Quellen der Menschheit

Haṭhapradīpikā

Kapitel 3: Mudrā (tṛtīyopadeśaḥ) — im Original als "CHAPTER III. On Mudrâs" überschrieben; im Kolophon bezeichnet als "iti haṭhapradīpikāyāṃ tṛtīyopadeśaḥ" ("So [endet] im Haṭhapradīpikā die dritte Unterweisung"). Dritte Unterweisung: Über die Mudrās (die Siegel/Griffe)

sa-śaila-vana-dhātrīṇāṃ yathādhāro 'hi-nāyakaḥ | sarveṣāṃ yoga-tantrāṇāṃ tathādhāro hi kuṇḍalī ||

So wie der Herr der Schlangen (Ahi-nāyaka, Śeṣa) die Stütze der Erde mit ihren Bergen und Wäldern ist, so ist die Kuṇḍalī die Stütze aller Yoga-Tantras (der Yogalehren und -praktiken).

suptā guru-prasādena yadā jāgarti kuṇḍalī | tadā sarvāṇi padmāni bhidyante granthayo 'pi ca ||

Wenn die schlafende Kuṇḍalī durch die Gnade des Guru erwacht, dann werden alle Lotusse (Padmas, die Cakren) durchbohrt und auch die Knoten (Granthis) gelöst.

prāṇasya śūnya-padavī tadā rāja-pathāyate | tadā cittaṃ nirālambaṃ tadā kālasya vañcanam ||

Dann wird die "leere Bahn" (śūnya-padavī) des Prāṇa [d.h. die Suṣumnā] zur Königsstraße; dann wird das Denken (citta) ohne Stütze; dann [geschieht] die Überlistung der Zeit (des Todes).

suṣumṇā śūnya-padavī brahma-randhraṃ mahā-pathaḥ | śmaśānaṃ śāmbhavī madhya-mārgaś cety eka-vācakāḥ ||

Suṣumnā, "leere Bahn", Brahmarandhra ("Brahma-Öffnung"), Mahāpatha ("großer Pfad"), Śmaśāna ("Leichenacker"), Śāmbhavī und Madhyamārga ("Mittelweg") — dies sind Bezeichnungen für ein und dasselbe [den mittleren Energiekanal].

tasmāt sarva-prayatnena prabodhayitum īśvarīm | brahma-dvāra-mukhe suptāṃ mudrābhyāsaṃ samācaret ||

Um daher mit allem Bemühen diese Herrin (Īśvarī, die Göttin Kuṇḍalī) zu erwecken, die schlafend am Eingang des Brahma-Tores liegt, soll man die Übung der Mudrās (Siegel/Griffe) ausführen.

mahāmudrā mahābandho mahāvedhaś ca khecarī | uḍḍiyānaṃ mūlabandhaś ca bandho jālandharābhidhaḥ |

Mahāmudrā ("großes Siegel"), Mahābandha ("großer Verschluss"), Mahāvedha ("großer Durchstoß") und Khecarī, Uḍḍiyāna-Bandha, Mūlabandha ("Wurzelverschluss") und der Verschluss namens Jālandhara —

karaṇī viparītākhyā vajrolī śakti-cālanam | idaṃ hi mudrā-daśakaṃ jarā-maraṇa-nāśanam ||

— die "umgekehrte" Übung (Viparīta-karaṇī), Vajrolī und Śakti-cālana ("Bewegen der Kraft"): dies sind die zehn Mudrās, die Alter und Tod vernichten.

ādi-nāthoditaṃ divyam aṣṭaiśvarya-pradāyakam | vallabhaṃ sarva-siddhānāṃ durlabhaṃ marutām api ||

Sie wurden von Ādinātha (Śiva) verkündet, sind göttlich und verleihen die acht [übernatürlichen] Herrschaftskräfte (aṣṭa-aiśvarya, u.a. Aṇimā, das Kleinwerden); sie sind allen Siddhas teuer und selbst den Marut-Göttern schwer zu erlangen.

gopanīyaṃ prayatnena yathā ratna-karaṇḍakam | kasyacin naiva vaktavyaṃ kula-strī-surataṃ yathā ||

Man soll sie mit aller Sorgfalt geheim halten wie ein Kästchen voller Juwelen; niemandem sollen sie mitgeteilt werden, so wie man die Liebesvereinigung mit der eigenen [Ehe-]Frau geheim hält.

atha mahāmudrā. pāda-mūlena vāmena yoniṃ sampīḍya dakṣiṇām | prasāritaṃ padaṃ kṛtvā karābhyāṃ dhārayed dṛḍham ||

Nun die Mahāmudrā: Man presse mit der Ferse des linken Fußes den Damm (yoni) und strecke das rechte Bein aus; man halte den [ausgestreckten] Fuß fest mit beiden Händen.

kaṇṭhe bandhaṃ samāropya dhārayed vāyum ūrdhvataḥ | yathā daṇḍa-hataḥ sarpo daṇḍākāraḥ prajāyate |

Man lege den Verschluss (Bandha) am Hals an und halte den [eingeatmeten] Atem oben zurück; wie eine mit einem Stock geschlagene Schlange stockgerade wird,

ṛjvī-bhūtā tathā śaktiḥ kuṇḍalī sahasā bhavet | tadā sā maraṇāvasthā jāyate dvi-puṭāśrayā ||

so wird ebenso die Kraft (śakti), die Kuṇḍalī, plötzlich gerade; dann tritt jener todesgleiche Zustand ein, der [zuvor] in den beiden [seitlichen] Kanälen [Iḍā und Piṅgalā] seinen Sitz hatte [und nun in die Suṣumnā übergeht]. [Anm.: Die genaue Bedeutung von "dvi-puṭāśrayā" wird von Kommentatoren unterschiedlich gedeutet; hier der gängigen Deutung folgend als Bezug auf Iḍā und Piṅgalā wiedergegeben.]

tataḥ śanaiḥ śanair eva recayen naiva vegataḥ | mahā-mudrāṃ ca tenaiva vadanti vibudhottamāḥ ||

Dann atme man ganz langsam aus, keinesfalls heftig; eben deshalb nennen die besten der Weisen [diese Übung] Mahāmudrā.

iyaṃ khalu mahāmudrā mahā-siddhaiḥ pradarśitā | mahā-kleśādayo doṣāḥ kṣīyante maraṇādayaḥ | mahā-mudrāṃ ca tenaiva vadanti vibudhottamāḥ ||

Dies ist wahrlich die Mahāmudrā, von den großen Siddhas gelehrt; große Leiden (kleśa) und andere Übel, ja sogar der Tod, schwinden durch sie — eben deshalb nennen die besten der Weisen sie Mahāmudrā.

candrāṅge tu samabhyasya sūryāṅge punar abhyaset | yāvat tulyā bhavet saṅkhyā tato mudrāṃ visarjayet ||

