Verehrung sei Śiva, dem Guru, dessen Wesen Nāda (Ton/Klang), Bindu (Punkt/Tropfen) und Kalā (Teilaspekt) ist. Wer ihm beständig ergeben ist, gelangt zum makellosen Zustand (nirañjana-pada).
athedānīṃ pravakṣyāmi samādhikramamuttamam | mṛtyughnaṃ ca sukhopāyaṃ brahmānanda-karaṃ param ||
Nun will ich den höchsten Stufengang zum samādhi darlegen, der den Tod bezwingt, ein Mittel zur Glückseligkeit ist und höchste Brahman-Wonne (brahmānanda) hervorbringt.
— amanaska (Geistlosigkeit), advaita (Nicht-Zweiheit), nirālamba (das Stützelose), nirañjana (das Makellose), jīvanmukti (Befreiung im Leben), sahajā (der natürliche Zustand) und turyā (der vierte Zustand): dies alles sind Bezeichnungen für ein und dasselbe.
tat-samaṃ ca dvayoraikyaṃ jīvātma-paramātmanoḥ | pranaṣṭa-sarva-saṅkalpaḥ samādhiḥ so'bhidhīyate ||
Dieses Gleichsein, die Einheit von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman), bei der alle Vorstellungen (saṅkalpa) erloschen sind – eben das nennt man samādhi.
Wer kennt wahrhaft die Größe des Rāja-Yoga? Erkenntnis (jñāna), Befreiung (mukti), der feste Zustand (sthiti) und Vollendung (siddhi) werden allein durch das Wort des Guru erlangt.
Schwer zu erlangen ist die Entsagung von den Sinnesobjekten, schwer zu erlangen die Schau der Wahrheit (tattva-darśana), schwer zu erlangen der natürliche Zustand (sahajāvasthā) – ohne das Erbarmen eines wahren Guru.
Durch mannigfache āsanas, verschiedenartige kumbhakas (Atemverhaltungen) und Praktiken (karaṇa): sobald die große Kraft (mahā-śakti, d. h. Kuṇḍalinī) erweckt ist, löst sich der prāṇa in der Leere (śūnya) auf.
Dem Yogin, in dem die Erkenntnis der Śakti erwacht ist und der alles Karma restlos aufgegeben hat, entsteht der natürliche Zustand (sahajāvasthā) von selbst.
jñānaṃ kuto manasi sambhavatīha tāvat prāṇo'pi jīvati mano mriyate na yāvat | prāṇo mano dvayamidaṃ vilayaṃ nayedyo mokṣaṃ sa gacchati naro na kathaṃcidanyaḥ ||
Wie sollte im Geist Erkenntnis entstehen, solange der prāṇa noch wirkt und der Geist nicht gestorben (zur Ruhe gekommen) ist? Nur wer diese beiden, prāṇa und Geist, zum Erlöschen bringt, gelangt zur Erlösung (mokṣa) – kein anderer, auf keine Weise.
Wer das wahre Geheimnis der suṣumṇā erkannt und den Atem in die Mitte gelenkt hat, verweile stets an gutem Ort und halte ihn in der brahma-randhra (Brahma-Öffnung) zurück.
72 000 Öffnungen der Nāḍīs gibt es in diesem Körpergehäuse; die suṣumṇā, in der die śāmbhavī-śakti wirkt, ist die einzig bedeutsame, die übrigen sind ohne Belang.
vāyuḥ paricito yasmādagninā saha kuṇḍalīm | bodhayitvā suṣumṇāyāṃ praviśedanirodhataḥ ||
Der [durch Übung] vertraut gemachte Atem soll, nachdem er zusammen mit dem [Verdauungs-]Feuer die Kuṇḍalinī erweckt hat, ungehindert in die suṣumṇā eintreten.
Von wem der Atem (pavana) gebändigt ist, von dem ist auch der Geist gebändigt; und von wem der Geist gebändigt ist, von dem ist auch der Atem gebändigt.
hetu-dvayaṃ tu cittasya vāsanā ca samīraṇaḥ | tayorvinaṣṭa ekasmintau dvāvapi vinaśyataḥ ||
Zwei Ursachen hat die Bewegung des Geistes (citta): die Willensspur (vāsanā) und der Atem (samīraṇa). Vergeht die eine von beiden, so vergehen auch beide.
dugdhāmbuvatsaṃmilitāvubhau tau tulya-kriyau mānasa-mārutau hi | yato maruttatra manaḥ-pravṛttir yato manastatra marut-pravṛttiḥ ||
Wie Milch und Wasser vermischt, so sind Geist und Atem (der Wind) miteinander verbunden und in ihrem Wirken gleich: Wo der Atem ist, dort ist die Regung des Geistes, und wo der Geist ist, dort ist die Regung des Atems.
