Quellen der Menschheit

Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad

Adhyāya 2: dvitīyo 'dhyāyaḥ – khecarī-vidyā Zweiter Adhyāya: Das Wissen Khecarī (49 Verse)

Der zweite Adhyāya ist eine Kurzfassung der tantrischen Khecarīvidyā, deren Verse teils wörtlich übernommen sind. Er verkündet das Wissen (vidyā) Khecarī, das Alter und Tod überwindet, und betont, dass Übung (abhyāsa) und „Vereinigung“ (melana) – die Verbindung von Praxis und Mantra-Überlieferung aus dem Mund des Lehrers – nur zusammen zum Ziel führen, das Wissen aber selbst über hundert Geburten schwer zu erlangen ist und streng geheim zu halten sei. In den Versen 17–20 wird der Keimlaut (bīja) der Khecarī in tantrischer Buchstabenverschlüsselung (kūṭa) angedeutet; seine Auflösung ist der Melana-Mantra zu Beginn des dritten Adhyāya. Die Verse 28–49 beschreiben die körperliche Khecarī-Mudrā: das wöchentliche Einschneiden des Zungenbändchens, das Reiben mit Salz und Myrobalane, das „Melken“ der Zunge, bis sie nach Jahren Brauenmitte, Ohren und Scheitelgrund erreicht und schließlich durch das Brahma-Tor in die Schädelhöhle eintritt; dort wird mit einer Sonde das „Quirlen“ (mathana) geübt. Nach zwölf Jahren erlangt der Yogin vollkommene Vollendung und schaut das ganze Weltall im eigenen Leib. Verwandte Darstellungen bieten Haṭhapradīpikā 3.32–54 und Yogacūḍāmaṇi 52–58.

athāhaṃ sampravakṣyāmi vidyāṃ khecari-saṃjñikām | yathā vijñānavān asyā loke 'sminn ajaro 'maraḥ ||1||

Nun will ich das Wissen (vidyā) verkünden, das Khecarī heißt, durch das der Kundige dieses [Wissens] in dieser Welt frei von Alter und Tod wird.

Wort für Wort
atha
nun
aham sampravakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
vidyām
das Wissen (Akk.Sg.)
khecari-saṃjñikām
Khecarī genannt (Akk.Sg.f.)
yathā
so dass, wodurch
vijñānavān
der Kundige (Nom.Sg.)
asyāḥ
dieses [Wissens] (Gen.Sg.f.)
loke asmin
in dieser Welt (Lok.Sg.)
ajaraḥ amaraḥ
alterslos, unsterblich (Nom.Sg.)

khecari- mit kurzem i in der Vorlage (metrisch bedingt), beibehalten. Der zweite Adhyāya ist weithin eine Kurzfassung der Khecarīvidyā (auch als Teil des Mahākālasaṃhitā-Umfelds überliefert), deren Verse hier teils wörtlich wiederkehren; vgl. auch Haṭhapradīpikā 3.32–54.

mṛtyu-vyādhi-jarā-grasto dṛṣṭvā vidyām imāṃ mune | buddhiṃ dṛḍhatarāṃ kṛtvā khecarīṃ tu samabhyaset ||2||

Wer von Tod, Krankheit und Alter ergriffen ist, o Weiser, soll, wenn er dieses Wissen gesehen hat, den Geist ganz fest machen und die Khecarī üben.

Wort für Wort
mṛtyu-vyādhi-jarā-grastaḥ
von Tod, Krankheit und Alter ergriffen (Nom.Sg.)
dṛṣṭvā
gesehen habend (Absol.)
vidyām imām
dieses Wissen (Akk.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)
buddhim
den Geist, Verstand (Akk.Sg.)
dṛḍhatarām kṛtvā
sehr fest gemacht habend (Absol.)
khecarīm tu
die Khecarī aber (Akk.Sg.)
samabhyaset
soll üben (3.Sg.Opt.)

jarā-mṛtyu-gada-ghno yaḥ khecarīṃ vetti bhū-tale | granthataś cārthataś caiva tad-abhyāsa-prayogataḥ ||3||

Wer auf Erden die Khecarī kennt, dem Wortlaut nach, dem Sinn nach und nach der Anwendung ihrer Übung, der vernichtet Alter, Tod und Krankheit.

Wort für Wort
jarā-mṛtyu-gada-ghnaḥ
Alter, Tod und Krankheit vernichtend (Nom.Sg.)
yaḥ
wer (Nom.Sg.)
khecarīm vetti
die Khecarī kennt (3.Sg.Präs.)
bhū-tale
auf der Erdoberfläche (Lok.Sg.)
granthataḥ ca
und dem Text nach (Adv.)
arthataḥ ca eva
und dem Sinn nach (Adv.)
tat-abhyāsa-prayogataḥ
nach der Anwendung ihrer Übung (Adv.)

taṃ mune sarva-bhāvena guruṃ matvā samāśrayet | durlabhā khecarī vidyā tad-abhyāso 'pi durlabhaḥ ||4||

Zu dem, o Weiser, soll man mit ganzem Wesen Zuflucht nehmen, indem man ihn als Lehrer (guru) ansieht. Schwer zu erlangen ist das Wissen Khecarī, und schwer zu erlangen ist auch seine Übung.

Wort für Wort
tam
zu dem (Akk.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)
sarva-bhāvena
mit ganzem Wesen (Instr.Sg.)
gurum matvā
als Lehrer ansehend (Absol.)
samāśrayet
soll Zuflucht nehmen (3.Sg.Opt.)
durlabhā
schwer zu erlangen (Nom.Sg.f.)
khecarī vidyā
das Wissen Khecarī (Nom.Sg.)
tat-abhyāsaḥ api
auch seine Übung (Nom.Sg.)
durlabhaḥ
schwer zu erlangen (Nom.Sg.)

abhyāsaṃ melanaṃ caiva yugapan naiva sidhyati | abhyāsa-mātra-niratā na vindante ha melanam ||5||

Übung (abhyāsa) und Vereinigung (melana) gelingen keineswegs zugleich. Wer nur der Übung ergeben ist, findet die Vereinigung nicht.

