Kapitel 2: Prāṇāyāma (dvitīyopadeśaḥ) — im Original als "CHAPTER II. On Prāṇāyāma" überschrieben; ein eigener Sanskrit-Kolophon-Vers wird in dieser Ausgabe (Pancham Sinh, 1915) nicht wiedergegeben.
Zweite Unterweisung: Über das Prāṇāyāma (die Atemzügelung)
Wenn das Āsana (die Sitzhaltung) fest geworden ist, soll der Yogī, selbstbeherrscht, sich von zuträglicher und mäßiger Speise nährend, auf dem vom Guru gewiesenen Weg das Prāṇāyāma (die Atemzügelung) üben.
cale vāte calaṃ cittaṃ niścale niścalaṃ bhavet | yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirodhayet ||
Ist der Atem (vāta) in Bewegung, ist auch das Denken (citta) in Bewegung; ist er unbewegt, wird auch jenes unbewegt. Der Yogī erlangt Standfestigkeit (sthāṇutva); darum soll er den Atem (vāyu) zügeln.
Solange die Nāḍīs (feinstofflichen Kanäle) von Unreinheit (mala) erfüllt sind, geht der Lebenswind (māruta) nicht durch ihre Mitte (madhyaga, d. h. durch die Suṣumnā). Wie sollte da der Zustand der Unmanī (des gedankenfreien Bewusstseins) entstehen, wie der Erfolg (kāryasiddhi) der Übung? [Anm.: Die Quelle druckt an dieser Stelle "malākalāsu"; nach dem Sinn und der beigegebenen englischen Übersetzung ("impurities of the nāḍīs") wird hier zu "malākulāsu" ("von Unreinheit erfüllt") emendiert.]
Darum übe man täglich Prāṇāyāma mit sattvischer (reiner, ruhiger) Geisteshaltung, damit die in der Suṣumnā-Nāḍī sitzenden Unreinheiten zur Reinheit gelangen.
Im festgebundenen Padmāsana (Lotossitz) sitzend fülle der Yogī den Atem durch den Mond(-Kanal, d. h. das linke Nasenloch) ein; nachdem er ihn nach Vermögen zurückgehalten hat, lasse er ihn wieder durch die Sonne (das rechte Nasenloch) aus.
Sodann ziehe er den Atem durch die Sonne ein und fülle langsam den Bauch; nach vorschriftsmäßig ausgeführtem Kumbhaka (Atemanhalten) lasse er ihn wieder durch den Mond aus.
yena tyajet tena pītvā dhārayed atirodhataḥ | recayec ca tato 'nyena śanair eva na vegataḥ ||
Durch dasjenige (Nasenloch), durch das man ausgeatmet hat, atme man wieder ein und halte den Atem, soweit möglich, zurück; dann lasse man ihn durch das andere langsam, keineswegs hastig, aus.
Atmet man den Atem geregelt durch Iḍā (das linke Nasenloch) ein, so lasse man ihn wieder durch das andere aus; atmet man ihn durch Piṅgalā (das rechte Nasenloch) ein und hält ihn an, lasse man ihn durch das linke aus. Wer auf diese Weise die Übung mit Sonne und Mond (den beiden Nasenlöchern) stets fortsetzt, dessen gesamtes Geflecht der Nāḍīs wird nach mehr als drei Monaten rein.
In der geringsten Stufe der Übung entsteht Schweiß, in der mittleren Zittern, in der höchsten erlangt man Standfestigkeit; dann halte man den Atem fest.
abhyāsakāle prathame śastaṃ kṣīrājyabhojanam | tato 'bhyāse dṛḍhībhūte na tādṛṅniyamagrahaḥ ||
In der ersten Zeit der Übung ist eine Kost aus Milch und Ghee (geklärter Butter) zuträglich; ist die Übung gefestigt, bedarf es einer solchen Einschränkung nicht mehr.
