Quellen der Menschheit

Haṭhapradīpikā

Kapitel 2: Prāṇāyāma (dvitīyopadeśaḥ) — im Original als "CHAPTER II. On Prāṇāyāma" überschrieben; ein eigener Sanskrit-Kolophon-Vers wird in dieser Ausgabe (Pancham Sinh, 1915) nicht wiedergegeben. Zweite Unterweisung: Über das Prāṇāyāma (die Atemzügelung)

athāsane dṛḍhe yogī vaśī hitamitāśanaḥ | gurūpadiṣṭamārgeṇa prāṇāyāmān samabhyaset ||

Wenn das Āsana (die Sitzhaltung) fest geworden ist, soll der Yogī, selbstbeherrscht, sich von zuträglicher und mäßiger Speise nährend, auf dem vom Guru gewiesenen Weg das Prāṇāyāma (die Atemzügelung) üben.

cale vāte calaṃ cittaṃ niścale niścalaṃ bhavet | yogī sthāṇutvam āpnoti tato vāyuṃ nirodhayet ||

Ist der Atem (vāta) in Bewegung, ist auch das Denken (citta) in Bewegung; ist er unbewegt, wird auch jenes unbewegt. Der Yogī erlangt Standfestigkeit (sthāṇutva); darum soll er den Atem (vāyu) zügeln.

yāvad vāyuḥ sthito dehe tāvaj jīvanam ucyate | maraṇaṃ tasya niṣkrāntis tato vāyuṃ nirodhayet ||

Solange der Atem im Körper verweilt, nennt man dies Leben; sein Entweichen ist der Tod. Darum soll man den Atem zügeln.

malākulāsu nāḍīṣu māruto naiva madhyagaḥ | kathaṃ syād unmanībhāvaḥ kāryasiddhiḥ kathaṃ bhavet ||

Solange die Nāḍīs (feinstofflichen Kanäle) von Unreinheit (mala) erfüllt sind, geht der Lebenswind (māruta) nicht durch ihre Mitte (madhyaga, d. h. durch die Suṣumnā). Wie sollte da der Zustand der Unmanī (des gedankenfreien Bewusstseins) entstehen, wie der Erfolg (kāryasiddhi) der Übung? [Anm.: Die Quelle druckt an dieser Stelle "malākalāsu"; nach dem Sinn und der beigegebenen englischen Übersetzung ("impurities of the nāḍīs") wird hier zu "malākulāsu" ("von Unreinheit erfüllt") emendiert.]

śuddhim eti yadā sarvaṃ nāḍīcakraṃ malākulam | tadaiva jāyate yogī prāṇasaṃgrahaṇe kṣamaḥ ||

Wenn das ganze, von Unreinheit erfüllte Geflecht der Nāḍīs gereinigt wird, dann erst wird der Yogī fähig, den Prāṇa (Lebensatem) zu beherrschen.

prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryān nityaṃ sāttvikayā dhiyā | yathā suṣumṇānāḍīsthā malāḥ śuddhiṃ prayānti ca ||

Darum übe man täglich Prāṇāyāma mit sattvischer (reiner, ruhiger) Geisteshaltung, damit die in der Suṣumnā-Nāḍī sitzenden Unreinheiten zur Reinheit gelangen.

baddhapadmāsano yogī prāṇaṃ candreṇa pūrayet | dhārayitvā yathāśakti bhūyaḥ sūryeṇa recayet ||

Im festgebundenen Padmāsana (Lotossitz) sitzend fülle der Yogī den Atem durch den Mond(-Kanal, d. h. das linke Nasenloch) ein; nachdem er ihn nach Vermögen zurückgehalten hat, lasse er ihn wieder durch die Sonne (das rechte Nasenloch) aus.

prāṇaṃ sūryeṇa cākṛṣya pūrayed udaraṃ śanaiḥ | vidhivat kumbhakaṃ kṛtvā punaś candreṇa recayet ||

Sodann ziehe er den Atem durch die Sonne ein und fülle langsam den Bauch; nach vorschriftsmäßig ausgeführtem Kumbhaka (Atemanhalten) lasse er ihn wieder durch den Mond aus.

