Im Herzen befindet sich ein göttlicher Lotus, geschmückt mit einem göttlichen Zeichen (liṅga), versehen mit den Silben von ka bis ṭha – das heißt mit den zwölf Buchstaben ka, kha, ga, gha, ṅa, ca, cha, ja, jha, ña, ṭa, ṭha –, geschmückt mit diesen zwölf Silben.
Eben dort wohnt der Prāṇa (der Lebensatem), geschmückt mit vāsanās (den unterbewussten Prägungen früherer Taten), verknüpft mit anfangslosem Karman (Wirkkraft vergangener Taten), verbunden mit dem Ahaṅkāra (dem Ich-Gefühl).
Dies sind die zehn wichtigsten Namen, die ich hier in diesem Lehrwerk (śāstra) genannt habe; sie verrichten hier ihre Aufgaben, angetrieben von den eigenen früheren Taten (karman).
Auch von diesen zehn sind die fünf Hauptwinde (vāyu) die wichtigsten; und unter diesen wiederum sind, wie ich sage, Prāṇa und Apāna die vornehmsten Wirkkräfte.
Der Prāṇa wohnt im Herzen, der Apāna im After, der Samāna im Bereich des Nabels, der Udāna hat seinen Sitz im Bereich der Kehle, und der Vyāna durchdringt den gesamten Körper.
nāgādivāyavaḥ pañca te kurvanti ca vigrahe / udgāronmīlanaṃ kṣuttṛḍjṛmbhā hikkā ca pañcamaḥ //
Die fünf mit Nāga beginnenden Nebenwinde bewirken im Körper Folgendes: Aufstoßen, das Öffnen der Augen, Hunger und Durst, Gähnen und, als fünftes, den Schluckauf.
anena vidhinā yo vai brahmāṇḍaṃ vetti vigraham / sarvapāpavinirmuktaḥ sa yāti paramāṃ gatim //
Wer auf diese Weise den Körper als Mikrokosmos (brahmāṇḍa, wörtlich das „Ei Brahmans“) erkennt, der wird, von aller Sünde befreit, zum höchsten Ziel gelangen.
Wissen (vidyā), das aus dem Mund eines Guru (des geistigen Lehrers) entspringt, wird kraftvoll; andernfalls bleibt es fruchtlos, kraftlos und bringt großes Leid.
Durch die Gnade (prasāda) des Guru erlangt man alles, was einem selbst zum Heil gereicht; darum soll der Guru stets verehrt werden – sonst wird nichts Heilvolles geschehen.
Nachdem er den Guru dreimal umwandelt und mit der rechten Hand berührt hat, soll er dessen Lotosfüße mit der achtgliedrigen Verneigung (aṣṭāṅga-praṇāma) grüßen.
Für selbstbeherrschte Männer stellt sich der Erfolg (siddhi) durch Vertrauen (śraddhā) mit Gewissheit ein; für andere gibt es keinen Erfolg. Darum soll man sich mit Eifer und Vertrauen bemühen.
na bhaved saṅgayuktānāṃ tathāviśvāsinām api / gurupūjāvihīnānāṃ tathā ca bahusaṅginām //
Erfolg wird nicht denen zuteil, die an weltlicher Gesellschaft hängen, ebenso wenig den Ungläubigen, denen, die die Verehrung des Guru vernachlässigen, und denen, die vielerlei Umgang pflegen,
mithyāvādaratānāṃ ca tathā niṣṭhurabhāṣiṇām / gurusantoṣahīnānāṃ na siddhiḥ syāt kadācana //
auch nicht denen, die der Falschrede ergeben sind, den schroff Redenden und denen, die den Guru nicht zufriedenstellen – ihnen wird niemals Erfolg zuteil.
Die Zuversicht, dass die Übung Früchte tragen werde, ist das erste Merkmal des Erfolgs; das zweite ist, mit Vertrauen (śraddhā) ausgestattet zu sein; das dritte ist die Verehrung des Guru;
das vierte ist der Zustand der Gleichmut (samatā); das fünfte ist die Beherrschung der Sinne (indriya); das sechste ist maßvolle Ernährung; ein siebtes gibt es nicht.
