Haṭhapradīpikā
Vollständige zweisprachige Ausgabe des klassischen Haṭha-Yoga-Textes von Svātmārāma.
Haṭha-Yoga · 4 Kapitel · 392 Verse
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Vorwort
Diese Ausgabe legt die Haṭhapradīpikā („Licht auf den Haṭha-Yoga“) des Svātmārāma zweisprachig vor: den Sanskrit-Text in lateinischer Umschrift (IAST) neben einer durchgehenden deutschen Übersetzung, Vers für Vers, alle vier Upadeśas (Unterweisungen). Grundlage ist die 1915 im Rahmen der Theosophical Society veröffentlichte, gemeinfreie Sanskrit-Ausgabe Pancham Sinhs; die deutsche Übersetzung wurde eigenständig aus dem Sanskrit erarbeitet, wobei Sinhs englische Fassung zur Absicherung einzelner Bedeutungen herangezogen wurde.
Die Verszählung dieser Ausgabe folgt genau der Vorlage und ergibt insgesamt 392 Verse (70 + 78 + 130 + 114) – geringfügig mehr als die in der Forschungsliteratur meist genannte Zahl von 389, wie sie andere, jüngere Editionen (etwa die Adyar-Ausgabe von 1972) zählen. Solche kleinen Abweichungen von zwei bis drei Versen zwischen Editionen sind bei diesem Werk normal und beruhen meist auf unterschiedlicher Zählung zusammengesetzter oder geteilter Strophen, nicht auf inhaltlichen Unterschieden.
Zur gewünschten „erweiterten Fassung“ mit zusätzlichen, über den klassischen Kernbestand hinausgehenden Versen sei hier offen Rechenschaft abgelegt: Eine gründliche Recherche ergab, dass es tatsächlich eine deutlich umfangreichere Rezension der Haṭhapradīpikā gibt – ein zehnkapitliges, 643 Verse zählendes Handschriftenzeugnis aus der Maharaja Mansingh Pustak Prakash Library in Jodhpur, das vom Lonavla Yoga Institute nach jahrzehntelanger Suche identifiziert und von M. L. Gharote und Parimal Devnath ediert wurde. Diese Fassung ist jedoch keine bloße Ergänzung um zusätzliche Verse innerhalb der bekannten vier Kapitel, sondern eine grundlegend andere Textanordnung mit neuen Kapiteln (u. a. zu Vorzeichen des Todes und zur Kālajñāna-Lehre). Ein verlässlicher, im Volltext zugänglicher Wortlaut dieser Handschriftenfassung ließ sich im Rahmen dieser Ausgabe nicht beschaffen; um keine Verse zu erfinden, die niemand tatsächlich überliefert hat, folgt diese Ausgabe daher dem klassischen, gut gesicherten 389/392-Vers-Kernbestand und dokumentiert die längere Rezension stattdessen in der Einführung als Gegenstand laufender Forschung.
Jedem Upadeśa ist eine kurze Einordnung vorangestellt, Sachtabellen fassen an geeigneten Stellen zusammen, was der Text listenartig aufzählt (die sechs Reinigungshandlungen, die zehn Mudrās), und ein Glossar am Ende des Buches erklärt die wiederkehrenden Fachbegriffe der Haṭha-Yoga-Terminologie.
Einführung
Die Haṭhapradīpikā gilt als das grundlegende und einflussreichste Kompendium des klassischen Haṭha-Yoga. Verfasst wurde sie von Svātmārāma, vermutlich im 15. Jahrhundert; über seine Person selbst ist außer dem Namen kaum etwas bekannt. Das Werk versteht sich ausdrücklich nicht als eigenständige Neuschöpfung, sondern als Zusammenfassung und systematische Aufbereitung einer bereits bestehenden mündlichen und schriftlichen Überlieferung: Bereits im ersten Upadeśa nennt Svātmārāma eine Kette von fünfunddreißig früheren Meistern (siddha) der Nātha-Tradition, angeführt von Ādinātha (mit dem Gott Śiva selbst identifiziert) über Matsyendranātha bis zu Gorakṣanātha, auf deren Autorität er sich beruft.
