Kapitel 1: prathamopadeśaḥ (āsana) — wörtlich: "Erste Unterweisung"; im Kolophon des Kapitels als "āsana" (Sitzhaltung) thematisch bezeichnet
Erste Unterweisung: Über die Āsanas (Sitz- und Körperhaltungen)
Verehrung sei Ādinātha (Śiva), von dem die Wissenschaft des Haṭhayoga verkündet wurde – sie erstrahlt wie eine Treppe für den, der zum hochragenden Rājayoga emporsteigen will.
Nachdem er ehrfürchtig seinen verehrten Guru Nātha gegrüßt hat, lehrt der Yogin Svātmārāma die Wissenschaft des Haṭha(yoga) einzig und allein um des Rājayoga willen.
Für jene, die infolge der Verwirrung durch die Dunkelheit der vielen Lehrmeinungen den Rājayoga nicht erkennen, verfasst der mitleidsvolle Svātmārāma die Haṭhapradīpikā, das Licht des Haṭha(yoga), um diese Dunkelheit zu vertreiben.
[Aufzählung der großen Siddhas, Fortsetzung in den folgenden Versen:] Śrī Ādinātha, Matsyendra, Śāvarānanda, Bhairava, Cauraṅgī, Mīna(nātha), Gorakṣa, Virūpākṣa, Bileśaya ("der in Höhlen Wohnende"),
ityādayo mahāsiddhāḥ haṭhayogaprabhāvataḥ | khaṇḍayitvā kāladaṇḍaṃ brahmāṇḍe vicaranti te ||9||
diese und andere große Siddhas wandern, nachdem sie kraft des Haṭhayoga den Stab (das Zepter) des Todes zerbrochen haben, frei im Weltenei (Brahmāṇḍa) umher.
Für alle, die von Leid (den drei Tāpas) versehrt sind, ist der Haṭha(yoga) wie eine schützende Klause; für alle, die im Yoga geübt sind, ist der Haṭha(yoga) die tragende Schildkröte (das Fundament), auf dem sie ruhen.
Der Yogin, der Vollendung (Siddhi) begehrt, soll das Wissen des Haṭha(yoga) streng geheim halten; geheim gehalten wird es kraftvoll, offenbart hingegen verliert es seine Kraft.
In einem gut regierten, gerechten Land, wo Almosen leicht zu erlangen sind und keine Unruhe herrscht, soll der Haṭhayogin in einer abgelegenen kleinen Klause verweilen, deren Ausmaß einer Bogenlänge (dhanuḥpramāṇa) entspricht und die frei ist von Gestein, Feuer und Wasser.
Mit kleiner Tür, ohne Ritzen, Löcher oder Spalten, weder zu hoch noch zu niedrig gebaut, sorgfältig mit dichtem Kuhmist beschmiert, rein und völlig frei von Ungeziefer, außen geschmückt mit einer Laube, einer erhöhten Plattform und einem Brunnen und von einer Mauer umgeben – dies, so sagen die in der Haṭha-Praxis vollendeten Meister, ist das Kennzeichen einer Yoga-Klause.
atyāhāraḥ prayāsaś ca prajalpo niyamāgrahaḥ | janasaṅgaś ca laulyaṃ ca ṣaḍbhir yogo vinaśyati ||15||
Durch sechs Dinge wird der Yoga zunichte: übermäßiges Essen, übermäßige Anstrengung, Geschwätzigkeit, starres Festhalten an (äußeren) Regeln, das Sichbegeben in (weltliche) Gesellschaft und Unstetigkeit des Geistes.
Durch sechs Dinge gelingt der Yoga rasch: Enthusiasmus, Wagemut, Standhaftigkeit, Erkenntnis der Wahrheit (Tattvajñāna), Entschlossenheit und das Meiden weltlicher Gesellschaft.
Gewaltlosigkeit (Ahiṃsā), Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit (Brahmacarya), Nachsicht, Standhaftigkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, maßvolle Ernährung und Reinheit – das sind die zehn Yamas.
tapaḥ santoṣa āstikyaṃ dānam īśvarapūjanam | siddhāntavākyaśravaṇaṃ hrīmatī ca tapo hutam | niyamā daśa samproktā yogaśāstraviśāradaiḥ ||18||
Askese (Tapas), Zufriedenheit, Gottvertrauen, Freigebigkeit, Verehrung Gottes, das Hören der Lehrsätze (der Schriften), Scham, Einsicht (Mati) sowie [nochmals] Tapas und (Feuer-)Opfer (Huta) – diese zehn Niyamas werden von den in der Yogalehre Bewanderten genannt. [Anmerkung: Die Aufzählung ist im Quelltext insofern auffällig, als "tapaḥ" am Anfang und gegen Ende zweimal erscheint; dies dürfte auf eine Textverderbnis oder eine abweichende Lesart zurückgehen – andere Rezensionen lesen hier statt "tapo hutam" z. B. "tapo japaḥ" (Askese und Mantra-Rezitation). Die genaue ursprüngliche Zehnerliste lässt sich aus dem vorliegenden Druck nicht mit Sicherheit rekonstruieren.]