Hat man sie auf der Mond-Seite (linkes Nasenloch) geübt, so übe man sie erneut auf der Sonnen-Seite (rechtes Nasenloch); sobald die Anzahl der Wiederholungen auf beiden Seiten gleich ist, beende man die Mudrā.

na hi pathyam apathyaṃ vā rasāḥ sarve 'pi nīrasāḥ | api bhuktaṃ viṣaṃ ghoraṃ pīyūṣam api jīryati ||

Für den, der sie übt, gibt es weder Zuträgliches noch Unzuträgliches [in der Nahrung] mehr — alle Säfte (rasa) werden [gleichermaßen] unschädlich; selbst schreckliches Gift, verzehrt, verdaut sich wie Nektar (Amṛta).

kṣaya-kuṣṭha-gudāvarta-gulmājīrṇa-purogamāḥ | tasya doṣāḥ kṣayaṃ yānti mahā-mudrāṃ tu yo 'bhyaset ||

Schwindsucht, Lepra, Darmverdrehung, Milzgeschwulst, Verdauungsstörung und ähnliche Übel schwinden bei dem, der die Mahāmudrā übt.

kathiteyaṃ mahāmudrā mahā-siddhi-karā nṛṇām | gopanīyā prayatnena na deyā yasya kasyacit ||

So wurde diese Mahāmudrā beschrieben, die den Menschen große Siddhis verleiht; sie soll mit Sorgfalt geheim gehalten und niemandem einfach weitergegeben werden.

pārṣṇiṃ vāmasya pādasya yoni-sthāne niyojayet | vāmorv-upari saṃsthāpya dakṣiṇaṃ caraṇaṃ tathā |

[Mahābandha:] Man lege die Ferse des linken Fußes an den Damm (Yoni-Stelle); ebenso lege man den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel.

pūrayitvā tato vāyuṃ hṛdaye cubukaṃ dṛḍham | niṣpīḍya vāyum ākuñcya mano-madhye niyojayet ||

Sodann atme man ein und presse das Kinn fest gegen die Brust; nachdem man den Atem zusammengepresst und zurückgehalten hat, richte man den Geist auf die Mitte [zwischen den Augenbrauen bzw. auf die Suṣumnā].

dhārayitvā yathā-śakti recayed anilaṃ śanaiḥ | savyāṅge tu samabhyasya dakṣāṅge punar abhyaset ||

Nachdem man den Atem so lange wie möglich zurückgehalten hat, atme man ihn langsam aus; hat man auf der linken Seite geübt, übe man erneut auf der rechten.

matam atra tu keṣāṃcit kaṇṭha-bandhaṃ vivarjayet | rāja-danta-stha-jihvāyā bandhaḥ śasto bhaved iti ||

Nach Meinung einiger [Lehrer] jedoch soll man hier den Kehlverschluss (Kaṇṭha-Bandha) weglassen; stattdessen gelte das Andrücken der Zunge an die oberen Schneidezähne (rāja-danta) als vorzüglicher Verschluss.

ayaṃ tu sarva-nāḍīnām ūrdhvaṃ gati-nirodhakaḥ | ayaṃ khalu mahā-bandho mahā-siddhi-pradāyakaḥ ||

Dieser [Verschluss] hemmt das Aufwärtsströmen in allen Nāḍīs; dies eben ist der Mahābandha, der Geber großer Siddhis.

kāla-pāśa-mahā-bandha-vimocana-vicakṣaṇaḥ | triveṇī-saṅgamaṃ dhatte kedāraṃ prāpayen manaḥ ||

Er ist kundig darin, aus der großen Fessel der Todesschlinge (Kāla-pāśa) zu befreien; er bewirkt das Zusammenfließen der Triveṇī (Iḍā, Piṅgalā, Suṣumnā) und führt den Geist zum [heiligen] Feld Kedāra [im Kopf].

rūpa-lāvaṇya-sampannā yathā strī puruṣaṃ vinā | mahā-mudrā-mahā-bandhau niṣphalau vedha-varjitau ||

Wie eine Frau, mit Schönheit und Anmut begabt, ohne einen Mann [nichts nützt], so sind Mahāmudrā und Mahābandha, wenn ihnen der Mahāvedha fehlt, fruchtlos.

mahā-bandha-sthito yogī kṛtvā pūrakam eka-dhīḥ | vāyūnāṃ gatim āvṛtya nibhṛtaṃ kaṇṭha-mudrayā |

[Mahāvedha:] Der Yogī, in Mahābandha verharrend, atme mit gesammeltem Geist ein und halte, mit dem stillen Kehlsiegel, den Fluss der [Lebens-]Winde zurück.

sama-hasta-yugo bhūmau sphicau sanāḍayec chanaiḥ | puṭa-dvayam atikramya vāyuḥ sphurati madhya-gaḥ ||

Mit beiden Händen gleichmäßig auf dem Boden gestützt, hebe er sich und schlage die Gesäßbacken sanft [auf den Boden]; der Atem, die beiden [seitlichen] Kanäle übersteigend, pulsiert dann im mittleren Kanal.

soma-sūrya-agni-sambandho jāyate cāmṛtāya vai | mṛtāvasthā samutpannā tato vāyuṃ virecayet ||

So entsteht die Verbindung von Mond, Sonne und Feuer zwecks Unsterblichkeit; sobald jener todesähnliche Zustand [des zurückgehaltenen Atems] eingetreten ist, lasse man den Atem wieder ausströmen.

mahā-vedho 'yam abhyāsān mahā-siddhi-pradāyakaḥ | valī-palita-vepa-ghnaḥ sevyate sādhakottamaiḥ ||

Dieser Mahāvedha, durch Übung ein Geber großer Siddhis, vernichtet Falten, graues Haar und Zittern [des Alters]; darum wird er von den besten Übenden gepflegt.

etat trayaṃ mahā-guhyaṃ jarā-mṛtyu-vināśanam | vahni-vṛddhi-karaṃ caiva hy aṇimādi-guṇa-pradam ||

Diese drei [Mahāmudrā, Mahābandha, Mahāvedha] sind das große Geheimnis; sie vernichten Alter und Tod, steigern das Verdauungsfeuer und verleihen die Kräfte, angefangen mit Aṇimā.

aṣṭadhā kriyate caiva yāme yāme dine dine | puṇya-saṃbhāra-sandhāyi pāpaugha-bhiduraṃ sadā | samyak-śikṣāvatām evaṃ sv-alpaṃ prathama-sādhanam ||

Man übe sie, achtfach verteilt auf die Wachen des Tages, Tag für Tag; sie mehren stets den Schatz an Verdienst (Puṇya) und zerbrechen die Flut der Sünden. So sei für gut Unterwiesene der Anfang der Übung zunächst gering [im Umfang, dann zu steigern].

atha khecarī. kapāla-kuhare jihvā praviṣṭā viparīta-gā | bhruvor antar-gatā dṛṣṭir mudrā bhavati khecarī ||