Zu den älteren Quellen, aus denen die Haṭhapradīpikā schöpft, zählt nach heutigem Forschungsstand auch das kürzere Gorakṣaśataka, dem Svātmārāma rund dreißig Verse nahezu wörtlich entnimmt – ein Umstand, der die enge Verwandtschaft beider Texte und die Stellung der Haṭhapradīpikā als Erbin und Weiterentwicklung der frühen Nātha-Yoga-Literatur deutlich macht. Zusammen mit der ebenfalls in dieser Ausgabe vorgelegten Śivasaṃhitā und der hier nicht enthaltenen Gheraṇḍasaṃhitā bildet die Haṭhapradīpikā die „drei klassischen Texte“ des Haṭha-Yoga, wie sie in der modernen Yogaforschung und -praxis meist genannt werden.
Das Werk gliedert sich in vier Upadeśas (Unterweisungen): Das erste behandelt die Sitzhaltungen (āsana) und die Grundvoraussetzungen der Übung; das zweite die Atemlehre (prāṇāyāma) samt den sechs vorbereitenden Reinigungshandlungen (ṣaṭkarman); das dritte, umfangreichste, die Mudrās und Bandhas zur Erweckung der Kuṇḍalinī; das vierte schließlich den Samādhi als Ziel des Weges, mit besonderem Gewicht auf der Lehre vom inneren Klang (nāda). Durchgängig versteht Svātmārāma den Haṭha-Yoga nicht als eigenständiges Ziel, sondern als notwendige Vorstufe und praktisches Fundament des Rājayoga, der unmittelbaren Versenkung des Geistes – eine Position, die das berühmte Diktum des Textes zusammenfasst, wonach keiner der beiden Wege ohne den anderen zum Ziel führe.
Die Wirkungsgeschichte der Haṭhapradīpikā reicht bis in die Gegenwart: Sie liegt zahlreichen späteren Kommentaren zugrunde, allen voran der ausführlichen Sanskrit-Glosse Jyotsnā des Brahmānanda (19. Jahrhundert), auf die sich die meisten modernen Übersetzungen stützen, und sie gehört bis heute zum festen Lehrkanon vieler Yogalehrer-Ausbildungen. Seit einigen Jahren arbeitet zudem das an der SOAS University of London angesiedelte „Hatha Yoga Project“ an einer neuen kritischen Edition auf breiter Handschriftenbasis, die – ähnlich wie die oben erwähnte Jodhpur-Handschrift – zeigt, dass die gedruckten Standardausgaben nur einen, wenn auch den am besten gesicherten, Ausschnitt einer reicheren handschriftlichen Überlieferung darstellen.
Inhalt
- 1prathamopadeśaḥ (āsana) — wörtlich: "Erste Unterweisung"; im Kolophon des Kapitels als "āsana" (Sitzhaltung) thematisch bezeichnetErste Unterweisung: Über die Āsanas (Sitz- und Körperhaltungen)70 Verse
- 2Prāṇāyāma (dvitīyopadeśaḥ) — im Original als "CHAPTER II. On Prāṇāyāma" überschrieben; ein eigener Sanskrit-Kolophon-Vers wird in dieser Ausgabe (Pancham Sinh, 1915) nicht wiedergegeben.Zweite Unterweisung: Über das Prāṇāyāma (die Atemzügelung)78 Verse
- 3Mudrā (tṛtīyopadeśaḥ) — im Original als "CHAPTER III. On Mudrâs" überschrieben; im Kolophon bezeichnet als "iti haṭhapradīpikāyāṃ tṛtīyopadeśaḥ" ("So [endet] im Haṭhapradīpikā die dritte Unterweisung").Dritte Unterweisung: Über die Mudrās (die Siegel/Griffe)130 Verse
- 4caturtha upadeśaḥ (samādhi-lakṣaṇam) — iti haṭhayogapradīpikāyāṃ samādhilakṣaṇaṃ nāma caturthopadeśaḥViertes Upadeśa: Die Kennzeichen des Samādhi114 Verse