Wort für Wort
abhyāsam
die Übung (Akk.Sg.)
melanam ca eva
und die Vereinigung (Akk.Sg.)
yugapat
zugleich
na eva sidhyati
gelingt keineswegs (3.Sg.Präs.)
abhyāsa-mātra-niratāḥ
nur der Übung ergeben (Nom.Pl.)
na vindante
finden nicht (3.Pl.Präs.Med.)
ha
fürwahr
melanam
die Vereinigung (Akk.Sg.)

melana „Vereinigung, Zusammenführung“ ist in der Khecarīvidyā der Fachausdruck für die Verbindung von Mantra-Wissen und Praxis unter Anleitung des Lehrers (vgl. Verse 8–9, 26); der Melana-Mantra wird zu Beginn des dritten Adhyāya mitgeteilt.

abhyāsaṃ labhate brahmañ janma-janmāntare kvacit | melanaṃ tu janmanāṃ śatānte 'pi na labhyate ||6||

Die Übung erlangt man, o Brahmane, irgendwann von Geburt zu Geburt; die Vereinigung aber wird selbst am Ende von hundert Geburten nicht erlangt.

Wort für Wort
abhyāsam labhate
erlangt die Übung (3.Sg.Präs.Med.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
janma-janma-antare
von Geburt zu Geburt (Lok.Sg.)
kvacit
irgendwann
melanam tu
die Vereinigung aber (Nom.Sg.)
janmanām śata-ante api
selbst am Ende von hundert Geburten (Lok.Sg.)
na labhyate
wird nicht erlangt (3.Sg.Pass.)

abhyāsaṃ bahu-janmānte kṛtvā tad-bhāva-sādhitam | melanaṃ labhate kaścid yogī janmāntare kvacit ||7||

Nachdem er am Ende vieler Geburten die Übung vollzogen hat, erlangt irgendein Yogin, der durch diese Hingabe vollendet ist, irgendwann in einer anderen Geburt die Vereinigung.

Wort für Wort
abhyāsam kṛtvā
die Übung vollzogen habend (Absol.)
bahu-janma-ante
am Ende vieler Geburten (Lok.Sg.)
tat-bhāva-sādhitam
durch diese Hingabe vollendet (Akk.Sg., auf abhyāsam bezogen)
melanam labhate
erlangt die Vereinigung (3.Sg.Präs.Med.)
kaścit yogī
irgendein Yogin (Nom.Sg.)
janma-antare kvacit
irgendwann in einer anderen Geburt (Lok.Sg.)

yadā tu melanaṃ yogī labhate guru-vaktrataḥ | tadā tat-siddhim āpnoti yad uktā śāstra-santatau ||8||

Wenn aber der Yogin die Vereinigung aus dem Mund des Lehrers erlangt, dann erreicht er jene Vollendung (siddhi), die in der Überlieferung der Lehrschriften genannt ist.

Wort für Wort
yadā tu
wenn aber
melanam
die Vereinigung (Akk.Sg.)
yogī labhate
der Yogin erlangt (3.Sg.Präs.Med.)
guru-vaktrataḥ
aus dem Mund des Lehrers (Adv.)
tadā
dann
tat-siddhim āpnoti
erreicht jene Vollendung (3.Sg.Präs.)
yā uktā
die genannt ist (Nom.Sg.f.)
śāstra-santatau
in der Überlieferung der Lehrschriften (Lok.Sg.)

granthataś cārthataś caiva melanaṃ labhate yadā | tadā śivatvam āpnoti nirmuktaḥ sarva-saṃsṛteḥ ||9||

Wenn er die Vereinigung dem Wortlaut nach und dem Sinn nach erlangt, dann erreicht er die Śiva-heit (śivatva), befreit vom ganzen Kreislauf des Daseins.

Wort für Wort
granthataḥ ca arthataḥ ca eva
dem Wortlaut und dem Sinn nach (Adv.)
melanam labhate
erlangt die Vereinigung (3.Sg.Präs.Med.)
yadā
wenn
tadā
dann
śivatvam āpnoti
erreicht die Śiva-heit (3.Sg.Präs.)
nirmuktaḥ
befreit (Nom.Sg.)
sarva-saṃsṛteḥ
vom ganzen Kreislauf (Abl.Sg.)

śāstraṃ vināpi saṃboddhuṃ guravo 'pi na śaknuyuḥ | tasmāt sudurlabhataraṃ labhyaṃ śāstram idaṃ mune ||10||

Ohne die Lehrschrift könnten selbst die Lehrer [sie] nicht verstehen. Deshalb, o Weiser, ist diese Lehrschrift, die es zu erlangen gilt, überaus schwer zu erlangen.

Wort für Wort
śāstram vinā api
auch ohne die Lehrschrift (Akk.Sg.)
saṃboddhum
zu verstehen (Inf.)
guravaḥ api
selbst die Lehrer (Nom.Pl.)
na śaknuyuḥ
könnten nicht (3.Pl.Opt.)
tasmāt
deshalb
su-durlabhataram
überaus schwer zu erlangen (Nom.Sg.)
labhyam
zu erlangen (Gerundiv)
śāstram idam
diese Lehrschrift (Nom.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)

yāvan na labhyate śāstraṃ tāvad gāṃ paryaṭed yatiḥ | yadā saṃlabhyate śāstraṃ tadā siddhiḥ kare sthitā ||11||

Solange die Lehrschrift nicht erlangt ist, soll der Asket (yati) die Erde durchwandern; sobald die Lehrschrift erlangt ist, liegt die Vollendung in seiner Hand.

Wort für Wort
yāvat
solange
na labhyate śāstram
die Lehrschrift nicht erlangt wird (3.Sg.Pass.)
tāvat
so lange
gām paryaṭet
soll die Erde durchwandern (3.Sg.Opt.)
yatiḥ
der Asket (Nom.Sg.)
yadā saṃlabhyate
sobald erlangt wird (3.Sg.Pass.)
tadā
dann
siddhiḥ kare sthitā
liegt die Vollendung in der Hand (Nom.Sg.f.)

na śāstreṇa vinā siddhir dṛṣṭā caiva jagat-traye | tasmān melana-dātāraṃ śāstra-dātāram acyutam ||12||

Ohne die Lehrschrift ist in den drei Welten keine Vollendung gesehen worden. Deshalb soll man zu dem, der die Vereinigung gibt, der die Lehrschrift gibt, dem Unwandelbaren,

Wort für Wort
na śāstreṇa vinā
nicht ohne die Lehrschrift (Instr.Sg.)
siddhiḥ dṛṣṭā
Vollendung ist gesehen (Nom.Sg.f.)
ca eva
fürwahr
jagat-traye
in den drei Welten (Lok.Sg.)
tasmāt
deshalb
melana-dātāram
den Geber der Vereinigung (Akk.Sg.)
śāstra-dātāram
den Geber der Lehrschrift (Akk.Sg.)
acyutam
den Unwandelbaren (Akk.Sg.)

tad-abhyāsa-pradātāraṃ śivaṃ matvā samāśrayet | labdhvā śāstram idaṃ mahyam anyeṣāṃ na prakāśayet ||13||

der die Übung darin verleiht, Zuflucht nehmen, indem man ihn als Śiva ansieht. Wer diese Lehrschrift von mir erhalten hat, soll sie anderen nicht offenbaren.

