Quellen der Menschheit

Śivasaṃhitā

Kapitel 3: योगाभ्यासतत्त्वकथनम् (yogābhyāsatattvakathanam) Die Praxis des Yoga: Guru, Lebensatem und Sitzhaltungen

hṛdyasti paṅkajaṃ divyaṃ divyaliṅgena bhūṣitam / kādiṭhāntākṣaropetaṃ dvādaśārṇavibhūṣitam //

Im Herzen befindet sich ein göttlicher Lotus, geschmückt mit einem göttlichen Zeichen (liṅga), versehen mit den Silben von ka bis ṭha – das heißt mit den zwölf Buchstaben ka, kha, ga, gha, ṅa, ca, cha, ja, jha, ña, ṭa, ṭha –, geschmückt mit diesen zwölf Silben.

prāṇo vasati tatraiva vāsanābhir alaṅkṛtaḥ / anādikarmasaṃśliṣṭaḥ prāpyāhaṅkārasaṃyutaḥ //

Eben dort wohnt der Prāṇa (der Lebensatem), geschmückt mit vāsanās (den unterbewussten Prägungen früherer Taten), verknüpft mit anfangslosem Karman (Wirkkraft vergangener Taten), verbunden mit dem Ahaṅkāra (dem Ich-Gefühl).

prāṇasya vṛttibhedena nāmāni vividhāni ca / vartante tāni sarvāṇi kathituṃ naiva śakyate //

Durch die Verschiedenheit seiner Wirkungsweisen (vṛtti) trägt der Prāṇa mancherlei Namen; sie alle lassen sich unmöglich vollständig aufzählen.

prāṇo'pānaḥ samānaścodāno vyānaśca pañcamaḥ / nāgaḥ kūrmaśca kṛkalo devadatto dhanañjayaḥ //

Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna und als fünfter Vyāna; dazu Nāga, Kūrma, Kṛkala, Devadatta und Dhanañjaya.

daśa nāmāni mukhyāni mayoktānīha śāstrake / kurvanti te'tra kāryāṇi preritāni svakarmabhiḥ //

Dies sind die zehn wichtigsten Namen, die ich hier in diesem Lehrwerk (śāstra) genannt habe; sie verrichten hier ihre Aufgaben, angetrieben von den eigenen früheren Taten (karman).

atrāpi vāyavaḥ pañca mukhyāḥ syur daśataḥ punaḥ / tatrāpi śreṣṭhakartārau prāṇāpānau mayoditau //

Auch von diesen zehn sind die fünf Hauptwinde (vāyu) die wichtigsten; und unter diesen wiederum sind, wie ich sage, Prāṇa und Apāna die vornehmsten Wirkkräfte.

hṛdi prāṇo gude'pānaḥ samāno nābhimaṇḍale / udānaḥ kaṇṭhadeśastho vyānaḥ sarvaśarīragaḥ //

Der Prāṇa wohnt im Herzen, der Apāna im After, der Samāna im Bereich des Nabels, der Udāna hat seinen Sitz im Bereich der Kehle, und der Vyāna durchdringt den gesamten Körper.

nāgādivāyavaḥ pañca te kurvanti ca vigrahe / udgāronmīlanaṃ kṣuttṛḍjṛmbhā hikkā ca pañcamaḥ //

Die fünf mit Nāga beginnenden Nebenwinde bewirken im Körper Folgendes: Aufstoßen, das Öffnen der Augen, Hunger und Durst, Gähnen und, als fünftes, den Schluckauf.

anena vidhinā yo vai brahmāṇḍaṃ vetti vigraham / sarvapāpavinirmuktaḥ sa yāti paramāṃ gatim //

Wer auf diese Weise den Körper als Mikrokosmos (brahmāṇḍa, wörtlich das „Ei Brahmans“) erkennt, der wird, von aller Sünde befreit, zum höchsten Ziel gelangen.

adhunā kathayiṣyāmi kṣipraṃ yogasya siddhaye / yajjñātvā nāvasīdanti yogino yogasādhane //

Jetzt will ich verkünden, wodurch die Vollendung des Yoga rasch erreicht wird – wer dies kennt, dessen Yogis versagen nicht in der Yoga-Praxis.

bhaved vīryavatī vidyā guruvaktrasamudbhavā / anyathā phalahīnā syān nirvīryāpy atiduḥkhadā //

Wissen (vidyā), das aus dem Mund eines Guru (des geistigen Lehrers) entspringt, wird kraftvoll; andernfalls bleibt es fruchtlos, kraftlos und bringt großes Leid.

guruṃ santoṣya yatnena ye vai vidyām upāsate / avalambena vidyāyās tasyāḥ phalam avāpnuyāt //

Wer den Guru mit Mühe zufriedenstellt und sich dem Wissen widmet, der erlangt, gestützt auf dieses Wissen, dessen Frucht.

guruḥ pitā gurur mātā gurur devo na saṃśayaḥ / karmaṇā manasā vācā tasmāt sarvaiḥ prasevyate //

Der Guru ist Vater, der Guru ist Mutter, der Guru ist – ohne Zweifel – Gott; darum soll er von allen mit Tat, Gedanke und Wort verehrt werden.

guruprasādataḥ sarvaṃ labhyate śubham ātmanaḥ / tasmāt sevyo gurur nityam anyathā na śubhaṃ bhavet //

Durch die Gnade (prasāda) des Guru erlangt man alles, was einem selbst zum Heil gereicht; darum soll der Guru stets verehrt werden – sonst wird nichts Heilvolles geschehen.

pradakṣiṇātrayaṃ kṛtvā spṛṣṭvā savyena pāṇinā / aṣṭāṅgena namaskuryād gurupādasaroruham //

Nachdem er den Guru dreimal umwandelt und mit der rechten Hand berührt hat, soll er dessen Lotosfüße mit der achtgliedrigen Verneigung (aṣṭāṅga-praṇāma) grüßen.

