Kapitel 4: caturthaḥ paṭalaḥ (mudrā-kathanam) — iti śrī-śiva-saṃhitāyāṃ haragaurī-saṃvāde yogaśāstre mudrākathanaṃ nāma caturthaḥ paṭalaḥ samāptaḥ
Viertes Paṭala: Die Lehre von den Mudrās — Erweckung der Kuṇḍalinī und die zehn Siegel der Haṭha-Praxis
Zuerst richte er mittels der Einatem-Technik (pūraka) den Geist auf das Wurzelzentrum (svādhāra, d. h. den Mūlādhāra-Bereich). Der Ursprungspunkt (yoni; hier: der Damm-/Perinealpunkt) liegt zwischen After und Glied; diesen ziehe er zusammen und beginne [die Übung].
Er meditiere über den Liebesgott (Kāma), der im Brahma-Ursprungsort weilt, rund wie ein Ball, strahlend wie zehn Millionen Sonnen und kühl wie zehn Millionen Monde.
tasyordhvaṃ tu śikhāsūkṣmā cidrūpā paramākalā | tayā sahitamātmānamekībhūtaṃ vicintayet ||
Oberhalb davon ist eine feine Flammenspitze (śikhā) von der Natur des reinen Bewusstseins (cid-rūpā), die höchste Teilkraft (kalā). Mit ihr vereint denke er sich selbst als eins geworden.
gacchati brahmamārgeṇa liṅgatrayakrameṇa vai | sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭisuśītalam ||
[Die Kuṇḍalinī] steigt auf dem Brahma-Pfad empor, der Reihe nach durch die drei Leiber (liṅga-traya, d. h. den groben, feinstofflichen und kausalen Körper) hindurch – strahlend wie zehn Millionen Sonnen, kühl wie zehn Millionen Monde. [Die wörtliche Wiederholung der zweiten Vershälfte von Vers 2 findet sich so auch in der Sanskrit-Vorlage.]
Dies ist der im Himmelsbereich (d. h. im Kopf) befindliche Nektar der Unsterblichkeit (amṛta), gekennzeichnet durch höchste Wonne (paramānanda) – weißrötlich, glanzerfüllt, in Strömen den Göttertrank herabregnend. Nachdem er diesen göttlichen Kula-Nektar getrunken hat, kehre er wieder in die Kula (den Dammbereich, Sitz der Kuṇḍalinī) zurück.
Wiederum kehre er nur mittels der rechten Maß-Übung (mātrā-yoga, eine zeitlich bemessene Atemtechnik) in die Kula zurück, nicht anders. Diese Übung ist von mir in diesem Tantra als „Prāṇa[-Übung]" benannt worden.
– „träge", „kindliche" sowie „greise", „reife", „von Jugendstolz erfüllte", „zwieträchtige", „mit Verwirrung behaftete" und sieben Tage lang „ohnmächtige" [Mantras] –
aripakṣe sthitā ye ca nirvīryāḥ sattvavarjitāḥ | tathā sattvena hīnāśca khaṇḍitāḥ śatadhākṛtāḥ ||
– die, die auf der Feindesseite stehen, die kraftlos und ohne Wesenskraft (sattva) sind, ebenso die an Wesenskraft armen, „zerbrochenen" und „hundertfach zerstückelten" [Mantras] –
vidhinānena ca saṃyuktaḥ prabhavantyacireṇa tu | siddhimokṣapradāḥ sarve guruṇā viniyojitāḥ ||
– verbunden mit dieser Methode [der Yoni-Mudrā] werden sie in kurzer Zeit wirkmächtig; alle, vom Guru richtig angewandt, gewähren Vollkommenheit (siddhi) und Befreiung (mokṣa). [Verse 9–12 zählen die in der Mantra-Lehre unterschiedenen Arten „fehlerhafter" bzw. wirkungsloser Mantras auf, die durch die Yoni-Mudrā dennoch wirksam werden.]
Welche Gestalt eines Mantra, ob günstig oder ungünstig, der Yogī auch rezitiert – er erlangt dessen Vollkommenheit durch die Bindung (nibandhana) der Yoni-Mudrā.
dīkṣayitvā vidhānena abhiṣiñcya sahasradhā | tato mantrādhikārārthameṣā mudrā prakīrtitā ||
Nachdem der Guru [den Schüler] vorschriftsgemäß eingeweiht (dīkṣā) und ihn tausendfach [mit Mantra-Wasser] besprengt hat, wird sodann diese Mudrā verkündet, um die Berechtigung zum Mantra zu verleihen.
guruhā ca surāpī ca steyī ca gurutalpagaḥ | etaiḥ pāpairna badhyeta yonimudrānibandhanāt ||
Ein Gurumörder, ein Weintrinker, ein Dieb, einer, der das Bett seines Gurus [d. h. dessen Frau] schändet – durch diese Sünden wird er, sofern er die Yoni-Mudrā vollzieht, nicht gebunden.
