athāto'pasmāranidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Nidāna (die Krankheitsursachen) der Apasmāra (Fallsucht, Epilepsie) erklären.
Caraka-Saṃhitā · Nidanasthana
Das achte und letzte Kapitel des Nidānasthāna behandelt den Apasmāra, die Fallsucht bzw. Epilepsie, definiert als ein durch Zusammenbruch von Erinnerung, Verstand und geistiger Widerstandskraft (Sattva) verursachtes, mit krampfartigen Bewegungen einhergehendes zeitweiliges Bewusstseinsversagen. Unterschieden werden vier Formen nach Vāta, Pitta, Kapha und deren gemeinsamem Zusammenwirken (Sannipāta), wobei allein die letztere als unheilbar gilt; auch hier verweist der Text auf denselben mythischen Ursprung im Zusammenhang mit Dakṣas zerstörtem Opfer wie beim Raktapitta. Als Abschluss des gesamten Buches bietet das Kapitel zudem eine bemerkenswerte nosologische Synthese: Es zeigt exemplarisch, wie Krankheiten einander wechselseitig hervorbringen können – etwa Fieber und Raktapitta ineinander übergehen und daraus Śoṣa entsteht, oder wie aus Schnupfen über Husten letztlich ebenfalls Auszehrung folgt. Botanische Substanzen treten gegenüber dieser diagnostisch-systematischen Reflexion in den Hintergrund.
| Typ (Sanskrit) | Kennzeichen |
|---|---|
| Vāta-apasmāra | häufige Anfälle, rasches Wiedererlangen des Bewusstseins, verkrampfte Augen, unartikulierte Klagelaute, rötlich-raue Verfärbung |
| Pitta-apasmāra | häufige Anfälle, rasches Wiedererlangen des Bewusstseins, Stöhnen, Schlagen der Glieder auf den Boden, grünlich-gelbe oder kupferfarbene Verfärbung |
| Kapha-apasmāra | seltene Anfälle, langsames Wiedererlangen des Bewusstseins, Speichelerbrechen, weiße Verfärbung von Nägeln, Augen und Haut |
| Sānnipātika-apasmāra | Kennzeichen aller drei Doṣa gemeinsam; wegen überwiegendem tamas schwer heilbar |
athāto'pasmāranidānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Nidāna (die Krankheitsursachen) der Apasmāra (Fallsucht, Epilepsie) erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya.
iha khalu catvāro'pasmārā bhavanti vātapittakaphasannipātanimittāḥ
Hier nun gibt es vier Arten von Apasmāra, die durch vāta, pitta, kapha und deren gemeinsames Zusammenwirken (sannipāta) verursacht werden.
ta evaṃvidhānāṃ prāṇabhṛtāṃ kṣipramabhinirvartante; tadyathā- rajastamobhyāmupahatacetasāmudbhrāntaviṣamabahudoṣāṇāṃ samalavikṛtopahitānyaśucīnyabhyavahārajātāni vaiṣamyayuktenopayogavidhinopayuñjānānāṃ tantraprayogamapi ca viṣamamācaratāmanyāśca śarīraceṣṭā viṣamāḥ samācaratāmatyupakṣayādvā doṣāḥ prakupitā: rajastamobhyāmupahatacetasāmantarātmanaḥ śreṣṭhatamamāyatanaṃ hṛdayamupasṛtyopari tiṣṭhante, tathendriyāyatanāni ca | tatra cāvasthitāḥ santo yadā hṛdayamindriyāyatanāni ceritāḥ kāmakrodhabhayalobhamohaharṣaśokacintodvegādibhiḥ sahasā'bhipūrayanti, tadā janturapasmarati
Diese entstehen bei so beschaffenen Lebewesen rasch, und zwar auf folgende Weise: Bei denen, deren Geist von rajas und tamas befallen ist, deren doṣas aufgewühlt, ungleichmäßig und in großer Zahl gestört sind, die verunreinigte, verdorbene, mit Schmutz behaftete und unreine Speisen zu sich nehmen, die Nahrung auf unangemessene, regelwidrige Weise einnehmen, die auch therapeutische Verfahren unregelmäßig anwenden und andere ungeordnete Körperbewegungen ausführen, oder bei denen durch übermäßige Erschöpfung die doṣas erregt werden – bei diesen, deren Geist von rajas und tamas befallen ist, steigen die doṣas zum Herzen empor, dem vornehmsten Sitz des inneren Selbst, verweilen dort oben und ebenso in den Sitzen der Sinnesorgane. Wenn sie, dort verweilend, durch Begierde, Zorn, Furcht, Gier, Verwirrung, Freude, Kummer, Sorge, Angst und dergleichen erregt werden und plötzlich das Herz und die Sitze der Sinnesorgane überfluten, dann erleidet das Lebewesen einen Apasmāra-Anfall.
