Quellen der Menschheit

Haṭhapradīpikā

Kapitel 4: caturtha upadeśaḥ (samādhi-lakṣaṇam) — iti haṭhayogapradīpikāyāṃ samādhilakṣaṇaṃ nāma caturthopadeśaḥ Viertes Upadeśa: Die Kennzeichen des Samādhi

namaḥ śivāya gurave nāda-bindu-kalātmane | nirañjana-padaṃ yāti nityaṃ tatra parāyaṇaḥ ||

Verehrung sei Śiva, dem Guru, dessen Wesen Nāda (Ton/Klang), Bindu (Punkt/Tropfen) und Kalā (Teilaspekt) ist. Wer ihm beständig ergeben ist, gelangt zum makellosen Zustand (nirañjana-pada).

athedānīṃ pravakṣyāmi samādhikramamuttamam | mṛtyughnaṃ ca sukhopāyaṃ brahmānanda-karaṃ param ||

Nun will ich den höchsten Stufengang zum samādhi darlegen, der den Tod bezwingt, ein Mittel zur Glückseligkeit ist und höchste Brahman-Wonne (brahmānanda) hervorbringt.

rāja-yogaḥ samādhiśca unmanī ca manonmanī | amaratvaṃ layastattvaṃ śūnyāśūnyaṃ paraṃ padam ||

Rāja-Yoga, samādhi, unmanī (Entrücktsein des Geistes) und manonmanī, Unsterblichkeit (amaratva), laya (Auflösung), tattva (die Wesenheit), śūnya-aśūnya (die Leere, die zugleich Nicht-Leere ist) und der höchste Zustand (paraṃ padam) —

amanaskaṃ tathādvaitaṃ nirālambaṃ nirañjanam | jīvanmuktiśca sahajā turyā cetyeka-vācakāḥ ||

— amanaska (Geistlosigkeit), advaita (Nicht-Zweiheit), nirālamba (das Stützelose), nirañjana (das Makellose), jīvanmukti (Befreiung im Leben), sahajā (der natürliche Zustand) und turyā (der vierte Zustand): dies alles sind Bezeichnungen für ein und dasselbe.

salile saindhavaṃ yadvatsāmyaṃ bhajati yogataḥ | tathātma-manasoraikyaṃ samādhirabhidhīyate ||

Wie Steinsalz, im Wasser aufgelöst, mit diesem eins wird, so nennt man samādhi die Einswerdung von Ātman und Geist (manas).

yadā saṃkṣīyate prāṇo mānasaṃ ca pralīyate | tadā samarasatvaṃ ca samādhirabhidhīyate ||

Wenn der prāṇa erschöpft und der Geist gänzlich aufgelöst ist, dann nennt man diesen Zustand der Gleichheit (samarasatva) samādhi.

tat-samaṃ ca dvayoraikyaṃ jīvātma-paramātmanoḥ | pranaṣṭa-sarva-saṅkalpaḥ samādhiḥ so'bhidhīyate ||

Dieses Gleichsein, die Einheit von Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman), bei der alle Vorstellungen (saṅkalpa) erloschen sind – eben das nennt man samādhi.

rāja-yogasya māhātmyaṃ ko vā jānāti tattvataḥ | jñānaṃ muktiḥ sthitiḥ siddhirguru-vākyena labhyate ||

Wer kennt wahrhaft die Größe des Rāja-Yoga? Erkenntnis (jñāna), Befreiung (mukti), der feste Zustand (sthiti) und Vollendung (siddhi) werden allein durch das Wort des Guru erlangt.

durlabho viṣaya-tyāgo durlabhaṃ tattva-darśanam | durlabhā sahajāvasthā sad-guroḥ karuṇāṃ vinā ||

Schwer zu erlangen ist die Entsagung von den Sinnesobjekten, schwer zu erlangen die Schau der Wahrheit (tattva-darśana), schwer zu erlangen der natürliche Zustand (sahajāvasthā) – ohne das Erbarmen eines wahren Guru.

vividhairāsanaiḥ kumbhairvicitraiḥ karaṇairapi | prabuddhāyāṃ mahā-śaktau prāṇaḥ śūnye pralīyate ||

Durch mannigfache āsanas, verschiedenartige kumbhakas (Atemverhaltungen) und Praktiken (karaṇa): sobald die große Kraft (mahā-śakti, d. h. Kuṇḍalinī) erweckt ist, löst sich der prāṇa in der Leere (śūnya) auf.

utpanna-śakti-bodhasya tyakta-niḥśeṣa-karmaṇaḥ | yoginaḥ sahajāvasthā svayameva prajāyate ||

Dem Yogin, in dem die Erkenntnis der Śakti erwacht ist und der alles Karma restlos aufgegeben hat, entsteht der natürliche Zustand (sahajāvasthā) von selbst.

suṣumṇā-vāhini prāṇe śūnye viśati mānase | tadā sarvāṇi karmāṇi nirmūlayati yogavit ||

Wenn der prāṇa in der suṣumṇā fließt und der Geist in die Leere eintritt, dann rottet der im Yoga Erfahrene alle Werke (karman) mit der Wurzel aus.

amarāya namastubhyaṃ so'pi kālastvayā jitaḥ | patitaṃ vadane yasya jagadetaccarācaram ||

Verehrung sei dir, dem Unsterblichen! Selbst der Tod, in dessen Rachen diese ganze bewegte und unbewegte Welt gefallen ist, ist von dir besiegt.

citte samatvamāpanne vāyau vrajati madhyame | tadāmarolī vajrolī sahajolī prajāyate ||

Wenn der Geist Gleichmut erlangt hat und der Atem (vāyu) im mittleren Kanal fließt, dann entstehen amarolī, vajrolī und sahajolī.