Nun die Khecarī: Wenn die Zunge, zurückgewendet, in die Höhlung des Schädels [hinter dem Gaumensegel] eindringt und der Blick zwischen die Augenbrauen gerichtet ist, entsteht die Mudrā namens Khecarī ("die im [inneren] Raum Wandelnde").

chedana-cālana-dohaiḥ kalāṃ krameṇātha vardhayet tāvat | sā yāvad bhrū-madhyaṃ spṛśati tadā khecarī-siddhiḥ ||

Durch Schneiden, Bewegen und "Melken" [Ziehen] verlängere man allmählich die Zunge, bis sie die Mitte der Augenbrauen berührt; dann ist die Khecarī vollendet (Siddhi).

snuhī-patra-nibhaṃ śastraṃ su-tīkṣṇaṃ snigdha-nirmalam | samādāya tatas tena roma-mātraṃ samucchinet ||

Man nehme ein scharfes, glattes und reines Instrument von der Form eines Snuhī-Blattes (einer Wolfsmilchart) und schneide damit [das Zungenbändchen] um Haaresbreite ein.

tataḥ saindhava-pathyābhyāṃ cūrṇitābhyāṃ pragharṣayet | punaḥ sapta-dine prāpte roma-mātraṃ samucchinet ||

Danach reibe man [die Schnittstelle] mit gepulvertem Steinsalz und Myrobalane (Pathyā) ein; nach Ablauf von sieben Tagen schneide man wiederum um Haaresbreite ein.

evaṃ krameṇa ṣaṇ-māsaṃ nityaṃ yuktaḥ samācaret | ṣaṇ-māsād rasanā-mūla-śirā-bandhaḥ praṇaśyati ||

So verfahre man planmäßig sechs Monate lang, täglich, mit gesammeltem Geist; nach sechs Monaten löst sich die Bindung der Zungenwurzel-Ader (des Zungenbändchens) vollständig.

kalāṃ parāṅ-mukhīṃ kṛtvā tri-pathe pariyojayet | sā bhavet khecarī mudrā vyoma-cakraṃ tad ucyate ||

Wendet man die [verlängerte] Zunge nach oben und führt sie in die drei Wege (Speiseröhre, Luftröhre und Gaumenkanal), so entsteht die Khecarī-Mudrā; man nennt dies auch Vyoma-Cakra ("Rad des [inneren] Raumes").

rasanām ūrdhva-gāṃ kṛtvā kṣaṇārdham api tiṣṭhati | viṣair vimucyate yogī vyādhi-mṛtyu-jarādibhiḥ ||

Wer die Zunge nach oben gewandt hält, sei es auch nur einen halben Augenblick, jener Yogī wird frei von Giften, Krankheit, Tod, Alter und dergleichen.

na rogo maraṇaṃ tandrā na nidrā na kṣudhā tṛṣā | na ca mūrcchā bhavet tasya yo mudrāṃ vetti khecarīm ||

Für den, der die Khecarī-Mudrā kennt, gibt es keine Krankheit, keinen Tod, keine Mattigkeit, keinen Schlaf, keinen Hunger, keinen Durst und keine Ohnmacht.

pīḍyate na sa rogeṇa lipyate na ca karmaṇā | bādhyate na sa kālena yo mudrāṃ vetti khecarīm ||

Wer die Khecarī-Mudrā kennt, wird von keiner Krankheit geplagt, von keinem Karma befleckt und von der Zeit (dem Tod) nicht gebunden.

cittaṃ carati khe yasmāj jihvā carati khe gatā | tenaiṣā khecarī nāma mudrā siddhair nirūpitā ||

Weil dabei der Geist (citta) im [inneren] Raum (kha) wandert und die Zunge, in den Raum eingedrungen, dort wandert, deshalb haben die Siddhas diese Mudrā "Khecarī" genannt.

khecaryā mudritaṃ yena vivaraṃ lambikordhvataḥ | na tasya kṣarati binduḥ kāminyā śleṣitasya ca ||

Wessen Öffnung oberhalb des Zäpfchens (Lambikā) durch Khecarī versiegelt ist, dessen Bindu (Same) fließt nicht ab, selbst wenn er von einer Geliebten umschlungen ist.

calito 'pi yadā binduḥ samprāpto yoni-maṇḍalam | vrajaty ūrdhvaṃ hṛtaḥ śaktyā nibaddho yoni-mudrayā ||

Selbst wenn der Bindu [schon] in Bewegung geraten und bis zur Yoni-Region gelangt ist, steigt er, durch die [Yoga-]Kraft emporgezogen, wieder aufwärts, sofern er durch die Yoni-Mudrā gebunden wird.

ūrdhva-jihvaḥ sthiro bhūtvā soma-pānaṃ karoti yaḥ | māsārdhena na sandeho mṛtyuṃ jayati yoga-vit ||

Wer mit aufwärts gewandter Zunge, unbewegt geworden, den Somatrank einnimmt, jener Kenner des Yoga besiegt zweifellos binnen eines halben Monats den Tod.

nityaṃ soma-kalā-pūrṇaṃ śarīraṃ yasya yoginaḥ | takṣakeṇāpi daṣṭasya viṣaṃ tasya na sarpati ||

Bei jenem Yogī, dessen Leib beständig mit dem Soma-Anteil erfüllt ist, dringt selbst dann kein Gift ein, wenn er von der [mythischen Schlange] Takṣaka gebissen wird.

indhanāni yathā vahnis taila-vartiṃ ca dīpakaḥ | tathā soma-kalā-pūrṇaṃ dehī dehaṃ na muñcati ||

Wie das Feuer nicht ohne Brennstoff, die Lampe nicht ohne Öl und Docht [bestehen], so verlässt der Verkörperte (Dehin, die Seele) den mit dem Soma-Anteil erfüllten Leib nicht vorzeitig.

go-māṃsaṃ bhakṣayen nityaṃ pibed amara-vāruṇīm | kulīnaṃ tam ahaṃ manye cetare kula-ghātakāḥ ||

Wer beständig "Kuhfleisch" isst und den "unsterblichen Weinbrand" trinkt, den halte ich für wohlgeboren; alle anderen sind Zerstörer ihrer Familie. [Anm.: Wie die folgenden Verse 48–49 klarstellen, sind dies verschlüsselte (sandhābhāṣā-)Ausdrücke für die Zunge und das durch die Khecarī-Praxis erzeugte Sekret, nicht wörtlich als Fleisch- und Alkoholgenuss zu verstehen.]

go-śabdenoditā jihvā tat-praveśo hi tāluni | go-māṃsa-bhakṣaṇaṃ tat tu mahā-pātaka-nāśanam ||

Mit dem Wort "Kuh" (go) ist die Zunge gemeint; ihr Eindringen in den Gaumen[-kanal] eben ist das "Verzehren von Kuhfleisch", welches große Sünden vernichtet.