Nachdem er Unterweisung im Yoga empfangen und einen des Yoga kundigen Guru gefunden hat, soll er nach der vom Guru gelehrten Methode mit entschlossenem Geist üben.
In einer schön gelegenen Klause (maṭha) soll der Yogi, im Padmāsana (dem Lotossitz) versunken, sich auf seinem Sitz niederlassen und die Übung des Atems (pavana, wörtlich „Wind“) vollziehen.
samakāyaḥ prāñjaliśca praṇamya ca gurūn sudhīḥ / dakṣe vāme ca vighneśaṃ kṣetrapālāmbikāṃ punaḥ //
Mit aufrechtem Körper und zum añjali gefalteten Händen verneige sich der Kluge zunächst vor den Gurus, dann zur Rechten vor Vighneśa (Gaṇeśa) und zur Linken vor Kṣetrapāla und Ambikā,
und verschließe dann mit dem rechten Daumen die Piṅgalā (den rechten Energiekanal); durch die Iḍā (den linken Energiekanal) fülle er sich mit Atemluft und halte sie, seiner Kraft entsprechend, zurück (kumbhaka, wörtlich das Bilden eines „Atem-Kruges“).
tatastyaktvā piṅgalayāśanaireva na vegataḥ / punaḥ piṅgalayāpūrya yathāśaktyā tu kumbhayet //
Dann lasse er den Atem durch die Piṅgalā langsam, nicht mit Gewalt, entweichen; danach fülle er sich abermals durch die Piṅgalā und halte den Atem, seiner Kraft entsprechend, zurück.
Durch die Iḍā lasse er den Atem ausströmen, nicht mit Gewalt, sondern ganz langsam. Nach dieser Yoga-Vorschrift führe er zwanzig Kumbhakas (Atemanhaltungen) aus.
itthaṃ māsadvayaṃ kuryād anālasyo dine dine / tato nāḍīviśuddhiḥ syād avilambena niścitam //
So übe er zwei Monate lang, Tag für Tag, ohne Trägheit; dann wird sich die Reinigung der Nāḍīs (der feinstofflichen Energiekanäle) gewiss ohne Verzug einstellen.
Wenn aber die Reinigung der Nāḍīs bei dem die Wahrheit (tattva) schauenden Yogi eintritt, dann sind seine Fehler (doṣa) zerstört, und es entsteht die Ārambhāvasthā, die „Anfangsstufe“ der Atemübung.
[Diese Zeichen sind:] ein wohlgeformter Körper, Wohlgeruch, strahlender Teint und ein wohlklingendes, beherrschtes Sprachvermögen. [Anmerkung: Dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile (Halbvers) – eine im überlieferten Text an mehreren Stellen dieses Kapitels auftretende Unregelmäßigkeit.]
— [diese Zeichen gehören] zur Ārambha- und ebenso zur Ghaṭa[-avasthā], dann zur Paricaya- und zur Niṣpatti[-avasthā]: Dies sind, bei jeder Art von Yoga, die vier Stufen (avasthā) des Yoga.
Die Ārambhāvasthā wurde soeben von uns zur Erlangung der Herrschaft über den Atem (vāyu-siddhi) dargelegt; die nächste Stufe wird danach dargelegt werden, die die gesamte Flut des Leids vernichtet.
Starkes Verdauungsfeuer, wohltuender Genuss der Speisen, Wohlbefinden, Schönheit in allen Gliedern, ein erfülltes Herz, ausgestattet mit allem Eifer und aller Kraft – all dies stellt sich gewiss im Leib des Yogi ein.
Nun will ich verkünden, was zu meiden ist – das größte Hindernis für den Yoga –, wodurch die Yogis, nachdem sie den Ozean des leidvollen Weltenkreislaufs (saṃsāra) überquert haben, zum Ziel gelangen werden.