jñānaṃ kuto manasi sambhavatīha tāvat prāṇo'pi jīvati mano mriyate na yāvat | prāṇo mano dvayamidaṃ vilayaṃ nayedyo mokṣaṃ sa gacchati naro na kathaṃcidanyaḥ ||

Wie sollte im Geist Erkenntnis entstehen, solange der prāṇa noch wirkt und der Geist nicht gestorben (zur Ruhe gekommen) ist? Nur wer diese beiden, prāṇa und Geist, zum Erlöschen bringt, gelangt zur Erlösung (mokṣa) – kein anderer, auf keine Weise.

jñātvā suṣumṇāsad-bhedaṃ kṛtvā vāyuṃ ca madhyagam | sthitvā sadaiva susthāne brahma-randhre nirodhayet ||

Wer das wahre Geheimnis der suṣumṇā erkannt und den Atem in die Mitte gelenkt hat, verweile stets an gutem Ort und halte ihn in der brahma-randhra (Brahma-Öffnung) zurück.

sūrya-candramasau dhattaḥ kālaṃ rātrindivātmakam | bhoktrī suṣumnā kālasya guhyametadudāhṛtam ||

Sonne und Mond erzeugen die Zeit in Gestalt von Nacht und Tag; dass die suṣumṇā diese Zeit (den Tod) verzehrt, ist als großes Geheimnis überliefert.

dvā-saptati-sahasrāṇi nāḍī-dvārāṇi pañjare | suṣumṇā śāmbhavī śaktiḥ śeṣāstveva nirarthakāḥ ||

72 000 Öffnungen der Nāḍīs gibt es in diesem Körpergehäuse; die suṣumṇā, in der die śāmbhavī-śakti wirkt, ist die einzig bedeutsame, die übrigen sind ohne Belang.

vāyuḥ paricito yasmādagninā saha kuṇḍalīm | bodhayitvā suṣumṇāyāṃ praviśedanirodhataḥ ||

Der [durch Übung] vertraut gemachte Atem soll, nachdem er zusammen mit dem [Verdauungs-]Feuer die Kuṇḍalinī erweckt hat, ungehindert in die suṣumṇā eintreten.

suṣumṇā-vāhini prāṇe siddhyatyeva manonmanī | anyathā tvitarābhyāsāḥ prayāsāyaiva yoginām ||

Nur wenn der prāṇa in der suṣumṇā fließt, gelingt manonmanī; andernfalls sind alle anderen Übungen für die Yogins bloße vergebliche Mühe.

pavano badhyate yena manastenaiva badhyate | manaśca badhyate yena pavanastena badhyate ||

Von wem der Atem (pavana) gebändigt ist, von dem ist auch der Geist gebändigt; und von wem der Geist gebändigt ist, von dem ist auch der Atem gebändigt.

hetu-dvayaṃ tu cittasya vāsanā ca samīraṇaḥ | tayorvinaṣṭa ekasmintau dvāvapi vinaśyataḥ ||

Zwei Ursachen hat die Bewegung des Geistes (citta): die Willensspur (vāsanā) und der Atem (samīraṇa). Vergeht die eine von beiden, so vergehen auch beide.

mano yatra vilīyeta pavanastatra līyate | pavano līyate yatra manastatra vilīyate ||

Wo der Geist sich auflöst, dort löst sich auch der Atem auf; und wo der Atem sich auflöst, dort löst sich auch der Geist auf.

dugdhāmbuvatsaṃmilitāvubhau tau tulya-kriyau mānasa-mārutau hi | yato maruttatra manaḥ-pravṛttir yato manastatra marut-pravṛttiḥ ||

Wie Milch und Wasser vermischt, so sind Geist und Atem (der Wind) miteinander verbunden und in ihrem Wirken gleich: Wo der Atem ist, dort ist die Regung des Geistes, und wo der Geist ist, dort ist die Regung des Atems.

tatraika-nāśādaparasya nāśa eka-pravṛtterapara-pravṛttiḥ | adhvastayoścendriya-varga-vṛttiḥ pradhvastayormokṣa-padasya siddhiḥ ||

Vergeht daher eines von beiden, so vergeht auch das andere; regt sich eines, so regt sich auch das andere. Solange beide nicht vernichtet sind, wirkt die Schar der Sinne (indriya); sind beide vernichtet, ist die Vollendung des Erlösungszustandes (mokṣa-pada) erreicht.

rasasya manasaścaiva cañcalatvaṃ svabhāvataḥ | raso baddho mano baddhaṃ kiṃ na siddhyati bhūtale ||

Quecksilber (rasa) und Geist sind ihrer Natur nach unstet. Sind Quecksilber und Geist gebändigt, was gäbe es dann auf Erden, das nicht gelänge?

mūrcchito harate vyādhīnmṛto jīvayati svayam | baddhaḥ khecaratāṃ dhatte raso vāyuśca pārvati ||

O Pārvatī, fixiert heilt das Quecksilber Krankheiten, kalziniert belebt es von selbst wieder Verstorbenes; gebunden verleiht es den Zustand des „Himmelswandelns“ (khecaratā) – ebenso der Atem.

manaḥ sthairyaṃ sthiro vāyustato binduḥ sthiro bhavet | bindu-sthairyātsadā sattvaṃ piṇḍa-sthairyaṃ prajāyate ||

Ist der Geist standhaft, so ist der Atem stetig; daraus wird der bindu (die Lebensessenz) fest. Durch die Festigkeit des bindu entsteht beständig Reinheit (sattva) und Festigkeit des Leibes (piṇḍa).

indriyāṇāṃ mano nātho manonāthastu mārutaḥ | mārutasya layo nāthaḥ sa layo nādamāśritaḥ ||

Der Geist ist der Herr der Sinne, der Atem aber der Herr des Geistes; das Verlöschen (laya) ist Herr des Atems, und dieses Verlöschen gründet auf dem nāda (dem inneren Klang).

