Adhyāya 1: prathamo 'dhyāyaḥ – śakti-cālanam, prāṇa-rodhaḥ, kuṇḍalinī-bodhaḥ
Erster Adhyāya: Erregen der Kraft, Atemhemmung und Erweckung der Kuṇḍalinī (86 Verse)
Der erste und längste Adhyāya legt die Praxislehre der Upaniṣad vor. Er beginnt mit dem Grundsatz, dass Geist und Atem einander bedingen und die Bezwingung des Windes der Weg zur Stillung des Geistes ist; als Mittel werden maßvolle Nahrung, die Sitzhaltungen Padmāsana und Vajrāsana und das „Erregen der Kraft“ (śakti-cālana) genannt. Eigentümlich ist die Technik des Erregens der Sarasvatī (= Kuṇḍalinī), bei der der Bauch in Nabelhöhe mit einem Tuch umwickelt und mit den Händen hin- und herbewegt wird. Es folgen die vier Kumbhakas Sūryabheda, Ujjāyī, Śītalī und Bhastrikā mit ihren Heilwirkungen, die drei Bandhas Mūla, Uḍḍīyaṇa und Jālandhara, ein Übungsplan mit täglicher Steigerung, Verhaltensregeln und die Liste der zehn Hindernisse des Yoga. Die Verse 62–86 schildern zweimal den Aufstieg der erweckten Kuṇḍalinī durch die drei Knoten und die sechs Lotosse bis zur Vereinigung mit Śiva im Sahasrāra, wobei die Verse 76–81 eine vedāntische Deutung des geläuterten Leibes und der Welt als Trugbild einschieben. Viele Verse haben wörtliche Parallelen in der Haṭhapradīpikā (2.44–67; 3.55–69) und in der Yogaśikhā-Upaniṣad. Die Verse 76 und 79 sind in der Vorlage verderbt und entsprechend gekennzeichnet; der Schlusssatz nach Vers 86 ist unnummeriert.
Das unterschiedslose Brahman-Wesen (nirviśeṣa-brahma-tattva), dessen Sitz das Herz der Yoga-Vollendung [ist, wie sie] die Yogakuṇḍalī-Upaniṣad [lehrt], bedenke ich als nichts anderes als mich selbst.
Wort für Wort
yogakuṇḍalī-upaniṣad-yoga-siddhi-hṛd-āsanam
dessen Sitz das Herz der Yoga-Vollendung der Yogakuṇḍalī-Upaniṣad ist (Akk.Sg.)
nirviśeṣa-brahma-tattvam
das unterschiedslose Brahman-Wesen (Akk.Sg.)
sva-mātram
nur das eigene Selbst, nichts als mich selbst (Akk.Sg.)
iti
so
cintaye
ich bedenke, meditiere (1.Sg.Präs.Med.)
Vorangestellter Segensvers der Textüberlieferung, nicht Teil der Verszählung. Er deutet die Lehre der Upaniṣad in vedāntischem Sinn: Das Brahman, das die Yoga-Praxis im Herzen erreicht, ist das eigene Selbst (sva-mātra).
oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || hariḥ oṃ ||
Oṃ. Möge Es uns beide behüten; möge Es uns beide nähren; mögen wir beide gemeinsam Kraft wirken; möge unser Gelerntes glanzvoll sein; mögen wir einander nicht befeinden. Oṃ, Friede, Friede, Friede. Hari Oṃ.
Wort für Wort
saha
zusammen, gemeinsam
nau
uns beide (Akk.Du.)
avatu
möge behüten (3.Sg.Imp.)
bhunaktu
möge nähren, genießen lassen (3.Sg.Imp.)
vīryam
Kraft, Tatkraft (Akk.Sg.)
karavāvahai
wir beide wollen wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi
glanzvoll, kraftvoll (Nom.Sg.n.)
nau adhītam
unser beider Gelerntes (Nom.Sg.)
astu
sei (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
mögen wir beide nicht einander hassen (1.Du.Injunktiv Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
hariḥ oṃ
Hari Oṃ (Anrufung)
Die Friedensformel der Upaniṣaden des Kṛṣṇa-Yajurveda (Taittirīya-Tradition, vgl. Kaṭha- und Taittirīya-Upaniṣad); sie kennzeichnet die Zugehörigkeit des Textes zum Kṛṣṇa-Yajurveda. Das Subjekt (das Brahman, der Lehrstoff) bleibt ungenannt.
hetu-dvayaṃ hi cittasya vāsanā ca samīraṇaḥ | tayor vinaṣṭa ekasmiṃs tad dvāv api vinaśyataḥ ||1||
Zwei Ursachen hat der Geist (citta): die Prägungen (vāsanā) und den Wind (samīraṇa, den Lebensatem). Ist von diesen beiden eine vernichtet, so vergehen beide.
Wort für Wort
hetu-dvayam
ein Ursachenpaar (Nom.Sg.)
hi
fürwahr
cittasya
des Geistes (Gen.Sg.)
vāsanā
die Prägung, latente Neigung (Nom.Sg.)
ca
und
samīraṇaḥ
der Wind, Lebensatem (Nom.Sg.)
tayoḥ
von diesen beiden (Gen.Du.)
vinaṣṭe ekasmin
wenn eine vernichtet ist (Lok.abs.)
tat
dann
dvau api
beide (Nom.Du.)
vinaśyataḥ
vergehen (3.Du.Präs.)
Der Eingangsgedanke stammt aus der Yogavāsiṣṭha-Tradition: Geist, Atem und Prägungen bedingen einander; die Beherrschung des Atems ist der leichter zugängliche Weg. Vgl. Haṭhapradīpikā 2.2 und 4.22–24.