śraddhayātmavatāṃ puṃsāṃ siddhir bhavati niścitā / anyeṣāñca na siddhiḥ syāt tasmād yatnena sādhayet //

Für selbstbeherrschte Männer stellt sich der Erfolg (siddhi) durch Vertrauen (śraddhā) mit Gewissheit ein; für andere gibt es keinen Erfolg. Darum soll man sich mit Eifer und Vertrauen bemühen.

na bhaved saṅgayuktānāṃ tathāviśvāsinām api / gurupūjāvihīnānāṃ tathā ca bahusaṅginām //

Erfolg wird nicht denen zuteil, die an weltlicher Gesellschaft hängen, ebenso wenig den Ungläubigen, denen, die die Verehrung des Guru vernachlässigen, und denen, die vielerlei Umgang pflegen,

mithyāvādaratānāṃ ca tathā niṣṭhurabhāṣiṇām / gurusantoṣahīnānāṃ na siddhiḥ syāt kadācana //

auch nicht denen, die der Falschrede ergeben sind, den schroff Redenden und denen, die den Guru nicht zufriedenstellen – ihnen wird niemals Erfolg zuteil.

phaliṣyatīti viśvāsaḥ siddheḥ prathamalakṣaṇam / dvitīyaṃ śraddhayā yuktaṃ tṛtīyaṃ gurupūjanam //

Die Zuversicht, dass die Übung Früchte tragen werde, ist das erste Merkmal des Erfolgs; das zweite ist, mit Vertrauen (śraddhā) ausgestattet zu sein; das dritte ist die Verehrung des Guru;

caturthaṃ samatābhāvaṃ pañcamendriyanigraham / ṣaṣṭhaṃ ca pramitāhāraṃ saptamaṃ naiva vidyate //

das vierte ist der Zustand der Gleichmut (samatā); das fünfte ist die Beherrschung der Sinne (indriya); das sechste ist maßvolle Ernährung; ein siebtes gibt es nicht.

yogopadeśaṃ samprāpya labdhvā yogavidaṃ gurum / gurūpadiṣṭavidhinā dhiyā niścitya sādhayet //

Nachdem er Unterweisung im Yoga empfangen und einen des Yoga kundigen Guru gefunden hat, soll er nach der vom Guru gelehrten Methode mit entschlossenem Geist üben.

suśobhane maṭhe yogī padmāsanasamanvitaḥ / āsanopari saṃviśya pavanābhyāsam ācaret //

In einer schön gelegenen Klause (maṭha) soll der Yogi, im Padmāsana (dem Lotossitz) versunken, sich auf seinem Sitz niederlassen und die Übung des Atems (pavana, wörtlich „Wind“) vollziehen.

samakāyaḥ prāñjaliśca praṇamya ca gurūn sudhīḥ / dakṣe vāme ca vighneśaṃ kṣetrapālāmbikāṃ punaḥ //

Mit aufrechtem Körper und zum añjali gefalteten Händen verneige sich der Kluge zunächst vor den Gurus, dann zur Rechten vor Vighneśa (Gaṇeśa) und zur Linken vor Kṣetrapāla und Ambikā,

tataśca dakṣāṅguṣṭhena niruddhya piṅgalāṃ sudhīḥ / iḍayā pūrayed vāyuṃ yathāśaktyā tu kumbhayet //

und verschließe dann mit dem rechten Daumen die Piṅgalā (den rechten Energiekanal); durch die Iḍā (den linken Energiekanal) fülle er sich mit Atemluft und halte sie, seiner Kraft entsprechend, zurück (kumbhaka, wörtlich das Bilden eines „Atem-Kruges“).

tatastyaktvā piṅgalayāśanaireva na vegataḥ / punaḥ piṅgalayāpūrya yathāśaktyā tu kumbhayet //

Dann lasse er den Atem durch die Piṅgalā langsam, nicht mit Gewalt, entweichen; danach fülle er sich abermals durch die Piṅgalā und halte den Atem, seiner Kraft entsprechend, zurück.

iḍayā recayed vāyuṃ na vegena śanaiḥ śanaiḥ / idaṃ yogavidhānena kuryād viṃśatikumbhakān //

Durch die Iḍā lasse er den Atem ausströmen, nicht mit Gewalt, sondern ganz langsam. Nach dieser Yoga-Vorschrift führe er zwanzig Kumbhakas (Atemanhaltungen) aus.

prātaḥkāle ca madhyāhne sūryāste cārddharātrake / kuryād evaṃ caturvāraṃ kāleṣveteṣu kumbhakān //

Am Morgen, am Mittag, bei Sonnenuntergang und um Mitternacht – zu diesen vier Zeiten soll er die Kumbhakas so viermal täglich ausführen.

itthaṃ māsadvayaṃ kuryād anālasyo dine dine / tato nāḍīviśuddhiḥ syād avilambena niścitam //

So übe er zwei Monate lang, Tag für Tag, ohne Trägheit; dann wird sich die Reinigung der Nāḍīs (der feinstofflichen Energiekanäle) gewiss ohne Verzug einstellen.

yadā tu nāḍīśuddhiḥ syād yoginas tattvadarśinaḥ / tadā vidhvastadoṣaśca bhaved ārambhasambhavaḥ //