apasmāraṃ punaḥ smṛtibuddhisattvasamplavādbībhatsaceṣṭamāvasthikaṃ tamaḥ praveśamācakṣate
Apasmāra wiederum wird definiert als ein durch den Zusammenbruch von Erinnerung, Verstand und Sattva verursachtes, mit abstoßenden Bewegungen einhergehendes, zeitweiliges Eintauchen in tamas (Dunkelheit, Bewusstlosigkeit).
tasyemāni pūrvarūpāṇi bhavanti; tadyathā- bhrūvyudāsaḥ satatamakṣṇorvaikṛtamaśabdaśravaṇaṃlālāsiṅghāṇaprasravaṇamanannābhilaṣaṇamarocakāvipākau hṛdayagrahaḥ kukṣerāṭopo daurbalyamasthibhedo'ṅgamardo mohastamaso darśanaṃmūrcchā bhramaścābhīkṣṇaṃ svapne ca madanartanavyadhanavyathanavepanapatanādīnīti
Seine Vorboten sind folgende: das Hochziehen der Augenbrauen, ständige Verzerrungen an den Augen, das Hören nicht vorhandener Geräusche, Ausfluss von Speichel und Nasenschleim, Widerwillen gegen Speisen, Geschmacklosigkeit und schlechte Verdauung, ein Beklemmungsgefühl in der Herzgegend, Aufgeblähtsein des Unterleibs, Schwäche, ein Bohren in den Knochen, Gliederschmerzen, Verwirrung, das Sehen von Dunkelheit, Ohnmacht und häufiger Schwindel sowie im Traum das Gefühl von Berauschtsein, Tanzen, Durchbohrtwerden, Schmerzen, Zittern und Fallen.
tato'nantaramapasmārābhinirvṛttireva
Unmittelbar danach folgt der eigentliche Ausbruch des Apasmāra-Anfalls.
abhīkṣṇamapasmarantaṃ, kṣaṇena sañjñāṃ pratilabhamānam, utpiṇḍitākṣam, asāmnāvilapantam, udvamantaṃ phenam, atīvādhmātagrīvam, āviddhaśiraskaṃ, viṣamavinatāṅgulim, anavasthitapāṇipādam, aruṇaparuṣaśyāvanakhanayanavadanatvacam, anavasthitacapalaparuṣarūkṣarūpadarśinaṃ, vātalānupaśayaṃ, viparītopaśayaṃ ca vātenāpasmarantaṃ vidyāt abhīkṣṇamapasmarantaṃ kṣaṇena sañjñāṃ pratilabhamānam, avakūjantam, āsphālayantaṃ bhūmiṃ, haritahāridratāmranakhanayanavadanatvacaṃ,rudhirokṣitograbhairavādīptaruṣitarūpadarśinaṃ, pittalānupaśayaṃ,viparītopaśayaṃ ca pittenāpasmarantaṃ vidyāt cirādapasmarantaṃ, cirācca sañjñāṃ pratilabhamānaṃ, patantam, anativikṛtaceṣṭaṃ, lālāmudvamantaṃ, śuklanakhanayanavadanatvacaṃ,śuklagurusnigdharūpadarśinaṃ, śleṣmalānupaśayaṃ, viparītopaśayaṃ ca śleṣmaṇā'pasmara-ntaṃ vidyāt samavetasarvaliṅgamapasmāraṃ sānnipātikaṃ vidyāt, tamasādhyamācakṣate iti catvāro'pasmārā vyākhyātāḥ
Man erkenne denjenigen, der häufig einen Anfall erleidet und rasch wieder zu Bewusstsein kommt, dessen Augen verkrampft sind, der mit unartikulierter Stimme klagt, Schaum erbricht, dessen Hals stark aufgebläht ist, dessen Kopf zurückgeworfen ist, dessen Finger ungleichmäßig gekrümmt sind, dessen Hände und Füße unstet sind, dessen Nägel, Augen, Gesicht und Haut rötlich, rau und bräunlich-grau sind, der unstete, flackernde, raue und trockene Erscheinungen sieht, dem vāta-förderndes Verhalten nicht bekommt und dem das Gegenteil wohlbekommt, als vom vāta verursachten Apasmāra. Man erkenne denjenigen, der häufig einen Anfall erleidet und rasch wieder