Quellen der Menschheit

Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad

Adhyāya 1: prathamo 'dhyāyaḥ – śakti-cālanam, prāṇa-rodhaḥ, kuṇḍalinī-bodhaḥ Erster Adhyāya: Erregen der Kraft, Atemhemmung und Erweckung der Kuṇḍalinī (86 Verse)

Der erste und längste Adhyāya legt die Praxislehre der Upaniṣad vor. Er beginnt mit dem Grundsatz, dass Geist und Atem einander bedingen und die Bezwingung des Windes der Weg zur Stillung des Geistes ist; als Mittel werden maßvolle Nahrung, die Sitzhaltungen Padmāsana und Vajrāsana und das „Erregen der Kraft“ (śakti-cālana) genannt. Eigentümlich ist die Technik des Erregens der Sarasvatī (= Kuṇḍalinī), bei der der Bauch in Nabelhöhe mit einem Tuch umwickelt und mit den Händen hin- und herbewegt wird. Es folgen die vier Kumbhakas Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrikā mit ihren Heilwirkungen, die drei Bandhas Mūla, Uḍḍīyaṇa und Jālandhara, ein Übungsplan mit täglicher Steigerung, Verhaltensregeln und die Liste der zehn Hindernisse des Yoga. Die Verse 62–86 schildern zweimal den Aufstieg der erweckten Kuṇḍalinī durch die drei Knoten und die sechs Lotosse bis zur Vereinigung mit Śiva im Sahasrāra, wobei die Verse 76–81 eine vedāntische Deutung des geläuterten Leibes und der Welt als Trugbild einschieben. Viele Verse haben wörtliche Parallelen in der Haṭhapradīpikā (2.44–67; 3.55–69) und in der Yogaśikhā-Upaniṣad. Die Verse 76 und 79 sind in der Vorlage verderbt und entsprechend gekennzeichnet; der Schlusssatz nach Vers 86 ist unnummeriert.

Vers 0 Eingangsvers (maṅgala)

yogakuṇḍaly-upaniṣad-yoga-siddhi-hṛd-āsanam | nirviśeṣa-brahma-tattvaṃ sva-mātram iti cintaye ||

Das unterschiedslose Brahman-Wesen (nirviśeṣa-brahma-tattva), dessen Sitz das Herz der Yoga-Vollendung [ist, wie sie] die Yogakuṇḍalī-Upaniṣad [lehrt], bedenke ich als nichts anderes als mich selbst.

Wort für Wort
yogakuṇḍalī-upaniṣad-yoga-siddhi-hṛd-āsanam
dessen Sitz das Herz der Yoga-Vollendung der Yogakuṇḍalī-Upaniṣad ist (Akk.Sg.)
nirviśeṣa-brahma-tattvam
das unterschiedslose Brahman-Wesen (Akk.Sg.)
sva-mātram
nur das eigene Selbst, nichts als mich selbst (Akk.Sg.)
iti
so
cintaye
ich bedenke, meditiere (1.Sg.Präs.Med.)

Vorangestellter Segensvers der Textüberlieferung, nicht Teil der Verszählung. Er deutet die Lehre der Upaniṣad in vedāntischem Sinn: Das Brahman, das die Yoga-Praxis im Herzen erreicht, ist das eigene Selbst (sva-mātra).

Vers Śānti Friedensformel (śānti-mantra)

oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || hariḥ oṃ ||

Oṃ. Möge Es uns beide behüten; möge Es uns beide nähren; mögen wir beide gemeinsam Kraft wirken; möge unser Gelerntes glanzvoll sein; mögen wir einander nicht befeinden. Oṃ, Friede, Friede, Friede. Hari Oṃ.

Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
möge behüten (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
möge nähren, genießen lassen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Tatkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
glanzvoll, kraftvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
unser beider Gelerntes (Nom.Sg.)
astu
sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
mögen wir beide nicht einander hassen (1.Du.Injunktiv Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
hariḥ oṃ
Hari Oṃ (Anrufung)

Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (Taittirīya-Tradition, vgl. Kaṭha- und Taittirīya-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit des Textes zum Kṛṣṇa-Yajurveda. Das Subjekt (das Brahman, der Lehrstoff) bleibt ungenannt.

hetu-dvayaṃ hi cittasya vāsanā ca samīraṇaḥ | tayor vinaṣṭa ekasmiṃs tad dvāv api vinaśyataḥ ||1||

Zwei Ursachen hat der Geist (citta): die Prägungen (vāsanā) und den Wind (samīraṇa, den Lebensatem). Ist von diesen beiden eine vernichtet, so vergehen beide.

Wort für Wort
hetu-dvayam
ein Ursachenpaar (Nom.Sg.)
hi
fürwahr
cittasya
des Geistes (Gen.Sg.)
vāsanā
die Prägung, latente Neigung (Nom.Sg.)
ca
und
samīraṇaḥ
der Wind, Lebensatem (Nom.Sg.)
tayoḥ
von diesen beiden (Gen.Du.)
vinaṣṭe ekasmin
wenn eine vernichtet ist (Lok.abs.)
tat
dann
dvau api
beide (Nom.Du.)
vinaśyataḥ
vergehen (3.Du.Präs.)

Der Eingangsgedanke stammt aus der Yogavāsiṣṭha-Tradition: Geist, Atem und Prägungen bedingen einander; die Beherrschung des Atems ist der leichter zugängliche Weg. Vgl. Haṭhapradīpikā 2.2 und 4.22–24.

tayor ādau samīrasya jayaṃ kuryān naraḥ sadā | mitāhāraś cāsanaṃ ca śakti-cālas tṛtīyakaḥ ||2||

Von diesen beiden soll der Mensch stets zuerst den Wind bezwingen. [Die Mittel dazu sind:] maßvolle Nahrung (mitāhāra), Sitzhaltung (āsana) und als drittes das Erregen der Kraft (śakti-cāla).

Wort für Wort
tayoḥ
von diesen beiden (Gen.Du.)
ādau
zuerst (Lok.Sg.)
samīrasya
des Windes (Gen.Sg.)
jayam
Sieg, Bezwingung (Akk.Sg.)
kuryāt
soll bewirken (3.Sg.Opt.)
naraḥ
der Mensch (Nom.Sg.)
sadā
stets
mitāhāraḥ ca
und maßvolle Nahrung (Nom.Sg.)
āsanam ca
und Sitzhaltung (Nom.Sg.)
śakti-cālaḥ
das Erregen der Kraft (Nom.Sg.)
tṛtīyakaḥ
das dritte (Nom.Sg.)

eteṣāṃ lakṣaṇaṃ vakṣye śṛṇu gautama sādaram | susnigdha-madhurāhāraś caturthāṃśa-vivarjitaḥ ||3||

Die Kennzeichen dieser [drei] will ich verkünden – höre, Gautama, mit Ehrerbietung. Sehr fetthaltige, süße Speise, unter Auslassung eines Viertels [des Magens],

Wort für Wort
eteṣām
dieser (Gen.Pl.)
lakṣaṇam
Kennzeichen, Definition (Akk.Sg.)
vakṣye
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
śṛṇu
höre (2.Sg.Imp.)
gautama
o Gautama (Vok.Sg.)
sādaram
mit Ehrerbietung (Adv.)
su-snigdha-madhura-āhāraḥ
sehr fette und süße Speise (Nom.Sg.)
caturtha-aṃśa-vivarjitaḥ
unter Auslassung des vierten Teils (Nom.Sg.)

Der Angeredete ist der Weise Gautama. Vorlage: śa‍ृṇu (Transliterationsfehler des E-Textes für श‍ृणु); zu śṛṇu berichtigt. Die Definition des mitāhāra entspricht Gorakṣaśataka 54 und Yogacūḍāmaṇi 43; vgl. Haṭhapradīpikā 1.58.

bhujyate śiva-samprītyai mitāhāraḥ sa ucyate | āsanaṃ dvividhaṃ proktaṃ padmaṃ vajrāsanaṃ tathā ||4||

die zur Freude Śivas gegessen wird – das wird maßvolle Nahrung genannt. Zwei Arten von Sitzhaltung werden gelehrt: der Lotossitz (padma) und der Vajrāsana.

Wort für Wort
bhujyate
wird gegessen (3.Sg.Pass.)
śiva-samprītyai
zur Freude Śivas (Dat.Sg.)
mitāhāraḥ
maßvolle Nahrung (Nom.Sg.)
saḥ ucyate
das wird genannt (3.Sg.Pass.)
āsanam
Sitzhaltung (Nom.Sg.)
dvividham
zweifach (Nom.Sg.)
proktam
gelehrt, genannt (Nom.Sg.)
padmam
der Lotos[sitz] (Nom.Sg.)
vajrāsanam tathā
und der Vajrāsana, „Donnerkeilsitz“ (Nom.Sg.)

ūrvor upari ced dhatte ubhe pāda-tale yathā | padmāsanaṃ bhaved etat sarva-pāpa-praṇāśanam ||5||

Wenn man die beiden Fußsohlen so auf die Oberschenkel legt, [dass sie nach oben weisen,] dann ist dies der Lotossitz (padmāsana), der alle Sünden vernichtet.

Wort für Wort
ūrvoḥ upari
auf die beiden Oberschenkel (Gen.Du.)
cet
wenn
dhatte
legt, setzt (3.Sg.Präs.Med.)
ubhe pāda-tale
beide Fußsohlen (Akk.Du.)
yathā
so wie, derart
padmāsanam
der Lotossitz (Nom.Sg.)
bhavet etat
ist dies (3.Sg.Opt.)
sarva-pāpa-praṇāśanam
alle Sünden vernichtend (Nom.Sg.)

Vgl. Gorakṣaśataka 9 und Haṭhapradīpikā 1.44–45.

vāmāṅghri-mūla-kandādho hy anyaṃ tad-upari kṣipet | sama-grīva-śiraḥ-kāyo vajrāsanam itīritam ||6||

Man lege den Wurzelknoten (kanda) des linken Fußes unter [den Damm] und den anderen [Fuß] darüber, wobei Nacken, Kopf und Rumpf in gerader Linie stehen – das wird Vajrāsana genannt.

Wort für Wort
vāma-aṅghri-mūla-kanda-adhaḥ
den Wurzelknoten des linken Fußes unten (Adv./Akk.)
hi
fürwahr
anyam
den anderen [Fuß] (Akk.Sg.)
tat-upari
darüber (Adv.)
kṣipet
lege man (3.Sg.Opt.)
sama-grīva-śiraḥ-kāyaḥ
mit geradem Nacken, Kopf und Rumpf (Nom.Sg.)
vajrāsanam
Vajrāsana (Nom.Sg.)
iti īritam
so wird [es] genannt (Nom.Sg.)

Der so beschriebene Sitz entspricht dem Siddhāsana der Haṭhapradīpikā (1.35), das dort auch Vajrāsana genannt wird (1.37). „Wurzelknoten des Fußes“: der Fußknöchel bzw. die Ferse, die an den Damm gedrückt wird.

kuṇḍaly eva bhavec chaktis tāṃ tu sañcālayed budhaḥ | sva-sthānād ā-bhruvor madhyaṃ śakti-cālanam ucyate ||7||

Die Kraft (śakti) ist nichts anderes als die Kuṇḍalī. Sie soll der Verständige in Bewegung setzen, von ihrem eigenen Ort bis zur Mitte der Brauen – das wird Erregen der Kraft (śakti-cālana) genannt.

