Quellen der Menschheit

Śivasaṃhitā

Kapitel 4: caturthaḥ paṭalaḥ (mudrā-kathanam) — iti śrī-śiva-saṃhitāyāṃ haragaurī-saṃvāde yogaśāstre mudrākathanaṃ nāma caturthaḥ paṭalaḥ samāptaḥ Viertes Paṭala: Die Lehre von den Mudrās — Erweckung der Kuṇḍalinī und die zehn Siegel der Haṭha-Praxis

ādau pūraka yogena svādhāre pūrayenmanaḥ | gudameḍhrāntare yonistāmākuñcya pravartate ||

Zuerst richte er mittels der Einatem-Technik (pūraka) den Geist auf das Wurzelzentrum (svādhāra, d. h. den Mūlādhāra-Bereich). Der Ursprungspunkt (yoni; hier: der Damm-/Perinealpunkt) liegt zwischen After und Glied; diesen ziehe er zusammen und beginne [die Übung].

brahmayonigataṃ dhyātvā kāmaṃ kandukasannibham | sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭisuśītalam ||

Er meditiere über den Liebesgott (Kāma), der im Brahma-Ursprungsort weilt, rund wie ein Ball, strahlend wie zehn Millionen Sonnen und kühl wie zehn Millionen Monde.

tasyordhvaṃ tu śikhāsūkṣmā cidrūpā paramākalā | tayā sahitamātmānamekībhūtaṃ vicintayet ||

Oberhalb davon ist eine feine Flammenspitze (śikhā) von der Natur des reinen Bewusstseins (cid-rūpā), die höchste Teilkraft (kalā). Mit ihr vereint denke er sich selbst als eins geworden.

gacchati brahmamārgeṇa liṅgatrayakrameṇa vai | sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭisuśītalam ||

[Die Kuṇḍalinī] steigt auf dem Brahma-Pfad empor, der Reihe nach durch die drei Leiber (liṅga-traya, d. h. den groben, feinstofflichen und kausalen Körper) hindurch – strahlend wie zehn Millionen Sonnen, kühl wie zehn Millionen Monde. [Die wörtliche Wiederholung der zweiten Vershälfte von Vers 2 findet sich so auch in der Sanskrit-Vorlage.]

amṛtaṃ taddhi svargasthaṃ paramānandalakṣaṇam | śvetaraktaṃ tejasāḍhyaṃ sudhādhārāpravarṣiṇam | pītvā kulāmṛtaṃ divyaṃ punareva viśetkulam ||

Dies ist der im Himmelsbereich (d. h. im Kopf) befindliche Nektar der Unsterblichkeit (amṛta), gekennzeichnet durch höchste Wonne (paramānanda) – weißrötlich, glanzerfüllt, in Strömen den Göttertrank herabregnend. Nachdem er diesen göttlichen Kula-Nektar getrunken hat, kehre er wieder in die Kula (den Dammbereich, Sitz der Kuṇḍalinī) zurück.

punareva kulaṃ gacchenmātrāyogena nānyathā | sā ca prāṇasamākhyātā hyasmiṃstantre mayoditā ||

Wiederum kehre er nur mittels der rechten Maß-Übung (mātrā-yoga, eine zeitlich bemessene Atemtechnik) in die Kula zurück, nicht anders. Diese Übung ist von mir in diesem Tantra als „Prāṇa[-Übung]" benannt worden.

yonimudrā parā hyeṣā bandhastasyāḥ prakīrtitaḥ ||

Dies ist die höchste Yoni-Mudrā; ihr Verschluss (bandha) ist hiermit verkündet.

tasyāstu bandhāmatreṇa tannāsti yanna sādhayet ||

Durch das bloße Verschließen (bandha) dieser Mudrā gibt es nichts, was er nicht erreichen könnte.

chinnarūpāstu ye mantrāḥ kīlitāḥ stambhitāśca ye | dagdhāmantrāḥ śirohīnā malināstu tiraskṛtāḥ ||

Mantras, die „zerschnitten", die „genagelt" und „gelähmt" sind, „verbrannte" Mantras, „kopflose", „befleckte" und „verachtete" [Mantras] –

mandā bālāstathā vṛddhāḥ prauḍhā yauvanagarvitāḥ | bhedino bhramasaṃyuktāḥ saptāhaṃ mūrcchitāścaye ||

– „träge", „kindliche" sowie „greise", „reife", „von Jugendstolz erfüllte", „zwieträchtige", „mit Verwirrung behaftete" und sieben Tage lang „ohnmächtige" [Mantras] –

aripakṣe sthitā ye ca nirvīryāḥ sattvavarjitāḥ | tathā sattvena hīnāśca khaṇḍitāḥ śatadhākṛtāḥ ||

– die, die auf der Feindesseite stehen, die kraftlos und ohne Wesenskraft (sattva) sind, ebenso die an Wesenskraft armen, „zerbrochenen" und „hundertfach zerstückelten" [Mantras] –

vidhinānena ca saṃyuktaḥ prabhavantyacireṇa tu | siddhimokṣapradāḥ sarve guruṇā viniyojitāḥ ||

– verbunden mit dieser Methode [der Yoni-Mudrā] werden sie in kurzer Zeit wirkmächtig; alle, vom Guru richtig angewandt, gewähren Vollkommenheit (siddhi) und Befreiung (mokṣa). [Verse 9–12 zählen die in der Mantra-Lehre unterschiedenen Arten „fehlerhafter" bzw. wirkungsloser Mantras auf, die durch die Yoni-Mudrā dennoch wirksam werden.]