Daher soll diese Übung von denen, die nach Befreiung streben, täglich ausgeführt werden. Aus der Übung entsteht Vollkommenheit, durch die Übung erlangt man Befreiung.
Durch Übung erlangt man wahres Wissen (saṃvid), durch Übung entfaltet sich der Yoga; durch Übung [entsteht] die Vollkommenheit der Mudrās, durch Übung die Beherrschung des Lebenswindes (vāyu).
Durch Übung gelingt es, die Zeit zu überlisten, und man wird zum Todesbezwinger (mṛtyuñjaya); durch die Übung des Yoga entstehen Redemacht (vāk-siddhi, die Kraft, dass die eigenen Worte sich erfüllen) und die Fähigkeit, sich nach Belieben [überallhin] zu bewegen (kāma-cāritva).
Die Yoni-Mudrā ist höchst geheim zu halten und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen; auf keinen Fall darf sie preisgegeben werden, selbst wenn einem das Leben (prāṇa) bereits bis zum Hals gestiegen ist [d. h. im Angesicht des Todes].
Nun will ich den höchsten, Vollkommenheit im Yoga bewirkenden [Lehrgegenstand] verkünden – einen Yoga, der geheim zu halten, nur wahrhaft Vollendeten zugänglich und höchst schwer zu erlangen ist.
Wenn die schlafende Kuṇḍalī (Kuṇḍalinī, die im Wurzelzentrum ruhende spirituelle Kraft) durch die Gnade des Guru erwacht, dann werden alle Lotusse (Cakras) und auch die energetischen Knoten (granthi) durchbrochen.
Deshalb übe man mit allem Eifer die Mudrā-Praxis, um die Herrin (īśvarī, d. h. die Kuṇḍalinī), die am Eingang zum Brahmarandhra (der „Brahma-Öffnung" am Scheitel) schläft, zu erwecken.
Uḍḍiyāna[-Bandha] (der „auffliegende" Bauchverschluss) und Vajrolī (die „Diamant-Technik") sowie als zehnte die Śakticālana („das Bewegen der Kraft") – dies ist das Zehnergefüge der Mudrās, das Beste unter dem Besten aller Mudrās.
mahāmudrāṃ pravakṣyāmi tantre'smin mama vallabhe | yāṃ prāpya siddhāḥ siddhiṃ ca kapilādyāḥ purāgatāḥ ||
Die Mahāmudrā will ich in diesem mir teuren Tantra darlegen – jene, durch deren Erlangung Vollendete (siddha) wie Kapila und andere einst zur Vollkommenheit (siddhi) gelangten.
und richte den Geist auf den Weg des Geistes [d. h. auf den Wirbelsäulen-/Suṣumṇā-Weg] – so wird die Beherrschung des Lebenswindes erlangt. Dies ist die Mahāmudrā, die in allen Tantras geheim gehalten wird.
Nachdem er sie mit der linken Seite geübt hat, übe er sie wiederum mit der rechten Seite; der Yogī vollziehe dabei gleichmäßige Atemregulierung (prāṇāyāma), den Geist gezügelt.
Durch diese Methode gelangt selbst ein Yogī von geringem Glück zur Vollkommenheit. [Diese Übung bewirkt] die Belebung sämtlicher Energiekanäle (nāḍī) und die Bezwingung (wörtl. „Tötung") des Bindu (des Samentropfens, des männlichen Lebensenergie-Prinzips).
[Sie bewirkt] die Besänftigung aller Krankheiten, die Steigerung des Verdauungsfeuers (jaṭharāgni), makellosen körperlichen Glanz sowie die Vernichtung von Alter und Tod.
[Sie bewirkt] die Erfüllung ersehnter Ziele, Glückseligkeit und die Bezwingung der Sinne – all dies wurde für den im Yoga gefestigten Yogī genannt. Durch Übung stellt es sich mit Sicherheit ein; hierüber ist kein Zweifel zu hegen.
Mit Eifer ist diese Mudrā geheim zu halten, o von den Göttern Verehrte [Pārvatī]; durch ihre Erlangung gelangen die Yogīs ans andere Ufer des Ozeans des Daseins (bhava, saṃsāra).