Wenn aber die Reinigung der Nāḍīs bei dem die Wahrheit (tattva) schauenden Yogi eintritt, dann sind seine Fehler (doṣa) zerstört, und es entsteht die Ārambhāvasthā, die „Anfangsstufe“ der Atemübung.

cihnāni yogino dehe dṛśyante nāḍiśuddhitaḥ / kathyante tu samastāny aṅgāni saṅkṣepato mayā //

Am Körper des Yogi zeigen sich infolge der Reinigung der Nāḍīs bestimmte Zeichen; sie alle will ich nun in Kürze beschreiben.

samakāyaḥ sugandhiśca sukāntiḥ svarasādhakaḥ //

[Diese Zeichen sind:] ein wohlgeformter Körper, Wohlgeruch, strahlender Teint und ein wohlklingendes, beherrschtes Sprachvermögen. [Anmerkung: Dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile (Halbvers) – eine im überlieferten Text an mehreren Stellen dieses Kapitels auftretende Unregelmäßigkeit.]

ārambhaghaṭakaścaiva yathā paricayastadā / niṣpattiḥ sarvayogeṣu yogāvasthā bhavanti tāḥ //

— [diese Zeichen gehören] zur Ārambha- und ebenso zur Ghaṭa[-avasthā], dann zur Paricaya- und zur Niṣpatti[-avasthā]: Dies sind, bei jeder Art von Yoga, die vier Stufen (avasthā) des Yoga.

ārambhaḥ kathito'smābhir adhunā vāyusiddhaye / aparaḥ kathyate paścāt sarvaduḥkhaughanāśanaḥ //

Die Ārambhāvasthā wurde soeben von uns zur Erlangung der Herrschaft über den Atem (vāyu-siddhi) dargelegt; die nächste Stufe wird danach dargelegt werden, die die gesamte Flut des Leids vernichtet.

prauḍhavahniḥ subhogī ca sukhī sarvāṅgasundaraḥ / sampūrṇahṛdayo yogī sarvotsāhabalānvitaḥ / jāyate yogino'vaśyam etat sarvaṃ kalevare //

Starkes Verdauungsfeuer, wohltuender Genuss der Speisen, Wohlbefinden, Schönheit in allen Gliedern, ein erfülltes Herz, ausgestattet mit allem Eifer und aller Kraft – all dies stellt sich gewiss im Leib des Yogi ein.

atha varjyaṃ pravakṣyāmi yogavighnakaraṃ param / yena saṃsāraduḥkhābdhiṃ tīrtvā yāsyanti yoginaḥ //

Nun will ich verkünden, was zu meiden ist – das größte Hindernis für den Yoga –, wodurch die Yogis, nachdem sie den Ozean des leidvollen Weltenkreislaufs (saṃsāra) überquert haben, zum Ziel gelangen werden.

āmlaṃ rūkṣaṃ tathā tīkṣṇaṃ lavaṇaṃ sārṣapaṃ kaṭum / bahulaṃ bhramaṇaṃ prātaḥ snānaṃ tailavidāhakam //

Saures, Trockenes und Scharfes, Salziges, Senf und Bitteres; ausgedehntes Umherwandern, das Baden vor Sonnenaufgang und in Öl gebratene, brennend-reizende Speisen —

steyaṃ hiṃsāṃ janadveṣañcāhaṅkāram anārjavam / upavāsam asatyañca mohañca prāṇipīḍanam //

— Diebstahl, Gewalt (hiṃsā), Hass gegen andere Menschen, Ich-Sucht (ahaṅkāra) und Unaufrichtigkeit; übertriebenes Fasten, Unwahrheit, Verblendung und das Quälen von Lebewesen —

strīsaṅgamagnisevāṃ ca bahvālāpaṃ priyāpriyam / atīva bhojanaṃ yogī tyajed etāni niścitam //

— den Umgang mit Frauen [im Sinn geschlechtlicher Ausschweifung], den Umgang mit Feuer, vieles Reden, ob angenehm oder unangenehm, sowie übermäßiges Essen – all dies soll der Yogi gewiss aufgeben.

upāyaṃ ca pravakṣyāmi kṣipraṃ yogasya siddhaye / gopanīyaṃ sādhakānāṃ yena siddhir bhavet khalu //

Und ich will das Mittel verkünden, durch das die Vollendung des Yoga rasch erlangt wird – es soll von den Übenden (sādhaka) geheim gehalten werden, denn dadurch stellt sich der Erfolg ein.

ghṛtaṃ kṣīraṃ ca miṣṭānnaṃ tāmbūlaṃ cūrṇavarjitam / karpūraṃ niṣṭhuraṃ miṣṭaṃ sumaṭhaṃ sūkṣmarandhrakam //

Ghee (Butterschmalz), Milch und süße Speise, Betel ohne Kalk, Kampfer, feste Süßigkeiten sowie [das Wohnen in] einer schönen Klause mit kleiner Türöffnung.

siddhāntaśravaṇaṃ nityaṃ vairāgyagṛhasevanam / nāmasaṅkīrtanaṃ viṣṇoḥ sunādaśravaṇaṃ param //

Beständiges Hören der wahren Lehre (siddhānta), das Leben im eigenen Haus in Gelassenheit/Entsagung (vairāgya), das Rezitieren des Namens Viṣṇus und das Lauschen auf den erhabenen inneren Klang (nāda) —

dhṛtiḥ kṣamā tapaḥ śaucaṃ hrīr matir gurusevanam / sadaitāni paraṃ yogī niyamāni samācaret //