Von diesen beiden soll der Mensch stets zuerst den Wind bezwingen. [Die Mittel dazu sind:] maßvolle Nahrung (mitāhāra), Sitzhaltung (āsana) und als drittes das Erregen der Kraft (śakti-cāla).
Die Kennzeichen dieser [drei] will ich verkünden – höre, Gautama, mit Ehrerbietung. Sehr fetthaltige, süße Speise, unter Auslassung eines Viertels [des Magens],
Wort für Wort
eteṣām
dieser (Gen.Pl.)
lakṣaṇam
Kennzeichen, Definition (Akk.Sg.)
vakṣye
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
śṛṇu
höre (2.Sg.Imp.)
gautama
o Gautama (Vok.Sg.)
sādaram
mit Ehrerbietung (Adv.)
su-snigdha-madhura-āhāraḥ
sehr fette und süße Speise (Nom.Sg.)
caturtha-aṃśa-vivarjitaḥ
unter Auslassung des vierten Teils (Nom.Sg.)
Der Angeredete ist der Weise Gautama. Vorlage: śaृṇu (Transliterationsfehler des E-Textes für शृणु); zu śṛṇu berichtigt. Die Definition des mitāhāra entspricht Gorakṣaśataka 54 und Yogacūḍāmaṇi 43; vgl. Haṭhapradīpikā 1.58.
die zur Freude Śivas gegessen wird – das wird maßvolle Nahrung genannt. Zwei Arten von Sitzhaltung werden gelehrt: der Lotossitz (padma) und der Vajrāsana.
Wenn man die beiden Fußsohlen so auf die Oberschenkel legt, [dass sie nach oben weisen,] dann ist dies der Lotossitz (padmāsana), der alle Sünden vernichtet.
vāmāṅghri-mūla-kandādho hy anyaṃ tad-upari kṣipet | sama-grīva-śiraḥ-kāyo vajrāsanam itīritam ||6||
Man lege den Wurzelknoten (kanda) des linken Fußes unter [den Damm] und den anderen [Fuß] darüber, wobei Nacken, Kopf und Rumpf in gerader Linie stehen – das wird Vajrāsana genannt.
Wort für Wort
vāma-aṅghri-mūla-kanda-adhaḥ
den Wurzelknoten des linken Fußes unten (Adv./Akk.)
hi
fürwahr
anyam
den anderen [Fuß] (Akk.Sg.)
tat-upari
darüber (Adv.)
kṣipet
lege man (3.Sg.Opt.)
sama-grīva-śiraḥ-kāyaḥ
mit geradem Nacken, Kopf und Rumpf (Nom.Sg.)
vajrāsanam
Vajrāsana (Nom.Sg.)
iti īritam
so wird [es] genannt (Nom.Sg.)
Der so beschriebene Sitz entspricht dem Siddhāsana der Haṭhapradīpikā (1.35), das dort auch Vajrāsana genannt wird (1.37). „Wurzelknoten des Fußes“: der Fußknöchel bzw. die Ferse, die an den Damm gedrückt wird.
kuṇḍaly eva bhavec chaktis tāṃ tu sañcālayed budhaḥ | sva-sthānād ā-bhruvor madhyaṃ śakti-cālanam ucyate ||7||
Die Kraft (śakti) ist nichts anderes als die Kuṇḍalī. Sie soll der Verständige in Bewegung setzen, von ihrem eigenen Ort bis zur Mitte der Brauen – das wird Erregen der Kraft (śakti-cālana) genannt.
Für deren Bewerkstelligung sind zwei Dinge wesentlich: das Erregen der Sarasvatī und die Hemmung des Atems (prāṇa-rodha). Durch die Übung wird die Kuṇḍalinī gerade.
Wort für Wort
tat-sādhane
bei deren Bewerkstelligung (Lok.Sg.)
dvayam
ein Paar (Nom.Sg.)
mukhyam
hauptsächlich (Nom.Sg.)
sarasvatyāḥ tu
der Sarasvatī aber (Gen.Sg.)
cālanam
das Erregen (Nom.Sg.)
prāṇa-rodham
Hemmung des Atems (Akk.Sg.)
atha
und, ferner
abhyāsāt
durch Übung (Abl.Sg.)
ṛjvī
gerade (Nom.Sg.f.)
kuṇḍalinī bhavet
wird die Kuṇḍalinī (3.Sg.Opt.)
Sarasvatī ist hier ein Name für die Suṣumnā-Nāḍī bzw. die in ihr liegende Kuṇḍalinī (vgl. Vers 9: Sarasvatī = Arundhatī).
dvādaśāṅgula-dairghyaṃ ca ambaraṃ catur-aṅgulam | vistīrya tena tan-nāḍīṃ veṣṭayitvā tataḥ sudhīḥ ||11||
breite ein Tuch von zwölf Fingerbreit Länge und vier Fingerbreit [Breite] aus, umwickle damit jene Nāḍī [d.h. den Bauch in Nabelhöhe] und dann, o Kluger,
Wort für Wort
dvādaśa-aṅgula-dairghyam
zwölf Fingerbreit lang (Akk.Sg.)
ca
und
ambaram
ein Tuch (Akk.Sg.)
catur-aṅgulam
vier Fingerbreit (Akk.Sg.)
vistīrya
ausbreitend (Absol.)
tena
damit (Instr.Sg.)
tat-nāḍīm
jene Nāḍī (Akk.Sg.)
veṣṭayitvā
umwickelt habend (Absol.)
tataḥ
dann
sudhīḥ
der Kluge (Nom.Sg.)