so'yamevāstu mokṣākhyo māstu vāpi matāntare | manaḥ-prāṇa-laye kaścidānandaḥ sampravartate ||

Mag dies nun mokṣa (Erlösung) heißen, oder mag es in anderer Lehre nicht so heißen – im Verlöschen von Geist und prāṇa erhebt sich jedenfalls eine gewisse Wonne (ānanda).

pranaṣṭa-śvāsa-niśvāsaḥ pradhvasta-viṣaya-grahaḥ | niśceṣṭo nirvikāraśca layo jayati yoginām ||

Wenn Ein- und Ausatmen erloschen, das Erfassen der Sinnesobjekte vernichtet, [der Geist] regungslos und unveränderlich geworden ist – dann triumphiert für die Yogins der laya-Zustand.

uccinna-sarva-saṅkalpo niḥśeṣāśeṣa-ceṣṭitaḥ | svāvagamyo layaḥ ko'pi jāyate vāg-agocaraḥ ||

Wenn alle Vorstellungen (saṅkalpa) restlos abgeschnitten, alle Regungen ganz und gar erloschen sind, entsteht ein gewisser laya, nur durch Selbsterfahrung erkennbar, jenseits der Reichweite der Sprache (vāg-agocara).

yatra dṛṣṭirlayastatra bhūtendriya-sanātanī | sā śaktirjīva-bhūtānāṃ dve alakṣye layaṃ gate ||

Wo der Blick zur Auflösung (laya) kommt, dort [waltet] die ewige Kraft der Elemente und Sinne (bhūtendriya) – jene Śakti der lebenden Wesen –, wenn beide [Blick und Geist] in das Unwahrnehmbare (alakṣya) zur Auflösung gelangt sind. [Anmerkung: Syntax und Wortbezug dieses Verses sind im überlieferten Sanskrit ungewöhnlich verdichtet und nicht mit letzter Sicherheit aufzulösen; auch weicht Pancham Sinhs gedruckte englische Übersetzung an dieser Stelle sichtbar vom Sanskrit dieses Verses ab (sie gibt tatsächlich sinngemäß die erste Vershälfte von Vers 34 wieder) – die vorliegende deutsche Übersetzung folgt dagegen dem tatsächlichen Sanskrit-Wortlaut von Vers 33.]

layo laya iti prāhuḥ kīdṛśaṃ laya-lakṣaṇam | apunar-vāsanotthānāllayo viṣaya-vismṛtiḥ ||

„Laya, laya“, so sagt man – doch wie ist das Merkmal (lakṣaṇa) des laya beschaffen? Laya ist das Vergessen der Sinnesobjekte, wenn die Willensspuren (vāsanā) nicht wieder aufsteigen.

veda-śāstra-purāṇāni sāmānya-gaṇikā iva | ekaiva śāmbhavī mudrā guptā kula-vadhūriva ||

Veden, Lehrbücher (śāstra) und Purāṇas gleichen einer gewöhnlichen Dirne (gaṇikā); allein die śāmbhavī-mudrā ist verborgen wie eine Frau aus edlem Hause (kula-vadhū).

antarlakṣyaṃ bahirdṛṣṭirnimeṣonmeṣa-varjitā | eṣā sā śāmbhavī mudrā veda-śāstreṣu gopitā ||

Das Ziel nach innen gerichtet, der Blick nach außen, ohne Blinzeln und Öffnen der Lider – das ist die śāmbhavī-mudrā, in Veden und Lehrbüchern geheim gehalten.

antarlakṣya-vilīna-citta-pavano yogī yadā vartate | dṛṣṭyā niścala-tārayā bahiradhaḥ paśyannapaśyannapi | mudreyaṃ khalu śāmbhavī bhavati sā labdhā prasādādguroḥ | śūnyāśūnya-vilakṣaṇaṃ sphurati tattattvaṃ padaṃ śāmbhavam ||

Wenn der Yogin verweilt, Geist und Atem im inneren Ziel aufgelöst, mit unbewegtem Blick nach außen und unten schauend und doch nicht schauend – dies eben ist die śāmbhavī-mudrā, erlangt durch die Gnade des Guru; da erstrahlt jene Wesenheit (tattva), der śāmbhava-Zustand, zugleich verschieden von Leere und Nicht-Leere.

śrī-śāmbhavyāśca khecaryā avasthā-dhāma-bhedataḥ | bhaveccitta-layānandaḥ śūnye cit-sukha-rūpiṇi ||

Die glückverheißende śāmbhavī und die khecarī [-mudrā] unterscheiden sich nur nach Zustand und Sitz (dhāman); [in beiden] entsteht die Wonne der Geistauflösung in der Leere, die Gestalt von Bewusstsein und Glückseligkeit (cit-sukha) ist.

tāre jyotiṣi saṃyojya kiṃcidunnamayedbhruvau | pūrva-yogaṃ mano yuñjannunmanī-kārakaḥ kṣaṇāt ||

Man verbinde [den Blick] mit dem Licht in der Pupille (tāra) und hebe die Augenbrauen ein wenig; indem man den Geist mit der zuvor [beschriebenen] Übung verbindet, entsteht im Augenblick der unmanī-Zustand.

kecidāgama-jālena kecinnigama-saṅkulaiḥ | kecittarkeṇa muhyanti naiva jānanti tārakam ||

Manche verwirren sich im Netz der Āgamas, manche im Gewirr der Nigamas, manche durch bloße Logik (tarka) – sie erkennen die rettende [Übung] (tāraka) nicht.

ardhonmīlita-locanaḥ sthira-manā nāsāgra-dattekṣaṇaścandrārkāvapi līnatāmupanayannispanda-bhāvena yaḥ | jyotī-rūpamaśeṣa-bījamakhilaṃ dedīpyamānaṃ paraṃ tattvaṃ tat-padameti vastu paramaṃ vācyaṃ kimatrādhikam ||