Wort für Wort
kuṇḍalī eva
eben die Kuṇḍalī (Nom.Sg.)
bhavet
ist (3.Sg.Opt.)
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
tām tu
sie aber (Akk.Sg.)
sañcālayet
soll in Bewegung setzen (3.Sg.Opt.Kaus.)
budhaḥ
der Verständige (Nom.Sg.)
sva-sthānāt
von ihrem eigenen Ort (Abl.Sg.)
ā-bhruvoḥ madhyam
bis zur Mitte der Brauen (Akk.Sg.)
śakti-cālanam
das Erregen der Kraft (Nom.Sg.)
ucyate
wird genannt (3.Sg.Pass.)

tat-sādhane dvayaṃ mukhyaṃ sarasvatyās tu cālanam | prāṇa-rodham athābhyāsād ṛjvī kuṇḍalinī bhavet ||8||

Für deren Bewerkstelligung sind zwei Dinge wesentlich: das Erregen der Sarasvatī und die Hemmung des Atems (prāṇa-rodha). Durch die Übung wird die Kuṇḍalinī gerade.

Wort für Wort
tat-sādhane
bei deren Bewerkstelligung (Lok.Sg.)
dvayam
ein Paar (Nom.Sg.)
mukhyam
hauptsächlich (Nom.Sg.)
sarasvatyāḥ tu
der Sarasvatī aber (Gen.Sg.)
cālanam
das Erregen (Nom.Sg.)
prāṇa-rodham
Hemmung des Atems (Akk.Sg.)
atha
und, ferner
abhyāsāt
durch Übung (Abl.Sg.)
ṛjvī
gerade (Nom.Sg.f.)
kuṇḍalinī bhavet
wird die Kuṇḍalinī (3.Sg.Opt.)

Sarasvatī ist hier ein Name für die Suṣumnā-Nāḍī bzw. die in ihr liegende Kuṇḍalinī (vgl. Vers 9: Sarasvatī = Arundhatī).

tayor ādau sarasvatyāś cālanaṃ kathayāmi te | arundhaty eva kathitā purā-vidbhiḥ sarasvatī ||9||

Von diesen beiden erkläre ich dir zuerst das Erregen der Sarasvatī. Sarasvatī wird von den Kennern der alten [Überlieferung] auch Arundhatī genannt.

Wort für Wort
tayoḥ ādau
von diesen beiden zuerst (Gen.Du., Lok.Sg.)
sarasvatyāḥ cālanam
das Erregen der Sarasvatī (Akk.Sg.)
kathayāmi te
ich erkläre dir (1.Sg.Präs.)
arundhatī eva
eben Arundhatī (Nom.Sg.)
kathitā
genannt (Nom.Sg.f.)
purā-vidbhiḥ
von den Kennern des Alten (Instr.Pl.)
sarasvatī
Sarasvatī (Nom.Sg.)

yasyāḥ sañcālanenaiva svayaṃ calati kuṇḍalī | iḍāyāṃ vahati prāṇe baddhvā padmāsanaṃ dṛḍham ||10||

Durch ihr Erregen allein gerät die Kuṇḍalī von selbst in Bewegung. Während der Atem in der Iḍā fließt, nehme man fest den Lotossitz ein,

Wort für Wort
yasyāḥ
deren (Gen.Sg.f.)
sañcālanena eva
allein durch das Erregen (Instr.Sg.)
svayam
von selbst
calati
bewegt sich (3.Sg.Präs.)
kuṇḍalī
die Kuṇḍalī (Nom.Sg.)
iḍāyām vahati prāṇe
während der Atem in der Iḍā fließt (Lok.abs.)
baddhvā
eingenommen habend, bindend (Absol.)
padmāsanam
den Lotossitz (Akk.Sg.)
dṛḍham
fest (Adv.)

dvādaśāṅgula-dairghyaṃ ca ambaraṃ catur-aṅgulam | vistīrya tena tan-nāḍīṃ veṣṭayitvā tataḥ sudhīḥ ||11||

breite ein Tuch von zwölf Fingerbreit Länge und vier Fingerbreit [Breite] aus, umwickle damit jene Nāḍī [d.h. den Bauch in Nabelhöhe] und dann, o Kluger,

Wort für Wort
dvādaśa-aṅgula-dairghyam
zwölf Fingerbreit lang (Akk.Sg.)
ca
und
ambaram
ein Tuch (Akk.Sg.)
catur-aṅgulam
vier Fingerbreit (Akk.Sg.)
vistīrya
ausbreitend (Absol.)
tena
damit (Instr.Sg.)
tat-nāḍīm
jene Nāḍī (Akk.Sg.)
veṣṭayitvā
umwickelt habend (Absol.)
tataḥ
dann
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)

Hiat ca ambaram in der Vorlage metrisch bedingt, beibehalten. Die „Nāḍī“ ist hier die Sarasvatī, die man sich als am Nabel liegend vorstellt; das Umwickeln mit einem Tuch und das Hin- und Herbewegen (Verse 12–13) beschreiben die Nauli-artige Bauchmanipulation.

aṅguṣṭha-tarjanībhyāṃ tu hastābhyāṃ dhārayed dṛḍham | sva-śaktyā cālayed vāme dakṣiṇena punaḥ punaḥ ||12||

halte [sie] mit Daumen und Zeigefinger beider Hände fest. Mit aller Kraft bewege man sie nach links und nach rechts, immer wieder,

Wort für Wort
aṅguṣṭha-tarjanībhyām
mit Daumen und Zeigefinger (Instr.Du.)
tu
aber
hastābhyām
mit beiden Händen (Instr.Du.)
dhārayet
halte man (3.Sg.Opt.Kaus.)
dṛḍham
fest (Adv.)
sva-śaktyā
mit eigener Kraft (Instr.Sg.)
cālayet
bewege man (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāme
nach links (Lok.Sg.)
dakṣiṇena
nach rechts (Instr.Sg.)
punaḥ punaḥ
immer wieder

Vorlage: dhārayeddhṛḍham; zu dhārayed dṛḍham berichtigt.

muhūrta-dvaya-paryantaṃ nirbhayāc cālayet sudhīḥ | ūrdhvam ākarṣayet kiñcit suṣumnāṃ kuṇḍalī-gatām ||13||

bis zu zwei Muhūrtas lang soll der Kluge sie ohne Furcht bewegen. Ein wenig ziehe man die Suṣumnā, in die die Kuṇḍalī eingetreten ist, nach oben.

Wort für Wort
muhūrta-dvaya-paryantam
bis zu zwei Muhūrtas (Akk.Sg., Adv.)
nirbhayāt
furchtlos (Abl.Sg.)
cālayet
bewege man (3.Sg.Opt.Kaus.)
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)
ūrdhvam
nach oben
ākarṣayet
ziehe man (3.Sg.Opt.Kaus.)
kiñcit
ein wenig
suṣumnām
die Suṣumnā (Akk.Sg.)
kuṇḍalī-gatām
in die die Kuṇḍalī eingegangen ist (Akk.Sg.f.)

Ein Muhūrta ist ein Zeitmaß von 48 Minuten. nirbhayāt: ablativisch gebrauchtes Adverb „aus Furchtlosigkeit“.

tena kuṇḍalinī tasyāḥ suṣumnāyā mukhaṃ vrajet | jahāti tasmāt prāṇo 'yaṃ suṣumnāṃ vrajati svataḥ ||14||

Dadurch gelangt die Kuṇḍalinī zum Mund dieser Suṣumnā. Der Lebensatem verlässt daraufhin [die Iḍā] und tritt von selbst in die Suṣumnā ein.

Wort für Wort
tena
dadurch (Instr.Sg.)
kuṇḍalinī
die Kuṇḍalinī (Nom.Sg.)
tasyāḥ suṣumnāyāḥ
dieser Suṣumnā (Gen.Sg.)
mukham
den Mund, die Öffnung (Akk.Sg.)
vrajet
gelangt (3.Sg.Opt.)
jahāti
verlässt (3.Sg.Präs.)
tasmāt
daraufhin (Abl.Sg.)
prāṇaḥ ayam
dieser Lebensatem (Nom.Sg.)
suṣumnām vrajati
tritt in die Suṣumnā ein (3.Sg.Präs.)
svataḥ
von selbst

tunde tu tānaṃ kuryāc ca kaṇṭha-saṅkocane kṛte | sarasvatyāṃ cālanena vakṣasaś cordhva-go marut ||15||

Man spanne den Bauch und ziehe die Kehle zusammen; durch das Erregen in der Sarasvatī steigt der Wind von der Brust aus nach oben.

Wort für Wort
tunde tu
im Bauch aber (Lok.Sg.)
tānam kuryāt ca
und mache eine Spannung (3.Sg.Opt.)
kaṇṭha-saṅkocane kṛte
wenn die Zusammenziehung der Kehle ausgeführt ist (Lok.abs.)
sarasvatyām
in der Sarasvatī (Lok.Sg.)
cālanena
durch das Erregen (Instr.Sg.)
vakṣasaḥ ca
und von der Brust (Abl.Sg.)
ūrdhva-gaḥ
nach oben gehend (Nom.Sg.)
marut
der Wind (Nom.Sg.)

sūryeṇa recayed vāyuṃ sarasvatyās tu cālane | kaṇṭha-saṅkocanaṃ kṛtvā vakṣasaś cordhva-go marut ||16||

Beim Erregen der Sarasvatī atme man den Wind durch die Sonne (piṅgalā, das rechte Nasenloch) aus. Hat man die Kehle zusammengezogen, steigt der Wind von der Brust aus nach oben.

Wort für Wort
sūryeṇa
durch die Sonne [Piṅgalā] (Instr.Sg.)
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
sarasvatyāḥ tu cālane
beim Erregen der Sarasvatī (Lok.Sg.)
kaṇṭha-saṅkocanam kṛtvā
die Kehle zusammengezogen habend (Absol.)
vakṣasaḥ ca
und von der Brust (Abl.Sg.)
ūrdhva-gaḥ marut
der Wind, nach oben gehend (Nom.Sg.)

tasmāt sañcālayen nityaṃ śabda-garbhāṃ sarasvatīm | yasyāḥ sañcālanenaiva yogī rogaiḥ pramucyate ||17||

Deshalb soll man beständig die Sarasvatī erregen, die den Klang in sich trägt; durch ihr Erregen allein wird der Yogin von Krankheiten befreit.

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
sañcālayet
soll erregen (3.Sg.Opt.Kaus.)
nityam
beständig
śabda-garbhām
den Laut in sich tragend (Akk.Sg.f.)
sarasvatīm
die Sarasvatī (Akk.Sg.)
yasyāḥ sañcālanena eva
allein durch deren Erregen (Instr.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
rogaiḥ
von Krankheiten (Instr.Pl.)
pramucyate
wird befreit (3.Sg.Pass.)

śabda-garbhā „schwanger mit dem Laut“: Sarasvatī ist auch die Göttin der Rede; in der Suṣumnā entsteht der innere Klang (nāda).

gulmaṃ jalodaraḥ plīhā ye cānye tunda-madhya-gāḥ | sarve te śakti-cālena rogā naśyanti niścayam ||18||

Unterleibsgeschwulst (gulma), Wassersucht, Milzleiden und welche anderen [Krankheiten] sonst im Bauch sitzen – sie alle schwinden durch das Erregen der Kraft, ganz gewiss.

Wort für Wort
gulmam
Unterleibsgeschwulst (Nom.Sg.)
jalodaraḥ
Wassersucht (Nom.Sg.)
plīhā
Milz[leiden] (Nom.Sg.)
ye ca anye
und welche anderen (Nom.Pl.)
tunda-madhya-gāḥ
in der Mitte des Bauches sitzend (Nom.Pl.)
sarve te rogāḥ
alle diese Krankheiten (Nom.Pl.)
śakti-cālena
durch das Erregen der Kraft (Instr.Sg.)
naśyanti
schwinden (3.Pl.Präs.)
niścayam
gewiss (Adv.)

prāṇa-rodham athedānīṃ pravakṣyāmi samāsataḥ | prāṇaś ca dahano vāyur āyāmaḥ kumbhakaḥ smṛtaḥ ||19||

Nun will ich in Kürze die Hemmung des Atems (prāṇa-rodha) darlegen. Prāṇa ist der Wind, der [wie Feuer] brennt; Zügelung (āyāma) heißt das Anhalten (kumbhaka).