jihvā-praveśa-sambhūta-vahninotpāditaḥ khalu | candrāt sravati yaḥ sāraḥ sa syād amara-vāruṇī ||

Der Saft, der, durch das vom Zungeneindringen erzeugte Feuer hervorgebracht, aus dem Mond[-Zentrum im Kopf] fließt — dieser eben ist der "unsterbliche Weinbrand".

cumbantī yadi lambikāgram aniśaṃ jihvā-rasa-syandinī | sa-kṣārā kaṭukāmla-dugdha-sadṛśī madhv-ājya-tulyā tathā | vyādhīnāṃ haraṇaṃ jarānta-karaṇaṃ śastrāgamodīraṇaṃ | tasya syād amaratvam aṣṭa-guṇitaṃ siddhāṅganā-karṣaṇam ||

Wenn die Zunge, unaufhörlich Saft entsendend, beständig die Spitze des Zäpfchens berührt — ein Saft, salzig, bitter, sauer, milchähnlich, honig- und butterähnlich zugleich —, so bringt dies Heilung von Krankheiten, Beendigung des Alterns, Schutz vor Waffengewalt; ihm wird Unsterblichkeit in achtfacher Form zuteil, ja sogar die Anziehungskraft auf die Frauen der Siddhas.

ūrdhvāsyo rasanāṃ niyamya vivare śaktiṃ parāṃ cintayan | utkallola-kalā-jalaṃ ca vimalaṃ dhārā-mayaṃ yaḥ pibet | nirvyādhiḥ sa mṛṇāla-komala-vapur yogī ciraṃ jīvati ||

Wer, das Gesicht nach oben gewandt, die Zunge in der Öffnung [des Gaumens] festhält und dabei die höchste Kraft (Śakti, Kuṇḍalinī) betrachtet, und so das reine, in Strömen wallende Wasser der [Mond-]Kunst trinkt, jener Yogī wird krankheitsfrei, von lotusstängel-zarter Gestalt, und lebt lange.

yat prāleyaṃ pra-hita-suṣiraṃ meru-mūrdhāntara-sthaṃ | tasmiṃs tattvaṃ pravadati sudhīs tan-mukhaṃ nimna-gānām | candrāt sāraḥ sravati vapuṣas tena mṛtyur narāṇāṃ | tad badhnīyāt sukaraṇam adho nānyathā kāya-siddhiḥ ||

Jener [Mond-]Nektar, der verborgen in der Höhlung an der Spitze des Meru (der Wirbelsäule) weilt — darin, so lehren die Weisen, ist der Ursprung der abwärtsfließenden Ströme [Iḍā, Piṅgalā, Suṣumnā]; aus dem Mond fließt jener Saft des Leibes ab, wodurch der Tod der Menschen [verursacht wird]. Diesen Abfluss soll man mit dem geeigneten Mittel von unten [d.h. durch die Zunge] verschließen; anders gibt es keine Vollendung des Leibes (Kāya-siddhi).

suṣiraṃ jñāna-janakaṃ pañca-srotaḥ-samanvitam | tiṣṭhate khecarī mudrā tasmin śūnye nirañjane ||

In jener leeren, makellosen Höhlung, die Erkenntnis (jñāna) erzeugt und mit den fünf Strömen [Nāḍīs] verbunden ist, weilt die Khecarī-Mudrā.

ekaṃ sṛṣṭi-mayaṃ bījam ekā mudrā ca khecarī | eko devo nirālambaḥ ekāvasthā manonmanī ||

Ein einziger Same durchdringt die ganze Schöpfung, eine einzige Mudrā ist die Khecarī, ein einziger, stützeloser Gott ist [dieser Zustand], und ein einziger Zustand ist die Manonmanī ("jenseits des Geistes").

baddho yena suṣumṇāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ | tasmād uḍḍīyanākhyo 'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ |

[Uḍḍiyāna-Bandha:] Weil durch ihn der Prāṇa gebunden in die Suṣumnā auffliegt (uḍḍīyate), deshalb nennen die Yogīs [diesen Bandha] Uḍḍiyāna ("Auffliegen").

uḍḍīnaṃ kurute yasmād aviśrāntaṃ mahā-khagaḥ | uḍḍīyānaṃ tad eva syāt tatra bandho 'bhidhīyate ||

Weil der große Vogel [Prāṇa] dadurch unablässig auffliegt, eben deshalb heißt dieser Bandha Uḍḍiyāna.

udare paścimaṃ tānaṃ nābher ūrdhvaṃ tu kārayet | uḍḍīyāno hy asau bandho mṛtyu-mātaṅga-kesarī ||

Man ziehe den Bauch oberhalb des Nabels nach hinten [zur Wirbelsäule]; dieser Uḍḍiyāna-Bandha ist wie ein Löwe gegenüber dem Elefanten Tod.

uḍḍīyānaṃ tu sahajaṃ guruṇā kathitaṃ sadā | abhyaset satataṃ yas tu vṛddho 'pi taruṇāyate ||

Uḍḍiyāna, wie es der Guru stets als leicht erlernbar lehrt — wer es beständig übt, wird selbst im Alter wieder jung.

nābher ūrdhvam adhaś cāpi tānaṃ kuryāt prayatnataḥ | ṣaṇ-māsam abhyasen mṛtyuṃ jayaty eva na saṃśayaḥ ||

Man ziehe eifrig sowohl oberhalb wie unterhalb des Nabels [den Bauch zurück]; übt man dies sechs Monate lang, so besiegt man ohne Zweifel den Tod.

sarveṣām eva bandhānāṃ uttamo hy uḍḍīyānakaḥ | uḍḍiyāne dṛḍhe bandhe muktiḥ svābhāvikī bhavet ||

Von allen Bandhas ist Uḍḍiyāna der vorzüglichste; ist dieser Bandha fest gemeistert, stellt sich die Befreiung (Mukti) von selbst ein.

pārṣṇi-bhāgena sampīḍya yonim ākuñcayed gudam | apānam ūrdhvam ākṛṣya mūla-bandho 'bhidhīyate |

[Mūlabandha:] Man presse mit dem Fersenteil den Damm (Yoni) und ziehe den After zusammen; indem man so den Apāna-Atem nach oben zieht, entsteht das, was man Mūlabandha nennt.

adho-gatim apānaṃ vai ūrdhva-gaṃ kurute balāt | ākuñcanena taṃ prāhur mūla-bandhaṃ hi yoginaḥ ||

Den von Natur abwärts strebenden Apāna macht man durch Anspannung [des Afters] gewaltsam aufwärtsstrebend; eben dies nennen die Yogīs den Mūlabandha.

gudaṃ pārṣṇyā tu sampīḍya vāyum ākuñcayed balāt | vāraṃ vāraṃ yathā cordhvaṃ samāyāti samīraṇaḥ ||

