Quellen der Menschheit

Taittirīya-Saṃhitā (Kṛṣṇa-Yajurveda)

Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung und Glossar.

Veda-Saṃhitās · 44 Prapāṭhakas · 650 Anuvākas

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Vorwort

Die Taittirīya-Saṃhitā liegt hier vollständig vor, gegliedert in 7 Kāṇḍas (Bücher), die sich ihrerseits in insgesamt 44 Prapāṭhakas (Kāṇḍa 1 acht, Kāṇḍa 2 sechs, Kāṇḍa 3 fünf, Kāṇḍa 4 sieben, Kāṇḍa 5 sieben, Kāṇḍa 6 sechs, Kāṇḍa 7 fünf) und diese wiederum in Anuvākas (Abschnitte) unterteilen, von denen der vorliegende Text 650 zählt. Die in der Sekundärliteratur meist genannte traditionelle Zahl von 651 Anuvākas erreicht dieser Text nicht ganz: Zwischen Anuvāka 6 und Anuvāka 8 des zweiten Prapāṭhaka im ersten Kāṇḍa fehlt im Quelltext jede Spur eines Anuvāka 7 – eine echte Lücke in der Zählung, die hier, wie schon bei den anderen vedischen Texten dieser Reihe, nicht stillschweigend durch Verschiebung der nachfolgenden Nummern oder Einfügen eines Platzhalters geglättet, sondern als genuines Merkmal des überlieferten Quelltextes ausgewiesen wird.

Als Grundlage diente eine unbetonte ("niḥsvara") Transliterations-Digitalisierung von sanskritdocuments.org, die für diese Ausgabe mit einem eigens dafür erstellten Transliterationsmodul in dieselbe unbetonte IAST-Konvention überführt wurde, die bereits für Ṛgveda, Atharvaveda-Saṃhitā und Vājasaneyi-Saṃhitā dieser Reihe verwendet wird (vedische Akzentzeichen werden also auch hier nicht wiedergegeben). Vor Übersetzungsbeginn wurde diese Digitalisierung einer eigenen Durchsicht unterzogen: Paratextuelle Einleitungsanrufungen sowie die den einzelnen Prapāṭhakas jeweils angehängten Pratīka-saṃgraha- bzw. Anukramaṇikā-Merkverse (mnemotechnische Stichwort-Zusammenfassungen der vorangegangenen Anuvākas) wurden als Paratext erkannt und aus dem laufenden Saṃhitā-Text ausgeschlossen; eine kleinere Zahl eingestreuter kannada-sprachiger Herausgeberbemerkungen wurde identifiziert und entfernt; und eine Stelle, an der ein einzelnes Wort im Quelltext durch einen unmarkierten Zeilenumbruch im Druckbild auseinandergerissen worden war, wurde erkannt und so korrigiert, dass kein Scheinwortbruch in den Sanskrit-Text gelangte.

Die deutsche Übersetzung folgt derselben mehrstufigen Methode wie die übrigen Bände dieser Reihe: einem ersten wörtlichen Durchlauf, einer zweiten, um natürliches Deutsch bemühten Fassung mit begleitender Wort-für-Wort-Glossierung (bei der Bindestriche die Zerlegung von Komposita und sandhi-verschliffenen Wortgrenzen anzeigen) und einem dritten, unabhängigen Kontrolldurchlauf. Die Taittirīya-Saṃhitā stellt dabei, mehr noch als die Vājasaneyi-Saṃhitā, eine philologisch anspruchsvolle Aufgabe: Insbesondere die langen technischen Aufzählungen – Ritualgerätschaften des Agnicayana, die namentlich benannten Fell- und Farbmarkierungen der Opfertiere in Kāṇḍa 5 – enthalten eine ungewöhnlich hohe Zahl von Hapax legomena, Wörtern also, die im gesamten übrigen Corpus kein zweites Mal belegt sind und deren Bedeutung sich oft nur über spätere Kommentare oder gar nicht erschließen lässt. Solche Stellen sind, wie im Rest dieser Reihe, durchgehend mit `[?]` gekennzeichnet, statt stillschweigend geglättet zu werden.