Vergeht daher eines von beiden, so vergeht auch das andere; regt sich eines, so regt sich auch das andere. Solange beide nicht vernichtet sind, wirkt die Schar der Sinne (indriya); sind beide vernichtet, ist die Vollendung des Erlösungszustandes (mokṣa-pada) erreicht.
O Pārvatī, fixiert heilt das Quecksilber Krankheiten, kalziniert belebt es von selbst wieder Verstorbenes; gebunden verleiht es den Zustand des „Himmelswandelns“ (khecaratā) – ebenso der Atem.
Ist der Geist standhaft, so ist der Atem stetig; daraus wird der bindu (die Lebensessenz) fest. Durch die Festigkeit des bindu entsteht beständig Reinheit (sattva) und Festigkeit des Leibes (piṇḍa).
indriyāṇāṃ mano nātho manonāthastu mārutaḥ | mārutasya layo nāthaḥ sa layo nādamāśritaḥ ||
Der Geist ist der Herr der Sinne, der Atem aber der Herr des Geistes; das Verlöschen (laya) ist Herr des Atems, und dieses Verlöschen gründet auf dem nāda (dem inneren Klang).
Mag dies nun mokṣa (Erlösung) heißen, oder mag es in anderer Lehre nicht so heißen – im Verlöschen von Geist und prāṇa erhebt sich jedenfalls eine gewisse Wonne (ānanda).
Wenn Ein- und Ausatmen erloschen, das Erfassen der Sinnesobjekte vernichtet, [der Geist] regungslos und unveränderlich geworden ist – dann triumphiert für die Yogins der laya-Zustand.
Wenn alle Vorstellungen (saṅkalpa) restlos abgeschnitten, alle Regungen ganz und gar erloschen sind, entsteht ein gewisser laya, nur durch Selbsterfahrung erkennbar, jenseits der Reichweite der Sprache (vāg-agocara).
Wo der Blick zur Auflösung (laya) kommt, dort [waltet] die ewige Kraft der Elemente und Sinne (bhūtendriya) – jene Śakti der lebenden Wesen –, wenn beide [Blick und Geist] in das Unwahrnehmbare (alakṣya) zur Auflösung gelangt sind. [Anmerkung: Syntax und Wortbezug dieses Verses sind im überlieferten Sanskrit ungewöhnlich verdichtet und nicht mit letzter Sicherheit aufzulösen; auch weicht Pancham Sinhs gedruckte englische Übersetzung an dieser Stelle sichtbar vom Sanskrit dieses Verses ab (sie gibt tatsächlich sinngemäß die erste Vershälfte von Vers 34 wieder) – die vorliegende deutsche Übersetzung folgt dagegen dem tatsächlichen Sanskrit-Wortlaut von Vers 33.]
„Laya, laya“, so sagt man – doch wie ist das Merkmal (lakṣaṇa) des laya beschaffen? Laya ist das Vergessen der Sinnesobjekte, wenn die Willensspuren (vāsanā) nicht wieder aufsteigen.
Veden, Lehrbücher (śāstra) und Purāṇas gleichen einer gewöhnlichen Dirne (gaṇikā); allein die śāmbhavī-mudrā ist verborgen wie eine Frau aus edlem Hause (kula-vadhū).
Das Ziel nach innen gerichtet, der Blick nach außen, ohne Blinzeln und Öffnen der Lider – das ist die śāmbhavī-mudrā, in Veden und Lehrbüchern geheim gehalten.
Wenn der Yogin verweilt, Geist und Atem im inneren Ziel aufgelöst, mit unbewegtem Blick nach außen und unten schauend und doch nicht schauend – dies eben ist die śāmbhavī-mudrā, erlangt durch die Gnade des Guru; da erstrahlt jene Wesenheit (tattva), der śāmbhava-Zustand, zugleich verschieden von Leere und Nicht-Leere.