Hiat ca ambaram in der Vorlage metrisch bedingt, beibehalten. Die „Nāḍī“ ist hier die Sarasvatī, die man sich als am Nabel liegend vorstellt; das Umwickeln mit einem Tuch und das Hin- und Herbewegen (Verse 12–13) beschreiben die Nauli-artige Bauchmanipulation.
Beim Erregen der Sarasvatī atme man den Wind durch die Sonne (piṅgalā, das rechte Nasenloch) aus. Hat man die Kehle zusammengezogen, steigt der Wind von der Brust aus nach oben.
gulmaṃ jalodaraḥ plīhā ye cānye tunda-madhya-gāḥ | sarve te śakti-cālena rogā naśyanti niścayam ||18||
Unterleibsgeschwulst (gulma), Wassersucht, Milzleiden und welche anderen [Krankheiten] sonst im Bauch sitzen – sie alle schwinden durch das Erregen der Kraft, ganz gewiss.
Nun will ich in Kürze die Hemmung des Atems (prāṇa-rodha) darlegen. Prāṇa ist der Wind, der [wie Feuer] brennt; Zügelung (āyāma) heißt das Anhalten (kumbhaka).
Wort für Wort
prāṇa-rodham
die Hemmung des Atems (Akk.Sg.)
atha idānīm
nun jetzt
pravakṣyāmi
ich werde darlegen (1.Sg.Fut.)
samāsataḥ
in Kürze (Adv.)
prāṇaḥ ca
und Prāṇa (Nom.Sg.)
dahanaḥ vāyuḥ
der brennende Wind (Nom.Sg.)
āyāmaḥ
Zügelung, Ausdehnung (Nom.Sg.)
kumbhakaḥ smṛtaḥ
wird als Anhalten überliefert (Nom.Sg.)
Nirukti des Wortes prāṇāyāma: prāṇa = dahano vāyuḥ „der brennende Wind“ (Verbindung zum Verdauungsfeuer), āyāma = kumbhaka.
sa eva dvividhaḥ proktaḥ sahitaḥ kevalas tathā | yāvat kevala-siddhiḥ syāt tāvat sahitam abhyaset ||20||
Dieses [Anhalten] wird zweifach gelehrt: als verbundenes (sahita) und als reines (kevala). Solange das reine [Anhalten] nicht gelingt, übe man das verbundene.
sūryojjāyī śītalī ca bhastrī caiva caturthikā | bhedair eva samaṃ kumbho yaḥ syāt sahita-kumbhakaḥ ||21||
Sūrya[bheda], Ujjāyī, Śītalī und als viertes Bhastrī – das Anhalten, das mit diesen Unterarten verbunden ist, ist das verbundene Anhalten (sahita-kumbhaka).
Wort für Wort
sūrya-ujjāyī
Sūrya[bheda] und Ujjāyī (Nom.)
śītalī ca
und Śītalī (Nom.Sg.)
bhastrī ca eva
und Bhastrī (Nom.Sg.)
caturthikā
die vierte (Nom.Sg.f.)
bhedaiḥ eva samam
zusammen mit den Unterarten (Instr.Pl.)
kumbhaḥ yaḥ syāt
welches Anhalten ist (3.Sg.Opt.)
sahita-kumbhakaḥ
das verbundene Anhalten (Nom.Sg.)
Die Haṭhapradīpikā (2.44) nennt acht Kumbhakas; hier nur die vier ersten. bhastrī ist die weibliche Form von bhastrā „Blasebalg“.
pavitre nātyucca-nīce hy āsane sukha-de sukhe | baddha-padmāsanaṃ kṛtvā sarasvatyās tu cālanam ||23||
auf einem reinen, weder zu hohen noch zu niedrigen, behaglichen und Behagen spendenden Sitz nehme man den gebundenen Lotossitz ein und führe das Erregen der Sarasvatī aus.
Wort für Wort
pavitre
auf einem reinen (Lok.Sg.)
na ati-ucca-nīce
nicht zu hoch, nicht zu niedrig (Lok.Sg.)
hi
fürwahr
āsane
auf einem Sitz (Lok.Sg.)
sukha-de sukhe
Behagen spendend, behaglich (Lok.Sg.)
baddha-padmāsanam kṛtvā
den gebundenen Lotossitz eingenommen habend (Absol.)
kapāla-śodhane vāpi recayet pavanaṃ śanaiḥ | catuṣkaṃ vāta-doṣaṃ tu kṛmi-doṣaṃ nihanti ca ||25||
Auch zur Reinigung des Schädels atme man den Wind langsam aus. [Diese Übung] vernichtet das vierfache Wind-Übel (vāta-doṣa) und das Wurm-Übel.
Wort für Wort
kapāla-śodhane
zur Reinigung des Schädels (Lok.Sg.)
vā api
oder auch
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
pavanam śanaiḥ
den Wind langsam (Akk.Sg.)
catuṣkam
vierfach (Akk.Sg.)
vāta-doṣam tu
das Wind-Übel aber (Akk.Sg.)
kṛmi-doṣam
das Wurm-Übel (Akk.Sg.)
nihanti ca
und vernichtet (3.Sg.Präs.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 2.50: kapāla-śodhanaṃ vāta-doṣa-ghnaṃ kṛmi-doṣa-hṛt. Die Zahl „vier“ (catuṣka) beim Vāta-Doṣa hat in der Vorlage keine nähere Erklärung; gemeint sind wohl die verschiedenen Sitze der Windstörung.
[Dieses Anhalten] beseitigt die im Kopf aufsteigende Hitze und vor allem den Schleim der Kehle; es beseitigt alle Krankheiten, ist heilbringend und mehrt das Körperfeuer.