yena tyajet tena pītvā dhārayed atirodhataḥ | recayec ca tato 'nyena śanair eva na vegataḥ ||

Durch dasjenige (Nasenloch), durch das man ausgeatmet hat, atme man wieder ein und halte den Atem, soweit möglich, zurück; dann lasse man ihn durch das andere langsam, keineswegs hastig, aus.

prāṇaṃ ced iḍayā piben niyamitaṃ bhūyo 'nyathā recayet pītvā piṅgalayā samīraṇam atho baddhvā tyajed vāmayā | sūryacandramasor anena vidhinābhyāsaṃ sadā tanvatāṃ śuddhā nāḍigaṇā bhavanti yamināṃ māsatrayād ūrdhvataḥ ||

Atmet man den Atem geregelt durch Iḍā (das linke Nasenloch) ein, so lasse man ihn wieder durch das andere aus; atmet man ihn durch Piṅgalā (das rechte Nasenloch) ein und hält ihn an, lasse man ihn durch das linke aus. Wer auf diese Weise die Übung mit Sonne und Mond (den beiden Nasenlöchern) stets fortsetzt, dessen gesamtes Geflecht der Nāḍīs wird nach mehr als drei Monaten rein.

prātar madhyandine sāyam ardharātre ca kumbhakān | śanair aśītiparyantaṃ caturvāraṃ samabhyaset ||

Am Morgen, zu Mittag, am Abend und um Mitternacht übe man viermal täglich Kumbhakas, langsam gesteigert bis zu je achtzig.

kanīyasi bhaved svedaḥ kampo bhavati madhyame | uttame sthānam āpnoti tato vāyuṃ nibandhayet ||

In der geringsten Stufe der Übung entsteht Schweiß, in der mittleren Zittern, in der höchsten erlangt man Standfestigkeit; dann halte man den Atem fest.

jalena śramajātena gātramardanam ācaret | dṛḍhatā laghutā caiva tena gātrasya jāyate ||

Den durch die Anstrengung entstandenen Schweiß reibe man in den Körper ein; dadurch werden dem Körper Festigkeit und Leichtigkeit zuteil.

abhyāsakāle prathame śastaṃ kṣīrājyabhojanam | tato 'bhyāse dṛḍhībhūte na tādṛṅniyamagrahaḥ ||

In der ersten Zeit der Übung ist eine Kost aus Milch und Ghee (geklärter Butter) zuträglich; ist die Übung gefestigt, bedarf es einer solchen Einschränkung nicht mehr.

yathā siṃho gajo vyāghro bhaved vaśyaḥ śanaiḥ śanaiḥ | tathaiva sevito vāyur anyathā hanti sādhakam ||

Wie Löwe, Elefant und Tiger nur ganz allmählich gezähmt werden, so wird auch der Atem allmählich gemeistert; anders, d. h. gewaltsam behandelt, tötet er den Übenden.

prāṇāyāmena yuktena sarvarogakṣayo bhavet | ayuktābhyāsayogena sarvarogasamudbhavaḥ ||

Durch richtig ausgeführtes Prāṇāyāma schwinden alle Krankheiten; durch unrichtig ausgeführte Übung entstehen alle Krankheiten. [Anm.: Die Quelle druckt "samudghamaḥ", das sinngemäß und der englischen Übersetzung ("diseases generated") folgend zu "samudbhavaḥ" ("Entstehung") korrigiert wird.]

hikkā śvāsaś ca kāsaś ca śiraḥkarṇākṣivedanāḥ | bhavanti vividhā rogāḥ pavanasya prakopataḥ ||

Schluckauf, Atemnot (śvāsa) und Husten, Schmerzen in Kopf, Ohren und Augen — mannigfache Krankheiten entstehen durch die Erregung (prakopa) des Atems.

yuktaṃ yuktaṃ tyajed vāyuṃ yuktaṃ yuktaṃ ca pūrayet | yuktaṃ yuktaṃ ca badhnīyād evaṃ siddhim avāpnuyāt ||