Wie Löwe, Elefant und Tiger nur ganz allmählich gezähmt werden, so wird auch der Atem allmählich gemeistert; anders, d. h. gewaltsam behandelt, tötet er den Übenden.
Durch richtig ausgeführtes Prāṇāyāma schwinden alle Krankheiten; durch unrichtig ausgeführte Übung entstehen alle Krankheiten. [Anm.: Die Quelle druckt "samudghamaḥ", das sinngemäß und der englischen Übersetzung ("diseases generated") folgend zu "samudbhavaḥ" ("Entstehung") korrigiert wird.]
Aus der Reinigung der Nāḍīs entstehen: Beherrschung des Atems nach Belieben, Entfachung des Verdauungsfeuers (anala), Hervortreten des inneren Klanges (nāda) und Gesundheit.
Wer Übermaß an Fett (meda) und Schleim (śleṣman) hat, führe zuvor die sechs Reinigungshandlungen (ṣaṭkarman) aus; wer aber im Gleichgewicht der Körpersäfte (doṣa) steht, braucht sie nicht auszuführen.
Diese sechs Handlungen, welche das „Gefäß“ (ghaṭa, den Körper) reinigen, sind geheim zu halten; sie verleihen mannigfache Kräfte (guṇa) und werden von den besten unter den Yogīs hochgeachtet.
Ein vier Finger breites und fünfzehn Ellen (hasta) langes, mit warmem Wasser befeuchtetes Tuch schlucke man langsam auf dem vom Guru gewiesenen Weg hinunter und ziehe es wieder heraus — dies ist das genannte Dhauti-Karma.
nābhidaghnajale pāyau nyastanālotkaṭāsanaḥ | ādhārākuñcanaṃ kuryāt kṣālanaṃ bastikarma tat ||
In nabeltiefem Wasser, in der Utkaṭāsana-Hocke sitzend, führe man ein Röhrchen in den After ein und ziehe den Damm (ādhāra) zusammen — diese Spülung ist das Basti-Karma.
Geschwulst, Milzleiden und Wassersucht des Bauches sowie alle aus Vāta, Pitta und Kapha (den drei Körpersäften) entstehenden Übel schwinden durch die Kraft des Basti-Karma.
Regelmäßig geübt schenkt das Wasser-Basti Klarheit der Gewebe (dhātu), der Sinnesorgane (indriya) und des inneren Organs (antaḥkaraṇa), verleiht Glanz und entfacht das Verdauungsfeuer; es vernichtet jede Ansammlung von Krankheitsstoffen (doṣa).
Eine handspannenlange (vitasti), gut geglättete Schnur führe man durch den Nasengang ein und ziehe sie durch den Mund wieder heraus — dies nennen die Vollkommenen (siddha) das Neti.
kapālaśodhinī caiva divyadṛṣṭipradāyinī | jatrūrdhvajātarogaughaṃ netir āśu nihanti ca ||
Das Neti reinigt den Schädel und verleiht göttliche Schaukraft (divyadṛṣṭi); es vernichtet rasch die Flut der Krankheiten, die oberhalb des Schlüsselbeins (jatru) entstehen.
Nun das Trāṭaka: Gesammelt blicke man mit unbewegtem Blick auf einen feinen Punkt (lakṣya), bis Tränen hervortreten — dies nennen die Lehrer (ācārya) Trāṭaka.
Es befreit von Augenkrankheiten und verriegelt die Tür für Mattigkeit (tandrā) und Ähnliches; man hüte das Trāṭaka sorgfältig als Geheimnis, wie eine Schatulle voller Gold (hāṭaka).
Nun das Naulī: Mit gebeugten Schultern lasse man den Bauch mit kräftigem, kreisendem Schwung von links nach rechts und zurück rollen — dies preisen die Vollkommenen als Naulī.
mandāgnisandīpanapācanādisandhāpikānandakarī sadaiva | aśeṣadoṣamayaśoṣaṇī ca haṭhakriyā maulir iyaṃ ca naulih ||
Es entfacht schwaches Verdauungsfeuer, fördert Verdauung und Ähnliches und schenkt beständig Freude; es trocknet alle aus Krankheitsstoffen bestehenden Übel aus — dieses Naulī ist die vornehmste (mauli) unter den Haṭha-Übungen.