Wort für Wort
tat-abhyāsa-pradātāram
den Verleiher der Übung darin (Akk.Sg.)
śivam matvā
als Śiva ansehend (Absol.)
samāśrayet
soll Zuflucht nehmen (3.Sg.Opt.)
labdhvā
erhalten habend (Absol.)
śāstram idam
diese Lehrschrift (Akk.Sg.)
mahyam
von mir (Dat. für Abl.)
anyeṣām
anderen (Gen.Pl.)
na prakāśayet
soll nicht offenbaren (3.Sg.Opt.Kaus.)

mahyam (Dativ „mir“) steht hier ungewöhnlich für den Ablativ mattaḥ „von mir“; so auch in der Khecarīvidyā-Parallele.

tasmāt sarva-prayatnena gopanīyaṃ vijānatā | yatrāste ca gurur brahman divya-yoga-pradāyakaḥ ||14||

Deshalb ist sie von dem, der sie kennt, mit aller Anstrengung geheim zu halten. Wo, o Brahmane, ein Lehrer weilt, der den göttlichen Yoga verleiht,

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
sarva-prayatnena
mit aller Anstrengung (Instr.Sg.)
gopanīyam
ist geheim zu halten (Gerundiv)
vijānatā
von dem, der [sie] kennt (Instr.Sg.Part.)
yatra āste ca
und wo weilt (3.Sg.Präs.Med.)
guruḥ
der Lehrer (Nom.Sg.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
divya-yoga-pradāyakaḥ
den göttlichen Yoga verleihend (Nom.Sg.)

tatra gatvā ca tenokta-vidyāṃ saṃgṛhya khecarīm | tenoktaḥ samyag abhyāsaṃ kuryād ādāv atandritaḥ ||15||

dorthin gehe man, empfange das von ihm gelehrte Wissen Khecarī und vollziehe, von ihm unterwiesen, zunächst ohne Nachlässigkeit die rechte Übung.

Wort für Wort
tatra gatvā ca
und dorthin gegangen (Absol.)
tena-ukta-vidyām
das von ihm gelehrte Wissen (Akk.Sg.)
saṃgṛhya
empfangend (Absol.)
khecarīm
Khecarī (Akk.Sg.)
tena uktaḥ
von ihm unterwiesen (Nom.Sg.)
samyak abhyāsam kuryāt
vollziehe die rechte Übung (3.Sg.Opt.)
ādau
zunächst (Lok.Sg.)
atandritaḥ
unermüdlich (Nom.Sg.)

anayā vidyayā yogī khecarī-siddhi-bhāg bhavet | khecaryā khecarīṃ yuñjan khecarī-bīja-pūrayā ||16||

Durch dieses Wissen wird der Yogin der Khecarī-Vollendung teilhaftig. Indem er mit der [Mudrā] Khecarī, erfüllt vom Khecarī-Keimlaut (bīja), die Khecarī[-Śakti] verbindet,

Wort für Wort
anayā vidyayā
durch dieses Wissen (Instr.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
khecarī-siddhi-bhāk bhavet
wird der Khecarī-Vollendung teilhaftig (3.Sg.Opt.)
khecaryā
mit der Khecarī [Mudrā] (Instr.Sg.)
khecarīm yuñjan
die Khecarī [Śakti] verbindend (Nom.Sg.Part.)
khecarī-bīja-pūrayā
erfüllt vom Khecarī-Keimlaut (Instr.Sg.f.)

Wortspiel mit khecarī: Mudrā, Śakti und Vidyā tragen denselben Namen; khe-carī „die im Raum (kha) Wandelnde“.

khecarādhipatir bhūtvā khecareṣu sadā vaset | khecarāvasathaṃ vahnim ambu-maṇḍala-bhūṣitam ||17||

wird er Herr der Raumwandler (khecara) und weilt stets unter den Raumwandlern. Das Feuer, die Wohnstatt der Raumwandler, geschmückt mit dem Kreis des Wassers –

Wort für Wort
khecara-adhipatiḥ bhūtvā
Herr der Raumwandler geworden (Absol.)
khecareṣu
unter den Raumwandlern (Lok.Pl.)
sadā vaset
weilt stets (3.Sg.Opt.)
khecara-āvasatham
die Wohnstatt der Raumwandler (Akk.Sg.)
vahnim
das Feuer (Akk.Sg.)
ambu-maṇḍala-bhūṣitam
mit dem Kreis des Wassers geschmückt (Akk.Sg.)

Verschlüsselte Angabe des Keimlauts (bīja) der Khecarī: „Feuer“ ist die Silbe ra, „Wohnstatt der Raumwandler“ das kha bzw. ha (der Raum), der „Kreis des Wassers“ der Nasallaut mit Bindu (ṃ); ergänzt um den Vokal ī ergibt sich hrīṃ, der erste Laut des Melana-Mantra (Adhyāya 3, Eingang). Die Verse 17–20 bilden einen kūṭa (Verse 20), eine Buchstabenverschlüsselung nach tantrischem Brauch.

ākhyātaṃ khecarī-bījaṃ tena yogaḥ prasidhyati | somāṃśa-navakaṃ varṇaṃ pratilomena coddharet ||18||

[so] ist der Keimlaut der Khecarī erklärt; durch ihn gelingt der Yoga. Den neunten Buchstaben des Mond-Anteils soll man in umgekehrter Reihenfolge herausziehen;

Wort für Wort
ākhyātam
erklärt (Nom.Sg.)
khecarī-bījam
der Keimlaut der Khecarī (Nom.Sg.)
tena
durch ihn (Instr.Sg.)
yogaḥ prasidhyati
der Yoga gelingt (3.Sg.Präs.)
soma-aṃśa-navakam varṇam
den neunten Buchstaben des Mond-Anteils (Akk.Sg.)
pratilomena ca
und in umgekehrter Reihenfolge (Instr.Sg.)
uddharet
soll herausziehen (3.Sg.Opt.)

