Der zweite Adhyāya ist eine Kurzfassung der tantrischen Khecarīvidyā, deren Verse teils wörtlich übernommen sind. Er verkündet das Wissen (vidyā) Khecarī, das Alter und Tod überwindet, und betont, dass Übung (abhyāsa) und „Vereinigung“ (melana) – die Verbindung von Praxis und Mantra-Überlieferung aus dem Mund des Lehrers – nur zusammen zum Ziel führen, das Wissen aber selbst über hundert Geburten schwer zu erlangen ist und streng geheim zu halten sei. In den Versen 17–20 wird der Keimlaut (bīja) der Khecarī in tantrischer Buchstabenverschlüsselung (kūṭa) angedeutet; seine Auflösung ist der Melana-Mantra zu Beginn des dritten Adhyāya. Die Verse 28–49 beschreiben die körperliche Khecarī-Mudrā: das wöchentliche Einschneiden des Zungenbändchens, das Reiben mit Salz und Myrobalane, das „Melken“ der Zunge, bis sie nach Jahren Brauenmitte, Ohren und Scheitelgrund erreicht und schließlich durch das Brahma-Tor in die Schädelhöhle eintritt; dort wird mit einer Sonde das „Quirlen“ (mathana) geübt. Nach zwölf Jahren erlangt der Yogin vollkommene Vollendung und schaut das ganze Weltall im eigenen Leib. Verwandte Darstellungen bieten Haṭhapradīpikā 3.32–54 und Yogacūḍāmaṇi 52–58.
Nun will ich das Wissen (vidyā) verkünden, das Khecarī heißt, durch das der Kundige dieses [Wissens] in dieser Welt frei von Alter und Tod wird.
Wort für Wort
atha
nun
aham sampravakṣyāmi
ich will verkünden (1.Sg.Fut.)
vidyām
das Wissen (Akk.Sg.)
khecari-saṃjñikām
Khecarī genannt (Akk.Sg.f.)
yathā
so dass, wodurch
vijñānavān
der Kundige (Nom.Sg.)
asyāḥ
dieses [Wissens] (Gen.Sg.f.)
loke asmin
in dieser Welt (Lok.Sg.)
ajaraḥ amaraḥ
alterslos, unsterblich (Nom.Sg.)
khecari- mit kurzem i in der Vorlage (metrisch bedingt), beibehalten. Der zweite Adhyāya ist weithin eine Kurzfassung der Khecarīvidyā (auch als Teil des Mahākālasaṃhitā-Umfelds überliefert), deren Verse hier teils wörtlich wiederkehren; vgl. auch Haṭhapradīpikā 3.32–54.
Zu dem, o Weiser, soll man mit ganzem Wesen Zuflucht nehmen, indem man ihn als Lehrer (guru) ansieht. Schwer zu erlangen ist das Wissen Khecarī, und schwer zu erlangen ist auch seine Übung.
abhyāsaṃ melanaṃ caiva yugapan naiva sidhyati | abhyāsa-mātra-niratā na vindante ha melanam ||5||
Übung (abhyāsa) und Vereinigung (melana) gelingen keineswegs zugleich. Wer nur der Übung ergeben ist, findet die Vereinigung nicht.
Wort für Wort
abhyāsam
die Übung (Akk.Sg.)
melanam ca eva
und die Vereinigung (Akk.Sg.)
yugapat
zugleich
na eva sidhyati
gelingt keineswegs (3.Sg.Präs.)
abhyāsa-mātra-niratāḥ
nur der Übung ergeben (Nom.Pl.)
na vindante
finden nicht (3.Pl.Präs.Med.)
ha
fürwahr
melanam
die Vereinigung (Akk.Sg.)
melana „Vereinigung, Zusammenführung“ ist in der Khecarīvidyā der Fachausdruck für die Verbindung von Mantra-Wissen und Praxis unter Anleitung des Lehrers (vgl. Verse 8–9, 26); der Melana-Mantra wird zu Beginn des dritten Adhyāya mitgeteilt.
Nachdem er am Ende vieler Geburten die Übung vollzogen hat, erlangt irgendein Yogin, der durch diese Hingabe vollendet ist, irgendwann in einer anderen Geburt die Vereinigung.
