athāto rasavimānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun also werden wir das Rasa-Vimāna – das Kapitel über das rechte Maß hinsichtlich des rasa (Geschmack, Geschmackssaft) – erklären.
Caraka-Saṃhitā · Vimanasthana
Als Eröffnungskapitel des Vimānasthāna, des dritten Buches der Caraka-Saṃhitā, das methodische Fragen von Diagnostik, Ernährungslehre und Arzneiwirkung behandelt, legt dieses Kapitel die Grundlagen der ayurvedischen Geschmackslehre (Rasa) dar – eines der zentralen Konzepte der Dravyaguna, der Substanz- und Wirkungslehre. Die sechs Geschmacksqualitäten süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb werden systematisch mit den drei Doṣas Vāta, Pitta und Kapha in Beziehung gesetzt: Je drei Rasas erregen, je drei besänftigen einen bestimmten Doṣa, woraus sich ein differenziertes diätetisches und pharmakologisches Steuerungssystem ergibt. Besonders hervorgehoben werden Öl, Ghee und Honig als grundlegende, jeweils einen Doṣa besänftigende Substanzen, während vor übermäßigem Gebrauch von langem Pfeffer (Pippalī, Piper longum), Lauge (Kṣāra) und Salz gewarnt wird. Ergänzt wird dies durch das Konzept der Sātmya (Bekömmlichkeit durch Gewöhnung) sowie durch acht Grundregeln richtiger Ernährung, die dieses Kapitel zu einem Grundlagentext der klassischen ayurvedischen Pharmakologie und Diätetik machen.
| Grundlage | Bedeutung |
|---|---|
| prakṛti | Naturbeschaffenheit: die naturgegebene Eigenschaftsverbindung eines Nahrungs- oder Arzneimittels, z. B. Urdbohne/Mungbohne oder Schweine-/Antilopenfleisch |
| karaṇa | Zubereitung: Bearbeitung der Substanz durch Wasser, Feuer, Reinigung, Verrühren, Durchtränkung u. a., wodurch ihr eine zusätzliche Eigenschaft hinzugefügt wird |
| saṃyoga | Kombination: Verbindung mehrerer Substanzen, die eine besondere, den Einzelteilen fehlende Wirkung erzeugt, z. B. Honig mit Ghee oder Honig mit Fisch und Milch |
| rāśi | Menge: Gesamtmenge der Mahlzeit (sarvagraha) und Einzelmenge jeder Speise (parigraha) |
| deśa | Ort: Herkunft und Verbreitungsgebiet einer Substanz sowie deren Ortsverträglichkeit |
| kāla | Zeit: dauerhaft (Jahreszeit) oder situationsbezogen (aktueller Verdauungszustand) |
| upayogasaṃsthā | Ordnung des Verzehrs: richtet sich nach den Anzeichen der Verdauung der vorangegangenen Mahlzeit |
| upayoktṛ | der Essende selbst: seine persönliche Gewöhnung (sātmya) entscheidet mit |
| Substanz | Eigenschaften | Schäden bei Übermaß |
|---|---|---|
| pippalī | langer Pfeffer – scharf im Geschmack, süß in der Nachwirkung, schwer, warm; guter Wirkstoffträger (yogavāhin) | reizt bei Dauergebrauch śleṣman und pitta, hilft nicht gegen vāta |
| kṣāra | Lauge – warm, scharf, leicht; befeuchtet zunächst, trocknet dann aus | Erblindung, Unfruchtbarkeit, Kahlheit, vorzeitiges Ergrauen, geschwächtes Herz |
| lavaṇa | Salz – warm, scharf, feuchtigkeitsfördernd, geschmacksfördernd | Erschöpfung, schlaffes Fleisch und Blut, Kahlköpfigkeit, vorzeitiges Ergrauen, frühe Falten |
athāto rasavimānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun also werden wir das Rasa-Vimāna – das Kapitel über das rechte Maß hinsichtlich des rasa (Geschmack, Geschmackssaft) – erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya.
iha khalu vyādhīnāṃ nimittapūrvarūparūpopaśayasaṅkhyāprādhānyavidhivikalpa balakālaviśeṣānanupraviśyānantaraṃ doṣabheṣajadeśakālabalaśarīrasārāhārasātmyasattvaprakṛtivayasāṃ mānamavahitamanasā yathāvajjñeyaṃ bhavati bhiṣajā, doṣādimānajñānāyattatvāt kriyāyāḥ| na hyamānajño doṣādīnāṃ bhiṣag vyādhinigrahasamartho bhavati| tasmāddoṣādimānajñānārthaṃ vimānasthānamupadekṣyāmo'gniveśa!
