Quellen der Menschheit

Haṭhapradīpikā

Kapitel 1: prathamopadeśaḥ (āsana) — wörtlich: "Erste Unterweisung"; im Kolophon des Kapitels als "āsana" (Sitzhaltung) thematisch bezeichnet Erste Unterweisung: Über die Āsanas (Sitz- und Körperhaltungen)

śrī ādināthāya namo 'stu tasmai yenopadiṣṭā haṭhayogavidyā | vibhrājate pronnatarājayogam āroḍhum icchor adhirohiṇīva ||1||

Verehrung sei Ādinātha (Śiva), von dem die Wissenschaft des Haṭhayoga verkündet wurde – sie erstrahlt wie eine Treppe für den, der zum hochragenden Rājayoga emporsteigen will.

praṇamya śrīguruṃ nāthaṃ svātmārāmeṇa yoginā | kevalaṃ rājayogāya haṭhavidyopadiśyate ||2||

Nachdem er ehrfürchtig seinen verehrten Guru Nātha gegrüßt hat, lehrt der Yogin Svātmārāma die Wissenschaft des Haṭha(yoga) einzig und allein um des Rājayoga willen.

bhrāntyā bahumatadhvānte rājayogam ajānatām | haṭhapradīpikāṃ dhatte svātmārāmaḥ kṛpākaraḥ ||3||

Für jene, die infolge der Verwirrung durch die Dunkelheit der vielen Lehrmeinungen den Rājayoga nicht erkennen, verfasst der mitleidsvolle Svātmārāma die Haṭhapradīpikā, das Licht des Haṭha(yoga), um diese Dunkelheit zu vertreiben.

haṭhavidyāṃ hi matsyendragorakṣādyā vijānate | svātmārāmo 'thavā yogī jānīte tatprasādataḥ ||4||

Die Wissenschaft des Haṭha kennen fürwahr Matsyendra, Gorakṣa und andere; und durch deren Gnade kennt sie auch der Yogin Svātmārāma.

śrī ādinātha matsyendra śāvarānanda bhairavāḥ | cauraṅgī mīna gorakṣa virūpākṣa bileśayāḥ ||5||

[Aufzählung der großen Siddhas, Fortsetzung in den folgenden Versen:] Śrī Ādinātha, Matsyendra, Śāvarānanda, Bhairava, Cauraṅgī, Mīna(nātha), Gorakṣa, Virūpākṣa, Bileśaya ("der in Höhlen Wohnende"),

manthānabhairavo yogī siddhabuddhaś ca kanthaḍiḥ | koraṇṭakaḥ surānandaḥ siddhapādaś ca carpaṭiḥ ||6||

Manthānabhairava der Yogin, Siddhabuddhi, Kanthaḍi, Koraṇṭaka, Surānanda, Siddhapāda und Carpaṭi,

kānerī pūjyapādaś ca nityanātho nirañjanaḥ | kapālī bindunāthaś ca kākacaṇḍīśvarāhvayaḥ ||7||

Kānerī, Pūjyapāda, Nityanātha, Nirañjana, Kapālī, Bindunātha und der mit Namen Kākacaṇḍīśvara,

allāmaḥ prabhudevaś ca ghoḍā colī ca ṭiṇṭiṇiḥ | bhānukī nāradevaś ca khaṇḍaḥ kāpālikas tathā ||8||

Allāma, Prabhudeva, Ghoḍā, Colī, Ṭiṇṭiṇi, Bhānukī, Nāradeva sowie Khaṇḍa Kāpālika –

ityādayo mahāsiddhāḥ haṭhayogaprabhāvataḥ | khaṇḍayitvā kāladaṇḍaṃ brahmāṇḍe vicaranti te ||9||

diese und andere große Siddhas wandern, nachdem sie kraft des Haṭhayoga den Stab (das Zepter) des Todes zerbrochen haben, frei im Weltenei (Brahmāṇḍa) umher.

aśeṣatāpataptānāṃ samāśrayo maṭho haṭhaḥ | aśeṣayogayuktānām ādhārakamaṭho haṭhaḥ ||10||

