Atharvaveda-Saṃhitā
Vollständige zweisprachige Ausgabe (Śaunaka-Rezension): Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung und Glossar.
Veda-Saṃhitās · 724 Sūktas · 5.650 Mantras
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Vorwort
Die Atharvaveda-Saṃhitā liegt hier in der Rezension der Śaunakīya-Schule vor – neben der nur bruchstückhaft und in jüngerer Zeit edierten Paippalāda-Rezension die einzige vollständig überlieferte Fassung dieses vierten Veda. Sie umfasst zwanzig Kāṇḍas (Bücher) mit stark wechselndem Charakter: Die ersten sieben Bücher versammeln überwiegend kurze, formelhafte Sprüche zu Heilung, Schutz, Liebe, Wohlstand und – seltener – zu feindlichem Zauber; ab Buch 8 folgen zunehmend lange, spekulative Hymnen kosmologischen und philosophischen Inhalts (etwa der Skambha-Hymnus in Buch 10 oder das berühmte "Hymnus an die Erde", Pṛthivī-Sūkta, in Buch 12); die Bücher 13 bis 18 behandeln in eigenen thematischen Zyklen die Sonnengottheit Rohita, Ehe- und Bestattungsriten sowie die rätselhafte Vrātya-Bruderschaft; Buch 19 versammelt jüngere Nachträge verschiedenster Art, und Buch 20 besteht großenteils aus wörtlich oder fast wörtlich aus dem Ṛgveda übernommenen Versen, die für ein eigenes, am Königshof vollzogenes Ritual (u. a. die sogenannten Kuntāpa-Hymnen) neu zusammengestellt wurden. Diese Ausgabe zählt entsprechend ihrer digitalen Vorlage 724 Sūktas mit insgesamt 5650 Versen; andere Editionen (etwa die Whitney-Lanmans) kommen bei abweichender Vers- und Hymnenzählung auf leicht andere Gesamtzahlen, ohne dass sich der Textbestand dadurch wesentlich unterscheidet.
Der Sanskrit-Text folgt der digitalen Ausgabe "Atharvaveda-Saṃhitā, Śaunaka-Rezension", die auf der Transliteration von Chatia Orlandi (Gli inni dell'Atharvaveda [Śaunaka], Pisa 1991) beruht, mit der Ausgabe von Rudolf Roth und William Dwight Whitney (Atharva Veda Sanhita, Berlin 1856) kollationiert und von Vladimír Petr und Petr Vavroušek erfasst wurde; die TITUS-Redaktion besorgte Jost Gippert (1997), den Text der Bücher 11–20 verbesserten Arlo Griffiths und Philipp Kubisch, eine weitere Durchsicht der Gesamtausgabe erfolgte durch Arlo Griffiths (2009). Die Kāṇḍa- und Sūkta-Zählung dieser Ausgabe folgt durchgehend Roth/Whitney; die in mancher gedruckten Ausgabe zusätzlich vermerkte Zählung nach Viśva Bandhus Edition (Hoshiarpur 1960–1964) wurde nicht mit übernommen. Die deutsche Übersetzung entstand direkt aus diesem Sanskrit-Text, in mehreren Durchläufen erarbeitet und unabhängig kontrollgelesen, ohne Rückgriff auf das Gedächtnis bestehender Übersetzungen (etwa Whitneys/Lanmans klassische englische Übertragung oder Bloomfields Teilübersetzung).
Die Atharvaveda-Saṃhitā gilt seit jeher als der sprachlich und inhaltlich schwierigste der vier Veden: Neben zahlreichen Hapax legomena, dunklen Realien der Volksmagie und dialektalen Eigenheiten bereiten besonders die langen spekulativen Hymnen (Skambha, Vrātya, Rohita) erhebliche Deutungsprobleme, zu denen die Fachliteratur bis heute unterschiedliche Lesarten anbietet. Dieser Ausgabe liegt entsprechend besondere Zurückhaltung zugrunde: Unsichere Wortbedeutungen, alternative grammatische Deutungen und ungeklärte Realien sind im Text durchgehend mit `[Anm.: …]`, inhaltlich nicht mit Sicherheit rekonstruierbare Stellen mit `[?]` gekennzeichnet, statt stillschweigend geglättet zu werden. Wer sich für die textkritischen Einzelheiten und die Forschungsdiskussion zu einzelnen Cruces interessiert, sei auf die einschlägige Fachliteratur (Whitney/Lanman, Bloomfield, Griffith sowie die neuere Spezialliteratur zu einzelnen Hymnenkomplexen) verwiesen.