Wort für Wort
abhyāsam kṛtvā
die Übung vollzogen habend (Absol.)
bahu-janma-ante
am Ende vieler Geburten (Lok.Sg.)
tat-bhāva-sādhitam
durch diese Hingabe vollendet (Akk.Sg., auf abhyāsam bezogen)
yadā tu melanaṃ yogī labhate guru-vaktrataḥ | tadā tat-siddhim āpnoti yad uktā śāstra-santatau ||8||
Wenn aber der Yogin die Vereinigung aus dem Mund des Lehrers erlangt, dann erreicht er jene Vollendung (siddhi), die in der Überlieferung der Lehrschriften genannt ist.
Wenn er die Vereinigung dem Wortlaut nach und dem Sinn nach erlangt, dann erreicht er die Śiva-heit (śivatva), befreit vom ganzen Kreislauf des Daseins.
Ohne die Lehrschrift könnten selbst die Lehrer [sie] nicht verstehen. Deshalb, o Weiser, ist diese Lehrschrift, die es zu erlangen gilt, überaus schwer zu erlangen.
yāvan na labhyate śāstraṃ tāvad gāṃ paryaṭed yatiḥ | yadā saṃlabhyate śāstraṃ tadā siddhiḥ kare sthitā ||11||
Solange die Lehrschrift nicht erlangt ist, soll der Asket (yati) die Erde durchwandern; sobald die Lehrschrift erlangt ist, liegt die Vollendung in seiner Hand.
Ohne die Lehrschrift ist in den drei Welten keine Vollendung gesehen worden. Deshalb soll man zu dem, der die Vereinigung gibt, der die Lehrschrift gibt, dem Unwandelbaren,
der die Übung darin verleiht, Zuflucht nehmen, indem man ihn als Śiva ansieht. Wer diese Lehrschrift von mir erhalten hat, soll sie anderen nicht offenbaren.
Wort für Wort
tat-abhyāsa-pradātāram
den Verleiher der Übung darin (Akk.Sg.)
śivam matvā
als Śiva ansehend (Absol.)
samāśrayet
soll Zuflucht nehmen (3.Sg.Opt.)
labdhvā
erhalten habend (Absol.)
śāstram idam
diese Lehrschrift (Akk.Sg.)
mahyam
von mir (Dat. für Abl.)
anyeṣām
anderen (Gen.Pl.)
na prakāśayet
soll nicht offenbaren (3.Sg.Opt.Kaus.)
mahyam (Dativ „mir“) steht hier ungewöhnlich für den Ablativ mattaḥ „von mir“; so auch in der Khecarīvidyā-Parallele.
Durch dieses Wissen wird der Yogin der Khecarī-Vollendung teilhaftig. Indem er mit der [Mudrā] Khecarī, erfüllt vom Khecarī-Keimlaut (bīja), die Khecarī[-Śakti] verbindet,
Wort für Wort
anayā vidyayā
durch dieses Wissen (Instr.Sg.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
khecarī-siddhi-bhāk bhavet
wird der Khecarī-Vollendung teilhaftig (3.Sg.Opt.)
khecaryā
mit der Khecarī [Mudrā] (Instr.Sg.)
khecarīm yuñjan
die Khecarī [Śakti] verbindend (Nom.Sg.Part.)
khecarī-bīja-pūrayā
erfüllt vom Khecarī-Keimlaut (Instr.Sg.f.)
Wortspiel mit khecarī: Mudrā, Śakti und Vidyā tragen denselben Namen; khe-carī „die im Raum (kha) Wandelnde“.
wird er Herr der Raumwandler (khecara) und weilt stets unter den Raumwandlern. Das Feuer, die Wohnstatt der Raumwandler, geschmückt mit dem Kreis des Wassers –
Wort für Wort
khecara-adhipatiḥ bhūtvā
Herr der Raumwandler geworden (Absol.)
khecareṣu
unter den Raumwandlern (Lok.Pl.)
sadā vaset
weilt stets (3.Sg.Opt.)
khecara-āvasatham
die Wohnstatt der Raumwandler (Akk.Sg.)
vahnim
das Feuer (Akk.Sg.)
ambu-maṇḍala-bhūṣitam
mit dem Kreis des Wassers geschmückt (Akk.Sg.)