Für alle, die von Leid (den drei Tāpas) versehrt sind, ist der Haṭha(yoga) wie eine schützende Klause; für alle, die im Yoga geübt sind, ist der Haṭha(yoga) die tragende Schildkröte (das Fundament), auf dem sie ruhen.

haṭhavidyā paraṃ gopyā yoginā siddhim icchatā | bhaved vīryavatī guptā nirvīryā tu prakāśitā ||11||

Der Yogin, der Vollendung (Siddhi) begehrt, soll das Wissen des Haṭha(yoga) streng geheim halten; geheim gehalten wird es kraftvoll, offenbart hingegen verliert es seine Kraft.

surājye dhārmike deśe subhikṣe nirupadrave | dhanuḥpramāṇaparyantaṃ śilāgnijalavarjite | ekānte maṭhikāmadhye sthātavyaṃ haṭhayoginā ||12||

In einem gut regierten, gerechten Land, wo Almosen leicht zu erlangen sind und keine Unruhe herrscht, soll der Haṭhayogin in einer abgelegenen kleinen Klause verweilen, deren Ausmaß einer Bogenlänge (dhanuḥpramāṇa) entspricht und die frei ist von Gestein, Feuer und Wasser.

alpadvāram arandhraghaṭavivaraṃ nātyuccanīcāyataṃ samyaggomayasāndraliptam amalaṃ niḥśeṣajantūjjhitam | bāhye maṇḍapavedikūparuciraṃ prākārasaṃveṣṭitaṃ proktaṃ yogamaṭhasya lakṣaṇam idaṃ siddhair haṭhābhyāsibhiḥ ||13||

Mit kleiner Tür, ohne Ritzen, Löcher oder Spalten, weder zu hoch noch zu niedrig gebaut, sorgfältig mit dichtem Kuhmist beschmiert, rein und völlig frei von Ungeziefer, außen geschmückt mit einer Laube, einer erhöhten Plattform und einem Brunnen und von einer Mauer umgeben – dies, so sagen die in der Haṭha-Praxis vollendeten Meister, ist das Kennzeichen einer Yoga-Klause.

evaṃvidhe maṭhe sthitvā sarvacintāvivarjitaḥ | gurūpadiṣṭamārgeṇa yogam eva samabhyaset ||14||

In einer solchen Klause weilend und frei von aller Sorge, übe man einzig den Yoga, so wie es der Guru gewiesen hat.

atyāhāraḥ prayāsaś ca prajalpo niyamāgrahaḥ | janasaṅgaś ca laulyaṃ ca ṣaḍbhir yogo vinaśyati ||15||

Durch sechs Dinge wird der Yoga zunichte: übermäßiges Essen, übermäßige Anstrengung, Geschwätzigkeit, starres Festhalten an (äußeren) Regeln, das Sichbegeben in (weltliche) Gesellschaft und Unstetigkeit des Geistes.

utsāhāt sāhasād dhairyāt tattvajñānāc ca niścayāt | janasaṅgaparityāgāt ṣaḍbhir yogaḥ prasiddhyati ||16||

Durch sechs Dinge gelingt der Yoga rasch: Enthusiasmus, Wagemut, Standhaftigkeit, Erkenntnis der Wahrheit (Tattvajñāna), Entschlossenheit und das Meiden weltlicher Gesellschaft.

ahiṃsā satyam asteyaṃ brahmacaryaṃ kṣamā dhṛtiḥ | dayārjavaṃ mitāhāraḥ śaucaṃ caiva yamā daśa ||17||

Gewaltlosigkeit (Ahiṃsā), Wahrhaftigkeit, Nichtstehlen, Keuschheit (Brahmacarya), Nachsicht, Standhaftigkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit, maßvolle Ernährung und Reinheit – das sind die zehn Yamas.

tapaḥ santoṣa āstikyaṃ dānam īśvarapūjanam | siddhāntavākyaśravaṇaṃ hrīmatī ca tapo hutam | niyamā daśa samproktā yogaśāstraviśāradaiḥ ||18||