Einführung
Der Atharvaveda nimmt unter den vier Veden eine Sonderstellung ein. Während Ṛg-, Sāma- und Yajurveda gemeinsam die ältere "dreifache Wissenschaft" (trayī vidyā) des großen Soma-Opfers bilden, wird der Atharvaveda erst verhältnismäßig spät, und nicht überall unangefochten, als vierter Veda anerkannt; ältere Aufzählungen kennen mitunter nur die drei älteren Sammlungen. Sein Name verweist auf zwei mythische Sehergeschlechter, die Atharvans und die Aṅgiras, denen die Tradition seine Sprüche zuschreibt – daher auch die ältere Doppelbezeichnung "Atharvāṅgirasaḥ". Die beiden Namen stehen zugleich für zwei unterschiedliche Traditionsstränge innerhalb der Sammlung: die eher heilend-schützenden, "friedvollen" (śānta) Sprüche der Atharvan-Tradition und die aggressiv-magischen (abhicārika) Sprüche der Aṅgiras-Tradition, die auf Schädigung von Feinden zielen. In der späteren brahmanischen Systematik wird der Atharvaveda zudem eng mit dem Amt des Brahman verknüpft, jenes vierten, schweigend über die Korrektheit des gesamten Opfers wachenden Priesters – eine Zuordnung, die dem ursprünglich eher am Rand der großen Śrauta-Opfertradition stehenden Text nachträglich einen festen Platz im vierfachen Priestersystem sichert (vgl. dazu ausführlich das im Rahmen dieser Reihe bereits vollständig übersetzte Gopatha-Brāhmaṇa, das eigens die Vorrangstellung des atharvavedischen Brahman-Priesters verteidigt).
Inhaltlich ist die Saṃhitā ungewöhnlich heterogen. Die ersten sechs, überwiegend kurzen Bücher enthalten das, was gemeinhin mit dem Atharvaveda assoziiert wird: Heilsprüche gegen Fieber (Takman), Auszehrung (Yakṣma), erbliche Leiden (Kṣetriya) und andere personifizierte Krankheiten; Schutzsprüche gegen Dämonen (Rakṣas), feindlichen Zauber (Kṛtyā) und Schlangen; Liebes- und Ehezauber; Sprüche für Wohlstand, langes Leben und Königsweihe; sowie – seltener, aber ebenfalls vertreten – aggressive Sprüche gegen Rivalen und Feinde. Buch 7 bildet mit seinen sehr kurzen, oft nur einversigen Sprüchen einen Übergang zu den umfangreicheren, zunehmend spekulativen Hymnen der Bücher 8 bis 13: Hier finden sich mit dem Skambha-Hymnus (Buch 10, zur kosmischen "Stütze" allen Seins), dem Prāṇa-Hymnus (Buch 11, zum Lebensatem), dem Hymnus an die Erde (Pṛthivī-Sūkta, Buch 12) und dem Rohita-Zyklus (Buch 13, zur solaren Schöpfergestalt) einige der philosophisch anspruchsvollsten und zugleich sprachlich dunkelsten Partien des gesamten vedischen Corpus – Vorläufer der etwas jüngeren upaniṣadischen Spekulation. Die Bücher 14 (Hochzeitshymnen), 15 (der rätselhafte Vrātya-Zyklus, der eine umherziehende Bruderschaft zum kosmischen Prinzip erhöht), 16–17 (kürzere, gemischte Sprüche) und 18 (die großen Bestattungshymnen, die in Teilen mit dem zehnten Buch des Ṛgveda parallel gehen) schließen sich an; Buch 19 versammelt jüngere, verschiedenartige Nachträge, darunter auch das in die Saṃhitā aufgenommene Puruṣa-Sūkta; Buch 20 schließlich besteht zu weiten Teilen aus wörtlich dem Ṛgveda entlehnten Versen, die für das am Königshof vollzogene Vaitāna-Ritual neu zusammengestellt wurden, darunter die sprachlich notorisch schwierigen Kuntāpa-Rätselhymnen.