Saures, Trockenes und Scharfes, Salziges, Senf und Bitteres; ausgedehntes Umherwandern, das Baden vor Sonnenaufgang und in Öl gebratene, brennend-reizende Speisen —
— Diebstahl, Gewalt (hiṃsā), Hass gegen andere Menschen, Ich-Sucht (ahaṅkāra) und Unaufrichtigkeit; übertriebenes Fasten, Unwahrheit, Verblendung und das Quälen von Lebewesen —
— den Umgang mit Frauen [im Sinn geschlechtlicher Ausschweifung], den Umgang mit Feuer, vieles Reden, ob angenehm oder unangenehm, sowie übermäßiges Essen – all dies soll der Yogi gewiss aufgeben.
Und ich will das Mittel verkünden, durch das die Vollendung des Yoga rasch erlangt wird – es soll von den Übenden (sādhaka) geheim gehalten werden, denn dadurch stellt sich der Erfolg ein.
Ghee (Butterschmalz), Milch und süße Speise, Betel ohne Kalk, Kampfer, feste Süßigkeiten sowie [das Wohnen in] einer schönen Klause mit kleiner Türöffnung.
Beständiges Hören der wahren Lehre (siddhānta), das Leben im eigenen Haus in Gelassenheit/Entsagung (vairāgya), das Rezitieren des Namens Viṣṇus und das Lauschen auf den erhabenen inneren Klang (nāda) —
— Standhaftigkeit, Nachsicht, Askese (tapas), Reinheit (śauca), Scham, rechte Einsicht und Dienst am Guru: Diese Regeln (niyama) soll der Yogi stets vor allem anderen ausüben.
Wenn der Atem in die „Sonne“ eintritt – das heißt durch die rechte Nāḍī, die Piṅgalā, strömt –, sollen die Yogis stets essen; wenn der Atem in den „Mond“ eintritt – durch die linke Nāḍī, die Iḍā, strömt –, sollen die besten Übenden schlafen.
Unmittelbar nach dem Essen oder bei Hunger üben die Weisen die Atemregulierung nicht; zu Beginn der Übungszeit nehme man zunächst eine Mahlzeit aus Milch und Ghee.
Ist die Übung aber erst gefestigt, so ist ein derart strenges Festhalten an diesen Regeln nicht mehr nötig; der Übende soll dann wenig, aber mehrmals am Tag essen.
Zu den zuvor genannten Zeiten führe er täglich die Kumbhakas aus; dann wird die Fähigkeit des Yogi, den Atem zurückzuhalten (dhāraṇa), so groß werden, wie er es wünscht.
Durch beliebiges Zurückhalten des Atems gelingt der Kumbhaka mit Sicherheit; ist erst der Kevala-Kumbhaka (die willkürlich beliebig lange Atemanhaltung ohne Ein- und Ausatmung) vollendet, was gäbe es dann noch, das dem Yogi hier nicht möglich wäre?
Bei der ersten Anstrengungsstufe stellt sich am Körper des Yogi Schweiß ein. [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]
Stellt sich Schweiß ein, so soll der Kluge ihn in den Körper einreiben lassen; andernfalls geht der Dhātu (die körperliche Substanz, das Gewebe) im Leib des Yogi verloren.
In der zweiten Stufe stellt sich Zittern ein; das „Froschhüpfen“ (dārdurī) gilt für die mittlere Stufe; durch noch weitergehende Übung schließlich wird der Übende zum Himmelswandler (gaganecara), der sich durch die Luft bewegt.
Der Yogi verharrt, obgleich er im Padmāsana sitzt, ohne den Boden zu berühren; dies ist als Vāyu-Siddhi zu erkennen, die Vollendung der Herrschaft über den Atem, die die Finsternis des Weltenkreislaufs (saṃsāra) vernichtet.
Freiheit von Krankheit und von Elend werden dem die Wahrheit (tattva) schauenden Yogi zuteil; Schweiß, Speichel und Würmer entstehen bei ihm überhaupt nicht mehr.