Mit rechtem Maß lasse man den Atem aus, mit rechtem Maß fülle man ihn ein, mit rechtem Maß halte man ihn an — so erlangt man Erfolg (siddhi).

yadā tu nāḍīśuddhiḥ syāt tathā cihnāni bāhyataḥ | kāyasya kṛśatā kāntis tadā jāyate niścitam ||

Wenn aber Reinheit der Nāḍīs eintritt, zeigen sich äußere Zeichen: Schlankheit und Glanz des Körpers — dies ist ein sicheres Anzeichen dafür.

yatheṣṭaṃ dhāraṇaṃ vāyor analasya pradīpanam | nādābhivyaktir ārogyaṃ jāyate nāḍiśodhanāt ||

Aus der Reinigung der Nāḍīs entstehen: Beherrschung des Atems nach Belieben, Entfachung des Verdauungsfeuers (anala), Hervortreten des inneren Klanges (nāda) und Gesundheit.

medaḥśleṣmādhikaḥ pūrvaṃ ṣaṭkarmāṇi samācaret | anyas tu nācaret tāni doṣāṇāṃ samabhāvataḥ ||

Wer Übermaß an Fett (meda) und Schleim (śleṣman) hat, führe zuvor die sechs Reinigungshandlungen (ṣaṭkarman) aus; wer aber im Gleichgewicht der Körpersäfte (doṣa) steht, braucht sie nicht auszuführen.

dhautir bastis tathā netis trāṭakaṃ naulikaṃ tathā | kapālabhātiś caitāni ṣaṭkarmāṇi pracakṣate ||

Dhauti, Basti, ferner Neti, Trāṭaka, Naulī und Kapālabhāti — diese nennt man die sechs Reinigungshandlungen (ṣaṭkarman).

karma ṣaṭkam idaṃ gopyaṃ ghaṭaśodhanakārakam | vicitraguṇasandhāya pūjyate yogipuṅgavaiḥ ||

Diese sechs Handlungen, welche das „Gefäß“ (ghaṭa, den Körper) reinigen, sind geheim zu halten; sie verleihen mannigfache Kräfte (guṇa) und werden von den besten unter den Yogīs hochgeachtet.

caturaṅgulavistāraṃ hastapañcadaśāyatam | gurūpadiṣṭamārgeṇa siktaṃ vastraṃ śanair graset | punaḥ pratyāharec caitad uditaṃ dhautikarma tat ||

Ein vier Finger breites und fünfzehn Ellen (hasta) langes, mit warmem Wasser befeuchtetes Tuch schlucke man langsam auf dem vom Guru gewiesenen Weg hinunter und ziehe es wieder heraus — dies ist das genannte Dhauti-Karma.

kāsaśvāsaplīhakuṣṭhaṃ kapharogāś ca viṃśatiḥ | dhautikarmaprabhāveṇa prayānty eva na saṃśayaḥ ||

Husten, Atemnot, Milzleiden, Aussatz und die zwanzig Schleimkrankheiten weichen ohne Zweifel durch die Kraft des Dhauti-Karma.

nābhidaghnajale pāyau nyastanālotkaṭāsanaḥ | ādhārākuñcanaṃ kuryāt kṣālanaṃ bastikarma tat ||

In nabeltiefem Wasser, in der Utkaṭāsana-Hocke sitzend, führe man ein Röhrchen in den After ein und ziehe den Damm (ādhāra) zusammen — diese Spülung ist das Basti-Karma.

gulmaplīhodaraṃ cāpi vātapittakaphodbhavāḥ | bastikarmaprabhāveṇa kṣīyante sakalāmayāḥ ||

Geschwulst, Milzleiden und Wassersucht des Bauches sowie alle aus Vāta, Pitta und Kapha (den drei Körpersäften) entstehenden Übel schwinden durch die Kraft des Basti-Karma.

dhātvindriyāntaḥkaraṇaprasādaṃ dadhāc ca kāntiṃ dahanapradīptam | aśeṣadoṣopacayaṃ nihanyād abhyasyamānaṃ jalabastikarma ||