Mit halbgeschlossenen Augen, festem Geist, den Blick auf die Nasenspitze gerichtet, führt er, ohne sich zu regen, sogar Mond und Sonne (Iḍā und Piṅgalā) in einen Zustand der Auflösung — wer die leuchtende Gestalt, den Samen aller Dinge, den ganz Erstrahlenden, das höchste tattva, erblickt, erreicht jenen Zustand (tat-pada), das höchste Wesen — was ließe sich darüber hinaus noch sagen?

divā na pūjayelliṅgaṃ rātrau caiva na pūjayet | sarvadā pūjayelliṅgaṃ divārātri-nirodhataḥ ||

Man verehre das Liṅga [das Selbst] weder am Tage noch in der Nacht allein, sondern verehre es allezeit, indem man Tag und Nacht [d. h. Piṅgalā und Iḍā] zurückhält.

savya-dakṣiṇa-nāḍī-stho madhye carati mārutaḥ | tiṣṭhate khecarī mudrā tasminsthāne na saṃśayaḥ ||

Wenn der Atem, der sonst in der linken und rechten Nāḍī weilt, in der Mitte fließt, dann besteht die khecarī-mudrā eben an jener Stelle – daran ist kein Zweifel.

iḍā-piṅgalayormadhye śūnyaṃ caivānilaṃ graset | tiṣṭhate khecarī mudrā tatra satyaṃ punaḥ punaḥ ||

Wenn man den Atem in die Leere (śūnya) zwischen Iḍā und Piṅgalā zieht, besteht dort wahrhaftig, immer wieder, die khecarī-mudrā.

sūryācandramasormadhye nirālambāntare punaḥ | saṃsthitā vyoma-cakre yā sā mudrā nāma khecarī ||

Jene mudrā, die zwischen Sonne und Mond, im stützelosen Zwischenraum, im vyoma-cakra (Äther-Rad) verweilt, heißt khecarī.

somādyatroditā dhārā sākṣātsā śiva-vallabhā | pūrayedatulāṃ divyāṃ suṣumṇāṃ paścime mukhe ||

Der Strom, der dort vom Mond (soma) herabfließt, ist wahrhaftig Śivas Geliebte; er fülle die unvergleichliche, göttliche suṣumṇā, [indem die Zunge] zur rückwärtigen Öffnung gewandt wird.

purastāccaiva pūryeta niścitā khecarī bhavet | abhyastā khecarī mudrāpyunmanī samprajāyate ||

Sie kann auch von vorne gefüllt (verschlossen) werden, dann wird die khecarī gewiss; durch Übung führt die khecarī-mudrā auch zum unmanī-Zustand.

bhruvormadhye śiva-sthānaṃ manastatra vilīyate | jñātavyaṃ tat-padaṃ turyaṃ tatra kālo na vidyate ||

Zwischen den Augenbrauen ist der Sitz Śivas; dort löst sich der Geist auf. Man erkenne: Das ist der turya-Zustand (der „vierte“), dort gibt es keine Zeit (keinen Tod).

abhyasetkhecarīṃ tāvadyāvatsyādyoga-nidritaḥ | samprāpta-yoga-nidrasya kālo nāsti kadācana ||

Man übe die khecarī, bis man den Yoga-Schlaf (yoga-nidrā, d. h. samādhi) erlangt hat; wer den Yoga-Schlaf erreicht hat, für den gibt es niemals mehr den Tod.

nirālambaṃ manaḥ kṛtvā na kiṃcidapi cintayet | sa-bāhyābhyantaraṃ vyomni ghaṭavattiṣṭhati dhruvam ||

Man mache den Geist stützelos und denke an nichts mehr; [dann] verharrt man fest, innen wie außen, im Äther, wie ein [leerer] Krug [darin steht].

bāhya-vāyuryathā līnastathā madhyo na saṃśayaḥ | sva-sthāne sthiratāmeti pavano manasā saha ||

Wie der äußere Atem [zur Ruhe] aufgelöst ist, so ohne Zweifel auch der mittlere; der Atem gelangt zusammen mit dem Geist zur Festigkeit an seinem eigenen Ort.

evamabhyasyatastasya vāyu-mārge divāniśam | abhyāsājjīryate vāyurmanastatraiva līyate ||

So übend, Tag und Nacht, auf dem Weg des Atems (vāyu-mārga), wird durch die Übung der Atem [gleichsam] verzehrt, und der Geist löst sich eben dort auf.

amṛtaiḥ plāvayeddehamāpāda-tala-mastakam | siddhyatyeva mahā-kāyo mahā-bala-parākramaḥ ||

Man übergieße den Körper vom Scheitel bis zur Fußsohle mit Amṛta (dem Nektar); so gelangt man gewiss zu einem großen Leib von großer Kraft und Tatkraft.

śakti-madhye manaḥ kṛtvā śaktiṃ mānasa-madhyagām | manasā mana ālokya dhārayetparamaṃ padam ||

Man versetze den Geist in die Mitte der Śakti und die Śakti in die Mitte des Geistes; indem man mit dem Geist den Geist betrachtet, halte man den höchsten Zustand fest.

kha-madhye kuru cātmānamātma-madhye ca khaṃ kuru | sarvaṃ ca kha-mayaṃ kṛtvā na kiṃcidapi cintayet ||

Man versetze das Selbst in die Mitte des Äthers (kha) und den Äther in die Mitte des Selbst; man mache alles zu lauter Äther und denke an nichts mehr.

antaḥ śūnyo bahiḥ śūnyaḥ śūnyaḥ kumbha ivāmbare | antaḥ pūrṇo bahiḥ pūrṇaḥ pūrṇaḥ kumbha ivārṇave ||

Innen leer, außen leer, leer wie ein Krug im Luftraum; innen voll, außen voll, voll wie ein Krug im Meer.