yadyuccarate yogī mantrarūpaṃ śubhāśubham | tatsiddhiṃ samavāpnoti yonimudrānibandhanāt ||

Welche Gestalt eines Mantra, ob günstig oder ungünstig, der Yogī auch rezitiert – er erlangt dessen Vollkommenheit durch die Bindung (nibandhana) der Yoni-Mudrā.

dīkṣayitvā vidhānena abhiṣiñcya sahasradhā | tato mantrādhikārārthameṣā mudrā prakīrtitā ||

Nachdem der Guru [den Schüler] vorschriftsgemäß eingeweiht (dīkṣā) und ihn tausendfach [mit Mantra-Wasser] besprengt hat, wird sodann diese Mudrā verkündet, um die Berechtigung zum Mantra zu verleihen.

brahmahatyāsahasrāṇi trailokyamapi ghātayet | nāsau lipyati pāpena yonimudrānibandhanāt ||

Selbst wenn er tausend Brahmanenmorde begänge oder die drei Welten vernichtete – er wird durch die Bindung der Yoni-Mudrā nicht mit Sünde befleckt.

guruhā ca surāpī ca steyī ca gurutalpagaḥ | etaiḥ pāpairna badhyeta yonimudrānibandhanāt ||

Ein Gurumörder, ein Weintrinker, ein Dieb, einer, der das Bett seines Gurus [d. h. dessen Frau] schändet – durch diese Sünden wird er, sofern er die Yoni-Mudrā vollzieht, nicht gebunden.

tasmādabhyāsanaṃ nityaṃ kartavyaṃ mokṣakāṅkṣibhiḥ | abhyāsājjāyate siddhirabhyāsānmokṣamāpnuyāt ||

Daher soll diese Übung von denen, die nach Befreiung streben, täglich ausgeführt werden. Aus der Übung entsteht Vollkommenheit, durch die Übung erlangt man Befreiung.

saṃvidaṃ labhate'bhyāsāt yogo'bhyāsāt pravartate | mudrāṇāṃ siddhirabhyāsādabhyāsādvāyusādhanam ||

Durch Übung erlangt man wahres Wissen (saṃvid), durch Übung entfaltet sich der Yoga; durch Übung [entsteht] die Vollkommenheit der Mudrās, durch Übung die Beherrschung des Lebenswindes (vāyu).

kālavañcanamabhyāsāttathā mṛtyuñjayo bhavet | vāksiddhiḥ kāmacāritvaṃ bhavedabhyāsayogataḥ ||

Durch Übung gelingt es, die Zeit zu überlisten, und man wird zum Todesbezwinger (mṛtyuñjaya); durch die Übung des Yoga entstehen Redemacht (vāk-siddhi, die Kraft, dass die eigenen Worte sich erfüllen) und die Fähigkeit, sich nach Belieben [überallhin] zu bewegen (kāma-cāritva).

yonimudrā paraṃ gopyā na deyā yasya kasyacit | sarvathā naiva dātavyā prāṇaiḥ kaṇṭhagatairapi ||

Die Yoni-Mudrā ist höchst geheim zu halten und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen; auf keinen Fall darf sie preisgegeben werden, selbst wenn einem das Leben (prāṇa) bereits bis zum Hals gestiegen ist [d. h. im Angesicht des Todes].

adhunā kathayiṣyāmi yogasiddhikaraṃ param | gopanīyaṃ susiddhānāṃ yogaṃ paramadurlabham ||

Nun will ich den höchsten, Vollkommenheit im Yoga bewirkenden [Lehrgegenstand] verkünden – einen Yoga, der geheim zu halten, nur wahrhaft Vollendeten zugänglich und höchst schwer zu erlangen ist.

suptā guruprasādena yadā jāgarti kuṇḍalī | tadā sarvāṇi padmāni bhidyante granthayopi ca ||

Wenn die schlafende Kuṇḍalī (Kuṇḍalinī, die im Wurzelzentrum ruhende spirituelle Kraft) durch die Gnade des Guru erwacht, dann werden alle Lotusse (Cakras) und auch die energetischen Knoten (granthi) durchbrochen.

tasmātsarvaprayatnena prabodhayitumīśvarīm | brahmarandhramukhe suptāṃ mudrābhyāsaṃ samācaret ||

Deshalb übe man mit allem Eifer die Mudrā-Praxis, um die Herrin (īśvarī, d. h. die Kuṇḍalinī), die am Eingang zum Brahmarandhra (der „Brahma-Öffnung" am Scheitel) schläft, zu erwecken.

mahāmudrā mahābandho mahāvedhaśca khecarī | jālandharo mūlabandho viparītakṛtistathā ||

Mahāmudrā (das „große Siegel"), Mahābandha (der „große Verschluss"), Mahāvedha (die „große Durchstoßung") und Khecarī (die „im Äther Wandelnde", eine Zungentechnik), Jālandhara[-Bandha] (der Netz-Verschluss am Hals), Mūlabandha (der Wurzelverschluss) sowie Viparītakṛti (die „umgekehrte Haltung"),

uḍḍānaṃ caiva vajroṇī daśame śakticālanam | idaṃ hi mudrādaśakaṃ mudrāṇāmuttamottamam ||