Askese (Tapas), Zufriedenheit, Gottvertrauen, Freigebigkeit, Verehrung Gottes, das Hören der Lehrsätze (der Schriften), Scham, Einsicht (Mati) sowie [nochmals] Tapas und (Feuer-)Opfer (Huta) – diese zehn Niyamas werden von den in der Yogalehre Bewanderten genannt. [Anmerkung: Die Aufzählung ist im Quelltext insofern auffällig, als "tapaḥ" am Anfang und gegen Ende zweimal erscheint; dies dürfte auf eine Textverderbnis oder eine abweichende Lesart zurückgehen – andere Rezensionen lesen hier statt "tapo hutam" z. B. "tapo japaḥ" (Askese und Mantra-Rezitation). Die genaue ursprüngliche Zehnerliste lässt sich aus dem vorliegenden Druck nicht mit Sicherheit rekonstruieren.]

haṭhasya prathamāṅgatvād āsanaṃ pūrvam ucyate | kuryāt tad āsanaṃ sthairyam ārogyaṃ cāṅgalāghavam ||19||

Da die Āsana das erste Glied des Haṭha(yoga) ist, wird sie zuerst genannt. Man übe die Āsana, denn sie verleiht Standfestigkeit, Gesundheit und Leichtigkeit der Glieder.

vasiṣṭhādyaiś ca munibhir matsyendrādyaiś ca yogibhiḥ | aṅgīkṛtāny āsanāni kathyante kāni cin mayā ||20||

Ich will einige der Āsanas beschreiben, die von Weisen (Munis) wie Vasiṣṭha und anderen sowie von Yogins wie Matsyendra und anderen angenommen wurden.

jānūrvor antare samyak kṛtvā pādatale ubhe | ṛjukāyaḥ samāsīnaḥ svastikaṃ tat pracakṣate ||21||

Legt man beide Fußsohlen sorgfältig zwischen Knie und Oberschenkel und sitzt mit aufrechtem Körper ruhig da, so nennt man dies Svastikāsana.

savye dakṣiṇagulphaṃ tu pṛṣṭhapārśve niyojayet | dakṣiṇe 'pi tathā savyaṃ gomukhaṃ gomukhākṛtiḥ ||22||

Legt man den rechten Knöchel neben die linke Hüftseite und ebenso den linken neben die rechte, so entsteht Gomukhāsana, das die Gestalt eines Kuhgesichts (gomukha) hat.

ekaṃ pādaṃ tathaikasmin vinyased ūruṇi sthiram | itarasmiṃs tathā coruṃ vīrāsanam itīritam ||23||

Legt man den einen Fuß fest auf den einen Schenkel und ebenso den anderen Fuß auf den anderen Schenkel, so wird dies Vīrāsana genannt.

gudaṃ nirudhya gulphābhyāṃ vyutkrameṇa samāhitaḥ | kūrmāsanaṃ bhaved etad iti yogavido viduḥ ||24||

Verschließt man den After abwechselnd mit den beiden Fersen und sitzt gesammelt da, so entsteht, wie die Kenner des Yoga wissen, das Kūrmāsana, der Schildkrötensitz.

padmāsanaṃ tu saṃsthāpya jānūrvor antare karau | niveśya bhūmau saṃsthāpya vyomasthaṃ kukkuṭāsanam ||25||

Nimmt man den Padmāsana-Sitz ein, führt die Hände zwischen Knie und Schenkel hindurch, setzt sie auf den Boden und hebt den Körper in die Luft, so entsteht Kukkuṭāsana, der Hahnensitz.

kukkuṭāsanabandhastho dorbhyāṃ sambadhya kandharām | bhaved kūrmavad uttāna etad uttānakūrmakam ||26||

Verharrt man in der Haltung des Kukkuṭāsana und umfasst mit beiden Armen den Nacken, sodass man wie eine auf dem Rücken liegende Schildkröte daliegt, so ist dies Uttānakūrmāsana.

pādāṅguṣṭhau tu pāṇibhyāṃ gṛhītvā śravaṇāvadhi | dhanurākarṣaṇaṃ kuryād dhanurāsanam ucyate ||27||

Ergreift man mit beiden Händen die großen Zehen und zieht sie bis zu den Ohren, wobei sich der Körper wie ein Bogen spannt, so nennt man dies Dhanurāsana, die Bogenhaltung.