Verschlüsselte Buchstabenlehre (kūṭa): Der „Mond-Anteil“ (soma-aṃśa) bezeichnet in tantrischen Alphabet-Systemen eine Buchstabengruppe; in umgekehrter Zählung ergeben sich die Konsonanten des Melana-Mantra (bha, sa, pa, pha, sa, kṣa). Eine eindeutige Entschlüsselung ist nur mit der Überlieferung des Lehrers möglich (Vers 21).

tasmāt try-aṃśakam ākhyātam akṣaraṃ candra-rūpakam | tasmād apy aṣṭamaṃ varṇaṃ vilomena paraṃ mune ||19||

von diesem aus wird der dritte Teil, die Silbe von Mondgestalt, gelehrt; und von diesem aus wiederum der achte Buchstabe, in umgekehrter Reihenfolge, der weitere, o Weiser.

Wort für Wort
tasmāt
von diesem aus (Abl.Sg.)
tri-aṃśakam
den dritten Teil (Nom.Sg.)
ākhyātam
gelehrt (Nom.Sg.)
akṣaram
die Silbe (Nom.Sg.)
candra-rūpakam
von Mondgestalt (Nom.Sg.)
tasmāt api
und von diesem aus (Abl.Sg.)
aṣṭamam varṇam
den achten Buchstaben (Akk.Sg.)
vilomena
in umgekehrter Reihenfolge (Instr.Sg.)
param
den weiteren (Akk.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)

tathā tat-paramaṃ viddhi tad-ādir api pañcamī | indoś ca bahu-bhinne ca kūṭo 'yaṃ parikīrtitaḥ ||20||

Ebenso wisse jenes Höchste; sein Anfang ist auch das fünfte [Zeichen]. In der vielfachen Aufspaltung des Mondes [d.h. der Buchstabenreihe] wird dies als die Verschlüsselung (kūṭa) verkündet.

Wort für Wort
tathā
ebenso
tat-paramam
jenes Höchste (Akk.Sg.)
viddhi
wisse (2.Sg.Imp.)
tat-ādiḥ api
auch sein Anfang (Nom.Sg.)
pañcamī
das fünfte (Nom.Sg.f.)
indoḥ ca
und des Mondes (Gen.Sg.)
bahu-bhinne ca
und in der vielfachen Aufspaltung (Lok.Sg.)
kūṭaḥ ayam
diese Verschlüsselung (Nom.Sg.)
parikīrtitaḥ
wird verkündet (Nom.Sg.)

gurūpadeśa-labhyaṃ ca sarva-yoga-prasiddhi-dam | yat tasya deha-jā māyā niruddha-karaṇāśrayā ||21||

[Dieser Mantra] ist durch die Unterweisung des Lehrers zu erlangen und verleiht das Gelingen aller Yoga-Praxis. Die aus dem Körper geborene Täuschung (māyā), die auf den gebändigten Sinnen ruht, –

Wort für Wort
guru-upadeśa-labhyam ca
und durch die Unterweisung des Lehrers zu erlangen (Nom.Sg.)
sarva-yoga-prasiddhi-dam
das Gelingen alles Yoga verleihend (Nom.Sg.)
yat
welches, was
tasya
dessen (Gen.Sg.)
deha-jā māyā
die aus dem Körper geborene Täuschung (Nom.Sg.)
niruddha-karaṇa-āśrayā
auf den gebändigten Sinnesorganen ruhend (Nom.Sg.f.)

svapne 'pi na labhet tasya nityaṃ dvādaśa-japyataḥ | ya imāṃ pañca lakṣāṇi japed api suyantritaḥ ||22||

nicht einmal im Traum erreicht sie den, der [den Mantra] täglich zwölfmal murmelt. Wer diesen [Mantra], wohlgezügelt, fünfhunderttausendmal murmelt,

Wort für Wort
svapne api
nicht einmal im Traum (Lok.Sg.)
na labhet
erreicht nicht (3.Sg.Opt.)
tasya
dessen, den (Gen.Sg.)
nityam
täglich
dvādaśa-japyataḥ
infolge des zwölfmaligen Murmelns (Adv.)
yaḥ imām
wer diesen [Mantra/Vidyā] (Akk.Sg.f.)
pañca lakṣāṇi
fünf Lakhs, 500.000 (Akk.Pl.)
japet api
murmelt (3.Sg.Opt.)
su-yantritaḥ
wohl gezügelt (Nom.Sg.)

tasya śrī-khecarī-siddhiḥ svayam eva pravartate | naśyanti sarva-vighnāni prasīdanti ca devatāḥ ||23||

dem stellt sich die ehrwürdige Khecarī-Vollendung von selbst ein; alle Hindernisse schwinden, und die Gottheiten sind ihm gnädig.

Wort für Wort
tasya
dem (Gen.Sg.)
śrī-khecarī-siddhiḥ
die ehrwürdige Khecarī-Vollendung (Nom.Sg.)
svayam eva
ganz von selbst
pravartate
stellt sich ein (3.Sg.Präs.Med.)
naśyanti
schwinden (3.Pl.Präs.)
sarva-vighnāni
alle Hindernisse (Nom.Pl.)
prasīdanti ca
und sind gnädig (3.Pl.Präs.)
devatāḥ
die Gottheiten (Nom.Pl.)

valī-palita-nāśaś ca bhaviṣyati na saṃśayaḥ | evaṃ labdhvā mahā-vidyām abhyāsaṃ kārayet tataḥ ||24||

Runzeln und graues Haar werden schwinden, daran ist kein Zweifel. Hat man so das große Wissen erlangt, soll man darauf die Übung ausführen lassen.