Uḍḍiyāna[-Bandha] (der „auffliegende" Bauchverschluss) und Vajrolī (die „Diamant-Technik") sowie als zehnte die Śakticālana („das Bewegen der Kraft") – dies ist das Zehnergefüge der Mudrās, das Beste unter dem Besten aller Mudrās.

mahāmudrāṃ pravakṣyāmi tantre'smin mama vallabhe | yāṃ prāpya siddhāḥ siddhiṃ ca kapilādyāḥ purāgatāḥ ||

Die Mahāmudrā will ich in diesem mir teuren Tantra darlegen – jene, durch deren Erlangung Vollendete (siddha) wie Kapila und andere einst zur Vollkommenheit (siddhi) gelangten.

apasavyena sampīḍya pādamūlena sādaram | gurūpadeśato yoniṃ gudameḍhrāntarālagām ||

Mit der linken Ferse drücke er sorgfältig, der Unterweisung des Guru gemäß, auf den Yoni-Punkt, der zwischen After und Glied liegt,

savyaṃ prasāritaṃ pādaṃ dhṛtvā pāṇiyugena vai | navadvārāṇi saṃyamya cibukaṃ hṛdayopari ||

und halte das rechte, ausgestreckte Bein mit beiden Händen; er verschließe die neun Körperöffnungen und lege das Kinn auf die Brust,

cittaṃ cittapathe dattvā prabhavedvāyusādhanam | mahāmudrābhavedeṣā sarvatantreṣu gopitā ||

und richte den Geist auf den Weg des Geistes [d. h. auf den Wirbelsäulen-/Suṣumṇā-Weg] – so wird die Beherrschung des Lebenswindes erlangt. Dies ist die Mahāmudrā, die in allen Tantras geheim gehalten wird.

vāmāṅgena samabhyasya dakṣāṅgenābhyaset punaḥ | prāṇāyāmaṃ samaṃ kṛtvā yogī niyatamānasaḥ ||

Nachdem er sie mit der linken Seite geübt hat, übe er sie wiederum mit der rechten Seite; der Yogī vollziehe dabei gleichmäßige Atemregulierung (prāṇāyāma), den Geist gezügelt.

anena vidhinā yogī mandabhāgyo'pi sidhyati | sarvāsāmeva nāḍīnāṃ cālanaṃ bindumāraṇam ||

Durch diese Methode gelangt selbst ein Yogī von geringem Glück zur Vollkommenheit. [Diese Übung bewirkt] die Belebung sämtlicher Energiekanäle (nāḍī) und die Bezwingung (wörtl. „Tötung") des Bindu (des Samentropfens, des männlichen Lebensenergie-Prinzips).

kuṇḍālītāpanaṃ vāyorbrahmarandhrapraveśanam ||

[Sie bewirkt] die Erhitzung der Kuṇḍalī sowie das Eindringen des Lebenswindes in das Brahmarandhra.

sarvarogopaśamanaṃ jaṭharāgnivivardhanam | vapuṣā kāntimamalāṃ jarāmṛtyuvināśanam ||

[Sie bewirkt] die Besänftigung aller Krankheiten, die Steigerung des Verdauungsfeuers (jaṭharāgni), makellosen körperlichen Glanz sowie die Vernichtung von Alter und Tod.

vāñchitārthaphalaṃ saukhyamindriyāṇāñca māraṇam | etaduktāni sarvāṇi yogārūḍhasya yoginaḥ | bhavedabhyāsato'vaśyaṃ nātra kāryā vicāraṇā ||

[Sie bewirkt] die Erfüllung ersehnter Ziele, Glückseligkeit und die Bezwingung der Sinne – all dies wurde für den im Yoga gefestigten Yogī genannt. Durch Übung stellt es sich mit Sicherheit ein; hierüber ist kein Zweifel zu hegen.

gopanīyā prayatnena mudreyaṃ surapūjite | yāntu prāpya bhavāmbhodheḥ pāraṃ gacchanti yoginaḥ ||

Mit Eifer ist diese Mudrā geheim zu halten, o von den Göttern Verehrte [Pārvatī]; durch ihre Erlangung gelangen die Yogīs ans andere Ufer des Ozeans des Daseins (bhava, saṃsāra).

mudrā kāmadughā hyeṣā sādhakānāṃ mayoditā | guptācāreṇa kartavyā na deyā yasya kasyacit ||

Diese von mir verkündete Mudrā ist für die Übenden wie die Wunschkuh (kāmadughā), die alle Wünsche erfüllt; sie ist in verborgener Übung auszuführen und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen.

tataḥ prasāritaḥ pādo vinyasya tamurūpari ||

Sodann lege er den ausgestreckten Fuß auf den [anderen] Oberschenkel.

gudayoniṃ samākuñcya kṛtvā cāpānamūrdhvagam | yojayitvā samānena kṛtvā prāṇamadhomukham ||

Er ziehe den After-/Yoni-Bereich zusammen, lenke den Apāna[-Lebenswind, den abwärtsgerichteten Wind] nach oben, verbinde ihn mit dem Samāna[-Wind, dem die Verdauung regelnden Lebenswind] und richte den Prāṇa[-Wind, den aufwärtsgerichteten Atemwind] nach unten,

bandhayedūrdhvagatyarthaṃ prāṇāpānena yaḥ sudhīḥ | kathito'yaṃ mahābandhaḥ siddhimārgapradāyakaḥ ||

und der Kluge verschließe [ihn so], um Prāṇa und Apāna zum Aufsteigen zu bringen. Dies ist der genannte Mahābandha, der den Weg zur Vollkommenheit eröffnet.

