śrīdevy uvāca | brūhi me vākyam īśāna paramārthadhiyaṃ prati | ye vighnāḥ santi lokānāṃ vada me priya śaṅkara ||1||
Die erhabene Göttin sprach: Sprich zu mir, o Īśāna [Herrscher], im Hinblick auf den Sinn, der nach dem höchsten Ziel (paramārtha) strebt: Welches sind die Hindernisse (vighna), die den Menschen [auf diesem Weg] entgegenstehen? Sage es mir, o geliebter Śaṅkara!
īśvara uvāca | śṛṇu devi pravakṣyāmi yathā vighnāḥ sthitāḥ sadā | muktiṃ prati narāṇāṃ ca bhogaḥ paramabandhanaḥ ||2||
Der Herr (Īśvara) sprach: Höre, o Göttin, ich will dir verkünden, welche Hindernisse den Menschen beständig entgegenstehen. Für die Befreiung (mukti) ist der Sinnesgenuss (bhoga) die größte Fessel.
Frau, Lagerstätte, Sitz und Kleidung sind ihm zur Fessel, ebenso der Reichtum; Betel und Leckerbissen, Prunkwagen, Königreich und Herrschermacht; Gold, Silber und Kupfer, Edelsteine, Aloeholz und Rinder; Gelehrsamkeit in Veda und Śāstra, Tanz, Gesang und Schmuck; Flöte, Vīṇā [Saiteninstrument] und Mṛdaṅga [Trommel], Prunkelefanten und Pferde als Reittiere, Gattin und Nachkommenschaft — all diese Sinnesobjekte (viṣaya) gelten als Hindernisse. Dies sind die Hindernisse, die aus dem [weltlichen] Genuss (bhoga) erwachsen; höre nun jene, die aus dem [rituellen] Pflichtvollzug (dharma) erwachsen.
snānaṃ pūjāvidhir homaṃ tathā mokṣamayī sthitiḥ | vratopavāsaniyamamaunam indriyanigrahaḥ | dhyeyo dhyānaṃ tathā mantro dānaṃ khyātir diśāsu ca | vāpīkūpataḍāgādiprāsādārāmakalpanā | yajñaṃ cāndrāyaṇaṃ kṛcchraṃ tīrthāni vividhāni ca | dṛśyante ca ime vighnā dharmarūpeṇa saṃsthitāḥ ||6-8||
Rituelle Waschungen, die Vorschriften der Verehrung (pūjā), das Feueropfer (homa), das bloße Verharren im [begrifflichen] Zustand der Erlösung (mokṣa); Gelübde, Fasten, Regeln der Enthaltsamkeit, Schweigen, Bezähmung der Sinnesorgane; das zu Kontemplierende, die Kontemplation (dhyāna) selbst, das Mantra, das Almosengeben, Ruhm in allen Himmelsrichtungen; das Anlegen von Wasserbecken, Brunnen, Teichen, Tempeln und Hainen; Opferrituale (yajña), das Mondgelübde (cāndrāyaṇa), Bußübungen (kṛcchra) und mancherlei Pilgerstätten (tīrtha) — auch diese erweisen sich als Hindernisse, die in der Gestalt des Pflichtvollzugs (dharma) bestehen.
yat tu vighnaṃ bhaved jñānaṃ kathayāmi varānane | gomukhaṃ svāsanaṃ kṛtvā dhautiprakṣālanaṃ ca tat | nāḍīsañcāravijñānaṃ pratyāhāranirodhanam | kukṣisañcālanaṃ kṣipraṃ praveśa indriyādhvanā | nāḍīkarmāṇi kalyāṇi bhojanaṃ śrūyatāṃ mama ||9-10||
Nun will ich dir, o Schöngesichtige, jene Hindernisse nennen, die aus dem [bloß äußerlichen] Wissen (jñāna) erwachsen: das Einnehmen der Gomukha-Sitzhaltung [Kuhmaul-Āsana], die Übung der Dhauti [Reinigung der Eingeweide im Haṭhayoga]; die Kenntnis vom Verlauf der Nāḍīs [der feinstofflichen Kanäle], die Erlernung des Pratyāhāra [des Zurückziehens der Sinne von den Objekten]; das rasche Bewegen des Bauches, um die Kuṇḍalinī zu erwecken, das Eindringen auf dem Pfad der Sinnesorgane sowie die Kenntnis der Wirkweise der Nāḍīs — auch dies sind Hindernisse. Höre nun, was ich über die irrigen Vorstellungen von der Nahrung zu sagen habe.
[Die Verszeile ist im überlieferten Wortlaut unklar und vermutlich in der Übermittlung verderbt; dem Sinne nach, den Vasus Übersetzung stützt:] Dass sich die Versenkung (samādhi) sogleich einstelle allein durch das Trinken bestimmter [alchemistischer] Essenzen aus den neun Grundstoffen (navadhāturasa) und durch bestimmte Speisen — dies ist ein Irrtum. Höre nun die irrige Vorstellung von der Wirkung [guter] Gesellschaft.
„Suche die Gemeinschaft der Rechtschaffenen und weiche vor der der Schlechten zurück“ — [auch dies gilt als Irrtum]. Ebenso das Abmessen der Schwere und Leichtigkeit des ein- und ausströmenden Atems (vāyu) [wird fälschlich für entscheidend gehalten].
piṇḍasthaṃ rūpasaṃsthaṃ ca rūpasthaṃ rūpavarjitam | brahmaitasmin matāvasthā hṛdayaṃ ca praśāmyati | ity ete kathitā vighnā jñānarūpe vyavasthitāḥ ||13||
[Die Lehre] vom Verkörperten (piṇḍastha), vom in Form Verweilenden (rūpasaṃstha), vom Formhaften (rūpastha) und vom Formlosen (rūpavarjita) — die Vorstellung, Brahman befinde sich in diesem [Körper] oder in jenem Zustand, und dadurch komme das Herz zur Ruhe: dies, so wurde gelehrt, sind die Hindernisse, die in der Gestalt des [bloß begrifflichen] Wissens (jñāna) bestehen.
Mantrayoga [das Yoga der heiligen Silben], Haṭhayoga und, als drittes, Layayoga [das Yoga der Auflösung] — als vierter ist der Rājayoga zu nennen, der frei ist von aller Zweiheit (dvidhābhāva).
Man unterscheide vier Arten von Übenden (sādhaka): den Schwachen (mṛdu), den Mittleren (madhya), den Starken (adhimātra) und den überaus Starken (adhimātratama); dieser letzte ist der beste, fähig, den Ozean des Daseins (bhavābdhi) zu durchqueren.
Der von schwachem Eifer, gänzlich verblendet, siech, ein Verleumder des Guru; der Habgierige, von sündigem Sinn, der Vielfraß, der hilflos an seine Frau Gefesselte; der Wankelmütige, Furchtsame, Kranke, Unselbständige, überaus Grausame; von schlechtem Wandel und schwacher Tatkraft — er ist als der „schwache“ Mensch (mṛdu) zu erkennen. Nur mit äußerster Anstrengung erlangt ein solcher nach zwölf Jahren die Vollendung (siddhi); ihn erkenne der Guru mit Gewissheit als tauglich einzig für den Mantrayoga.
Der von gleichmütigem Sinn, geduldig, nach Verdienst strebend, freundlich in der Rede; wer in allen Unternehmungen die rechte Mitte hält — er ist ohne Zweifel der „mittlere“ Übende. Erst wenn sie dies erkannt haben, weihen die Guru ihn in den Layayoga [das Yoga der Auflösung] ein, das zur Befreiung führt.