Diese von mir verkündete Mudrā ist für die Übenden wie die Wunschkuh (kāmadughā), die alle Wünsche erfüllt; sie ist in verborgener Übung auszuführen und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen.
Er ziehe den After-/Yoni-Bereich zusammen, lenke den Apāna[-Lebenswind, den abwärtsgerichteten Wind] nach oben, verbinde ihn mit dem Samāna[-Wind, dem die Verdauung regelnden Lebenswind] und richte den Prāṇa[-Wind, den aufwärtsgerichteten Atemwind] nach unten,
und der Kluge verschließe [ihn so], um Prāṇa und Apāna zum Aufsteigen zu bringen. Dies ist der genannte Mahābandha, der den Weg zur Vollkommenheit eröffnet.
Der Strom der Lebenssäfte steigt aus dem Netz der Energiekanäle zum Scheitel des Yogī empor; mit beiden Beinen übe er [den Mahābandha], jedes einzeln, mit großem Eifer.
Durch Übung gelangt der Lebenswind in die Mitte der Suṣumṇā (des zentralen feinstofflichen Kanals); dadurch [erlangt man] Kräftigung des Körpers und festen Halt im Knochengerüst.
[Diese Zeile ist im Sanskrit-Original korrupt überliefert – „bhavatnyetāni" ist keine grammatische Form; der Sinn lässt sich nur vermuten, etwa: „Der Yogī wird von ganzem Herzen erfüllt, [und] dies [widerfährt] den Yogīs." Die genaue Lesart bleibt unsicher.] Durch diesen Bandha vermag der Fürst der Yogīs alles Erwünschte zu erreichen.
Nachdem er die Vereinigung von Apāna und Prāṇa bewirkt hat, o Herrin der drei Welten [Pārvatī] – der im Mahāvedha verharrende Yogī fülle den Bauch mit Lebenswind, und der Kluge schlage [dann] die Gesäßhälften [auf den Boden]. Dies ist der von mir genannte Vedha (die „Durchstoßung").
Die in der Mitte der Cakras weilenden Gottheiten erzittern vom Anschlagen des Lebenswinds, und auch die Kuṇḍalī, die große Māyā, löst sich [dann] am Kailāsa (hier: im Scheitelzentrum) auf.
Die Größe dieser drei kennt [nur] der Vollendete (siddha), kein anderer; wer sie erkannt hat, [der] erlangt von allen Übenden die vollständigste Vollkommenheit.
gopanīyā prayatnena sādhakaiḥ siddhimīpsubhiḥ | anyathā ca na siddhiḥ syānmudrāṇāmeṣa niścayaḥ ||
Von den nach Vollkommenheit strebenden Übenden ist dies mit Eifer geheim zu halten; anders stellt sich keine Vollkommenheit ein – dies ist der feste Grundsatz bezüglich der Mudrās.
setze sich, frei von allerlei Störungen, in den Diamantsitz (vajrāsana) und führe die Zunge rückgewandt in die Höhlung oberhalb des Zäpfchens (lambikā),
und vereinige sie mit Eifer und Umsicht mit dem Nektarbrunnen (sudhā-kūpa). Diese Mudrā wird Khecarī genannt, hier aus Zuneigung zu den Hingegebenen dargelegt.
siddhīnāṃ jananī hyeṣā mama prāṇādhikapriyā | nirantarakṛtābhyāsātpīyūṣaṃ pratyahaṃ pibet | tena vigrahasiddhiḥ syānmṛtyumātaṅgakesarī ||
Sie ist die Mutter aller Vollkommenheiten, mir lieber als mein eigenes Leben. Durch ununterbrochene Übung trinkt man täglich den Nektar (pīyūṣa); dadurch erlangt man Vollkommenheit des Körpers und wird zum Löwen, [der den Elefanten] Tod [bezwingt].
kṣaṇārdhaṃ kurute yastu tīrtvā pāpamahārṇavam | divyabhogānprabhuktvā ca satkule sa prajāyate ||
Wer sie [auch nur] einen halben Augenblick ausübt, überquert den großen Ozean der Sünde, genießt göttliche Genüsse und wird [danach] in einer guten Familie wiedergeboren.
Wer diese Khecarī-Mudrā mit ruhigem Geist und ohne Trägheit übt, für den gilt selbst [ein Zeitraum von] hundert Brahmā-Zeitaltern als [nur] ein halber Augenblick.