Man presse mit der Ferse fest gegen den After und ziehe den Atem gewaltsam zusammen, wieder und wieder, bis der Atem tatsächlich nach oben steigt.

prāṇāpānau nāda-bindū mūla-bandhena caikatām | gatvā yogasya saṃsiddhiṃ yacchato nātra saṃśayaḥ ||

Prāṇa und Apāna, ebenso Nāda und Bindu, gelangen durch den Mūlabandha zur Einheit und verleihen zweifellos die Vollendung (Saṃsiddhi) des Yoga.

apāna-prāṇayor aikyaṃ kṣayo mūtra-purīṣayoḥ | yuvā bhavati vṛddho 'pi satataṃ mūla-bandhanāt ||

Durch die Einheit von Apāna und Prāṇa vermindern sich Urin und Kot; selbst ein Alter wird jung durch beständiges Üben des Mūlabandha.

apāna ūrdhva-ge jāte prayāte vahni-maṇḍalam | tadānala-śikhā dīrghā jāyate vāyunāhatā ||

Wenn der Apāna aufwärts steigt und in den Bereich des [Verdauungs-]Feuers gelangt, wird die vom Atem angefachte Flamme des Feuers lang.

tato yātau vahny-apānau prāṇam uṣṇa-svarūpakam | tenātyanta-pradīptas tu jvalano deha-jas tathā ||

Feuer und Apāna gelangen dann zum von Natur heißen Prāṇa; dadurch wird das im Leib entstehende Feuer über die Maßen entfacht.

tena kuṇḍalinī suptā santaptā samprabudhyate | daṇḍāhatā bhujaṅgīva niśvasya ṛjutāṃ vrajet ||

Dadurch erwacht die schlafende Kuṇḍalī, erhitzt, aus ihrem Schlaf; wie eine mit einem Stock geschlagene Schlange zischt sie auf und wird gerade.

bilaṃ praviṣṭeva tato brahma-nāḍyāṃ tarāṃ vrajet | tasmān nityaṃ mūla-bandhaḥ kartavyo yogibhiḥ sadā ||

Wie [eine Schlange, die] in ihr Loch [schlüpft], dringt sie sogleich in die Brahma-Nāḍī [die Suṣumnā] ein; deshalb soll der Mūlabandha von den Yogīs allzeit beständig geübt werden.

kaṇṭham ākuñcya hṛdaye sthāpayec cubukaṃ dṛḍham | bandho jālandharākhyo 'yaṃ jarā-mṛtyu-vināśakaḥ |

[Jālandhara-Bandha:] Man ziehe den Hals zusammen und presse das Kinn fest gegen die Brust; dieser Verschluss namens Jālandhara vernichtet Alter und Tod.

badhnāti hi sirā-jālam adho-gāmi nabho-jalam | tato jālandharo bandhaḥ kaṇṭha-duḥkhaugha-nāśanaḥ ||

Er verschließt nämlich das Netz der Adern, durch das der abwärtsfließende "Himmelssaft" (das Mond-Sekret) strömt; deshalb vernichtet der Jālandhara-Bandha die Flut der Halsleiden.

jālandhare kṛte bandhe kaṇṭha-saṅkoca-lakṣaṇe | na pīyūṣaṃ patatyagnau na ca vāyuḥ prakupyati ||

Ist der Jālandhara-Bandha, gekennzeichnet durch die Zusammenziehung der Kehle, ausgeführt, so fällt der Nektar nicht mehr ins Feuer, und der Atem gerät nicht in Unordnung.

kaṇṭha-saṅkocanenaiva dve nāḍyau stambhayed dṛḍham | madhya-cakram idaṃ jñeyaṃ ṣoḍaśādhāra-bandhanam ||

Allein durch die Zusammenziehung der Kehle hemmt man fest die beiden [seitlichen] Nāḍīs; man erkenne dies als das mittlere Cakra, den Verschluss der sechzehn Stützpunkte (Ādhāras).

mūla-sthānaṃ samākuñcya uḍḍiyānaṃ tu kārayet | iḍāṃ ca piṅgalāṃ baddhvā vāhayet paścime pathi ||

Man ziehe die Wurzelstelle zusammen und führe Uḍḍiyāna aus; nachdem man Iḍā und Piṅgalā [so] verschlossen hat, lenke man [den Atem] auf den hinteren Weg [die Suṣumnā].

anenaiva vidhānena prayāti pavano layam | tato na jāyate mṛtyur jarā-rogādikaṃ tathā ||

Auf ebendiese Weise geht der Atem in die Auflösung (Laya) ein; dadurch entstehen weder Tod noch Alter, Krankheit und dergleichen.

bandha-trayam idaṃ śreṣṭhaṃ mahā-siddhaiś ca sevitam | sarveṣāṃ haṭha-tantrāṇāṃ sādhanaṃ yogino viduḥ ||

Diese drei Verschlüsse [Uḍḍiyāna-, Mūla-, Jālandhara-Bandha] sind die besten und werden von den großen Siddhas gepflegt; die Yogīs wissen sie als die [wirksamsten] Mittel unter allen Haṭha-Techniken.

yat kiñcit sravate candrād amṛtaṃ divya-rūpiṇaḥ | tat sarvaṃ grasate sūryas tena piṇḍo jarā-yutaḥ ||

Was immer an Nektar von göttlicher Gestalt aus dem Mond herabträufelt, das alles verschlingt die Sonne; dadurch wird der Körper (Piṇḍa) dem Altern unterworfen.

atha viparīta-karaṇī mudrā. tatrāsti karaṇaṃ divyaṃ sūryasya mukha-vañcanam | guru-padeśato jñeyaṃ na tu śāstrārtha-koṭibhiḥ ||

Nun die Viparīta-karaṇī-Mudrā: Hierzu gibt es ein göttliches Verfahren, das die "Mündung" der Sonne überlistet [d.h. das Verdauungsfeuer daran hindert, den Nektar zu verzehren]; man erkennt es nur aus der Unterweisung des Guru, nicht aus Millionen von Schriftworten.