Wort für Wort
prāṇa-rodham
die Hemmung des Atems (Akk.Sg.)
atha idānīm
nun jetzt
pravakṣyāmi
ich werde darlegen (1.Sg.Fut.)
samāsataḥ
in Kürze (Adv.)
prāṇaḥ ca
und Prāṇa (Nom.Sg.)
dahanaḥ vāyuḥ
der brennende Wind (Nom.Sg.)
āyāmaḥ
Zügelung, Ausdehnung (Nom.Sg.)
kumbhakaḥ smṛtaḥ
wird als Anhalten überliefert (Nom.Sg.)

Nirukti des Wortes prāṇāyāma: prāṇa = dahano vāyuḥ „der brennende Wind“ (Verbindung zum Verdauungsfeuer), āyāma = kumbhaka.

sa eva dvividhaḥ proktaḥ sahitaḥ kevalas tathā | yāvat kevala-siddhiḥ syāt tāvat sahitam abhyaset ||20||

Dieses [Anhalten] wird zweifach gelehrt: als verbundenes (sahita) und als reines (kevala). Solange das reine [Anhalten] nicht gelingt, übe man das verbundene.

Wort für Wort
saḥ eva
eben dieses (Nom.Sg.)
dvividhaḥ proktaḥ
wird zweifach gelehrt (Nom.Sg.)
sahitaḥ
verbunden [mit Ein- und Ausatmung] (Nom.Sg.)
kevalaḥ tathā
und rein, allein (Nom.Sg.)
yāvat
solange
kevala-siddhiḥ syāt
das reine [Kumbhaka] gelingt (3.Sg.Opt.)
tāvat
so lange
sahitam abhyaset
übe man das verbundene (3.Sg.Opt.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2.71–73.

sūryojjāyī śītalī ca bhastrī caiva caturthikā | bhedair eva samaṃ kumbho yaḥ syāt sahita-kumbhakaḥ ||21||

Sūrya[bheda], Ujjāyī, Śītalī und als viertes Bhastrī – das Anhalten, das mit diesen Unterarten verbunden ist, ist das verbundene Anhalten (sahita-kumbhaka).

Wort für Wort
sūrya-ujjāyī
Sūrya[bheda] und Ujjāyī (Nom.)
śītalī ca
und Śītalī (Nom.Sg.)
bhastrī ca eva
und Bhastrī (Nom.Sg.)
caturthikā
die vierte (Nom.Sg.f.)
bhedaiḥ eva samam
zusammen mit den Unterarten (Instr.Pl.)
kumbhaḥ yaḥ syāt
welches Anhalten ist (3.Sg.Opt.)
sahita-kumbhakaḥ
das verbundene Anhalten (Nom.Sg.)

Die Haṭhapradīpikā (2.44) nennt acht Kumbhakas; hier nur die vier ersten. bhastrī ist die weibliche Form von bhastrā „Blasebalg“.

pavitre nirjane deśe śarkarādi-vivarjite | dhanuḥ-pramāṇa-paryante śītāgni-jala-varjite ||22||

An einem reinen, menschenleeren Ort, frei von Kies und dergleichen, im Umkreis einer Bogenlänge frei von Kälte, Feuer und Wasser,

Wort für Wort
pavitre
an einem reinen (Lok.Sg.)
nirjane deśe
an einem menschenleeren Ort (Lok.Sg.)
śarkarā-ādi-vivarjite
frei von Kies usw. (Lok.Sg.)
dhanuḥ-pramāṇa-paryante
im Umkreis von einer Bogenlänge (Lok.Sg.)
śīta-agni-jala-varjite
frei von Kälte, Feuer und Wasser (Lok.Sg.)

pavitre nātyucca-nīce hy āsane sukha-de sukhe | baddha-padmāsanaṃ kṛtvā sarasvatyās tu cālanam ||23||

auf einem reinen, weder zu hohen noch zu niedrigen, behaglichen und Behagen spendenden Sitz nehme man den gebundenen Lotossitz ein und führe das Erregen der Sarasvatī aus.

Wort für Wort
pavitre
auf einem reinen (Lok.Sg.)
na ati-ucca-nīce
nicht zu hoch, nicht zu niedrig (Lok.Sg.)
hi
fürwahr
āsane
auf einem Sitz (Lok.Sg.)
sukha-de sukhe
Behagen spendend, behaglich (Lok.Sg.)
baddha-padmāsanam kṛtvā
den gebundenen Lotossitz eingenommen habend (Absol.)
sarasvatyāḥ tu cālanam
[und] das Erregen der Sarasvatī (Akk.Sg.)

dakṣa-nāḍyā samākṛṣya bahiṣṭhaṃ pavanaṃ śanaiḥ | yatheṣṭaṃ pūrayed vāyuṃ recayed iḍayā tataḥ ||24||

Man sauge den äußeren Wind langsam durch die rechte Nāḍī ein und fülle sich nach Belieben mit dem Wind; dann atme man durch die Iḍā aus.

Wort für Wort
dakṣa-nāḍyā
durch die rechte Nāḍī (Instr.Sg.)
samākṛṣya
einsaugend (Absol.)
bahiṣṭham pavanam
den äußeren Wind (Akk.Sg.)
śanaiḥ
langsam
yathā-iṣṭam
nach Belieben
pūrayet vāyum
fülle man den Wind ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
iḍayā
durch die Iḍā (Instr.Sg.)
tataḥ
dann

Sūryabheda-Kumbhaka; vgl. Haṭhapradīpikā 2.48–50.

kapāla-śodhane vāpi recayet pavanaṃ śanaiḥ | catuṣkaṃ vāta-doṣaṃ tu kṛmi-doṣaṃ nihanti ca ||25||

Auch zur Reinigung des Schädels atme man den Wind langsam aus. [Diese Übung] vernichtet das vierfache Wind-Übel (vāta-doṣa) und das Wurm-Übel.

Wort für Wort
kapāla-śodhane
zur Reinigung des Schädels (Lok.Sg.)
vā api
oder auch
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
pavanam śanaiḥ
den Wind langsam (Akk.Sg.)
catuṣkam
vierfach (Akk.Sg.)
vāta-doṣam tu
das Wind-Übel aber (Akk.Sg.)
kṛmi-doṣam
das Wurm-Übel (Akk.Sg.)
nihanti ca
und vernichtet (3.Sg.Präs.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2.50: kapāla-śodhanaṃ vāta-doṣa-ghnaṃ kṛmi-doṣa-hṛt. Die Zahl „vier“ (catuṣka) beim Vāta-Doṣa hat in der Vorlage keine nähere Erklärung; gemeint sind wohl die verschiedenen Sitze der Windstörung.

punaḥ punar idaṃ kāryaṃ sūrya-bhedam udāhṛtam | mukhaṃ saṃyamya nāḍibhyām ākṛṣya pavanaṃ śanaiḥ ||26||

Immer wieder ist dies auszuführen; es wird Sūryabheda genannt. [Ujjāyī:] Man schließe den Mund, sauge den Wind langsam durch beide Nāḍīs ein,

Wort für Wort
punaḥ punaḥ
immer wieder
idam kāryam
dies ist auszuführen (Gerundiv)
sūrya-bhedam
Sūryabheda, „Sonnendurchbrechung“ (Nom.Sg.)
udāhṛtam
genannt (Nom.Sg.)
mukham saṃyamya
den Mund schließend (Absol.)
nāḍibhyām
durch beide Nāḍīs (Instr.Du.)
ākṛṣya
einsaugend (Absol.)
pavanam śanaiḥ
den Wind langsam (Akk.Sg.)

nāḍibhyām mit kurzem i in der Vorlage (metrisch); beibehalten. Ujjāyī: vgl. Haṭhapradīpikā 2.51–53.

yathā lagati kaṇṭhāt tu hṛdayāvadhi sasvanam | pūrvavat kumbhayet prāṇaṃ recayed iḍayā tataḥ ||27||

so dass er von der Kehle bis zum Herzen mit einem Geräusch anliegt; wie zuvor halte man den Atem an und atme dann durch die Iḍā aus.

Wort für Wort
yathā
so dass
lagati
anliegt, haftet (3.Sg.Präs.)
kaṇṭhāt tu
von der Kehle aber (Abl.Sg.)
hṛdaya-avadhi
bis zum Herzen (Adv.)
sa-svanam
mit Geräusch (Adv.)
pūrva-vat
wie zuvor
kumbhayet prāṇam
halte man den Atem an (3.Sg.Opt.Denom.)
recayet iḍayā tataḥ
dann atme man durch die Iḍā aus (3.Sg.Opt.Kaus.)

śīrṣodita-anala-haraṃ gala-śleṣma-haraṃ param | sarva-roga-haraṃ puṇyaṃ dehānala-vivardhanam ||28||

[Dieses Anhalten] beseitigt die im Kopf aufsteigende Hitze und vor allem den Schleim der Kehle; es beseitigt alle Krankheiten, ist heilbringend und mehrt das Körperfeuer.

Wort für Wort
śīrṣa-udita-anala-haram
die im Kopf aufgestiegene Hitze beseitigend (Nom.Sg.)
gala-śleṣma-haram
den Kehlschleim beseitigend (Nom.Sg.)
param
besonders, vorzüglich (Nom.Sg.)
sarva-roga-haram
alle Krankheiten beseitigend (Nom.Sg.)
puṇyam
heilbringend (Nom.Sg.)
deha-anala-vivardhanam
das Körperfeuer mehrend (Nom.Sg.)

nāḍī-jalodaraṃ dhātu-gata-doṣa-vināśanam | gacchatas tiṣṭhataḥ kāryam ujjāyy-ākhyaṃ tu kumbhakam ||29||

Es vernichtet die Schäden der Nāḍīs, die Wassersucht und die in den Körpergeweben (dhātu) sitzenden Übel. Das Ujjāyī genannte Anhalten kann im Gehen wie im Stehen ausgeführt werden.

Wort für Wort
nāḍī-jalodaram
[Übel der] Nāḍīs und Wassersucht (Akk.Sg.)
dhātu-gata-doṣa-vināśanam
die in den Geweben sitzenden Übel vernichtend (Nom.Sg.)
gacchataḥ tiṣṭhataḥ
des Gehenden, des Stehenden (Gen.Sg.)
kāryam
ist auszuführen (Gerundiv)
ujjāyī-ākhyam tu
Ujjāyī genannt aber (Nom.Sg.)
kumbhakam
das Anhalten (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2.53: nāḍī-jalodarā-dhātu-gata-doṣa-vināśanam.

jihvayā vāyum ākṛṣya pūrvavat kumbhakād anu | śanais tu ghrāṇa-randhrābhyāṃ recayed anilaṃ sudhīḥ ||30||

[Śītalī:] Man sauge den Wind mit der Zunge ein und atme ihn nach dem Anhalten, das wie zuvor [erfolgt], langsam durch beide Nasenlöcher aus, als Kluger.

Wort für Wort
jihvayā
mit der Zunge (Instr.Sg.)
vāyum ākṛṣya
den Wind einsaugend (Absol.)
pūrva-vat
wie zuvor
kumbhakāt anu
nach dem Anhalten (Abl.Sg.)
śanaiḥ tu
langsam aber
ghrāṇa-randhrābhyām
durch beide Nasenlöcher (Instr.Du.)
recayet anilam
atme man den Wind aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2.57–58.

gulma-plīhādikān doṣān kṣayaṃ pittaṃ jvaraṃ tṛṣām | viṣāṇi śītalī nāma kumbhako 'yaṃ nihanti ca ||31||

Unterleibsgeschwulst, Milzleiden und ähnliche Übel, Schwindsucht, Galle[fieber], Fieber, Durst und Gifte vernichtet dieses Anhalten namens Śītalī.