Nun das Kapālabhāti: Wie der Blasebalg (bhastrā) des Schmieds führe man rasches Ein- und Ausatmen aus — dies ist das berühmte Kapālabhāti, das den Krankheitsstoff Kapha (Schleim) austrocknet.
Wer durch die sechs Reinigungshandlungen Fettleibigkeit (sthaulya), den Krankheitsstoff Kapha und andere Unreinheiten ausgeschieden hat, übe danach Prāṇāyāma; mühelos gelangt er zum Erfolg.
Nun die Gajakaraṇī (die „Elefanten-Handlung“): Indem man den Apāna-Vāyu (Abwind) bis zur Kehle hinaufführt, erbricht man den im Magen befindlichen Inhalt; durch beharrliche Übung wird das Geflecht der Nāḍīs beherrschbar — dies nennen die Kenner des Haṭha die Gajakaraṇī.
Solange der Atem im (rechten) Bereich gebändigt ist, solange das Denken ungetrübt bleibt, solange der Blick zwischen den Augenbrauen ruht — woher sollte da Furcht vor dem Tod (kāla) kommen?
Wenn durch vorschriftsmäßige Bezähmung (saṃyāma) des Atems das Geflecht der Nāḍīs gereinigt ist, durchbricht der Lebenswind mühelos die Mündung der Suṣumnā und tritt in sie ein.
Nun die Manonmanī: Wenn der Atem in der Mitte (der Suṣumnā) wandert, entsteht Standfestigkeit des Geistes; dieser Zustand fester Sammlung des Geistes ist eben die Manonmanī.
Um dies zu erreichen, üben die Kenner der rechten Weise mannigfaltige Kumbhakas; durch die Übung verschiedenartiger Kumbhakas erlangt man mannigfaltigen Erfolg.
Am Ende der Einatmung (pūraka) ist der sogenannte Jālandhara-Bandha auszuführen, am Ende des Kumbhaka und zu Beginn der Ausatmung (recaka) der Uḍḍiyāna(-Bandha).
Wenn unten rasch der After zusammengezogen (Mūlabandha), die Kehle verengt (Jālandhara) und in der Mitte der Rumpf (paścima) nach hinten gezogen wird, gelangt der Prāṇa in die Brahma-Nāḍī (die Suṣumnā).
In einer bequemen Sitzhaltung (āsana) sitzend ziehe der Yogī, nachdem er die Haltung eingenommen hat, den draußen befindlichen Atem langsam durch das rechte Nāḍī (Piṅgalā) ein —
— bis zur äußersten Grenze der Zurückhaltung halte man ihn an, so dass er den Körper von den Haaren bis zu den Nagelspitzen erfüllt; dann lasse man ihn langsam durch das linke Nāḍī (Iḍā) wieder aus.
Nun das Ujjāyī: Bei geschlossenem Mund ziehe man durch beide Nāḍīs (Nasenlöcher) langsam den Atem ein, so dass er, mit hörbarem Klang, von der Kehle bis zum Herzen spürbar wird.
Man halte den Atem wie zuvor an und lasse ihn dann durch Iḍā (das linke Nasenloch) aus; dies beseitigt den Schleim (śleṣman) in der Kehle und entfacht das Körperfeuer.
nāḍījalodarādhātugatadoṣavināśanam | gacchatā tiṣṭhatā kāryam ujjāyyākhyaṃ tu kumbhakam ||
Es vernichtet die Störungen der Nāḍīs, der Wassersucht und der Gewebe (dhātu); dieser Kumbhaka namens Ujjāyī kann im Gehen wie im Stehen ausgeführt werden.