Diese Mudrā, die dem Leben selbst gleicht, wird niemandem, wer es auch sei, mitgeteilt; mit Eifer wird sie verborgen gehalten, o von den Göttern Verehrte.
Er verschließe das Netz der Halsadern und lege das Kinn auf die Brust; dies wird Jālandhara-Bandha genannt, ein Verschluss, der selbst für die Götter schwer zu erlangen ist.
Das im Nabel befindliche Feuer der Lebewesen trinkt den aus dem Tausendblättrigen Lotos (sahasrāra, dem Lotos am Scheitel) herabfließenden Nektarstrom; um dessentwillen verschließe man diesen [Bandha].
ziehe er mit Kraft den Apāna-Wind herauf und lasse ihn allmählich aufwärtssteigen. So wird der Mūlabandha (Wurzelverschluss) vollzogen, der Alter und Tod vernichtet.
[Der Mūlabandha] bewirkt in besonderem Maße die Vereinigung von Apāna und Prāṇa; durch diesen Bandha gelangt die Yoni-Mudrā noch vollkommener zur Wirkung.
Ist die Yoni-Mudrā vollendet, was gäbe es dann auf Erden, das nicht gelänge? Durch die Gnade dieses Bandha, den Lebenswind bezwungen, verweilt der Yogī im Lotossitz (padmāsana), die Erde verlassend, [in der Luft schwebend].
Er lege seinen Kopf auf den Boden und führe beide Füße nach oben in die Luft; dies ist die Viparītakṛti (die „umgekehrte Übung", auch Viparītakaraṇī genannt), die in allen Tantras geheim gehalten wird.
Wer diese Übung täglich, nur eine Yāma [d. h. rund drei Stunden] lang, ausübt, jener Yogī bezwingt den Tod; selbst bei der Weltauflösung (pralaya) [besteht er fort]. [Die Verneinung im zweiten Versteil fehlt in der vorliegenden Textüberlieferung; sinngemäß dürfte gemeint sein, dass er selbst beim Weltuntergang nicht vergeht – die Lesart ist jedoch unsicher.]
Oberhalb und auch unterhalb des Nabels vollziehe man die Rückwärtsdehnung [d. h. das Einziehen des Bauches]; dies ist der Uḍḍiyāna-Bandha, der die ganze Flut des Leidens vernichtet.
Man vollziehe im Bauch die Rückwärtsdehnung, [den Bauch] oberhalb des Nabels [einziehend]; dieser so genannte Uḍḍiyāna-Bandha ist der Löwe, [der den Elefanten] Tod [bezwingt].
Der Yogī, der sechs Monate lang übt, bezwingt mit Sicherheit den Tod; sein Bauchfeuer entflammt, und Vermehrung der [Lebens-]Säfte (rasa) stellt sich ein.
– die Vajrolī[-Mudrā] will ich verkünden, die die Finsternis des Daseins (saṃsāra) vernichtet, den eigenen Hingegebenen kurz gefasst [dargelegt], obgleich sie das Geheimste des Geheimen ist.
Diese Übung der Vajrolī gewährt Befreiung selbst inmitten des [weltlichen] Genusses; deshalb ist sie von den Yogīs stets mit größtem Eifer auszuführen.
Zunächst ziehe der Kluge mit Eifer und nach der Vorschrift den [weiblichen] Sexualsaft (rajas) aus der Yoni der Frau mittels der Gliedröhre (liṅga-nāla, der Harnröhre) an und führe ihn in den eigenen Körper ein.
Er verbinde damit den eigenen Bindu und vollziehe die Bewegung des Gliedes; sollte [der Bindu] zufällig sich [abwärts] bewegen, halte er ihn durch die Yoni-Mudrā aufwärts zurück.
Auch auf dem linken Weg [d. h. der Iḍā-Nāḍī] führe er jenen Bindu und halte das Glied zurück; [nur] einen Augenblick lang vollziehe der Mann die Bewegung aus der Yoni heraus.
Der Yogī ziehe, gemäß der Unterweisung des Guru, mit dem Laut „Huṃ", aus der Yoni heraus, den Apāna-Wind zusammenziehend, mit Kraft jenen [weiblichen] Sexualsaft (rajas) herauf,
Man wisse: Der Bindu ist von der Natur des Mondes, der [weibliche] Rajas ebenso von der Natur der Sonne; die Vereinigung beider ist zu bewirken und [das Vereinte] in den eigenen Körper einzuführen.