— Standhaftigkeit, Nachsicht, Askese (tapas), Reinheit (śauca), Scham, rechte Einsicht und Dienst am Guru: Diese Regeln (niyama) soll der Yogi stets vor allem anderen ausüben.

anile'rkapraveśe ca bhoktavyaṃ yogibhiḥ sadā / vāyau praviṣṭe śaśini śayanaṃ sādhakottamaiḥ //

Wenn der Atem in die „Sonne“ eintritt – das heißt durch die rechte Nāḍī, die Piṅgalā, strömt –, sollen die Yogis stets essen; wenn der Atem in den „Mond“ eintritt – durch die linke Nāḍī, die Iḍā, strömt –, sollen die besten Übenden schlafen.

sadyo bhukte'pi kṣudhite nābhyāsaḥ kriyate budhaiḥ / abhyāsakāle prathamaṃ kuryāt kṣīrājyabhojanam //

Unmittelbar nach dem Essen oder bei Hunger üben die Weisen die Atemregulierung nicht; zu Beginn der Übungszeit nehme man zunächst eine Mahlzeit aus Milch und Ghee.

tato'bhyāse sthirībhūte na tādṛṅniyamagrahaḥ / abhyāsinā vibhoktavyaṃ stokaṃ stokam anekadhā //

Ist die Übung aber erst gefestigt, so ist ein derart strenges Festhalten an diesen Regeln nicht mehr nötig; der Übende soll dann wenig, aber mehrmals am Tag essen.

pūrvoktakāle kuryāttu kumbhakān prativāsare / tato yatheṣṭā śaktiḥ syād yogino vāyudhāraṇe //

Zu den zuvor genannten Zeiten führe er täglich die Kumbhakas aus; dann wird die Fähigkeit des Yogi, den Atem zurückzuhalten (dhāraṇa), so groß werden, wie er es wünscht.

yatheṣṭaṃ dhāraṇād vāyoḥ kumbhakaḥ sidhyati dhruvam / kevale kumbhake siddhe kiṃ na syād iha yoginaḥ //

Durch beliebiges Zurückhalten des Atems gelingt der Kumbhaka mit Sicherheit; ist erst der Kevala-Kumbhaka (die willkürlich beliebig lange Atemanhaltung ohne Ein- und Ausatmung) vollendet, was gäbe es dann noch, das dem Yogi hier nicht möglich wäre?

svedaḥ sañjāyate dehe yoginaḥ prathamodyame //

Bei der ersten Anstrengungsstufe stellt sich am Körper des Yogi Schweiß ein. [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]

yadā sañjāyate svedo mardanaṃ kārayet sudhīḥ / anyathā vigrahe dhātur naṣṭo bhavati yoginaḥ //

Stellt sich Schweiß ein, so soll der Kluge ihn in den Körper einreiben lassen; andernfalls geht der Dhātu (die körperliche Substanz, das Gewebe) im Leib des Yogi verloren.

dvitīye hi bhavet kampo dārdurī madhyame mataḥ / tato'dhikatarābhyāsād gaganecarasādhakaḥ //

In der zweiten Stufe stellt sich Zittern ein; das „Froschhüpfen“ (dārdurī) gilt für die mittlere Stufe; durch noch weitergehende Übung schließlich wird der Übende zum Himmelswandler (gaganecara), der sich durch die Luft bewegt.

yogī padmāsanastho'pi bhuvam utsṛjya vartate / vāyusiddhis tadā jñeyā saṃsāradhvāntanāśinī //

Der Yogi verharrt, obgleich er im Padmāsana sitzt, ohne den Boden zu berühren; dies ist als Vāyu-Siddhi zu erkennen, die Vollendung der Herrschaft über den Atem, die die Finsternis des Weltenkreislaufs (saṃsāra) vernichtet.

tāvatkālaṃ prakurvīta yogoktaniyamagraham / alpanidrā purīṣaṃ ca stokaṃ mūtraṃ ca jāyate //

Bis dahin halte er die im Yoga vorgeschriebenen Regeln ein; in der Folge stellen sich wenig Schlaf, wenig Kot und wenig Urin ein.

arogitvam adīnatvaṃ yoginas tattvadarśinaḥ / svedo lālā kṛmiścaiva sarvathaiva na jāyate //

Freiheit von Krankheit und von Elend werden dem die Wahrheit (tattva) schauenden Yogi zuteil; Schweiß, Speichel und Würmer entstehen bei ihm überhaupt nicht mehr.

kaphapittānilāścaiva sādhakasya kalevare / tasmin kāle sādhakasya bhojyeṣv aniyamagrahaḥ //

Wenn im Leib des Übenden kein Übermaß an Schleim (kapha), Galle (pitta) und Wind (anila) mehr besteht, dann braucht der Übende zu jener Zeit keine strengen Ernährungsregeln mehr einzuhalten.

atyalpaṃ bahudhā bhuktvā yogī na vyathate hi saḥ / athābhyāsavaśād yogī bhūcarīṃ siddhim āpnuyāt //

Ob er nun sehr wenig oder auf mancherlei Weise viel isst, den Yogi beeinträchtigt dies nicht; durch die Kraft der Übung erlangt der Yogi sodann die Siddhi (die übernatürliche Fähigkeit) namens Bhūcarī, das blitzschnelle Sich-Bewegen auf der Erde.

santyatra bahavo vighnā dāruṇā durnivāraṇāḥ / tathāpi sādhayed yogī prāṇaiḥ kaṇṭhagatairapi //

Es gibt hier viele Hindernisse, furchtbar und schwer zu überwinden; dennoch soll der Yogi beharrlich üben, selbst wenn ihm die Lebensatem bereits bis zur Kehle steigen – das heißt selbst im Angesicht des Todes.