ūrdhva-nābher adhas tālor ūrdhvaṃ bhānur adhaḥ śaśī | karaṇī viparītākhyā guru-vākyena labhyate ||

Oberhalb des Nabels befindet sich [im gewöhnlichen Zustand] die Sonne, unterhalb des Gaumens der Mond; [durch Umkehrung des Körpers werden ihre Wirkbereiche vertauscht] — diese Technik namens Viparīta-karaṇī ("die Umkehrende") wird [nur] durch das Wort des Guru erlangt.

nityam abhyāsa-yuktasya jaṭharāgni-vivardhinī | āhāro bahulas tasya sampādyaḥ sādhakasya ca ||

Bei ständiger Übung steigert sie das Verdauungsfeuer; darum muss der Übende für reichliche Nahrung sorgen.

alpāhāro yadi bhaved agnir dahati tat-kṣaṇāt | adhaḥ-śirāś cordhva-pādaḥ kṣaṇaṃ syāt prathame dine ||

Ist die Nahrung zu gering, verzehrt das Feuer [den Übenden] augenblicklich. — Am ersten Tag verweile man, den Kopf unten und die Füße oben, nur einen kurzen Augenblick.

kṣaṇāc ca kiñcid adhikam abhyaset tu dine dine | valitaṃ palitaṃ caiva ṣaṇ-māsordhvaṃ na dṛśyate | yāma-mātraṃ tu yo nityam abhyaset sa tu kāla-jit ||

Von Tag zu Tag steigere man [die Dauer] ein wenig; nach Ablauf von sechs Monaten sind Falten und graues Haar nicht mehr zu sehen. Wer täglich beständig eine ganze Wache (Yāma, etwa drei Stunden) lang übt, der besiegt die Zeit (den Tod).

svecchayā vartamāno 'pi yogoktair niyamair vinā | vajrolīṃ yo vijānāti sa yogī siddhi-bhājanam |

[Vajrolī:] Selbst wer nach eigenem Belieben lebt, ohne die im Yoga vorgeschriebenen Regeln zu befolgen — wer dennoch die Vajrolī [-Mudrā] beherrscht, jener Yogī ist ein Gefäß der Vollendung (Siddhi).

tatra vastu-dvayaṃ vakṣye durlabhaṃ yasya kasyacit | kṣīraṃ caikaṃ dvitīyaṃ tu nārī ca vaśa-vartinī ||

Hierzu will ich zwei Dinge nennen, die für so manchen schwer zu erlangen sind: erstens Milch, zweitens eine [dem Willen des Übenden] gefügige Frau.

mehanena śanaiḥ samyag ūrdhvākuñcanam abhyaset | puruṣo 'py athavā nārī vajrolī-siddhim āpnuyāt ||

Durch das Glied übe man langsam und sorgfältig das Aufwärtsziehen [durch Ansaugen]; sowohl Mann als auch Frau können so die Vollendung der Vajrolī erlangen.

prayatnāt śasta-nālena phūtkāraṃ vajra-kandare | śanaiḥ śanaiḥ prakurvīta vāyu-sañcāra-kāraṇāt ||

Mit einem geeigneten Röhrchen blase man sorgfältig und ganz langsam Luft in die Öffnung des "Vajra" (des männlichen Gliedes), um dort den Atem zirkulieren zu lassen.

nārī-bhage patad-bindum abhyāsenordhvam āharet | calitaṃ ca nijaṃ bindum ūrdhvam ākṛṣya rakṣayet ||

Den in die Scham der Frau fallenden [eigenen] Bindu ziehe man durch Übung wieder nach oben; ebenso ziehe man den schon in Bewegung geratenen eigenen Bindu nach oben und bewahre ihn.

evaṃ saṃrakṣayed bindum jayī bhavati yoga-vit | maraṇaṃ bindu-pātena jīvanaṃ bindu-dhāraṇāt ||

Wer so den Bindu bewahrt, jener Kenner des Yoga wird ein Sieger [über den Tod]; der Tod entsteht durch den Abgang des Bindu, das Leben durch dessen Bewahrung.

sugandho yogino dehe jāyate bindu-dhāraṇāt | yāvad binduḥ sthiro dehe tāvat kāla-bhayaṃ kutaḥ ||

Durch die Bewahrung des Bindu entsteht im Leib des Yogī ein angenehmer Duft; solange der Bindu fest im Leib verankert bleibt, woher sollte da Furcht vor der Zeit (dem Tod) kommen?

cittāyattaṃ nṛṇāṃ śukraṃ śukrāyattaṃ ca jīvitam | tasmāc chukraṃ manaś caiva rakṣaṇīyaṃ prayatnataḥ ||

Der Same (Śukra) der Menschen ist vom Geist (Citta) abhängig, und das Leben ist vom Samen abhängig; deshalb sollen Same und Geist mit aller Sorgfalt bewahrt werden.

ṛtumatyā rajo 'py evaṃ nijaṃ bindum ca rakṣayet | meḍhreṇākarṣayed ūrdhvaṃ samyag-abhyāsa-yoga-vit ||

Ebenso bewahre man bei einer menstruierenden Frau (ṛtumatī) deren Rajas zusammen mit dem eigenen Bindu; der im rechten Üben erfahrene Kenner des Yoga ziehe es mittels des Gliedes nach oben.

atha sahajoliḥ. sahajoliś cāmarolir vajrolyā bheda ekataḥ | jale śubhasma nikṣipya dagdha-gomaya-sambhavam |

Nun die Sahajolī: Sahajolī und Amarolī sind, ihrem Wesen nach, nur Abwandlungen der Vajrolī. [Für die Sahajolī] werfe man reine Asche, die aus verbranntem Kuhdung gewonnen wurde, ins Wasser [und mische sie ein],

vajrolī-maithunād ūrdhvaṃ strī-puṃsoḥ svāṅga-lepanam | āsīnayoḥ sukhenaiva mukta-vyāpārayoḥ kṣaṇāt ||

— nach der Vajrolī-Vereinigung bestreichen Frau und Mann, bequem sitzend, sogleich, von der [sexuellen] Handlung gelöst, ihre Glieder mit dieser [Aschen-]Mischung.

sahajolir iyaṃ proktā śraddheyā yogibhiḥ sadā | ayaṃ śubhakaro yogo bhoge bhukte 'pi muktidaḥ ||

Dies wird Sahajolī genannt; die Yogīs sollen ihr stets Vertrauen schenken. Dieser heilsame Yoga verleiht Befreiung selbst beim Genuss sinnlicher Freuden.

ayaṃ yogaḥ puṇyavatāṃ dhīrāṇāṃ tattva-darśinām | nirmatsarāṇāṃ vai sidhyen na tu matsara-śālinām ||

Dieser Yoga gelingt nur den Verdienstvollen, den Standhaften, den Erkennern der Wahrheit (Tattva) und den Neidlosen — nicht aber den Neidischen.

atha amarolī. pittolbaṇatvāt prathamāmbu-dhārāṃ vihāya niḥsāratayā antyadhārām | niṣevyate śītala-madhya-dhārā kāpālike khaṇḍamate 'marolī ||

Nun die Amarolī: In der Lehre der Kāpālika-Sekte [besteht] Amarolī [darin, dass] man den ersten Urinstrahl, da er zu viel Galle (Pitta) enthält, ebenso wie den letzten, da er wertlos ist, beiseite lässt und allein den kühlen mittleren Strahl zu sich nimmt.

amarīṃ yaḥ piben nityaṃ nasyaṃ kurvan dine dine | vajrolīm abhyaset samyak sāmarolīti kathyate ||

Wer beständig den "unsterblichen Trank" (Amarī, den Mittelstrahl des Urins) trinkt, ihn täglich als Nasenspülung (Nasya) verwendet und dabei die Vajrolī gewissenhaft übt, dessen [Praxis] nennt man Amarolī.