Verschlüsselte Angabe des Keimlauts (bīja) der Khecarī: „Feuer“ ist die Silbe ra, „Wohnstatt der Raumwandler“ das kha bzw. ha (der Raum), der „Kreis des Wassers“ der Nasallaut mit Bindu (ṃ); ergänzt um den Vokal ī ergibt sich hrīṃ, der erste Laut des Melana-Mantra (Adhyāya 3, Eingang). Die Verse 17–20 bilden einen kūṭa (Verse 20), eine Buchstabenverschlüsselung nach tantrischem Brauch.
[so] ist der Keimlaut der Khecarī erklärt; durch ihn gelingt der Yoga. Den neunten Buchstaben des Mond-Anteils soll man in umgekehrter Reihenfolge herausziehen;
Wort für Wort
ākhyātam
erklärt (Nom.Sg.)
khecarī-bījam
der Keimlaut der Khecarī (Nom.Sg.)
tena
durch ihn (Instr.Sg.)
yogaḥ prasidhyati
der Yoga gelingt (3.Sg.Präs.)
soma-aṃśa-navakam varṇam
den neunten Buchstaben des Mond-Anteils (Akk.Sg.)
pratilomena ca
und in umgekehrter Reihenfolge (Instr.Sg.)
uddharet
soll herausziehen (3.Sg.Opt.)
Verschlüsselte Buchstabenlehre (kūṭa): Der „Mond-Anteil“ (soma-aṃśa) bezeichnet in tantrischen Alphabet-Systemen eine Buchstabengruppe; in umgekehrter Zählung ergeben sich die Konsonanten des Melana-Mantra (bha, sa, pa, pha, sa, kṣa). Eine eindeutige Entschlüsselung ist nur mit der Überlieferung des Lehrers möglich (Vers 21).
von diesem aus wird der dritte Teil, die Silbe von Mondgestalt, gelehrt; und von diesem aus wiederum der achte Buchstabe, in umgekehrter Reihenfolge, der weitere, o Weiser.
tathā tat-paramaṃ viddhi tad-ādir api pañcamī | indoś ca bahu-bhinne ca kūṭo 'yaṃ parikīrtitaḥ ||20||
Ebenso wisse jenes Höchste; sein Anfang ist auch das fünfte [Zeichen]. In der vielfachen Aufspaltung des Mondes [d.h. der Buchstabenreihe] wird dies als die Verschlüsselung (kūṭa) verkündet.
gurūpadeśa-labhyaṃ ca sarva-yoga-prasiddhi-dam | yat tasya deha-jā māyā niruddha-karaṇāśrayā ||21||
[Dieser Mantra] ist durch die Unterweisung des Lehrers zu erlangen und verleiht das Gelingen aller Yoga-Praxis. Die aus dem Körper geborene Täuschung (māyā), die auf den gebändigten Sinnen ruht, –
Wort für Wort
guru-upadeśa-labhyam ca
und durch die Unterweisung des Lehrers zu erlangen (Nom.Sg.)
sarva-yoga-prasiddhi-dam
das Gelingen alles Yoga verleihend (Nom.Sg.)
yat
welches, was
tasya
dessen (Gen.Sg.)
deha-jā māyā
die aus dem Körper geborene Täuschung (Nom.Sg.)
niruddha-karaṇa-āśrayā
auf den gebändigten Sinnesorganen ruhend (Nom.Sg.f.)
anyathā kliśyate brahman na siddhiḥ khecarī-pathe | yad abhyāsa-vidhau vidyāṃ na labhed yaḥ sudhā-mayīm ||25||
Andernfalls, o Brahmane, müht man sich ab, und auf dem Pfad der Khecarī gibt es keine Vollendung: wenn einer bei der Vorschrift der Übung das Wissen, das aus Nektar besteht, nicht erlangt.
tataḥ saṃmelakādau ca labdhvā vidyāṃ sadā japet | nānyathā rahito brahman na kiñcit siddhi-bhāg bhavet ||26||
Deshalb soll man das Wissen zu Beginn der Vereinigung (saṃmelaka) und bei anderen Gelegenheiten empfangen und beständig murmeln. Sonst, o Brahmane, ohne dieses [Wissen], wird man keinerlei Vollendung teilhaftig.