Wort für Wort
śīrṣa-udita-anala-haram
die im Kopf aufgestiegene Hitze beseitigend (Nom.Sg.)
nāḍī-jalodaraṃ dhātu-gata-doṣa-vināśanam | gacchatas tiṣṭhataḥ kāryam ujjāyy-ākhyaṃ tu kumbhakam ||29||
Es vernichtet die Schäden der Nāḍīs, die Wassersucht und die in den Körpergeweben (dhātu) sitzenden Übel. Das Ujjāyī genannte Anhalten kann im Gehen wie im Stehen ausgeführt werden.
Wort für Wort
nāḍī-jalodaram
[Übel der] Nāḍīs und Wassersucht (Akk.Sg.)
dhātu-gata-doṣa-vināśanam
die in den Geweben sitzenden Übel vernichtend (Nom.Sg.)
jihvayā vāyum ākṛṣya pūrvavat kumbhakād anu | śanais tu ghrāṇa-randhrābhyāṃ recayed anilaṃ sudhīḥ ||30||
[Śītalī:] Man sauge den Wind mit der Zunge ein und atme ihn nach dem Anhalten, das wie zuvor [erfolgt], langsam durch beide Nasenlöcher aus, als Kluger.
[Bhastrī:] Dann nehme der Kluge den Lotossitz ein, mit Nacken und Bauch in gerader Linie, schließe den Mund und atme den Atem sorgfältig durch die Nase aus,
ebenso bewege man den Wind im eigenen Körper, [zunächst] langsam. Sobald Ermüdung im Körper eintritt, fülle man [den Wind] durch die Sonne (piṅgalā) ein,
führe das Anhalten wie zuvor aus und atme den Wind durch die Iḍā aus. [Diese Übung] beseitigt die in der Kehle aufsteigende Hitze und mehrt das Körperfeuer;
Wort für Wort
kumbhakam pūrva-vat kṛtvā
das Anhalten wie zuvor ausgeführt habend (Absol.)
recayet
atme man aus (3.Sg.Opt.Kaus.)
iḍayā anilam
den Wind durch die Iḍā (Instr.Sg., Akk.Sg.)
kaṇṭha-utthita-anala-haram
die in der Kehle aufgestiegene Hitze beseitigend (Nom.Sg.)
sie erweckt die Kuṇḍalī, ist heilbringend, sündentilgend, glückverheißend und angenehm und beseitigt den Riegel aus Schleim und dergleichen, der am Eingang der Brahma-Nāḍī sitzt.
prathamo mūla-bandhas tu dvitīyoḍḍīyaṇābhidhaḥ | jālandharas tṛtīyas tu teṣāṃ lakṣaṇam ucyate ||41||
Der erste ist der Mūla-Bandha, der zweite heißt Uḍḍīyaṇa, der dritte ist der Jālandhara. Ihre Kennzeichen werden [nun] genannt.
Wort für Wort
prathamaḥ
der erste (Nom.Sg.)
mūla-bandhaḥ tu
der Wurzelverschluss (Nom.Sg.)
dvitīyaḥ
der zweite (Nom.Sg.)
uḍḍīyaṇa-abhidhaḥ
Uḍḍīyaṇa genannt (Nom.Sg.)
jālandharaḥ
Jālandhara (Nom.Sg.)
tṛtīyaḥ tu
der dritte aber (Nom.Sg.)
teṣām
ihre (Gen.Pl.)
lakṣaṇam ucyate
das Kennzeichen wird genannt (3.Sg.Pass.)
Die Vorlage schreibt den Namen des Bauchverschlusses wechselnd uḍḍīyaṇa (41, 48) und uḍḍiyāṇa (47); die Schreibung wird jeweils beibehalten. Die drei Bandhas: vgl. Haṭhapradīpikā 3.55–76.
Dann gelangen Feuer und Apāna zum Prāṇa, dessen Wesen Hitze ist. Durch diesen überaus entflammten [Prāṇa] wird ebenso das im Leib entstandene Feuer [entfacht].
Wort für Wort
tataḥ
dann
yātau
gegangen (Nom.Du.)
vahni-apānau
Feuer und Apāna (Nom.Du.)
prāṇam
zum Prāṇa (Akk.Sg.)
uṣṇa-svarūpakam
dessen Wesen Hitze ist (Akk.Sg.)
tena
durch diesen (Instr.Sg.)
atyanta-pradīptena
überaus entflammt (Instr.Sg.)
jvalanaḥ
das Feuer (Nom.Sg.)
deha-jaḥ tathā
ebenso das im Leib entstandene (Nom.Sg.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 3.67. Der Satz ist elliptisch; das Verb des zweiten Halbverses ist aus dem vorigen zu ergänzen.
Dadurch wird die schlafende Kuṇḍalinī erhitzt und erwacht ganz; wie eine mit dem Stock geschlagene Schlange zischt sie auf und richtet sich gerade auf.
Wort für Wort
tena
dadurch (Instr.Sg.)
kuṇḍalinī suptā
die schlafende Kuṇḍalinī (Nom.Sg.)
santaptā
erhitzt (Nom.Sg.f.)
samprabudhyate
erwacht völlig (3.Sg.Präs.Pass.)
daṇḍa-āhata-bhujaṅgī iva
wie eine vom Stock geschlagene Schlange (Nom.Sg.f.)
niḥśvasya
zischend, aufseufzend (Absol.)
ṛjutām vrajet
gelangt zur Geradheit (3.Sg.Opt.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 3.68. Hiat niḥśvasya ṛjutām in der Vorlage.