Da die Āsana das erste Glied des Haṭha(yoga) ist, wird sie zuerst genannt. Man übe die Āsana, denn sie verleiht Standfestigkeit, Gesundheit und Leichtigkeit der Glieder.
Legt man den rechten Knöchel neben die linke Hüftseite und ebenso den linken neben die rechte, so entsteht Gomukhāsana, das die Gestalt eines Kuhgesichts (gomukha) hat.
Verschließt man den After abwechselnd mit den beiden Fersen und sitzt gesammelt da, so entsteht, wie die Kenner des Yoga wissen, das Kūrmāsana, der Schildkrötensitz.
Nimmt man den Padmāsana-Sitz ein, führt die Hände zwischen Knie und Schenkel hindurch, setzt sie auf den Boden und hebt den Körper in die Luft, so entsteht Kukkuṭāsana, der Hahnensitz.
Verharrt man in der Haltung des Kukkuṭāsana und umfasst mit beiden Armen den Nacken, sodass man wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte daliegt, so ist dies Uttānakūrmāsana.
Ergreift man mit beiden Händen die großen Zehen und zieht sie bis zu den Ohren, wobei sich der Körper wie ein Bogen spannt, so nennt man dies Dhanurāsana, die Bogenhaltung.
Legt man den rechten Fuß an die Wurzel des linken Oberschenkels und schlingt den linken Fuß außen um das Knie, hält ihn fest umfasst und wendet den Körper (nach hinten), so ist dies die von Śrī Matsyendranātha gelehrte Āsana [Matsyendrāsana].
Der Matsyendra-Sitz entfacht das Verdauungsfeuer und ist wie eine Waffe, die den Kreis der heftigsten Krankheiten zerschlägt; durch seine Übung erweckt er die Kuṇḍalinī und verleiht dem Menschen Beständigkeit des Mondes, d. h. er bewahrt den (im Kopf befindlichen) Nektar davor, zu verströmen.
Streckt man beide Beine wie einen Stab auf dem Boden aus, ergreift mit beiden Händen die Zehen beider Füße und sitzt mit der Stirn auf den Knien ruhend, so nennt man dies Paścimatāna, die Rückwärtsdehnung.
Dieses Paścimatāna, die vorzüglichste der Āsanas, lenkt den Lebensatem (Prāṇa) in den hinteren (Rückgrats-)Kanal, entfacht das Verdauungsfeuer, macht den Bauch schlank und verschafft dem Menschen Gesundheit.
Stützt man sich mit beiden Händen auf den Boden, legt den Nabelbereich auf die Ellbogen und hebt den Körper, gerade wie ein Stab gestreckt, hoch in die Luft, so nennt man diesen Sitz Māyūrāsana, die Pfauenhaltung.
Das edle Māyūrāsana vertreibt rasch alle Krankheiten wie Gulma (Geschwülste) und andere Unterleibsleiden und überwindet die (drei) Doṣas (Körpersäfte); es verwandelt selbst reichlich genossene, schlechte Speise vollständig zu Asche, entfacht das Verdauungsfeuer und vermag sogar tödliches Gift (Kālakūṭa) zu verdauen.
Auf dem Rücken wie eine Leiche (śava) am Boden zu liegen – das ist Śavāsana, die Totenhaltung. Śavāsana vertreibt die Erschöpfung und verschafft dem Geist Ruhe.
[Nun das Siddhāsana:] Man drücke die eine Ferse fest gegen den Damm (die Yoni-Region, an die Fußwurzel gefügt) und lege den anderen Fuß über das männliche Glied (Meḍhra); das Kinn fest an die Brust gepresst, sitze man reglos wie ein Pfahl, mit gebändigten Sinnen, und richte den unbewegten Blick auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Dies, so heißt es, ist das Siddhāsana, das den Türflügel der Erlösung (Mokṣa) aufsprengt.