Der Selbstkenner soll sieben Tage lang die Wurzel des Gaumens [mit der Zunge] reiben und auf die von seinem Lehrer gelehrte Weise alle Unreinheit beseitigen.
Wort für Wort
tālu-mūlam
die Wurzel des Gaumens (Akk.Sg.)
samutkṛṣya
reibend, aufziehend (Absol.)
sapta-vāsaram
sieben Tage lang (Akk.Sg.)
ātma-vit
der Selbstkenner (Nom.Sg.)
sva-guru-ukta-prakāreṇa
auf die vom eigenen Lehrer gelehrte Weise (Instr.Sg.)
malam sarvam
alle Unreinheit (Akk.Sg.)
viśodhayet
soll reinigen (3.Sg.Opt.Kaus.)
Beginn der Anweisung zur Khecarī-Mudrā (Verse 28–49); vgl. Haṭhapradīpikā 3.32–37 und Khecarīvidyā 1.45ff.
Dann nehme man ein Messer, das einem Blatt der Wolfsmilch (snuhī) gleicht, sehr scharf, glatt und rein, und schneide damit [das Zungenbändchen] um eine Haaresbreite ein.
Danach reibe man [die Stelle] mit gepulvertem Steinsalz und Myrobalane. Wenn wieder der siebte Tag gekommen ist, schneide man wieder um eine Haaresbreite ein.
Wort für Wort
hitvā
[das Messer] beiseitegelegt habend (Absol.)
saindhava-pathyābhyām
mit Steinsalz und Myrobalane (Instr.Du.)
cūrṇitābhyām
gepulvert (Instr.Du.)
prakarṣayet
reibe man, ziehe man (3.Sg.Opt.Kaus.)
punaḥ
wieder
sapta-dine prāpte
wenn der siebte Tag gekommen ist (Lok.abs.)
roma-mātram samucchinet
schneide man um eine Haaresbreite ein (3.Sg.Opt.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 3.34 (dort pragharṣayet „reibe“; die Vorlage hat prakarṣayet). hitvā „nachdem man [das Messer] beiseitegelegt hat“.
So verfahre man der Reihe nach sechs Monate lang, stets eifrig. Nach sechs Monaten schwindet das [Bändchen], das die Zungenwurzel mit einer Sehne bindet.
Dann umwickle man die Spitze [der Zunge], die Wohnstatt der Vāgīśvarī (Göttin der Rede), mit einem Tuch, und der Yogin, der die Vorschriften über Zeit und Stunde kennt, ziehe sie langsam heraus.
Wort für Wort
atha
dann
vāgīśvarī-dhāma
die Wohnstatt der Vāgīśvarī (Akk.Sg.)
śiraḥ
die Spitze, den Kopf [der Zunge] (Akk.Sg.)
vastreṇa
mit einem Tuch (Instr.Sg.)
veṣṭayet
umwickle man (3.Sg.Opt.Kaus.)
śanaiḥ
langsam
utkarṣayet
ziehe heraus (3.Sg.Opt.Kaus.)
yogī
der Yogin (Nom.Sg.)
kāla-velā-vidhāna-vit
die Vorschrift von Zeit und Stunde kennend (Nom.Sg.)
brahma-randhraṃ samāvṛtya tiṣṭhed eva na saṃśayaḥ | tiryak cūli-talaṃ yāti adhaḥ kaṇṭha-bilāvadhi ||36||
verschließt sie die Brahma-Öffnung und bleibt dort, daran ist kein Zweifel; seitwärts gelangt sie bis zum Grund des Scheitels, nach unten bis zur Kehlöffnung.
śanaiḥ śanair mastakāc ca mahā-vajra-kapāṭa-bhit | pūrvaṃ bīja-yutā vidyā hy ākhyātā yati-durlabhā ||37||
Ganz allmählich durchbricht sie vom Kopf aus die große diamantene Tür. Das Wissen, verbunden mit dem Keimlaut, das selbst für Asketen schwer zu erlangen ist, wurde zuvor erklärt.
Man vollziehe damit die sechsgliedrige [Zuordnung] (ṣaḍ-aṅga-nyāsa) dieses [Wissens], indem man es mit den sechs Vokalen abwandelt; ebenso vollziehe man die Handzuordnung (kara-nyāsa), um aller Vollendung und dergleichen willen.
