Quellen der Menschheit

Gorakṣaśataka

Vollständige zweisprachige Ausgabe des Gorakṣaśataka.

Haṭha-Yoga · 1 Kapitel · 99 Verse

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Vorwort

Diese Ausgabe legt das Gorakṣaśataka zweisprachig vor: den Sanskrit-Text in lateinischer Umschrift (IAST) neben einer durchgehenden deutschen Übersetzung, Vers für Vers. Grundlage ist in erster Linie die kritische Ausgabe von Swami Kuvalayananda und S. A. Shukla (Kaivalyadhama S.M.Y.M. Samiti, Lonavla, Erstauflage 1958), deren durchlaufende Verszählung 1 bis 101 dieser Ausgabe zugrunde liegt; zur Bedeutungsprüfung wurden ergänzend das unveröffentlichte Arbeitsmanuskript James Mallinsons sowie die ältere, unter G. W. Briggs kursierende Transkription (1938) herangezogen. Die deutsche Übersetzung wurde eigenständig und unmittelbar aus dem Sanskrit erarbeitet.

Für kein anderes Werk dieser Ausgabe ist die Überlieferungslage so uneinheitlich: Unter dem Titel „Gorakṣaśataka“ kursieren mehrere Rezensionen mit deutlich unterschiedlicher Versfolge und -zählung – ein und derselbe Vers erscheint in der Kaivalyadhama-Ausgabe, bei Mallinson und bei Briggs jeweils unter anderer Nummer. Diese Ausgabe folgt durchgehend der Kaivalyadhama/Lonavla-Zählung; zwei Verse (Nr. 81 und 95) fehlen bereits in der zugrunde gelegten Textüberlieferung selbst und wurden, der Grundsatz dieser Ausgabe, keine unbelegten Inhalte zu ergänzen, folgend, als Lücke belassen statt aus einer der abweichend gezählten Parallelausgaben aufgefüllt zu werden. Der Titel „Śataka“ („Hundert[-Verse-Gedicht]“) bezeichnet dabei, wie in dieser Gattung üblich, eine runde Zahl und keine exakte Verszahl.

Einzelne Verse sind in bewusst verhüllender, esoterischer Sprache (sandhābhāṣā) gehalten, deren genauer physiologischer Bezug in der Forschung nicht abschließend geklärt ist; solche Stellen sind im Text durch eine eingeklammerte Anmerkung kenntlich gemacht, statt eine scheinbar eindeutige, tatsächlich aber unsichere Deutung vorzuspiegeln. Eine kurze Einordnung, eine Sachtabelle zu den Cakras und ein Glossar der Fachbegriffe ergänzen den Text.

Einführung

Das Gorakṣaśataka („Hundert Verse des Gorakṣa“) gehört zu den frühesten erhaltenen Lehrgedichten des Haṭha-Yoga und wird dem Nātha-Meister Gorakṣa – besser bekannt unter seinem hindi-sprachigen Namen Gorakhnāth – zugeschrieben. Gorakhnāth gilt in der nach ihm benannten Nātha-Sampradāya-Tradition als Schüler Matsyendranāths und als eigentlicher Begründer des systematischen Haṭha-Yoga; die Forschung datiert das ihm zugeschriebene Werk in das elfte bis zwölfte Jahrhundert, wobei wie bei den meisten Texten dieser mündlich geprägten Tradition offenbleibt, in welchem Umfang der überlieferte Text tatsächlich auf eine einzelne historische Person zurückgeht oder das Ergebnis einer längeren Schulüberlieferung ist.

Die Bedeutung des Gorakṣaśataka liegt vor allem in seiner Stellung als Quelle: Die gut zwei Jahrhunderte jüngere Haṭhapradīpikā des Svātmārāma übernimmt rund dreißig seiner hundert Verse nahezu wörtlich – ein deutliches Zeichen dafür, dass das kurze Lehrgedicht bereits zu einer Art Grundtext der Nātha-Yoga-Tradition geworden war, bevor es von den ausführlicheren späteren Kompendien in den Hintergrund gedrängt wurde. Erst die Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts, allen voran die kritische Ausgabe Kuvalayanandas und Shuklas, machte den Text wieder breiter zugänglich.

Auf knappstem Raum durchmisst das Gorakṣaśataka bereits das gesamte Themenspektrum, das die späteren, ausführlicheren Werke entfalten sollten: Sitzhaltungen, das Nāḍī-System mit Iḍā, Piṅgalā und Suṣumṇā, die Cakras vom Mūlādhāra bis zum Ājñā samt den ihnen zugeordneten Elementen (tattva), die im Wurzelzentrum ruhende Kuṇḍalinī, Grundzüge der Atemlehre und Ernährungsregeln für den Übenden. Den Abschluss bildet, ganz in advaita-vedāntischer Diktion, eine knappe Bestimmung des Brahman als makellosem, ewigem, eigenschaftslosem Bewusstsein – dasselbe letzte Ziel, dem auch die ausführlicheren Werke dieser Ausgabe, die Haṭhapradīpikā und die Śivasaṃhitā, letztlich zustreben.

Inhalt

  • 1GorakṣaśatakaDie Hundert Verse des Gorakṣa. Ein Lehrgedicht des frühen Haṭhayoga99 Verse