nāḍījālādrasavyūho mūrdhānaṃ yāti yoginaḥ | ubhābhyāṃ sādhayetpadbhyāmekaikaṃ suprayatnataḥ ||

Der Strom der Lebenssäfte steigt aus dem Netz der Energiekanäle zum Scheitel des Yogī empor; mit beiden Beinen übe er [den Mahābandha], jedes einzeln, mit großem Eifer.

bhavedabhyāsato vāyuḥ suṣumṇāmadhyasaṅgataḥ | anena vapuṣaḥ puṣṭirdṛḍhabandho'sthipañjare ||

Durch Übung gelangt der Lebenswind in die Mitte der Suṣumṇā (des zentralen feinstofflichen Kanals); dadurch [erlangt man] Kräftigung des Körpers und festen Halt im Knochengerüst.

sampūrṇahṛdayo yogī bhavatnyetāni[sic] yoginaḥ | bandhenānena yogīndraḥ sādhayetsarvamīpsitam ||

[Diese Zeile ist im Sanskrit-Original korrupt überliefert – „bhavatnyetāni" ist keine grammatische Form; der Sinn lässt sich nur vermuten, etwa: „Der Yogī wird von ganzem Herzen erfüllt, [und] dies [widerfährt] den Yogīs." Die genaue Lesart bleibt unsicher.] Durch diesen Bandha vermag der Fürst der Yogīs alles Erwünschte zu erreichen.

apānaprāṇayoraikyaṃ kṛtvā tribhuvaneśvari | mahāvedhasthito yogī kukṣimāpūrya vāyunā | sphicau santāḍayeddhīmānvedho'yaṃ kīrtito mayā ||

Nachdem er die Vereinigung von Apāna und Prāṇa bewirkt hat, o Herrin der drei Welten [Pārvatī] – der im Mahāvedha verharrende Yogī fülle den Bauch mit Lebenswind, und der Kluge schlage [dann] die Gesäßhälften [auf den Boden]. Dies ist der von mir genannte Vedha (die „Durchstoßung").

vedhenānena saṃvidhya vāyunā yogipuṅgavaḥ | granthiṃ suṣumṇāmārgeṇa brahmagranthiṃ bhinattyasau ||

Durch diesen Vedha, mit dem Lebenswind verbunden, durchbricht der vorzüglichste der Yogīs auf dem Weg der Suṣumṇā den Knoten – den Brahmagranthi.

yaḥ karoti sadābhyāsaṃ mahāvedhaṃ sugopitam | vāyusiddhirbhavettasya jarāmaraṇanāśinī ||

Wer den wohlgehüteten Mahāvedha beständig übt, dem wird Meisterschaft über den Lebenswind zuteil, die Alter und Tod vernichtet.

cakramadhye sthitā devāḥ kampanti vāyutāḍanāt | kuṇḍalyapi mahāmāyā kailāse sā vilīyate ||

Die in der Mitte der Cakras weilenden Gottheiten erzittern vom Anschlagen des Lebenswinds, und auch die Kuṇḍalī, die große Māyā, löst sich [dann] am Kailāsa (hier: im Scheitelzentrum) auf.

mahāmudrāmahābandhau niṣphalau vedhavarjitau | tasmādyogī prayatnena karoti tritayaṃ kramāt ||

Mahāmudrā und Mahābandha bleiben ohne den Vedha wirkungslos; deshalb vollziehe der Yogī mit Eifer alle drei nacheinander.

etattrayaṃ prayatnena caturvāraṃ karoti yaḥ | ṣaṇmāsābhyantaraṃ mṛtyuñjayatyeva na saṃśayaḥ ||

Wer diese drei mit Eifer viermal [täglich] übt, bezwingt binnen sechs Monaten mit Sicherheit den Tod – daran besteht kein Zweifel.

etattrayasya māhātmyaṃ siddho jānāti netaraḥ | yajjñātvā sādhakāḥ sarve siddhiṃ samyaglabhanti vai ||

Die Größe dieser drei kennt [nur] der Vollendete (siddha), kein anderer; wer sie erkannt hat, [der] erlangt von allen Übenden die vollständigste Vollkommenheit.

gopanīyā prayatnena sādhakaiḥ siddhimīpsubhiḥ | anyathā ca na siddhiḥ syānmudrāṇāmeṣa niścayaḥ ||

Von den nach Vollkommenheit strebenden Übenden ist dies mit Eifer geheim zu halten; anders stellt sich keine Vollkommenheit ein – dies ist der feste Grundsatz bezüglich der Mudrās.

bhruvorantargatāṃ dṛṣṭiṃ vidhāya sudṛḍhāṃ sudhīḥ ||

Der Kluge richte den Blick fest nach innen zwischen die Augenbrauen,

upaviśyāsane vajre nānopadravavarjitaḥ | lambikordhvaṃ sthite garte rasanāṃ viparītagām ||

setze sich, frei von allerlei Störungen, in den Diamantsitz (vajrāsana) und führe die Zunge rückgewandt in die Höhlung oberhalb des Zäpfchens (lambikā),

saṃyojayetprayatnena sudhākūpe vicakṣaṇaḥ | mudraiṣā khecarī proktā bhaktānāmanurodhataḥ ||

und vereinige sie mit Eifer und Umsicht mit dem Nektarbrunnen (sudhā-kūpa). Diese Mudrā wird Khecarī genannt, hier aus Zuneigung zu den Hingegebenen dargelegt.