bāhya-cintā na kartavyā tathaivāntara-cintanam | sarva-cintāṃ parityajya na kiṃcidapi cintayet ||

Man soll weder an Äußeres denken noch ebenso an Inneres; man gebe alles Denken auf und denke an nichts mehr.

saṅkalpa-mātra-kalanaiva jagatsamagraṃ saṅkalpa-mātra-kalanaiva mano-vilāsaḥ | saṅkalpa-mātra-matimutsṛja nirvikalpam āśritya niścayamavāpnuhi rāma śāntim ||

Nichts als ein Gebilde bloßer Vorstellung (saṅkalpa) ist die ganze Welt, nichts als ein Gebilde bloßer Vorstellung das Spiel des Geistes; gib das auf bloßer Vorstellung beruhende Denken auf, und indem du dich auf das Vorstellungsfreie (nirvikalpa) stützt, o Rāma, erlange in Gewissheit den Frieden.

karpūramanale yadvatsaindhavaṃ salile yathā | tathā sandhīyamānaṃ ca manastattve vilīyate ||

Wie Kampfer im Feuer, wie Steinsalz im Wasser vergeht, so löst sich der mit dem tattva vereinigte Geist auf.

jñeyaṃ sarvaṃ pratītaṃ ca jñānaṃ ca mana ucyate | jñānaṃ jñeyaṃ samaṃ naṣṭaṃ nānyaḥ panthā dvitīyakaḥ ||

Alles Erkennbare (jñeya), das erfahren wird, sowie das Erkennen (jñāna) selbst, nennt man Geist. Sind Erkenntnis und Erkennbares gleichermaßen erloschen, gibt es keinen zweiten Weg [zur Befreiung].

mano-dṛśyamidaṃ sarvaṃ yatkiṃcitsa-carācaram | manaso hyunmanī-bhāvāddvaitaṃ naivolabhyate ||

Alles, was beweglich und unbeweglich ist, ist ein Erscheinungsbild des Geistes; ist der Geist in den unmanī-Zustand übergegangen, wird Zweiheit (dvaita) nicht mehr wahrgenommen.

jñeya-vastu-parityāgādvilayaṃ yāti mānasam | manaso vilaye jāte kaivalyamavaśiṣyate ||

Durch das Aufgeben des erkennbaren Gegenstandes geht der Geist in Auflösung über; ist die Auflösung des Geistes vollzogen, bleibt allein kaivalya (die absolute Isoliertheit) zurück.

evaṃ nānā-vidhopāyāḥ samyaksvānubhavānvitāḥ | samādhi-mārgāḥ kathitāḥ pūrvācāryairmahātmabhiḥ ||

So wurden von den hochherzigen früheren Meistern (ācārya) die vielfältigen Wege zum samādhi verkündet, begründet auf ihrer eigenen wahren Erfahrung.

suṣumṇāyai kuṇḍalinyai sudhāyai candra-janmane | manonmanyai namastubhyaṃ mahā-śaktyai cid-ātmane ||

Verehrung sei dir, o suṣumṇā, o Kuṇḍalinī, o [Strom des] Nektars, dem Mond entsprossen, o manonmanī, o große Śakti, deren Wesen Bewusstsein (cit) ist!

aśakya-tattva-bodhānāṃ mūḍhānāmapi saṃmatam | proktaṃ gorakṣa-nāthena nādopāsanamucyate ||

Nun soll die Verehrung des nāda gelehrt werden, wie sie von Gorakṣanātha verkündet wurde – eine auch bei jenen anerkannte Methode, denen die Erkenntnis des tattva unmöglich ist, selbst bei den Unwissenden.

śrī-ādināthena sa-pāda-koṭi-laya-prakārāḥ kathitā jayanti | nādānusandhānakamekameva manyāmahe mukhyatamaṃ layānām ||

Von Śrī Ādinātha wurden eineinviertel Crore (12,5 Millionen) Arten des laya verkündet, die fortbestehen; von all diesen halte ich das Verfolgen des nāda (nādānusandhāna) für die wichtigste unter den laya-Übungen.

muktāsane sthito yogī mudrāṃ sandhāya śāmbhavīm | śṛṇuyāddakṣiṇe karṇe nādamantāsthamekadhīḥ ||

Der Yogin, im mukta-āsana sitzend, verbinde sich mit der śāmbhavī-mudrā und höre mit gesammeltem Geist den inneren nāda im rechten Ohr.

śravaṇa-puṭa-nayana-yugala-ghrāṇa-mukhānāṃ nirodhanaṃ kāryam | śuddha-suṣumṇā-saraṇau sphuṭamamalaḥ śrūyate nādaḥ ||

Die Ohrmuscheln, das Augenpaar, die Nase und der Mund sind zu verschließen; [dann] wird im gereinigten Kanal der suṣumṇā der klare, makellose nāda deutlich vernommen.

ārambhaśca ghaṭaścaiva tathā paricayo'pi ca | niṣpattiḥ sarva-yogeṣu syādavasthā-catuṣṭayam ||

Ārambha (Anfang), ghaṭa (Gefäß-Zustand), paricaya (Vertrautheit) sowie niṣpatti (Vollendung) – dies sind in allen Yoga-Formen die vier Zustände (avasthā).

brahma-grantherbhavedbhedo hyānandaḥ śūnya-sambhavaḥ | vicitraḥ kvaṇako dehe'nāhataḥ śrūyate dhvaniḥ ||

Wird der Brahma-granthi (Knoten) durchbohrt, entsteht Wonne aus der Leere; im Körper wird ein mannigfaltiger klingender, ungeschlagener (anāhata) Ton vernommen.

divya-dehaśca tejasvī divya-gandhastvarogavān | sampūrṇa-hṛdayaḥ śūnya ārambhe yogavānbhavet ||