So wie unter den Yamas die maßvolle Ernährung und unter den Niyamas die Gewaltlosigkeit (Ahiṃsā) die wichtigste ist, so gilt den Vollendeten (Siddhas) das Siddhāsana als das bedeutendste unter allen Āsanas.
caturaśītipīṭheṣu siddham eva sadābhyaset | dvāsaptatisahasrāṇāṃ nāḍīnāṃ malaśodhanam ||41||
Von den vierundachtzig Sitzen übe man stets vor allem das Siddhāsana, denn es reinigt die Unreinheit der zweiundsiebzigtausend Nāḍīs (feinstofflichen Kanäle).
kim anyair bahubhiḥ pīṭhaiḥ siddhe siddhāsane sati | prāṇānile sāvadhāne baddhe kevalakumbhake | utpadyate nirāyāsāt svayam evonmanī kalā ||43||
Wozu bedarf es vieler anderer Sitzhaltungen, wenn das Siddhāsana bereits vollendet ist und der Lebenshauch (Prāṇa), sorgsam beachtet, im Kevala-Kumbhaka gebunden ist? Mühelos entsteht dann von selbst der Zustand des Unmanī, des gedankenlosen Bewusstseins.
nāsanaṃ siddhasadṛśaṃ na kumbhaḥ kevalopamaḥ | na khecarīsamā mudrā na nādasadṛśo layaḥ ||45||
Es gibt keine Āsana gleich dem Siddhāsana, keinen Kumbhaka gleich dem Kevala, keine Mudrā gleich der Khecarī und kein Aufgehen (Laya) gleich jenem im Nāda, dem inneren Klang.
[Nun das Padmāsana:] Man lege den rechten Fuß auf den linken Schenkel und ebenso den linken auf den rechten Schenkel, fasse mit beiden auf dem Rücken gekreuzten Händen fest die großen Zehen, lege das Kinn an die Brust und richte den Blick auf die Nasenspitze. Dies, das Krankheiten der Asketen (Yamins) vernichtet, nennt man Padmāsana.
[Nach einer weiteren Beschreibung derselben Haltung:] Man lege beide Füße mit den Sohlen nach oben sorgfältig auf die Oberschenkel und ebenso beide Hände mit den Handflächen nach oben zwischen die Schenkel; dann richte man den Blick –
– auf die Nasenspitze, während man die Zunge an die Wurzel der oberen Schneidezähne (Rājadanta) legt, das Kinn gegen die Brust presst und den Lebensatem langsam nach oben zieht, d. h. den Apāna-Vāyu sanft hebt.
Dies ist das genannte Padmāsana, das alle Krankheiten vernichtet; es ist schwer zu erlangen, doch von jedem verständigen Menschen auf Erden erreichbar.
Faltet man die Hände fest ineinander, sitzt fest im Padmāsana, presst das Kinn eng an die Brust und meditiert im Geiste über jenes (Höchste), so gelangt der Mensch, indem er wiederholt den Apāna(-Vāyu) nach oben treibt und den eingeatmeten (Prāṇa) hinabsenkt, durch die Kraft der (erweckten) Śakti zu unvergleichlicher Erkenntnis.
[atha siṃhāsanam] gulphau ca vṛṣaṇasyādhaḥ sīvantyāḥ pārśvayoḥ kṣipet | dakṣiṇe savyagulphaṃ tu dakṣagulphaṃ tu savyake ||52||
[Nun das Siṃhāsana:] Man lege beide Fersen unterhalb des Hodensacks, zu beiden Seiten der Naht (Sīvanī, des Damms) – die linke Ferse auf die rechte Seite, die rechte Ferse auf die linke Seite.
[atha bhadrāsanam] gulphau ca vṛṣaṇasyādhaḥ sīvantyāḥ pārśvayoḥ kṣipte | savyagulphaṃ tathā savye dakṣagulphaṃ tu dakṣiṇe ||55||
[Nun das Bhadrāsana:] Man lege wiederum beide Fersen unterhalb des Hodensacks zu beiden Seiten des Damms – die linke Ferse links, die rechte Ferse rechts.
pārśvapādau ca pāṇibhyāṃ dṛḍhaṃ baddhvā suniścalam | bhadrāsanaṃ bhaved etat sarvavyādhivināśanam | gorakṣāsanam ity āhur idaṃ vai siddhayoginaḥ ||56||
Ergreift man mit beiden Händen fest die seitlich liegenden Füße und verharrt regungslos, so entsteht dieses Bhadrāsana, das alle Krankheiten vernichtet. Die vollendeten Yogins nennen es auch Gorakṣāsana.