Wort für Wort
valī-palita-nāśaḥ ca
und das Schwinden von Runzeln und grauem Haar (Nom.Sg.)
bhaviṣyati
wird sein (3.Sg.Fut.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel (Nom.Sg.)
evam
so
labdhvā
erlangt habend (Absol.)
mahā-vidyām
das große Wissen (Akk.Sg.)
abhyāsam kārayet
soll die Übung ausführen (lassen) (3.Sg.Opt.Kaus.)
tataḥ
darauf

anyathā kliśyate brahman na siddhiḥ khecarī-pathe | yad abhyāsa-vidhau vidyāṃ na labhed yaḥ sudhā-mayīm ||25||

Andernfalls, o Brahmane, müht man sich ab, und auf dem Pfad der Khecarī gibt es keine Vollendung: wenn einer bei der Vorschrift der Übung das Wissen, das aus Nektar besteht, nicht erlangt.

Wort für Wort
anyathā
andernfalls
kliśyate
müht sich ab, leidet (3.Sg.Präs.Pass.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
na siddhiḥ
keine Vollendung (Nom.Sg.)
khecarī-pathe
auf dem Khecarī-Pfad (Lok.Sg.)
yat
wenn, dass
abhyāsa-vidhau
bei der Übungsvorschrift (Lok.Sg.)
vidyām na labhet yaḥ
wer das Wissen nicht erlangt (3.Sg.Opt.)
sudhā-mayīm
aus Nektar bestehend (Akk.Sg.f.)

tataḥ saṃmelakādau ca labdhvā vidyāṃ sadā japet | nānyathā rahito brahman na kiñcit siddhi-bhāg bhavet ||26||

Deshalb soll man das Wissen zu Beginn der Vereinigung (saṃmelaka) und bei anderen Gelegenheiten empfangen und beständig murmeln. Sonst, o Brahmane, ohne dieses [Wissen], wird man keinerlei Vollendung teilhaftig.

Wort für Wort
tataḥ
deshalb
saṃmelaka-ādau ca
und zu Beginn der Vereinigung usw. (Lok.Sg.)
labdhvā vidyām
das Wissen empfangen habend (Absol.)
sadā japet
murmle man beständig (3.Sg.Opt.)
na anyathā
nicht andernfalls
rahitaḥ
ohne [dieses], entblößt (Nom.Sg.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
na kiñcit
keinerlei
siddhi-bhāk bhavet
wird der Vollendung teilhaftig (3.Sg.Opt.)

yad idaṃ labhyate śāstraṃ tadā vidyāṃ samāśrayet | tatas tad-oditāṃ siddhim āśu tāṃ labhate muniḥ ||27||

Sobald diese Lehrschrift erlangt ist, soll man sich auf das Wissen stützen; dann erlangt der Weise rasch jene darin verkündete Vollendung.

Wort für Wort
yat
sobald
idam śāstram labhyate
diese Lehrschrift erlangt wird (3.Sg.Pass.)
tadā
dann
vidyām samāśrayet
stütze man sich auf das Wissen (3.Sg.Opt.)
tataḥ
dann
tat-uditām siddhim
die darin verkündete Vollendung (Akk.Sg.)
āśu
rasch
tām labhate muniḥ
die erlangt der Weise (3.Sg.Präs.Med.)

tālu-mūlaṃ samutkṛṣya sapta-vāsaram ātma-vit | sva-gurūkta-prakāreṇa malaṃ sarvaṃ viśodhayet ||28||

Der Selbstkenner soll sieben Tage lang die Wurzel des Gaumens [mit der Zunge] reiben und auf die von seinem Lehrer gelehrte Weise alle Unreinheit beseitigen.

Wort für Wort
tālu-mūlam
die Wurzel des Gaumens (Akk.Sg.)
samutkṛṣya
reibend, aufziehend (Absol.)
sapta-vāsaram
sieben Tage lang (Akk.Sg.)
ātma-vit
der Selbstkenner (Nom.Sg.)
sva-guru-ukta-prakāreṇa
auf die vom eigenen Lehrer gelehrte Weise (Instr.Sg.)
malam sarvam
alle Unreinheit (Akk.Sg.)
viśodhayet
soll reinigen (3.Sg.Opt.Kaus.)

Beginn der Anweisung zur Khecarī-Mudrā (Verse 28–49); vgl. Haṭhapradīpikā 3.32–37 und Khecarīvidyā 1.45ff.

snuhi-patra-nibhaṃ śastraṃ sutīkṣṇaṃ snigdha-nirmalam | samādāya tatas tena roma-mātraṃ samucchinet ||29||

Dann nehme man ein Messer, das einem Blatt der Wolfsmilch (snuhī) gleicht, sehr scharf, glatt und rein, und schneide damit [das Zungenbändchen] um eine Haaresbreite ein.

Wort für Wort
snuhi-patra-nibham
einem Wolfsmilchblatt gleich (Akk.Sg.)
śastram
ein Messer (Akk.Sg.)
su-tīkṣṇam
sehr scharf (Akk.Sg.)
snigdha-nirmalam
glatt und rein (Akk.Sg.)
samādāya
nehmend (Absol.)
tataḥ
dann
tena
damit (Instr.Sg.)
roma-mātram
nur um eine Haaresbreite (Akk.Sg.)
samucchinet
schneide man ein (3.Sg.Opt.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.33.

hitvā saindhava-pathyābhyāṃ cūrṇitābhyāṃ prakarṣayet | punaḥ sapta-dine prāpte roma-mātraṃ samucchinet ||30||

Danach reibe man [die Stelle] mit gepulvertem Steinsalz und Myrobalane. Wenn wieder der siebte Tag gekommen ist, schneide man wieder um eine Haaresbreite ein.

Wort für Wort
hitvā
[das Messer] beiseitegelegt habend (Absol.)
saindhava-pathyābhyām
mit Steinsalz und Myrobalane (Instr.Du.)
cūrṇitābhyām
gepulvert (Instr.Du.)
prakarṣayet
reibe man, ziehe man (3.Sg.Opt.Kaus.)
punaḥ
wieder
sapta-dine prāpte
wenn der siebte Tag gekommen ist (Lok.abs.)
roma-mātram samucchinet
schneide man um eine Haaresbreite ein (3.Sg.Opt.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.34 (dort pragharṣayet „reibe“; die Vorlage hat prakarṣayet). hitvā „nachdem man [das Messer] beiseitegelegt hat“.

evaṃ krameṇa ṣaṇ-māsaṃ nityodyuktaḥ samācaret | ṣaṇ-māsād rasanā-mūlaṃ sirā-baddhaṃ praṇaśyati ||31||

So verfahre man der Reihe nach sechs Monate lang, stets eifrig. Nach sechs Monaten schwindet das [Bändchen], das die Zungenwurzel mit einer Sehne bindet.