Wort für Wort
gulma-plīhā-ādikān doṣān
Übel wie Geschwulst und Milzleiden (Akk.Pl.)
kṣayam
Schwindsucht (Akk.Sg.)
pittam
Galle[leiden] (Akk.Sg.)
jvaram
Fieber (Akk.Sg.)
tṛṣām
Durst (Akk.Sg.)
viṣāṇi
Gifte (Akk.Pl.)
śītalī nāma
namens Śītalī, „die Kühlende“
kumbhakaḥ ayam
dieses Anhalten (Nom.Sg.)
nihanti ca
und vernichtet (3.Sg.Präs.)

tataḥ padmāsanaṃ baddhvā sama-grīvodaraḥ sudhīḥ | mukhaṃ saṃyamya yatnena prāṇaṃ ghrāṇena recayet ||32||

[Bhastrī:] Dann nehme der Kluge den Lotossitz ein, mit Nacken und Bauch in gerader Linie, schließe den Mund und atme den Atem sorgfältig durch die Nase aus,

Wort für Wort
tataḥ
dann
padmāsanam baddhvā
den Lotossitz eingenommen habend (Absol.)
sama-grīva-udaraḥ
mit geradem Nacken und Bauch (Nom.Sg.)
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)
mukham saṃyamya
den Mund schließend (Absol.)
yatnena
sorgfältig (Instr.Sg.)
prāṇam
den Atem (Akk.Sg.)
ghrāṇena recayet
atme durch die Nase aus (3.Sg.Opt.Kaus.)

Bhastrikā: vgl. Haṭhapradīpikā 2.59–67.

yathā lagati kaṇṭhāt tu kapāle sasvanaṃ tataḥ | vegena pūrayet kiñcid hṛt-padmāvadhi mārutam ||33||

so dass er von der Kehle an bis zum Schädel mit einem Geräusch anliegt. Dann fülle man mit Schwung ein wenig Wind ein, bis zum Herzlotos,

Wort für Wort
yathā lagati
so dass er anliegt (3.Sg.Präs.)
kaṇṭhāt tu
von der Kehle aber (Abl.Sg.)
kapāle
im Schädel (Lok.Sg.)
sa-svanam
mit Geräusch (Adv.)
tataḥ
dann
vegena
mit Schwung (Instr.Sg.)
pūrayet
fülle man ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
kiñcit
ein wenig
hṛt-padma-avadhi
bis zum Herzlotos (Adv.)
mārutam
den Wind (Akk.Sg.)

Vorlage: kiñcidhṛt-; die Sandhi-Form müsste kiñciddhṛt- lauten (kiñcid + hṛt); hier aufgelöst zu kiñcid hṛt-padmāvadhi.

punar virecayet tadvat pūrayec ca punaḥ punaḥ | yathaiva loha-kārāṇāṃ bhastrā vegena cālyate ||34||

atme ihn ebenso wieder aus und fülle ihn wieder und wieder ein. Wie der Blasebalg der Schmiede mit Schwung bewegt wird,

Wort für Wort
punaḥ
wieder
virecayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
tadvat
ebenso
pūrayet ca
und fülle ein (3.Sg.Opt.Kaus.)
punaḥ punaḥ
wieder und wieder
yathā eva
wie eben
loha-kārāṇām
der Schmiede (Gen.Pl.)
bhastrā
der Blasebalg (Nom.Sg.)
vegena cālyate
mit Schwung bewegt wird (3.Sg.Pass.)

tathaiva sva-śarīra-sthaṃ cālayet pavanaṃ śanaiḥ | yathā śramo bhaved dehe tathā sūryeṇa pūrayet ||35||

ebenso bewege man den Wind im eigenen Körper, [zunächst] langsam. Sobald Ermüdung im Körper eintritt, fülle man [den Wind] durch die Sonne (piṅgalā) ein,

Wort für Wort
tathā eva
ebenso
sva-śarīra-stham
im eigenen Körper befindlich (Akk.Sg.)
cālayet
bewege man (3.Sg.Opt.Kaus.)
pavanam śanaiḥ
den Wind langsam (Akk.Sg.)
yathā
sobald
śramaḥ bhavet
Ermüdung eintritt (3.Sg.Opt.)
dehe
im Körper (Lok.Sg.)
tathā
dann
sūryeṇa pūrayet
fülle man durch die Sonne ein (3.Sg.Opt.Kaus.)

yathodaraṃ bhavet pūrṇaṃ pavanena tathā laghu | dhārayen nāsikā-madhyaṃ tarjanībhyāṃ vinā dṛḍham ||36||

so dass der Bauch rasch ganz vom Wind gefüllt ist. Dann halte man die Nasenmitte fest – ohne die Zeigefinger –,

Wort für Wort
yathā
so dass
udaram
der Bauch (Nom.Sg.)
bhavet pūrṇam
voll wird (3.Sg.Opt.)
pavanena
vom Wind (Instr.Sg.)
tathā laghu
so rasch (Adv.)
dhārayet
halte man (3.Sg.Opt.Kaus.)
nāsikā-madhyam
die Nasenmitte (Akk.Sg.)
tarjanībhyām vinā
ohne die beiden Zeigefinger (Instr.Du.)
dṛḍham
fest (Adv.)

Die Nase wird mit Daumen, Ringfinger und kleinem Finger gehalten, Zeige- und Mittelfinger bleiben ausgeschlossen; vgl. Haṭhapradīpikā 2.63.

kumbhakaṃ pūrvavat kṛtvā recayed iḍayānilam | kaṇṭhotthita-anala-haraṃ śarīrāgni-vivardhanam ||37||

führe das Anhalten wie zuvor aus und atme den Wind durch die Iḍā aus. [Diese Übung] beseitigt die in der Kehle aufsteigende Hitze und mehrt das Körperfeuer;

Wort für Wort
kumbhakam pūrva-vat kṛtvā
das Anhalten wie zuvor ausgeführt habend (Absol.)
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
iḍayā anilam
den Wind durch die Iḍā (Instr.Sg., Akk.Sg.)
kaṇṭha-utthita-anala-haram
die in der Kehle aufgestiegene Hitze beseitigend (Nom.Sg.)
śarīra-agni-vivardhanam
das Körperfeuer mehrend (Nom.Sg.)

Vorlage: receyed; zu recayed berichtigt.

kuṇḍalī-bodhakaṃ puṇyaṃ pāpa-ghnaṃ śubha-daṃ sukham | brahma-nāḍī-mukhānta-stha-kaphādy-argala-nāśanam ||38||

sie erweckt die Kuṇḍalī, ist heilbringend, sündentilgend, glückverheißend und angenehm und beseitigt den Riegel aus Schleim und dergleichen, der am Eingang der Brahma-Nāḍī sitzt.

Wort für Wort
kuṇḍalī-bodhakam
die Kuṇḍalī erweckend (Nom.Sg.)
puṇyam
heilbringend (Nom.Sg.)
pāpa-ghnam
sündentilgend (Nom.Sg.)
śubha-dam
Glück gebend (Nom.Sg.)
sukham
angenehm (Nom.Sg.)
brahma-nāḍī-mukha-anta-stha-kapha-ādi-argala-nāśanam
den am Eingang der Brahma-Nāḍī sitzenden Riegel aus Schleim usw. beseitigend (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 2.66.

guṇa-traya-samudbhūta-granthi-traya-vibhedakam | viśeṣeṇaiva kartavyaṃ bhastrākhyaṃ kumbhakaṃ tv idam ||39||

Sie durchbricht die drei Knoten (granthi), die aus den drei Guṇas entstanden sind. Dieses Anhalten namens Bhastrā ist ganz besonders zu üben.

Wort für Wort
guṇa-traya-samudbhūta-granthi-traya-vibhedakam
die aus den drei Guṇas entstandenen drei Knoten durchbrechend (Nom.Sg.)
viśeṣeṇa eva
ganz besonders (Instr.Sg.)
kartavyam
ist auszuführen (Gerundiv)
bhastrā-ākhyam
Bhastrā genannt (Nom.Sg.)
kumbhakam tu idam
dieses Anhalten aber (Nom.Sg.)

Die drei Knoten Brahma-, Viṣṇu- und Rudra-Granthi (vgl. Verse 67–68, 85–86) werden hier den drei Guṇas Rajas, Sattva und Tamas zugeordnet.

caturṇām api bhedānāṃ kumbhake samupasthite | bandha-trayam idaṃ kāryaṃ yogibhir vīta-kalmaṣaiḥ ||40||

Wenn das Anhalten in einer der vier Arten eingetreten ist, sollen die Yogins, die frei von Makel sind, diese drei Verschlüsse (bandha) ausführen.

Wort für Wort
caturṇām api bhedānām
der vier Arten (Gen.Pl.)
kumbhake samupasthite
wenn das Anhalten eingetreten ist (Lok.abs.)
bandha-trayam idam
diese Dreiheit der Verschlüsse (Nom.Sg.)
kāryam
ist auszuführen (Gerundiv)
yogibhiḥ
von den Yogins (Instr.Pl.)
vīta-kalmaṣaiḥ
die frei von Makel sind (Instr.Pl.)

prathamo mūla-bandhas tu dvitīyoḍḍīyaṇābhidhaḥ | jālandharas tṛtīyas tu teṣāṃ lakṣaṇam ucyate ||41||

Der erste ist der Mūla-Bandha, der zweite heißt Uḍḍīyaṇa, der dritte ist der Jālandhara. Ihre Kennzeichen werden [nun] genannt.

Wort für Wort
prathamaḥ
der erste (Nom.Sg.)
mūla-bandhaḥ tu
der Wurzelverschluss (Nom.Sg.)
dvitīyaḥ
der zweite (Nom.Sg.)
uḍḍīyaṇa-abhidhaḥ
Uḍḍīyaṇa genannt (Nom.Sg.)
jālandharaḥ
Jālandhara (Nom.Sg.)
tṛtīyaḥ tu
der dritte aber (Nom.Sg.)
teṣām
ihre (Gen.Pl.)
lakṣaṇam ucyate
das Kennzeichen wird genannt (3.Sg.Pass.)

Die Vorlage schreibt den Namen des Bauchverschlusses wechselnd uḍḍīyaṇa (41, 48) und uḍḍiyāṇa (47); die Schreibung wird jeweils beibehalten. Die drei Bandhas: vgl. Haṭhapradīpikā 3.55–76.

adho-gatim apānaṃ vai ūrdhva-gaṃ kurute balāt | ākuñcanena taṃ prāhur mūla-bandho 'yam ucyate ||42||

Den abwärts strebenden Apāna macht man mit Kraft aufwärts gehend, durch Zusammenziehen [des Afters]; das nennt man Mūla-Bandha.

Wort für Wort
adhaḥ-gatim
abwärts gehend (Akk.Sg.)
apānam vai
den Apāna fürwahr (Akk.Sg.)
ūrdhva-gam kurute
macht aufwärts gehend (3.Sg.Präs.Med.)
balāt
mit Kraft (Abl.Sg.)
ākuñcanena
durch Zusammenziehen (Instr.Sg.)
tam prāhuḥ
das nennen sie (3.Pl.Perf.)
mūla-bandhaḥ ayam ucyate
dies wird Mūla-Bandha genannt (3.Sg.Pass.)

Hiat vai ūrdhva- in der Vorlage. Vgl. Haṭhapradīpikā 3.61 und Yogacūḍāmaṇi 46.

apāne cordhva-ge yāte samprāpte vahni-maṇḍale | tato 'nala-śikhā dīrghā vardhate vāyunāhatā ||43||

Wenn der Apāna aufwärts gegangen und in den Bereich des Feuers gelangt ist, dann wird die Flamme des Feuers, vom Wind angefacht, lang und wächst.