Der von festem Verstand, im Layayoga geübt, unabhängig und gleichwohl kraftvoll; von hoher Gesinnung, mitfühlend, geduldig und wahrhaftig; tapfer, in reifem Alter, gläubig, ein Verehrer der Lotosfüße seines Guru, stets der Übung des Yoga zugetan — er ist als der „starke“ (adhimātra) Übende zu erkennen. Ihm wird durch beharrliche Übung binnen sechs Jahren die Vollendung zuteil; diesem Besonnenen wird der Haṭhayoga mit all seinen Gliedern (aṅga) gelehrt.
mahāvīryānvitotsāhī manojñaḥ śauryavān api | śāstrajño 'bhyāsaśīlaś ca nirmohaś ca nirākulaḥ | navayauvanasampanno mitāhārī jitendriyaḥ | nirbhayaś ca śucir dakṣo dātā sarvajanāśrayaḥ | adhikārī sthiro dhīmān yathecchāvasthitaḥ kṣamī | suśīlo dharmacārī ca guptaceṣṭaḥ priyaṃvadaḥ | śāstraviśvāsasampanno devatāgurupūjakaḥ | janasaṅgaviraktaś ca mahāvyādhivivarjitaḥ | adhimātrataro jñeyaḥ sarvayogasya sādhakaḥ | tribhiḥ saṃvatsaraiḥ siddhir etasya nātra saṃśayaḥ | sarvayogādhikārī sa nātra kāryā vicāraṇā ||23-27||
Von großer Tatkraft und großem Eifer, liebenswürdig, dabei heldenhaft; kundig der Śāstras, der Übung zugetan, frei von Verblendung und innerer Unruhe; in erster Jugendblüte, maßvoll in der Nahrung, seiner Sinne Herr; furchtlos, rein, geschickt, freigebig, aller Menschen Zuflucht; befähigt, standhaft, klug, in sich selbst ruhend, geduldig; von gutem Wesen und rechtem Wandel, verschwiegen im Tun, freundlich in der Rede; erfüllt von Vertrauen in die heiligen Schriften, ein Verehrer der Gottheit und des Guru; frei vom Verlangen nach [weltlicher] Gesellschaft und ohne schwere Krankheit — ein solcher ist als der „überaus starke“ (adhimātratama) Übende zu erkennen, tauglich für jedes Yoga. Binnen dreier Jahre erlangt er ohne Zweifel die Vollendung; er ist zu jedem Yoga berechtigt — daran ist nicht zu zweifeln.
Man übe die Verehrung des Pratīka [des eigenen Schattenbildes als Abbild des Selbst], die sichtbare wie unsichtbare Frucht verleiht; schon durch ihren bloßen Anblick reinigt sie — daran ist nicht zu zweifeln.
In grellem Sonnenlicht betrachte man mit weit geöffneten Augen sein eigenes, im Himmel gespiegeltes Abbild des Herrn (Īśvara); sobald man dieses sein eigenes Abbild (pratīka) im Raum des Himmels erblickt, erblickt man in eben diesem Augenblick [den Herrn selbst].
Wenn er sein Abbild vollständig im Raum des Himmels erblickt, dann erlangt er den Sieg; und den Lebenshauch (vāyu) bezwungen habend, wandelt er, wohin er will. [Eine andere Textüberlieferung (itx-Rezension) liest hier statt „vāyuṃ nirjitya“ – „den Lebenshauch bezwungen“ – „sabhāyāṃ ca yuddhe“ – „Sieg in Versammlung und Kampf“; hier wird, in Übereinstimmung mit Vasus Übersetzung, die erste Lesart zugrunde gelegt.]
Beim Antritt einer Reise, bei einer Vermählung, bei einem verheißungsvollen Werk oder in Bedrängnis, zur Tilgung von Sünde und zur Mehrung des Verdienstes übe man die Verehrung des Pratīka.
Mit den beiden Daumen verschließe er die Ohren, mit den Zeigefingern die beiden Augen, mit den Mittelfingern die Nasenlöcher, und mit den restlichen [Ring- und kleinen] Fingern presse er fest die Lippen zusammen. Sobald der Yogin auf diese Weise den Atem (māruta) fest zurückhält, erblickt er in eben diesem Augenblick sein eigenes Selbst in Gestalt des Lichts (jyotis).
Durch ununterbrochene Übung wird der Yogin frei von aller Befleckung; er vergisst den groben, den feinstofflichen und den kausalen Körper und geht, davon ungeschieden, von selbst in jenes [Licht] ein.
gopanīyaḥ prayatnena sadyaḥ pratyayakārakaḥ | nirvāṇadāyako loke yogo 'yaṃ mama vallabhaḥ | nādaḥ sañjāyate tasya krameṇābhyāsataś ca yaḥ ||40||
Mit Sorgfalt ist dies geheim zu halten; es erzeugt sogleich Gewissheit und verleiht den Menschen das Nirvāṇa — dieses Yoga ist mir das liebste. Durch stufenweise Übung entsteht für ihn der mystische Klang (nāda).
Der erste Klang gleicht dem Summen der honigtrunkenen Biene, [dann dem einer Flöte, dann einer Vīṇā]; hierauf, bei fortschreitender Übung, dem Klang einer Glocke — er, der die Finsternis des Weltkreislaufs (saṃsāra) zerstört —, und danach einem Klang wie Donnergrollen. Wenn er, nachdem er auf diesen Klang den Geist gerichtet hat, ganz erfüllt davon verweilt, dann entsteht für ihn, o Geliebte, das Aufgehen (laya) [in ihm].
Durch diese Übung des Yoga besiegt er vollständig die zahlreichen Erscheinungsweisen (guṇa) [der Natur]; jeden Beginnens entsagend, löst er sich auf im Raum des Bewusstseins (cidākāśa).
nāsanaṃ siddhasadṛśaṃ na kumbhasadṛśaṃ balam | na khecarīsamā mudrā na nādasadṛśo layaḥ ||45||
Es gibt keine Sitzhaltung (āsana) wie die des Siddhāsana, keine Kraft wie die des Kumbhaka [der Atemverhaltung], kein Siegel (mudrā) wie das Khecarī, und kein Aufgehen (laya) wie das durch den Nāda.
Nachdem der Kluge den Herrn (Īśvara) recht verehrt und das höchste Yoga vollständig vollzogen hat, nehme er, in gefestigtem Zustand, die Einweihung an, indem er zuvor seinen Guru zufriedengestellt hat.
Nachdem er dem des Yoga kundigen Guru all sein Hab und Gut, seine Tiere und dergleichen gegeben und ihn mit größtem Eifer zufriedengestellt hat, wird dieses Yoga von den Weisen [von ihm] empfangen.
Der Kluge stelle die Brahmanen mit mancherlei glückverheißenden Gaben zufrieden, und, rein geworden, empfange er in meinem Hause [d.h. im Śiva-Tempel] dieses heilbringende [Yoga].
Nachdem er auf diese Weise seinen früheren [aus vergangenem Karma stammenden] Körper und dergleichen aufgegeben hat, empfange der Yogin, mit einem göttlichen Leib versehen, das im Folgenden zu Beschreibende.
Der Yogin sitze im Lotossitz (padmāsana), frei von der Gesellschaft der Menschen, und verschließe mit zwei Fingern die beiden Vijñāna-Nāḍīs [die feinstofflichen Kanäle des Bewusstseins].
Bei [dieser] Vollendung offenbart er sich, wonneerfüllt und makellos; darum bemühe man sich mit ganzer Kraft, damit die Vollendung tatsächlich erreicht werde.
yaḥ karoti sadābhyāsaṃ tasya siddhir na dūrataḥ | vāyusiddhir bhavet tasya kramād eva na saṃśayaḥ ||53||
Wer dies beständig übt, dem ist die Vollendung nicht fern; ihm wird nach und nach ohne Zweifel die Herrschaft über den Lebenshauch (vāyu-siddhi) zuteil.
Selbst wer dies nur ein einziges Mal vollzieht, vernichtet gewisslich seine Sündenflut; bei ihm tritt ohne Zweifel der Lebenshauch in den mittleren Kanal (suṣumnā) ein.
Wer dies beharrlich übt, ist ein Yogin, der von den Göttern verehrt wird; nachdem er die Vollkommenheiten (siddhi) wie aṇimā [Winzigkeit] und andere erlangt hat, wandelt er nach Belieben durch alle drei Welten.
yo yathāsyānilābhyāsāt tad bhavet tasya vigrahaḥ | tiṣṭhed ātmani medhāvī saṃyutaḥ krīḍate bhṛśam ||56||
Je nach der Kraft seiner Übung in der Beherrschung des Lebenshauchs (anila) erlangt er Macht über seinen Körper; der Kluge, im Selbst verweilend und mit ihm geeint, ergötzt sich [nach Belieben] in der Welt.
etad yogaṃ paraṃ gopyaṃ na deyaṃ yasya kasyacit | sapramāṇaḥ samāyuktas tam eva kathyate dhruvam ||57||
Dieses Yoga ist ein großes Geheimnis und darf keinem Beliebigen mitgeteilt werden; nur wer die [rechten] Merkmale [eines würdigen Schülers] aufweist und geeignet ist, dem allein soll es gewisslich verkündet werden.