Regelmäßig geübt schenkt das Wasser-Basti Klarheit der Gewebe (dhātu), der Sinnesorgane (indriya) und des inneren Organs (antaḥkaraṇa), verleiht Glanz und entfacht das Verdauungsfeuer; es vernichtet jede Ansammlung von Krankheitsstoffen (doṣa).

sūtraṃ vitastisusnigdhaṃ nāsānāle praveśayet | mukhān nirgamayec caiṣā netiḥ siddhair nigadyate ||

Eine handspannenlange (vitasti), gut geglättete Schnur führe man durch den Nasengang ein und ziehe sie durch den Mund wieder heraus — dies nennen die Vollkommenen (siddha) das Neti.

kapālaśodhinī caiva divyadṛṣṭipradāyinī | jatrūrdhvajātarogaughaṃ netir āśu nihanti ca ||

Das Neti reinigt den Schädel und verleiht göttliche Schaukraft (divyadṛṣṭi); es vernichtet rasch die Flut der Krankheiten, die oberhalb des Schlüsselbeins (jatru) entstehen.

atha trāṭakam. nirīkṣen niścaladṛśā sūkṣmalakṣyaṃ samāhitaḥ | aśrusampātaparyantam ācāryais trāṭakaṃ smṛtam ||

Nun das Trāṭaka: Gesammelt blicke man mit unbewegtem Blick auf einen feinen Punkt (lakṣya), bis Tränen hervortreten — dies nennen die Lehrer (ācārya) Trāṭaka.

mocanaṃ netrarogāṇāṃ tandrādīnāṃ kapāṭakam | yatnatas trāṭakaṃ gopyaṃ yathā hāṭakapeṭakam ||

Es befreit von Augenkrankheiten und verriegelt die Tür für Mattigkeit (tandrā) und Ähnliches; man hüte das Trāṭaka sorgfältig als Geheimnis, wie eine Schatulle voller Gold (hāṭaka).

atha naulih. amandāvartavegena tundaṃ savyāpasavyataḥ | natāṃso bhrāmayed eṣā naulih siddhaiḥ praśasyate ||

Nun das Naulī: Mit gebeugten Schultern lasse man den Bauch mit kräftigem, kreisendem Schwung von links nach rechts und zurück rollen — dies preisen die Vollkommenen als Naulī.

mandāgnisandīpanapācanādisandhāpikānandakarī sadaiva | aśeṣadoṣamayaśoṣaṇī ca haṭhakriyā maulir iyaṃ ca naulih ||

Es entfacht schwaches Verdauungsfeuer, fördert Verdauung und Ähnliches und schenkt beständig Freude; es trocknet alle aus Krankheitsstoffen bestehenden Übel aus — dieses Naulī ist die vornehmste (mauli) unter den Haṭha-Übungen.

atha kapālabhātih. bhastrāval lohakārasya recapūrau sasambhramau | kapālabhātir vikhyātā kaphadoṣaviśoṣaṇī ||

Nun das Kapālabhāti: Wie der Blasebalg (bhastrā) des Schmieds führe man rasches Ein- und Ausatmen aus — dies ist das berühmte Kapālabhāti, das den Krankheitsstoff Kapha (Schleim) austrocknet.

ṣaṭkarmanirgatasthaulyakaphadoṣamalādikaḥ | prāṇāyāmaṃ tataḥ kuryād anāyāsena sidhyati ||

Wer durch die sechs Reinigungshandlungen Fettleibigkeit (sthaulya), den Krankheitsstoff Kapha und andere Unreinheiten ausgeschieden hat, übe danach Prāṇāyāma; mühelos gelangt er zum Erfolg.

prāṇāyāmair eva sarve praśuṣyanti malā iti | ācāryāṇāṃ tu keṣāṃcid anyat karma na sammatam ||

„Durch Prāṇāyāma allein trocknen alle Unreinheiten aus“ — so meinen manche Lehrer, welche keine andere Übung, d. h. die ṣaṭkarman, gutheißen.