tato rahasyupāviṣṭaḥ sādhakaḥ saṃyatendriyaḥ / praṇavaṃ prajapeddīrghaṃ vighnānāṃ nāśahetave //

Dann setze sich der Übende an einen abgeschiedenen Ort, mit gebändigten Sinnen, und murmle langgezogen das Praṇava (die heilige Silbe OM), um die Hindernisse zu vernichten.

pūrvārjitāni karmāṇi prāṇāyāmena niścitam / nāśayet sādhako dhīmān ihalokodbhavāni ca //

Der weise Übende soll durch Prāṇāyāma (die Regulierung des Atems) gewiss sowohl die früher, in vergangenen Leben, angesammelten als auch die in diesem Leben entstandenen Karmen (Wirkkräfte vergangener Taten) vernichten.

pūrvārjitāni pāpāni puṇyāni vividhāni ca / nāśayetṣoḍaśaprāṇāyāmena yogi puṅgavaḥ //

Der Stier unter den Yogis – das heißt der vorzüglichste Yogi – soll die früher angehäuften Sünden sowie die mannigfachen Verdienste (puṇya) durch sechzehn Prāṇāyāmas vernichten.

pāpatūlacayān āho pralayet pralayāgninā / tataḥ pāpavinirmuktaḥ paścāt puṇyāni nāśayet //

[Diese Übung] verbrenne die Anhäufungen der Sünde wie mit dem Feuer der Weltvernichtung (pralayāgni); danach, von Sünde befreit, vernichte er hernach auch die Verdienste (puṇya). [Anmerkung: Der Sanskrit-Wortlaut dieses Verses ist an einer Stelle (āho) im vorliegenden Quelltext unsicher bzw. vermutlich fehlerhaft überliefert; die Bedeutung wird hier sinngemäß, in Anlehnung an die traditionelle englische Übersetzung von Vasu, wiedergegeben.]

prāṇāyāmena yogīndro labdhvaiśvaryāṣṭakāni vai / pāpapuṇyodadhiṃ tīrtvā trailokyacaratām iyāt //

Der Fürst unter den Yogis erlangt durch Prāṇāyāma die acht übernatürlichen Herrschaftskräfte (aiśvarya); nachdem er den Ozean von Sünde und Verdienst überquert hat, gewinnt er die Fähigkeit, sich frei durch die drei Welten zu bewegen.

tato'bhyāsakrameṇaiva ghaṭikātritayaṃ bhavet / yena syātsakalāsiddhir yoginaḥ svepsitā dhruvam //

Sodann entwickelt sich im Verlauf der Übung die Fähigkeit, den Atem drei Ghaṭikās lang (etwa anderthalb Stunden) anzuhalten; dadurch erlangt der Yogi mit Gewissheit die vollständige, von ihm erwünschte Vollkommenheit (siddhi).

vāksiddhiḥ kāmacāritvaṃ dūradṛṣṭis tathaiva ca / dūraśrutiḥ sūkṣmadṛṣṭiḥ parakāyapraveśanam //

Die Kraft des untrüglichen Wortes (vāk-siddhi), die Fähigkeit, sich nach Belieben zu bewegen (kāmacāritva), Fernsicht (dūradṛṣṭi), ebenso Fernhören (dūraśruti), feinstoffliches Sehen (sūkṣmadṛṣṭi), das Eindringen in einen fremden Körper (parakāyapraveśana),

viṇmūtralepane svarṇam adṛśyakaraṇaṃ tathā / bhavantyetāni sarvāṇi khecaratvaṃ ca yoginām //

die Verwandlung unedlen Metalls in Gold durch Bestreichen mit Kot und Urin sowie ebenso das Unsichtbarmachen – all diese Kräfte werden den Yogis zuteil, ebenso wie die Khecaratva, der Zustand des freien Schwebens im Himmelsraum.

yadā bhaved ghaṭāvasthā pavanābhyāsane parā / tadā saṃsāracakre'sminnāsti yanna sādhayet //

Ist erst durch das Üben des Atems die höchste Ghaṭāvasthā, die „Gefäß-Stufe“, erreicht, so gibt es in diesem Rad des Weltenkreislaufs (saṃsāra) nichts mehr, was er nicht vollbringen könnte.

prāṇāpānanādabindu jīvātmaparamātmanaḥ / militvā ghaṭate yasmāt tasmād vai ghaṭa ucyate //

Weil sich Prāṇa und Apāna, Nāda (der innere Klang) und Bindu (der Energietropfen), das individuelle Selbst (jīvātman) und das höchste Selbst (paramātman) hier vereinigen und zusammenfinden, wird diese Stufe eben Ghaṭa, „das Gefäß“, genannt.

yāmamātraṃ yadā dhartuṃ samarthaḥ syāt tadādbhutaḥ / pratyāhāras tadaiva syānnāntarā bhavati dhruvam //

Sobald er den Atem einen ganzen Yāma lang (eine „Wache“, etwa drei Stunden) anzuhalten vermag – ein wahrhaft erstaunliches Können –, dann stellt sich mit Sicherheit ununterbrochen der Pratyāhāra ein, das Zurückziehen der Sinne von den Sinnesobjekten.

yaṃ yaṃ jānāti yogīndras taṃ tam ātmeti bhāvayet / yairindriyair yadvidhānas tadindriyajayo bhavet //

Was auch immer der Fürst der Yogis erkennt, das betrachte er stets als das Selbst (ātman); auf welche Weise er auch mit welchen Sinnesorganen wahrnimmt, dadurch wird die Beherrschung ebenjener Sinne bewirkt.