Hier nun muss der Arzt, nachdem er in die Kenntnis von Ursache (nimitta), Vorzeichen (pūrvarūpa), Symptomen (rūpa), Linderungsmitteln (upaśaya), Anzahl, Vorrangigkeit, Einteilung, Unterscheidung sowie die Besonderheiten von Kraft (bala) und Zeit (kāla) der Krankheiten eingedrungen ist, anschließend mit aufmerksamem Geist das rechte Maß (māna) von doṣa, Heilmittel, Ort, Zeit, Kraft, Körper, Konstitutionsstärke (sāra), Nahrung, Bekömmlichkeit (sātmya), Geisteszustand (sattva), Konstitution (prakṛti) und Lebensalter kennen, wie es sich gehört – denn die richtige Behandlung hängt von der Kenntnis dieses Maßes ab. Ein Arzt nämlich, der dieses Maß nicht kennt, ist nicht imstande, doṣa und Krankheit zu bezwingen. Deshalb, Agniveśa, werde ich dir das Vimānasthāna lehren, damit du das Maß von doṣa und den übrigen Dingen erkennst!
tatrādau rasadravyadoṣavikāraprabhāvān vakṣyāmaḥ| rasāstāvat ṣaṭ- madhurāmlalavaṇakaṭutiktakaṣāyāḥ| doṣaprakopāyopakalpante
Zunächst werden wir über die Wirkkraft (prabhāva) von rasa, Substanz (dravya), doṣa und Krankheitszustand (vikāra) sprechen. Der rasa ist zunächst sechsfach: süß (madhura), sauer (amla), salzig (lavaṇa), scharf (kaṭu), bitter (tikta) und herb-zusammenziehend (kaṣāya). Sie dienen dazu, die doṣas in Erregung zu versetzen.
doṣāḥ punastrayo vātapittaśleṣmāṇaḥ| te prakṛtibhūtāḥ śarīropakārakā bhavanti, vikṛtimāpannāstu khalu nānāvidhairvikāraiḥ śarīramupatāpayanti
Die doṣas wiederum sind drei: vāta, pitta und śleṣman (kapha). Befinden sie sich in ihrem natürlichen Zustand (prakṛti), sind sie dem Körper zuträglich; geraten sie jedoch in einen gestörten Zustand (vikṛti), quälen sie den Körper durch mannigfaltige Erkrankungen.
tatra doṣamekaikaṃ trayastrayo rasā janayanti, trayastrayaścopaśamayanti| tadyathā- kaṭutiktakaṣāyā vātaṃ janayanti, madhurāmlalavaṇāstvenaṃ śamayanti; kaṭvamlalavaṇāḥ pittaṃ janayanti, madhuratiktakaṣāyāstvenacchmayanti; madhurāmlalavaṇāḥ śleṣmāṇaṃ janayanti, kaṭutiktakaṣāyāstvenaṃ śamayanti
Dabei erzeugen jeweils drei rasas einen einzelnen doṣa, und drei andere besänftigen ihn. So erzeugen scharf, bitter und herb den vāta, während süß, sauer und salzig ihn besänftigen; scharf, sauer und salzig erzeugen das pitta, während süß, bitter und herb es besänftigen; süß, sauer und salzig erzeugen den śleṣman, während scharf, bitter und herb ihn besänftigen.
te tānabhivardhayanti, viparītaguṇā viparītaguṇabhūyiṣṭhā vā śamayantyabhyasyamānā iti| etadvyavasthāhetoḥ ṣaṭtvamupadiśyate rasānāṃ paraspareṇāsaṃsṛṣṭānāṃ, tritvaṃ ca doṣāṇām
Diese rasas verstärken jeweils den doṣa, mit dem sie in ihren Eigenschaften übereinstimmen; solche mit entgegengesetzten oder überwiegend entgegengesetzten Eigenschaften besänftigen ihn bei fortgesetztem Gebrauch. Aus diesem systematischen Grund werden sechs rasas gelehrt, sofern sie ungemischt sind, sowie drei doṣas.
saṃsargavikalpavistaro hyeṣāmaparisaṅkhyeyo bhavati, vikalpabhedāparisaṅkhyeyatvāt
Denn die Vielfalt ihrer Kombinationen und Abwandlungen ist unzählbar, da die Unterschiede dieser Abwandlungen unzählbar sind.