atha gajakaraṇī. udaragatapadārtham udvamanti pavanam apānam udīrya kaṇṭhanāle | karmaparicayavaśyanāḍīcakrā gajakaraṇīti nigadyate haṭhajñaiḥ ||

Nun die Gajakaraṇī (die „Elefanten-Handlung“): Indem man den Apāna-Vāyu (Abwind) bis zur Kehle hinaufführt, erbricht man den im Magen befindlichen Inhalt; durch beharrliche Übung wird das Geflecht der Nāḍīs beherrschbar — dies nennen die Kenner des Haṭha die Gajakaraṇī.

brahmādayo 'pi tridaśāḥ pavanābhyāsatatparāḥ | abhūvann antakabhayāt tasmāt pavanam abhyaset ||

Selbst Brahmā und die anderen Götter (tridaśa) waren der Übung des Atems ergeben, aus Furcht vor dem Ende (antaka, dem Tod); darum übe man den Atem.

yāvad baddho marud-deśe yāvac cittaṃ nirākulam | yāvad dṛṣṭir bhruvor madhye tāvat kālabhayaṃ kutaḥ ||

Solange der Atem im (rechten) Bereich gebändigt ist, solange das Denken ungetrübt bleibt, solange der Blick zwischen den Augenbrauen ruht — woher sollte da Furcht vor dem Tod (kāla) kommen?

vidhivat prāṇasaṃyāmair nāḍīcakre viśodhite | suṣumṇāvadanaṃ bhittvā sukhād viśati mārutaḥ ||

Wenn durch vorschriftsmäßige Bezähmung (saṃyāma) des Atems das Geflecht der Nāḍīs gereinigt ist, durchbricht der Lebenswind mühelos die Mündung der Suṣumnā und tritt in sie ein.

atha manonmanī. marute madhyasañcāre manaḥsthairyaṃ prajāyate | yo manaḥsusthirībhāvaḥ saivāvasthā manonmanī ||

Nun die Manonmanī: Wenn der Atem in der Mitte (der Suṣumnā) wandert, entsteht Standfestigkeit des Geistes; dieser Zustand fester Sammlung des Geistes ist eben die Manonmanī.

tatsiddhaye vidhijñāś citrān kurvanti kumbhakān | vicitrakumbhakābhyāsād vicitrāṃ siddhim āpnuyāt ||

Um dies zu erreichen, üben die Kenner der rechten Weise mannigfaltige Kumbhakas; durch die Übung verschiedenartiger Kumbhakas erlangt man mannigfaltigen Erfolg.

atha kumbhakabhedāḥ. sūryabhedanam ujjāyī sītkārī śītalī tathā | bhastrikā bhrāmarī mūrcchā plāvinīty aṣṭakumbhakāḥ ||

Nun die Arten der Kumbhakas: Sūryabhedana, Ujjāyī, Sītkārī, Śītalī, Bhastrikā, Bhrāmarī, Mūrcchā und Plāvinī — dies sind die acht Kumbhakas.

pūrakānte tu kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ | kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyānakaḥ ||

Am Ende der Einatmung (pūraka) ist der sogenannte Jālandhara-Bandha auszuführen, am Ende des Kumbhaka und zu Beginn der Ausatmung (recaka) der Uḍḍiyāna(-Bandha).

adhastāt kuñcanenāśu kaṇṭhasaṅkocane kṛte | madhye paścimatānena syāt prāṇo brahmanāḍigaḥ ||

Wenn unten rasch der After zusammengezogen (Mūlabandha), die Kehle verengt (Jālandhara) und in der Mitte der Rumpf (paścima) nach hinten gezogen wird, gelangt der Prāṇa in die Brahma-Nāḍī (die Suṣumnā).

apānam ūrdhvam utthāpya prāṇaṃ kaṇṭhād adho nayet | yogī jarāvimuktaḥ san ṣoḍaśābdavayā bhavet ||

Indem man den Apāna nach oben hebt und den Prāṇa von der Kehle abwärts führt, wird der Yogī, von Alter befreit, gleichsam sechzehn Jahre jung.