Wenn im Leib des Übenden kein Übermaß an Schleim (kapha), Galle (pitta) und Wind (anila) mehr besteht, dann braucht der Übende zu jener Zeit keine strengen Ernährungsregeln mehr einzuhalten.
atyalpaṃ bahudhā bhuktvā yogī na vyathate hi saḥ / athābhyāsavaśād yogī bhūcarīṃ siddhim āpnuyāt //
Ob er nun sehr wenig oder auf mancherlei Weise viel isst, den Yogi beeinträchtigt dies nicht; durch die Kraft der Übung erlangt der Yogi sodann die Siddhi (die übernatürliche Fähigkeit) namens Bhūcarī, das blitzschnelle Sich-Bewegen auf der Erde.
Es gibt hier viele Hindernisse, furchtbar und schwer zu überwinden; dennoch soll der Yogi beharrlich üben, selbst wenn ihm die Lebensatem bereits bis zur Kehle steigen – das heißt selbst im Angesicht des Todes.
tato rahasyupāviṣṭaḥ sādhakaḥ saṃyatendriyaḥ / praṇavaṃ prajapeddīrghaṃ vighnānāṃ nāśahetave //
Dann setze sich der Übende an einen abgeschiedenen Ort, mit gebändigten Sinnen, und murmle langgezogen das Praṇava (die heilige Silbe OM), um die Hindernisse zu vernichten.
Der weise Übende soll durch Prāṇāyāma (die Regulierung des Atems) gewiss sowohl die früher, in vergangenen Leben, angesammelten als auch die in diesem Leben entstandenen Karmen (Wirkkräfte vergangener Taten) vernichten.
pūrvārjitāni pāpāni puṇyāni vividhāni ca / nāśayetṣoḍaśaprāṇāyāmena yogi puṅgavaḥ //
Der Stier unter den Yogis – das heißt der vorzüglichste Yogi – soll die früher angehäuften Sünden sowie die mannigfachen Verdienste (puṇya) durch sechzehn Prāṇāyāmas vernichten.
[Diese Übung] verbrenne die Anhäufungen der Sünde wie mit dem Feuer der Weltvernichtung (pralayāgni); danach, von Sünde befreit, vernichte er hernach auch die Verdienste (puṇya). [Anmerkung: Der Sanskrit-Wortlaut dieses Verses ist an einer Stelle (āho) im vorliegenden Quelltext unsicher bzw. vermutlich fehlerhaft überliefert; die Bedeutung wird hier sinngemäß, in Anlehnung an die traditionelle englische Übersetzung von Vasu, wiedergegeben.]
prāṇāyāmena yogīndro labdhvaiśvaryāṣṭakāni vai / pāpapuṇyodadhiṃ tīrtvā trailokyacaratām iyāt //
Der Fürst unter den Yogis erlangt durch Prāṇāyāma die acht übernatürlichen Herrschaftskräfte (aiśvarya); nachdem er den Ozean von Sünde und Verdienst überquert hat, gewinnt er die Fähigkeit, sich frei durch die drei Welten zu bewegen.
Sodann entwickelt sich im Verlauf der Übung die Fähigkeit, den Atem drei Ghaṭikās lang (etwa anderthalb Stunden) anzuhalten; dadurch erlangt der Yogi mit Gewissheit die vollständige, von ihm erwünschte Vollkommenheit (siddhi).
vāksiddhiḥ kāmacāritvaṃ dūradṛṣṭis tathaiva ca / dūraśrutiḥ sūkṣmadṛṣṭiḥ parakāyapraveśanam //
Die Kraft des untrüglichen Wortes (vāk-siddhi), die Fähigkeit, sich nach Belieben zu bewegen (kāmacāritva), Fernsicht (dūradṛṣṭi), ebenso Fernhören (dūraśruti), feinstoffliches Sehen (sūkṣmadṛṣṭi), das Eindringen in einen fremden Körper (parakāyapraveśana),
die Verwandlung unedlen Metalls in Gold durch Bestreichen mit Kot und Urin sowie ebenso das Unsichtbarmachen – all diese Kräfte werden den Yogis zuteil, ebenso wie die Khecaratva, der Zustand des freien Schwebens im Himmelsraum.