Wort für Wort
tasyāḥ
dieses [Wissens] (Gen.Sg.f.)
ṣaṭ-aṅgam kurvīta
vollziehe man die Sechsgliedrigkeit (3.Sg.Opt.Med.)
tayā
mit ihr (Instr.Sg.f.)
ṣaṭ-svara-bhinnayā
durch sechs Vokale abgewandelt (Instr.Sg.f.)
kuryāt evam
vollziehe man ebenso (3.Sg.Opt.)
kara-nyāsam
die Handzuordnung (Akk.Sg.)
sarva-siddhi-ādi-hetave
um aller Vollendung usw. willen (Dat.Sg.)
nyāsa: rituelles Auflegen der Mantrasilben auf sechs Körperglieder (Herz, Kopf, Scheitelschopf, Panzer, Augen, Waffe) und auf die Finger; die „sechs Vokale“ sind die langen Vokale ā ī ū ai au aḥ, mit denen der Keimlaut variiert wird.
dann reibe man mit der Fingerspitze den Brahma-Riegel, o Brahmane, der selbst für die Dreißig [Götter] schwer zu durchbrechen ist, und führe nur die Zunge ein.
Hat man dies drei Jahre lang getan, tritt [die Zunge] in das Brahma-Tor ein. Ist sie in das Brahma-Tor eingetreten, vollziehe man ordnungsgemäß das Quirlen (mathana).
Wort für Wort
evam
so
varṣa-trayam kṛtvā
drei Jahre lang getan habend (Absol.)
brahma-dvāram
in das Brahma-Tor (Akk.Sg.)
praviśyati
tritt ein (3.Sg.Präs., für praviśati)
brahma-dvāre praviṣṭe tu
wenn sie ins Brahma-Tor eingetreten ist (Lok.abs.)
samyak
ordnungsgemäß
mathanam ācaret
vollziehe man das Quirlen (3.Sg.Opt.)
praviśyati steht metrisch für praviśati. mathana: das Hin- und Herbewegen der Zunge in der Schädelhöhle, in den Versen 44–47 mit Hilfe einer Sonde beschrieben.
führe man, [umwunden] mit einem in Milch getränkten Faden, in das Nasenloch ein, halte die Lebenswinde im Herzen an, [nehme] die für sich bequeme Sitzhaltung ein,
und vollziehe langsam das rechte Quirlen, die Augen auf die Mitte der Brauen gerichtet. [Nach] sechs Monaten entsteht der Zustand des Quirlens ganz von selbst durch die innere Hingabe (bhāva),
wie der Tiefschlaf der Kinder [von selbst kommt]: Wie die Hingabe, so wird [der Zustand]. Das Quirlen ist nicht ständig empfohlen; einmal im Monat soll man es vollziehen.
Der Yogin soll mit der Zunge den Weg nicht beständig durchwandern. So tritt am Ende von zwölf Jahren die vollkommene Vollendung (saṃsiddhi) gewiss ein.
Er sieht das ganze Weltall im [eigenen] Körper, weil es vom Selbst nicht verschieden ist. Dieses Weltei (brahmāṇḍa) ist der große Pfad – die Kuṇḍalī oberhalb des Königszahns (rāja-danta, des Zäpfchens). – So [endet der Abschnitt].
Wort für Wort
śarīre
im Körper (Lok.Sg.)
sakalam viśvam
das ganze Weltall (Akk.Sg.)
paśyati
sieht (3.Sg.Präs.)
ātma-avibhedataḥ
wegen der Nichtverschiedenheit vom Selbst (Adv.)
brahmāṇḍaḥ ayam
dieses Weltei (Nom.Sg.)
mahā-mārgaḥ
der große Pfad (Nom.Sg.)
rāja-danta-ūrdhva-kuṇḍalī
die Kuṇḍalī oberhalb des Königszahns (Nom.Sg.)
iti
so [endet es]
rāja-danta „Königszahn“ bezeichnet das Gaumenzäpfchen; die Zunge, die es in der Khecarī überschreitet, folgt dem „großen Pfad“ zur Kuṇḍalī. Das abschließende iti der Vorlage ist beibehalten; es folgt der Kolophon iti dvitīyo 'dhyāyaḥ.