āsane sukhade yogī baddhvā caivāsanaṃ tataḥ | dakṣanāḍyā samākṛṣya bahiḥsthaṃ pavanaṃ śanaiḥ ||

In einer bequemen Sitzhaltung (āsana) sitzend ziehe der Yogī, nachdem er die Haltung eingenommen hat, den draußen befindlichen Atem langsam durch das rechte Nāḍī (Piṅgalā) ein —

ākeśād ānakhāgrāc ca nirodhāvadhi kumbhayet | tataḥ śanaiḥ savyanāḍyā recayet pavanaṃ śanaiḥ ||

— bis zur äußersten Grenze der Zurückhaltung halte man ihn an, so dass er den Körper von den Haaren bis zu den Nagelspitzen erfüllt; dann lasse man ihn langsam durch das linke Nāḍī (Iḍā) wieder aus.

kapālaśodhanaṃ vātadoṣaghnaṃ kṛmidoṣahṛt | punaḥ punar idaṃ kāryaṃ sūryabhedanam uttamam ||

Dieses vorzügliche Sūryabhedana reinigt den Schädel, vertreibt die Störung des Vāta und die Wurmkrankheiten; es soll immer wieder ausgeführt werden.

mukhaṃ saṃyamya nāḍībhyām ākṛṣya pavanaṃ śanaiḥ | yathā lagati kaṇṭhāt tu hṛdayāvadhi sasvanam ||

Nun das Ujjāyī: Bei geschlossenem Mund ziehe man durch beide Nāḍīs (Nasenlöcher) langsam den Atem ein, so dass er, mit hörbarem Klang, von der Kehle bis zum Herzen spürbar wird.

pūrvavat kumbhayet prāṇaṃ recayed iḍayā tathā | śleṣmadoṣaharaṃ kaṇṭhe dehānalavivardhanam ||

Man halte den Atem wie zuvor an und lasse ihn dann durch Iḍā (das linke Nasenloch) aus; dies beseitigt den Schleim (śleṣman) in der Kehle und entfacht das Körperfeuer.

nāḍījalodarādhātugatadoṣavināśanam | gacchatā tiṣṭhatā kāryam ujjāyyākhyaṃ tu kumbhakam ||

Es vernichtet die Störungen der Nāḍīs, der Wassersucht und der Gewebe (dhātu); dieser Kumbhaka namens Ujjāyī kann im Gehen wie im Stehen ausgeführt werden.

sītkāṃ kuryāt tathā vaktre ghrāṇenaiva vijṛmbhikām | evam abhyāsayogena kāmadevo dvitīyakaḥ ||

Nun das Sītkārī: Man erzeuge im Mund ein zischendes Sīt-Geräusch und atme durch die Nase mit weit geöffnetem Rachen; durch solche Übung wird man gleichsam ein zweiter Liebesgott (Kāmadeva) an Schönheit.

yoginīcakrasaṃmānyaḥ sṛṣṭisaṃhārakārakaḥ | na kṣudhā na tṛṣā nidrā naivālasyaṃ prajāyate ||

Man wird von der Schar der Yoginīs verehrt und zum Herrn über Schöpfung und Auflösung; weder Hunger noch Durst, weder Schlaf noch Trägheit stellen sich mehr ein.

bhavet sattvaṃ ca dehasya sarvopadravavarjitaḥ | anena vidhinā satyaṃ yogīndro bhūmimaṇḍale ||

Der Körper wird rein (sāttvig) und frei von allen Beschwerden; wahrlich, auf diese Weise wird man ein Fürst unter den Yogīs auf Erden.

jihvayā vāyum ākṛṣya pūrvavat kumbhasādhanam | śanakair ghrāṇarandhrābhyāṃ recayet pavanaṃ sudhīḥ ||

Nun das Śītalī: Mit der hervorgestreckten Zunge ziehe man den Atem ein, halte ihn wie zuvor an, und der Weise lasse ihn langsam durch beide Nasenöffnungen wieder aus.

gulmaplīhādikān rogān jvaraṃ pittaṃ kṣudhāṃ tṛṣām | viṣāṇi śītalī nāma kumbhikeyaṃ nihanti hi ||

Diese Kumbhikā namens Śītalī vertreibt fürwahr Geschwulst, Milzleiden und andere Krankheiten, Fieber, Gallenstörung, Hunger, Durst und Gifte.