In der älteren Forschung wurde der Atharvaveda lange vor allem als Quelle "niederer", volkstümlicher Magie im Unterschied zur "hohen" Opferreligion der übrigen Veden gelesen – eine Einschätzung, die seine eigenständige literarische und religionsgeschichtliche Bedeutung lange verstellt hat. Die neuere Forschung (u. a. Maurice Bloomfield, William Dwight Whitney, später Jan Gonda und Michael Witzel) betont demgegenüber sowohl seinen hohen Quellenwert für Alltagsreligion, Volksmedizin, Familien- und Rechtsbräuche der vedischen Zeit als auch die eigenständige gedankliche Tiefe seiner spekulativen Partien. Maßgebliche kritische Ausgabe blieb lange die von Roth und Whitney (1856); die erste vollständige wissenschaftliche Übersetzung ins Englische legten Whitney und (postum ergänzt von) Charles Rockwell Lanman 1905 in der Harvard Oriental Series vor, ergänzt um Maurice Bloomfields kommentierte Teilübersetzung ausgewählter Hymnen (Sacred Books of the East, Bd. 42, 1897) und Ralph T. H. Griffiths freiere Versübertragung (1895/96). Eine vollständige deutsche Übersetzung der Atharvaveda-Saṃhitā ist, soweit bekannt, bislang nicht erschienen.
Die vorliegende Ausgabe schließt diese Lücke im Rahmen der hier begonnenen Reihe zweisprachiger Veda-Ausgaben und bildet zugleich deren ersten vollständig übersetzten Veda. Sie dient bewusst als Erprobung der für die Reihe entwickelten mehrstufigen Übersetzungsmethode – ein erster grammatisch-wörtlicher Durchlauf direkt aus dem Sanskrit, eine zweite, um natürliches und unverklemmtes Deutsch bemühte Überarbeitung und ein dritter, unabhängiger Kontrolldurchlauf, der Fehldeutungen aufspüren und übersehene Unsicherheiten kenntlich machen sollte – bevor mit ihr auf Yajurveda, Ṛgveda und Sāmaveda fortgefahren wird. Gerade angesichts der sprachlichen Schwierigkeit und der ungewöhnlichen inhaltlichen Breite der Atharvaveda-Saṃhitā, die von kurzen Alltagszaubern bis zu den dunkelsten kosmologischen Spekulationen des vedischen Corpus reicht, hat sich dieser Kontrolldurchlauf als notwendig erwiesen: Er hat in nahezu jedem geprüften Textabschnitt einzelne, teils sinnverändernde Fehldeutungen der Erstübersetzung aufgedeckt und korrigiert und zugleich zahlreiche zusätzliche Unsicherheitsmarkierungen ergänzt – ein Befund, der die für diese Reihe leitende Überzeugung bestätigt, dass gerade beim Atharvaveda mehr als ein Übersetzungsdurchlauf nötig ist, um eine Fassung vorzulegen, die Unklarheiten offen zeigt, statt sie hinter geglätteter Prosa zu verbergen.
Inhalt
- Kāṇḍa 135 von 35 übersetzt
- Kāṇḍa 236 von 36 übersetzt
- Kāṇḍa 331 von 31 übersetzt
- Kāṇḍa 440 von 40 übersetzt
- Kāṇḍa 531 von 31 übersetzt
- Kāṇḍa 6142 von 142 übersetzt
- Kāṇḍa 7118 von 118 übersetzt
- Kāṇḍa 810 von 10 übersetzt
- Kāṇḍa 910 von 10 übersetzt
- Kāṇḍa 1010 von 10 übersetzt
- Kāṇḍa 113 von 3 übersetzt
- Kāṇḍa 125 von 5 übersetzt
- Kāṇḍa 134 von 4 übersetzt
- Kāṇḍa 142 von 2 übersetzt
- Kāṇḍa 1518 von 18 übersetzt
- Kāṇḍa 169 von 9 übersetzt
- Kāṇḍa 171 von 1 übersetzt
- Kāṇḍa 184 von 4 übersetzt
- Kāṇḍa 1972 von 72 übersetzt
- Kāṇḍa 20143 von 143 übersetzt