yāmamātraṃ yadā pūrṇaṃ bhaved abhyāsayogataḥ / ekavāraṃ prakurvīta tadā yogī ca kumbhakam //

Ist durch die Übung des Yoga ein voller Yāma (drei Stunden) erreicht, so führe der Yogi den Kumbhaka dann nur noch einmal in dieser Zeitspanne aus.

daṇḍāṣṭakaṃ yadā vāyur niścalo yogino bhavet / svasāmarthyāt tadāṅguṣṭhe tiṣṭhed vātulavat sudhīḥ //

Bleibt der Atem des Yogi acht Daṇḍas lang (eine Zeiteinheit von rund 24 Minuten, zusammen etwa drei Stunden) regungslos, so vermag der Kluge kraft eigener Fähigkeit auf seinem Daumen zu balancieren – wiewohl er dabei anderen wie ein Wahnsinniger erscheint.

tataḥ paricayāvasthā yogino'bhyāsato bhavet / yadā vāyuścandrasūryaṃ tyaktvā tiṣṭhati niścalam / vāyuḥ paricito vāyuḥ suṣumṇā vyomni sañcaret //

Dann entsteht durch Übung für den Yogi die Paricayāvasthā, die „Stufe der Vertrautheit“: Wenn der Atem, Mond und Sonne – das heißt Iḍā und Piṅgalā – verlassend, regungslos verharrt, dann ist der Atem „vertraut geworden“ (paricita) – er wandert nun im leeren Raum (vyoman) der Suṣumṇā, des mittleren Energiekanals.

kriyāśaktiṃ gṛhītvaiva cakrān bhittvā suniścitam //

— nachdem er sich der Kriyā-Śakti, der Kraft des yogischen Wirkens, bemächtigt und die Cakras, die feinstofflichen Energiezentren, mit Gewissheit durchbrochen hat — [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile und führt den Gedanken des folgenden Verses fort.]

yadā paricayāvasthā bhaved abhyāsayogataḥ / trikūṭaṃ karmaṇāṃ yogī tadā paśyati niścitam //

— sobald die Paricayāvasthā durch die Übung des Yoga eintritt, erkennt der Yogi dann mit Gewissheit die drei Gipfel (trikūṭa) seiner Karmen, das heißt die dreifache Art des Karmans: das noch nicht begonnene, das gerade wirkende und das angehäufte.

tataśca karmakūṭāni praṇavena vināśayet / sa yogī karmabhogāya kāyavyūhaṃ samācaret //

Und dann vernichte er die Anhäufungen (kūṭa) des Karmans mittels des Praṇava (OM); dieser Yogi vollziehe den Kāyavyūha, die „Vervielfältigung des Körpers“, um all sein übriges Karman noch in diesem einen Leben zu erfahren und auszugleichen, ohne dafür wiedergeboren werden zu müssen.

ādhāre ghaṭikāḥ pañca liṅgasthāne tathaiva ca / tadūrdhvaṃ ghaṭikāḥ pañca nābhihṛnmadhyake tathā //

Fünf Ghaṭikās verweile die Konzentration auf dem Ādhāra (dem Mūlādhāra-Zentrum), ebenso auf der Liṅga-Stelle (dem Svādhiṣṭhāna-Zentrum); darüber fünf Ghaṭikās im mittleren Bereich von Nabel und Herz,

bhrūmadhyordhvaṃ tathā pañca ghaṭikā dhārayet sudhīḥ / tathā bhūrādinā naṣṭo yogīndro na bhavet khalu //

und ebenso halte der Kluge oberhalb des Punktes zwischen den Augenbrauen die Konzentration fünf Ghaṭikās lang; auf diese Weise geht der Fürst der Yogis gewiss nicht zugrunde, selbst wenn die Welt Bhūr und die anderen Welten vergehen. [Anmerkung: Die genaue Bedeutung von „bhūrādinā“ an dieser Stelle ist im überlieferten Sanskrit-Text nicht ganz eindeutig.]

medhāvī sarvabhūtānāṃ dhāraṇāṃ yaḥ samabhyaset / śatabrahmamṛtenāpi mṛtyustasya na vidyate //

Für den weisen Menschen, der solcherart die Konzentration (dhāraṇā) auf alle Elemente übt, gibt es keinen Tod – selbst wenn hundert Brahmās sterben, das heißt über hundert Weltzeitalter hinweg.

tato'bhyāsakrameṇaiva niṣpattiryogino bhavet / anādikarmabījāni yena tīrtvā'mṛtaṃ pibet //

Sodann tritt im Verlauf der Übung für den Yogi die Niṣpatti (die Vollendung) ein, durch die er, nachdem er die anfangslosen Samen des Karmans überwunden hat, den Amṛta trinkt, den Unsterblichkeitstrank.

yadā niṣpattirbhavati samādheḥ svenakarmaṇā / jīvanmuktasya śāntasya bhaved dhīrasya yoginaḥ //

Wenn die Niṣpatti des Samādhi, der Vollendung der meditativen Versenkung, sich durch sein eigenes Wirken einstellt, so gehört sie dem Yogi, der jīvanmukta – schon zu Lebzeiten erlöst –, friedvoll und standhaft (dhīra) ist.

yadā niṣpattisampannaḥ samādhiḥ svecchayā bhavet //

— wenn das von Vollendung erfüllte Samādhi nach eigenem Willen eintritt — [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]

gṛhītvā cetanāṃ vāyuḥ kriyāśaktiṃ ca vegavān / sarvān cakrān vijitya ca jñānaśaktau vilīyate //