ūrvor upari saṃsthāpya śubhe pādatale ubhe | padmāsanaṃ bhaved etat sarvapāpapraṇāśanam ||

Legt man beide Fußsohlen wohlgeordnet auf die gegenüberliegenden Schenkel, so ist dies das Padmāsana, das alle Sünde vernichtet.

samyak padmāsanaṃ baddhvā samagrīvodaraḥ sudhīḥ | mukhaṃ saṃyamya yatnena prāṇaṃ ghrāṇena recayet ||

Nun die Bhastrikā: Der Weise nehme das Padmāsana recht ein, halte Nacken und Rumpf gerade, schließe sorgfältig den Mund und lasse den Atem durch die Nase aus.

yathā lagati hṛtkaṇṭhe kapālāvadhi sasvanam | vegena pūrayec cāpi hṛtpadmāvadhi mārutam ||

— dann fülle man mit Kraft den Atem ein, so dass er, mit Klang spürbar, von Herz und Kehle bis zum Schädel reicht, ja bis zum Lotos des Herzens.

punar virecayet tadvat pūrayec ca punaḥ punaḥ | yathaiva lohakāreṇa bhastrā vegena cālyate ||

Man lasse ihn ebenso wieder aus und fülle ihn wieder und wieder ein, so wie der Blasebalg des Schmieds kräftig bewegt wird.

tathaiva svaśarīrasthaṃ cālayet pavanaṃ dhiyā | yadā śramo bhaved dehe tadā sūryeṇa pūrayet ||

Ebenso bewege man mit Achtsamkeit den im eigenen Körper befindlichen Atem; tritt Ermüdung im Körper ein, fülle man ihn durch die Sonne (das rechte Nasenloch) ein.

yathodaraṃ bhavet pūrṇam anilena tathā laghu | dhārayen nāsikāṃ madhyātarjanībhyāṃ vinā dṛḍham ||

Bis der Bauch mit Luft ganz erfüllt ist, atme man rasch ein; man verschließe die Nase fest mit Mittel- und Zeigefinger, unter Aussparung des Daumens.

vidhivat kumbhakaṃ kṛtvā recayed iḍayānilam | vātapittaśleṣmaharaṃ śarīrāgnivivardhanam ||

Nach vorschriftsmäßigem Kumbhaka lasse man den Atem durch Iḍā aus; dies beseitigt Vāta, Pitta und Śleṣman (Schleim) und entfacht das Körperfeuer.

kuṇḍalībodhakaṃ kṣipraṃ pavanaṃ sukhadaṃ hitam | brahmanāḍīmukhe saṃsthakaphādyargalanāśanam ||

Sie (die Bhastrikā) erweckt rasch die Kuṇḍalinī, ist wohltuend und zuträglich; sie vernichtet den Schleim und andere Hindernisse (argala), die sich am Eingang der Brahma-Nāḍī angesammelt haben.

samyag gātrasamudbhūtagranthitrayavibhedakam | viśeṣeṇaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam ||

Dieser Kumbhaka namens Bhastrikā, der die drei im Körper entstandenen Knoten (granthi) durchbricht, ist mit besonderem Eifer auszuführen.

vegād ghoṣaṃ pūrakaṃ bhṛṅganādaṃ bhṛṅgīnādaṃ recakaṃ mandamandam | yogīndrāṇām evam abhyāsayogāc citte jātā kācid ānandalīlā ||

Mit Kraft und Getöse fülle man ein, mit dem summenden Klang der Biene (bhṛṅga) beim Einatmen, mit dem Klang der Bhṛṅgī (Wespe) sanft ausatmend — durch solche Übung entsteht im Geist der Herren der Yogīs ein unbeschreibliches Spiel der Wonne (ānanda).

pūrakānte gāḍhataraṃ baddhvā jālandharaṃ śanaiḥ | recayen mūrcchākhyeyaṃ manomūrcchā sukhapradā ||