zu Bewusstsein kommt, der stöhnt, mit den Gliedern auf den Boden schlägt, dessen Nägel, Augen, Gesicht und Haut grünlich, gelblich oder kupferfarben sind, der blutbefleckte, schreckliche, furchterregende, glühende und zornige Erscheinungen sieht, dem pitta-förderndes Verhalten nicht bekommt und dem das Gegenteil wohlbekommt, als vom pitta verursachten Apasmāra. Man erkenne denjenigen, der erst nach längerer Zeit einen Anfall erleidet und erst nach längerer Zeit wieder zu Bewusstsein kommt, der hinfällt, dessen Bewegungen nicht allzu heftig gestört sind, der Speichel erbricht, dessen Nägel, Augen, Gesicht und Haut weiß sind, der weiße, schwere und ölig-glänzende Erscheinungen sieht, dem kapha-förderndes Verhalten nicht bekommt und dem das Gegenteil wohlbekommt, als vom kapha verursachten Apasmāra. Denjenigen Apasmāra, bei dem alle diese Kennzeichen gemeinsam auftreten, erkenne man als den durch sannipāta verursachten; man bezeichnet ihn als schwer heilbar, da tamas in ihm vorherrscht. So sind die vier Arten von Apasmāra erklärt.
teṣāmāganturanubandho bhavatyeva kadācit, tamuttarakālamupadekṣyāmaḥ | tasya viśeṣavijñānaṃ yathoktaliṅgairliṅgādhikyamadoṣaliṅgānurūpaṃ ca kiñcit
Bei diesen kommt es mitunter auch zu einer Verbindung mit einer āgantu-Ursache (einer von außen kommenden, nicht durch die doṣas bedingten Ursache); dies werden wir später darlegen. Die besondere Erkenntnis davon besteht darin, dass zusätzlich zu den genannten Kennzeichen noch ein Übermaß an Kennzeichen auftritt, das nicht den gewöhnlichen doṣa-Kennzeichen entspricht.
hitānyapasmāribhyastīkṣṇāni saṃśodhanānyupaśamanāni ca yathāsvaṃ, mantrādīni cāgantusaṃyoge
Für Epilepsiekranke sind, je nach Bedarf, scharfe Reinigungsmittel sowie beruhigende Mittel zuträglich; bei Verbindung mit einer āgantu-Ursache auch Mantras und dergleichen.
tasmin hi dakṣādhvaradhvaṃse dehināṃ nānādikṣu vidravatāmabhidravaṇataraṇadhāvanaplavanalaṅghanādyairdehavikṣobhaṇaiḥ purāgulmotpattirabhūt, haviṣprāśāt pramehakuṣṭhānāṃ, bhayatrāsaśokairunmādānāṃ, vividhabhūtāśucisaṃsparśādapasmārāṇāṃ, jvarastu khalumaheśvaralalāṭaprabhavaḥ , tatsantāpādraktapittam, ativyavāyāt punarnakṣatrarājasya rājayakṣmeti
Denn bei jener Zerstörung des Opfers des Dakṣa entstand einst, als die verkörperten Wesen in verschiedene Richtungen flohen, durch die den Körper erschütternden Anstrengungen wie Anrennen, Durchqueren, Laufen, Springen, Hüpfen und dergleichen zuerst das Gulma; durch das Verzehren der Opferspeise entstanden Prameha und Kuṣṭha; durch Furcht, Schrecken und Kummer entstand Unmāda; durch die Berührung mit mancherlei unreinen Wesen entstand Apasmāra; Jvara aber entsprang der Stirn des großen Herrn Maheśvara; aus dessen Glut entstand Raktapitta; und durch übermäßigen Geschlechtsverkehr des Mondes, des Herrn der Sternbilder, entstand Rājayakṣma.
