mit `[?]` gekennzeichnet, statt stillschweigend geglättet zu werden. Die für den Śukla-Yajurveda grammatisch besonders diffizile Unterscheidung des vedischen `mā` als Vetitiv-Partikel ("nicht", mit Injunktiv) gegenüber dem enklitischen Akkusativpronomen ("mich/mir") wurde in jedem Einzelfall eigens aus dem Kontext bestimmt.

Einführung

Der Yajurveda ("Veda der Opfersprüche") ist von den vier Veden derjenige, der am unmittelbarsten auf den praktischen Vollzug des großen śrauta-Opfers bezogen ist: Während der Ṛgveda die an die Götter gerichteten Preislieder und der Sāmaveda deren melodische Vortragsform bewahrt, versammelt der Yajurveda die Opferformeln (Yajus), die der Adhvaryu-Priester bei jeder einzelnen Handhabung während des Opfers spricht – beim Ausmessen des Opferplatzes, beim Entzünden des Feuers, beim Darbringen der Gaben. Er zerfällt seit alters in zwei grundverschiedene Überlieferungsstränge: den "schwarzen" (Kṛṣṇa-) Yajurveda der Schulen Taittirīya, Maitrāyaṇī, Kāṭhaka und Kapiṣṭhala, in dem Opferformel (Mantra) und erläuternde Ritualprosa (Brāhmaṇa) im selben Textkorpus vermischt vorliegen, und den "weißen" (Śukla-) Yajurveda der Vājasaneyin-Schule, der beides sauber trennt: Die Mantras stehen für sich in der Vājasaneyi-Saṃhitā, während die dazugehörige, um ein Vielfaches umfangreichere Ritualerklärung im gesonderten Śatapatha-Brāhmaṇa ("Brāhmaṇa der hundert Pfade") überliefert ist. Der Legende nach offenbarte der Sonnengott Sūrya, in Gestalt eines Pferdes (vājin), dem Weisen Yājñavalkya diese Textfassung, nachdem dieser sich von seinem Lehrer Vaiśampāyana und dessen älterer, "schwarzer" Lehrüberlieferung losgesagt hatte – eine Ursprungserzählung, die zugleich den Schulnamen Vājasaneyin ("die vom Pferdenachkommen [Ausgehenden]") erklärt.

Die Vājasaneyi-Saṃhitā selbst enthält, abgesehen von wenigen erzählenden oder spekulativen Einschüben, kaum eigenständige poetische Dichtung: Ein erheblicher Teil ihrer Verse ist wörtlich oder in leichter Abwandlung dem Ṛgveda entnommen und für den neuen rituellen Zusammenhang neu angeordnet; hinzu kommen zahlreiche genuin yajurvedische Prosaformeln, die für einzelne Ritualhandlungen eigens geprägt wurden. Ihr Aufbau folgt, anders als der eher thematisch geordnete Atharvaveda, streng dem chronologischen Ablauf der großen Opfer: von den regelmäßig wiederkehrenden Neu- und Vollmondopfern und dem täglichen Agnihotra über das Soma-Opfer, den königlichen Weihungsritus Rājasūya und den kompetitiven Trankopfer-Ritus Vājapeya bis zum monumentalen Agnicayana, dem Aufbau des vogelförmigen Feueraltars aus tausenden einzeln geweihten Ziegeln, in dessen Verlauf auch die berühmte Rudra-Litanei Śatarudriya rezitiert wird. Es folgen die selteneren, gesellschaftlich exponierten Großopfer – Aśvamedha (Roßopfer), Puruṣamedha (das nur noch symbolisch, mit anschließender Freilassung der "Opfertiere" vollzogene Menschenopfer) und Sarvamedha ("Allopfer") – sowie abschließend die Pitṛmedha (Bestattungsriten) und die eigentümlichen, esoterischen Pravargya-Zeremonien.

Den eigentlichen Abschluss der Saṃhitā bildet mit Adhyāya 40 ein Text, der aus diesem Ritualzusammenhang deutlich herausfällt: die Īśāvāsya- oder Īśā-Upaniṣad, benannt nach ihrem einleitenden Wort īśā ("vom Herrn [bewohnt]"). In dieser Mādhyandina-Zählung 17 Kaṇḍikās umfassend (andere Editionen und die Kāṇva-Rezension zählen, bei teils abweichender Versfolge im Schlussteil, 18 Verse), verhandelt sie in dichter, oft paradoxaler Sprache das Verhältnis von Handeln (karman) und Wissen (vidyā), von Werden (sambhūti) und Nicht-Werden (asambhūti), und mahnt zu einem Leben in der Welt, das zugleich innerlich unberührt ("vom Genuss zurückgezogen", tena tyaktena bhuñjīthāḥ) bleibt. Sie gehört zu den zehn oder zwölf "Haupt-Upaniṣaden", die die spätere vedāntische Tradition, allen voran Śaṅkara, eigens kommentiert hat, und markiert damit exemplarisch den in mehreren vedischen Schulen zu beobachtenden Übergang vom Opferritual zur philosophischen Reflexion über dessen letzten Sinn. Die umfangreichste dieser Übergangsschriften der Vājasaneyin-Schule ist freilich nicht die knappe Īśā-Upaniṣad selbst, sondern die dem Śatapatha-Brāhmaṇa als letztes, vierzehntes Buch angehängte Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad ("Große-Wald-Upaniṣad"), die mit ihren ausführlichen Lehrgesprächen des Yājñavalkya zu Ātman und Brahman zu den bedeutendsten Texten der gesamten upaniṣadischen Literatur zählt.

Maßgebliche kritische Ausgabe der Mādhyandina-Rezension blieb lange die von Albrecht Weber (Vājasaneyi-Sanhitā in the Mādhyandina- and the Kāṇva-Śākhā, Berlin/London 1852); eine vollständige englische Übersetzung legte Ralph T. H. Griffith vor (The Texts of the White Yajurveda, Benares 1899). Eine vollständige deutsche Übersetzung der Vājasaneyi-Saṃhitā ist, soweit bekannt, bislang nicht erschienen. Die vorliegende Ausgabe setzt damit die im Rahmen dieser Reihe begonnene Übersetzung der vedischen Kernsammlungen fort – nach der Atharvaveda-Saṃhitā der zweite hier vollständig übersetzte Veda – und bereitet zugleich den Boden für die in Aussicht genommene Übersetzung des Śatapatha-Brāhmaṇa und der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad, die mit der Vājasaneyi-Saṃhitā jene enge, oben skizzierte Traditionseinheit der Vājasaneyin-Schule bilden.

Inhalt