vāmorumūlārpitadakṣapādaṃ jānor bahirveṣṭitavāmapādam | pragṛhya tiṣṭhet parivartitāṅgaḥ śrīmatsyanāthoditam āsanaṃ syāt ||28||

Legt man den rechten Fuß an die Wurzel des linken Oberschenkels und schlingt den linken Fuß außen um das Knie, hält ihn fest umfasst und wendet den Körper (nach hinten), so ist dies die von Śrī Matsyendranātha gelehrte Āsana [Matsyendrāsana].

matsyendrapīṭhaṃ jaṭharapradīptiṃ pracaṇḍarugmaṇḍalakhaṇḍanāstram | abhyāsataḥ kuṇḍalinīprabodhaṃ candrasthairatvaṃ ca dadāti puṃsām ||29||

Der Matsyendra-Sitz entfacht das Verdauungsfeuer und ist wie eine Waffe, die den Kreis der heftigsten Krankheiten zerschlägt; durch seine Übung erweckt er die Kuṇḍalinī und verleiht dem Menschen Beständigkeit des Mondes, d. h. er bewahrt den (im Kopf befindlichen) Nektar davor, zu verströmen.

prasārya pādau bhuvi daṇḍarūpau dorbhyāṃ padāgradvitayaṃ gṛhītvā | jānūparinyastalalāṭadeśo vased idaṃ paścimatānam āhuḥ ||30||

Streckt man beide Beine wie einen Stab auf dem Boden aus, ergreift mit beiden Händen die Zehen beider Füße und sitzt mit der Stirn auf den Knien ruhend, so nennt man dies Paścimatāna, die Rückwärtsdehnung.

iti paścimatānam āsanāgryaṃ pavanaṃ paścimavāhinaṃ karoti | udayaṃ jaṭharānalasya kuryād udare kārśyam arogatāṃ ca puṃsām ||31||

Dieses Paścimatāna, die vorzüglichste der Āsanas, lenkt den Lebensatem (Prāṇa) in den hinteren (Rückgrats-)Kanal, entfacht das Verdauungsfeuer, macht den Bauch schlank und verschafft dem Menschen Gesundheit.

dharām avaṣṭabhya karadvayena tatkūrparasthāpitanābhipārśvaḥ | uccāsano daṇḍavad utthitaḥ khe māyūram etat pravadanti pīṭham ||32||

Stützt man sich mit beiden Händen auf den Boden, legt den Nabelbereich auf die Ellbogen und hebt den Körper, gerade wie ein Stab gestreckt, hoch in die Luft, so nennt man diesen Sitz Māyūrāsana, die Pfauenhaltung.

harati sakalarogān āśu gulmodarādīn abhibhavati ca doṣān āsanaṃ śrīmayūram | bahu kadaśanabhuktaṃ bhasma kuryād aśeṣaṃ janayati jaṭharāgniṃ jārayet kālakūṭam ||33||

Das edle Māyūrāsana vertreibt rasch alle Krankheiten wie Gulma (Geschwülste) und andere Unterleibsleiden und überwindet die (drei) Doṣas (Körpersäfte); es verwandelt selbst reichlich genossene, schlechte Speise vollständig zu Asche, entfacht das Verdauungsfeuer und vermag sogar tödliches Gift (Kālakūṭa) zu verdauen.

uttānaṃ śavavad bhūmau śayanaṃ tac chavāsanam | śavāsanaṃ śrāntiharaṃ cittaviśrāntikārakam ||34||

Auf dem Rücken wie eine Leiche (śava) am Boden zu liegen – das ist Śavāsana, die Totenhaltung. Śavāsana vertreibt die Erschöpfung und verschafft dem Geist Ruhe.

caturaśītyāsanāni śivena kathitāni ca | tebhyaś catuṣkam ādāya sārabhūtaṃ bravīmy aham ||35||

Śiva hat vierundachtzig Āsanas gelehrt. Von diesen will ich vier als die wesentlichen (sārabhūta) herausgreifen und erläutern.

siddhaṃ padmaṃ tathā siṃhaṃ bhadraṃ veti catuṣṭayam | śreṣṭhaṃ tatrāpi ca sukhe tiṣṭhet siddhāsane sadā ||36||

Diese vier sind: Siddha-, Padma-, Siṃha- und Bhadrāsana. Von ihnen ist das Siddhāsana das vorzüglichste; man verweile stets bequem in ihm.