Wort für Wort
apāne ca ūrdhva-ge yāte
wenn der Apāna aufwärts gegangen ist (Lok.abs.)
samprāpte
gelangt (Lok.abs.)
vahni-maṇḍale
in den Bereich des Feuers (Lok.Sg.)
tataḥ
dann
anala-śikhā
die Flamme des Feuers (Nom.Sg.)
dīrghā
lang (Nom.Sg.f.)
vardhate
wächst (3.Sg.Präs.Med.)
vāyunā āhatā
vom Wind angefacht (Nom.Sg.f.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.66. Vorlage: vāyunā''hatā (= vāyunā āhatā).

tato yātau vahny-apānau prāṇam uṣṇa-svarūpakam | tenātyanta-pradīptena jvalano deha-jas tathā ||44||

Dann gelangen Feuer und Apāna zum Prāṇa, dessen Wesen Hitze ist. Durch diesen überaus entflammten [Prāṇa] wird ebenso das im Leib entstandene Feuer [entfacht].

Wort für Wort
tataḥ
dann
yātau
gegangen (Nom.Du.)
vahni-apānau
Feuer und Apāna (Nom.Du.)
prāṇam
zum Prāṇa (Akk.Sg.)
uṣṇa-svarūpakam
dessen Wesen Hitze ist (Akk.Sg.)
tena
durch diesen (Instr.Sg.)
atyanta-pradīptena
überaus entflammt (Instr.Sg.)
jvalanaḥ
das Feuer (Nom.Sg.)
deha-jaḥ tathā
ebenso das im Leib entstandene (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.67. Der Satz ist elliptisch; das Verb des zweiten Halbverses ist aus dem vorigen zu ergänzen.

tena kuṇḍalinī suptā santaptā samprabudhyate | daṇḍāhata-bhujaṅgīva niḥśvasya ṛjutāṃ vrajet ||45||

Dadurch wird die schlafende Kuṇḍalinī erhitzt und erwacht ganz; wie eine mit dem Stock geschlagene Schlange zischt sie auf und richtet sich gerade auf.

Wort für Wort
tena
dadurch (Instr.Sg.)
kuṇḍalinī suptā
die schlafende Kuṇḍalinī (Nom.Sg.)
santaptā
erhitzt (Nom.Sg.f.)
samprabudhyate
erwacht völlig (3.Sg.Präs.Pass.)
daṇḍa-āhata-bhujaṅgī iva
wie eine vom Stock geschlagene Schlange (Nom.Sg.f.)
niḥśvasya
zischend, aufseufzend (Absol.)
ṛjutām vrajet
gelangt zur Geradheit (3.Sg.Opt.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.68. Hiat niḥśvasya ṛjutām in der Vorlage.

bila-praveśato yatra brahma-nāḍy-antaraṃ vrajet | tasmān nityaṃ mūla-bandhaḥ kartavyo yogibhiḥ sadā ||46||

Wie in ein Loch dringt sie dort in das Innere der Brahma-Nāḍī ein. Deshalb sollen die Yogins beständig und immer den Mūla-Bandha ausführen.

Wort für Wort
bila-praveśataḥ
wie beim Eintritt in ein Loch (Abl.Sg.)
yatra
wo, dort
brahma-nāḍī-antaram
in das Innere der Brahma-Nāḍī (Akk.Sg.)
vrajet
dringt sie ein (3.Sg.Opt.)
tasmāt
deshalb
nityam
beständig
mūla-bandhaḥ
der Mūla-Bandha (Nom.Sg.)
kartavyaḥ
ist auszuführen (Gerundiv)
yogibhiḥ sadā
von den Yogins immer (Instr.Pl.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.69.

kumbhakānte recakādau kartavyas tūḍḍiyāṇakaḥ | bandho yena suṣumnāyāṃ prāṇas tūḍḍīyate yataḥ ||47||

Am Ende des Anhaltens und zu Beginn des Ausatmens ist der Uḍḍiyāṇa auszuführen. Weil durch diesen Verschluss der Prāṇa in der Suṣumnā auffliegt (uḍḍīyate),

Wort für Wort
kumbhaka-ante
am Ende des Anhaltens (Lok.Sg.)
recaka-ādau
zu Beginn des Ausatmens (Lok.Sg.)
kartavyaḥ tu
ist auszuführen aber (Gerundiv)
uḍḍiyāṇakaḥ
der Uḍḍiyāṇa (Nom.Sg.)
bandhaḥ
der Verschluss (Nom.Sg.)
yena
durch den (Instr.Sg.)
suṣumnāyām
in der Suṣumnā (Lok.Sg.)
prāṇaḥ tu uḍḍīyate
der Prāṇa auffliegt (3.Sg.Pass.)
yataḥ
weil

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.55–56.

tasmād uḍḍīyaṇākhyo 'yaṃ yogibhiḥ samudāhṛtaḥ | sati vajrāsane pādau karābhyāṃ dhārayed dṛḍham ||48||

deshalb wird er von den Yogins Uḍḍīyaṇa genannt. Im Vajrāsana sitzend halte man die Füße mit beiden Händen fest,

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
uḍḍīyaṇa-ākhyaḥ ayam
dieser Uḍḍīyaṇa genannte (Nom.Sg.)
yogibhiḥ samudāhṛtaḥ
von den Yogins bezeichnet (Nom.Sg.)
sati vajrāsane
wenn der Vajrāsana [eingenommen] ist (Lok.abs.)
pādau
die beiden Füße (Akk.Du.)
karābhyām
mit beiden Händen (Instr.Du.)
dhārayet dṛḍham
halte man fest (3.Sg.Opt.Kaus.)

gulpha-deśa-samīpe ca kandaṃ tatra prapīḍayet | paścimaṃ tānam udare dhārayed hṛdaye gale ||49||

und presse dort, nahe der Knöchelgegend, den Wurzelknoten (kanda). Die Spannung nach hinten halte man im Bauch, im Herzen und in der Kehle.

Wort für Wort
gulpha-deśa-samīpe ca
und nahe der Knöchelgegend (Lok.Sg.)
kandam
den Wurzelknoten (Akk.Sg.)
tatra
dort
prapīḍayet
presse man (3.Sg.Opt.Kaus.)
paścimam tānam
die Spannung nach hinten (Akk.Sg.)
udare
im Bauch (Lok.Sg.)
dhārayet
halte man (3.Sg.Opt.Kaus.)
hṛdaye
im Herzen (Lok.Sg.)
gale
in der Kehle (Lok.Sg.)

paścima-tāna „Spannung nach hinten“: das Zurückziehen der Bauchdecke gegen die Wirbelsäule. Vorlage: dhārayed-hṛdaye.

śanaiḥ śanair yadā prāṇas tunda-sandhiṃ nigacchati | tunda-doṣaṃ vinirdhūya kartavyaṃ satataṃ śanaiḥ ||50||

Wenn der Prāṇa ganz allmählich zur Verbindungsstelle des Bauches gelangt, [ist der Verschluss] beständig und langsam auszuführen, indem man die Übel des Bauches abschüttelt.

Wort für Wort
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
yadā
wenn
prāṇaḥ
der Prāṇa (Nom.Sg.)
tunda-sandhim
zur Verbindungsstelle des Bauches (Akk.Sg.)
nigacchati
gelangt (3.Sg.Präs.)
tunda-doṣam
das Übel des Bauches (Akk.Sg.)
vinirdhūya
abschüttelnd (Absol.)
kartavyam
ist auszuführen (Gerundiv)
satatam śanaiḥ
beständig, langsam

pūrakānte tu kartavyo bandho jālandharābhidhaḥ | kaṇṭha-saṅkoca-rūpo 'sau vāyu-mārga-nirodhakaḥ ||51||

Am Ende des Einatmens aber ist der Verschluss namens Jālandhara auszuführen. Er besteht im Zusammenziehen der Kehle und versperrt den Weg des Windes.

Wort für Wort
pūraka-ante tu
am Ende des Einatmens aber (Lok.Sg.)
kartavyaḥ
ist auszuführen (Gerundiv)
bandhaḥ
der Verschluss (Nom.Sg.)
jālandhara-abhidhaḥ
Jālandhara genannt (Nom.Sg.)
kaṇṭha-saṅkoca-rūpaḥ asau
dieser besteht im Zusammenziehen der Kehle (Nom.Sg.)
vāyu-mārga-nirodhakaḥ
den Weg des Windes versperrend (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.70–71.

adhastāt kuñcanenāśu kaṇṭha-saṅkocane kṛte | madhye paścima-tānena syāt prāṇo brahma-nāḍi-gaḥ ||52||

Wenn unten das Zusammenziehen [des Afters] rasch [ausgeführt] und die Kehle zusammengezogen ist, dann geht der Prāṇa durch die Spannung nach hinten in der Mitte in die Brahma-Nāḍī ein.

Wort für Wort
adhastāt
unten
kuñcanena
durch Zusammenziehen (Instr.Sg.)
āśu
rasch
kaṇṭha-saṅkocane kṛte
wenn die Kehle zusammengezogen ist (Lok.abs.)
madhye
in der Mitte (Lok.Sg.)
paścima-tānena
durch die Spannung nach hinten (Instr.Sg.)
syāt
wird (3.Sg.Opt.)
prāṇaḥ
der Prāṇa (Nom.Sg.)
brahma-nāḍi-gaḥ
in die Brahma-Nāḍī eingehend (Nom.Sg.)

brahma-nāḍi-gaḥ mit kurzem i in der Vorlage (metrisch).

pūrvoktena krameṇaiva samyag āsanam āsthitaḥ | cālanaṃ tu sarasvatyāḥ kṛtvā prāṇaṃ nirodhayet ||53||

In der zuvor genannten Reihenfolge nehme man ordnungsgemäß die Sitzhaltung ein, führe das Erregen der Sarasvatī aus und hemme [dann] den Atem.

Wort für Wort
pūrva-uktena krameṇa eva
in eben der zuvor genannten Reihenfolge (Instr.Sg.)
samyak
ordnungsgemäß
āsanam āsthitaḥ
die Sitzhaltung eingenommen habend (Nom.Sg.)
cālanam tu sarasvatyāḥ
das Erregen der Sarasvatī aber (Akk.Sg.)
kṛtvā
ausgeführt habend (Absol.)
prāṇam nirodhayet
hemme man den Atem (3.Sg.Opt.Kaus.)

prathame divase kāryaṃ kumbhakānāṃ catuṣṭayam | pratyekaṃ daśa-saṅkhyākaṃ dvitīye pañcabhis tathā ||54||

Am ersten Tag sind die vier Arten des Anhaltens auszuführen, jede zehnmal; am zweiten [Tag] um fünf [vermehrt],

Wort für Wort
prathame divase
am ersten Tag (Lok.Sg.)
kāryam
ist auszuführen (Gerundiv)
kumbhakānām catuṣṭayam
die Vierheit der Anhaltungen (Nom.Sg.)
pratyekam
jede einzeln (Adv.)
daśa-saṅkhyākam
zehn an der Zahl (Nom.Sg.)
dvitīye
am zweiten (Lok.Sg.)
pañcabhiḥ tathā
ebenso um fünf (Instr.Pl.)

viśaty alaṃ tṛtīye 'hni pañca-vṛddhyā dine dine | kartavyaḥ kumbhako nityaṃ bandha-traya-samanvitaḥ ||55||

am dritten Tag genügen zwanzig; mit einer Steigerung um fünf von Tag zu Tag ist das Anhalten täglich auszuführen, verbunden mit den drei Verschlüssen.