— dann ergreift der geschwinde Atem (vāyu) das Bewusstsein (cetanā) und die Kriyā-Śakti, durchdringt alle Cakras und löst sich schließlich in der Jñāna-Śakti auf, der Kraft der befreienden Erkenntnis.

idānīṃ kleśahānyarthaṃ vaktavyaṃ vāyusādhanam / yena saṃsāracakre'smin rogahānir bhaved dhruvam //

Nun soll, um die Leiden (kleśa) zu beseitigen, die Atemübung (vāyu-sādhana) dargelegt werden, durch die in diesem Rad des Weltenkreislaufs die Beseitigung von Krankheit gewiss eintritt.

rasanāṃ tālumūle yaḥ sthāpayitvā vicakṣaṇaḥ / pibet prāṇānilaṃ tasya rogāṇāṃ saṅkṣayo bhavet //

Wer klug die Zunge an die Wurzel des Gaumens legt und so den Lebensatem (prāṇānila) trinkt, dem widerfährt die Vernichtung der Krankheiten.

kākacañcvā pibed vāyuṃ śītalaṃ yo vicakṣaṇaḥ / prāṇāpānavidhānajñaḥ sa bhaven muktibhājanaḥ //

Wer klug durch den „Krähenschnabel“ – den zu einem spitzen Schnabel geformten Mund – die kühle Luft trinkt und die Wirkweise von Prāṇa und Apāna kennt, der wird zum Gefäß der Erlösung (mukti).

sarasaṃ yaḥ pibed vāyuṃ pratyahaṃ vidhinā sudhīḥ / naśyanti yoginastasya śramadāhajarāmayāḥ //

Trinkt der Kluge Tag für Tag nach der rechten Methode die kraftvolle Luft, so schwinden bei diesem Yogi Erschöpfung, fiebrige Hitze, Alter und Krankheit.

rasanām ūrdhvagāṃ kṛtvā yaścandre salilaṃ pibet / māsamātreṇa yogīndro mṛtyuñjayati niścitam //

Wer die Zunge nach oben wendet und so den Saft am „Mond“ trinkt – der Ausscheidung im Bereich zwischen bzw. hinter den Augenbrauen –, der Fürst der Yogis besiegt binnen eines einzigen Monats mit Gewissheit den Tod.

rājadantabilaṃ gāḍhaṃ sampīḍya vidhinā pibet / dhyātvā kuṇḍalinīṃ devīṃ ṣaṇmāsena kavir bhavet //

Presst er nach der Methode fest die Höhlung der „Königszähne“ – den Bereich des Zäpfchens am weichen Gaumen – und trinkt dabei, während er über die Göttin Kuṇḍalinī meditiert (die aufsteigende Schlangenkraft, die schlafend an der Basis der Wirbelsäule ruht), so wird er binnen sechs Monaten zum Seher-Dichter (kavi).

kākacañcvā pibed vāyuṃ sandhyayor ubhayor api / kuṇḍalinyā mukhe dhyātvā kṣayarogasya śāntaye //

Zu beiden Dämmerungen – Morgen- und Abenddämmerung – trinke er durch den Krähenschnabel die Luft, indem er sich vorstellt, sie ströme in den Mund der Kuṇḍalinī – zur Heilung der Auszehrung (kṣaya-roga, einer schwindsuchtartigen Krankheit).

aharniśaṃ pibed yogī kākacañcvā vicakṣaṇaḥ / pibet prāṇānilaṃ tasya rogāṇāṃ saṅkṣayo bhavet / dūraśrutir dūradṛṣṭis tathā syād darśanaṃ khalu //

Tag und Nacht trinke der kluge Yogi durch den Krähenschnabel; indem er so den Lebensatem trinkt, werden seine Krankheiten vernichtet; Fernhören und Fernsehen (dūraśruti, dūradṛṣṭi) stellen sich ein, und wahrhaftig auch innere Schau.

dūraśrutirdūradṛṣṭistathā syāddarśanaṃ khalu //

[Anmerkung: Dieser als eigenständiger Vers gezählte Halbvers wiederholt wortgleich die letzte Zeile von Vers 3.89 – vermutlich ein Fehler in der Verszählung oder eine Dopplung in der handschriftlichen Überlieferung des Sanskrit-Textes. Der Sinn ist derselbe: Fernhören und Fernsehen stellen sich ein, und wahrhaftig auch innere Schau.]

dantair dantān samāpīḍya pibed vāyuṃ śanaiḥ śanaiḥ / ūrdhvajihvaḥ sumedhāvī mṛtyuñjayati so'cirāt //

Die Zähne fest aufeinandergepresst, trinke er ganz langsam die Luft; so besiegt der überaus Kluge, die Zunge nach oben gewandt, in Kürze den Tod.