Ist erst durch das Üben des Atems die höchste Ghaṭāvasthā, die „Gefäß-Stufe“, erreicht, so gibt es in diesem Rad des Weltenkreislaufs (saṃsāra) nichts mehr, was er nicht vollbringen könnte.
Weil sich Prāṇa und Apāna, Nāda (der innere Klang) und Bindu (der Energietropfen), das individuelle Selbst (jīvātman) und das höchste Selbst (paramātman) hier vereinigen und zusammenfinden, wird diese Stufe eben Ghaṭa, „das Gefäß“, genannt.
Sobald er den Atem einen ganzen Yāma lang (eine „Wache“, etwa drei Stunden) anzuhalten vermag – ein wahrhaft erstaunliches Können –, dann stellt sich mit Sicherheit ununterbrochen der Pratyāhāra ein, das Zurückziehen der Sinne von den Sinnesobjekten.
Was auch immer der Fürst der Yogis erkennt, das betrachte er stets als das Selbst (ātman); auf welche Weise er auch mit welchen Sinnesorganen wahrnimmt, dadurch wird die Beherrschung ebenjener Sinne bewirkt.
Bleibt der Atem des Yogi acht Daṇḍas lang (eine Zeiteinheit von rund 24 Minuten, zusammen etwa drei Stunden) regungslos, so vermag der Kluge kraft eigener Fähigkeit auf seinem Daumen zu balancieren – wiewohl er dabei anderen wie ein Wahnsinniger erscheint.
Dann entsteht durch Übung für den Yogi die Paricayāvasthā, die „Stufe der Vertrautheit“: Wenn der Atem, Mond und Sonne – das heißt Iḍā und Piṅgalā – verlassend, regungslos verharrt, dann ist der Atem „vertraut geworden“ (paricita) – er wandert nun im leeren Raum (vyoman) der Suṣumṇā, des mittleren Energiekanals.
— nachdem er sich der Kriyā-Śakti, der Kraft des yogischen Wirkens, bemächtigt und die Cakras, die feinstofflichen Energiezentren, mit Gewissheit durchbrochen hat — [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile und führt den Gedanken des folgenden Verses fort.]
— sobald die Paricayāvasthā durch die Übung des Yoga eintritt, erkennt der Yogi dann mit Gewissheit die drei Gipfel (trikūṭa) seiner Karmen, das heißt die dreifache Art des Karmans: das noch nicht begonnene, das gerade wirkende und das angehäufte.
Und dann vernichte er die Anhäufungen (kūṭa) des Karmans mittels des Praṇava (OM); dieser Yogi vollziehe den Kāyavyūha, die „Vervielfältigung des Körpers“, um all sein übriges Karman noch in diesem einen Leben zu erfahren und auszugleichen, ohne dafür wiedergeboren werden zu müssen.
Fünf Ghaṭikās verweile die Konzentration auf dem Ādhāra (dem Mūlādhāra-Zentrum), ebenso auf der Liṅga-Stelle (dem Svādhiṣṭhāna-Zentrum); darüber fünf Ghaṭikās im mittleren Bereich von Nabel und Herz,
und ebenso halte der Kluge oberhalb des Punktes zwischen den Augenbrauen die Konzentration fünf Ghaṭikās lang; auf diese Weise geht der Fürst der Yogis gewiss nicht zugrunde, selbst wenn die Welt Bhūr und die anderen Welten vergehen. [Anmerkung: Die genaue Bedeutung von „bhūrādinā“ an dieser Stelle ist im überlieferten Sanskrit-Text nicht ganz eindeutig.]
Für den weisen Menschen, der solcherart die Konzentration (dhāraṇā) auf alle Elemente übt, gibt es keinen Tod – selbst wenn hundert Brahmās sterben, das heißt über hundert Weltzeitalter hinweg.