Nachdem der Fürst unter den Yogins auf diese Weise in den Sitzhaltungen (Āsana-Bindungen) seine Ermüdung überwunden hat, übe er die Reinigung der Nāḍīs (Nāḍīśuddhi) sowie die Mudrās und die übrigen Übungen zur Lenkung des Atems.
Āsana, mannigfaltige Kumbhakas sowie die als Mudrā bezeichneten Übungen und schließlich die Versenkung in den (inneren) Klang (Nāda) – dies ist die Reihenfolge der Übung im Haṭha(yoga).
Wer keusch lebt (Brahmacārin), maßvoll isst, entsagt und dem Yoga ganz ergeben ist, erlangt nach Ablauf eines Jahres Vollendung – daran ist nicht zu zweifeln.
susnigdhamadhurāhāraś caturthāṃśavivarjitaḥ | bhujyate śivasamprītyai mitāhāraḥ sa ucyate ||60||
Maßvolle Ernährung (Mitāhāra) nennt man es, wenn man wohlschmeckende, gut geölte (fettreiche) Speise zu sich nimmt, dabei aber ein Viertel des Magens leer lässt, und die Nahrung Śiva zur Freude darbringt.
Als schädlich gilt ferner wieder aufgewärmte, trockene, übermäßig gesalzene oder saure Speise sowie schlechtes Getreide und ungenießbares Gemüse – all dies ist zu meiden.
[Anmerkung zur Textgrundlage: Vers 63 ist im vorliegenden Quelltext nur als einzelne, unvollständig wirkende Zeile überliefert, die sich inhaltlich mit dem folgenden Vers 64 überschneidet — möglicherweise ein Druck- oder Überlieferungsfehler der Ausgabe. Dem Wortlaut nach: "Von Anfang an vermeide man den Umgang mit Feuer, Frauen und das Reisen." Die genaue ursprüngliche Fassung dieses Verses lässt sich aus der vorliegenden Quelle nicht mit Sicherheit rekonstruieren.]
Man meide die Nähe schlechter Menschen (Durjana), den Umgang mit Feuer, mit Frauen und das Reisen, ebenso das morgendliche Bad, das Fasten und andere Arten körperlicher Kasteiung.
godhūmaśāliyavaṣāṣṭikaśobhanānnaṃ kṣīrājyakhaṇḍanavanītasiddhāmadhūni | śuṇṭhīpaṭolakaphalādikapañcaśākaṃ mudgādi divyam udakaṃ ca yamīndrapathyam ||65||
Weizen, Reis, Gerste und Ṣāṣṭika-Reis sowie andere gute Getreidesorten, Milch, Ghee, Zuckerkandis, frische Butter, Kandiszucker und Honig, Trockeningwer, Paṭola-Kürbis und die übrigen der fünf (empfohlenen) Blattgemüse, Mungbohnen und reines, klares Wasser – dies ist die dem Fürsten der Asketen zuträgliche (pathya) Nahrung.
Der Yogin nehme kräftigende, wohlschmeckende, ölige, aus Milchprodukten (gavya) bestehende, die Körpergewebe (Dhātus) nährende Nahrung zu sich, die geeignet ist und dem Geist zusagt.
Vollendung erlangt, wer handelt (übt) – wie sollte sie dem zuteilwerden, der nicht handelt? Durch bloßes Lesen der Lehrschriften allein entsteht keine Vollendung im Yoga.
na veṣadhāraṇaṃ siddheḥ kāraṇaṃ na ca tatkathā | kriyaiva kāraṇaṃ siddheḥ satyam etan na saṃśayaḥ ||69||
Nicht das Tragen bestimmter (asketischer) Kleidung ist die Ursache der Vollendung, noch das Reden darüber; einzig die Übung (Kriyā) ist die Ursache der Vollendung – das ist wahr, daran besteht kein Zweifel.
pīṭhāni kumbhakāś citrā divyāni karaṇāni ca | sarvāṇy api haṭhābhyāse rājayogaphalāvadhi ||70|| iti haṭhapradīpikāyāṃ prathamopadeśaḥ |
Die Sitzhaltungen, die mannigfaltigen Kumbhakas und die wunderbaren übrigen Übungen – sie alle dienen in der Praxis des Haṭha(yoga) bis zur Frucht, dem Rājayoga. So endet in der Haṭhapradīpikā die erste Unterweisung (Prathamopadeśaḥ).