Adhyāya 3: tṛtīyo 'dhyāyaḥ – melana-manuḥ, ṣaṭ-cakrāṇi, jīvan-muktiḥ
Dritter Adhyāya: Melana-Mantra, die sechs Cakras und die Befreiung zu Lebzeiten (35 Verse)
Der dritte Adhyāya eröffnet mit dem Melana-Mantra (hrīṃ bhaṃ saṃ paṃ phaṃ saṃ kṣam) und ist als Dialog zwischen Brahmā und Śiva angelegt: Brahmā fragt nach der Bedeutung von Neumond, erstem Mondtag und Vollmond, die Śiva symbolisch auf die Zustände des Geistes deutet. Es folgen Lehrsätze zur Auflösung des Geistes (manas) in der Śakti, zur Herkunft des Bindu aus dem Geist, zur Fesselung durch die Kraft zwischen Mond und Sonne und zur Reihe der sechs Cakras mit ihren Orten von Mūlādhāra bis Ājñā. Die Bilder vom Feuer im Holz und von der Leuchte im Krug veranschaulichen, dass die Erkenntnis nur durch Übung und das zerbrechende Wort des Lehrers hervortritt. Der zweite Teil ist reiner Vedānta: die vier Stufen der Rede (parā, paśyantī, madhyamā, vaikharī), die Dreiheiten Viśva–Taijasa–Prājña und Virāṭ–Hiraṇyagarbha–Īśvara, die Auflösung aller Begrenzungen im inneren Selbst, die Meditation über das daumengroße, rauchlose Licht, die Selbstbefragung des Erkenntnis-Selbst und das Verbrennen des Bewusstseinsabglanzes. Der Text endet mit der Lehre von der Befreiung zu Lebzeiten (jīvan-mukti) und leiblosen Befreiung und mit einem Vers nach Kaṭha-Upaniṣad 1.3.15 über das laut-, berührungs- und gestaltlose Brahman.
Der Mantra der Vereinigung (melana-manu): hrīṃ bhaṃ saṃ paṃ phaṃ saṃ kṣam.
Wort für Wort
melana-manuḥ
der Mantra der Vereinigung (Nom.Sg.)
hrīṃ
Keimsilbe hrīṃ (Bīja der Śakti/Māyā)
bhaṃ saṃ paṃ phaṃ saṃ kṣam
Keimsilben bhaṃ, saṃ, paṃ, phaṃ, saṃ, kṣam
Prosa-Einheit der Vorlage vor Vers 1 des dritten Adhyāya. Die Keimsilben (bīja) sind unverändert wiedergegeben; sie sind die Auflösung der Buchstabenverschlüsselung (kūṭa) von Adhyāya 2, Verse 17–20. manu ist hier gleichbedeutend mit mantra.
padmaja uvāca | amāvāsyā ca pratipat paurṇamāsī ca śaṅkara | asyāḥ kā varṇyate saṃjñā etad ākhyāhi tattvataḥ ||1||
Der Lotosgeborene (Brahmā) sprach: Neumond, erster Tag [nach dem Neumond] und Vollmond, o Śaṅkara – welche Bedeutung wird dieser [Dreiheit] zugeschrieben? Erkläre dies der Wahrheit gemäß.
Wort für Wort
padma-jaḥ uvāca
der Lotosgeborene sprach (3.Sg.Perf.)
amāvāsyā ca
und der Neumond (Nom.Sg.)
pratipat
der erste Tag [der Mondhälfte] (Nom.Sg.)
paurṇamāsī ca
und der Vollmond (Nom.Sg.)
śaṅkara
o Śaṅkara (Vok.Sg.)
asyāḥ
dieser [Dreiheit] (Gen.Sg.f.)
kā saṃjñā varṇyate
welche Bedeutung wird beschrieben (3.Sg.Pass.)
etat ākhyāhi
erkläre dies (2.Sg.Imp.)
tattvataḥ
der Wahrheit gemäß (Adv.)