Der Yogin sitze im Lotossitz und richte, indem er die Zunge an die Wurzel des Gaumens legt, seine Aufmerksamkeit auf die Vertiefung der Kehle; dadurch weichen Hunger und Durst.
kaṇṭhakūpād adhaḥsthāne kūrmanāḍy asti śobhanā | tasmin yogī mano dattvā cittasthairyaṃ labhed bhṛśam ||59||
Unterhalb der Kehlvertiefung befindet sich der schöne Nāḍī namens Kūrma [Schildkröten-Kanal]; richtet der Yogin darauf seinen Geist, so erlangt er große Standhaftigkeit des Denkvermögens (citta).
Wenn er im Schädel die Öffnung des „Rudra-Auges“ [das dritte Auge, das Auge Śivas, in der Mitte der Stirn] kontempliert, erscheint ihm ein Licht (jyotis), strahlend gleich einer Ansammlung von Blitzen. Durch diese Kontemplation allein schwindet die Fülle der Sünden; selbst ein Mensch von schlechtem Wandel erlangt so den höchsten Zustand.
aharniśaṃ yadā cintāṃ tat karoti vicakṣaṇaḥ | siddhānāṃ darśanaṃ tasya bhāṣaṇaṃ ca bhaved dhruvam ||62||
Wenn der Erfahrene dies Tag und Nacht kontempliert, wird ihm gewisslich die Schau der Siddhas [der vollendeten Adepten] und das Gespräch mit ihnen zuteil.
Ob stehend, gehend, schlafend oder essend, kontempliere er Tag und Nacht die Leere (śūnya); dann wird der Yogin selbst raumhaft und löst sich auf im Raum des Bewusstseins (cidākāśa).
Dieses Wissen soll der nach Vollendung strebende Yogin beständig pflegen; durch ununterbrochene Übung wird er gewisslich mir gleich. Durch die Kraft dieses Wissens wird der Yogin allen [Wesen] lieb und teuer.
Nachdem er alle Elemente (bhūta) bezwungen hat, frei von Hoffnung und Besitz, richte er, im Lotossitz verweilend, seinen Blick auf die Nasenspitze; sein Geist kommt [dadurch gleichsam] zum Erlöschen, und ihm wird die Vollkommenheit des Khecarī [des „im Äther Wandelns“] zuteil.
Der Fürst der Yogins erblickt ein reines Licht, gleich dem reinen [heiligen] Berg [Kailāsa]; allein durch die Kraft der Übung wird er selbst zu dessen Hüter.
Auf dem Rücken auf dem Boden liegend und ununterbrochen kontemplierend, [beseitigt] der erfahrene Yogin sogleich alle Ermüdung von selbst. Durch Kontemplation auf den Hinterkopf wird er zum Bezwinger des Todes (mṛtyuñjaya); eine andere [Methode], so wird gelehrt, [besteht] allein im Blick auf den Punkt zwischen den Augenbrauen (bhrūmadhya).
caturvidhasya cānnasya rasas tredhā vibhajyate | tatra sāratamo liṅgadehasya paripoṣakaḥ | saptadhātumayaṃ piṇḍam eti puṣṇāti madhyagaḥ ||69-70a||
Der Saft (rasa) der viererlei Nahrung [der gekauten, gesaugten, geleckten und getrunkenen] teilt sich in drei Teile: Der feinste Teil davon nährt den feinstofflichen Körper (liṅgaśarīra), [den Sitz der Lebenskraft]; der mittlere Teil geht in den aus den sieben Gewebearten (dhātu) bestehenden groben Körper ein und nährt ihn.
Der dritte, geringste Teil verlässt in Gestalt von Kot und Urin den Körper. Die ersten beiden Anteile, so heißt es, nehmen sämtliche Nāḍīs auf; sie nähren, vom Lebenshauch (vāyu) getragen, den Leib von der Fußsohle bis zum Scheitel.
caturdaśānāṃ tatreha vyāpāre mukhyabhāgataḥ | tā anugratvahīnāś ca prāṇasañcaranāḍikāḥ ||73||
Von diesen [Nāḍīs] sind vierzehn die vorzüglichsten in ihrer Wirkweise; sie sind, mehr oder minder kräftig, die Kanäle, durch die der Lebenshauch (prāṇa) strömt.
Zwei Fingerbreiten oberhalb des Afters und – [nach anderer Zählung in dieser Überlieferung:] eine Fingerbreite unterhalb des Gliedes [an anderer Stelle heißt es: zwei Fingerbreiten] liegt, vier Finger breit, jener gleichmäßige Wurzelort (kanda), einem Zwiebelknollen gleich.
Zwischen After und Glied liegt der nach hinten gewandte Yoni [die weibliche Schoßform]; dort, so wird gelehrt, befindet sich der Wurzelort (kanda), und dort weilt beständig die Kuṇḍalinī. Sie umschlingt, dreieinhalb Windungen bildend, sämtliche Nāḍīs, hält ihren Schwanz in ihrem eigenen Maul und ruht in der Öffnung der Suṣumnā.
Wie eine Schlange schläft sie dort, doch von eigenem Glanz erstrahlend; wie eine Schlange verweilt sie in den Gelenken; sie ist die Göttin der Sprache (vāgdevī) und wird als der „Keim“ (bīja) bezeichnet.
tatra bandhūkapuṣpābhaṃ kāmabījaṃ prakīrtitam | kalahemasamaṃ yoge prayuktākṣararūpiṇam ||79||
Dort ist, so wird gelehrt, der „Keim des Verlangens“ (kāmabīja, die Silbe laṃ) gelegen, dem Bandhūka-Blumen gleich [feuerrot] und dem geläuterten Gold gleich, in Gestalt der im Yoga verwendeten unvergänglichen Silbe (akṣara).
suṣumṇāpi ca saṃśliṣṭā bījaṃ tatra varaṃ sthitam | śaracchandranibhaṃ tejaḥ svayam etat sphurat sthitam | sūryakoṭipratīkāśaṃ candrakoṭisuśītalam | etat trayaṃ militvaiva devī tripurabhairavī | bījasaṃjñaṃ paraṃ tejas tad eva parikīrtitam ||80-81||
Auch die Suṣumnā umschließt es eng; dort verweilt der edle Keim, ein Glanz, dem herbstlichen Mond gleich, aus eigener Kraft strahlend; er scheint gleich dem Licht von zehn Millionen Sonnen und ist zugleich kühl wie zehn Millionen Monde. Diese drei [Feuer, Sonne und Mond] vereint sind eben die Göttin Tripurabhairavī; dieses höchste Licht wird eben mit dem Namen „Keim“ (bīja) bezeichnet.
kriyāvijñānaśaktibhyāṃ yutaṃ yat parito bhramat | uttiṣṭhad viśatas tv ambhaḥ sūkṣmaṃ śoṇaśikhāyutam | yonisthaṃ tat paraṃ tejaḥ svayambhūliṅgasaṃjñitam ||82||
Ausgestattet mit den Kräften des Handelns (kriyāśakti) und des Erkennens (jñānaśakti), umherkreisend, bald aufsteigend, bald in die [kosmischen] Gewässer eintauchend, fein und mit rötlicher Feuerspitze versehen — dieses höchste, im Yoni befindliche Licht wird als das „selbstentstandene Liṅga“ (svayambhūliṅga) bezeichnet.
Dies also ist der Ādhāra-Lotos (das Wurzellotos, mūlādhāra), dessen Yoni am Wurzelort (kanda) sich befindet; er trägt vier leuchtende Silben, von „va“ bis „sa“ [va, śa, ṣa, sa], und hat vier Blütenblätter.
Nahe diesem selbstentstandenen Liṅga liegt ein goldglänzender Bereich namens Kula; dort waltet der Adept (siddha) Dviraṇḍa, dort die Gottheit Ḍākinī. In der Mitte jenes Lotos liegt der Yoni, worin die Kuṇḍalinī weilt; über ihr erstrahlt jenes Licht, das man als den umherschwebenden Kāmabīja [Liebeskeim] versteht. Wer, erfahren, stets über den Mūlādhāra kontempliert, dem wird die Vollkommenheit des Frosches (dārdurī-siddhi) zuteil, durch die er sich stufenweise vom Boden erhebt.
bhūtaṃ bhavyaṃ bhaviṣyac ca vetti sarvaṃ sakāraṇam | aśrutāny api śāstrāṇi sarahasyaṃ vadeddhruvam ||88||
Er kennt Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges, alles zusamt seinen Ursachen; auch nie gehörte Lehrschriften trägt er gewisslich vor, samt ihren Geheimnissen.
vaktre sarasvatī devī sadā nṛtyati nirbharam | mantrasiddhir bhavet tasya japād eva na saṃśayaḥ ||89||
Auf seiner Zunge tanzt beständig und ungehindert die Göttin Sarasvatī [die Göttin der Sprache]; ihm wird allein durch die Wiederholung (japa) die Vollendung der Mantras (mantrasiddhi) zuteil, daran ist nicht zu zweifeln.