Wort für Wort
viśati
zwanzig
alam
genug
tṛtīye ahni
am dritten Tag (Lok.Sg.)
pañca-vṛddhyā
mit Steigerung um fünf (Instr.Sg.)
dine dine
Tag für Tag (Lok.Sg.)
kartavyaḥ
ist auszuführen (Gerundiv)
kumbhakaḥ nityam
das Anhalten täglich (Nom.Sg.)
bandha-traya-samanvitaḥ
mit den drei Verschlüssen verbunden (Nom.Sg.)

viśati (statt viṃśati) „zwanzig“ ist eine Schreibung der Vorlage, hier beibehalten.

divā suptir niśāyāṃ tu jāgarād ati-maithunāt | bahu-saṅkramaṇaṃ nityaṃ rodhān mūtra-purīṣayoḥ ||56||

Schlaf am Tag, Wachen bei Nacht, übermäßiger Geschlechtsverkehr, beständiges vieles Umherwandern, das Zurückhalten von Harn und Kot,

Wort für Wort
divā suptiḥ
Schlaf bei Tag (Nom.Sg.)
niśāyām tu jāgarāt
und durch Wachen in der Nacht (Abl.Sg.)
ati-maithunāt
durch übermäßigen Beischlaf (Abl.Sg.)
bahu-saṅkramaṇam
vieles Umherwandern (Nom.Sg.)
nityam
beständig
rodhāt
durch Zurückhalten (Abl.Sg.)
mūtra-purīṣayoḥ
von Harn und Kot (Gen.Du.)

viṣamāśana-doṣāc ca prayāsa-prāṇa-cintanāt | śīghram utpadyate rogaḥ stambhayed yadi saṃyamī ||57||

durch den Fehler unregelmäßiger Nahrung und durch angestrengtes Grübeln über den Atem entsteht rasch Krankheit, wenn der Beherrschte [den Atem gewaltsam] anhält.

Wort für Wort
viṣama-aśana-doṣāt ca
und durch den Fehler unregelmäßigen Essens (Abl.Sg.)
prayāsa-prāṇa-cintanāt
durch angestrengtes Denken an den Atem (Abl.Sg.)
śīghram
rasch
utpadyate rogaḥ
entsteht Krankheit (3.Sg.Präs.Med.)
stambhayet
anhält (3.Sg.Opt.Kaus.)
yadi
wenn
saṃyamī
der Beherrschte, der Übende (Nom.Sg.)

yogābhyāsena me roga utpanna iti kathyate | tato 'bhyāsaṃ tyajed evaṃ prathamaṃ vighna ucyate ||58||

„Durch die Yoga-Übung ist mir eine Krankheit entstanden“ – so sagt man dann und gibt darauf die Übung auf. Dies wird das erste Hindernis (vighna) genannt.

Wort für Wort
yoga-abhyāsena
durch die Yoga-Übung (Instr.Sg.)
me
mir (Gen./Dat.)
rogaḥ utpannaḥ
eine Krankheit ist entstanden (Nom.Sg.)
iti kathyate
so wird gesagt (3.Sg.Pass.)
tataḥ
darauf
abhyāsam tyajet
gibt er die Übung auf (3.Sg.Opt.)
evam
so
prathamam vighnaḥ ucyate
wird das erste Hindernis genannt (3.Sg.Pass.)

Die Liste der zehn Hindernisse (Verse 58–61) entspricht der Aufzählung im Yogaśāstra Dattātreyas und in der Śivasaṃhitā (5.1–13, dort in anderer Form).

dvitīyaṃ saṃśayākhyaṃ ca tṛtīyaṃ ca pramattatā | ālasyākhyaṃ caturthaṃ ca nidrā-rūpaṃ tu pañcamam ||59||

Das zweite heißt Zweifel, das dritte ist Unachtsamkeit, das vierte heißt Trägheit, das fünfte hat die Gestalt des Schlafes,

Wort für Wort
dvitīyam
das zweite (Nom.Sg.)
saṃśaya-ākhyam ca
und Zweifel genannt (Nom.Sg.)
tṛtīyam ca
und das dritte (Nom.Sg.)
pramattatā
Unachtsamkeit (Nom.Sg.)
ālasya-ākhyam caturtham ca
und das vierte, Trägheit genannt (Nom.Sg.)
nidrā-rūpam tu pañcamam
das fünfte aber von der Gestalt des Schlafes (Nom.Sg.)

ṣaṣṭhaṃ tu viratir bhrāntiḥ saptamaṃ parikīrtitam | viṣamaṃ cāṣṭamaṃ caiva anākhyaṃ navamaṃ smṛtam ||60||

das sechste ist das Aufhören [der Übung], das siebte wird Verwirrung genannt, das achte ist Unausgeglichenheit, und als neuntes gilt das Unbenennbare,

Wort für Wort
ṣaṣṭham tu
das sechste aber (Nom.Sg.)
viratiḥ
Aufhören, Abwendung (Nom.Sg.)
bhrāntiḥ
Verwirrung (Nom.Sg.)
saptamam parikīrtitam
wird als siebtes verkündet (Nom.Sg.)
viṣamam ca aṣṭamam ca eva
und das achte: Unausgeglichenheit (Nom.Sg.)
anākhyam
das Unbenennbare (Nom.Sg.)
navamam smṛtam
als neuntes überliefert (Nom.Sg.)

Hiat caiva anākhyam in der Vorlage. anākhya „ohne Namen“: das nicht Benennbare, vielleicht ein Zustand innerer Verdunkelung, dem der Übende keinen Namen geben kann.

alabdhir yoga-tattvasya daśamaṃ procyate budhaiḥ | ity etad vighna-daśakaṃ vicāreṇa tyajed budhaḥ ||61||

und das Nichterreichen des Wesens des Yoga wird von den Weisen als zehntes bezeichnet. Diese zehn Hindernisse soll der Weise durch Überlegung überwinden.

Wort für Wort
alabdhiḥ
das Nichterlangen (Nom.Sg.)
yoga-tattvasya
des Wesens des Yoga (Gen.Sg.)
daśamam
das zehnte (Nom.Sg.)
procyate budhaiḥ
wird von den Weisen genannt (3.Sg.Pass.)
iti etat
dies so
vighna-daśakam
die Zehnheit der Hindernisse (Akk.Sg.)
vicāreṇa
durch Überlegung (Instr.Sg.)
tyajet budhaḥ
soll der Weise aufgeben (3.Sg.Opt.)

prāṇābhyāsas tataḥ kāryo nityaṃ sattva-sthayā dhiyā | suṣumnā līyate cittaṃ tathā vāyuḥ pradhāvati ||62||

Darauf ist die Übung des Atems beständig mit einem in Klarheit (sattva) ruhenden Geist auszuführen. Der Geist (citta) löst sich in die Suṣumnā auf, und ebenso eilt der Wind [in sie hinein].

Wort für Wort
prāṇa-abhyāsaḥ
die Übung des Atems (Nom.Sg.)
tataḥ kāryaḥ
darauf ist auszuführen (Gerundiv)
nityam
beständig
sattva-sthayā dhiyā
mit in Sattva ruhendem Denken (Instr.Sg.)
suṣumnā
[in] die Suṣumnā (Nom. für Lok.)
līyate cittam
der Geist löst sich auf (3.Sg.Präs.Pass.)
tathā
ebenso
vāyuḥ pradhāvati
der Wind eilt hin (3.Sg.Präs.)

suṣumnā steht hier für suṣumnāyām (Lokativ), wie der Sinn verlangt.

śuṣke male tu yogī ca syād gatiś calitā tataḥ | adho-gatim apānaṃ vai ūrdhva-gaṃ kurute balāt ||63||

Sind die Unreinheiten getrocknet, dann kommt der Gang [des Windes] beim Yogin in Bewegung. Den abwärts strebenden Apāna macht man mit Kraft aufwärts gehend;

Wort für Wort
śuṣke male tu
wenn aber die Unreinheit getrocknet ist (Lok.abs.)
yogī ca
und [beim] Yogin (Nom.Sg.)
syāt gatiḥ calitā
wird der Gang in Bewegung gesetzt (3.Sg.Opt.)
tataḥ
dann
adhaḥ-gatim apānam vai
den abwärts gehenden Apāna (Akk.Sg.)
ūrdhva-gam kurute balāt
macht mit Kraft aufwärts gehend (3.Sg.Präs.Med.)

Die Verse 63cd–64ab wiederholen Vers 42.

ākuñcanena taṃ prāhur mūla-bandho 'yam ucyate | apānaś cordhva-go bhūtvā vahninā saha gacchati ||64||

durch das Zusammenziehen [des Afters]; das nennt man Mūla-Bandha. Der Apāna, aufwärts gehend geworden, geht zusammen mit dem Feuer

Wort für Wort
ākuñcanena
durch Zusammenziehen (Instr.Sg.)
tam prāhuḥ
das nennen sie (3.Pl.Perf.)
mūla-bandhaḥ ayam ucyate
dies wird Mūla-Bandha genannt
apānaḥ ca
und der Apāna (Nom.Sg.)
ūrdhva-gaḥ bhūtvā
aufwärts gehend geworden (Absol.)
vahninā saha
zusammen mit dem Feuer (Instr.Sg.)
gacchati
geht (3.Sg.Präs.)

prāṇa-sthānaṃ tato vahniḥ prāṇāpānau ca satvaram | militvā kuṇḍalīṃ yāti prasuptā kuṇḍalākṛtiḥ ||65||

zum Sitz des Prāṇa; dann [gelangt] das Feuer, und Prāṇa und Apāna vereinen sich rasch und gehen zur Kuṇḍalī, die zusammengerollt schläft.

Wort für Wort
prāṇa-sthānam
zum Sitz des Prāṇa (Akk.Sg.)
tataḥ vahniḥ
dann das Feuer (Nom.Sg.)
prāṇa-apānau ca
und Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
satvaram
rasch
militvā
sich vereinigt habend (Absol.)
kuṇḍalīm yāti
geht zur Kuṇḍalī (3.Sg.Präs.)
prasuptā
eingeschlafen (Nom.Sg.f.)
kuṇḍala-ākṛtiḥ
von Ringgestalt, zusammengerollt (Nom.Sg.)

tenāgninā ca santaptā pavanenaiva cālitā | prasārya sva-śarīraṃ tu suṣumnā-vadanāntare ||66||

Von diesem Feuer erhitzt und vom Wind in Bewegung gesetzt, streckt sie ihren Leib in den Mund der Suṣumnā hinein.

Wort für Wort
tena agninā ca
und von diesem Feuer (Instr.Sg.)
santaptā
erhitzt (Nom.Sg.f.)
pavanena eva
vom Wind eben (Instr.Sg.)
cālitā
in Bewegung gesetzt (Nom.Sg.f.)
prasārya
ausstreckend (Absol.)
sva-śarīram tu
ihren eigenen Leib aber (Akk.Sg.)
suṣumnā-vadana-antare
in das Innere des Suṣumnā-Mundes (Lok.Sg.)

brahma-granthiṃ tato bhittvā rajo-guṇa-samudbhavam | suṣumnā-vadane śīghraṃ vidyul-lekheva saṃsphuret ||67||

Dann durchbricht sie den Brahma-Knoten, der aus dem Guṇa Rajas entstanden ist, und blitzt rasch im Mund der Suṣumnā auf wie ein Blitzstrahl.

Wort für Wort
brahma-granthim
den Brahma-Knoten (Akk.Sg.)
tataḥ bhittvā
dann durchbrechend (Absol.)
rajo-guṇa-samudbhavam
aus dem Guṇa Rajas entstanden (Akk.Sg.)
suṣumnā-vadane
im Mund der Suṣumnā (Lok.Sg.)
śīghram
rasch
vidyut-lekhā iva
wie ein Blitzstrahl
saṃsphuret
blitzt sie auf (3.Sg.Opt.)

viṣṇu-granthiṃ prayāty uccaiḥ satvaraṃ hṛdi saṃsthitā | ūrdhvaṃ gacchati yac cāste rudra-granthiṃ tad-udbhavam ||68||

Sie gelangt hoch hinauf zum Viṣṇu-Knoten, der im Herzen liegt, und geht [weiter] nach oben zu dem Rudra-Knoten, der dort liegt und aus jenem [Guṇa Tamas] entstanden ist.