In der ārambha-Stufe wird der Körper des Yogin göttlich, glanzvoll, von göttlichem Duft und frei von Krankheit; sein Herz wird voll [von Glück, während zugleich] leer [von Vorstellungen].

dvitīyāyāṃ ghaṭīkṛtya vāyurbhavati madhyagaḥ | dṛḍhāsano bhavedyogī jñānī deva-samastadā ||

In der zweiten Stufe (ghaṭa) vereinigt sich der Atem und fließt in der Mitte; der Yogin wird fest im Sitz (āsana), erkenntnisreich und dann gottgleich.

viṣṇu-granthestato bhedātparamānanda-sūcakaḥ | atiśūnye vimardaśca bherī-śabdastadā bhavet ||

Durch die Durchbohrung des Viṣṇu-granthi entsteht ein Zeichen höchster Wonne; in der überwältigenden Leere entsteht dann ein dröhnendes Geräusch wie das einer Kesseltrommel (bherī).

tṛtīyāyāṃ tu vijñeyo vihāyo mardala-dhvaniḥ | mahā-śūnyaṃ tadā yāti sarva-siddhi-samāśrayam ||

In der dritten Stufe erkennt man im Raum [zwischen den Brauen] den Klang einer Trommel (mardala); dann gelangt man zur mahā-śūnya (großen Leere), der Zuflucht aller Vollkommenheiten (siddhi).

cittānandaṃ tadā jitvā sahajānanda-sambhavaḥ | doṣa-duḥkha-jarā-vyādhi-kṣudhā-nidrā-vivarjitaḥ ||

Nachdem man dann die Wonne des Geistes überwunden hat, entsteht die natürliche Wonne (sahajānanda), frei von Fehlern, Leid, Alter, Krankheit, Hunger und Schlaf.

rudra-granthiṃ yadā bhittvā śarva-pīṭha-gato'nilaḥ | niṣpattau vaiṇavaḥ śabdaḥ kvaṇad-vīṇā-kvaṇo bhavet ||

Wenn der Atem den Rudra-granthi durchbohrt hat und zum Sitz Śarvas (Śivas, zwischen den Brauen) gelangt ist, entsteht in der niṣpatti-Stufe ein flötenartiger Klang, der Klang einer klingenden Vīṇā.

ekībhūtaṃ tadā cittaṃ rāja-yogābhidhānakam | sṛṣṭi-saṃhāra-kartāsau yogīśvara-samo bhavet ||

Der so geeinte Geist wird Rāja-Yoga genannt; [der Yogin] wird zum Schöpfer und Zerstörer [der Welt], gleich einem Herrn der Yogins (yogīśvara).

astu vā māstu vā muktiratraivākhaṇḍitaṃ sukham | layodbhavamidaṃ saukhyaṃ rāja-yogādavāpyate ||

Ob nun Erlösung (mukti) eintritt oder nicht – hier ist jedenfalls ungebrochenes Glück; dieses aus der Auflösung (laya) entspringende Glück wird durch Rāja-Yoga erlangt.

rāja-yogamajānantaḥ kevalaṃ haṭha-karmiṇaḥ | etānabhyāsino manye prayāsa-phala-varjitān ||

Die den Rāja-Yoga nicht kennen und nur die Werke des Haṭha vollziehen – von diesen Übenden, meine ich, bleibt die Mühe ohne Frucht.

unmany-avāptaye śīghraṃ bhrū-dhyānaṃ mama saṃmatam | rāja-yoga-padaṃ prāptuṃ sukhopāyo'lpa-cetasām | sadyaḥ pratyaya-sandhāyī jāyate nādajo layaḥ ||

Zur raschen Erlangung von unmanī gilt mir die Meditation zwischen den Brauen (bhrū-dhyāna) als bewährt; sie ist für Menschen von geringerer Geisteskraft das leichte Mittel, den Zustand des Rāja-Yoga zu erreichen. Sogleich Gewissheit verschaffend, entsteht die aus dem nāda geborene Auflösung (laya).

nādānusandhāna-samādhi-bhājāṃ yogīśvarāṇāṃ hṛdi vardhamānam | ānandamekaṃ vacasāmagamyaṃ jānāti taṃ śrī-gurunātha ekaḥ ||

Jene einzige, im Herzen der Herren der Yogins wachsende Wonne, die durch samādhi mittels nāda-Verfolgung erlangt wird, jenseits der Reichweite der Worte – sie kennt allein der erhabene Herr Guru.

karṇau pidhāya hastābhyāṃ yaḥ śṛṇoti dhvaniṃ muniḥ | tatra cittaṃ sthirīkuryādyāvatsthira-padaṃ vrajet ||

Der Weise (muni), der, die Ohren mit den Händen verschließend, den Ton hört, festige darauf seinen Geist, bis er den festen Zustand (sthira-pada) erreicht.

abhyasyamāno nādo'yaṃ bāhyamāvṛṇute dhvanim | pakṣādvikṣepamakhilaṃ jitvā yogī sukhī bhavet ||

Dieser geübte nāda übertönt jeden äußeren Klang; nachdem der Yogin binnen fünfzehn Tagen jede Ablenkung überwunden hat, wird er glücklich.

śrūyate prathamābhyāse nādo nānā-vidho mahān | tato'bhyāse vardhamāne śrūyate sūkṣma-sūkṣmakaḥ ||

In der ersten Übungsphase wird ein vielfältiger, gewaltiger nāda vernommen; mit fortschreitender Übung wird er immer feiner und feiner vernommen.