apasmāro hi vātena pittena ca kaphena ca | caturthaḥ sannipātena pratyākhyeyastathāvidhaḥ
Apasmāra entsteht nämlich durch vāta, durch pitta und durch kapha; der vierte, durch sannipāta verursachte, ist von solcher Art, dass er als unheilbar zu erklären ist.
sādhyāṃstu bhiṣajaḥ prājñāḥ sādhayanti samāhitāḥ | tīkṣṇaiḥ saṃśodhanaiścaiva yathāsvaṃ śamanairapi
Die heilbaren Fälle aber heilen kluge, aufmerksame Ärzte mit scharfen Reinigungsmitteln sowie, je nach Bedarf, auch mit beruhigenden Mitteln.
yadā doṣanimittasya bhavatyāganturanvayaḥ | tadā sādhāraṇaṃ karma pravadanti bhiṣagvidaḥ
Wenn zu dem durch die doṣas verursachten Apasmāra eine āgantu-Ursache hinzutritt, dann empfehlen die Kundigen der Heilkunst eine gemeinsame, auf beide Ursachen gerichtete Behandlung.
sarvarogaviśeṣajñaḥ sarvauṣadhaviśāradaḥ| bhiṣak sarvāmayān hanti na ca mohaṃ nigacchati
Der Arzt, der die Besonderheiten aller Krankheiten kennt und in allen Heilmitteln bewandert ist, besiegt alle Leiden und gerät nicht in Verwirrung.
ityetadakhilenoktaṃ nidānasthānamuttamam nidānārthakaro rogo rogasyāpyupalabhyate
So wurde dieses vortreffliche Nidānasthāna vollständig dargelegt. Dabei zeigt sich: Auch eine Krankheit selbst kann als Ursache einer anderen Krankheit auftreten.
jvarasantāpādraktapittamudīryate | raktapittājjvarastābhyāṃ śoṣaścāpyupajāyate
Durch die Hitze des Fiebers entsteht Raktapitta; aus Raktapitta wiederum entsteht Fieber, und aus beiden entsteht auch Śoṣa (Auszehrung).
plīhābhivṛddhyā jaṭharaṃ jaṭharācchotha eva ca | arśobhyo jaṭharaṃ duḥkhaṃ gulmaścāpyupajāyate
Durch Vergrößerung der Milz entsteht Jaṭhara (Bauchwassersucht), aus Jaṭhara wiederum Śotha (Schwellung); aus Arśas (Hämorrhoiden) entsteht das leidvolle Jaṭhara, und auch Gulma entsteht daraus.
pratiśyāyādbhavet kāsaḥ kāsāt sañjāyate kṣayaḥ | kṣayo rogasya hetutve śoṣasyāpyupalabhyate
Aus Schnupfen entsteht Husten, aus Husten entsteht Kṣaya (Auszehrung); und Kṣaya erweist sich wiederum als Ursache der Krankheit Śoṣa.
te pūrvaṃ kevalā rogāḥ paścāddhetvarthakāriṇaḥ | ubhayārthakarā dṛṣṭāstathaivaikārthakāriṇaḥ [1]
Diese Krankheiten sind zunächst eigenständige Leiden, wirken aber später als Ursache einer anderen; man beobachtet, dass manche in beiderlei Hinsicht wirken, ebenso solche, die nur in einer Hinsicht wirken.
kaściddhi rogo rogasya heturbhūtvā praśāmyati | na praśāmyati cāpyanyo hetvarthaṃ kurute'pi ca
Manche Krankheit klingt, nachdem sie Ursache einer anderen Krankheit geworden ist, selbst ab; eine andere klingt nicht ab und wirkt dennoch weiterhin als Ursache.
evaṃ kṛcchratamā nṝṇāṃ dṛśyante vyādhisaṅkarāḥ | prayogāpariśuddhatvāttathā cānyonyasambhavāt
So beobachtet man bei den Menschen überaus schwer zu behandelnde Krankheitsverbindungen, sowohl aufgrund unsachgemäßer Anwendung von Heilmitteln als auch aufgrund des gegenseitigen Hervorbringens der Krankheiten.
prayogaḥ śamayedvyādhiṃ yo'nyamanyamudīrayet | nāsau viśuddhaḥ, śuddhastu śamayedyo na kopayet
Eine Behandlung, die eine Krankheit besänftigt, dabei aber eine andere hervorruft, ist nicht sachgemäß; sachgemäß hingegen ist jene, die besänftigt, ohne eine andere Krankheit zu erregen.