Wort für Wort
evam krameṇa
so der Reihe nach (Instr.Sg.)
ṣaṭ-māsam
sechs Monate lang (Akk.Sg.)
nitya-udyuktaḥ
stets eifrig (Nom.Sg.)
samācaret
verfahre man (3.Sg.Opt.)
ṣaṭ-māsāt
nach sechs Monaten (Abl.Sg.)
rasanā-mūlam
die Zungenwurzel (Nom.Sg.)
sirā-baddham
von der Sehne gebunden (Nom.Sg.)
praṇaśyati
schwindet (3.Sg.Präs.)

atha vāgīśvarī-dhāma śiro vastreṇa veṣṭayet | śanair utkarṣayed yogī kāla-velā-vidhāna-vit ||32||

Dann umwickle man die Spitze [der Zunge], die Wohnstatt der Vāgīśvarī (Göttin der Rede), mit einem Tuch, und der Yogin, der die Vorschriften über Zeit und Stunde kennt, ziehe sie langsam heraus.

Wort für Wort
atha
dann
vāgīśvarī-dhāma
die Wohnstatt der Vāgīśvarī (Akk.Sg.)
śiraḥ
die Spitze, den Kopf [der Zunge] (Akk.Sg.)
vastreṇa
mit einem Tuch (Instr.Sg.)
veṣṭayet
umwickle man (3.Sg.Opt.Kaus.)
śanaiḥ
langsam
utkarṣayet
ziehe heraus (3.Sg.Opt.Kaus.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
kāla-velā-vidhāna-vit
die Vorschrift von Zeit und Stunde kennend (Nom.Sg.)

Vgl. Haṭhapradīpikā 3.35 (rasanāṃ ... dhenu-vat-doheṣu, „melken“).

punaḥ ṣaṇ-māsa-mātreṇa nityaṃ saṅgharṣaṇān mune | bhrū-madhyāvadhi cāpy eti tiryak karṇa-bilāvadhiḥ ||33||

Nach weiteren nur sechs Monaten beständigen Reibens, o Weiser, reicht [die Zunge] bis zur Mitte der Brauen und seitlich bis zu den Ohröffnungen,

Wort für Wort
punaḥ
wieder
ṣaṭ-māsa-mātreṇa
nach nur sechs Monaten (Instr.Sg.)
nityam saṅgharṣaṇāt
durch beständiges Reiben (Abl.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)
bhrū-madhya-avadhi
bis zur Mitte der Brauen (Adv.)
ca api eti
und reicht auch (3.Sg.Präs.)
tiryak
seitwärts
karṇa-bila-avadhiḥ
bis zur Ohröffnung reichend (Nom.Sg.)

Vorlage: kaṇabilāvadhiḥ; zu karṇa-bilāvadhiḥ berichtigt (so auch Khecarīvidyā 1.52).

adhaś ca cubukaṃ mūlaṃ prayāti krama-cāritā | punaḥ saṃvatsarāṇāṃ tu tṛtīyād eva līlayā ||34||

und nach unten gelangt sie, stufenweise geführt, bis zur Wurzel des Kinns. Vom dritten Jahr an wiederum [reicht sie] spielend

Wort für Wort
adhaḥ ca
und nach unten
cubukam mūlam
die Wurzel des Kinns (Akk.Sg.)
prayāti
gelangt (3.Sg.Präs.)
krama-cāritā
stufenweise geführt (Nom.Sg.f.)
punaḥ
wiederum
saṃvatsarāṇām tu tṛtīyāt eva
vom dritten der Jahre an (Abl.Sg.)
līlayā
spielend (Instr.Sg.)

keśāntam ūrdhvaṃ kramati tiryak śākhāvadhir mune | adhastāt kaṇṭha-kūpāntaṃ punar varṣa-trayeṇa tu ||35||

nach oben bis zum Haaransatz, seitwärts bis zu den Schläfen, o Weiser, und nach unten bis zur Kehlgrube. Nach weiteren drei Jahren

Wort für Wort
keśa-antam
bis zum Haaransatz (Akk.Sg.)
ūrdhvam kramati
schreitet nach oben (3.Sg.Präs.)
tiryak
seitwärts
śākhā-avadhiḥ
bis zu den Schläfen (Nom.Sg.)
mune
o Weiser (Vok.Sg.)
adhastāt
nach unten
kaṇṭha-kūpa-antam
bis zur Kehlgrube (Akk.Sg.)
punaḥ
wiederum
varṣa-trayeṇa tu
nach drei Jahren aber (Instr.Sg.)

śākhā „Ast, Zweig“ ist hier im Sinne von śaṅkha „Schläfe“ zu verstehen (so Khecarīvidyā 1.54); die Lesart der Vorlage wurde beibehalten.

brahma-randhraṃ samāvṛtya tiṣṭhed eva na saṃśayaḥ | tiryak cūli-talaṃ yāti adhaḥ kaṇṭha-bilāvadhi ||36||

verschließt sie die Brahma-Öffnung und bleibt dort, daran ist kein Zweifel; seitwärts gelangt sie bis zum Grund des Scheitels, nach unten bis zur Kehlöffnung.

Wort für Wort
brahma-randhram
die Brahma-Öffnung (Akk.Sg.)
samāvṛtya
verschließend (Absol.)
tiṣṭhet eva
bleibt sie (3.Sg.Opt.)
na saṃśayaḥ
kein Zweifel (Nom.Sg.)
tiryak
seitwärts
cūli-talam yāti
gelangt zum Grund des Scheitels (3.Sg.Präs.)
adhaḥ
nach unten
kaṇṭha-bila-avadhi
bis zur Kehlöffnung (Adv.)

Hiat yāti adhaḥ in der Vorlage.

śanaiḥ śanair mastakāc ca mahā-vajra-kapāṭa-bhit | pūrvaṃ bīja-yutā vidyā hy ākhyātā yati-durlabhā ||37||

Ganz allmählich durchbricht sie vom Kopf aus die große diamantene Tür. Das Wissen, verbunden mit dem Keimlaut, das selbst für Asketen schwer zu erlangen ist, wurde zuvor erklärt.