Wort für Wort
viṣṇu-granthim
zum Viṣṇu-Knoten (Akk.Sg.)
prayāti uccaiḥ
gelangt hinauf (3.Sg.Präs.)
satvaram
rasch
hṛdi saṃsthitā
im Herzen befindlich (Nom.Sg.f.)
ūrdhvam gacchati
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
yat ca āste
und der [dort] liegt (3.Sg.Präs.Med.)
rudra-granthim
zum Rudra-Knoten (Akk.Sg.)
tat-udbhavam
aus jenem entstanden (Akk.Sg.)

Die drei Knoten: Brahma-Granthi (Rajas, im Mūlādhāra), Viṣṇu-Granthi (Sattva, im Herzen), Rudra-Granthi (Tamas, zwischen den Brauen). Die Guṇa-Zuordnung folgt Vers 39; tad-udbhava „aus jenem entstanden“ bezieht sich auf das dritte Guṇa.

bhruvor madhye tu saṃbhidya yāti śītāṃśu-maṇḍalam | anāhatākhyaṃ yac cakraṃ dalaiḥ ṣoḍaśabhir yutam ||69||

Nachdem sie [ihn] in der Mitte der Brauen durchbrochen hat, geht sie zur Scheibe des Mondes, dem Cakra namens Anāhata, das mit sechzehn Blütenblättern versehen ist.

Wort für Wort
bhruvoḥ madhye tu
in der Mitte der Brauen aber (Lok.Sg.)
saṃbhidya
durchbrechend (Absol.)
yāti
geht (3.Sg.Präs.)
śītāṃśu-maṇḍalam
zur Scheibe des Mondes (Akk.Sg.)
anāhata-ākhyam
Anāhata genannt (Nom.Sg.)
yat cakram
welches Cakra (Nom.Sg.)
dalaiḥ ṣoḍaśabhiḥ yutam
mit sechzehn Blättern versehen (Nom.Sg.)

Auffällig: Das sechzehnblättrige Cakra heißt sonst Viśuddha (Kehle), Anāhata ist der zwölfblättrige Herzlotos. Die Vorlage nennt hier das sechzehnblättrige „Mond-Cakra“ Anāhata; der Text folgt offenbar einer abweichenden Zuordnung, bei der das Sechzehnblättrige oberhalb des Brauenzentrums liegt (vgl. Vers 71: indu-cakra).

tatra śītāṃśu-sañjātaṃ dravaṃ śoṣayati svayam | calite prāṇa-vegena raktaṃ pītaṃ raver grahāt ||70||

Dort trocknet sie selbst die aus dem Mond entstandene Flüssigkeit aus. Ist [sie] durch den Andrang des Prāṇa in Bewegung, wird das Rote [Blut] getrunken, weil die Sonne es ergreift.

Wort für Wort
tatra
dort
śītāṃśu-sañjātam
aus dem Mond entstanden (Akk.Sg.)
dravam
die Flüssigkeit (Akk.Sg.)
śoṣayati svayam
trocknet selbst aus (3.Sg.Präs.Kaus.)
calite
wenn in Bewegung (Lok.abs.)
prāṇa-vegena
durch den Andrang des Prāṇa (Instr.Sg.)
raktam
das Rote, Blut (Nom.Sg.)
pītam
getrunken / das Gelbe (Nom.Sg.)
raveḥ grahāt
infolge des Ergreifens durch die Sonne (Abl.Sg.)

Schwieriger Vers. raver grahāt „infolge des Ergreifens durch die Sonne“: Das Sonnenfeuer im Nabel (bzw. die erhitzte Kuṇḍalinī) verzehrt die roten und gelben Körpersäfte; raktaṃ pītam kann auch als „das Rote und das Gelbe“ (Blut und Galle) verstanden werden.

yātendu-cakraṃ yatrāste śuddha-śleṣma-dravātmakam | tatra siktaṃ grasaty uṣṇaṃ kathaṃ śīta-svabhāvakam ||71||

Sie geht zum Mond-Cakra, wo [der Nektar] liegt, der aus reiner Schleimflüssigkeit besteht; was dort ausgegossen ist, verschlingt die Heiße – wie [sollte es bestehen], da es von kalter Natur ist?

Wort für Wort
yāta
gegangen (Nom.Sg.f., für yātā)
indu-cakram
zum Mond-Cakra (Akk.Sg.)
yatra āste
wo [es] liegt (3.Sg.Präs.Med.)
śuddha-śleṣma-drava-ātmakam
aus reiner Schleimflüssigkeit bestehend (Nom.Sg.)
tatra
dort
siktam
das Ausgegossene (Akk.Sg.)
grasati
verschlingt (3.Sg.Präs.)
uṣṇam
das Heiße (Nom.Sg.)
katham
wie
śīta-svabhāvakam
von kalter Natur (Akk.Sg.)

Die Kuṇḍalinī, ihrem Wesen nach heiß, verzehrt den kühlen Mondnektar; katham drückt aus, dass das Kalte dem Heißen nicht standhalten kann. Zur Vorstellung des vom Mond herabtropfenden Nektars vgl. Haṭhapradīpikā 3.48–52.

tathaiva rabhasā śuklaṃ candra-rūpaṃ hi tapyate | ūrdhvaṃ pravahati kṣubdhā tadaivaṃ bhramatetarām ||72||

Ebenso wird mit Ungestüm das Weiße [Bindu], das Mondgestalt hat, erhitzt. Erregt strömt sie nach oben; dann wandert sie auf diese Weise umso mehr umher.

Wort für Wort
tathā eva
ebenso
rabhasā
mit Ungestüm (Instr.Sg.)
śuklam
das Weiße (Nom.Sg.)
candra-rūpam hi
das Mondgestalt hat (Nom.Sg.)
tapyate
wird erhitzt (3.Sg.Pass.)
ūrdhvam pravahati
strömt nach oben (3.Sg.Präs.)
kṣubdhā
erregt (Nom.Sg.f.)
tadā evam
dann so
bhramati-tarām
wandert umso mehr umher (3.Sg.Präs.)

bhramatetarām = bhramati-tarām („wandert umso mehr umher“), Verbalform mit Komparativsuffix.

tasyāsvāda-vaśāc cittaṃ bahiṣṭhaṃ viṣayeṣu yat | tad eva paramaṃ bhuktvā svasthaḥ svātma-rato yuvā ||73||

Der Geist, der außen bei den Sinnesobjekten war, wird infolge des Kostens jenes [Nektars] – hat er dieses Höchste genossen – gesund, in sich ruhend, am eigenen Selbst sich freuend und jung.

Wort für Wort
tasya āsvāda-vaśāt
infolge des Kostens jenes [Nektars] (Abl.Sg.)
cittam
der Geist (Nom.Sg.)
bahiṣṭham
außen befindlich (Nom.Sg.)
viṣayeṣu yat
welcher bei den Objekten [war] (Lok.Pl.)
tat eva paramam
eben dieses Höchste (Akk.Sg.)
bhuktvā
genossen habend (Absol.)
svasthaḥ
gesund, in sich ruhend (Nom.Sg.)
sva-ātma-rataḥ
am eigenen Selbst sich freuend (Nom.Sg.)
yuvā
jung (Nom.Sg.)

prakṛty-aṣṭaka-rūpaṃ ca sthānaṃ gacchati kuṇḍalī | kroḍī-kṛtya śivaṃ yāti kroḍī-kṛtya vilīyate ||74||

Die Kuṇḍalī gelangt zu dem Ort, der die Gestalt der acht Prakṛtis hat; Śiva umarmend geht sie [zu ihm], und ihn umarmend löst sie sich auf.

Wort für Wort
prakṛti-aṣṭaka-rūpam ca
und das die Gestalt der acht Prakṛtis hat (Akk.Sg.)
sthānam gacchati
gelangt zu dem Ort (3.Sg.Präs.)
kuṇḍalī
die Kuṇḍalī (Nom.Sg.)
kroḍī-kṛtya
umarmend, an die Brust nehmend (Absol.)
śivam yāti
geht zu Śiva (3.Sg.Präs.)
vilīyate
löst sich auf (3.Sg.Präs.Pass.)

Die acht Prakṛtis (Sāṃkhya): die fünf Elemente, Manas, Buddhi und Ahaṃkāra (vgl. Bhagavadgītā 7.4). Der Ort ist der Sahasrāra, die Stätte Śivas.

ity adhordhva-rajaḥ-śuklaṃ śive tad anu mārutaḥ | prāṇāpānau samau yāti sadā jātau tathaiva ca ||75||

So [gehen] das untere Rote (rajas) und das obere Weiße (śukla) in Śiva ein, danach der Wind. Prāṇa und Apāna werden [dann] gleich, so wie sie von jeher zusammen entstanden sind.

Wort für Wort
iti
so
adhaḥ-ūrdhva-rajaḥ-śuklam
das untere Rajas und das obere Śukla (Nom.Sg.)
śive
in Śiva (Lok.Sg.)
tat anu
danach
mārutaḥ
der Wind (Nom.Sg.)
prāṇa-apānau
Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
samau yāti
werden gleich (3.Sg. für Du.)
sadā jātau
stets [zusammen] entstanden (Nom.Du.)
tathā eva ca
und ebenso

Elliptischer Vers. rajas (das Rote, der Sonne zugeordnet) und śukla (das Weiße, dem Mond zugeordnet) sind die beiden Formen des Bindu (vgl. Yogacūḍāmaṇi 60–64); ihre Vereinigung in Śiva ist das Ziel.

bhūte 'lpe cāpy analpe vā vācake [?] tv ativardhate | dhavayaty akhilā vātā [?] agnim ūṣā-hiraṇyavat ||76||

Im Kleinen wie im Großen, sei es im Element oder im Bezeichnenden [?], wächst [das Feuer] überaus; alle Winde läutern [?] das Feuer, wie das Gold im Schmelztiegel [geläutert wird]. [Anm.: Der Vers ist stark verderbt; vācake und dhavayaty akhilā vātā sind grammatisch nicht sicher zu deuten. Der Sinn dürfte sein: Der vereinigte Atem facht das innere Feuer an und läutert den Leib wie Gold im Tiegel.]

Wort für Wort
bhūte alpe
im kleinen Element (Lok.Sg.)
ca api analpe vā
oder auch im großen (Lok.Sg.)
vācake tu
im Bezeichnenden aber [?] (Lok.Sg.)
ativardhate
wächst überaus (3.Sg.Präs.Med.)
dhavayati
läutert, macht weiß [?] (3.Sg.Präs.Kaus.)
akhilā vātā
alle Winde [?] (Nom.Pl.?)
agnim
das Feuer (Akk.Sg.)
ūṣā-hiraṇya-vat
wie das Gold im Schmelztiegel (Adv.)

Verderbter Vers. dhavayati (etwa „lässt weiß werden, läutert“) ist als Kausativ zu dhāv „reinigen“ zu verstehen; akhilā vātā müsste akhilān vātān (Akk.Pl.) oder akhilā vātāḥ (Nom.Pl.) lauten; ūṣā steht wohl für mūṣā „Schmelztiegel“. Gemeint ist die Läuterung des Leibes durch das vom Atem entfachte Feuer, die in Vers 77 zum „göttlichen Leib“ führt.

ādhibhautika-dehaṃ tu ādhidaivika-vigrahe | deho 'tivimalaṃ yāti cātivāhikatām iyāt ||77||

Der grobstoffliche Leib (ādhibhautika-deha) aber [geht] in den göttlichen Leib (ādhidaivika-vigraha) [über]; der Leib wird überaus rein und erlangt den Zustand des Übergangsleibes (ātivāhika).