So lautet das Wort des Guru: „Es vernichtet die Flut des Leidens von Alter und Tod.“ Wer sich in der Beherrschung des Atems (pavana) übt, soll diese Kontemplation stets vollziehen; allein durch sie wird der Fürst der Yogins von aller Verfehlung befreit.
Wenn der Yogin über das Wurzellotos, das selbstentstandene Liṅga, kontempliert, vernichtet er in eben diesem Augenblick gewisslich die Flut seiner Sünden.
yaṃ yaṃ kāmayate citte taṃ taṃ phalam avāpnuyāt | nirantarakṛtābhyāsāt taṃ paśyati vimuktidam | bahirabhyantare śreṣṭhāṃ pūjanīyāṃ prayatnataḥ | tataḥ śreṣṭhatamaṃ hy etan nānyad asti mataṃ mama ||92-93||
Was immer er sich im Herzen wünscht, diese Frucht erlangt er; durch ununterbrochene Übung erblickt er jenen, der die vollständige Befreiung schenkt, ihn, der außen wie innen der Höchste ist und mit größter Sorgfalt zu verehren — es gibt, so ist meine Lehre, nichts Vortrefflicheres als eben dies.
Wer den im eigenen Selbst weilenden Śiva verlässt und einen äußeren [Gegenstand] verehrt, gleicht einem, der den Bissen in seiner Hand fortwirft und in der Hoffnung auf Nahrung [ziellos] umherirrt.
Er gewinnt die Herrschaft über den Geist sowie die Fähigkeit, Atem (vāyu) und Same (bindu) zurückzuhalten; ihm wird ohne jeden Zweifel Erfolg sowohl in dieser als auch in jener Welt zuteil.
dvitīyaṃ tu sarojaṃ ca liṅgamūle vyavasthitam | bādilāntaṃ ca ṣaḍvarṇaṃ paribhāsvaraṣaḍdalam | svādhiṣṭhānābhidhaṃ tat tu paṅkajaṃ śoṇarūpakam | bāṇākhyo yatra siddho 'sti devī yatrāsti rākiṇī ||98-99||
Der zweite Lotos befindet sich an der Wurzel des Gliedes; er trägt sechs leuchtende Silben, von „ba“ bis „la“, und hat sechs strahlende Blütenblätter. Dieser Lotos, Svādhiṣṭhāna genannt, ist von blutroter Gestalt; dort waltet der Adept namens Bāṇa, dort die Göttin Rākiṇī.
maraṇaṃ khādyate tena sa kenāpi na khādyate | tasya syāt paramā siddhir aṇimādiguṇapradā | vāyuḥ sañcarate dehe rasavṛddhir bhaved dhruvam | ākāśapaṅkajagalatpīyūṣam api varddhate ||102-103||
Er selbst „verzehrt“ gleichsam den Tod, doch von niemandem wird er verzehrt; ihm wird die höchste Vollkommenheit zuteil, die aṇimā [Winzigkeit] und die übrigen [Siddhis] gewährt. Der Lebenshauch (vāyu) durchströmt gleichmäßig den Körper, und die Kraft der Körpersäfte wächst gewisslich; auch der aus dem Lotos des Äthers [dem Sahasrāra] herabtropfende Nektar (pīyūṣa) mehrt sich in ihm.
Kontempliert der Yogin beständig über das Maṇipūraka-Cakra, so wird ihm die Pātāla-Siddhi [die Vollkommenheit der Unterwelt] zuteil, die unaufhörliches Glück verleiht. Was er sich in der Welt wünscht, das erfüllt sich; Leid und Krankheit werden vernichtet; er vermag den Tod zu täuschen und in einen fremden Körper einzugehen.
Er vermag Gold und dergleichen herzustellen; ihm wird die Schau der Siddhas [Adepten] zuteil, ebenso die Erkenntnis heilkräftiger Kräuter und die Schau verborgener Schätze.
Im Herzen befindet sich der vierte Lotos, Anāhata genannt; er ist mit zwölf Silben, von „ka“ bis „ṭha“, und mit zwölf Blütenblättern versehen. Er ist von tiefem Rot, trägt den Keim des Lebenshauchs (vāyubīja, die Silbe yaṃ) und wird als ein Ort der Gnade (prasādasthāna) bezeichnet.
In diesem Lotos befindet sich jenes höchste Licht, das Bāṇaliṅga genannt wird; durch dessen bloßes Gedenken erlangt man sichtbare wie unsichtbare Frucht.
Dort weilt der Adept Pinākī, dort die Göttin Kākinī; wer beständig über dieses Herzenslotos kontempliert, nach dessen [Liebe] geraten selbst himmlische Frauen, von Verlangen ergriffen, in Erregung.
Ihm wird unvergleichliches Wissen zuteil, das die drei Zeiten [Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft] umfasst; er erlangt Fernhören (dūraśruti) und Fernsehen (dūradṛṣṭi) und wandelt nach Belieben, wohin er will [auch durch die Luft].
Ihm wird auch die Schau der Siddhas und ebenso der Yoginīs zuteil; er erlangt die Vollkommenheit des Khecarī [des Wandelns durch die Luft] und den Sieg über alle, die in der Luft wandeln.
yo dhyāyati paraṃ nityaṃ bāṇaliṅgaṃ dvitīyakam | khecarī bhūcarī siddhir bhavet tasya na saṃśayaḥ ||114||
[Vasu bezeichnet dies als eine zweite Erwähnung des Bāṇaliṅga; die Verszählung des zugänglichen Sanskrittextes ist an dieser Stelle unsicher.] Wer beständig über das verborgene Bāṇaliṅga kontempliert, dem wird ohne Zweifel die Vollkommenheit des Khecarī [Luftwandelns] und Bhūcarī [Erdwandelns] zuteil.
etaddhyānasya māhātmyaṃ kathitaṃ naiva śakyate | brahmādyāḥ sakalā devā gopayanti paraṃ ca tam ||115||
Die Erhabenheit dieser Kontemplation lässt sich in Worten überhaupt nicht ausdrücken; selbst Brahmā und alle übrigen Götter halten sie und [ihr Geheimnis] streng verborgen.
Der im Kehlbereich gelegene Lotos, der fünfte, trägt den Namen Viśuddha; er ist von goldenem Glanz, dem Sitz der Vokale (svara) zugeordnet und mit sechzehn [solchen Lauten] versehen. Dort waltet der Adept Chagalāṇḍa, und Śākinī ist dort die waltende Gottheit.
dhyānaṃ karoti yo nityaṃ sa yogīśvarapaṇḍitaḥ | asya yoginaḥ anyatra viśuddhākhye saroruhe caturvedā vibhāsante sarahasyā nidher iva ||91||
Wer beständig darüber kontempliert, ist wahrhaft ein Fürst und Kenner unter den Yogins; keinem anderen Yogin als ihm offenbaren sich, wie aus einem Schatz, im Viśuddha genannten Lotos die vier Veden samt ihren Geheimnissen.
[Die Textmitte dieses Verses war in der konsultierten Abschrift verderbt; hier nach dem Sinn von Vasus Übersetzung ergänzt.] Wenn der an diesem geheimen Ort weilende Yogin von Zorn übermannt wird, dann erzittern gewisslich alle drei Welten.
[Sanskrit-Wortlaut in den konsultierten Quellen nicht auffindbar / nicht zuverlässig überliefert]
[Der genaue Sanskrit-Wortlaut dieses Verses ließ sich aus den konsultierten Quellen nicht zuverlässig ermitteln; dem Sinn nach, den Vasus Übersetzung nahelegt:] Sollte der Geist des Yogin auch nur durch Zufall an diesem Ort [dem Viśuddha-Cakra] versunken sein, so wird er sich der äußeren Welt nicht mehr bewusst und erfreut sich gewiss der inneren Welt.
Wenn der Fürst der Yogins diese Kontemplation [wieder] aufgibt und in den Kreis der Erde zurückkehrt, dann erscheinen ihm, dem Vollendeten, tausend Jahre wie ein einziger Augenblick.
Das Ājñā-Lotos, [gelegen] zwischen den Augenbrauen, trägt die beiden Silben ha und kṣa und hat zwei Blütenblätter; es ist von weißem Glanz. Dort waltet der Adept Śukla-Mahākāla [der „weiße große Zeitgott“], dort die Göttin Hākinī.