Der dritte Adhyāya ist als Dialog zwischen Brahmā (padma-ja, „der aus dem Lotos Geborene“) und Śiva (Śaṅkara) gestaltet; die Sprecherangabe padmaja uvāca steht in der Vorlage vor Vers 1. Die Mondtage werden im Folgenden symbolisch auf Zustände des Geistes und des Atems gedeutet.
pratipad-dinato 'kāle amāvāsyā tathaiva ca | paurṇamāsyāṃ sthirī-kuryāt sa ca panthā hi nānyathā ||2||
[Śiva sprach:] Zur Unzeit ist es vom ersten Tag an, und ebenso am Neumond; im Vollmond soll man [den Geist] fest machen – das ist der Weg, und nicht anders.
Wort für Wort
pratipad-dinataḥ
vom ersten Tag an (Adv.)
akāle
zur Unzeit (Lok.Sg.)
amāvāsyā tathā eva ca
und ebenso der Neumond (Nom.Sg.)
paurṇamāsyām
im Vollmond (Lok.Sg.)
sthirī-kuryāt
soll fest machen (3.Sg.Opt.)
saḥ ca panthāḥ hi
und das ist der Weg (Nom.Sg.)
na anyathā
nicht anders
Hiat dinato 'kāle ... in der Vorlage (-taḥ akāle). Die Antwort Śivas bleibt ohne Sprecherangabe. Die Deutung: pratipad und amāvāsyā – die Zeiten, in denen der Mond (Nektar, Geist) schwindet – sind ungünstig; im „Vollmond“, der Fülle des Mondnektars im Scheitel, soll der Geist verankert werden.
Aus Begierde verlangt man nach den Sinnesobjekten, und durch die Sinnesobjekte wird man von Begierde betört. Beide soll man beständig ganz aufgeben und sich an den Makellosen (nirañjana) halten.
aparaṃ santyajet sarvaṃ yad icched ātmano hitam | śakti-madhye manaḥ kṛtvā manaḥ śakteś ca madhya-gam ||4||
Alles andere soll man ganz aufgeben, wenn man sein eigenes Heil wünscht. Man setze den Geist (manas) in die Mitte der Kraft (śakti) und die Kraft in die Mitte des Geistes;
Wort für Wort
aparam sarvam
alles andere (Akk.Sg.)
santyajet
soll ganz aufgeben (3.Sg.Opt.)
yat icchet
wenn man wünscht (3.Sg.Opt.)
ātmanaḥ hitam
das eigene Heil (Akk.Sg.)
śakti-madhye
in die Mitte der Kraft (Lok.Sg.)
manaḥ kṛtvā
den Geist setzend (Absol.)
manaḥ śakteḥ ca madhya-gam
und die Kraft in die Mitte des Geistes gehend (Akk.Sg.)
Vgl. Haṭhapradīpikā 4.4 und Yogaśikhā-Upaniṣad; das gegenseitige Ineinandersetzen von Geist und Śakti (bzw. Atem) ist ein Kernsatz der Nātha-Lehre vom Auflösen des Geistes (manolaya).
manasā mana ālokya tat tyajet paramaṃ padam | mana eva hi binduś ca utpatti-sthiti-kāraṇam ||5||
Hat man mit dem Geist den Geist geschaut, so lasse man ihn los – [das ist] die höchste Stätte. Der Geist allein ist der Bindu und die Ursache von Entstehen und Bestehen [der Welt].
Wort für Wort
manasā
mit dem Geist (Instr.Sg.)
manaḥ ālokya
den Geist schauend (Absol.)
tat tyajet
das lasse man los (3.Sg.Opt.)
paramam padam
die höchste Stätte (Nom./Akk.Sg.)
manaḥ eva hi
der Geist allein (Nom.Sg.)
binduḥ ca
und der Bindu (Nom.Sg.)
utpatti-sthiti-kāraṇam
Ursache von Entstehen und Bestehen (Nom.Sg.)