abhyāsān niḥsṛtāṃ cāndrīṃ vibhūtyā saha miśrayet | dhārayed uttamāṅgeṣu divya-dṛṣṭiḥ prajāyate ||

Den durch die Übung [der Vajrolī] ausgetretenen "Mond-Saft" (Cāndrī, den Bindu) vermische man mit heiliger Asche (Vibhūti) und trage ihn auf die edelsten Körperteile auf; so entsteht göttliche Sehkraft.

puṃso binduṃ samākuñcya samyag-abhyāsa-pāṭavāt | yadi nārī rajo rakṣed vajrolyā sāpi yoginī ||

Hat man, durch Geschick in rechter Übung, den Bindu des Mannes zurückgehalten — wenn ebenso die Frau ihr Rajas durch Vajrolī bewahrt, so ist auch sie eine Yoginī.

tasyāḥ kiñcid rajo nāśaṃ na gacchati na saṃśayaḥ | tasyāḥ śarīre nādaś ca bindutām eva gacchati ||

Von ihr geht kein Teil des Rajas verloren — daran besteht kein Zweifel; in ihrem Leib wird der Nāda [die weibliche Energie] geradezu zu Bindu.

sa bindus tad-rajaś caiva ekī-bhūya sva-deha-gau | vajrolyabhyāsa-yogena sarva-siddhiṃ prayacchataḥ ||

Jener Bindu und jenes Rajas, im eigenen Leib zur Einheit verschmolzen, verleihen durch die Übung der Vajrolī alle Siddhis.

rakṣed ākuñcanād ūrdhvaṃ yā rajaḥ sā hi yoginī | atītānāgataṃ vetti khecarī ca bhaved dhruvam ||

Die Frau, die ihr Rajas durch Kontraktion nach oben bewahrt, ist wahrhaft eine Yoginī; sie kennt Vergangenes und Zukünftiges, und ihr wird gewiss auch die Vollendung der Khecarī zuteil.

deha-siddhiṃ ca labhate vajrolyabhyāsa-yogataḥ | ayaṃ puṇyakaro yogo bhoge bhukte 'pi muktidaḥ ||

Sie erlangt Vollendung des Leibes (Deha-siddhi) durch die Übung der Vajrolī; dieser verdienstvolle Yoga verleiht Befreiung selbst beim Genuss sinnlicher Freuden.

kuṭilāṅgī kuṇḍalinī bhujaṅgī śaktir īśvarī | kuṇḍaly-arundhatī caite śabdāḥ paryāya-vācakāḥ ||

[Śakti-cālana:] Kuṭilāṅgī ("die Gewundenleibige"), Kuṇḍalinī, Bhujaṅgī ("Schlangenweib"), Śakti, Īśvarī ("Herrin"), Kuṇḍalī und Arundhatī — dies sind synonyme Bezeichnungen [für dieselbe Kraft].

udghāṭayet kapāṭaṃ tu yathā kuñcikayā haṭhāt | kuṇḍalinyā tathā yogī mokṣa-dvāraṃ vibhedayet ||

Wie man mit einem Schlüssel gewaltsam eine Tür öffnet, so durchbreche der Yogī mit Hilfe der Kuṇḍalinī das Tor zur Befreiung (Mokṣa).

yena mārgeṇa gantavyaṃ brahma-sthānaṃ nirāmayam | mukhenācchādya tad-dvāraṃ prasuptā parameśvarī ||

Den Weg, auf dem man zum leidfreien Sitz Brahmans gelangen muss, versperrt die Parameśvarī (die höchste Herrin, Kuṇḍalī), indem sie schlafend mit ihrem Mund den Zugang verdeckt.

kandordhve kuṇḍalī śaktiḥ suptā mokṣāya yoginām | bandhanāya ca mūḍhānāṃ yas tāṃ vetti sa yoga-vit ||

Oberhalb des Kanda (der Wurzelknolle) schläft die Kraft Kuṇḍalī — den Yogīs zur Befreiung, den Törichten aber zur Fesselung. Wer sie wirklich kennt, ist ein Kenner des Yoga.

kuṇḍalī kuṭilākārā sarpavat parikīrtitā | sā śaktiś cālitā yena sa mukto nātra saṃśayaḥ ||

Kuṇḍalī, von gewundener Gestalt, wird mit einer Schlange verglichen; wer diese Kraft [zum Aufsteigen] bewegt hat, ist ohne Zweifel befreit.

gaṅgā-yamunayor madhye bāla-raṇḍāṃ tapasvinīm | balāt-kāreṇa gṛhṇīyāt tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ||

Zwischen Gaṅgā und Yamunā [d.h. zwischen Iḍā und Piṅgalā] soll man die junge Witwen-Asketin (Bāla-raṇḍā) mit Kraft ergreifen — das ist der höchste Sitz Viṣṇus.

iḍā bhagavatī gaṅgā piṅgalā yamunā nadī | iḍā-piṅgalayor madhye bāla-raṇḍā ca kuṇḍalī ||

Iḍā ist die erhabene Gaṅgā, Piṅgalā der Fluss Yamunā; zwischen Iḍā und Piṅgalā aber [befindet sich] die junge Witwe — die Kuṇḍalī.

pucche pragṛhya bhujaṅgīṃ suptām udbodhayec ca tām | nidrāṃ vihāya sā śaktir ūrdhvam uttiṣṭhate haṭhāt ||

Man ergreife das Schlangenweib am Schwanz und wecke sie, die Schlafende; ihren Schlaf ablegend, richtet sich diese Kraft mit Gewalt (Haṭha) nach oben auf.

avasthitā caiva phaṇāvatī sā prātaś ca sāyaṃ prahar-ardha-mātram | prapūrya sūryāt paridhāna-yuktyā pragṛhya nityaṃ paricālanīyā ||

Diese mit einer [schlangengleichen] Haube versehene Kraft ruht [im Wurzelzentrum]; morgens und abends, je eine halbe Prahara (etwa anderthalb Stunden) lang, fülle man sich [mit Atem] durch die rechte Nasenseite (Sūrya/Piṅgalā) nach der [beschriebenen] Methode des "Umhüllens" (paridhāna-yukti) und bewege sie, [die Kuṇḍalī,] beständig, indem man sie ergreift. [Anm.: Die genaue technische Ausführung der "paridhāna-yukti" ("Umhüllungsmethode") bleibt aus dem Vers allein unklar und wird in der Sekundärliteratur unterschiedlich erklärt; hier wird nur die wörtliche Bedeutung wiedergegeben.]