ādau jaladhi-jīmūta-bherī-jharjhara-sambhavāḥ | madhye mardala-śaṅkhotthā ghaṇṭā-kāhalajāstathā ||

Am Anfang [erscheinen Töne] wie vom Meer, von Gewitterwolken, von der Kesseltrommel und vom Beckenklang; in der Mitte solche, die von der Trommel (mardala), der Muschel (śaṅkha), der Glocke (ghaṇṭā) und der Hörnertrompete (kāhala) herrühren.

ante tu kiṅkiṇī-vaṃśa-vīṇā-bhramara-niḥsvanāḥ | iti nānāvidhā nādāḥ śrūyante deha-madhyagāḥ ||

Am Ende [Töne] wie von Glöckchen, Flöte, Vīṇā und Biene – so werden mannigfaltige nāda-Klänge im Innern des Körpers vernommen.

mahati śrūyamāṇe'pi megha-bhery-ādike dhvanau | tatra sūkṣmātsūkṣmataraṃ nādameva parāmṛśet ||

Selbst wenn ein lauter Klang wie der von Gewitterwolken oder der Kesseltrommel vernommen wird, achte man dabei nur auf den feineren, immer feineren nāda.

ghanamutsṛjya vā sūkṣme sūkṣmamutsṛjya vā ghane | ramamāṇamapi kṣiptaṃ mano nānyatra cālayet ||

Sei es, dass man das Grobe zugunsten des Feinen aufgibt, sei es das Feine zugunsten des Groben – man lasse den Geist, auch wenn er dabei verweilt und abgelenkt wird, nirgendwohin sonst wandern.

yatra kutrāpi vā nāde lagati prathamaṃ manaḥ | tatraiva susthirībhūya tena sārdhaṃ vilīyate ||

An welchem nāda-Klang auch immer der Geist sich zuerst festhält, gerade dort werde er fest verankert und löse sich mit jenem zusammen auf.

makarandaṃ pibanbhṛṅgī gandhaṃ nāpekṣate yathā | nādāsaktaṃ tathā cittaṃ viṣayānnahi kāṅkṣate ||

Wie die Biene, die Blütenhonig trinkt, nicht mehr nach dem Duft [der Blume] verlangt, so begehrt der am nāda haftende Geist nicht mehr die Sinnesobjekte.

mano-matta-gajendrasya viṣayodyāna-cāriṇaḥ | samartho'yaṃ niyamane nināda-niśitāṅkuśaḥ ||

Dieser [nāda] ist wie ein scharfer, vom Klang selbst geschärfter Elefantenstachel (aṅkuśa), fähig, den wie ein brünstiger Elefantenfürst im Garten der Sinnesobjekte umherschweifenden Geist zu bändigen.

baddhaṃ tu nāda-bandhena manaḥ santyakta-cāpalam | prayāti sutarāṃ sthairyaṃ chinna-pakṣaḥ khago yathā ||

Der durch die Fessel des nāda gebundene Geist gibt seine Unstetigkeit ganz auf und gelangt zu vollkommener Festigkeit, wie ein Vogel mit gestutzten Flügeln.

sarva-cintāṃ parityajya sāvadhānena cetasā | nāda evānusandheyo yoga-sāmrājyamiccatā ||

Wer nach der Königsherrschaft des Yoga (yoga-sāmrājya) verlangt, gebe alles Denken auf und verfolge mit achtsamem Geist einzig den nāda.

nādo'ntaraṅga-sāraṅga-bandhane vāgurāyate | antaraṅga-kuraṅgasya vadhe vyādhāyate'pi ca ||

Der nāda wirkt wie ein Fangnetz, um das innere Reh (den flüchtigen Geist) einzufangen, und zugleich wie ein Jäger, um das innere Reh zu erlegen.

antaraṅgasya yamino vājinaḥ parighāyate | nādopāsti-rato nityamavadhāryā hi yoginā ||

Er wirkt wie der Türriegel für das innere, zu bändigende Ross [den Geist]; die Hingabe an die Verehrung des nāda ist daher vom Yogin unablässig festzuhalten.

baddhaṃ vimukta-cāñcalyaṃ nāda-gandhaka-jāraṇāt | manaḥ-pāradamāpnoti nirālambākhya-khe'ṭanm ||

Durch das Verschmelzen mit dem Schwefel des nāda gebunden und von seiner Unstetigkeit befreit, erlangt der Geist – gleich Quecksilber [durch Kalzinierung fixiert] – [die Fähigkeit, frei] im sogenannten stützelosen Äther [zu wandeln]. [Anmerkung: Die letzten Silben dieses Verses sind im überlieferten Text der Quelle offenbar verderbt/unklar; die Übersetzung folgt dem Sinn gemäß Pancham Sinhs Deutung des Verses („roams... in the supportless ākāśa“), ohne dass die genaue Sanskrit-Wortform an dieser Stelle als gesichert gelten kann.]

nāda-śravaṇataḥ kṣipramantaraṅga-bhujaṅgamam | vismṛtaya sarvamekāgraḥ kutracinnahi dhāvati ||

Durch das Hören des nāda vergisst die innere Schlange [der Geist] rasch alles [andere] und läuft, einspitzig geworden, nirgendwohin mehr.

kāṣṭhe pravartito vahniḥ kāṣṭhena saha śāmyati | nāde pravartitaṃ cittaṃ nādena saha līyate ||

Wie das im Holz entfachte Feuer zusammen mit dem Holz erlischt, so löst sich der im nāda tätige Geist zusammen mit dem nāda auf.

ghaṇṭādināda-sakta-stabdhāntaḥ-karaṇa-hariṇasya | praharaṇamapi sukaraṃ syācchara-sandhāna-pravīṇaścet ||

Ist das innere Sinnesorgan (antaḥkaraṇa), gleich einem Hirsch, an den Klang der Glocke und dergleichen gefesselt und erstarrt, so ist es leicht zu erlegen für den, der geschickt im Anlegen des Pfeils (śara-sandhāna) ist.

anāhatasya śabdasya dhvanirya upalabhyate | dhvanerantargataṃ jñeyaṃ jñeyasyāntargataṃ manaḥ | manastatra layaṃ yāti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam ||