siddhīnāṃ jananī hyeṣā mama prāṇādhikapriyā | nirantarakṛtābhyāsātpīyūṣaṃ pratyahaṃ pibet | tena vigrahasiddhiḥ syānmṛtyumātaṅgakesarī ||

Sie ist die Mutter aller Vollkommenheiten, mir lieber als mein eigenes Leben. Durch ununterbrochene Übung trinkt man täglich den Nektar (pīyūṣa); dadurch erlangt man Vollkommenheit des Körpers und wird zum Löwen, [der den Elefanten] Tod [bezwingt].

apavitraḥ pavitro vā sarvāvasthāṃ gato'pi vā | khecarī yasya śuddhā tu sa śuddho nātra saṃśayaḥ ||

Ob unrein oder rein, in welchem Zustand auch immer er sich befinde – wessen Khecarī-Übung vollkommen ist, der ist rein; hieran besteht kein Zweifel.

kṣaṇārdhaṃ kurute yastu tīrtvā pāpamahārṇavam | divyabhogānprabhuktvā ca satkule sa prajāyate ||

Wer sie [auch nur] einen halben Augenblick ausübt, überquert den großen Ozean der Sünde, genießt göttliche Genüsse und wird [danach] in einer guten Familie wiedergeboren.

mudraiṣā khecarī yastu svasthacitto hyatandritaḥ | śatabrahmagatenāpi kṣaṇārdhaṃ manyate hi saḥ ||

Wer diese Khecarī-Mudrā mit ruhigem Geist und ohne Trägheit übt, für den gilt selbst [ein Zeitraum von] hundert Brahmā-Zeitaltern als [nur] ein halber Augenblick.

gurūpadeśato mudrāṃ yo vetti khecarīmimām | nānāpāparato dhīmān sa yāti paramāṃ gatim ||

Wer diese Khecarī-Mudrā durch die Unterweisung des Guru kennt, der Kluge, frei von mannigfacher Sünde, geht zum höchsten Ziel ein.

sā prāṇasadṛśī mudrā yasminkasminna dīyate | pracchādyate prayatnena mudreyaṃ surapūjite ||

Diese Mudrā, die dem Leben selbst gleicht, wird niemandem, wer es auch sei, mitgeteilt; mit Eifer wird sie verborgen gehalten, o von den Göttern Verehrte.

baddhāgalaśirājālaṃ hṛdaye cibukaṃ nyaset | bandhojālandharaḥ prokto devānāmapi durlabhaḥ ||

Er verschließe das Netz der Halsadern und lege das Kinn auf die Brust; dies wird Jālandhara-Bandha genannt, ein Verschluss, der selbst für die Götter schwer zu erlangen ist.

nābhisthavahnirjantūnāṃ sahasrakamalacyutam | pibetpīyūṣavistāraṃ tadarthaṃ bandhayedimam ||

Das im Nabel befindliche Feuer der Lebewesen trinkt den aus dem Tausendblättrigen Lotos (sahasrāra, dem Lotos am Scheitel) herabfließenden Nektarstrom; um dessentwillen verschließe man diesen [Bandha].

bandhenānena pīyūṣaṃ svayaṃ pibati buddhimān | amaratvañca samprāpya modate bhuvanatraye ||

Durch diesen Bandha trinkt der Kluge selbst den Nektar und erfreut sich, Unsterblichkeit erlangend, in den drei Welten.

jālandharo bandha eṣa siddhānāṃ siddhidāyakaḥ | abhyāsaḥ kriyate nityaṃ yoginā siddhimicchatā ||

Dieser Jālandhara-Bandha ist es, der den Vollendeten Vollkommenheit verleiht; er wird von dem nach Vollkommenheit strebenden Yogī täglich geübt.

pādamūlena sampīḍya gudamārgeṣu yantritam ||

Mit der Ferse fest gegen den Analbereich gedrückt und dort fixiert,

balādapānamākṛṣya kramādūrdhvaṃ sucārayet | kalpito'yaṃ mūlabandho jarāmaraṇanāśanaḥ ||

ziehe er mit Kraft den Apāna-Wind herauf und lasse ihn allmählich aufwärtssteigen. So wird der Mūlabandha (Wurzelverschluss) vollzogen, der Alter und Tod vernichtet.

apānaprāṇayoraikyaṃ prakarotyadhikalpitam | bandhenānena sutarāṃ yonimudrā prasidhyati ||

[Der Mūlabandha] bewirkt in besonderem Maße die Vereinigung von Apāna und Prāṇa; durch diesen Bandha gelangt die Yoni-Mudrā noch vollkommener zur Wirkung.

siddhāyāṃ yonimudrāyāṃ kiṃ na sidhyati bhūtale | bandhasyāsya prasādena gagane vijitānilaḥ | padmāsane sthito yogī bhuvamutsṛjya vartate ||

Ist die Yoni-Mudrā vollendet, was gäbe es dann auf Erden, das nicht gelänge? Durch die Gnade dieses Bandha, den Lebenswind bezwungen, verweilt der Yogī im Lotossitz (padmāsana), die Erde verlassend, [in der Luft schwebend].

sugupte nirjane deśe bandhamenaṃ samabhyaset | saṃsārasāgaraṃ tartuṃ yadīcchedyogi puṅgavaḥ ||

An einem wohlverborgenen, einsamen Ort übe man diesen Bandha, wenn der vorzüglichste Yogī den Ozean des Daseins (saṃsāra) zu überqueren wünscht.