ūrdhvaṃ vitasti-mātraṃ tu vistāraṃ catur-aṅgulam | mṛdulaṃ dhavalaṃ proktaṃ veṣṭitāmbara-lakṣaṇam ||

[Der Kanda] ist, wie gelehrt wird, eine Vitasti (etwa 23 cm) lang aufwärts [oberhalb des Afters] und vier Aṅgulas (Fingerbreiten) breit, weich, weiß und wie in ein Tuch gehüllt.

sati vajrāsane pādau karābhyāṃ dhārayed dṛḍham | gulpha-deśa-samīpe ca kandaṃ tatra prapīḍayet ||

Man halte, im Vajrāsana (Diamantsitz) sitzend, die Füße fest mit den Händen; in der Nähe der Knöchel presse man dabei auf den Kanda.

vajrāsane sthito yogī cālayitvā ca kuṇḍalīm | kuryād anantaraṃ bhastrāṃ kuṇḍalīm āśu bodhayet ||

Der im Vajrāsana sitzende Yogī bewege die Kuṇḍalī und führe unmittelbar danach die Bhastrikā (Blasebalg-Atmung) aus; so erweckt er die Kuṇḍalī rasch.

bhānor ākuñcanaṃ kuryāt kuṇḍalīṃ cālayet tataḥ | mṛtyu-vaktra-gatasyāpi tasya mṛtyu-bhayaṃ kutaḥ ||

Man ziehe die "Sonne" (Bhānu, das Nabelfeuer) zusammen und bewege dann die Kuṇḍalī; selbst für den, der schon im Rachen des Todes weilt — woher käme da noch Furcht vor dem Tod?

muhūrta-dvaya-paryantaṃ nirbhayaṃ cālanād asau | ūrdhvam ākṛṣyate kiñcit suṣumṇāyāṃ samudgatā ||

Durch furchtloses Bewegen für die Dauer zweier Muhūrtas (etwa 96 Minuten) wird sie [die Kuṇḍalī] ein Stück nach oben gezogen und steigt in der Suṣumnā empor.

tena kuṇḍalinī tasyāḥ suṣumṇāyā mukhaṃ dhruvam | jahāti tasmāt prāṇo 'yaṃ suṣumṇāṃ vrajati svataḥ ||

Dadurch verlässt die Kuṇḍalinī mit Sicherheit den [zuvor von ihr verschlossenen] Eingang jener Suṣumnā; infolgedessen tritt der Prāṇa von selbst in die Suṣumnā ein.

tasmāt saṃcālayen nityaṃ sukha-suptām arundhatīm | tasyāḥ saṃcālanenaiva yogī rogaiḥ pramucyate ||

Darum bewege man beständig die behaglich schlafende Arundhatī; allein durch ihre Bewegung wird der Yogī von Krankheiten befreit.

yena saṃcālitā śaktiḥ sa yogī siddhi-bhājanam | kim atra bahunoktena kālaṃ jayati līlayā ||

Wer diese Kraft [zum Aufsteigen] bewegt hat, jener Yogī ist ein Gefäß der Siddhi; was bedarf es hier vieler Worte — er besiegt die Zeit (den Tod) spielend.

brahmacarya-ratasyaiva nityaṃ hita-mitāśinaḥ | maṇḍalād dṛśyate siddhiḥ kuṇḍaly-abhyāsa-yoginaḥ ||

Nur bei dem, der der Keuschheit (Brahmacarya) zugetan ist und stets zuträgliche, maßvolle Nahrung zu sich nimmt, zeigt sich beim Übenden der Kuṇḍalī-Praxis die Vollendung binnen eines Maṇḍala (40 Tage).

kuṇḍalīṃ cālayitvā tu bhastrāṃ kuryād viśeṣataḥ | evam abhyasyato nityaṃ yamino yama-bhīḥ kutaḥ ||

Hat man die Kuṇḍalī bewegt, so übe man vor allem die Bhastrikā; für den derart beständig übenden Asketen — woher käme da noch Furcht vor Yama (dem Tod)?

dvā-saptati-sahasrāṇāṃ nāḍīnāṃ mala-śodhane | kutaḥ prakṣālanopāyaḥ kuṇḍaly-abhyasanād ṛte ||

Zur Reinigung der Unreinheiten der 72.000 Nāḍīs — welches andere Mittel der Läuterung gäbe es außer der Übung der Kuṇḍalī?

iyaṃ tu madhyamā nāḍī dṛḍhābhyāsena yoginām | āsana-prāṇa-saṃyāma-mudrābhiḥ saralā bhavet ||

Dieser mittlere Kanal (die Suṣumnā) wird durch die beständige Übung der Yogīs — durch Āsanas, Atemzügelung (Prāṇāyāma) und Mudrās — gerade und durchgängig.

abhyāse tu vinidrāṇāṃ mano dhṛtvā samādhinā | rudrāṇī vā parā mudrā bhadrāṃ siddhiṃ prayacchati ||

Bei denen, die durch die Übung schlaflos [geworden] sind und den Geist durch Samādhi gefestigt haben, verleiht die Rudrāṇī-Mudrā (d.h. die Śāmbhavī, "Śivas Gemahlin") oder eine andere hohe Mudrā heilsame Vollendung.

rāja-yogaṃ vinā pṛthvī rāja-yogaṃ vinā niśā | rāja-yogaṃ vinā mudrā vicitrāpi na śobhate ||

Ohne Rājayoga verliert die Erde [ihren Glanz], ohne Rājayoga die Nacht; ohne Rājayoga glänzt auch die wunderbarste Mudrā nicht.

mārutasya vidhiṃ sarvaṃ mano-yuktaṃ samabhyaset | itaratra na kartavyā mano-vṛttir manīṣiṇā ||

Alle Übungen des Atems (Māruta) übe man mit gesammeltem Geist; ein Weiser lenke seine Geistestätigkeit auf nichts anderes.

iti mudrā daśa proktā ādi-nāthena śambhunā | ekaikā tāsu yamināṃ mahā-siddhi-pradāyinī ||

So wurden zehn Mudrās von Ādinātha, dem Śambhu (Śiva), verkündet; jede einzelne von ihnen verleiht den Asketen (Yamins) große Siddhi.

upadeśaṃ hi mudrāṇāṃ yo datte sāmpradāyikam | sa eva śrī-guruḥ svāmī sākṣād īśvara eva saḥ ||

Wer die Unterweisung in den Mudrās gemäß der [überlieferten] Tradition erteilt, der allein ist der verehrungswürdige Guru, der Meister — er ist wahrhaftig der leibhaftige Īśvara (Gott) selbst.

tasya vākya-paro bhūtvā mudrābhyāse samāhitaḥ | aṇimādi-guṇaiḥ sārdhaṃ labhate kāla-vañcanam ||

Wer sich ganz seinen Worten hingibt und mit gesammeltem Geist die Mudrās übt, erlangt zusammen mit den [übernatürlichen] Kräften wie Aṇimā auch die Überlistung der Zeit (des Todes). [Kolophon: "iti haṭha-pradīpikāyāṃ tṛtīyopadeśaḥ" — "So endet im Haṭhapradīpikā die dritte Unterweisung."]

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