[atha siddhāsanam] yonisthānakam aṅghrimūlaghaṭitaṃ kṛtvā dṛḍhaṃ vinyaset meḍhre pādam athaikam eva hṛdaye kṛtvā hanuṃ susthiram | sthāṇuḥ saṃyamitendriyo 'caladṛśā paśyed bhruvor antaraṃ hy etan mokṣakapāṭabhedajanakaṃ siddhāsanaṃ procyate ||37||

[Nun das Siddhāsana:] Man drücke die eine Ferse fest gegen den Damm (die Yoni-Region, an die Fußwurzel gefügt) und lege den anderen Fuß über das männliche Glied (Meḍhra); das Kinn fest an die Brust gepresst, sitze man reglos wie ein Pfahl, mit gebändigten Sinnen, und richte den unbewegten Blick auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Dies, so heißt es, ist das Siddhāsana, das den Türflügel der Erlösung (Mokṣa) aufsprengt.

meḍhrād upari vinyasya savyaṃ gulphaṃ tathopari | gulphāntaraṃ ca nikṣipya siddhāsanam idaṃ bhavet ||38||

Legt man den linken Knöchel oberhalb des Meḍhra und darüber wiederum den anderen Knöchel, so entsteht ebenfalls dieses Siddhāsana.

etat siddhāsanaṃ prāhur anye vajrāsanaṃ viduḥ | muktāsanaṃ vadanty eke prāhur guptāsanaṃ pare ||39||

Dieses nennen die einen Siddhāsana, andere kennen es als Vajrāsana; manche nennen es Muktāsana, wieder andere Guptāsana.

yameṣv iva mitāhāram ahiṃsā niyameṣv iva | mukhyaṃ sarvāsaneṣv ekaṃ siddhāḥ siddhāsanaṃ viduḥ ||40||

So wie unter den Yamas die maßvolle Ernährung und unter den Niyamas die Gewaltlosigkeit (Ahiṃsā) die wichtigste ist, so gilt den Vollendeten (Siddhas) das Siddhāsana als das bedeutendste unter allen Āsanas.

caturaśītipīṭheṣu siddham eva sadābhyaset | dvāsaptatisahasrāṇāṃ nāḍīnāṃ malaśodhanam ||41||

Von den vierundachtzig Sitzen übe man stets vor allem das Siddhāsana, denn es reinigt die Unreinheit der zweiundsiebzigtausend Nāḍīs (feinstofflichen Kanäle).

ātmadhyāyī mitāhārī yāvad dvādaśavatsaram | sadā siddhāsanābhyāsād yogī niṣpattim āpnuyāt ||42||

Wer sich zwölf Jahre lang in Selbstversenkung übt, maßvoll isst und beständig das Siddhāsana praktiziert, jener Yogin erlangt Vollendung.

kim anyair bahubhiḥ pīṭhaiḥ siddhe siddhāsane sati | prāṇānile sāvadhāne baddhe kevalakumbhake | utpadyate nirāyāsāt svayam evonmanī kalā ||43||

Wozu bedarf es vieler anderer Sitzhaltungen, wenn das Siddhāsana bereits vollendet ist und der Lebenshauch (Prāṇa), sorgsam beachtet, im Kevala-Kumbhaka gebunden ist? Mühelos entsteht dann von selbst der Zustand des Unmanī, des gedankenlosen Bewusstseins.

tathaikasminn eva dṛḍhe siddhe siddhāsane sati | bandhatrayam anāyāsāt svayam evopajāyate ||44||

Ebenso entstehen, sobald allein dieses eine Siddhāsana fest vollendet ist, mühelos von selbst die drei Bandhas (Verschlüsse).

nāsanaṃ siddhasadṛśaṃ na kumbhaḥ kevalopamaḥ | na khecarīsamā mudrā na nādasadṛśo layaḥ ||45||

Es gibt keine Āsana gleich dem Siddhāsana, keinen Kumbhaka gleich dem Kevala, keine Mudrā gleich der Khecarī und kein Aufgehen (Laya) gleich jenem im Nāda, dem inneren Klang.