Hiat binduś ca utpatti- in der Vorlage. Dass der Bindu (Samen, Lebenskeim) aus dem Geist entsteht, führt Vers 6 aus.
manasotpadyate bindur yathā kṣīraṃ ghṛtātmakam | na ca bandhana-madhya-sthaṃ tad vai kāraṇa-mānasam ||6||
Aus dem Geist entsteht der Bindu, wie die Milch [ihrem Wesen nach] aus Butterschmalz besteht. Und jener ursächliche Geist ist nicht der, der inmitten der Fesselung steht.
candrārka-madhyamā śaktir yatra-sthā tatra bandhanam | jñātvā suṣumnāṃ tad-bhedaṃ kṛtvā vāyuṃ ca madhya-gam ||7||
Wo die Kraft weilt, die zwischen Mond und Sonne [d.h. zwischen Iḍā und Piṅgalā] liegt, dort ist die Fesselung. Hat man die Suṣumnā erkannt, sie durchbrochen und den Wind in die Mitte geführt,
sthitvāsau baindava-sthāne ghrāṇa-randhre nirodhayet | vāyuṃ binduṃ samākhyātaṃ sattvaṃ prakṛtim eva ca ||8||
so soll man, an der Stätte des Bindu stehend, [den Atem] in den Nasenlöchern anhalten – den Wind, den man auch Bindu nennt, das Sattva und die Urnatur (prakṛti).
Wort für Wort
sthitvā
stehend (Absol.)
asau
dieser, er (Nom.Sg.)
baindava-sthāne
an der Stätte des Bindu (Lok.Sg.)
ghrāṇa-randhre
im Nasenloch (Lok.Sg.)
nirodhayet
soll anhalten (3.Sg.Opt.Kaus.)
vāyum
den Wind (Akk.Sg.)
bindum samākhyātam
Bindu genannt (Akk.Sg.)
sattvam
das Sattva (Akk.Sg.)
prakṛtim eva ca
und die Urnatur (Akk.Sg.)
Die „Stätte des Bindu“ ist das Ājñā-Cakra zwischen den Brauen; Wind, Bindu, Sattva und Prakṛti werden als Erscheinungsformen ein und derselben Kraft gleichgesetzt.
Hat man die sechs Cakras erkannt, trete man in den Kreis der Seligkeit ein: Man trete ein, indem man den Wind einzieht, und lenke ihn eben durch sie [die Suṣumnā] nach oben.
Wort für Wort
ṣaṭ-cakrāṇi parijñātvā
die sechs Cakras erkannt habend (Absol.)
praviśet
trete man ein (3.Sg.Opt.)
sukha-maṇḍale
in den Kreis der Seligkeit (Lok.Sg.)
praviśet
trete man ein (3.Sg.Opt.)
vāyum ākṛṣya
den Wind einziehend (Absol.)
tayā eva
eben durch sie (Instr.Sg.f.)
ūrdhvam niyojayet
lenke man nach oben (3.Sg.Opt.Kaus.)
sukha-maṇḍale (Lokativ) gegenüber sukha-maṇḍalam in Vers 9; Wiederholung des Halbverses.
zugleich mit dem einen [Ziel, dem] Samādhi gelangen die Yogins zur Unsterblichkeit. Wie das Feuer, das im Holz steckt, ohne Reiben (mathana) nicht aufsteigt,
Wort für Wort
samādhim
den Samādhi (Akk.Sg.)
ekena samam
zugleich mit dem einen (Instr.Sg.)
amṛtam yānti
gelangen zur Unsterblichkeit (3.Pl.Präs.)
yoginaḥ
die Yogins (Nom.Pl.)
yathā agniḥ
wie das Feuer (Nom.Sg.)
dāru-madhya-sthaḥ
in der Mitte des Holzes befindlich (Nom.Sg.)
na uttiṣṭhet
nicht aufsteigt (3.Sg.Opt.)
mathanam vinā
ohne Reiben (Akk.Sg.)
Vgl. Śvetāśvatara-Upaniṣad 1.13–14 zum Bild des im Holz verborgenen Feuers, das durch Reiben hervorgebracht wird.
vinā cābhyāsa-yogena jñāna-dīpas tathā na hi | ghaṭa-madhya-gato dīpo bāhye naiva prakāśate ||15||
so [entzündet sich] auch die Leuchte der Erkenntnis nicht ohne den Yoga der Übung. Eine Leuchte, die im Innern eines Kruges steht, leuchtet nicht nach außen;
bhinne tasmin ghaṭe caiva dīpa-jvālā ca bhāsate | sva-kāyaṃ ghaṭam ity uktaṃ yathā dīpo hi tat-padam ||16||
ist jener Krug aber zerbrochen, so strahlt die Flamme der Leuchte. Der eigene Leib wird Krug genannt, und wie die Leuchte ist jene Stätte [das Selbst].
Ist [der Krug] durch das Wort des Lehrers zerbrochen, so wird die Erkenntnis des Brahman offenbar. Haben sie den Lehrer als Steuermann gefunden und [den Geist] fein gemacht, so setzen sie über
Wort für Wort
guru-vākya-samābhinne
wenn durch das Wort des Lehrers zerbrochen (Lok.abs.)
– durch die Kraft der [durch] Übung [gewonnenen] Prägung setzen sie über das Meer des Daseins. In der Parā [-Stufe der Rede] ist [die Rede] zum Keim geworden, in der Paśyantī zweiblättrig,
Wort für Wort
abhyāsa-vāsanā-śaktyā
durch die Kraft der Prägung aus Übung (Instr.Sg.)
taranti
sie setzen über (3.Pl.Präs.)
bhava-sāgaram
das Meer des Daseins (Akk.Sg.)
parāyām
in der Parā (Lok.Sg.)
aṅkurī-bhūya
zum Keim geworden (Absol.)
paśyantyām
in der Paśyantī (Lok.Sg.)
dvi-dalī-kṛtā
zweiblättrig gemacht (Nom.Sg.f.)
Vorlage: paśyantāṃ; zu paśyantyāṃ berichtigt. Die vier Stufen der Rede (parā, paśyantī, madhyamā, vaikharī) nach der Lehre der Grammatiker und des Tantra: vom unhörbaren Keim bis zum ausgesprochenen Wort, hier im Bild des keimenden, knospenden und erblühenden Sprosses.
in der Madhyamā ist sie zur Knospe geworden, in der Vaikharī zur Blüte entfaltet. Die Rede, die so, wie zuvor beschrieben, aufgegangen ist, geht in umgekehrter Reihenfolge wieder unter.
Der höchste Gott [jenseits] dieser Rede ist der Unwandelbare (kūṭa-stha), der die Rede erweckt. Der Mensch, der stets in der Gewissheit lebt „Ich bin Er“ (so 'ham asmi),
Wort für Wort
tasyāḥ vācaḥ
dieser Rede (Gen.Sg.)
paraḥ devaḥ
der höchste Gott (Nom.Sg.)
kūṭa-sthaḥ
der Unwandelbare, „auf dem Gipfel Stehende“ (Nom.Sg.)
śabdair uccāvacair nīcair bhāṣito 'pi na lipyate | viśvaś ca taijasaś caiva prājñaś ceti ca te trayaḥ ||21||
wird, auch wenn er mit hohen, niedrigen und gemeinen Worten angesprochen wird, nicht befleckt. Viśva, Taijasa und Prājña – das sind die drei [Formen des Selbst im Einzelnen];
Wort für Wort
śabdaiḥ
mit Worten (Instr.Pl.)
ucca-avacaiḥ
hohen und niedrigen (Instr.Pl.)
nīcaiḥ
gemeinen (Instr.Pl.)
bhāṣitaḥ api
auch angesprochen (Nom.Sg.)
na lipyate
wird nicht befleckt (3.Sg.Pass.)
viśvaḥ ca
und Viśva (Nom.Sg.)
taijasaḥ ca eva
und Taijasa (Nom.Sg.)
prājñaḥ ca iti
und Prājña – so (Nom.Sg.)
ca te trayaḥ
und diese drei (Nom.Pl.)
Viśva, Taijasa, Prājña: das Selbst im Wachen, Traum und Tiefschlaf (Māṇḍūkya-Upaniṣad 3–5); ihre kosmischen Entsprechungen folgen in Vers 22.
virāṭ hiraṇyagarbhaś ca īśvaraś ceti te trayaḥ | brahmāṇḍaṃ caiva piṇḍāṇḍaṃ lokā bhūr-ādayaḥ kramāt ||22||
Virāṭ, Hiraṇyagarbha und Īśvara – das sind die drei [kosmischen Formen]. Das Weltei (brahmāṇḍa) und das Leibes-Ei (piṇḍāṇḍa), die Welten, beginnend mit der Erde (bhūr), der Reihe nach –
Wort für Wort
virāṭ
Virāṭ, der Allgestaltige (Nom.Sg.)
hiraṇyagarbhaḥ ca
und Hiraṇyagarbha, der Goldkeim (Nom.Sg.)
īśvaraḥ ca iti
und Īśvara, der Herr – so (Nom.Sg.)
te trayaḥ
diese drei (Nom.Pl.)
brahmāṇḍam ca eva
und das Weltei (Nom.Sg.)
piṇḍāṇḍam
das Leibes-Ei (Nom.Sg.)
lokāḥ bhūr-ādayaḥ
die Welten, beginnend mit Bhūr (Nom.Pl.)
kramāt
der Reihe nach (Abl.Sg.)
Vorlage: virāḍḍhiraṇyagarbhaś ca (Sandhi ṭ + h → ḍḍh), Hiat -garbhaś ca īśvaraś. Virāṭ, Hiraṇyagarbha, Īśvara: das kosmische Selbst im groben, feinen und ursächlichen Leib, die Gegenstücke zu Viśva, Taijasa und Prājña (vgl. Adhyāya 1, Vers 81).
sva-svopādhi-layād eva līyante pratyag-ātmani | aṇḍaṃ jñānāgninā taptaṃ līyate kāraṇaiḥ saha ||23||
sie alle lösen sich durch die Auflösung ihrer jeweiligen Begrenzung (upādhi) im inneren Selbst (pratyag-ātman) auf. Das Ei, vom Feuer der Erkenntnis erhitzt, löst sich samt seinen Ursachen auf;
Wort für Wort
sva-sva-upādhi-layāt eva
eben durch die Auflösung der jeweils eigenen Begrenzung (Abl.Sg.)
paramātmani līnaṃ tat paraṃ brahmaiva jāyate | tataḥ stimita-gambhīraṃ na tejo na tamas tatam ||24||
im höchsten Selbst aufgelöst, wird es zum höchsten Brahman selbst. Dann [bleibt] das Stille und Tiefe, das weder Licht noch ausgebreitete Finsternis ist,
unbenennbar, unmanifest – ein gewisses Seiendes (sat) bleibt übrig. Nachdem man das in der Mitte weilende Selbst meditiert hat, [das ist] wie eine Leuchte im Innern eines Kruges,
soll man das Selbst meditieren, daumengroß, in Gestalt eines rauchlosen Lichts, im Innern weilend und leuchtend, unwandelbar und unvergänglich.
Wort für Wort
aṅguṣṭha-mātram
daumengroß (Akk.Sg.)
ātmānam
das Selbst (Akk.Sg.)
adhūma-jyoti-rūpakam
in Gestalt eines rauchlosen Lichts (Akk.Sg.)
prakāśayantam
leuchtend (Akk.Sg.Part.)
antaḥ-stham
im Innern weilend (Akk.Sg.)
dhyāyet
soll meditieren (3.Sg.Opt.)
kūṭa-stham
unwandelbar (Akk.Sg.)
avyayam
unvergänglich (Akk.Sg.)
Das „daumengroße“ Selbst (aṅguṣṭha-mātra puruṣa) und das „rauchlose Licht“ stammen aus der Kaṭha-Upaniṣad (2.1.12–13, 2.3.17) und Śvetāśvatara-Upaniṣad (3.13).
Das Erkenntnis-Selbst (vijñānātman) im Leib, das durch Wachen, Traum und Tiefschlaf [geht], ist von der Täuschung (māyā) betört; später aber, nach vielen Geburten,
sat-karma-paripākāt tu sva-vikāraṃ cikīrṣati | ko 'haṃ katham ayaṃ doṣaḥ saṃsārākhya upāgataḥ ||28||
will es durch das Ausreifen guter Werke seine eigene Wandlung bewirken: „Wer bin ich? Wie ist dieses Übel namens Daseinskreislauf (saṃsāra) über mich gekommen?
jāgrat-svapne vyavaharan suṣuptau kva gatir mama | iti cintā-paro bhūtvā sva-bhāsā ca viśeṣataḥ ||29||
Im Wachen und im Traum bin ich tätig – wohin aber gehe ich im Tiefschlaf?“ Indem es sich so ganz dem Nachdenken hingibt, [wird] durch das eigene Licht insbesondere
ajñānāt tu cid-ābhāso bahis tāpena tāpitaḥ | dagdhaṃ bhavaty eva tadā tūla-piṇḍam ivāgninā ||30||
der Abglanz des Bewusstseins (cid-ābhāsa), der aus Unwissenheit [entstanden] und von äußerer Glut erhitzt ist, dann verbrannt wie ein Ballen Baumwolle vom Feuer.
Wort für Wort
ajñānāt tu
aus Unwissenheit aber (Abl.Sg.)
cit-ābhāsaḥ
der Abglanz des Bewusstseins (Nom.Sg.)
bahiḥ tāpena
von äußerer Glut (Instr.Sg.)
tāpitaḥ
erhitzt (Nom.Sg.)
dagdham bhavati eva
wird verbrannt (3.Sg.Präs.)
tadā
dann
tūla-piṇḍam iva
wie ein Ballen Baumwolle (Akk.Sg.)
agninā
vom Feuer (Instr.Sg.)
cid-ābhāsa: die Spiegelung des reinen Bewusstseins im Verstand, die sich für das Ich hält (Vedānta); sie verbrennt, sobald das eigene Licht des Selbst erkannt ist.
dahara-sthaḥ pratyag-ātmā naṣṭe jñāne tataḥ param | vitato vyāpya vijñānaṃ dahaty eva kṣaṇena tu ||31||
Das innere Selbst, das im [Herzens-]Raum (dahara) weilt, breitet sich danach, wenn das [begrenzte] Erkennen vergangen ist, aus, durchdringt das Erkennen und verbrennt es in einem Augenblick.
Wort für Wort
dahara-sthaḥ
im kleinen [Herzens-]Raum weilend (Nom.Sg.)
pratyak-ātmā
das innere Selbst (Nom.Sg.)
naṣṭe jñāne
wenn das Erkennen vergangen ist (Lok.abs.)
tataḥ param
danach
vitataḥ
ausgebreitet (Nom.Sg.)
vyāpya
durchdringend (Absol.)
vijñānam
das Erkennen (Akk.Sg.)
dahati eva
verbrennt (3.Sg.Präs.)
kṣaṇena tu
in einem Augenblick (Instr.Sg.)
dahara „der kleine [Raum]“ im Herzen: Chāndogya-Upaniṣad 8.1.
mano-maya-jñāna-mayān samyag dagdhvā krameṇa tu | ghaṭa-stha-dīpavac chaśvad antar eva prakāśate ||32||
Nachdem es die [Hüllen], die aus Denken und Erkennen bestehen, der Reihe nach vollständig verbrannt hat, leuchtet es beständig nur im Innern, wie eine Leuchte im Krug.
Wort für Wort
manaḥ-maya-jñāna-mayān
die aus Denken und Erkennen bestehenden [Hüllen] (Akk.Pl.)
samyak dagdhvā
vollständig verbrannt habend (Absol.)
krameṇa tu
der Reihe nach (Instr.Sg.)
ghaṭa-stha-dīpa-vat
wie eine im Krug stehende Leuchte (Adv.)
śaśvat
beständig
antaḥ eva
nur im Innern
prakāśate
leuchtet (3.Sg.Präs.Med.)
Anspielung auf die Hüllen (kośa) des Selbst: manomaya und vijñānamaya (Taittirīya-Upaniṣad 2).
dhyāyann āste muniś caivam ā-supter ā-mṛtes tu yaḥ | jīvan-muktaḥ sa vijñeyaḥ sa dhanyaḥ kṛta-kṛtyavān ||33||
Der Weise, der so meditierend verweilt bis zum Schlaf und bis zum Tod, ist als Lebend-Befreiter (jīvan-mukta) zu erkennen; er ist gesegnet, er hat getan, was zu tun ist.
Wenn er den Stand des Lebend-Befreiten verlässt, sobald sein Leib der Zeit anheimgefallen ist, tritt er in die leiblose Befreiung ein, wie der Wind in die Bewegungslosigkeit.
Wort für Wort
jīvat-mukta-padam
den Stand des Lebend-Befreiten (Akk.Sg.)
tyaktvā
verlassen habend (Absol.)
sva-dehe kāla-sāt-kṛte
wenn der eigene Leib der Zeit anheimgefallen ist (Lok.abs.)
aśabdam asparśam arūpam avyayaṃ tathārasaṃ nityam agandhavac ca yat | anādy-anantaṃ mahataḥ paraṃ dhruvaṃ tad eva śiṣyaty amalaṃ nirāmayam ||35||
Was ohne Laut, ohne Berührung, ohne Gestalt, unvergänglich, ebenso ohne Geschmack, ewig und ohne Geruch ist, ohne Anfang und Ende, höher als das Große (mahat), beständig – das allein bleibt übrig, makellos und ohne Leid.
Wort für Wort
aśabdam
ohne Laut (Nom.Sg.)
asparśam
ohne Berührung (Nom.Sg.)
arūpam
ohne Gestalt (Nom.Sg.)
avyayam
unvergänglich (Nom.Sg.)
tathā arasam
ebenso ohne Geschmack (Nom.Sg.)
nityam
ewig (Nom.Sg.)
agandha-vat ca yat
und was ohne Geruch ist (Nom.Sg.)
anādi-anantam
ohne Anfang und Ende (Nom.Sg.)
mahataḥ param
höher als das Große (Nom.Sg.)
dhruvam
beständig (Nom.Sg.)
tat eva śiṣyati
das allein bleibt übrig (3.Sg.Präs.Pass.)
amalam
makellos (Nom.Sg.)
nirāmayam
ohne Leid, heil (Nom.Sg.)
Vers im Jagatī-Maß (12 Silben je Viertel). Nach Kaṭha-Upaniṣad 1.3.15, wo der letzte Viertelvers lautet: nicāyya tan mṛtyu-mukhāt pramucyate „wer es erkennt, wird aus dem Rachen des Todes befreit“; die Yogakuṇḍalinī ersetzt ihn durch tad eva śiṣyaty amalaṃ nirāmayam.
ity upaniṣat || oṃ saha nāv avatu | saha nau bhunaktu | saha vīryaṃ karavāvahai | tejasvi nāv adhītam astu | mā vidviṣāvahai || oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ || hariḥ oṃ tat sat || iti yogakuṇḍaliny-upaniṣat samāptā ||
So [lautet] die Upaniṣad. Oṃ. Möge Es uns beide behüten; möge Es uns beide nähren; mögen wir beide gemeinsam Kraft wirken; möge unser Gelerntes glanzvoll sein; mögen wir einander nicht befeinden. Oṃ, Friede, Friede, Friede. Hari Oṃ tat sat. – So ist die Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad vollendet.
Wort für Wort
iti upaniṣat
so die Upaniṣad (Nom.Sg.)
saha nau avatu
möge Es uns beide behüten (3.Sg.Imp.)
saha nau bhunaktu
möge Es uns beide nähren (3.Sg.Imp.)
saha vīryam karavāvahai
gemeinsam wollen wir Kraft wirken (1.Du.Imp.Med.)
tejasvi nau adhītam astu
glanzvoll sei unser Gelerntes (3.Sg.Imp.)
mā vidviṣāvahai
mögen wir einander nicht hassen (1.Du.Injunktiv Med.)
oṃ śāntiḥ śāntiḥ śāntiḥ
Oṃ, Friede, Friede, Friede
hariḥ oṃ tat sat
Hari Oṃ, Das [ist] das Seiende
iti
so
yogakuṇḍalinī-upaniṣat
die Yogakuṇḍalinī-Upaniṣad (Nom.Sg.)
samāptā
vollendet (Nom.Sg.f.)
Die Vorlage schließt mit ity upaniṣat unmittelbar nach Vers 35, der Friedensformel und dem Kolophon; ein eigener Kolophon für den dritten Adhyāya fehlt.