Der Klang (dhvani), der vom ungeschlagenen (anāhata) Ton vernommen wird – im Klang ist das Erkennbare enthalten, im Erkennbaren der Geist; der Geist löst sich dort auf – das ist der höchste Ort Viṣṇus.

tāvadākāśa-saṅkalpo yāvacchabdaḥ pravartate | niḥśabdaṃ tat-paraṃ brahma paramāteti gīyate ||

Solange Klang (śabda) besteht, solange besteht auch die Vorstellung vom Äther (ākāśa); ist es klanglos, wird es das höchste Brahman, Paramātman, genannt.

yatkiṃcinnāda-rūpeṇa śrūyate śaktireva sā | yastattvānto nirākāraḥ sa eva parameśvaraḥ ||

Was auch immer in Gestalt des nāda gehört wird, eben das ist Śakti; was jenseits aller tattvas gestaltlos ist, eben das ist Parameśvara (der höchste Herr).

sarve haṭha-layopāyā rājayogasya siddhaye | rāja-yoga-samārūḍhaḥ puruṣaḥ kāla-vañcakaḥ ||

Alle Methoden des Haṭha und des laya dienen der Vollendung im Rāja-Yoga; der Mensch, der im Rāja-Yoga fest verankert ist, überlistet den Tod.

tattvaṃ bījaṃ haṭhaḥ kṣetramaudāsīnyaṃ jalaṃ tribhiḥ | unmanī kalpa-latikā sadya eva pravartate ||

Das tattva ist der Same, Haṭha das Feld, Gleichmut (audāsīnya) das Wasser; durch diese drei entsteht sogleich die Wunschranke (kalpa-latā) unmanī.

sadā nādānusandhānātkṣīyante pāpa-saṃcayāḥ | nirañjane vilīyete niścitaṃ citta-mārutau ||

Durch beständiges Verfolgen des nāda schwinden die angehäuften Sünden; Geist und Atem lösen sich gewiss im Makellosen (nirañjana) auf.

śaṅkha-dundubhi-nādaṃ ca na śṛṇoti kadācana | kāṣṭhavajjāyate deha unmanyāvasthayā dhruvam ||

[Wer diesen Zustand erreicht hat,] hört zu keiner Zeit mehr den Klang von Muschelhorn und Kesselpauke; sein Leib wird durch den unmanī-Zustand gewiss wie ein Holzscheit.

sarvāvasthā-vinirmuktaḥ sarva-cintā-vivarjitaḥ | mṛtavattiṣṭhate yogī sa mukto nātra saṃśayaḥ ||

Von allen [gewöhnlichen] Zuständen befreit, aller Gedanken ledig, verharrt der Yogin wie ein Toter – er ist erlöst, daran ist kein Zweifel.

khādyate na ca kālena bādhyate na ca karmaṇā | sādhyate na sa kenāpi yogī yuktaḥ samādhinā ||

Der im samādhi verweilende Yogin wird nicht von der Zeit verzehrt, nicht durch Karma gebunden, von niemandem [mehr] bezwungen.

na gandhaṃ na rasaṃ rūpaṃ na ca sparśaṃ na niḥsvanam | nātmānaṃ na paraṃ vetti yogī yuktaḥ samādhinā ||

Weder Geruch, noch Geschmack, noch Gestalt, noch Berührung, noch Klang, weder das eigene Selbst noch ein anderes nimmt der im samādhi verweilende Yogin [mehr getrennt] wahr.

cittaṃ na suptaṃ nojāgratsmṛti-vismṛti-varjitam | na cāstameti nodeti yasyāsau mukta eva saḥ ||

Wessen Geist weder schläft noch wacht, weder Erinnerung noch Vergessen kennt, weder untergeht noch aufgeht – der eben ist erlöst.

na vijānāti śītoṣṇaṃ na duḥkhaṃ na sukhaṃ tathā | na mānaṃ nopamānaṃ ca yogī yuktaḥ samādhinā ||

Weder Kälte noch Hitze, weder Leid noch Glück, weder Ehre noch Missachtung nimmt der im samādhi verweilende Yogin [mehr] wahr.

svastho jāgradavasthāyāṃ suptavadyo'vatiṣṭhate | niḥśvāsoccvāsa-hīnaśca niścitaṃ mukta eva saḥ ||

Wer, obgleich im Wachzustand gesund und bei sich, dennoch wie schlafend verweilt und frei von Ein- und Ausatmung ist – der ist gewiss erlöst.

avadhyaḥ sarva-śastrāṇāmaśakyaḥ sarva-dehinām | agrāhyo mantra-yantrāṇāṃ yogī yuktaḥ samādhinā ||

Der im samādhi verweilende Yogin ist von keiner Waffe zu töten, von keinem verkörperten Wesen zu bezwingen, von keinem mantra und yantra zu erfassen.

yāvadvidurna bhavati dṛḍhaḥ prāṇa-vāta-prabandhāt | yāvaddhyāne sahaja-sadṛśaṃ jāyate naiva tattvaṃ tāvajjñānaṃ vadati tadidaṃ dambha-mithyā-pralāpaḥ ||

Solange der bindu (die Lebensessenz) durch die Bändigung des Atemwindes nicht fest geworden ist, solange in der Meditation das tattva nicht dem natürlichen Zustand (sahaja) gleich erscheint – solange ist alles Reden von „Erkenntnis“ nur eitles, verlogenes Geschwätz. [Anmerkung: Für die im Sanskrit als „vidhur“ überlieferte Form – hier im Sinne von bindu (auch „Mond“) gedeutet, in Anlehnung an das im Kapitel wiederkehrende Thema der bindu-sthairya – lässt sich die genaue Wortgestalt nicht mit letzter Sicherheit klären.]

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