Wort für Wort
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
mastakāt ca
und vom Kopf aus (Abl.Sg.)
mahā-vajra-kapāṭa-bhit
die große Diamant-Tür durchbrechend (Nom.Sg.)
pūrvam
zuvor
bīja-yutā vidyā
das mit dem Keimlaut verbundene Wissen (Nom.Sg.)
hi ākhyātā
wurde erklärt (Nom.Sg.f.)
yati-durlabhā
für Asketen schwer zu erlangen (Nom.Sg.f.)

tasyāḥ ṣaḍ-aṅgaṃ kurvīta tayā ṣaṭ-svara-bhinnayā | kuryād evaṃ kara-nyāsaṃ sarva-siddhy-ādi-hetave ||38||

Man vollziehe damit die sechsgliedrige [Zuordnung] (ṣaḍ-aṅga-nyāsa) dieses [Wissens], indem man es mit den sechs Vokalen abwandelt; ebenso vollziehe man die Handzuordnung (kara-nyāsa), um aller Vollendung und dergleichen willen.

Wort für Wort
tasyāḥ
dieses [Wissens] (Gen.Sg.f.)
ṣaṭ-aṅgam kurvīta
vollziehe man die Sechsgliedrigkeit (3.Sg.Opt.Med.)
tayā
mit ihr (Instr.Sg.f.)
ṣaṭ-svara-bhinnayā
durch sechs Vokale abgewandelt (Instr.Sg.f.)
kuryāt evam
vollziehe man ebenso (3.Sg.Opt.)
kara-nyāsam
die Handzuordnung (Akk.Sg.)
sarva-siddhi-ādi-hetave
um aller Vollendung usw. willen (Dat.Sg.)

nyāsa: rituelles Auflegen der Mantrasilben auf sechs Körperglieder (Herz, Kopf, Scheitelschopf, Panzer, Augen, Waffe) und auf die Finger; die „sechs Vokale“ sind die langen Vokale ā ī ū ai au aḥ, mit denen der Keimlaut variiert wird.

śanair evaṃ prakartavyam abhyāsaṃ yugapan na hi | yugapad vartate yasya śarīraṃ vilayaṃ vrajet ||39||

Langsam ist so die Übung zu vollziehen, keinesfalls auf einmal; wessen [Übung] auf einmal geschieht, dessen Körper geht zugrunde.

Wort für Wort
śanaiḥ
langsam
evam
so
prakartavyam
ist zu vollziehen (Gerundiv)
abhyāsam
die Übung (Akk.Sg.)
yugapat na hi
keinesfalls auf einmal
yugapat vartate yasya
wessen [Übung] auf einmal geschieht (3.Sg.Präs.Med.)
śarīram
der Körper (Nom.Sg.)
vilayam vrajet
geht zugrunde (3.Sg.Opt.)

tasmāc chanaiḥ śanaiḥ kāryam abhyāsaṃ muni-puṅgava | yadā ca bāhya-mārgeṇa jihvā brahma-bilaṃ vrajet ||40||

Deshalb, o Stier unter den Weisen, ist die Übung ganz allmählich zu vollziehen. Wenn die Zunge auf dem äußeren Weg zur Brahma-Höhle gelangt,

Wort für Wort
tasmāt
deshalb
śanaiḥ śanaiḥ
ganz allmählich
kāryam abhyāsam
die Übung ist zu vollziehen (Gerundiv)
muni-puṅgava
o Stier unter den Weisen (Vok.Sg.)
yadā ca
und wenn
bāhya-mārgeṇa
auf dem äußeren Weg (Instr.Sg.)
jihvā
die Zunge (Nom.Sg.)
brahma-bilam vrajet
zur Brahma-Höhle gelangt (3.Sg.Opt.)

tadā brahmārgalaṃ brahman durbhedyaṃ tridaśair api | aṅguly-agreṇa saṃghṛṣya jihvā-mātraṃ niveśayet ||41||

dann reibe man mit der Fingerspitze den Brahma-Riegel, o Brahmane, der selbst für die Dreißig [Götter] schwer zu durchbrechen ist, und führe nur die Zunge ein.

Wort für Wort
tadā
dann
brahma-argalam
den Brahma-Riegel (Akk.Sg.)
brahman
o Brahmane (Vok.Sg.)
durbhedyam
schwer zu durchbrechen (Akk.Sg.)
tridaśaiḥ api
selbst von den Dreißig [Göttern] (Instr.Pl.)
aṅguli-agreṇa
mit der Fingerspitze (Instr.Sg.)
saṃghṛṣya
reibend (Absol.)
jihvā-mātram
nur die Zunge (Akk.Sg.)
niveśayet
führe man ein (3.Sg.Opt.Kaus.)

evaṃ varṣa-trayaṃ kṛtvā brahma-dvāraṃ praviśyati | brahma-dvāre praviṣṭe tu samyaṅ mathanam ācaret ||42||

Hat man dies drei Jahre lang getan, tritt [die Zunge] in das Brahma-Tor ein. Ist sie in das Brahma-Tor eingetreten, vollziehe man ordnungsgemäß das Quirlen (mathana).

Wort für Wort
evam
so
varṣa-trayam kṛtvā
drei Jahre lang getan habend (Absol.)
brahma-dvāram
in das Brahma-Tor (Akk.Sg.)
praviśyati
tritt ein (3.Sg.Präs., für praviśati)
brahma-dvāre praviṣṭe tu
wenn sie ins Brahma-Tor eingetreten ist (Lok.abs.)
samyak
ordnungsgemäß
mathanam ācaret
vollziehe man das Quirlen (3.Sg.Opt.)

praviśyati steht metrisch für praviśati. mathana: das Hin- und Herbewegen der Zunge in der Schädelhöhle, in den Versen 44–47 mit Hilfe einer Sonde beschrieben.

mathanena vinā kecit sādhayanti vipaścitaḥ | khecarī-mantra-siddhasya sidhyate mathanaṃ vinā ||43||

Manche Kundige erreichen [das Ziel] auch ohne das Quirlen; wer im Khecarī-Mantra vollendet ist, dem gelingt es ohne Quirlen.