Ich [Śiva] bin der Bindu, [die] Śakti [ist] der Rajas; wenn die Vereinigung beider geschieht, [dann tritt] für die Yogīs der Vollendungszustand der Übung ein, und der Körper wird göttlich.
Durch das Herabfallen (den Verlust) des Bindu [entsteht] der Tod, durch das Zurückhalten (dhāraṇa) des Bindu das Leben; deshalb vollziehe man mit größtem Eifer das Zurückhalten des Bindu.
Durch den Bindu wird man in der Welt geboren, durch ihn stirbt man – hieran besteht kein Zweifel. Dies erkennend, übe der Yogī stets das Zurückhalten des Bindu.
Ist der Bindu durch großes Bemühen gemeistert, was gäbe es dann auf Erden, das nicht gelänge? Durch dessen Gnade wird selbst mir [Śiva] eine solche Größe zuteil.
Der Bindu bewirkt für alle im [weltlichen] Dasein Verstrickten, für die Verblendeten, die Alter und Tod unterworfen sind, sowohl Glück als auch Leid, je nachdem, [in welchem Zustand er sich befindet].
Durch Übung erlangt der Mensch Vollkommenheit, selbst wenn er [weltlichen] Genüssen zugetan ist; vollständig, mit erreichtem Ziel, wird er auf Erden vollendet.
Nachdem er durch diesen Yoga alle Genüsse restlos genossen hat, wird ihm dadurch gewiss vollständige Vollkommenheit zuteil; deshalb übe man ihn unter großem, glückhaftem Genuss.
Sollte [der Bindu] zufällig sich in Bewegung setzen, [geschieht] die Vereinigung von Mond und Sonne; dies wird Amarolī genannt: durch die Gliedröhre sauge man [ihn] auf.
Den ausgetretenen eigenen Bindu halte der Yogī mittels der Yoni-Mudrā zurück; dies wird Sahajolī genannt, eine Übung, die in allen Tantras geheim gehalten wird.
Der Unterschied zwischen diesen [drei Techniken] besteht [nur] in der Bezeichnung; das Vorgehen ist im Wesentlichen gleich. Deshalb sind sie von den Yogīs stets mit allem Eifer zu üben.
Dieser Yoga wurde von mir aus Zuneigung zu den Hingegebenen verkündet, o Geliebte; er ist mit Eifer geheim zu halten und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen.
svamūtrotsargakāle yo balādākṛṣya vāyunā | stokaṃ stokaṃ tyajenmūtramūrdhvamākṛṣya tatpunaḥ ||
Wer beim eigenen Urinlassen [den Strom] mit Kraft durch den Wind zurückhält, lasse ihn nur tropfenweise ab, [ihn] immer wieder nach oben zurückziehend –
Ist der Bindu durch großes Bemühen gemeistert, o Pārvatī, was gäbe es dann, das nicht gelänge? Durch dessen Gnade wird selbst die für mich [Śiva] schwer erreichbare Herrschaft (īśatva) [erlangbar].
Die im Wurzellotos (ādhāra-kamala, dem Mūlādhāra) schlafende, fest [verankerte] Kuṇḍalī bewege man; der Kluge, auf dem Apāna-Wind gleichsam reitend, ziehe sie mit Kraft empor. Dies ist die Śakticālana-Mudrā, die alle [übersinnlichen] Kräfte verleiht.
Die schlangengestaltige [Kuṇḍalī], den Schlaf aufgebend, erhebt sich von selbst nach oben; deshalb ist diese Übung von dem nach Vollendung strebenden Yogī auszuführen.
Wer die vorzügliche Śakticālana beständig übt, dem wird Vollkommenheit des Körpers zuteil, die übersinnliche Eigenschaften wie Aṇimā (die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen) und andere verleiht.
Nach der Methode der Unterweisung des Guru [geübt] – woher käme für ihn dann noch Todesfurcht? Schon innerhalb von zwei Muhūrtas [rund 96 Minuten] bewirkt diese Methode [durch die erweckte Śakti] deren Auflösung [d. h. der Todesfurcht]. [Die Formulierung ist im Sanskrit knapp und lässt mehrere Deutungen zu.]
etatsumudrādaśakaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati | ekaikābhyāsane siddhiḥ siddho bhavati nānyathā ||
Dieses treffliche Zehnergefüge der Mudrās – seinesgleichen gab und wird es nicht geben. Durch die Übung jeder einzelnen [Mudrā] stellt sich Vollkommenheit ein; [nur so] wird man vollendet, nicht anders.