Die glückverheißende śāmbhavī und die khecarī [-mudrā] unterscheiden sich nur nach Zustand und Sitz (dhāman); [in beiden] entsteht die Wonne der Geistauflösung in der Leere, die Gestalt von Bewusstsein und Glückseligkeit (cit-sukha) ist.
tāre jyotiṣi saṃyojya kiṃcidunnamayedbhruvau | pūrva-yogaṃ mano yuñjannunmanī-kārakaḥ kṣaṇāt ||
Man verbinde [den Blick] mit dem Licht in der Pupille (tāra) und hebe die Augenbrauen ein wenig; indem man den Geist mit der zuvor [beschriebenen] Übung verbindet, entsteht im Augenblick der unmanī-Zustand.
Manche verwirren sich im Netz der Āgamas, manche im Gewirr der Nigamas, manche durch bloße Logik (tarka) – sie erkennen die rettende [Übung] (tāraka) nicht.
Mit halbgeschlossenen Augen, festem Geist, den Blick auf die Nasenspitze gerichtet, führt er, ohne sich zu regen, sogar Mond und Sonne (Iḍā und Piṅgalā) in einen Zustand der Auflösung — wer die leuchtende Gestalt, den Samen aller Dinge, den ganz Erstrahlenden, das höchste tattva, erblickt, erreicht jenen Zustand (tat-pada), das höchste Wesen — was ließe sich darüber hinaus noch sagen?
divā na pūjayelliṅgaṃ rātrau caiva na pūjayet | sarvadā pūjayelliṅgaṃ divārātri-nirodhataḥ ||
Man verehre das Liṅga [das Selbst] weder am Tage noch in der Nacht allein, sondern verehre es allezeit, indem man Tag und Nacht [d. h. Piṅgalā und Iḍā] zurückhält.
Wenn der Atem, der sonst in der linken und rechten Nāḍī weilt, in der Mitte fließt, dann besteht die khecarī-mudrā eben an jener Stelle – daran ist kein Zweifel.
Der Strom, der dort vom Mond (soma) herabfließt, ist wahrhaftig Śivas Geliebte; er fülle die unvergleichliche, göttliche suṣumṇā, [indem die Zunge] zur rückwärtigen Öffnung gewandt wird.
bhruvormadhye śiva-sthānaṃ manastatra vilīyate | jñātavyaṃ tat-padaṃ turyaṃ tatra kālo na vidyate ||
Zwischen den Augenbrauen ist der Sitz Śivas; dort löst sich der Geist auf. Man erkenne: Das ist der turya-Zustand (der „vierte“), dort gibt es keine Zeit (keinen Tod).
Man übe die khecarī, bis man den Yoga-Schlaf (yoga-nidrā, d. h. samādhi) erlangt hat; wer den Yoga-Schlaf erreicht hat, für den gibt es niemals mehr den Tod.
bāhya-vāyuryathā līnastathā madhyo na saṃśayaḥ | sva-sthāne sthiratāmeti pavano manasā saha ||
Wie der äußere Atem [zur Ruhe] aufgelöst ist, so ohne Zweifel auch der mittlere; der Atem gelangt zusammen mit dem Geist zur Festigkeit an seinem eigenen Ort.
So übend, Tag und Nacht, auf dem Weg des Atems (vāyu-mārga), wird durch die Übung der Atem [gleichsam] verzehrt, und der Geist löst sich eben dort auf.
Man übergieße den Körper vom Scheitel bis zur Fußsohle mit Amṛta (dem Nektar); so gelangt man gewiss zu einem großen Leib von großer Kraft und Tatkraft.
Man versetze den Geist in die Mitte der Śakti und die Śakti in die Mitte des Geistes; indem man mit dem Geist den Geist betrachtet, halte man den höchsten Zustand fest.
Nichts als ein Gebilde bloßer Vorstellung (saṅkalpa) ist die ganze Welt, nichts als ein Gebilde bloßer Vorstellung das Spiel des Geistes; gib das auf bloßer Vorstellung beruhende Denken auf, und indem du dich auf das Vorstellungsfreie (nirvikalpa) stützt, o Rāma, erlange in Gewissheit den Frieden.
jñeyaṃ sarvaṃ pratītaṃ ca jñānaṃ ca mana ucyate | jñānaṃ jñeyaṃ samaṃ naṣṭaṃ nānyaḥ panthā dvitīyakaḥ ||
Alles Erkennbare (jñeya), das erfahren wird, sowie das Erkennen (jñāna) selbst, nennt man Geist. Sind Erkenntnis und Erkennbares gleichermaßen erloschen, gibt es keinen zweiten Weg [zur Befreiung].