Am Ende des Anhaltens und zu Beginn des Ausatmens ist der Uḍḍiyāṇa auszuführen. Weil durch diesen Verschluss der Prāṇa in der Suṣumnā auffliegt (uḍḍīyate),
Wenn der Prāṇa ganz allmählich zur Verbindungsstelle des Bauches gelangt, [ist der Verschluss] beständig und langsam auszuführen, indem man die Übel des Bauches abschüttelt.
Wenn unten das Zusammenziehen [des Afters] rasch [ausgeführt] und die Kehle zusammengezogen ist, dann geht der Prāṇa durch die Spannung nach hinten in der Mitte in die Brahma-Nāḍī ein.
Wort für Wort
adhastāt
unten
kuñcanena
durch Zusammenziehen (Instr.Sg.)
āśu
rasch
kaṇṭha-saṅkocane kṛte
wenn die Kehle zusammengezogen ist (Lok.abs.)
madhye
in der Mitte (Lok.Sg.)
paścima-tānena
durch die Spannung nach hinten (Instr.Sg.)
syāt
wird (3.Sg.Opt.)
prāṇaḥ
der Prāṇa (Nom.Sg.)
brahma-nāḍi-gaḥ
in die Brahma-Nāḍī eingehend (Nom.Sg.)
brahma-nāḍi-gaḥ mit kurzem i in der Vorlage (metrisch).
durch den Fehler unregelmäßiger Nahrung und durch angestrengtes Grübeln über den Atem entsteht rasch Krankheit, wenn der Beherrschte [den Atem gewaltsam] anhält.
Wort für Wort
viṣama-aśana-doṣāt ca
und durch den Fehler unregelmäßigen Essens (Abl.Sg.)
yogābhyāsena me roga utpanna iti kathyate | tato 'bhyāsaṃ tyajed evaṃ prathamaṃ vighna ucyate ||58||
„Durch die Yoga-Übung ist mir eine Krankheit entstanden“ – so sagt man dann und gibt darauf die Übung auf. Dies wird das erste Hindernis (vighna) genannt.
Wort für Wort
yoga-abhyāsena
durch die Yoga-Übung (Instr.Sg.)
me
mir (Gen./Dat.)
rogaḥ utpannaḥ
eine Krankheit ist entstanden (Nom.Sg.)
iti kathyate
so wird gesagt (3.Sg.Pass.)
tataḥ
darauf
abhyāsam tyajet
gibt er die Übung auf (3.Sg.Opt.)
evam
so
prathamam vighnaḥ ucyate
wird das erste Hindernis genannt (3.Sg.Pass.)
Die Liste der zehn Hindernisse (Verse 58–61) entspricht der Aufzählung im Yogaśāstra Dattātreyas und in der Śivasaṃhitā (5.1–13, dort in anderer Form).
das sechste ist das Aufhören [der Übung], das siebte wird Verwirrung genannt, das achte ist Unausgeglichenheit, und als neuntes gilt das Unbenennbare,
Wort für Wort
ṣaṣṭham tu
das sechste aber (Nom.Sg.)
viratiḥ
Aufhören, Abwendung (Nom.Sg.)
bhrāntiḥ
Verwirrung (Nom.Sg.)
saptamam parikīrtitam
wird als siebtes verkündet (Nom.Sg.)
viṣamam ca aṣṭamam ca eva
und das achte: Unausgeglichenheit (Nom.Sg.)
anākhyam
das Unbenennbare (Nom.Sg.)
navamam smṛtam
als neuntes überliefert (Nom.Sg.)
Hiat caiva anākhyam in der Vorlage. anākhya „ohne Namen“: das nicht Benennbare, vielleicht ein Zustand innerer Verdunkelung, dem der Übende keinen Namen geben kann.
und das Nichterreichen des Wesens des Yoga wird von den Weisen als zehntes bezeichnet. Diese zehn Hindernisse soll der Weise durch Überlegung überwinden.
Darauf ist die Übung des Atems beständig mit einem in Klarheit (sattva) ruhenden Geist auszuführen. Der Geist (citta) löst sich in die Suṣumnā auf, und ebenso eilt der Wind [in sie hinein].
Wort für Wort
prāṇa-abhyāsaḥ
die Übung des Atems (Nom.Sg.)
tataḥ kāryaḥ
darauf ist auszuführen (Gerundiv)
nityam
beständig
sattva-sthayā dhiyā
mit in Sattva ruhendem Denken (Instr.Sg.)
suṣumnā
[in] die Suṣumnā (Nom. für Lok.)
līyate cittam
der Geist löst sich auf (3.Sg.Präs.Pass.)
tathā
ebenso
vāyuḥ pradhāvati
der Wind eilt hin (3.Sg.Präs.)
suṣumnā steht hier für suṣumnāyām (Lokativ), wie der Sinn verlangt.
śuṣke male tu yogī ca syād gatiś calitā tataḥ | adho-gatim apānaṃ vai ūrdhva-gaṃ kurute balāt ||63||
Sind die Unreinheiten getrocknet, dann kommt der Gang [des Windes] beim Yogin in Bewegung. Den abwärts strebenden Apāna macht man mit Kraft aufwärts gehend;
Wort für Wort
śuṣke male tu
wenn aber die Unreinheit getrocknet ist (Lok.abs.)
Sie gelangt hoch hinauf zum Viṣṇu-Knoten, der im Herzen liegt, und geht [weiter] nach oben zu dem Rudra-Knoten, der dort liegt und aus jenem [Guṇa Tamas] entstanden ist.