[atha padmāsanam] vāmorūpari dakṣiṇaṃ ca caraṇaṃ saṃsthāpya vāmaṃ tathā dakṣorūpari paścimena vidhinā dhṛtvā karābhyāṃ dṛḍham | aṅguṣṭhau hṛdaye nidhāya cibukaṃ nāsāgram ālokayet etad vyādhivināśakāri yamināṃ padmāsanaṃ procyate ||46||

[Nun das Padmāsana:] Man lege den rechten Fuß auf den linken Schenkel und ebenso den linken auf den rechten Schenkel, fasse mit beiden auf dem Rücken gekreuzten Händen fest die großen Zehen, lege das Kinn an die Brust und richte den Blick auf die Nasenspitze. Dies, das Krankheiten der Asketen (Yamins) vernichtet, nennt man Padmāsana.

uttānau caraṇau kṛtvā ūrusaṃsthau prayatnataḥ | ūrumadhye tathottānau pāṇī kṛtvā tato dṛśau ||47||

[Nach einer weiteren Beschreibung derselben Haltung:] Man lege beide Füße mit den Sohlen nach oben sorgfältig auf die Oberschenkel und ebenso beide Hände mit den Handflächen nach oben zwischen die Schenkel; dann richte man den Blick –

nāsāgre vinyased rājadantamūle tu jihvayā | uttambhya cibukaṃ vakṣasy utthāpya pavanaṃ śanaiḥ ||48||

– auf die Nasenspitze, während man die Zunge an die Wurzel der oberen Schneidezähne (Rājadanta) legt, das Kinn gegen die Brust presst und den Lebensatem langsam nach oben zieht, d. h. den Apāna-Vāyu sanft hebt.

idaṃ padmāsanaṃ proktaṃ sarvavyādhivināśanam | durlabhaṃ yena kenāpi dhīmatā labhyate bhuvi ||49||

Dies ist das genannte Padmāsana, das alle Krankheiten vernichtet; es ist schwer zu erlangen, doch von jedem verständigen Menschen auf Erden erreichbar.

kṛtvā sampuṭitau karau dṛḍhataraṃ baddhvā tu padmam āsanaṃ | gāḍhaṃ vakṣasi sannidhāya cibukaṃ dhyāyaṃś ca tac cetasi | vāraṃ vāram apānam ūrdhvam anilaṃ protsārayan pūritaṃ nyañcan prāṇam upaiti bodham atulaṃ śaktiprabhāvān naraḥ ||50||

Faltet man die Hände fest ineinander, sitzt fest im Padmāsana, presst das Kinn eng an die Brust und meditiert im Geiste über jenes (Höchste), so gelangt der Mensch, indem er wiederholt den Apāna(-Vāyu) nach oben treibt und den eingeatmeten (Prāṇa) hinabsenkt, durch die Kraft der (erweckten) Śakti zu unvergleichlicher Erkenntnis.

padmāsane sthito yogī nāḍīdvāreṇa pūritam | mārutaṃ dhārayed yas tu sa mukto nātra saṃśayaḥ ||51||

Der Yogin, der im Padmāsana sitzend den durch die Nāḍī-Öffnung eingeführten Lebensatem zu halten vermag, ist erlöst – daran besteht kein Zweifel.

[atha siṃhāsanam] gulphau ca vṛṣaṇasyādhaḥ sīvantyāḥ pārśvayoḥ kṣipet | dakṣiṇe savyagulphaṃ tu dakṣagulphaṃ tu savyake ||52||

[Nun das Siṃhāsana:] Man lege beide Fersen unterhalb des Hodensacks, zu beiden Seiten der Naht (Sīvanī, des Damms) – die linke Ferse auf die rechte Seite, die rechte Ferse auf die linke Seite.

hastau tu jānvoḥ saṃsthāpya svāṅgulīḥ samprasārya ca | vyāttavaktro nirīkṣeta nāsāgraṃ susamāhitaḥ ||53||

Man lege beide Hände mit gespreizten Fingern auf die Knie, öffne den Mund weit und blicke gesammelt auf die Nasenspitze.

siṃhāsanaṃ bhaved etat pūjitaṃ yogipuṅgavaiḥ | bandhatritayasandhānaṃ kurute cāsanottamam ||54||

Dies ist das Siṃhāsana, das von den besten der Yogins verehrt wird; dieses vorzügliche Āsana bewirkt die Verbindung der drei Bandhas.