Alles, was beweglich und unbeweglich ist, ist ein Erscheinungsbild des Geistes; ist der Geist in den unmanī-Zustand übergegangen, wird Zweiheit (dvaita) nicht mehr wahrgenommen.
Durch das Aufgeben des erkennbaren Gegenstandes geht der Geist in Auflösung über; ist die Auflösung des Geistes vollzogen, bleibt allein kaivalya (die absolute Isoliertheit) zurück.
Nun soll die Verehrung des nāda gelehrt werden, wie sie von Gorakṣanātha verkündet wurde – eine auch bei jenen anerkannte Methode, denen die Erkenntnis des tattva unmöglich ist, selbst bei den Unwissenden.
Von Śrī Ādinātha wurden eineinviertel Crore (12,5 Millionen) Arten des laya verkündet, die fortbestehen; von all diesen halte ich das Verfolgen des nāda (nādānusandhāna) für die wichtigste unter den laya-Übungen.
Die Ohrmuscheln, das Augenpaar, die Nase und der Mund sind zu verschließen; [dann] wird im gereinigten Kanal der suṣumṇā der klare, makellose nāda deutlich vernommen.
ārambhaśca ghaṭaścaiva tathā paricayo'pi ca | niṣpattiḥ sarva-yogeṣu syādavasthā-catuṣṭayam ||
Ārambha (Anfang), ghaṭa (Gefäß-Zustand), paricaya (Vertrautheit) sowie niṣpatti (Vollendung) – dies sind in allen Yoga-Formen die vier Zustände (avasthā).
Wird der Brahma-granthi (Knoten) durchbohrt, entsteht Wonne aus der Leere; im Körper wird ein mannigfaltiger klingender, ungeschlagener (anāhata) Ton vernommen.
In der ārambha-Stufe wird der Körper des Yogin göttlich, glanzvoll, von göttlichem Duft und frei von Krankheit; sein Herz wird voll [von Glück, während zugleich] leer [von Vorstellungen].
In der zweiten Stufe (ghaṭa) vereinigt sich der Atem und fließt in der Mitte; der Yogin wird fest im Sitz (āsana), erkenntnisreich und dann gottgleich.
Durch die Durchbohrung des Viṣṇu-granthi entsteht ein Zeichen höchster Wonne; in der überwältigenden Leere entsteht dann ein dröhnendes Geräusch wie das einer Kesseltrommel (bherī).
In der dritten Stufe erkennt man im Raum [zwischen den Brauen] den Klang einer Trommel (mardala); dann gelangt man zur mahā-śūnya (großen Leere), der Zuflucht aller Vollkommenheiten (siddhi).
Nachdem man dann die Wonne des Geistes überwunden hat, entsteht die natürliche Wonne (sahajānanda), frei von Fehlern, Leid, Alter, Krankheit, Hunger und Schlaf.
Wenn der Atem den Rudra-granthi durchbohrt hat und zum Sitz Śarvas (Śivas, zwischen den Brauen) gelangt ist, entsteht in der niṣpatti-Stufe ein flötenartiger Klang, der Klang einer klingenden Vīṇā.
Ob nun Erlösung (mukti) eintritt oder nicht – hier ist jedenfalls ungebrochenes Glück; dieses aus der Auflösung (laya) entspringende Glück wird durch Rāja-Yoga erlangt.
Zur raschen Erlangung von unmanī gilt mir die Meditation zwischen den Brauen (bhrū-dhyāna) als bewährt; sie ist für Menschen von geringerer Geisteskraft das leichte Mittel, den Zustand des Rāja-Yoga zu erreichen. Sogleich Gewissheit verschaffend, entsteht die aus dem nāda geborene Auflösung (laya).
Jene einzige, im Herzen der Herren der Yogins wachsende Wonne, die durch samādhi mittels nāda-Verfolgung erlangt wird, jenseits der Reichweite der Worte – sie kennt allein der erhabene Herr Guru.
Der Weise (muni), der, die Ohren mit den Händen verschließend, den Ton hört, festige darauf seinen Geist, bis er den festen Zustand (sthira-pada) erreicht.
Am Anfang [erscheinen Töne] wie vom Meer, von Gewitterwolken, von der Kesseltrommel und vom Beckenklang; in der Mitte solche, die von der Trommel (mardala), der Muschel (śaṅkha), der Glocke (ghaṇṭā) und der Hörnertrompete (kāhala) herrühren.
mahati śrūyamāṇe'pi megha-bhery-ādike dhvanau | tatra sūkṣmātsūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet ||
Selbst wenn ein lauter Klang wie der von Gewitterwolken oder der Kesseltrommel vernommen wird, achte man dabei nur auf den feineren, immer feineren nāda.