Sodann tritt im Verlauf der Übung für den Yogi die Niṣpatti (die Vollendung) ein, durch die er, nachdem er die anfangslosen Samen des Karmans überwunden hat, den Amṛta trinkt, den Unsterblichkeitstrank.
Wenn die Niṣpatti des Samādhi, der Vollendung der meditativen Versenkung, sich durch sein eigenes Wirken einstellt, so gehört sie dem Yogi, der jīvanmukta – schon zu Lebzeiten erlöst –, friedvoll und standhaft (dhīra) ist.
— wenn das von Vollendung erfüllte Samādhi nach eigenem Willen eintritt — [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]
gṛhītvā cetanāṃ vāyuḥ kriyāśaktiṃ ca vegavān / sarvān cakrān vijitya ca jñānaśaktau vilīyate //
— dann ergreift der geschwinde Atem (vāyu) das Bewusstsein (cetanā) und die Kriyā-Śakti, durchdringt alle Cakras und löst sich schließlich in der Jñāna-Śakti auf, der Kraft der befreienden Erkenntnis.
Nun soll, um die Leiden (kleśa) zu beseitigen, die Atemübung (vāyu-sādhana) dargelegt werden, durch die in diesem Rad des Weltenkreislaufs die Beseitigung von Krankheit gewiss eintritt.
kākacañcvā pibed vāyuṃ śītalaṃ yo vicakṣaṇaḥ / prāṇāpānavidhānajñaḥ sa bhaven muktibhājanaḥ //
Wer klug durch den „Krähenschnabel“ – den zu einem spitzen Schnabel geformten Mund – die kühle Luft trinkt und die Wirkweise von Prāṇa und Apāna kennt, der wird zum Gefäß der Erlösung (mukti).
Trinkt der Kluge Tag für Tag nach der rechten Methode die kraftvolle Luft, so schwinden bei diesem Yogi Erschöpfung, fiebrige Hitze, Alter und Krankheit.
Wer die Zunge nach oben wendet und so den Saft am „Mond“ trinkt – der Ausscheidung im Bereich zwischen bzw. hinter den Augenbrauen –, der Fürst der Yogis besiegt binnen eines einzigen Monats mit Gewissheit den Tod.
Presst er nach der Methode fest die Höhlung der „Königszähne“ – den Bereich des Zäpfchens am weichen Gaumen – und trinkt dabei, während er über die Göttin Kuṇḍalinī meditiert (die aufsteigende Schlangenkraft, die schlafend an der Basis der Wirbelsäule ruht), so wird er binnen sechs Monaten zum Seher-Dichter (kavi).
Zu beiden Dämmerungen – Morgen- und Abenddämmerung – trinke er durch den Krähenschnabel die Luft, indem er sich vorstellt, sie ströme in den Mund der Kuṇḍalinī – zur Heilung der Auszehrung (kṣaya-roga, einer schwindsuchtartigen Krankheit).
Tag und Nacht trinke der kluge Yogi durch den Krähenschnabel; indem er so den Lebensatem trinkt, werden seine Krankheiten vernichtet; Fernhören und Fernsehen (dūraśruti, dūradṛṣṭi) stellen sich ein, und wahrhaftig auch innere Schau.
[Anmerkung: Dieser als eigenständiger Vers gezählte Halbvers wiederholt wortgleich die letzte Zeile von Vers 3.89 – vermutlich ein Fehler in der Verszählung oder eine Dopplung in der handschriftlichen Überlieferung des Sanskrit-Textes. Der Sinn ist derselbe: Fernhören und Fernsehen stellen sich ein, und wahrhaftig auch innere Schau.]