[atha bhadrāsanam] gulphau ca vṛṣaṇasyādhaḥ sīvantyāḥ pārśvayoḥ kṣipte | savyagulphaṃ tathā savye dakṣagulphaṃ tu dakṣiṇe ||55||

[Nun das Bhadrāsana:] Man lege wiederum beide Fersen unterhalb des Hodensacks zu beiden Seiten des Damms – die linke Ferse links, die rechte Ferse rechts.

pārśvapādau ca pāṇibhyāṃ dṛḍhaṃ baddhvā suniścalam | bhadrāsanaṃ bhaved etat sarvavyādhivināśanam | gorakṣāsanam ity āhur idaṃ vai siddhayoginaḥ ||56||

Ergreift man mit beiden Händen fest die seitlich liegenden Füße und verharrt regungslos, so entsteht dieses Bhadrāsana, das alle Krankheiten vernichtet. Die vollendeten Yogins nennen es auch Gorakṣāsana.

evam āsanabandheṣu yogīndro gatakalamaḥ | abhyasen nāḍikāśuddhiṃ mudrādi pavanakriyām ||57||

Nachdem der Fürst unter den Yogins auf diese Weise in den Sitzhaltungen (Āsana-Bindungen) seine Ermüdung überwunden hat, übe er die Reinigung der Nāḍīs (Nāḍīśuddhi) sowie die Mudrās und die übrigen Übungen zur Lenkung des Atems.

āsanaṃ kumbhakaṃ citraṃ mudrākhyaṃ karaṇaṃ tathā | atha nādānusandhānam abhyāsānukramo haṭhe ||58||

Āsana, mannigfaltige Kumbhakas sowie die als Mudrā bezeichneten Übungen und schließlich die Versenkung in den (inneren) Klang (Nāda) – dies ist die Reihenfolge der Übung im Haṭha(yoga).

brahmacārī mitāhārī tyāgī yogaparāyaṇaḥ | abdād ūrdhvaṃ bhaved siddho nātra kāryā vicāraṇā ||59||

Wer keusch lebt (Brahmacārin), maßvoll isst, entsagt und dem Yoga ganz ergeben ist, erlangt nach Ablauf eines Jahres Vollendung – daran ist nicht zu zweifeln.

susnigdhamadhurāhāraś caturthāṃśavivarjitaḥ | bhujyate śivasamprītyai mitāhāraḥ sa ucyate ||60||

Maßvolle Ernährung (Mitāhāra) nennt man es, wenn man wohlschmeckende, gut geölte (fettreiche) Speise zu sich nimmt, dabei aber ein Viertel des Magens leer lässt, und die Nahrung Śiva zur Freude darbringt.

kaṭvamlatīkṣṇalavaṇoṣṇaharītaśākasauvīratailatilasarṣapamadyamatsyān | ājādimāṃsadadhitakrakulatthakolapiṇyākahiṅgulaśunādyam apathyam āhuḥ ||61||

Scharfe, saure, beißende, salzige oder heiße Speisen, grünes Blattgemüse, gesäuerte Reisspeise (Sauvīra), Öl, Sesam, Senf, Wein, Fisch, Ziegen- und anderes Fleisch, Joghurt, Buttermilch, Kulattha-Bohnen, Pflaumen (Kola), Ölkuchen, Asafoetida (Hiṅgu) und Knoblauch – all dies gilt als unzuträglich (apathya).

bhojanam ahitaṃ vidyāt punar asyoṣṇīkṛtaṃ rūkṣam | atilavaṇam amlayuktaṃ kadaśanaśākotkaṃ varjyam ||62||

Als schädlich gilt ferner wieder aufgewärmte, trockene, übermäßig gesalzene oder saure Speise sowie schlechtes Getreide und ungenießbares Gemüse – all dies ist zu meiden.