Nun die Mūrcchā: Am Ende der Einatmung ziehe man den Jālandhara-Bandha fest an und lasse den Atem langsam aus — dies nennt man Mūrcchā, eine wonnespendende Betäubung (mūrcchā) des Geistes.

antaḥ pravartitodāramārutāpūritodaraḥ | payasy agādhe 'pi sukhāt plavate padmapatravat ||

Nun die Plāvinī: Ist der Bauch im Innern von hin- und herbewegtem Atem völlig erfüllt, so schwimmt man selbst im tiefsten Wasser mühelos wie ein Lotosblatt.

prāṇāyāmas tridhā prokto recapūrakakumbhakaiḥ | sahitaḥ kevalaś ceti kumbhako dvividho mataḥ ||

Prāṇāyāma wird als dreifach bezeichnet: durch Ausatmung (recaka), Einatmung (pūraka) und Anhalten (kumbhaka); der Kumbhaka gilt zudem als zweifach: als „begleiteter“ (sahita) und als „alleiniger“ (kevala).

yāvat kevalasiddhiḥ syāt sahitaṃ tāvad abhyaset | recakaṃ pūrakaṃ muktvā sukhaṃ yad vāyudhāraṇam ||

Bis man den Kevala-Kumbhaka meistert, übe man den Sahita-Kumbhaka; jenes mühelose Anhalten des Atems ohne Aus- und Einatmung —

prāṇāyāmo 'yam ity uktaḥ sa vai kevalakumbhakaḥ | kumbhake kevale siddhe recapūrakavarjite ||

— eben dies nennt man den Kevala-Kumbhaka, das wahre Prāṇāyāma. Ist der Kevala-Kumbhaka, frei von Ein- und Ausatmung, gemeistert,

na tasya durlabhaṃ kiṃcit triṣu lokeṣu vidyate | śaktaḥ kevalakumbhena yatheṣṭaṃ vāyudhāraṇāt ||

so gibt es in den drei Welten nichts, das dem, der den Atem durch Kevala-Kumbhaka nach Belieben anhalten kann, unerreichbar wäre.

rājayogapadaṃ cāpi labhate nātra saṃśayaḥ | kumbhakāt kuṇḍalībodhaḥ kuṇḍalībodhato bhavet | anargalā suṣumṇā ca haṭhasiddhiś ca jāyate ||

Ohne Zweifel erlangt er auch die Stufe des Rājayoga. Durch Kumbhaka erwacht die Kuṇḍalinī, und durch das Erwachen der Kuṇḍalinī wird die Suṣumnā frei von Hindernissen — so entsteht die Vollendung (siddhi) des Haṭha(-Yoga).

haṭhaṃ vinā rājayogo rājayogaṃ vinā haṭhaḥ | na sidhyati tato yugmam āniṣpatteḥ samabhyaset ||

Ohne Haṭha(-Yoga) gelingt kein Rājayoga, und ohne Rājayoga kein Haṭha; darum übe man beide gemeinsam, bis zur Vollendung.

kumbhakaprāṇarodhānte kuryāc cittaṃ nirāśrayam | evam abhyāsayogena rājayogapadaṃ vrajet ||

Am Ende der Atemzurückhaltung (kumbhaka) mache man den Geist „haltlos“, frei von jedem Stützpunkt; durch solche Übung gelangt man zur Stufe des Rājayoga.

vapuḥkṛśatvaṃ vadane prasannatā nādasphuṭatvaṃ nayane sunirmale | arogatā bindujayo 'gnidīpanaṃ nāḍīviśuddhir haṭhasiddhilakṣaṇam ||

Schlankheit des Leibes, Heiterkeit des Antlitzes, deutliches Hervortreten des inneren Klanges (nāda), klare, reine Augen, Krankheitsfreiheit, Beherrschung des Bindu (der Samenessenz), Entfachen des Verdauungsfeuers und Reinheit der Nāḍīs — dies sind die Kennzeichen der Vollendung im Haṭha(-Yoga).

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