Wort für Wort
viṣṇu-granthim
zum Viṣṇu-Knoten (Akk.Sg.)
prayāti uccaiḥ
gelangt hinauf (3.Sg.Präs.)
satvaram
rasch
hṛdi saṃsthitā
im Herzen befindlich (Nom.Sg.f.)
ūrdhvam gacchati
geht nach oben (3.Sg.Präs.)
yat ca āste
und der [dort] liegt (3.Sg.Präs.Med.)
rudra-granthim
zum Rudra-Knoten (Akk.Sg.)
tat-udbhavam
aus jenem entstanden (Akk.Sg.)
Die drei Knoten: Brahma-Granthi (Rajas, im Mūlādhāra), Viṣṇu-Granthi (Sattva, im Herzen), Rudra-Granthi (Tamas, zwischen den Brauen). Die Guṇa-Zuordnung folgt Vers 39; tad-udbhava „aus jenem entstanden“ bezieht sich auf das dritte Guṇa.
Nachdem sie [ihn] in der Mitte der Brauen durchbrochen hat, geht sie zur Scheibe des Mondes, dem Cakra namens Anāhata, das mit sechzehn Blütenblättern versehen ist.
Wort für Wort
bhruvoḥ madhye tu
in der Mitte der Brauen aber (Lok.Sg.)
saṃbhidya
durchbrechend (Absol.)
yāti
geht (3.Sg.Präs.)
śītāṃśu-maṇḍalam
zur Scheibe des Mondes (Akk.Sg.)
anāhata-ākhyam
Anāhata genannt (Nom.Sg.)
yat cakram
welches Cakra (Nom.Sg.)
dalaiḥ ṣoḍaśabhiḥ yutam
mit sechzehn Blättern versehen (Nom.Sg.)
Auffällig: Das sechzehnblättrige Cakra heißt sonst Viśuddha (Kehle), Anāhata ist der zwölfblättrige Herzlotos. Die Vorlage nennt hier das sechzehnblättrige „Mond-Cakra“ Anāhata; der Text folgt offenbar einer abweichenden Zuordnung, bei der das Sechzehnblättrige oberhalb des Brauenzentrums liegt (vgl. Vers 71: indu-cakra).
Dort trocknet sie selbst die aus dem Mond entstandene Flüssigkeit aus. Ist [sie] durch den Andrang des Prāṇa in Bewegung, wird das Rote [Blut] getrunken, weil die Sonne es ergreift.
Wort für Wort
tatra
dort
śītāṃśu-sañjātam
aus dem Mond entstanden (Akk.Sg.)
dravam
die Flüssigkeit (Akk.Sg.)
śoṣayati svayam
trocknet selbst aus (3.Sg.Präs.Kaus.)
calite
wenn in Bewegung (Lok.abs.)
prāṇa-vegena
durch den Andrang des Prāṇa (Instr.Sg.)
raktam
das Rote, Blut (Nom.Sg.)
pītam
getrunken / das Gelbe (Nom.Sg.)
raveḥ grahāt
infolge des Ergreifens durch die Sonne (Abl.Sg.)
Schwieriger Vers. raver grahāt „infolge des Ergreifens durch die Sonne“: Das Sonnenfeuer im Nabel (bzw. die erhitzte Kuṇḍalinī) verzehrt die roten und gelben Körpersäfte; raktaṃ pītam kann auch als „das Rote und das Gelbe“ (Blut und Galle) verstanden werden.
Sie geht zum Mond-Cakra, wo [der Nektar] liegt, der aus reiner Schleimflüssigkeit besteht; was dort ausgegossen ist, verschlingt die Heiße – wie [sollte es bestehen], da es von kalter Natur ist?
Wort für Wort
yāta
gegangen (Nom.Sg.f., für yātā)
indu-cakram
zum Mond-Cakra (Akk.Sg.)
yatra āste
wo [es] liegt (3.Sg.Präs.Med.)
śuddha-śleṣma-drava-ātmakam
aus reiner Schleimflüssigkeit bestehend (Nom.Sg.)
tatra
dort
siktam
das Ausgegossene (Akk.Sg.)
grasati
verschlingt (3.Sg.Präs.)
uṣṇam
das Heiße (Nom.Sg.)
katham
wie
śīta-svabhāvakam
von kalter Natur (Akk.Sg.)
Die Kuṇḍalinī, ihrem Wesen nach heiß, verzehrt den kühlen Mondnektar; katham drückt aus, dass das Kalte dem Heißen nicht standhalten kann. Zur Vorstellung des vom Mond herabtropfenden Nektars vgl. Haṭhapradīpikā 3.48–52.
Ebenso wird mit Ungestüm das Weiße [Bindu], das Mondgestalt hat, erhitzt. Erregt strömt sie nach oben; dann wandert sie auf diese Weise umso mehr umher.
Wort für Wort
tathā eva
ebenso
rabhasā
mit Ungestüm (Instr.Sg.)
śuklam
das Weiße (Nom.Sg.)
candra-rūpam hi
das Mondgestalt hat (Nom.Sg.)
tapyate
wird erhitzt (3.Sg.Pass.)