Wort für Wort
mathanena vinā
ohne das Quirlen (Instr.Sg.)
kecit vipaścitaḥ
manche Kundige (Nom.Pl.)
sādhayanti
erreichen, vollbringen (3.Pl.Präs.Kaus.)
khecarī-mantra-siddhasya
dessen, der im Khecarī-Mantra vollendet ist (Gen.Sg.)
sidhyate
es gelingt (3.Sg.Präs.Pass.)
mathanam vinā
ohne Quirlen (Akk.Sg.)

japaṃ ca mathanaṃ caiva kṛtvā śīghraṃ phalaṃ labhet | svarṇa-jāṃ raupya-jāṃ vāpi loha-jāṃ vā śalākikām ||44||

Wer aber Murmeln (japa) und Quirlen beide vollzieht, erlangt rasch die Frucht. Eine kleine Sonde aus Gold, Silber oder Eisen

Wort für Wort
japam ca mathanam ca eva
Murmeln und Quirlen (Akk.Sg.)
kṛtvā
vollzogen habend (Absol.)
śīghram
rasch
phalam labhet
erlangt die Frucht (3.Sg.Opt.)
svarṇa-jām
aus Gold gemacht (Akk.Sg.f.)
raupya-jām vā api
oder aus Silber (Akk.Sg.f.)
loha-jām vā
oder aus Eisen (Akk.Sg.f.)
śalākikām
eine kleine Sonde (Akk.Sg.)

niyojya nāsikā-randhraṃ dugdha-siktena tantunā | prāṇān nirudhya hṛdaye sukham āsanam ātmanaḥ ||45||

führe man, [umwunden] mit einem in Milch getränkten Faden, in das Nasenloch ein, halte die Lebenswinde im Herzen an, [nehme] die für sich bequeme Sitzhaltung ein,

Wort für Wort
niyojya
einführend (Absol.)
nāsikā-randhram
in das Nasenloch (Akk.Sg.)
dugdha-siktena tantunā
mit einem in Milch getränkten Faden (Instr.Sg.)
prāṇān nirudhya
die Lebenswinde anhaltend (Absol.)
hṛdaye
im Herzen (Lok.Sg.)
sukham āsanam
eine bequeme Sitzhaltung (Akk.Sg.)
ātmanaḥ
für sich selbst (Gen.Sg.)

śanaiḥ sumathanaṃ kuryād bhrū-madhye nyasya cakṣuṣī | ṣaṇ-māsaṃ mathanāvasthā bhāvenaiva prajāyate ||46||

und vollziehe langsam das rechte Quirlen, die Augen auf die Mitte der Brauen gerichtet. [Nach] sechs Monaten entsteht der Zustand des Quirlens ganz von selbst durch die innere Hingabe (bhāva),

Wort für Wort
śanaiḥ
langsam
su-mathanam kuryāt
vollziehe das rechte Quirlen (3.Sg.Opt.)
bhrū-madhye
in der Mitte der Brauen (Lok.Sg.)
nyasya cakṣuṣī
die beiden Augen richtend (Absol., Akk.Du.)
ṣaṭ-māsam
sechs Monate (Akk.Sg.)
mathana-avasthā
der Zustand des Quirlens (Nom.Sg.)
bhāvena eva
allein durch die Hingabe (Instr.Sg.)
prajāyate
entsteht (3.Sg.Präs.Med.)

yathā suṣuptir bālānāṃ yathā bhāvas tathā bhavet | na sadā mathanaṃ śastaṃ māse māse samācaret ||47||

wie der Tiefschlaf der Kinder [von selbst kommt]: Wie die Hingabe, so wird [der Zustand]. Das Quirlen ist nicht ständig empfohlen; einmal im Monat soll man es vollziehen.

Wort für Wort
yathā suṣuptiḥ bālānām
wie der Tiefschlaf der Kinder (Nom.Sg.)
yathā bhāvaḥ
wie die Hingabe (Nom.Sg.)
tathā bhavet
so wird [es] (3.Sg.Opt.)
na sadā
nicht ständig
mathanam śastam
ist das Quirlen empfohlen (Nom.Sg.)
māse māse
Monat für Monat (Lok.Sg.)
samācaret
soll man vollziehen (3.Sg.Opt.)

sadā rasanayā yogī mārgaṃ na parisaṃkramet | evaṃ dvādaśa-varṣānte saṃsiddhir bhavati dhruvā ||48||

Der Yogin soll mit der Zunge den Weg nicht beständig durchwandern. So tritt am Ende von zwölf Jahren die vollkommene Vollendung (saṃsiddhi) gewiss ein.

Wort für Wort
sadā
beständig
rasanayā
mit der Zunge (Instr.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
mārgam
den Weg (Akk.Sg.)
na parisaṃkramet
soll nicht durchwandern (3.Sg.Opt.)
evam
so
dvādaśa-varṣa-ante
am Ende von zwölf Jahren (Lok.Sg.)
saṃsiddhiḥ bhavati
die vollkommene Vollendung tritt ein (3.Sg.Präs.)
dhruvā
gewiss (Nom.Sg.f.)

śarīre sakalaṃ viśvaṃ paśyaty ātmāvibhedataḥ | brahmāṇḍo 'yaṃ mahā-mārgo rāja-dantordhva-kuṇḍalī ||49|| iti ||

Er sieht das ganze Weltall im [eigenen] Körper, weil es vom Selbst nicht verschieden ist. Dieses Weltei (brahmāṇḍa) ist der große Pfad – die Kuṇḍalī oberhalb des Königszahns (rāja-danta, des Zäpfchens). – So [endet der Abschnitt].

Wort für Wort
śarīre
im Körper (Lok.Sg.)
sakalam viśvam
das ganze Weltall (Akk.Sg.)
paśyati
sieht (3.Sg.Präs.)
ātma-avibhedataḥ
wegen der Nichtverschiedenheit vom Selbst (Adv.)
brahmāṇḍaḥ ayam
dieses Weltei (Nom.Sg.)
mahā-mārgaḥ
der große Pfad (Nom.Sg.)
rāja-danta-ūrdhva-kuṇḍalī
die Kuṇḍalī oberhalb des Königszahns (Nom.Sg.)
iti
so [endet es]

rāja-danta „Königszahn“ bezeichnet das Gaumenzäpfchen; die Zunge, die es in der Khecarī überschreitet, folgt dem „großen Pfad“ zur Kuṇḍalī. Das abschließende iti der Vorlage ist beibehalten; es folgt der Kolophon iti dvitīyo 'dhyāyaḥ.

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