ṣaṇmāsamātram abhyāsaṃ yaḥ karoti dine dine / sarvapāpavinirmukto rogānnāśayate hi saḥ //

Wer diese Übung Tag für Tag sechs Monate lang ausführt, der wird, von aller Sünde befreit, seine Krankheiten wahrhaftig vernichten.

tasmād atiprayatnena sādhayed yogasādhakaḥ //

Darum vollbringe der Übende des Yoga dies mit äußerster Anstrengung. [Anmerkung: Auch dieser Vers besteht im Sanskrit-Quelltext nur aus einer einzigen Verszeile.]

varṣatrayakṛtābhyāsād bhairavo bhavati dhruvam / aṇimādiguṇān labdhvā jitabhūtagaṇaḥ svayam //

Wird die Übung drei Jahre lang ausgeführt, so wird er mit Gewissheit zu einem Bhairava (einer furchtgebietenden Erscheinungsform Śivas), indem er die acht übernatürlichen Kräfte, angefangen mit der Aṇimā (der Fähigkeit, sich beliebig klein zu machen), erlangt und selbst die Scharen der elementaren Wesen bezwingt. [Anmerkung: Vasus englische Übersetzung von 1914 spricht an dieser Stelle von „einem Jahr“; der vorliegende Sanskrit-Text sagt jedoch eindeutig varṣatraya, „drei Jahre“ – dieser Wortlaut wird hier zugrunde gelegt.]

rasanām ūrdhvagāṃ kṛtvā kṣaṇārdhaṃ yadi tiṣṭhati / kṣaṇena mucyate yogī vyādhimṛtyujarādibhiḥ //

Hält er, die Zunge nach oben gewandt, auch nur einen halben Augenblick (kṣaṇārdha) so aus, so wird der Yogi im selben Augenblick von Krankheit, Tod, Alter und dergleichen befreit.

rasanāṃ prāṇasaṃyuktāṃ pīḍyamānāṃ vicintayet / na tasya jāyate mṛtyuḥ satyaṃ satyaṃ mayoditam //

Er stelle sich die mit dem Prāṇa verbundene, gegen den Gaumen gepresste Zunge vor; ihm widerfährt kein Tod – wahrlich, wahrlich verkünde ich dies.

evam abhyāsayogena kāmadevo dvitīyakaḥ / na kṣudhā na tṛṣā nidrā naiva mūrcchā prajāyate //

So wird er durch die Übung des Yoga zu einem zweiten Kāmadeva, dem Liebesgott – das heißt von unvergleichlicher Schönheit; weder Hunger noch Durst, weder Schlaf noch Ohnmacht stellen sich bei ihm mehr ein.

anena vidhānena yogīndro'vanimaṇḍale / bhaved svacchandacārī ca sarvāpatparivarjitaḥ //

Durch diese Methode wird der Fürst der Yogis auf dem Erdenrund zu einem, der sich frei nach eigenem Belieben bewegt (svacchandacārin), und bleibt von allem Unheil verschont.

na tasya punarāvṛttir modate sasurairapi / puṇyapāpair na lipyeta etadācaraṇena saḥ //

Für ihn gibt es keine Wiederkehr in die Wiedergeburt mehr; er erfreut sich sogar in der Gemeinschaft der Götter; durch diese Übung wird er von Verdienst und Sünde nicht mehr befleckt.

caturaśītyāsanāni santi nānāvidhāni ca / tebhyaścatuṣkam ādāya mayoktāni bravīmyaham / siddhāsanaṃ tataḥ padmāsanañcograṃ ca svastikam //

Es gibt vierundachtzig Āsanas (Sitzhaltungen) mancherlei Art; aus ihnen greife ich vier heraus und nenne sie, wie ich – Śiva – sie gelehrt habe: das Siddhāsana, sodann das Padmāsana, das Ugrāsana und das Svastikāsana.

yoniṃ sampīḍya yatnena pādamūlena sādhakaḥ / meḍhropari pādamūlaṃ vinyased yogavitsadā //

Der Übende drücke sorgfältig mit der Ferse den Damm (yoni, den Bereich zwischen After und Geschlechtsorgan) und lege stets die andere Ferse oberhalb des Liṅga (der Geschlechtsorgane) an – so der im Yoga Erfahrene.

ūrdhvaṃ nirīkṣya bhrūmadhyaṃ niścalaḥ saṃyatendriyaḥ / viśeṣo'vakrakāyaśca rahasyudvegavarjitaḥ //

Er blicke aufwärts zum Punkt zwischen den Augenbrauen, unbeweglich, mit gebändigten Sinnen; kennzeichnend ist zudem ein ungebeugter Körper – dies alles an einem abgeschiedenen Ort, frei von Aufregung.

etat siddhāsanaṃ jñeyaṃ siddhānāṃ siddhidāyakam / yenābhyāsavaśācchīghraṃ yoganiṣpattim āpnuyāt //

Dies ist als Siddhāsana zu erkennen, das den Vollendeten (siddha) die Vollendung (siddhi) verleiht; durch die Kraft der Übung darin erlangt man rasch die Vollendung (niṣpatti) des Yoga.

siddhāsanaṃ sadāsevyaṃ pavanābhyāsinā param / yena saṃsāram utsṛjya labhate paramāṃ gatim //

Das Siddhāsana soll vor allem von dem, der die Atemübung praktiziert, stets gepflegt werden; dadurch erlangt er, den Weltenkreislauf (saṃsāra) hinter sich lassend, das höchste Ziel.

nātaḥ parataraṃ guhyam āsanaṃ vidyate bhuvi / yenānudhyānamātreṇa yogī pāpād vimucyate //

Es gibt auf Erden keine geheimere Sitzhaltung als diese; durch bloße Versenkung in sie allein wird der Yogi von aller Sünde befreit. [Kolophon:] Iti śrīśivasaṃhitāyāṃ haragaurīsaṃvāde yogaśāstre yogābhyāsatattvakathanaṃ nāma tṛtīyapaṭalaḥ samāptaḥ. – So endet in der ehrwürdigen Śiva-Saṃhitā, im Zwiegespräch zwischen Hara (Śiva) und Gaurī, im Lehrwerk des Yoga, das dritte Kapitel (paṭala) mit dem Titel „Die Darlegung der Grundlagen der Yoga-Praxis“ (yogābhyāsatattvakathana).

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