Dort erstrahlt, dem Mond gleich, die ewige Keimsilbe [oṃ]; er, der höchste Schwan (paramahaṃsa), ist [dort gegenwärtig], und wer ihn erkennt, verfällt niemals dem Untergang.
Ich [Śiva] bin das vierte [Prinzip], das dritte Liṅga in der Turīya [dem vierten, dem ekstatischen Zustand], der Spender der Befreiung; allein durch Kontemplation darauf wird der Fürst der Yogins gewisslich mir gleich.
Die Iḍā-Nāḍī, so heißt es, ist die Gaṅgā [der Ganges] und wird als „Varaṇā“ bezeichnet [die Piṅgalā entsprechend als „Asi“]; der Raum zwischen beiden heißt Vārāṇasī [Benares], und dort, so wird gesagt, weilt Viśvanātha, der Herr des Weltalls.
Die Erhabenheit dieser heiligen Stätte (tīrtha) haben die wahrheitsschauenden Weisen (ṛṣi) in den Lehrschriften auf mannigfache Weise verkündet — eine wohlgesprochene, höchste Wahrheit.
Die Suṣumnā verläuft den [Wirbelsäulen-]Berg Meru entlang bis zu jener Stelle, wo sich das Brahmarandhra [die „Brahma-Öffnung“ am Scheitel] befindet; von dort kehrt sie um, [tritt] zur Rechten des Ājñā-Lotos [hervor] und gelangt zum linken Nasenloch — sie wird [dann] als „Gaṅgā“ [Ganges] besungen.
brahmarandhre hi yat padmaṃ sahasrāraṃ vyavasthitam | tatra kande hi yā yonis tanmadhye candro vyavasthitaḥ | trikoṇākārataḥ tasmāt sudhā kṣarati santatam | iḍāyām amṛtaṃ tatra samaṃ sravati candramāḥ | amṛtaṃ vahati dhārā dhārārūpaṃ nirantaram | vāmanāsāpuṭaṃ yāti gaṅgety uktā hi yogibhiḥ ||103||
Im Brahmarandhra befindet sich der Lotos Sahasrāra [der Tausendblättrige]; in dessen Wurzelmitte liegt der Yoni, und in dessen Mitte weilt der Mond. Aus seiner dreieckigen Form träufelt unaufhörlich der Nektar (sudhā); in der Iḍā fließt gleichmäßig der Mond-Nektar der Unsterblichkeit (amṛta), er strömt in ununterbrochenem Strahl und gelangt zum linken Nasenloch — von den Yogins wird er „Gaṅgā“ genannt.
tato dvayor hi madhye tu vārāṇasīti cintayet | tathākārā piṅgalāpi tadājñākamalāntare dakṣiṇāsāpuṭe yāti proktāsmābhir asīti vai ||105||
Den Raum zwischen beiden [Iḍā und Piṅgalā] betrachte man als Vārāṇasī; ebenso verläuft die Piṅgalā von der [linken] Seite des Ājñā-Lotos zum rechten Nasenloch — sie wird von uns als „Asi“ bezeichnet.
So wurde das Ājñā-Lotos beschrieben, worin der Gott Maheśvara weilt. Darüber hinaus haben die Kenner des Yoga eine Dreiheit erklärt — Bindu [Punkt], Nāda [Klang] und Śakti [Kraft] genannt —, die im Lotos der Stirn ihren Sitz hat.
Wer beständig über das verborgene, Ājñā-Lotos genannte [Cakra] kontempliert, dessen in früheren Geburten angehäuftes Karma wird ohne Widerstand vernichtet.
Wenn der Yogin, hier verweilend, ununterbrochen kontempliert, dann erscheinen ihm Bildverehrung, Gottesdienst und Mantrawiederholung [im äußeren Sinne] als bedeutungslos.
Der Yogin führe die Zunge umgekehrt [nach hinten gerichtet] ein und lege sie in die Höhlung oberhalb des Zäpfchens (lambikā); so übe er die Kontemplation, die alle Furcht vertreibt. Wessen Geist auch nur einen halben Augenblick unbewegt an diesem Ort verweilt, dessen sämtliche Sünden werden wahrhaftig vernichtet.
yāni yāni hi proktāni pañcapadme phalāni vai | tāni sarvāṇi sutarām etajjñānād bhavanti hi ||115||
Alle Früchte, die zuvor als aus den fünf [übrigen] Lotoszentren erwachsend geschildert wurden — sie alle erwachsen erst recht aus der Kenntnis dieses einen [Ājñā-]Lotos.
prāṇaprayāṇasamaye tat padmaṃ yaḥ smaran mudhīḥ | tyajet prāṇaṃ sa dharmātmā paramātmani līyate ||117||
Wer im Augenblick des Ausfahrens seines Lebenshauchs [d.h. im Sterben], seines Geistes kundig, an dieses Lotos denkt und so seinen Lebenshauch aushaucht, jene fromme Seele löst sich im höchsten Selbst (paramātman) auf.
Der Yogin wird durch seinen eigenen Glanz von der [karmischen] Fessel befreit. Die Erhabenheit der Kontemplation über das zweiblättrige [Ājñā-]Lotos lässt sich überhaupt nicht in Worten ausdrücken; selbst Brahmā und die übrigen Götter kennen nur einen kleinen Teil davon, [erlernt] von mir.
ata ūrdhvaṃ tālumūle sahasrāraṃ saroruham | asti yatra suṣumnāyā mūlaṃ savivaraṃ sthitam ||120||
Darüber, an der Wurzel des Gaumens, [befindet sich] der tausendblättrige Lotos (sahasrāra), an jener Stelle, wo die von einer Öffnung durchzogene Wurzel der Suṣumnā ihren Sitz hat.
An der Wurzel des Gaumens ist diese Suṣumnā mit nach unten gerichteter Öffnung tätig; im Mūlādhāra, im Yoni, haben alle Nāḍīs ihren gemeinsamen Ursprung. Sie sind gleichsam der Keim, verkörpern die Wesenheiten (tattva) und weisen den Weg zu Brahman [zur Erlösung].
tālusthāne ca yat padmaṃ sahasrāraṃ purāhitam | tat kande yonir ekāsti paścimāgnimukhī matā ||122||
Der Lotos, der am Gaumen gelegen ist, der Sahasrāra, ist [wie] zuvor beschrieben; in dessen Wurzel befindet sich ein einziger Yoni, dessen Mündung, so gilt es, nach hinten [und dem Feuer zugewandt] gerichtet ist.
In dessen Mitte befindet sich die von einer Öffnung durchzogene Wurzel der Suṣumnā; eben dies wird als Brahmarandhra bezeichnet, das sich bis zum Lotos des Mūlādhāra erstreckt.
In dieser [Öffnung] weilt beständig, als deren innere Kraft, die Kuṇḍalinī; in der Suṣumnā selbst fließt beständig eine als „Citrā“ bekannte Kraftströmung, o Geliebte. In ihr, so ist meine Lehre, ist die Vorstellung von Brahmarandhra und dergleichen zu verorten.
praveśitaṃ calāṅguṣṭhaṃ mukhe svasya niveśayet | tenātra na vahaty eva dehacārī samīraṇaḥ ||126||
Man führe den beweglichen Daumen [d.h. die Kuṇḍalinī, deren Kopf einem Daumen gleicht] in ihre eigene Mündung ein; dadurch strömt der den Körper durchziehende Lebenshauch (samīraṇa) an dieser Stelle nicht mehr [im gewohnten Kreislauf].
tena saṃsāracakre 'smin bhramatīty eva sarvadā | tadarthaṃ ye pravartante yoginaḥ prāṇadhāraṇe | tata evākhilā nāḍī viruddhā cāṣṭaveṣṭanam | iyaṃ kuṇḍalinī śaktī randhraṃ tyajati nānyathā ||127||
Eben dadurch [durch diesen gewohnten Kreislauf des Atems] wandelt [der Mensch] beständig im Rad des Daseins (saṃsāracakra) umher; darum bemühen sich die Yogins um die Beherrschung des Lebenshauchs (prāṇadhāraṇa). Denn alle Nāḍīs sind durch acht Knoten verschlossen und blockiert; einzig diese Kraft der Kuṇḍalinī vermag [diese Knoten zu durchdringen und] die [Brahma-]Öffnung zu verlassen — auf keine andere Weise.