Nun das Sītkārī: Man erzeuge im Mund ein zischendes Sīt-Geräusch und atme durch die Nase mit weit geöffnetem Rachen; durch solche Übung wird man gleichsam ein zweiter Liebesgott (Kāmadeva) an Schönheit.
yoginīcakrasaṃmānyaḥ sṛṣṭisaṃhārakārakaḥ | na kṣudhā na tṛṣā nidrā naivālasyaṃ prajāyate ||
Man wird von der Schar der Yoginīs verehrt und zum Herrn über Schöpfung und Auflösung; weder Hunger noch Durst, weder Schlaf noch Trägheit stellen sich mehr ein.
Nun das Śītalī: Mit der hervorgestreckten Zunge ziehe man den Atem ein, halte ihn wie zuvor an, und der Weise lasse ihn langsam durch beide Nasenöffnungen wieder aus.
Nun die Bhastrikā: Der Weise nehme das Padmāsana recht ein, halte Nacken und Rumpf gerade, schließe sorgfältig den Mund und lasse den Atem durch die Nase aus.
Ebenso bewege man mit Achtsamkeit den im eigenen Körper befindlichen Atem; tritt Ermüdung im Körper ein, fülle man ihn durch die Sonne (das rechte Nasenloch) ein.
kuṇḍalībodhakaṃ kṣipraṃ pavanaṃ sukhadaṃ hitam | brahmanāḍīmukhe saṃsthakaphādyargalanāśanam ||
Sie (die Bhastrikā) erweckt rasch die Kuṇḍalinī, ist wohltuend und zuträglich; sie vernichtet den Schleim und andere Hindernisse (argala), die sich am Eingang der Brahma-Nāḍī angesammelt haben.
Mit Kraft und Getöse fülle man ein, mit dem summenden Klang der Biene (bhṛṅga) beim Einatmen, mit dem Klang der Bhṛṅgī (Wespe) sanft ausatmend — durch solche Übung entsteht im Geist der Herren der Yogīs ein unbeschreibliches Spiel der Wonne (ānanda).
Nun die Mūrcchā: Am Ende der Einatmung ziehe man den Jālandhara-Bandha fest an und lasse den Atem langsam aus — dies nennt man Mūrcchā, eine wonnespendende Betäubung (mūrcchā) des Geistes.
Nun die Plāvinī: Ist der Bauch im Innern von hin- und herbewegtem Atem völlig erfüllt, so schwimmt man selbst im tiefsten Wasser mühelos wie ein Lotosblatt.
Prāṇāyāma wird als dreifach bezeichnet: durch Ausatmung (recaka), Einatmung (pūraka) und Anhalten (kumbhaka); der Kumbhaka gilt zudem als zweifach: als „begleiteter“ (sahita) und als „alleiniger“ (kevala).
rājayogapadaṃ cāpi labhate nātra saṃśayaḥ | kumbhakāt kuṇḍalībodhaḥ kuṇḍalībodhato bhavet | anargalā suṣumṇā ca haṭhasiddhiś ca jāyate ||
Ohne Zweifel erlangt er auch die Stufe des Rājayoga. Durch Kumbhaka erwacht die Kuṇḍalinī, und durch das Erwachen der Kuṇḍalinī wird die Suṣumnā frei von Hindernissen — so entsteht die Vollendung (siddhi) des Haṭha(-Yoga).
Am Ende der Atemzurückhaltung (kumbhaka) mache man den Geist „haltlos“, frei von jedem Stützpunkt; durch solche Übung gelangt man zur Stufe des Rājayoga.
Schlankheit des Leibes, Heiterkeit des Antlitzes, deutliches Hervortreten des inneren Klanges (nāda), klare, reine Augen, Krankheitsfreiheit, Beherrschung des Bindu (der Samenessenz), Entfachen des Verdauungsfeuers und Reinheit der Nāḍīs — dies sind die Kennzeichen der Vollendung im Haṭha(-Yoga).