Darum vollbringe der Übende des Yoga dies mit äußerster Anstrengung. [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]
Wird die Übung drei Jahre lang ausgeführt, so wird er mit Gewissheit zu einem Bhairava (einer furchtgebietenden Erscheinungsform Śivas), indem er die acht übernatürlichen Kräfte, angefangen mit der Aṇimā (der Fähigkeit, sich beliebig klein zu machen), erlangt und selbst die Scharen der elementaren Wesen bezwingt. [Anmerkung: Vasus englische Übersetzung von 1914 spricht an dieser Stelle von „einem Jahr“; der vorliegende Sanskrit-Text sagt jedoch eindeutig varṣatraya, „drei Jahre“ – dieser Wortlaut wird hier zugrunde gelegt.]
Hält er, die Zunge nach oben gewandt, auch nur einen halben Augenblick (kṣaṇārdha) so aus, so wird der Yogi im selben Augenblick von Krankheit, Tod, Alter und dergleichen befreit.
evam abhyāsayogena kāmadevo dvitīyakaḥ / na kṣudhā na tṛṣā nidrā naiva mūrcchā prajāyate //
So wird er durch die Übung des Yoga zu einem zweiten Kāmadeva, dem Liebesgott – das heißt von unvergleichlicher Schönheit; weder Hunger noch Durst, weder Schlaf noch Ohnmacht stellen sich bei ihm mehr ein.
anena vidhānena yogīndro'vanimaṇḍale / bhaved svacchandacārī ca sarvāpatparivarjitaḥ //
Durch diese Methode wird der Fürst der Yogis auf dem Erdenrund zu einem, der sich frei nach eigenem Belieben bewegt (svacchandacārin), und bleibt von allem Unheil verschont.
na tasya punarāvṛttir modate sasurairapi / puṇyapāpair na lipyeta etadācaraṇena saḥ //
Für ihn gibt es keine Wiederkehr in die Wiedergeburt mehr; er erfreut sich sogar in der Gemeinschaft der Götter; durch diese Übung wird er von Verdienst und Sünde nicht mehr befleckt.
caturaśītyāsanāni santi nānāvidhāni ca / tebhyaścatuṣkam ādāya mayoktāni bravīmyaham / siddhāsanaṃ tataḥ padmāsanañcograṃ ca svastikam //
Es gibt vierundachtzig Āsanas (Sitzhaltungen) mancherlei Art; aus ihnen greife ich vier heraus und nenne sie, wie ich – Śiva – sie gelehrt habe: das Siddhāsana, sodann das Padmāsana, das Ugrāsana und das Svastikāsana.
Der Übende drücke sorgfältig mit der Ferse den Damm (yoni, den Bereich zwischen After und Geschlechtsorgan) und lege stets die andere Ferse oberhalb des Liṅga (der Geschlechtsorgane) an – so der im Yoga Erfahrene.
Er blicke aufwärts zum Punkt zwischen den Augenbrauen, unbeweglich, mit gebändigten Sinnen; kennzeichnend ist zudem ein ungebeugter Körper – dies alles an einem abgeschiedenen Ort, frei von Aufregung.
Dies ist als Siddhāsana zu erkennen, das den Vollendeten (siddha) die Vollendung (siddhi) verleiht; durch die Kraft der Übung darin erlangt man rasch die Vollendung (niṣpatti) des Yoga.
Das Siddhāsana soll vor allem von dem, der die Atemübung praktiziert, stets gepflegt werden; dadurch erlangt er, den Weltenkreislauf (saṃsāra) hinter sich lassend, das höchste Ziel.
Es gibt auf Erden keine geheimere Sitzhaltung als diese; durch bloße Versenkung in sie allein wird der Yogi von aller Sünde befreit.
[Kolophon:] Iti śrīśivasaṃhitāyāṃ haragaurīsaṃvāde yogaśāstre yogābhyāsatattvakathanaṃ nāma tṛtīyapaṭalaḥ samāptaḥ. – So endet in der ehrwürdigen Śiva-Saṃhitā, im Zwiegespräch zwischen Hara (Śiva) und Gaurī, im Lehrwerk des Yoga, das dritte Kapitel (paṭala) mit dem Titel „Die Darlegung der Grundlagen der Yoga-Praxis“ (yogābhyāsatattvakathana).