eko heturanekasya tathaikasyaika eva hi | vyādherekasya cāneko bahūnāṃ bahavo'pi ca
Eine einzige Ursache kann Ursache vieler Krankheiten sein, ebenso ist für eine einzige Krankheit auch eine einzige Ursache maßgeblich; für eine einzige Krankheit können auch mehrere Ursachen bestehen, und für viele Krankheiten können ebenso viele Ursachen bestehen.
jvarabhramapralāpādyā dṛśyante rūkṣahetujāḥ | rūkṣeṇaikena cāpyeko jvara evopajāyate
Fieber, Schwindel, Delirium und dergleichen beobachtet man als durch die Eigenschaft „trocken“ verursacht; und durch ein einziges Element wie „trocken“ entsteht auch ein einziges Krankheitsbild wie Fieber.
hetubhirbahubhiścaiko jvaro rūkṣādibhirbhavet | rūkṣādibhirjvarādyāśca vyādhayaḥ sambhavanti hi
Ein einziges Fieber kann durch viele Ursachen wie „trocken“ und dergleichen entstehen; und durch „trocken“ und dergleichen können auch mehrere Krankheiten wie Fieber und andere entstehen.
liṅgaṃ caikamanekasya tathaivaikasya lakṣyate | bahūnyekasya ca vyādherbahūnāṃ syurbahūni ca
Ein einziges Kennzeichen beobachtet man bei vielen Krankheiten, ebenso ein einziges bei einer einzigen; bei einer einzigen Krankheit können auch viele Kennzeichen vorliegen, und bei vielen Krankheiten können ebenso viele Kennzeichen vorliegen.
viṣamārambhamūlānāṃ liṅgamekaṃ jvaro mataḥ | jvarasyaikasya cāpyekaḥ santāpo liṅgamucyate
Für die Krankheiten, deren Ursprung in Unregelmäßigkeit liegt, gilt Fieber als gemeinsames Kennzeichen; und für ein einzelnes Fieber wird die Hitze als sein einziges Kennzeichen bezeichnet.
viṣamārambhamūlaiśca jvara eko nirucyate | liṅgairetairjvaraśvāsahikkādyāḥ santi cāmayāḥ
Und je nach den verschiedenen Ursprüngen in Unregelmäßigkeit wird ein und dasselbe Fieber unterschiedlich erklärt; an eben diesen Kennzeichen erkennt man auch Krankheiten wie Fieber, Atemnot, Schluckauf und andere.
ekā śāntiranekasya tathaivaikasya lakṣyate | vyādherekasya cānekā bahūnāṃ bahvya eva ca
Eine einzige Heilmethode erweist sich für viele Krankheiten wirksam, ebenso eine einzige für eine einzige; für eine einzige Krankheit können auch mehrere Heilmethoden gelten, und für viele Krankheiten ebenso viele.
śāntirāmāśayotthānāṃ vyādhīnāṃ laṅghanakriyā | jvarasyaikasya cāpyekā śāntirlaṅghanamucyate
Für die aus dem āmāśaya entstehenden Krankheiten gilt die Fastenkur (laṅghana) als Heilmethode; und für ein einzelnes Fieber wird ebenfalls das Fasten als einzige Heilmethode bezeichnet.
tathā laghvaśanādyāśca jvarasyaikasya śāntayaḥ | etāścaiva jvaraśvāsahikkādīnāṃ praśāntayaḥ
Ebenso sind leichte Kost und dergleichen Heilmethoden für ein einzelnes Fieber; und eben diese Mittel dienen auch der Heilung von Fieber, Atemnot, Schluckauf und anderen Leiden.
sukhasādhyaḥ sukhopāyaḥ kālenālpena sādhyate | sādhyate kṛcchrasādhyastu yatnena mahatā cirāt
Eine leicht heilbare Krankheit wird mit leichten Mitteln in kurzer Zeit geheilt; eine schwer heilbare hingegen wird nur mit großer Anstrengung und über lange Zeit geheilt.
yāti nāśeṣatāṃ vyādhirasādhyo yāpyasañjñitaḥ | paro'sādhyaḥ kriyāḥ sarvāḥ pratyākhyeyo'tivartate
Eine unheilbare, als yāpya (nur zu lindernde) bezeichnete Krankheit erreicht keine völlige Ausrottung; eine gänzlich unheilbare entzieht sich allen Behandlungen und ist als unheilbar zu erklären.