bhūtale svaśirodattvā khe nayeccaraṇadvayam | viparītakṛtiścaiṣā sarvatantreṣu gopitā ||

Er lege seinen Kopf auf den Boden und führe beide Füße nach oben in die Luft; dies ist die Viparītakṛti (die „umgekehrte Übung", auch Viparītakaraṇī genannt), die in allen Tantras geheim gehalten wird.

etadyaḥ kurute nityamabhyāsaṃ yāmamātrataḥ | mṛtyuñjayati sa yogī pralayenāpi sīdati ||

Wer diese Übung täglich, nur eine Yāma [d. h. rund drei Stunden] lang, ausübt, jener Yogī bezwingt den Tod; selbst bei der Weltauflösung (pralaya) [besteht er fort]. [Die Verneinung im zweiten Versteil fehlt in der vorliegenden Textüberlieferung; sinngemäß dürfte gemeint sein, dass er selbst beim Weltuntergang nicht vergeht – die Lesart ist jedoch unsicher.]

kurute'mṛtapānaṃ yaḥ siddhānāṃ samatāmiyāt | sa sevyaḥ sarvalokānāṃ bandhamenaṃ karoti yaḥ ||

Wer den Nektartrunk vollzieht, erlangt Gleichheit mit den Vollendeten; verehrenswert für alle Welten ist, wer diesen Bandha ausführt.

nābherūrdhvamadhaścāpi tānaṃ paścimamācaret | uḍḍyānabandha eṣa syātsarvaduḥkhaughanāśanaḥ ||

Oberhalb und auch unterhalb des Nabels vollziehe man die Rückwärtsdehnung [d. h. das Einziehen des Bauches]; dies ist der Uḍḍiyāna-Bandha, der die ganze Flut des Leidens vernichtet.

udare paścimaṃ tānaṃ nābherūrdhvaṃ tu kārayet | uḍḍyānākhyo'tra bandho'yaṃ mṛtyumātaṅgakesarī ||

Man vollziehe im Bauch die Rückwärtsdehnung, [den Bauch] oberhalb des Nabels [einziehend]; dieser so genannte Uḍḍiyāna-Bandha ist der Löwe, [der den Elefanten] Tod [bezwingt].

nityaṃ yaḥ kurute yogī caturvāraṃ dine dine | tasya nābhestu śuddhiḥ syādyena siddho bhavenmarut ||

Der Yogī, der ihn täglich viermal ausübt, dessen Nabelbereich wird gereinigt, wodurch der Lebenswind [in ihm] vollendet wird.

ṣaṇmāsamabhyasanyogī mṛtyuñjayati niścitam | tasyodarāgnirjvalati rasavṛddhiḥ prajāyate ||

Der Yogī, der sechs Monate lang übt, bezwingt mit Sicherheit den Tod; sein Bauchfeuer entflammt, und Vermehrung der [Lebens-]Säfte (rasa) stellt sich ein.

anena sutarāṃ siddhirvigrahasya prajāyate | rogāṇāṃ saṅkṣayaścāpi yogino bhavati dhruvam ||

Dadurch entsteht in besonderem Maße Vollkommenheit des Körpers, und gewiss stellt sich auch beim Yogī das Schwinden der Krankheiten ein.

nirjane susthite deśe bandhaṃ paramadurlabham ||

An einem einsamen, wohlgeordneten Ort [übe man] diesen höchst schwer erlangbaren Bandha –

vajrolīṃ kathayiṣyāmi saṃsāradhvāntanāśinīm | svebhaktebhyaḥ samāsena guhyādguhyatamāmapi ||

– die Vajrolī[-Mudrā] will ich verkünden, die die Finsternis des Daseins (saṃsāra) vernichtet, den eigenen Hingegebenen kurz gefasst [dargelegt], obgleich sie das Geheimste des Geheimen ist.

svecchayā vartamāno'pi yogoktaniyamairvinā | mukto bhavati gārhastho vajrolyabhyasayogataḥ ||

Selbst wer nach eigenem Belieben lebt, ohne die im Yoga vorgeschriebenen Regeln – selbst der Hausvater wird durch die Übung der Vajrolī befreit.

vajrolyabhyāsayogo'yaṃ bhoge yukte'pi muktidaḥ | tasmādatiprayatnena kartavyo yogibhiḥ sadā ||

Diese Übung der Vajrolī gewährt Befreiung selbst inmitten des [weltlichen] Genusses; deshalb ist sie von den Yogīs stets mit größtem Eifer auszuführen.

ādau rajaḥ striyo yonyāḥ yatnena vidhivatsudhīḥ | ākuñcya liṅganālena svaśarīre praveśayet ||

Zunächst ziehe der Kluge mit Eifer und nach der Vorschrift den [weiblichen] Sexualsaft (rajas) aus der Yoni der Frau mittels der Gliedröhre (liṅga-nāla, der Harnröhre) an und führe ihn in den eigenen Körper ein.

svakaṃ binduśca sambandhya liṅgacālanamācaret | daivāccalati cedūrdhvaṃ nibaddho yonimudrayā ||

Er verbinde damit den eigenen Bindu und vollziehe die Bewegung des Gliedes; sollte [der Bindu] zufällig sich [abwärts] bewegen, halte er ihn durch die Yoni-Mudrā aufwärts zurück.

vāmamārge'pi tadbinduṃ nītvā liṅgaṃ nivārayet | kṣaṇamātraṃ yonito yaḥ pumāṃścālanamācaret ||