ūrdhvam pravahati
strömt nach oben (3.Sg.Präs.)
kṣubdhā
erregt (Nom.Sg.f.)
tadā evam
dann so
bhramati-tarām
wandert umso mehr umher (3.Sg.Präs.)
bhramatetarām = bhramati-tarām („wandert umso mehr umher“), Verbalform mit Komparativsuffix.
tasyāsvāda-vaśāc cittaṃ bahiṣṭhaṃ viṣayeṣu yat | tad eva paramaṃ bhuktvā svasthaḥ svātma-rato yuvā ||73||
Der Geist, der außen bei den Sinnesobjekten war, wird infolge des Kostens jenes [Nektars] – hat er dieses Höchste genossen – gesund, in sich ruhend, am eigenen Selbst sich freuend und jung.
ity adhordhva-rajaḥ-śuklaṃ śive tad anu mārutaḥ | prāṇāpānau samau yāti sadā jātau tathaiva ca ||75||
So [gehen] das untere Rote (rajas) und das obere Weiße (śukla) in Śiva ein, danach der Wind. Prāṇa und Apāna werden [dann] gleich, so wie sie von jeher zusammen entstanden sind.
Wort für Wort
iti
so
adhaḥ-ūrdhva-rajaḥ-śuklam
das untere Rajas und das obere Śukla (Nom.Sg.)
śive
in Śiva (Lok.Sg.)
tat anu
danach
mārutaḥ
der Wind (Nom.Sg.)
prāṇa-apānau
Prāṇa und Apāna (Nom.Du.)
samau yāti
werden gleich (3.Sg. für Du.)
sadā jātau
stets [zusammen] entstanden (Nom.Du.)
tathā eva ca
und ebenso
Elliptischer Vers. rajas (das Rote, der Sonne zugeordnet) und śukla (das Weiße, dem Mond zugeordnet) sind die beiden Formen des Bindu (vgl. Yogacūḍāmaṇi 60–64); ihre Vereinigung in Śiva ist das Ziel.
Im Kleinen wie im Großen, sei es im Element oder im Bezeichnenden [?], wächst [das Feuer] überaus; alle Winde läutern [?] das Feuer, wie das Gold im Schmelztiegel [geläutert wird]. [Anm.: Der Vers ist stark verderbt; vācake und dhavayaty akhilā vātā sind grammatisch nicht sicher zu deuten. Der Sinn dürfte sein: Der vereinigte Atem facht das innere Feuer an und läutert den Leib wie Gold im Tiegel.]
Wort für Wort
bhūte alpe
im kleinen Element (Lok.Sg.)
ca api analpe vā
oder auch im großen (Lok.Sg.)
vācake tu
im Bezeichnenden aber [?] (Lok.Sg.)
ativardhate
wächst überaus (3.Sg.Präs.Med.)
dhavayati
läutert, macht weiß [?] (3.Sg.Präs.Kaus.)
akhilā vātā
alle Winde [?] (Nom.Pl.?)
agnim
das Feuer (Akk.Sg.)
ūṣā-hiraṇya-vat
wie das Gold im Schmelztiegel (Adv.)
Verderbter Vers. dhavayati (etwa „lässt weiß werden, läutert“) ist als Kausativ zu dhāv „reinigen“ zu verstehen; akhilā vātā müsste akhilān vātān (Akk.Pl.) oder akhilā vātāḥ (Nom.Pl.) lauten; ūṣā steht wohl für mūṣā „Schmelztiegel“. Gemeint ist die Läuterung des Leibes durch das vom Atem entfachte Feuer, die in Vers 77 zum „göttlichen Leib“ führt.
ādhibhautika-dehaṃ tu ādhidaivika-vigrahe | deho 'tivimalaṃ yāti cātivāhikatām iyāt ||77||
Der grobstoffliche Leib (ādhibhautika-deha) aber [geht] in den göttlichen Leib (ādhidaivika-vigraha) [über]; der Leib wird überaus rein und erlangt den Zustand des Übergangsleibes (ātivāhika).
Wort für Wort
ādhibhautika-deham tu
den elementischen, grobstofflichen Leib aber (Akk.Sg.)
ādhidaivika-vigrahe
in den göttlichen Leib (Lok.Sg.)
dehaḥ
der Leib (Nom.Sg.)
ati-vimalam yāti
wird überaus rein (3.Sg.Präs.)
ca
und
ātivāhikatām
den Zustand des Übergangsleibes (Akk.Sg.)
iyāt
erlangt (3.Sg.Opt.)
Hiat dehaṃ tu ādhi- in der Vorlage. ātivāhika ist der feinstoffliche Leib, der nach der Lehre des Vedānta die Seele „hinüberträgt“; in Yogavāsiṣṭha-Tradition der reine Bewusstseinsleib des Befreiten.
jāḍya-bhāva-vinirmuktam amalaṃ cin-mayātmakam | tasyātivāhikaṃ mukhyaṃ sarveṣāṃ tu mad-ātmakam ||78||
Frei vom Zustand der Trägheit, makellos, aus Bewusstsein bestehend – das ist sein vorzüglicher Übergangsleib; für alle aber besteht er aus mir [dem Höchsten].
Wort für Wort
jāḍya-bhāva-vinirmuktam
vom Zustand der Trägheit befreit (Nom.Sg.)
amalam
makellos (Nom.Sg.)
cit-maya-ātmakam
aus Bewusstsein bestehend (Nom.Sg.)
tasya
sein (Gen.Sg.)
ātivāhikam
der Übergangsleib (Nom.Sg.)
mukhyam
vorzüglich (Nom.Sg.)
sarveṣām tu
für alle aber (Gen.Pl.)
mat-ātmakam
aus mir bestehend (Nom.Sg.)
mad-ātmakam „aus mir bestehend“: Der Sprecher (Śiva bzw. der Lehrer als das Höchste) bezeichnet den geläuterten Leib als wesensgleich mit sich selbst.