Wenn die Lebenshauche in allen Nāḍīs vollständig zurückgehalten sind, dann löst sich die Kuṇḍalinī von ihrer Fessel, und ihr Haupt tritt daraus hervor.
suṣumnāyāṃ sadaivāyaṃ vahet prāṇasamīraṇaḥ | mūlapadmasthitā yonir vāmadakṣiṇakoṇataḥ | iḍāpiṅgalayor madhye suṣumnā yonimadhyagā | brahmarandhraṃ tu tatraiva suṣumnādhāramaṇḍale ||129||
Dann strömt der Lebenshauch (prāṇa) beständig in der Suṣumnā. Der im Wurzellotos gelegene Yoni [liegt] zwischen der linken und der rechten Ecke [d.h. zwischen Iḍā und Piṅgalā]; die Suṣumnā verläuft zwischen Iḍā und Piṅgalā, mitten durch den Yoni. Eben dort, im Bereich des Wurzelgrundes der Suṣumnā, [befindet sich] das Brahmarandhra.
An der Mündung des Brahmarandhra treffen jene [drei Ströme, Iḍā, Piṅgalā und Suṣumnā] ohne Zweifel zusammen; wer dort [geistig] badet, dem wird ohne Widerstand die Befreiung zuteil.
Iḍā wird von alters her als Gaṅgā bezeichnet, Piṅgalā als die Tochter der Sonne [Yamunā]; die mittlere [Suṣumnā] wird Sarasvatī genannt — ihr Zusammenfluss ist überaus schwer zu erlangen.
Wer am Zusammenfluss des Weißen [Iḍā] und des Dunklen [Piṅgalā] im Geiste die rituelle Waschung vollzieht, wird frei von aller Sünde und gelangt zum ewigen Brahman.
triveṇyāṃ saṅgame yo vai pitṛkarma samācaret | tārayitvā pitṝn sarvān yāti paramāṃ gatim ||135||
Wer am Zusammenfluss der drei Ströme (triveṇī) die Riten für die Vorfahren (pitṛkarma) vollzieht, erlöst alle seine Vorfahren und gelangt selbst zum höchsten Ziel.
nityaṃ naimittikaṃ kāmyaṃ pratyahaṃ yaḥ samācaret | manasā cintayitvā tu so 'kṣayaṃ phalam āpnuyāt ||136||
Wer die täglichen, die gelegentlichen und die aus [besonderem] Verlangen vollzogenen Pflichten [an dieser Stelle] im Geiste kontempliert und ausübt, erlangt unvergängliche Frucht.
Wer sich [dort] auch nur ein einziges Mal [geistig] badet, genießt himmlische Wonne; nachdem er alle seine Sünden restlos verbrannt hat, wird der Yogin von selbst lauteren Sinnes.
Ob unrein oder rein, in welchem Zustand auch immer er sich befinde — allein durch den Vollzug dieser [geistigen] Waschung wird er heilig, auf keine andere Weise.
Wer im Augenblick des Todes seinen Körper als in das Wasser der Triveṇī getaucht betrachtet und dabei seinen Lebenshauch aushaucht, erlangt sogleich die Erlösung.
asmin jñāne mano yasya sa yogī mayi līyate | aṇimādiguṇān bhuktvā svecchayā puruṣottamaḥ ||142||
Der Yogin, dessen Geist in dieser Erkenntnis [ruht], löst sich in mir auf; als der vortrefflichste unter den Menschen genießt er nach Belieben die Vollkommenheiten (siddhi) wie aṇimā und die übrigen.
brahmarandhraṃ vijānāti sa me priyataro bhuvi | jitvā pāpaṃ hi mokṣārhaḥ sa jñānena tārayet janān ||143||
[Der genaue Sanskrit-Wortlaut ist in den konsultierten Abschriften an dieser Stelle verderbt überliefert; hier sinngemäß nach Vasus Übersetzung rekonstruiert.] Wer das Brahmarandhra also erkennt, wird mir auf Erden der Liebste; nachdem er die Sünde bezwungen hat, ist er der Erlösung würdig, und durch die Verbreitung dieser Erkenntnis rettet er Tausende von Menschen.
Selbst dem Vierantlitzigen [Brahmā] und den übrigen [Göttern] unzugänglich, den Yogins jedoch teuer, ist dieses von mir verkündete Brahmarandhra mit Sorgfalt aufs Sorgfältigste zu hüten.
śirakapālavivare dviraṣṭakalayā yutaḥ | pīyūṣabhānuṃ niraṃjanaṃ bhāvayet | nirantarakṛtābhyāsāt tridine paśyati dhruvam | dṛṣṭimātreṇa pāpaughaṃ dahaty eva sa sādhakaḥ ||148||
Im Hohlraum der Schädeldecke [weilt] der mit sechzehn Digits (kalā) versehene, nektarstrahlende, makellose [Mond]; man stelle sich diesen vor. Durch ununterbrochene Übung erblickt man ihn gewisslich binnen dreier Tage; allein durch diesen Anblick verbrennt der Übende (sādhaka) die Flut seiner Sünden.
anāgataṃ ca sphurati cittaśuddhir bhavet tv alam | sadyaḥ kṛtvāpi dahati mahāpātakapañcakam ||149||
Auch das Zukünftige offenbart sich ihm, und die Reinheit des Denkvermögens (citta) stellt sich vollends ein; selbst die fünf schweren Todsünden verbrennt er, sogleich nach ihrer Begehung, durch einen einzigen Augenblick der Kontemplation.
Alle Gestirne (graha) werden ihm günstig, alle Übel schwinden, alle Heimsuchungen kommen zur Ruhe, im Kampf erlangt er den Sieg; durch die Schau dieses kühlen, [nektarhaften] Mondes wird ihm die Vollkommenheit des Luft- und Erdwandelns (khecarī-, bhūcarī-siddhi) zuteil. Allein durch die Kontemplation geschieht dies alles — daran ist nicht zu zweifeln; einzig durch unablässige Übung, auf keine andere Weise, wird man vollendet. Wahrlich, wahrlich, und nochmals wahrlich: Er wird mir gewisslich gleich. So [endet] die dem Yoga gewidmete Lehre, die den Yogins die Vollendung verleiht.
Darüber [dem Mond] befindet sich der göttliche, tausendblättrige Lotos (sahasrāra); er liegt außerhalb dieses Mikrokosmos (brahmāṇḍa) des Körpers und ist der Spender der Erlösung.
Allein durch die Kenntnis dieses Ortes gibt es für die Menschen in diesem Weltkreislauf (saṃsāra) keine erneute Geburt mehr; durch beständige Übung des Yoga wird niemandem [mehr] die Macht fehlen, die Gesamtheit der Elemente (bhūtagrāma) [nach Belieben] hervorzubringen oder aufzulösen.
Ist sein Geist auf diesen höchsten, Kailāsa genannten Ort gerichtet, die Wohnstatt des Großen Schwans (haṃsa) [des Selbst], so lebt der Yogin, von Krankheit befreit und in seinem Herzen fest gegründet, lange Zeit, dem Tode entrückt.
Wenn die Ausrichtungen des Denkens (cittavṛtti) in dem Kula genannten höchsten Herrn (parameśvara) aufgelöst sind, dann gelangt der Yogin durch die Gleichheit der Versenkung (samādhi) zur Unerschütterlichkeit.
Aus diesem [Sahasrāra] trinke der Yogin unaufhörlich den herabträufelnden Nektar; er bereitet so dem Tod alsbald den Tod, indem er in diesem Lotos das Kula [den höchsten Herrn] bezwingt. Hier geht die Kraft der Kuṇḍalinī, „Kula“ genannt, in Auflösung (laya) ein, und dann löst sich die viergestaltige Schöpfung im höchsten Selbst (paramātman) auf.
Hat er dies erkannt und das [entsprechende] Objekt erlangt, löst sich die Bewegung des Denkens (cittavṛtti) auf; darum bemühe sich der Yogin, frei von jeder [weltlichen] Erwartung, allein um dieses [Ziel].
Wenn die Bewegungen des Denkens darin aufgelöst sind, wird er gewisslich zum Yogin; dann erkennt man das Unmanifeste, das makellose, aus reinem Wissen (jñāna) bestehende [Prinzip].
Nachdem er, wie zuvor beschrieben, sein eigenes Abbild (pratīka) außerhalb des kosmischen Eies (brahmāṇḍa) kontempliert hat, gehe er darin ein und kontempliere ohne Unterbrechung die Große Leere (mahāśūnya).
ādyantamadhyaśūnyaṃ tat koṭisūryasamaprabham | candrakoṭipratīkāśam abhyasya siddhim āpnuyāt ||161||
Diese Leere, deren Anfang, Mitte und Ende leer sind, gleicht dem Glanz von zehn Millionen Sonnen und dem Anblick von zehn Millionen Monden; durch Übung darin erlangt man die Vollendung.