Auch auf dem linken Weg [d. h. der Iḍā-Nāḍī] führe er jenen Bindu und halte das Glied zurück; [nur] einen Augenblick lang vollziehe der Mann die Bewegung aus der Yoni heraus.

gurūpadeśato yogī huṃhuṅkāreṇa yonitaḥ | apānavāyumākuñcaya balādākṛṣya tadrajaḥ ||

Der Yogī ziehe, gemäß der Unterweisung des Guru, mit dem Laut „Huṃ", aus der Yoni heraus, den Apāna-Wind zusammenziehend, mit Kraft jenen [weiblichen] Sexualsaft (rajas) herauf,

anena vidhinā yogī kṣipraṃ yogasya siddhaye | bhavyabhukkurute yogī gurupādābjapūjakaḥ ||

und durch diese Methode gelangt der Yogī rasch zur Vollkommenheit des Yoga; als Verehrer der Lotosfüße seines Guru genießt der Yogī heilvolle Genüsse.

bindurvidhumayo jñeyo rajaḥ sūryamayastathā | ubhayormelanaṃ kāryaṃ svaśarīre praveśayet ||

Man wisse: Der Bindu ist von der Natur des Mondes, der [weibliche] Rajas ebenso von der Natur der Sonne; die Vereinigung beider ist zu bewirken und [das Vereinte] in den eigenen Körper einzuführen.

ahaṃ bindū rajaḥ śaktirubhayormelanaṃ yadā | yogināṃ sādhanāvasthā bhaveddivyaṃ vapustadā ||

Ich [Śiva] bin der Bindu, [die] Śakti [ist] der Rajas; wenn die Vereinigung beider geschieht, [dann tritt] für die Yogīs der Vollendungszustand der Übung ein, und der Körper wird göttlich.

maraṇaṃ bindupātena jīvanaṃ bindudhāraṇe | tasmādatiprayatnena kurute bindudhāraṇam ||

Durch das Herabfallen (den Verlust) des Bindu [entsteht] der Tod, durch das Zurückhalten (dhāraṇa) des Bindu das Leben; deshalb vollziehe man mit größtem Eifer das Zurückhalten des Bindu.

jāyate mriyate loke bindunā nātra saṃśayaḥ | etajjñātvā sadā yogī bindudhāraṇamācaret ||

Durch den Bindu wird man in der Welt geboren, durch ihn stirbt man – hieran besteht kein Zweifel. Dies erkennend, übe der Yogī stets das Zurückhalten des Bindu.

siddhe bindau mahāyatne kiṃ na sidhyati bhūtale | yasya prasādānmahimā mamāpyetādṛśo bhavet ||

Ist der Bindu durch großes Bemühen gemeistert, was gäbe es dann auf Erden, das nicht gelänge? Durch dessen Gnade wird selbst mir [Śiva] eine solche Größe zuteil.

binduḥ karoti sarveṣāṃ sukhaṃ duḥkhañca saṃsthitaḥ | saṃsāriṇāṃ vimūḍhānāṃ jarāmaraṇaśālinām ||

Der Bindu bewirkt für alle im [weltlichen] Dasein Verstrickten, für die Verblendeten, die Alter und Tod unterworfen sind, sowohl Glück als auch Leid, je nachdem, [in welchem Zustand er sich befindet].

ayaṃ ca śāṅkaro yogo yogināmuttamottamaḥ ||

Dies ist der Śāṅkara-Yoga [d. h. der von Śiva/Śaṅkara stammende Yoga], der beste unter den besten der Yoga-Wege für die Yogīs.

abhyāsātsiddhimāpnoti bhogayukto'pi mānavaḥ | sakalaḥ sādhitārtho'pi siddho bhavati bhūtale ||

Durch Übung erlangt der Mensch Vollkommenheit, selbst wenn er [weltlichen] Genüssen zugetan ist; vollständig, mit erreichtem Ziel, wird er auf Erden vollendet.

bhuktvā bhogānaśeṣān vai yogenānena niścitam | anena sakalā siddhiryogināṃ bhavati dhruvam | sukhabhogena mahatā tasmādenaṃ samabhyaset ||

Nachdem er durch diesen Yoga alle Genüsse restlos genossen hat, wird ihm dadurch gewiss vollständige Vollkommenheit zuteil; deshalb übe man ihn unter großem, glückhaftem Genuss.

sahajolyamarolī ca vajrolyā bhedato bhavet | yena kena prakāreṇa binduṃ yogī pradhārayet ||

Sahajolī und Amarolī entstehen als Unterarten (bheda) der Vajrolī; auf welche Weise auch immer halte der Yogī den Bindu zurück.

daivāccalati cedvege melanaṃ candrasūryayoḥ | amaroliriyaṃ proktā liṅganālena śoṣayet ||

Sollte [der Bindu] zufällig sich in Bewegung setzen, [geschieht] die Vereinigung von Mond und Sonne; dies wird Amarolī genannt: durch die Gliedröhre sauge man [ihn] auf.

gataṃ binduṃ svakaṃ yogī bandhayedyonimudrayā | sahajolīriyaṃ proktā sarvatantreṣu gopitā ||

Den ausgetretenen eigenen Bindu halte der Yogī mittels der Yoni-Mudrā zurück; dies wird Sahajolī genannt, eine Übung, die in allen Tantras geheim gehalten wird.