Wort für Wort
ādhibhautika-deham tu
den elementischen, grobstofflichen Leib aber (Akk.Sg.)
ādhidaivika-vigrahe
in den göttlichen Leib (Lok.Sg.)
dehaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
ati-vimalam yāti
wird überaus rein (3.Sg.Präs.)
ca
und
ātivāhikatām
den Zustand des Übergangsleibes (Akk.Sg.)
iyāt
erlangt (3.Sg.Opt.)

Hiat dehaṃ tu ādhi- in der Vorlage. ātivāhika ist der feinstoffliche Leib, der nach der Lehre des Vedānta die Seele „hinüberträgt“; in Yogavāsiṣṭha-Tradition der reine Bewusstseinsleib des Befreiten.

jāḍya-bhāva-vinirmuktam amalaṃ cin-mayātmakam | tasyātivāhikaṃ mukhyaṃ sarveṣāṃ tu mad-ātmakam ||78||

Frei vom Zustand der Trägheit, makellos, aus Bewusstsein bestehend – das ist sein vorzüglicher Übergangsleib; für alle aber besteht er aus mir [dem Höchsten].

Wort für Wort
jāḍya-bhāva-vinirmuktam
vom Zustand der Trägheit befreit (Nom.Sg.)
amalam
makellos (Nom.Sg.)
cit-maya-ātmakam
aus Bewusstsein bestehend (Nom.Sg.)
tasya
sein (Gen.Sg.)
ātivāhikam
der Übergangsleib (Nom.Sg.)
mukhyam
vorzüglich (Nom.Sg.)
sarveṣām tu
für alle aber (Gen.Pl.)
mat-ātmakam
aus mir bestehend (Nom.Sg.)

mad-ātmakam „aus mir bestehend“: Der Sprecher (Śiva bzw. der Lehrer als das Höchste) bezeichnet den geläuterten Leib als wesensgleich mit sich selbst.

jāyā-bhava-vinirmuktiḥ [?] kāla-rūpasya vibhramaḥ | iti taṃ sva-svarūpā hi matī [?] rajju-bhujaṅgavat ||79||

Die Befreiung vom Dasein der Geburt [?] – [die Welt] ist ein Trugbild dessen, was die Gestalt der Zeit hat. So [erkennt] die eigene Wesensgestalt sie, wie [man] die Schlange im Seil [erkennt]. [Anm.: Der Vers ist verderbt; jāyā-bhava- und matī lassen sich nicht sicher deuten. Der Sinn: Die Welt, die aus Geburt und Zeit besteht, ist eine Täuschung wie die Schlange, die man in ein Seil hineinsieht.]

Wort für Wort
jāyā-bhava-vinirmuktiḥ
Befreiung vom Dasein der Geburt [?] (Nom.Sg.)
kāla-rūpasya
dessen, was die Gestalt der Zeit hat (Gen.Sg.)
vibhramaḥ
Trugbild, Verwirrung (Nom.Sg.)
iti
so
tam
es, ihn (Akk.Sg.)
sva-svarūpā hi
die eigene Wesensgestalt fürwahr (Nom.Sg.f.)
matī
erkannt / Erkenntnis [?] (für matiḥ oder matā)
rajju-bhujaṅga-vat
wie die Schlange im Seil (Adv.)

Verderbter Vers. jāyā „Gattin“ ergibt keinen Sinn; vermutlich für jāta-bhava „Zustand des Geborenen“. matī ist wohl für matiḥ „Erkenntnis“ oder matā „erkannt“ verschrieben. Das Bild von Seil und Schlange ist das klassische Beispiel des Advaita-Vedānta für die Überlagerung (adhyāsa).

mṛṣaivodeti sakalaṃ mṛṣaiva pravilīyate | raupya-buddhiḥ śuktikāyāṃ strī-puṃsor bhramato yathā ||80||

Als Trug entsteht das Ganze, als Trug vergeht es – wie die Vorstellung von Silber in der Perlmuschel, wie [die Vorstellung] von Weib und Mann bei einem, der sich täuscht.

Wort für Wort
mṛṣā eva
als Trug eben
udeti
entsteht (3.Sg.Präs.)
sakalam
das Ganze (Nom.Sg.)
pravilīyate
vergeht, löst sich auf (3.Sg.Präs.Pass.)
raupya-buddhiḥ
die Vorstellung von Silber (Nom.Sg.)
śuktikāyām
in der Perlmuschel (Lok.Sg.)
strī-puṃsoḥ
von Weib und Mann (Gen.Du.)
bhramataḥ
des sich Täuschenden (Gen.Sg.)
yathā
wie

piṇḍa-brahmāṇḍayor aikyaṃ liṅga-sūtrātmanor api | svāpāvyākṛtayor aikyaṃ sva-prakāśa-cid-ātmanoḥ ||81||

[Zu erkennen ist] die Einheit von Leib (piṇḍa) und Weltei (brahmāṇḍa), auch die von Feinleib (liṅga) und Fadenseele (sūtrātman), die Einheit von Tiefschlaf und Unentfaltetem (avyākṛta), von selbstleuchtendem Bewusstsein und Selbst.

Wort für Wort
piṇḍa-brahmāṇḍayoḥ
von Leib und Weltei (Gen.Du.)
aikyam
Einheit (Nom.Sg.)
liṅga-sūtrātmanoḥ api
auch von Feinleib und Fadenseele (Gen.Du.)
svāpa-avyākṛtayoḥ
von Tiefschlaf und Unentfaltetem (Gen.Du.)
aikyam
Einheit (Nom.Sg.)
sva-prakāśa-cit-ātmanoḥ
von selbstleuchtendem Bewusstsein und Selbst (Gen.Du.)

Vedāntische Entsprechungen von Mikro- und Makrokosmos: piṇḍa/brahmāṇḍa (grober Leib – Virāj), liṅga/sūtrātman (Feinleib – Hiraṇyagarbha), svāpa/avyākṛta (Ursachenleib – Īśvara); vgl. Adhyāya 3, Verse 21–23.

śaktiḥ kuṇḍalinī nāma bisa-tantu-nibhā śubhā | mūla-kandaṃ phaṇāgreṇa dṛṣṭvā kamala-kandavat ||82||

Die Kraft namens Kuṇḍalinī, schön und einer Lotosfaser gleich, hat den Wurzelknoten (mūla-kanda), der wie eine Lotosknolle ist, mit der Spitze ihrer Haube erblickt,

Wort für Wort
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
kuṇḍalinī nāma
namens Kuṇḍalinī
bisa-tantu-nibhā
einer Lotosfaser gleich (Nom.Sg.f.)
śubhā
schön (Nom.Sg.f.)
mūla-kandam
den Wurzelknoten (Akk.Sg.)
phaṇā-agreṇa
mit der Spitze der Haube (Instr.Sg.)
dṛṣṭvā
erblickt habend (Absol.)
kamala-kanda-vat
wie eine Lotosknolle

Vgl. Yogaśikhā-Upaniṣad 6.51–53 und Śivasaṃhitā; in Parallelen steht statt dṛṣṭvā „erblickt habend“ auch dhṛtvā „gehalten habend“, was besser zum Bild passt.

mukhena pucchaṃ saṃgṛhya brahma-randhra-samanvitā | padmāsana-gataḥ svastho gudam ākuñcya sādhakaḥ ||83||

und hält mit dem Mund ihren Schwanz, mit der Brahma-Öffnung verbunden. Der Übende, im Lotossitz und in sich ruhend, zieht den After zusammen,

Wort für Wort
mukhena
mit dem Mund (Instr.Sg.)
puccham saṃgṛhya
den Schwanz ergreifend (Absol.)
brahma-randhra-samanvitā
mit der Brahma-Öffnung verbunden (Nom.Sg.f.)
padmāsana-gataḥ
im Lotossitz befindlich (Nom.Sg.)
svasthaḥ
in sich ruhend (Nom.Sg.)
gudam ākuñcya
den After zusammenziehend (Absol.)
sādhakaḥ
der Übende (Nom.Sg.)

vāyum ūrdhva-gataṃ kurvan kumbhakāviṣṭa-mānasaḥ | vāyv-āghāta-vaśād agniḥ svādhiṣṭhāna-gato jvalan ||84||

treibt den Wind nach oben, den Geist ganz auf das Anhalten gerichtet. Durch die Stöße des Windes flammt das Feuer im Svādhiṣṭhāna auf;

Wort für Wort
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
ūrdhva-gatam kurvan
nach oben gehend machend (Nom.Sg.Part.)
kumbhaka-āviṣṭa-mānasaḥ
mit vom Anhalten erfülltem Geist (Nom.Sg.)
vāyu-āghāta-vaśāt
infolge der Stöße des Windes (Abl.Sg.)
agniḥ
das Feuer (Nom.Sg.)
svādhiṣṭhāna-gataḥ
im Svādhiṣṭhāna befindlich (Nom.Sg.)
jvalan
aufflammend (Nom.Sg.Part.)

jvalanāghāta-pavanāghātor-unnidrito 'hi-rāṭ | brahma-granthiṃ tato bhittvā viṣṇu-granthiṃ bhinatty ataḥ ||85||

durch die Stöße des Feuers und die Stöße des Windes weit aufgeweckt, durchbricht die Schlangenkönigin dann den Brahma-Knoten und darauf den Viṣṇu-Knoten,

Wort für Wort
jvalana-āghāta-pavana-āghāta-uru-unnidritaḥ
durch Feuerstöße und Windstöße weit aufgeweckt (Nom.Sg.)
ahi-rāṭ
der Schlangenkönig (Nom.Sg.)
brahma-granthim
den Brahma-Knoten (Akk.Sg.)
tataḥ bhittvā
dann durchbrechend (Absol.)
viṣṇu-granthim
den Viṣṇu-Knoten (Akk.Sg.)
bhinatti
durchbricht (3.Sg.Präs.)
ataḥ
darauf

ahi-rāj „König der Schlangen“, hier auf die Kuṇḍalinī bezogen (grammatisch maskulin).

rudra-granthiṃ ca bhittvaiva kamalāni bhinatti ṣaṭ | sahasra-kamale śaktiḥ śivena saha modate ||86||

durchbricht auch den Rudra-Knoten und durchdringt die sechs Lotosse. Im tausendblättrigen Lotos freut sich die Kraft (śakti) mit Śiva vereint.

Wort für Wort
rudra-granthim ca
und den Rudra-Knoten (Akk.Sg.)
bhittvā eva
durchbrochen habend (Absol.)
kamalāni bhinatti ṣaṭ
durchbricht die sechs Lotosse (3.Sg.Präs.)
sahasra-kamale
im tausendblättrigen Lotos (Lok.Sg.)
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
śivena saha
mit Śiva zusammen (Instr.Sg.)
modate
freut sich (3.Sg.Präs.Med.)
Vers Schluss Schlusssatz des ersten Adhyāya

saivāvasthā parā jñeyā saiva nirvṛti-kāriṇī iti || iti prathamo 'dhyāyaḥ ||1||

Eben dieser Zustand ist als der höchste zu erkennen; eben er bewirkt die Seligkeit (nirvṛti). – So [endet der Abschnitt]. So [lautet] der erste Adhyāya.

Wort für Wort
sā eva avasthā
eben dieser Zustand (Nom.Sg.f.)
parā jñeyā
ist als höchster zu erkennen (Gerundiv)
sā eva
eben er (Nom.Sg.f.)
nirvṛti-kāriṇī
Seligkeit bewirkend (Nom.Sg.f.)
iti
so [endet es]
iti prathamaḥ adhyāyaḥ
so der erste Adhyāya (Nom.Sg.)

Unnummerierter Schlusssatz (ein Halbvers im Śloka-Maß) nach Vers 86, in der Vorlage ohne Zählung, gefolgt vom Kapitelkolophon. Hiat kāriṇī iti in der Vorlage.

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