Wer dies erblickt hat, wandelt nicht mehr auf dem Pfad des todbringenden Weltkreislaufs (saṃsāra); man übe es mit Sorgfalt, auf dem [ihm] eigenen (svādhiṣṭhāna) Pfad. [Vasu deutet „svādhiṣṭhāna“ hier als Verweis auf das gleichnamige Cakra; das Wort kann ebenso schlicht „der eigene, ihm zugrundeliegende [Pfad]“ bedeuten — die Stelle ist nicht eindeutig.]
etaddhyānasya māhātmyaṃ mayā vaktuṃ na śakyate | yaḥ sādhayati jānāti so 'smākam api sammataḥ ||166||
Die Erhabenheit dieser Kontemplation vermag selbst ich nicht in Worten auszudrücken; wer sie vollzieht, der weiß es — auch ich schätze einen solchen hoch.
dhyānād eva vijānāti vicitrekṣaṇasaṃsthitam | aṇimādiguṇopeto bhavaty eva na saṃśayaḥ ||167||
Allein durch die Kontemplation erkennt er das wunderbare, im [inneren] Schauen Begründete; er wird ohne Zweifel mit den Vollkommenheiten (siddhi) wie aṇimā und den übrigen ausgestattet.
Damit habe ich den Rājayoga dargelegt, der in allen Tantras geheim gehalten wird; nun will ich dir in Kürze diesen Rājādhirājayoga [das „Yoga des Königs über Könige“] verkünden.
Nachdem er im Svastikāsana Platz genommen hat, in einer schönen, von Getier freien Klause, und mit Sorgfalt seinen Guru verehrt hat, vollziehe er diese Kontemplation.
nirālambaṃ bhavej jīvaṃ jñātvā vedāntayuktitaḥ | nirālambaṃ manaḥ kṛtvā na kiñcid api cintayet sudhīḥ ||170||
Nachdem er durch die Argumente des Vedānta erkannt hat, dass die Einzelseele (jīva) stützelos (nirālamba) [d.h. auf nichts anderes gegründet] ist, mache der Kluge auch seinen Geist stützelos und denke an nichts weiter.
etaddhyānān mahāsiddhir bhavaty eva na saṃśayaḥ | vṛttihīnaṃ manaḥ kṛtvā pūrṇarūpaṃ svayaṃ bhavet ||171||
Aus dieser Kontemplation entsteht ohne Zweifel die große Vollendung (mahāsiddhi); indem er seinen Geist von allen Ausrichtungen (vṛtti) befreit, wird er selbst zur reinen Fülle.
sādhayet satataṃ yo vai sa yogī vigataspṛhaḥ | ahaṃnāma na kv apy asti sarvadālpaiva vidyate ||172||
Wer dies beständig übt, ist der wahre, von allem Verlangen freie Yogin; für ihn gibt es nirgends mehr ein „Ich“ [im gewöhnlichen Sinne] — es besteht, wenn überhaupt, nur noch in geringstem Maße.
ko bandhaḥ kasya vā mokṣa ekaṃ paśyet sadā hi saḥ | etat karoti yo nityaṃ sa mukto nātra saṃśayaḥ ||173||
„Was ist Bindung, was Befreiung?“ — für ihn, der stets nur das Eine erblickt, [stellt sich diese Frage nicht mehr]; wer dies beständig übt, ist ohne Zweifel wahrhaft befreit.
sa eva yogī savyaktaḥ sarvalokeṣu pūjitaḥ | ahamasmīti yan matvā jīvātmaparamātmanoḥ | ahaṃ tvam etad ubhayaṃ tyaktvāvyaktaṃ vicintayet | adhyāropāpavādābhyāṃ yatra sarvaṃ vilīyate | tadbījam āśrayed yogī sarvasaṅgavivarjitaḥ ||174||
Eben der ist ein wahrhaftiger Yogin, in allen Welten verehrt, der, im Bewusstsein „Ich bin“, die Beziehung zwischen Einzelseele (jīvātman) und höchstem Selbst (paramātman) [erkennt] und, „Ich“ und „Du“ – dieses Begriffspaar – aufgebend, das Unmanifeste kontempliert. Durch Überlagerung (adhyāropa) und [deren] Zurücknahme (apavāda) [d.h. die Methode, wonach zunächst eine Eigenschaft übertragen und dann wieder negiert wird], durch die sich alles auflöst — auf diesen Grund (bīja) stütze sich der Yogin, frei von aller Anhaftung.
aparokṣaṃ cidānandaṃ pūrṇaṃ tyaktvā bhramākulāḥ | parokṣaṃ cāparokṣaṃ ca kṛtvā mūḍhā bhramanti vai ||175||
Das unmittelbar erfahrbare (aparokṣa), aus Bewusstsein und Wonne (cidānanda) bestehende, vollkommene [Brahman] verlassend, irren die Verwirrten umher; Mittelbares (parokṣa) und Unmittelbares (aparokṣa) [begrifflich] trennend, wandeln die Verblendeten in der Tat in die Irre.
Wer dieses bewegliche und unbewegliche Universum zum [bloß] Mittelbaren macht und dabei das unmittelbare höchste Brahman verlässt, der löst sich eben in diesem [Universum] auf [statt in Brahman].
Damit die Unwissenheit (ajñāna), die Ursache [neuer Verstrickung trotz] Wissens, nicht wieder von Neuem entstehe, übe der Yogin beständig, stets frei von [störender] Gesellschaft.
Wer so beständig übt, dem offenbart sich das Selbstleuchtende (svaprakāśa); hier enden [die Worte] des Guru, die dem Verstand [nur bis zu einem gewissen Punkt] zugänglich sind — von da an muss [der Schüler sich selbst sein Lehrer sein]. Kraft dieser Übung entsteht von selbst die eine, [ungeteilte] Erkenntnis.
Jene [Erkenntnis], von der Rede und Geist, sie nicht erreichend, zurückweichen, bricht durch die [rechte] Übung von selbst als makellose Erkenntnis hervor — dies ist gewiss.
haṭhaṃ vinā rājayogo rājayogaṃ vinā haṭhaḥ | na sidhyati tato yogī hāṭhe (dvaye api) sadā yatnaṃ kuryāt ||181||
Ohne Haṭha[-Yoga] gibt es keinen Rājayoga, und ohne Rājayoga keinen Haṭha[-Yoga]; keiner von beiden gelingt für sich allein. Der Yogin bemühe sich daher stets um beide zugleich.
Bis die Übung (abhyāsa) zur vollen Reife (pāka) gelangt ist, halte man rechte Maßhaltung beim Essen ein; solange die Vollendung (siddhi) noch nicht erlangt ist, halte man sich an ein bestimmtes Maß der Nahrung.
Im Verborgenen übe man, im Inneren von aller Anhaftung (saṅga) frei; nach außen hin, dem gesellschaftlichen Verkehr zuliebe, mag er [Umgang] pflegen, ohne innerlich daran zu haften.
sve sve karmaṇi vartante sarve te karmasaṃsthitāḥ | nimittamātraṃ karaṇe na doṣo 'sti kadācana ||186||
Alle [Menschen] verharren, in ihrem jeweiligen Wirken befangen, in ihren eigenen Handlungen (karman); ist man beim Handeln nur äußerer Anlass (nimitta) [, ohne innerlich Täter zu sein], so haftet daran niemals Fehl.
evaṃ niścitya sudhiyā gṛhasthopi yad ācaret | tadā siddhim avāpnoti nātra kāryā vicāraṇā | pāpapuṇyavinirmuktaḥ parityaktāhaṃsādhakaḥ | yo bhavet sa vimuktaḥ syād gṛhe tiṣṭhan mudhā gṛhī | na pāpapuṇyair lipyeta yogayukto sadā gṛhī | kurvann api tadā pāpaṃ kārye lokasaṃgrahe [?] ||187||
So handle, wer mit klarem Verstand entschlossen ist — selbst der Hausvater (gṛhastha) —, dann erlangt er die Vollendung, daran ist nicht zu zweifeln. Wer frei von der Bindung an Verdienst und Sünde ist und das Ich-des-Handelnden aufgegeben hat, der ist wahrhaft befreit, auch wenn er nur scheinbar als Hausvater im Hause verweilt. Ein solcher, im Yoga gefestigter Hausvater wird nicht von Verdienst und Sünde befleckt — selbst wenn er dabei, um der Welt willen (lokasaṃgraha) handelnd [Lesung dieses letzten Halbverses im Quelltext unsicher], scheinbar Verfehlung beginge.