sañjñābhedādbhavedbhedaḥ kāryaṃ tulyagatiryadi | tasmātsarvaprayatnena sādhyate yogibhiḥ sadā ||

Der Unterschied zwischen diesen [drei Techniken] besteht [nur] in der Bezeichnung; das Vorgehen ist im Wesentlichen gleich. Deshalb sind sie von den Yogīs stets mit allem Eifer zu üben.

ayaṃ yogo mayā prokto bhaktānāṃ snehataḥ priye | gopanīyaḥ prayatnena na deyo yasya kasyacit ||

Dieser Yoga wurde von mir aus Zuneigung zu den Hingegebenen verkündet, o Geliebte; er ist mit Eifer geheim zu halten und niemandem, wer es auch sei, mitzuteilen.

etadguhyatamaṃ guhyaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati | tasmādetatprayatnena gopanīyaṃ sadā budhaiḥ ||

Dies ist das Geheimste des Geheimen; nie gab und nie wird es seinesgleichen geben. Deshalb ist es von den Weisen stets mit Eifer geheim zu halten.

svamūtrotsargakāle yo balādākṛṣya vāyunā | stokaṃ stokaṃ tyajenmūtramūrdhvamākṛṣya tatpunaḥ ||

Wer beim eigenen Urinlassen [den Strom] mit Kraft durch den Wind zurückhält, lasse ihn nur tropfenweise ab, [ihn] immer wieder nach oben zurückziehend –

gurūpadiṣṭamārgeṇa pratyahaṃ yaḥ samācaret | bindusiddhirbhavettasya mahāsiddhipradāyikā ||

– wer dies nach der vom Guru gewiesenen Methode täglich ausübt, dem wird Bindu-Vollkommenheit zuteil, die große Vollkommenheiten verleiht.

ṣaṇmāsamabhyasedyo vai pratyahaṃ guruśikṣayā | śatāṅganāvibhoge'pi tasya bindurna naśyati ||

Wer sechs Monate lang täglich gemäß der Unterweisung des Guru übt, dessen Bindu geht nicht verloren, selbst beim Liebesgenuss mit hundert Frauen.

siddhe bindau mahāyatne kiṃ na sidhyati pārvati | īśatvaṃ yatprasādena mamāpi durlabhaṃ bhavet ||

Ist der Bindu durch großes Bemühen gemeistert, o Pārvatī, was gäbe es dann, das nicht gelänge? Durch dessen Gnade wird selbst die für mich [Śiva] schwer erreichbare Herrschaft (īśatva) [erlangbar].

ādhārakamale suptāṃ cālayetkuṇḍalīṃ dṛḍhām | apānavāyumāruhya balādākṛṣya buddhimān | śakticālanamudreyaṃ sarvaśaktipradāyinī ||

Die im Wurzellotos (ādhāra-kamala, dem Mūlādhāra) schlafende, fest [verankerte] Kuṇḍalī bewege man; der Kluge, auf dem Apāna-Wind gleichsam reitend, ziehe sie mit Kraft empor. Dies ist die Śakticālana-Mudrā, die alle [übersinnlichen] Kräfte verleiht.

śakticālanamevaṃ hi pratyahaṃ yaḥ samācaret | āyurvṛddhirbhavettasya rogāṇāṃ ca vināśanam ||

Wer die Śakticālana solcherart täglich ausübt, dem wird Verlängerung der Lebenszeit zuteil sowie die Vernichtung der Krankheiten.

vihāya nidrā bhujagī svayamūrdhve bhavetkhalu | tasmādabhyāsanaṃ kāryaṃ yoginā siddhamicchatā ||

Die schlangengestaltige [Kuṇḍalī], den Schlaf aufgebend, erhebt sich von selbst nach oben; deshalb ist diese Übung von dem nach Vollendung strebenden Yogī auszuführen.

yaḥ karoti sadābhyāsaṃ śakticālanamuttamam | yena vigrahasiddhiḥ syādaṇimādiguṇapradā ||

Wer die vorzügliche Śakticālana beständig übt, dem wird Vollkommenheit des Körpers zuteil, die übersinnliche Eigenschaften wie Aṇimā (die Fähigkeit, sich winzig klein zu machen) und andere verleiht.

gurūpadeśavidhinā tasya mṛtyubhayaṃ kutaḥ | muhūrtadvayaparyantaṃ vidhinā śaktināśanam ||

Nach der Methode der Unterweisung des Guru [geübt] – woher käme für ihn dann noch Todesfurcht? Schon innerhalb von zwei Muhūrtas [rund 96 Minuten] bewirkt diese Methode [durch die erweckte Śakti] deren Auflösung [d. h. der Todesfurcht]. [Die Formulierung ist im Sanskrit knapp und lässt mehrere Deutungen zu.]

yaḥ karoti prayatnena tasya siddhiradūrataḥ | yuktāsanena kartavyaṃ yogibhiḥ śakticālanam ||

Wer sie mit Eifer ausübt, dem ist die Vollkommenheit nicht mehr fern; im rechten Sitz (āsana) ist die Śakticālana von den Yogīs auszuführen.

etatsumudrādaśakaṃ na bhūtaṃ na bhaviṣyati | ekaikābhyāsane siddhiḥ siddho bhavati nānyathā ||

Dieses treffliche Zehnergefüge der Mudrās – seinesgleichen gab und wird es nicht geben. Durch die Übung jeder einzelnen [Mudrā] stellt sich Vollkommenheit ein; [nur so] wird man vollendet, nicht anders.

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