Sei es, dass man das Grobe zugunsten des Feinen aufgibt, sei es das Feine zugunsten des Groben – man lasse den Geist, auch wenn er dabei verweilt und abgelenkt wird, nirgendwohin sonst wandern.
Wie die Biene, die Blütenhonig trinkt, nicht mehr nach dem Duft [der Blume] verlangt, so begehrt der am nāda haftende Geist nicht mehr die Sinnesobjekte.
Dieser [nāda] ist wie ein scharfer, vom Klang selbst geschärfter Elefantenstachel (aṅkuśa), fähig, den wie ein brünstiger Elefantenfürst im Garten der Sinnesobjekte umherschweifenden Geist zu bändigen.
Der durch die Fessel des nāda gebundene Geist gibt seine Unstetigkeit ganz auf und gelangt zu vollkommener Festigkeit, wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln.
antaraṅgasya yamino vājinaḥ parighāyate | nādopāsti-rato nityamavadhāryā hi yoginā ||
Er wirkt wie der Türriegel für das innere, zu bändigende Ross [den Geist]; die Hingabe an die Verehrung des nāda ist daher vom Yogin unablässig festzuhalten.
Durch das Verschmelzen mit dem Schwefel des nāda gebunden und von seiner Unstetigkeit befreit, erlangt der Geist – gleich Quecksilber [durch Kalzinierung fixiert] – [die Fähigkeit, frei] im sogenannten stützelosen Äther [zu wandeln]. [Anmerkung: Die letzten Silben dieses Verses sind im überlieferten Text der Quelle offenbar verderbt/unklar; die Übersetzung folgt dem Sinn gemäß Pancham Sinhs Deutung des Verses („roams... in the supportless ākāśa“), ohne dass die genaue Sanskrit-Wortform an dieser Stelle als gesichert gelten kann.]
Ist das innere Sinnesorgan (antaḥkaraṇa), gleich einem Hirsch, an den Klang der Glocke und dergleichen gefesselt und erstarrt, so ist es leicht zu erlegen für den, der geschickt im Anlegen des Pfeils (śara-sandhāna) ist.
Der Klang (dhvani), der vom ungeschlagenen (anāhata) Ton vernommen wird – im Klang ist das Erkennbare enthalten, im Erkennbaren der Geist; der Geist löst sich dort auf – das ist der höchste Ort Viṣṇus.
Solange Klang (śabda) besteht, solange besteht auch die Vorstellung vom Äther (ākāśa); ist es klanglos, wird es das höchste Brahman, Paramātman, genannt.
yatkiṃcinnāda-rūpeṇa śrūyate śaktireva sā | yastattvānto nirākāraḥ sa eva parameśvaraḥ ||
Was auch immer in Gestalt des nāda gehört wird, eben das ist Śakti; was jenseits aller tattvas gestaltlos ist, eben das ist Parameśvara (der höchste Herr).
śaṅkha-dundubhi-nādaṃ ca na śṛṇoti kadācana | kāṣṭhavajjāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam ||
[Wer diesen Zustand erreicht hat,] hört zu keiner Zeit mehr den Klang von Muschelhorn und Kesselpauke; sein Leib wird durch den unmanī-Zustand gewiss wie ein Holzscheit.
na gandhaṃ na rasaṃ rūpaṃ na ca sparśaṃ na niḥsvanam | nātmānaṃ na paraṃ vetti yogī yuktaḥ samādhinā ||
Weder Geruch, noch Geschmack, noch Gestalt, noch Berührung, noch Klang, weder das eigene Selbst noch ein anderes nimmt der im samādhi verweilende Yogin [mehr getrennt] wahr.
Solange der bindu (die Lebensessenz) durch die Bändigung des Atemwindes nicht fest geworden ist, solange in der Meditation das tattva nicht dem natürlichen Zustand (sahaja) gleich erscheint – solange ist alles Reden von „Erkenntnis“ nur eitles, verlogenes Geschwätz. [Anmerkung: Für die im Sanskrit als „vidhur“ überlieferte Form – hier im Sinne von bindu (auch „Mond“) gedeutet, in Anlehnung an das im Kapitel wiederkehrende Thema der bindu-sthairya – lässt sich die genaue Wortgestalt nicht mit letzter Sicherheit klären.]