nāsādhyaḥ sādhyatāṃ yāti sādhyo yāti tvasādhyatām | pādāpacārāddaivādvā yānti bhāvāntaraṃ gadāḥ
Eine unheilbare Krankheit wird nicht heilbar, eine heilbare aber kann unheilbar werden; durch falsche Behandlung oder durch Schicksal wechseln Krankheiten ihren Zustand.
vṛddhisthānakṣayāvasthāṃ rogāṇāmupalakṣayet | susūkṣmāmapi ca prājño dehāgnibalacetasām
Der Kluge soll den Zustand des Zunehmens, Verweilens und Abnehmens der Krankheiten erkennen, ebenso, mag er auch noch so fein sein, den Zustand von Körper, Verdauungsfeuer, Kraft und Geist des Patienten.
vyādhyavasthāviśeṣān hi jñātvā jñātvā vicakṣaṇaḥ | tasyāṃ tasyāmavasthāyāṃ catuḥśreyaḥ prapadyate
Denn der kundige Arzt, der die besonderen Zustände der Krankheit in jedem einzelnen Stadium erkennt, erlangt in jedem dieser Zustände den vierfachen Erfolg der Behandlung.
prāyastiryaggatā doṣāḥ kleśayantyāturāṃściram | teṣu na tvarayā kuryāddehāgnibalavit kriyām
Meist quälen doṣas, die sich in die Peripherie des Körpers begeben haben, die Kranken über lange Zeit; bei ihnen soll der Arzt, der Körper, Verdauungsfeuer und Kraft des Patienten kennt, nicht überstürzt behandeln.
prayogaiḥ kṣapayedvā tān sukhaṃ vā koṣṭhamānayet | jñātvā koṣṭhaprapannāṃstān yathāsannaṃ haredbudhaḥ
Er soll sie entweder durch geeignete Anwendungen sanft aufzehren oder sie sanft in den Koṣṭha (Verdauungstrakt) leiten; und wenn er erkennt, dass sie in den Koṣṭha gelangt sind, soll der Kundige sie entsprechend ihrer Lage ausleiten.
jñānārthaṃ yāni coktāni vyādhiliṅgāni saṅgrahe | vyādhayaste tadātve tu liṅgānīṣṭāni nāmayāḥ
Die Krankheitszeichen, die im Kompendium zum Zweck des Erkennens genannt wurden – eben diese Zeichen sind im jeweiligen Einzelfall selbst die Krankheiten, die zu den jeweils maßgeblichen Kennzeichen werden.
vikāraḥ prakṛtiścaiva dvayaṃ sarvaṃ samāsataḥ | taddhetuvaśagaṃ hetorabhāvānnānuvartate
Krankhafte Veränderung (vikāra) und Normalzustand (prakṛti) – dies beides umfasst zusammengefasst alles; die krankhafte Veränderung ist von ihrer Ursache abhängig und besteht bei Fehlen der Ursache nicht fort.
hetavaḥ pūrvarūpāṇi rūpāṇyupaśayastathā | samprāptiḥ pūrvamutpattiḥ sūtramātraṃ cikitsitāt
Ursachen, Vorboten, Hauptsymptome sowie das Zuträgliche und Unzuträgliche und der Krankheitsverlauf sind vorrangig zu erfassen, noch bevor die eigentliche Behandlung beginnt; dies ist hier nur als knapper Leitfaden dargelegt.
jvarādīnāṃ vikārāṇāmaṣṭānāṃ sādhyatā na ca | pṛthagekaikaśaścoktā hetuliṅgopaśāntayaḥ
Für die acht Krankheiten, angefangen mit Fieber, wurden Heilbarkeit oder Unheilbarkeit sowie Ursachen, Kennzeichen und Heilmethoden jeweils einzeln und gesondert dargelegt.
hetuparyāyanāmāni vyādhīnāṃ lakṣaṇasya ca | nidānasthānametāvat saṅgraheṇopadiśyate
Die Ursachen, die verschiedenen Bezeichnungen der Krankheiten und ihre Kennzeichen – so weit wird dieses Nidānasthāna hier im Überblick dargelegt.