Die Befreiung vom Dasein der Geburt [?] – [die Welt] ist ein Trugbild dessen, was die Gestalt der Zeit hat. So [erkennt] die eigene Wesensgestalt sie, wie [man] die Schlange im Seil [erkennt]. [Anm.: Der Vers ist verderbt; jāyā-bhava- und matī lassen sich nicht sicher deuten. Der Sinn: Die Welt, die aus Geburt und Zeit besteht, ist eine Täuschung wie die Schlange, die man in ein Seil hineinsieht.]
Wort für Wort
jāyā-bhava-vinirmuktiḥ
Befreiung vom Dasein der Geburt [?] (Nom.Sg.)
kāla-rūpasya
dessen, was die Gestalt der Zeit hat (Gen.Sg.)
vibhramaḥ
Trugbild, Verwirrung (Nom.Sg.)
iti
so
tam
es, ihn (Akk.Sg.)
sva-svarūpā hi
die eigene Wesensgestalt fürwahr (Nom.Sg.f.)
matī
erkannt / Erkenntnis [?] (für matiḥ oder matā)
rajju-bhujaṅga-vat
wie die Schlange im Seil (Adv.)
Verderbter Vers. jāyā „Gattin“ ergibt keinen Sinn; vermutlich für jāta-bhava „Zustand des Geborenen“. matī ist wohl für matiḥ „Erkenntnis“ oder matā „erkannt“ verschrieben. Das Bild von Seil und Schlange ist das klassische Beispiel des Advaita-Vedānta für die Überlagerung (adhyāsa).
Als Trug entsteht das Ganze, als Trug vergeht es – wie die Vorstellung von Silber in der Perlmuschel, wie [die Vorstellung] von Weib und Mann bei einem, der sich täuscht.
piṇḍa-brahmāṇḍayor aikyaṃ liṅga-sūtrātmanor api | svāpāvyākṛtayor aikyaṃ sva-prakāśa-cid-ātmanoḥ ||81||
[Zu erkennen ist] die Einheit von Leib (piṇḍa) und Weltei (brahmāṇḍa), auch die von Feinleib (liṅga) und Fadenseele (sūtrātman), die Einheit von Tiefschlaf und Unentfaltetem (avyākṛta), von selbstleuchtendem Bewusstsein und Selbst.
Wort für Wort
piṇḍa-brahmāṇḍayoḥ
von Leib und Weltei (Gen.Du.)
aikyam
Einheit (Nom.Sg.)
liṅga-sūtrātmanoḥ api
auch von Feinleib und Fadenseele (Gen.Du.)
svāpa-avyākṛtayoḥ
von Tiefschlaf und Unentfaltetem (Gen.Du.)
aikyam
Einheit (Nom.Sg.)
sva-prakāśa-cit-ātmanoḥ
von selbstleuchtendem Bewusstsein und Selbst (Gen.Du.)
Die Kraft namens Kuṇḍalinī, schön und einer Lotosfaser gleich, hat den Wurzelknoten (mūla-kanda), der wie eine Lotosknolle ist, mit der Spitze ihrer Haube erblickt,
Wort für Wort
śaktiḥ
die Kraft (Nom.Sg.)
kuṇḍalinī nāma
namens Kuṇḍalinī
bisa-tantu-nibhā
einer Lotosfaser gleich (Nom.Sg.f.)
śubhā
schön (Nom.Sg.f.)
mūla-kandam
den Wurzelknoten (Akk.Sg.)
phaṇā-agreṇa
mit der Spitze der Haube (Instr.Sg.)
dṛṣṭvā
erblickt habend (Absol.)
kamala-kanda-vat
wie eine Lotosknolle
Vgl. Yogaśikhā-Upaniṣad 6.51–53 und Śivasaṃhitā; in Parallelen steht statt dṛṣṭvā „erblickt habend“ auch dhṛtvā „gehalten habend“, was besser zum Bild passt.
jvalanāghāta-pavanāghātor-unnidrito 'hi-rāṭ | brahma-granthiṃ tato bhittvā viṣṇu-granthiṃ bhinatty ataḥ ||85||
durch die Stöße des Feuers und die Stöße des Windes weit aufgeweckt, durchbricht die Schlangenkönigin dann den Brahma-Knoten und darauf den Viṣṇu-Knoten,
Wort für Wort
jvalana-āghāta-pavana-āghāta-uru-unnidritaḥ
durch Feuerstöße und Windstöße weit aufgeweckt (Nom.Sg.)
ahi-rāṭ
der Schlangenkönig (Nom.Sg.)
brahma-granthim
den Brahma-Knoten (Akk.Sg.)
tataḥ bhittvā
dann durchbrechend (Absol.)
viṣṇu-granthim
den Viṣṇu-Knoten (Akk.Sg.)
bhinatti
durchbricht (3.Sg.Präs.)
ataḥ
darauf
ahi-rāj „König der Schlangen“, hier auf die Kuṇḍalinī bezogen (grammatisch maskulin).
Eben dieser Zustand ist als der höchste zu erkennen; eben er bewirkt die Seligkeit (nirvṛti). – So [endet der Abschnitt]. So [lautet] der erste Adhyāya.
Wort für Wort
sā eva avasthā
eben dieser Zustand (Nom.Sg.f.)
parā jñeyā
ist als höchster zu erkennen (Gerundiv)
sā eva
eben er (Nom.Sg.f.)
nirvṛti-kāriṇī
Seligkeit bewirkend (Nom.Sg.f.)
iti
so [endet es]
iti prathamaḥ adhyāyaḥ
so der erste Adhyāya (Nom.Sg.)
Unnummerierter Schlusssatz (ein Halbvers im Śloka-Maß) nach Vers 86, in der Vorlage ohne Zählung, gefolgt vom Kapitelkolophon. Hiat kāriṇī iti in der Vorlage.