Einführung

Innerhalb der beiden Überlieferungsstränge des Yajurveda – dem "schwarzen" (Kṛṣṇa-) und dem "weißen" (Śukla-) – ist die Taittirīya-Saṃhitā die bei weitem bedeutendste und am vollständigsten erhaltene Vertreterin des schwarzen Zweigs, neben den kleineren, nur fragmentarisch oder in jüngeren Rezensionen bewahrten Saṃhitās der Maitrāyaṇīya-, Kāṭhaka- und Kapiṣṭhala-Schulen. Anders als die Vājasaneyi-Saṃhitā des Śukla-Yajurveda, die in dieser Reihe bereits vorgestellt wurde und die Opferformel (Mantra) und die erläuternde Ritualprosa (Brāhmaṇa) sauber in zwei gesonderte Werke trennt – die Mantras in der Saṃhitā selbst, ihre Erklärung im gesonderten Śatapatha-Brāhmaṇa –, verwebt die Taittirīya-Saṃhitā beides: Mantra und brāhmaṇaartige Erläuterung stehen nebeneinander, oft im selben Anuvāka und selbst innerhalb desselben Kāṇḍa, ohne dass durchgehend zwischen "Spruch" und "Erklärung" getrennt würde. Auch die Schulen selbst kennen einander ergänzende Gründungslegenden mit gemeinsamer Hauptfigur: Wie im Vorwort zur Vājasaneyi-Saṃhitā berichtet, soll sich Yājñavalkya von seinem Lehrer Vaiśampāyana losgesagt und daraufhin von Sūrya die neue, "weiße" Lehre empfangen haben. Die Kṛṣṇa-Yajurveda-Tradition erzählt dieselbe Geschichte von der anderen Seite: Die von Yājñavalkya zurückgegebene, bereits erlernte Lehre soll Vaiśampāyana seinen übrigen Schülern zum Verzehr aufgetragen haben; diese nahmen sie, in Gestalt von Rebhühnern (tittiri), zu sich auf – nach dem Schüler Tittiri, der die verstreute Lehre so wieder in sich aufnahm, ist die Taittirīya-Schule benannt.

Der inhaltliche Aufbau der Taittirīya-Saṃhitā folgt, trotz der erwähnten Durchmischung von Mantra und Erläuterung, im Großen und Ganzen dem Ablauf der śrauta-Opfer. Kāṇḍa 1 eröffnet mit den Formeln des Neu- und Vollmondopfers sowie allgemeinen Eröffnungsformeln im Umfeld der Feuerlegung (Agnyādhāna); Kāṇḍa 2 setzt dies mit weiteren kleineren Opferformeln fort und enthält daneben mythologisches Erzählgut, darunter Material um Prajāpati, Bṛhaspati, Pūṣan und Soma sowie um die kosmogonische Gestalt des Hiraṇyagarbha. Kāṇḍa 3 wendet sich vor allem der Dīkṣā (Weihe) und dem Tapas (Askese) zu und bringt weiteres mythologisches Erzählgut, unter anderem um die Yatis und die Unheilsgöttin Nirṛti.

Mit Kāṇḍa 4 setzt ein deutlicher inhaltlicher Schwerpunkt ein: Es vereint die einleitenden Formeln des Aśvamedha, des Roßopfers (darunter ein Savitṛ-Hymnus sowie die Weihe von Pflug/Sīra und den vier Himmelsrichtungen), mit umfangreichem Material zum Agnicayana, dem Bau des Feueraltars, der Nakṣatra-Liste der Mondhäuser und der großen Rudra-Litanei Śatarudriya, sowie mit weiteren Roßopfer-Hymnen und einem Viśvakarman-Hymnus. Kāṇḍa 5 führt das Agnicayana-Material fort – mystische Gleichsetzungen rund um die Ziegel (Iṣṭakā) und die Weihe der Ukhā, des irdenen Feuertopfs, sowie ein langer Katalog von Fell- und Farbmarkierungen und Namen der Opfertiere – und schließt mit dem Vātsapra-Hymnus.

Mit Kāṇḍa 6 wechselt der Ton merklich: Es dominiert nun ein ausgesprochen brāhmaṇaartiges, erklärendes und erzählendes Register, das in ätiologischen Mythen – etwa um Devabhāga Śrautarṣi oder die Sṛñjaya-Erzählung – im Wesentlichen begründet, wie das Darśapūrṇamāsa, das tägliche Agnihotra, die Tieropfer und das Somaopfer zu ihrer überlieferten Form gekommen sind; Kāṇḍa 7 setzt diese erklärende Linie fort und behandelt vor allem das Agniṣṭoma-Somaopfersystem sowie die mehrtägigen Ahīna- und die Sattra-Sitzungsopfer, darunter das ganzjährige Gavāmayana, ehe die Saṃhitā mit weiterem Abschlussmaterial endet. Die maßgebliche vollständige Übersetzung ins Englische stammt von Arthur Berriedale Keith (The Veda of the Black Yajus School, entitled Taittirīya Sanhitā, Harvard Oriental Series 18–19, Cambridge MA 1914), der damit für den schwarzen Yajurveda eine der Rolle Griffiths für die Vājasaneyi-Saṃhitā vergleichbare Pionierarbeit leistete; auch die Editionsarbeit Albrecht Webers bereitete den Boden für die kritische Erschließung des Textes. Eine vollständige deutsche Übersetzung der Taittirīya-Saṃhitā ist, soweit ersichtlich, bislang nicht erschienen. Die vorliegende Ausgabe setzt damit die in dieser Reihe begonnene Übersetzung des vedischen Kernkorpus fort – nach Atharvaveda-Saṃhitā und Vājasaneyi-Saṃhitā die dritte hier vollständig übersetzte vedanahe Saṃhitā und die erste Vertreterin des Kṛṣṇa-Yajurveda – und bereitet den Boden für die in Aussicht genommenen nächsten Bände aus demselben vājasaneyinisch-taittirīyischen und kṛṣṇa-yajurvedischen Textumfeld: das Śatapatha-Brāhmaṇa und die Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad.

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