Quellen der Menschheit

Śivasaṃhitā

Vollständige zweisprachige Ausgabe der Śivasaṃhitā.

Haṭha-Yoga · 5 Kapitel · 578 Verse

Interaktive LeseansichtGlossar

Vorwort

Diese Ausgabe legt die Śivasaṃhitā zweisprachig vor: den Sanskrit-Text in lateinischer Umschrift (IAST) neben einer durchgehenden deutschen Übersetzung, Vers für Vers, alle fünf Paṭalas. Grundlage ist die 1914 von Śrīśa Chandra Vasu im Rahmen der Reihe „Sacred Books of the Hindus“ veröffentlichte, gemeinfreie Sanskrit-Ausgabe mit englischer Übersetzung; die deutsche Übersetzung wurde eigenständig aus dem Sanskrit erarbeitet. Die Forschung weist darauf hin, dass Vasus Übersetzung stellenweise Auslassungen und Ungenauigkeiten enthält – ein Umstand, dem hier durch eigenständige, unmittelbar am Sanskrit-Wortlaut orientierte Übersetzungsarbeit begegnet wurde, statt Vasus englischen Wortlaut lediglich einzudeutschen.

Die vorliegende Ausgabe zählt fünfhundertachtundsiebzig Verse (96 + 54 + 105 + 111 + 212) auf der Grundlage der Vasu-Edition. Da für die Śivasaṃhitā über ein Dutzend voneinander abweichender Handschriften sowie eine 1999 erschienene kritische Ausgabe des Kaivalyadhama-Instituts existieren, sind für dieses Werk – anders als bei vielen anderen klassischen Texten – Abweichungen in Verszahl und -zählung zwischen Ausgaben besonders ausgeprägt; wer eine textkritisch abgesicherte Fassung sucht, sei auf die neuere, philologisch genauere Übersetzung James Mallinsons (2007) verwiesen.

Jedem Paṭala ist eine kurze Einordnung vorangestellt, Sachtabellen fassen an geeigneten Stellen zusammen, was der Text listenartig aufzählt (die Nāḍīs, die Mudrās, die stufenweise mit der Anzahl der Mantra-Wiederholungen verbundenen Kräfte), und ein Glossar am Ende des Buches erklärt die wiederkehrenden Fachbegriffe.

Einführung

Die Śivasaṃhitā gehört, gemeinsam mit der Haṭhapradīpikā und der hier nicht enthaltenen Gheraṇḍasaṃhitā, zu den drei klassischen Grundlagenwerken des Haṭha-Yoga und gilt unter diesen dreien als das inhaltlich umfassendste. Ihr Verfasser ist unbekannt; die Forschung datiert das Werk unterschiedlich, mehrheitlich jedoch, gestützt auf die Untersuchungen James Mallinsons, in die Zeit vor 1500 n. Chr., wahrscheinlich zwischen 1300 und 1500 n. Chr. entstanden, vermutlich im Raum Vārāṇasī (Benares); ältere Forschungsmeinungen hatten das Werk gelegentlich erst ins 17. Jahrhundert gesetzt. Die Śivasaṃhitā ist als Lehrgespräch zwischen dem Gott Śiva und seiner Gemahlin Pārvatī (Devī) gestaltet, in dem Śiva auf ihre Fragen antwortet.

Ein Kennzeichen des Werks ist die Verbindung zweier Traditionsstränge, die in anderen Texten oft getrennt bleiben: einer streng advaita-vedāntischen Philosophie von der letztlich ungeteilten Wirklichkeit des Selbst, wie sie besonders das erste Paṭala entfaltet, und einer stark tantrisch geprägten Praxis, die unter anderem Elemente der Śrīvidyā-Tradition aufnimmt, wie sie in der Mantra-Sādhana des fünften Paṭala zutage tritt. Ungewöhnlich für einen Text dieser Gattung ist zudem die ausdrückliche Öffnung der Praxis für Hausväter (gṛhastha): Anders als viele andere Yogatexte, die sich vorrangig an entsagende Asketen richten, betont die Śivasaṃhitā wiederholt, dass auch, wer inmitten von Familie und weltlichen Pflichten lebt, bei innerer Unabhängigkeit zur Vollendung gelangen könne.

Das Werk gliedert sich in fünf Paṭalas: das erste legt die philosophische Grundlage; das zweite beschreibt den Körper als Mikrokosmos mit seinem Nāḍī-System; das dritte behandelt die praktischen Grundlagen der Übung und nennt insgesamt vierundachtzig Sitzhaltungen (āsana), von denen jedoch nur vier näher beschrieben werden; das vierte widmet sich der Erweckung der Kuṇḍalinī durch die Mudrās – die Śivasaṃhitā gehört zu den frühesten Texten, die diesen Vorgang so ausführlich beschreiben; das fünfte und mit Abstand umfangreichste Paṭala vereint schließlich Ausführungen zu Hindernissen, Cakras, Mantra-Sādhana und dem Weg des Hausvaters. In der Forschungsliteratur wird der Śivasaṃhitā zudem die älteste erhaltene Beschreibung der Vorwärtsbeuge Paścimottānāsana zugeschrieben.

Auch wenn ihr genaues Entstehungsdatum und die Identität ihres Verfassers im Dunkeln bleiben, gehört die Śivasaṃhitā zu den Texten, die das Bild des Haṭha-Yoga als einer Praxis nachhaltig geprägt haben, die Körperbeherrschung, Atemlehre und Meditation mit einem hohen philosophischen Anspruch auf Selbsterkenntnis verbindet – und die diesen Weg, anders als manche verwandte Texte, ausdrücklich auch jenseits des Asketenlebens für gangbar erklärt.

Inhalt