Nun will ich die höchste Übung der Mantra-Anwendung (mantrasādhana) verkünden, durch die widerspruchsfrei sowohl diesseitiges als auch jenseitiges Glück erlangt wird.
yasmin mantre vare jñāte yogasiddhir bhavet tv alam | yogena sādhakendrasya sarvaiśvaryasukhapradā ||189||
Ist dieses höchste Mantra einmal erkannt, so stellt sich durch seine Anwendung im Yoga vollauf die Vollendung des Yoga (yogasiddhi) ein; sie verleiht dem Besten der Übenden (sādhaka) alle Herrschermacht (aiśvarya) und Glückseligkeit.
Im Mūlādhāra befindet sich das vierblättrige Lotus[-Zentrum]; in seiner Mitte [ist] die Keimsilbe der Sprache (vāgbhava-bīja, aiṃ), blitzgleich aufleuchtend. Im Herzen [ist] die Keimsilbe des Verlangens (kāma-bīja, klīṃ), leuchtend wie die Bandhūka-Blüte. Im Ājñā-Lotus [ist die Keimsilbe] namens śakti (strīṃ), leuchtend wie zehn Millionen Monde. Dieses Dreiergespann von Keimsilben (bīja) ist geheim zu halten; es gewährt die Frucht sowohl des weltlichen Genusses als auch der Befreiung.
etan mantraṃ guror labdhvā na drutaṃ na vilambitam | akṣarākṣarasandhānaṃ nissandigdhamanā japet ||192||
Nachdem er dieses Mantra vom Guru empfangen hat, wiederhole er es (japa) weder zu schnell noch zu langsam, Silbe an Silbe fügend, mit zweifelsfreiem Geist.
tadgataś caikacittaś ca śāstroktavidhinā sudhīḥ | devyās tu purato lakṣaṃ hutvā lakṣatrayaṃ japet ||193||
Ganz darauf ausgerichtet und einsgesammelten Geistes, bringe der Kluge, der Anweisung der Lehrschrift (śāstra) folgend, vor der Göttin hunderttausend Opferspenden dar und wiederhole [das Mantra] dreihunderttausend Mal.
Mit Oleanderblüten (karavīra), vermengt mit Rohrzucker, Milch und Ghee, bringe der Kluge nach Abschluss der Wiederholung (japa) die Opferspende (homa) in einer yoni-förmig gestalteten Feuergrube dar.
anuṣṭhāne kṛte dhīmān pūrvasevā kṛtā bhavet | tato dadāti kāmān vai devī tripurabhairavī ||195||
Ist diese Übung (anuṣṭhāna) durch den Klugen vollzogen, so gilt der vorbereitende Dienst (pūrvasevā) als erfüllt; daraufhin gewährt die Göttin Tripurabhairavī ihm alle Wünsche.
Nachdem er den Guru zufriedengestellt und auf vorschriftsmäßige Weise das höchste, vorzüglichste Mantra empfangen hat, gelangt selbst der vom Schicksal wenig Begünstigte, wenn er diesem Verfahren folgt, zur Vollendung.
Wiederholt der sinnenbeherrschte Übende das Mantra einhunderttausend Mal, so geraten Frauen, von Verlangen ergriffen, allein durch seinen Anblick in Erregung und fallen, aller Scham und Furcht entledigt, vor dem Übenden nieder.
Wiederholt er es zweihunderttausend Mal, so kommen selbst jene, die anderswo in ihrem eigenen Bereich gebunden sind, von aller Bindung an Familie und Besitz gelöst, zu ihm wie zu einer Pilgerstätte (tīrtha); sie geben ihm ihr Ganzes hin und verbleiben in seiner Macht.
Wiederholt er es dreihunderttausend Mal, so geraten die Herrscher der Erdbereiche (maṇḍala) samt ihrem Gefolge in seine Gewalt — daran ist nicht zu zweifeln.
Mit zwölfhunderttausend [Wiederholungen] geraten ebenso die Herrscher der Yakṣas, Rākṣasas und Nāgas in seine Gewalt; sie alle vollziehen fortan stets seinen Befehl.
Wiederholt der kluge, beste der Übenden es fünfzehnhunderttausend Mal, so geraten Siddhas, Vidyādharas sowie die Scharen der Gandharvas und Apsaras in seine Gewalt — daran ist nicht zu zweifeln; unmittelbar entsteht ihm vollkommenes Hörvermögen und Allwissenheit.
Ebenso kann sich der Übende bei achtzehnhunderttausend Wiederholungen mit ebendiesem Leib von der Erde erheben; ihm wird ein göttlicher Leib zuteil, er wandert nach eigenem Belieben in der Welt umher und erblickt die Erde wie durchsichtig.
Mit achtundzwanzighunderttausend Wiederholungen wird der kluge Übende zum Herrscher der Vidyādharas, gestaltwandlungsfähig (kāmarūpa) und von großer Kraft. Mit dreißighunderttausend Wiederholungen wird er Brahmā und Viṣṇu gleich; mit sechzighunderttausend erlangt er die Stufe Rudras, mit achtzighunderttausend Unsterblichkeit; mit einer koṭi [zehn Millionen] löst sich der große Yogin in den höchsten Zustand auf. Ein solcher Übender, ein wahrer Yogin, ist in den drei Welten überaus selten.
In [der Gestalt der Göttin] Tripurā [ist] Śiva, der Zerstörer der Dämonenburg Tripura, die eine, höchste Ursache — jener unvergängliche Zustand, reines Wissen, unermesslich und makellos. Der Kluge erlangt ihn ohne Zweifel, mitsamt allem, was er sich wünscht.
Das Wissen Śivas (śivavidyā) ist große Wissenschaft (mahāvidyā); von jeher hielt sie die große Herrin (maheśvarī) geheim. Auch von Manu und den anderen Urvätern an wurde diese Lehrschrift geheim gehalten — daher sollen auch die Weisen sie geheim halten.
Das Wissen des Haṭha[-Yoga] soll vom nach Vollendung strebenden Yogin streng geheim gehalten werden: geheim gehalten bewahrt es seine Kraft (vīrya), offenbart hingegen verliert es sie.
ya idaṃ paṭhate nityam ādyopāntaṃ vicakṣaṇaḥ | yogasiddhir bhavet tasya krameṇaiva na saṃśayaḥ | samyagjñānaṃ labhate dhīmān ya idaṃ nityam arcayet ||208||
Wer diese Lehrschrift beständig, aufmerksam von Anfang bis Ende liest, dem stellt sich Schritt für Schritt ohne Zweifel die Vollendung des Yoga ein; wer sie beständig verehrt, der Kluge, erlangt vollkommene Erkenntnis.
mokṣārthibhyaś ca sarvebhyaḥ sādhubhyaḥ śrāvayed api | kriyāyuktasya siddhiḥ syād akriyasya kathaṃ bhavet ||209||
Man lasse sie auch alle nach Befreiung strebenden Gottsucher (sādhu) hören; wer die entsprechenden Handlungen (kriyā) vollzieht, dem wird Vollendung zuteil — wie sollte sie dem zuteilwerden, der nichts vollzieht?
Darum sollen die besten der Yogins diese Übung nach rechter Handlungsanweisung (vidhāna) vollziehen. Wer mit dem zufrieden ist, was ihm ungesucht zufällt, die Vorstellung der Zweiheit (dvaita) aufgegeben hat und, selbst wenn er nach außen im Weltleben steht, unangehaftet bleibt, der ist durch die Übung des Yoga befreit.
Auch Hausvätern (gṛhastha), die sich den Übungen (kriyā) des Yoga widmen, wird durch die Wiederholung (japa) des Mantras der mächtigen Gottheiten Vollendung zuteil; darum übe sich der Hausvater in rechter Selbstbeherrschung (saṃyama).
gehe sthitvā putradārādipūrṇaḥ saṅgaṃ tyaktvā cāntare yogamārge | siddheś cihnaṃ vīkṣya paścād gṛhasthaḥ krīḍet so vai mama matyaṃ sādhayitvā ||212||
Wer, im Hause weilend, umgeben von Söhnen, Gattin und dergleichen, innerlich doch die Anhaftung aufgegeben hat und dem Pfad des Yoga folgt, der mag, nachdem er die Anzeichen der Vollendung (siddhi) wahrgenommen hat, fortan als Hausvater im Weltleben wandeln — meine (Śivas) Absicht damit erfüllend.