[vahnistrīpathisevanām ādau varjanam ācaret ||63||]

[Anmerkung zur Textgrundlage: Vers 63 ist im vorliegenden Quelltext nur als einzelne, unvollständig wirkende Zeile überliefert, die sich inhaltlich mit dem folgenden Vers 64 überschneidet — möglicherweise ein Druck- oder Überlieferungsfehler der Ausgabe. Dem Wortlaut nach: "Von Anfang an vermeide man den Umgang mit Feuer, Frauen und das Reisen." Die genaue ursprüngliche Fassung dieses Verses lässt sich aus der vorliegenden Quelle nicht mit Sicherheit rekonstruieren.]

varjayed durjanaprāntaṃ vahnistrīpathisevanam | prātaḥsnānopavāsādi kāyakleśavidhiṃ tathā ||64||

Man meide die Nähe schlechter Menschen (Durjana), den Umgang mit Feuer, mit Frauen und das Reisen, ebenso das morgendliche Bad, das Fasten und andere Arten körperlicher Kasteiung.

godhūmaśāliyavaṣāṣṭikaśobhanānnaṃ kṣīrājyakhaṇḍanavanītasiddhāmadhūni | śuṇṭhīpaṭolakaphalādikapañcaśākaṃ mudgādi divyam udakaṃ ca yamīndrapathyam ||65||

Weizen, Reis, Gerste und Ṣāṣṭika-Reis sowie andere gute Getreidesorten, Milch, Ghee, Zuckerkandis, frische Butter, Kandiszucker und Honig, Trockeningwer, Paṭola-Kürbis und die übrigen der fünf (empfohlenen) Blattgemüse, Mungbohnen und reines, klares Wasser – dies ist die dem Fürsten der Asketen zuträgliche (pathya) Nahrung.

puṣṭaṃ sumadhuraṃ snigdhaṃ gavyaṃ dhātuprapoṣaṇam | manobhilaṣitaṃ yogyaṃ yogī bhojanam ācaret ||66||

Der Yogin nehme kräftigende, wohlschmeckende, ölige, aus Milchprodukten (gavya) bestehende, die Körpergewebe (Dhātus) nährende Nahrung zu sich, die geeignet ist und dem Geist zusagt.

yuvo vṛddho 'tivṛddho vā vyādhito durbalo 'pi vā | abhyāsāt siddhim āpnoti sarvayogeṣv atandritaḥ ||67||

Ob jung, alt, sehr alt, krank oder auch schwach – jeder erlangt durch Übung Vollendung, wenn er sich unermüdlich in allen Formen des Yoga betätigt.

kriyāyuktasya siddhiḥ syād akriyasya kathaṃ bhavet | na śāstrapāṭhamātreṇa yogasiddhiḥ prajāyate ||68||

Vollendung erlangt, wer handelt (übt) – wie sollte sie dem zuteilwerden, der nicht handelt? Durch bloßes Lesen der Lehrschriften allein entsteht keine Vollendung im Yoga.

na veṣadhāraṇaṃ siddheḥ kāraṇaṃ na ca tatkathā | kriyaiva kāraṇaṃ siddheḥ satyam etan na saṃśayaḥ ||69||

Nicht das Tragen bestimmter (asketischer) Kleidung ist die Ursache der Vollendung, noch das Reden darüber; einzig die Übung (Kriyā) ist die Ursache der Vollendung – das ist wahr, daran besteht kein Zweifel.

pīṭhāni kumbhakāś citrā divyāni karaṇāni ca | sarvāṇy api haṭhābhyāse rājayogaphalāvadhi ||70|| iti haṭhapradīpikāyāṃ prathamopadeśaḥ |

Die Sitzhaltungen, die mannigfaltigen Kumbhakas und die wunderbaren übrigen Übungen – sie alle dienen in der Praxis des Haṭha(yoga) bis zur Frucht, dem Rājayoga. So endet in der Haṭhapradīpikā die erste Unterweisung (Prathamopadeśaḥ).

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks