Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Nidanasthana

Adhyāya 4: Prameha Nidana Ursachen der Harnkrankheiten (Prameha)

Dieses vierte Kapitel des Nidānasthāna entfaltet die einflussreiche Systematik der zwanzig Prameha-Formen – Störungen des Harnflusses, die dem heutigen Diabetes-Spektrum nahestehen –, gegliedert nach den beteiligten Doṣas: zehn Kapha-, sechs Pitta- und vier besonders gefährliche, meist unheilbare Vāta-bedingte Formen, deren letzte, der Madhumeha ("Honigharn"), später zum klassischen Ayurveda-Begriff für Diabetes wurde. Bemerkenswert ist die genaue, an Farbe, Konsistenz und Geschmack des Harns orientierte Differentialdiagnostik, die eine bereits sehr differenzierte klinische Beobachtungsgabe zeigt; eine der Charaka-Saṃhitā vergleichbare zwanzigfache Klassifikation findet sich auch in der Suśruta-Saṃhitā, was auf eine gemeinsame ältere Lehrtradition schließen lässt. Botanisch bedeutsam sind vor allem die als Krankheitsursache genannten schweren, kapha-fördernden Getreidearten wie Hāyanaka-, Yavaka-, Cīnaka- und Uddālaka-Reis, deren übermäßiger Verzehr die Verflüssigung von Kapha und Fettgewebe begünstigt und so den Prameha auslöst.

DIE ZWANZIG PRAMEHA-ARTEN (Vers 10, 25, 39)
Name (Sanskrit)DoṣaHarnmerkmal
UdakamehaKaphaklar, reichlich, weiß, kalt, geruchlos, wasserähnlich
IkṣuvālikārasamehaKaphasehr süß, kalt, trüb, wie Zuckerrohrsaft
SāndramehaKaphawird über Nacht dickflüssig
SāndraprasādamehaKaphaverdickt sich, klärt sich aber teilweise
ŚuklamehaKaphabestandig weiß, mehlartig
ŚukramehaKaphasamenartig oder mit Samen vermischt
ŚītamehaKaphasehr süß, kalt, häufig
SikatāmehaKaphaenthält feste, sandartige Partikel
ŚanairmehaKaphanur langsam, mühsam, tröpfchenweise
ĀlālamehaKaphawie in Fäden gebundener, schleimiger Speichel
KṣāramehaPittagleicht Lauge (kṣāra) in Geruch, Farbe, Geschmack
KālamehaPittatintenschwarz, heiß
NīlamehaPittablau wie der Flügel der Blauracke, sauer
LohitamehaPittafauligriechend, salzig, heiß, blutig
MāñjiṣṭhamehaPittakrappwasserähnlich, stark fauligriechend
HāridramehaPittakurkumawasserähnlich, scharf
VasāmehaVāta (unheilbar)mit Fett vermischt oder fettartig
MajjamehaVāta (unheilbar)mit Knochenmark vermischt
HastimehaVāta (unheilbar)unaufhörlich, reichlich, wie bei einem brünstigen Elefanten
MadhumehaVāta (unheilbar)herb-süßlich, blass, trocken ("Honigharn")
Die zehn kapha-bedingten Formen gelten als heilbar, die sechs pitta-bedingten nur als beherrschbar (yāpya), die vier vāta-bedingten als unheilbar (Vers 11, 27, 38).

athātaḥpramehanidānaṃvyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Nidāna (die Lehre von den Krankheitsursachen) des Prameha erklären.

itihasmāhabhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

tridoṣakopanimittāviṃśatiḥpramehābhavantivikārāścāpare'parisaṅkhyeyāḥ| tatrayathātridoṣaprakopaḥpramehānabhinirvartayatitathā'nuvyākhyāsyāmaḥ

Es gibt zwanzig Arten von Prameha, die durch die Erregung der drei doṣas (tridoṣa: Vāta, Pitta, Kapha) verursacht werden, sowie weitere, unzählige Abwandlungen. Wir wollen nun im Einzelnen darlegen, wie die Erregung der drei doṣas die Prameha-Erkrankungen hervorbringt.

iha khalu nidānadoṣadūṣyaviśeṣebhyo vikāravighātabhāvābhāva prativiśeṣā bhavanti| yadāhyetetrayonidānādiviśeṣāḥparasparaṃnānubadhnantyathavā[1] kālaprakarṣādabalīyāṃso'thavā'nubadhnantinatadāvikārābhinirvṛttiḥ, cirādvā'pyabhinirvartante, tanavovābhavantyayathoktasarvaliṅgāvā; viparyayeviparītāḥ;itisarvavikāravighātabhāvābhāvaprativiśeṣābhinirvṛttiheturbhavatyuktaḥ

Je nach den Besonderheiten von Ursache (nidāna), doṣa und geschädigtem Gewebe (dūṣya) ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten, ob eine Erkrankung entsteht, verhindert wird, ausbleibt oder in besonderer Form auftritt. Wenn nämlich diese drei Besonderheiten – Ursache und die übrigen – einander nicht folgen, oder wenn sie mit der Zeit schwächer werden, oder wenn sie zwar aufeinanderfolgen, aber schwach sind, dann entsteht die Erkrankung nicht, oder sie entsteht erst nach langer Zeit, oder sie tritt nur schwach ausgeprägt bzw. ohne alle genannten Zeichen auf; im umgekehrten Fall verhält es sich entgegengesetzt. Damit ist die Ursache dafür genannt, dass jede Erkrankung verhindert wird, ausbleibt oder in besonderer Form entsteht.

tatremetrayonidānādiviśeṣāḥśleṣmanimittānāṃpramehāṇāmāśvabhirnirvṛttikarābhavanti; tadyathā- hāyanakayavakacīnakoddālakanaiṣadhetkaṭamukundakamahāvrīhipramodakasugandhakānāṃ navānāmativelamatipramāṇenacopayogaḥ, tathāsarpiṣmatāṃnavahareṇumāṣasūpyānāṃ, grāmyānūpaudakānāṃcamāṃsānāṃ,śākatilapalalapiṣṭānnapāyasakṛśarāvilepīkṣuvikārāṇāṃ, kṣīranavamadyamandakadadhidravamadhurataruṇaprāyāṇāṃcopayogaḥ, mṛjāvyāyāmavarjanaṃ, svapnaśayanāsanaprasaṅgaḥ, yaścakaścidvidhiranyo'piśleṣmamedomūtrasañjananaḥ, sasarvonidānaviśeṣaḥ

Diese drei Besonderheiten der Ursache bringen die durch Kapha (śleṣman) verursachten Prameha-Formen rasch hervor: nämlich der übermäßige und maßlose Genuss von neuem Hāyanaka-, Yavaka-, Cīnaka-, Uddālaka-, Naiṣadha-, Itkaṭa-, Mukundaka-, Mahāvrīhi- und Pramodaka-Getreide sowie von duftendem (sugandhaka) Reis; ebenso der Genuss von reichlich mit Ghee zubereiteten Gerichten aus neuem Mehl (hareṇu) und Bohnensuppen (māṣasūpya), von Fleisch aus Haus-, Sumpf- und Wassertieren, von Gerichten aus Gemüse, Sesam, Fleischbrei, Mehlspeisen, Milchreis (pāyasa), Getreidebrei (kṛśarā), Reisschleim (vilepī) und Zuckerrohrerzeugnissen sowie von Milch, neuem Wein, mandaka-Getränk, flüssigem Joghurt und überwiegend süßen, unreifen Speisen; ferner das Unterlassen von Körperpflege und Bewegung, das übermäßige Hingeben an Schlaf, Liegen und Sitzen sowie jede andere Gewohnheit, die Kapha, Fettgewebe (medas) und Harn vermehrt – dies alles sind die besonderen Ursachen des Kapha-Prameha.

bahudravaḥśleṣmādoṣaviśeṣaḥ

Die Besonderheit des dabei gestörten Kapha-doṣa ist, dass er stark verflüssigt (bahudrava) ist.

bahvabaddhaṃ medomāṃsaṃśarīrajakledaḥśukraṃśoṇitaṃvasāmajjālasīkā rasaścaujaḥsaṅkhyātaitidūṣyaviśeṣāḥ

Die dabei geschädigten Gewebe (dūṣya) sind: reichlich vorhandenes, ungebundenes medas, Muskelfleisch, die Körperflüssigkeit (kleda), Samen (śukra), Blut, Fett (vasā), Knochenmark (majjā), Lymphe (lasīkā), Rasa und ojas (die feinste Vitalessenz) – dies sind die genannten Besonderheiten der geschädigten Gewebe.

aprakṛtibhūtatvāt; śarīrakledaṃpunardūṣayanmūtratvenapariṇamayati, mūtravahānāṃcasrotasāṃvaṅkṣaṇabastiprabhavāṇāṃ[1]medaḥkledopahitānigurūṇimukhānyāsādyapratirudhyate;tataḥpramehāṃsteṣāṃsthairyamasādhyatāṃvājanayati, prakṛtivikṛtibhūtatvāt

…da es seinen natürlichen Zustand verlassen hat. Es (das gestörte doṣa) verunreinigt zudem die Körperflüssigkeit (kleda) und wandelt sie in Harn um; trifft es dabei auf die von der Leistengegend und der Harnblase ausgehenden, harnführenden srotas, deren Mündungen durch Fett und Kleda beschwert und dadurch schwer geworden sind, so wird es dort zurückgehalten. Dies erzeugt dann, je nachdem ob die Gewebe noch in natürlichem oder bereits in krankhaft verändertem Zustand sind, entweder Beständigkeit des Leidens oder Unheilbarkeit des Prameha.

śarīrakledastuśleṣmamedomiśraḥpraviśanmūtrāśayaṃmūtratvamāpadyamānaḥślaiṣmikairebhirdaśabhirguṇairupasṛjyatevaiṣamyayuktaiḥ; tadyathā- śvetaśītamūrtapicchilācchasnigdhagurumadhurasāndraprasādamandaiḥ,tatrayenaguṇenaikenānekenavābhūyastaramupasṛjyatetatsamākhyaṃgauṇaṃnāmaviśeṣaṃprāpnoti

Die mit Kapha und medas vermischte Körperflüssigkeit (kleda) aber, die in die Harnblase eindringt und sich in Harn verwandelt, wird dabei von diesen zehn Kapha-Eigenschaften, sofern diese aus dem Gleichgewicht geraten sind, durchsetzt, nämlich: weiß, kalt, fest, schleimig, klar, ölig, schwer, süß, dickflüssig, klärend (prasāda) und träge (manda). Je nachdem, von welcher dieser Eigenschaften – einer oder mehreren – der Harn vorwiegend durchsetzt wird, erhält die Erkrankung die entsprechende, danach benannte besondere Bezeichnung.

tetukhalvimedaśapramehānāmaviśeṣeṇabhavanti; tadyathā- udakamehaśca, ikṣuvālikārasamehaśca, sāndramehaśca, sāndraprasādamehaśca, śuklamehaśca, śukramehaśca,śītamehaśca, sikatāmehaśca, śanairmehaśca, ālālamehaśceti

Diese zehn gehören insgesamt zu den Prameha-Erkrankungen: der Wasser-Prameha (udakameha), der Zuckerrohrsaft-Prameha (ikṣuvālikārasameha), der Dickflüssig-Prameha (sāndrameha), der Dickflüssig-klare-Prameha (sāndraprasādameha), der Weiß-Prameha (śuklameha), der Samen-Prameha (śukrameha), der Kalt-Prameha (śītameha), der Sand-Prameha (sikatāmeha), der Langsam-Prameha (śanairmeha) und der Speichel-Prameha (ālālameha).

tedaśapramehāḥsādhyāḥ;samānaguṇamedaḥsthānakatvāt, kaphasyaprādhānyāt, samakriyatvācca

Diese zehn Prameha-Formen sind heilbar, da sie gleichartige Eigenschaften besitzen, ihren Sitz im medas haben, Kapha bei ihnen vorherrscht und sie mit derselben Behandlung angegangen werden können.

tatraślokāḥ śleṣmapramehaviśeṣavijñānārthābhavanti-

Hierzu gibt es Verse, die dem Erkennen der Besonderheiten der Kapha-bedingten Prameha-Formen dienen:

acchaṃbahusitaṃśītaṃnirgandhamudakopamam| śleṣmakopānnaromūtramudamehīpramehati

Klar, reichlich, weiß, kalt, geruchlos, wasserähnlich – solchen Harn scheidet ein Mann infolge der Erregung des Kapha als an Udakameha Leidender aus.

atyarthamadhuraṃśītamīṣatpicchilamāvilam| kāṇḍekṣurasamaṅkāśaṃśleṣmakopātpramehati

Sehr süß, kalt, leicht schleimig, trüb, dem Saft von Zuckerrohrhalmen ähnlich – solchen Harn scheidet er infolge der Erregung des Kapha aus.

yasyaparyuṣitaṃmūtraṃsāndrībhavatibhājane| puruṣaṃkaphakopenatamāhuḥsāndramehinam

Wessen Harn, über Nacht im Gefäß stehen gelassen, dickflüssig wird, den nennt man, wegen der Erregung des Kapha, einen an Sāndrameha Leidenden.

yasyasaṃhanyatemūtraṃkiñcitkiñcitprasīdati| sāndraprasādamehītitamāhuḥśleṣmakopataḥ

Wessen Harn sich verdickt, sich aber teilweise auch klärt, den nennt man infolge der Erregung des Kapha einen an Sāndraprasādameha Leidenden.

śuklaṃpiṣṭanibhaṃmūtramabhīkṣṇaṃyaḥpramehati| puruṣaṃkaphakopenatamāhuḥśuklamehinam

Wer beständig weißen, mehlartigen Harn ausscheidet, den nennt man wegen der Erregung des Kapha einen an Śuklameha Leidenden.

śukrābhaṃśukramiśraṃvāmuhurmehatiyonaraḥ| śukramehinamāhustaṃpuruṣaṃśleṣmakopataḥ

Welcher Mann wiederholt Harn ausscheidet, der samenartig ist oder mit Samen vermischt, den nennt man wegen der Erregung des Kapha einen an Śukrameha Leidenden.

atyarthamadhuraṃśītaṃmūtraṃmehatiyobhṛśam| śītamehinamāhustaṃpuruṣaṃśleṣmakopataḥ

Wer sehr häufig überaus süßen, kalten Harn ausscheidet, den nennt man wegen der Erregung des Kapha einen an Śītameha Leidenden.

mūrtānmūtragatāndoṣānaṇūnmehatiyonaraḥ| sikatāmehinaṃvidyāttaṃnaraṃśleṣmakopataḥ

Welcher Mann feste, im Harn befindliche feine Partikel ausscheidet, den erkenne man wegen der Erregung des Kapha als einen an Sikatāmeha Leidenden.

mandaṃmandamavegaṃtukṛcchraṃyomūtrayecchanaiḥ| śanairmehinamāhustaṃpuruṣaṃśleṣmakopataḥ

Wer nur langsam, ohne Drang, mühsam und tröpfchenweise Harn lässt, den nennt man wegen der Erregung des Kapha einen an Śanairmeha Leidenden.

tantubaddhamivālālaṃpicchilaṃyaḥpramehati| ālālamehinaṃvidyāttaṃnaraṃśleṣmakopataḥ

Wer wie in Fäden gebundenen, schleimigen Speichel ausscheidet, den erkenne man wegen der Erregung des Kapha als einen an Ālālameha Leidenden.

ityetedaśapramehāḥśleṣmaprakopanimittāvyākhyātābhavanti

So sind diese zehn Prameha-Formen erklärt worden, die durch die Erregung des Kapha verursacht werden.

uṣṇāmlalavaṇakṣārakaṭukājīrṇabhojanopasevinastathā'titīkṣṇātapāgnisantāpaśramakrodhaviṣamāhāropasevinaścatathāvidhaśarīrasyaivakṣipraṃpittaṃprakopamāpadyate, tattuprakupitaṃtayaivānupūrvyāpramehānimānṣaṭkṣiprataramabhinirvartayati

Bei denjenigen, die heiße, saure, salzige, alkalische und scharfe Speisen sowie unverdaute Nahrung zu sich nehmen, ebenso bei denen, die sich übermäßiger Hitze von Sonne und Feuer, Erschöpfung, Zorn und unregelmäßiger Ernährung aussetzen, gerät bei einem entsprechend veranlagten Körper rasch das Pitta (das feurige doṣa) in Erregung. Dieses erregte Pitta bringt dann, in derselben Reihenfolge wie zuvor beim Kapha, diese sechs Prameha-Formen noch rascher hervor.

teṣāmapitukhalupittaguṇaviśeṣeṇaivanāmaviśeṣābhavanti; tadyathā- kṣāramehaśca, kālamehaśca, nīlamehaśca, lohitamehaśca, māñjiṣṭhamehaśca, hāridramehaśceti

Auch diese erhalten ihre besonderen Namen jeweils nach der besonderen Eigenschaft des Pitta: nämlich der Laugen-Prameha (kṣārameha), der Schwarz-Prameha (kālameha), der Blau-Prameha (nīlameha), der Rot-Prameha (lohitameha), der Krapprot-Prameha (māñjiṣṭhameha) und der Gelb-Prameha (hāridrameha).

teṣaḍbhirevakṣārāmlalavaṇakaṭukavisroṣṇaiḥpittaguṇaiḥpūrvavadyuktābhavanti

Diese sind, wie zuvor beim Kapha, mit den sechs Eigenschaften des Pitta verbunden, nämlich: alkalisch, sauer, salzig, scharf, fauligriechend (visra) und heiß.

sarvaevateyāpyāḥsaṃsṛṣṭadoṣamedaḥsthānatvādviruddhopakramatvācceti

Alle diese sechs Formen sind jedoch nur zu lindern (yāpya, nicht völlig heilbar), da bei ihnen die doṣas vermischt sind, ihr Sitz im medas liegt und die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen einander widersprechen.

tatraślokāḥpittapramehaviśeṣavijñānārthābhavanti-

Hierzu gibt es Verse, die dem Erkennen der Besonderheiten der Pitta-bedingten Prameha-Formen dienen:

gandhavarṇarasasparśairyathākṣārastathāvidham| pittakopānnaromūtraṃkṣāramehīpramehati

In Geruch, Farbe, Geschmack und Beschaffenheit der Lauge (kṣāra) gleichend, scheidet der an Kṣārameha Leidende infolge der Erregung des Pitta solchen Harn aus.

masīvarṇamajasraṃyomūtramuṣṇaṃpramehati| pittasyaparikopeṇataṃvidyātkālamehinam

Wer beständig tintenschwarzen, heißen Harn ausscheidet, den erkenne man infolge der starken Erregung des Pitta als einen an Kālameha Leidenden.

cāṣapakṣanibhaṃmūtramamlaṃmehatiyonaraḥ| pittasyaparikopeṇataṃvidyānnīlamehinam

Welcher Mann Harn ausscheidet, der dem Flügel der Blauracke gleicht und sauer ist, den erkenne man infolge der starken Erregung des Pitta als einen an Nīlameha Leidenden.

visraṃlavaṇamuṣṇaṃcaraktaṃmehatiyonaraḥ| pittasyaparikopeṇataṃvidyādraktamehinam

Welcher Mann fauligriechenden, salzigen, heißen und blutigen Harn ausscheidet, den erkenne man infolge der starken Erregung des Pitta als einen an Lohitameha Leidenden.

mañjiṣṭhodakasaṅkāśaṃbhṛśaṃvisraṃpramehati| pittasyaparikopāttaṃvidyānmāñjiṣṭhamehinam

Wer krappwasserähnlichen, stark fauligriechenden Harn ausscheidet, den erkenne man infolge der starken Erregung des Pitta als einen an Māñjiṣṭhameha Leidenden.

haridrodakasaṅkāśaṃkaṭukaṃyaḥpramehati| pittasyaparikopāttaṃvidyāddhāridramehinam

Wer kurkumawasserähnlichen, scharfen Harn ausscheidet, den erkenne man infolge der starken Erregung des Pitta als einen an Hāridrameha Leidenden.

ityeteṣaṭpramehāḥpittaprakopanimittāvyākhyātābhavanti

So sind diese sechs Prameha-Formen erklärt worden, die durch die Erregung des Pitta verursacht werden.

kaṣāyakaṭutiktarūkṣalaghuśītavyavāyavyāyāmavamanavirecanāsthāpana-śirovirecanātiyogasandhāraṇānaśanābhighātātapodvegaśokaśoṇitātiṣeka- jāgaraṇaviṣamaśarīranyāsānupasevamānasyatathāvidhaśarīrasyaivakṣipraṃvātaḥ prakopamāpadyate

Bei demjenigen, der herbe, scharfe, bittere, raue, leichte und kalte Speisen, Geschlechtsverkehr, körperliche Anstrengung, ein Übermaß an Brechmitteln, Abführmitteln, Klistieren (āsthāpana) und kopfreinigenden Mitteln (śirovirecana), das Zurückhalten natürlicher Bedürfnisse, Fasten, Verletzung, übermäßige Sonnenhitze, Angst, Kummer, starken Blutverlust, Schlafentzug und ungünstige Körperhaltungen pflegt, gerät bei einem entsprechend veranlagten Körper rasch das Vāta (das doṣa der Bewegung) in Erregung.

saprakupitastathāvidheśarīrevisarpanyadāvasāmādāyamūtravahānisrotāṃsipratipadyatetadāvasāmehamabhinirvartayati; yadāpunarmajjānaṃmūtrabastāvākarṣatitadāmajjamehamabhinirvartayati; yadātulasīkāṃmūtrāśaye'bhivahanmūtramanubandhaṃcyotayatilasīkātibahutvādvikṣepaṇāccavāyoḥkhalvasyātimūtrapravṛttisaṅgaṃ[1]karoti, tadāsamattaivagajaḥkṣaratyajasraṃmūtramavegaṃ, taṃhastimehinamācakṣate; ojaḥpunarmadhurasvabhāvaṃ, tadyadāraukṣyādvāyuḥkaṣāyatvenābhisaṃsṛjyamūtrāśaye'bhivahatitadāmadhumehaṃkaroti

Dieses erregte Vāta breitet sich im so veranlagten Körper aus: Nimmt es dabei Vasā (Fett) mit sich und gelangt es in die harnführenden srotas, so bringt es den Vasāmeha hervor; zieht es hingegen Majjā (Knochenmark) in die Harnblase, so bringt es den Majjameha hervor; führt es aber Lasīkā (Lymphe) in die Harnblase und lässt dabei den Harn unaufhörlich abtropfen, so bewirkt es, wegen des Übermaßes an Lasīkā und der zerstreuenden Wirkung des Vāta, einen anhaltenden, übermäßigen Harndrang – dann lässt der Kranke wie ein brünstiger Elefant unablässig Harn ohne rechten Drang fließen; diesen nennt man den an Hastimeha Leidenden. Ojas aber ist von Natur aus süß; wenn nun Vāta, durch Trockenheit mit adstringierender Eigenschaft verbunden, dieses Ojas in die Harnblase führt, dann erzeugt es den Madhumeha.

imāṃścaturaḥ pramehān vātajānasādhyānācakṣate bhiṣajaḥ, mahātyayikatvādviruddhopakramatvācceti

Diese vier durch Vāta entstandenen Prameha-Formen bezeichnen die Ärzte als unheilbar, da sie äußerst gefährlich sind und die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen einander widersprechen.

teṣāmapi pūrvavadguṇaviśeṣeṇa nāmaviśeṣā bhavanti; tadyathā- vasāmehaśca, majjamehaśca, hastimehaśca, madhumehaśceti

Auch diese erhalten, wie zuvor, ihre besonderen Namen nach der jeweiligen Eigenschaft: nämlich der Fett-Prameha (vasāmeha), der Mark-Prameha (majjameha), der Elefanten-Prameha (hastimeha) und der Honig-Prameha (madhumeha).

tatra ślokā vātapramehaviśeṣavijñānārthā bhavanti-

Hierzu gibt es Verse, die dem Erkennen der Besonderheiten der Vāta-bedingten Prameha-Formen dienen:

vasāmiśraṃ vasābhaṃ vā muhurmehati yo naraḥ| vasāmehinamāhustamasādhyaṃ vātakopataḥ

Welcher Mann wiederholt mit Fett vermischten oder fettartigen Harn ausscheidet, den nennt man, infolge der Erregung des Vāta, einen an Vasāmeha Leidenden, der als unheilbar gilt.

majjānaṃ saha mūtreṇa muhurmehati yo naraḥ| majjamehinamāhustamasādhyaṃ vātakopataḥ

Welcher Mann wiederholt Knochenmark zusammen mit dem Harn ausscheidet, den nennt man, infolge der Erregung des Vāta, einen an Majjameha Leidenden, der als unheilbar gilt.

hastī matta ivājasraṃ mūtraṃ kṣarati yo bhṛśam| hastimehinamāhustamasādhyaṃ vātakopataḥ

Wer wie ein brünstiger Elefant unaufhörlich und reichlich Harn abgehen lässt, den nennt man, infolge der Erregung des Vāta, einen an Hastimeha Leidenden, der als unheilbar gilt.

kaṣāyamadhuraṃ pāṇḍu rūkṣaṃ mehati yo naraḥ| vātakopādasādhyaṃ taṃ pratīyānmadhumehinam

Wer herb-süßlichen, blassen und trockenen Harn ausscheidet, den erkenne man, infolge der Erregung des Vāta, als einen an Madhumeha Leidenden, der unheilbar ist.

ityete catvāraḥ pramehā vātaprakopanimittā vyākhyātā bhavanti

So sind diese vier Prameha-Formen erklärt worden, die durch die Erregung des Vāta verursacht werden.

evaṃ tridoṣaprakopanimittā viṃśatiḥ pramehā vyākhyātā bhavanti

So sind die zwanzig Prameha-Formen erklärt worden, die durch die Erregung der drei doṣas verursacht werden.

trayastukhaludoṣāḥprakupitāḥpramehānabhinirvartayiṣyantaimāni pūrvarūpāṇidarśayanti; tadyathā- jaṭilībhāvaṃkeśeṣu, mādhuryamāsyasya, karapādayoḥsuptatādāhau, mukhatālukaṇṭhaśoṣaṃ, pipāsām, ālasyaṃ, malaṃkāye,kāyacchidreṣūpadehaṃ, paridāhaṃsuptatāṃcāṅgeṣu, ṣaṭpadapipīlikābhiścaśarīramūtrābhisaraṇaṃ, mūtrecamūtradoṣān, visraṃśarīragandhaṃ, nidrāṃ, tandrāṃcasarvakālamiti

Die drei doṣas nun zeigen, wenn sie erregt sind und im Begriff stehen, Prameha hervorzubringen, folgende Vorzeichen (pūrvarūpa): Verfilzung der Haare, Süße im Mund, Taubheit und Brennen an Händen und Füßen, Trockenheit von Mund, Gaumen und Kehle, Durst, Trägheit, übermäßige Absonderungen (mala) am Körper, Verkrustungen an den Körperöffnungen, Brennen und Taubheit an den Gliedern, das Anfliegen von Bienen und Ameisen auf Körper und Harn, Fehler im Harn, fauligen Körpergeruch sowie beständige Schläfrigkeit und Mattigkeit zu jeder Zeit.

upadravāstukhalupramehiṇāṃtṛṣṇātīsārajvaradāhadaurbalyārocakāvipākāḥ pūtimāṃsapiḍakālajīvidradhyādayaścatatprasaṅgādbhavanti

Als Begleitkomplikationen (upadrava) der an Prameha Leidenden treten in dessen Folge auf: Durst, Durchfall, Fieber, Brennen, Schwäche, Appetitlosigkeit, gestörte Verdauung sowie faulendes Fleisch, gefährliche Pusteln (piḍakā), Furunkel (alajī), Abszesse (vidradhi) und Ähnliches.

tatrasādhyānpramehānsaṃśodhanopaśamanairyathārhamupapādayaṃścikitsediti

Die heilbaren Prameha-Formen soll man demnach mit ausleitenden (śodhana) und beruhigenden (śamana) Maßnahmen, wie es jeweils angemessen ist, anwenden und so behandeln.

bhavanticātra- gṛdhnumabhyavahāryeṣusnānacaṅkramaṇadviṣam| pramehaḥkṣipramabhyetinīḍadrumamivāṇḍajaḥ

Und hierzu gibt es den Vers: Wer gierig nach Speisen ist und Baden sowie Umhergehen scheut, den sucht der Prameha rasch heim, wie ein Vogel seinen Nestbaum.

mandotsāhamatisthūlamatisnigdhaṃmahāśanam| mṛtyuḥprameharūpeṇakṣipramādāyagacchati

Den Willensschwachen, allzu Fettleibigen, allzu Öligen und Vielesser holt sich der Tod rasch, in Gestalt des Prameha, und geht mit ihm davon.

yastvāhāraṃśarīrasyadhātusāmyakaraṃnaraḥ| sevatevividhāścānyāśceṣṭāḥsasukhamaśnute

Wer aber Nahrung zu sich nimmt, die das Gleichgewicht der dhātu (Körpergewebe) bewahrt, und daneben verschiedene andere zuträgliche Lebensweisen pflegt, der erlangt Wohlbefinden.

tatraślokāḥ- heturvyādhiviśeṣāṇāṃpramehāṇāṃcakāraṇam| doṣadhātusamāyogorūpaṃvividhamevaca

Hierzu die zusammenfassenden Verse: Die Ursache der einzelnen Krankheitsformen sowie der Grund der Prameha-Erkrankungen, das Zusammenwirken von doṣa und dhātu und die vielfältigen Krankheitszeichen –

daśaśleṣmakṛtāyasmātpramehāḥṣaṭcapittajāḥ| yathācavāyuścaturaḥpramehānkurutebalī

– wie zehn Prameha-Formen durch Kapha, sechs durch Pitta entstehen, und wie das mächtige Vāta vier Prameha-Formen hervorbringt;

sādhyāsādhyaviśeṣāścapūrvarūpāṇyupadravāḥ| pramehāṇāṃnidāne'sminkriyāsūtraṃcabhāṣitam

– die Unterscheidung von heilbaren und unheilbaren Formen, die Vorzeichen und Begleitkomplikationen sowie der Leitfaden zur Behandlung – all dies wurde in diesem Kapitel über das Nidāna des Prameha dargelegt.

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