tatra khalvanekaraseṣu dravyeṣvanekadoṣātmakeṣu ca vikāreṣu rasadoṣaprabhāvamekaikaśyenābhisamīkṣya tato dravyavikārayoḥ prabhāvatattvaṃ vyavasyet
Bei Substanzen, die mehrere rasas enthalten, und bei Krankheitszuständen, die aus mehreren doṣas bestehen, soll man daher die Wirkkraft von rasa und doṣa jeweils einzeln betrachten und danach das wahre Wesen der Wirkkraft von Substanz und Krankheitszustand bestimmen.
na tvevaṃ khalu sarvatra| na hi vikṛtiviṣamasamavetānāṃ nānātmakānāṃ paraspareṇa copahatānāmanyaiśca vikalpanairvikalpitānāmavayavaprabhāvānumānenaiva samudāyaprabhāvatattvamadhyavasātuṃ śakyam
Doch dies gilt nicht überall in gleicher Weise. Denn bei Bestandteilen, die in ungleichmäßiger Umwandlung miteinander verbunden, von unterschiedlicher Natur, gegenseitig aufeinander einwirkend und durch andere Kombinationen weiter verändert sind, lässt sich das wahre Wesen der Gesamtwirkung nicht allein durch Rückschluss von der Wirkkraft der Einzelteile bestimmen.
tathāyukte hi samudaye samudāyaprabhāvatattvamevamevopalabhya tato dravyavikāraprabhāvatattvaṃ vyavasyet
Bei einem so beschaffenen Gefüge soll man vielmehr das wahre Wesen der Gesamtwirkung unmittelbar selbst erfassen und danach das wahre Wesen der Wirkkraft von Substanz und Krankheitszustand bestimmen.
tasmādrasaprabhāvataśca dravyaprabhāvataśca doṣaprabhāvataśca vikāraprabhāvataśca tattvamupadekṣyāmaḥ
Deshalb werden wir das wahre Wesen der Dinge sowohl von der Wirkkraft des rasa als auch der Substanz, des doṣa und des Krankheitszustands her lehren.
tatraiṣa rasaprabhāva upadiṣṭo bhavati| dravyaprabhāvaṃ punarupadekṣyāmaḥ| tailasarpirmadhūni vātapittaśleṣmapraśamanārthāni dravyāṇi bhavanti
Damit ist die Wirkkraft des rasa dargelegt. Nun werden wir die Wirkkraft der Substanz lehren. Öl (taila), Ghee (sarpis) und Honig (madhu) sind Substanzen, die zur Besänftigung von vāta, pitta und śleṣman dienen.
tatra tailaṃ snehauṣṇyagauravopapannatvādvātaṃ jayati satatamabhyasyamānaṃ; vāto hi raukṣyaśaityalāghavopapanno viruddhaguṇo bhavati, viruddhaguṇasannipāte hi bhūyasā'lpamavajīyate, tasmāttailaṃ vātaṃ jayati satatamabhyasyamānam| sarpiḥ khalvevameva pittaṃ jayati, mādhuryācchaityānmandatvācca; pittaṃ hyamadhuramuṣṇaṃ tīkṣṇaṃ ca; madhu ca śleṣmāṇaṃ jayati, raukṣyāttaikṣṇyāt kaṣāyatvācca; śleṣmā hi snigdho mando madhuraśca | yaccānyadapi kiñciddravyamevaṃ vātapittakaphebhyo guṇato viparītaṃ syāttaccaitāñjayatyabhyasyamānam
Öl bezwingt bei fortgesetztem Gebrauch den vāta, da es ölig (snigdha), warm (uṣṇa) und schwer (guru) ist; denn der vāta besitzt die entgegengesetzten Eigenschaften trocken, kalt und leicht – und treffen entgegengesetzte Eigenschaften aufeinander, wird das Geringere vom Überwiegenden bezwungen; deshalb bezwingt Öl bei fortgesetztem Gebrauch den vāta. Ghee bezwingt auf dieselbe Weise das pitta, wegen seiner Süße, Kühle und milden Wirkung, denn pitta ist nicht süß, dafür heiß und scharf. Und Honig bezwingt den śleṣman, wegen seiner Trockenheit, Schärfe und Herbheit, denn śleṣman ist ölig, mild und süß. Auch jede andere Substanz, die in ihren Eigenschaften auf diese Weise vāta, pitta und kapha entgegengesetzt ist, bezwingt sie bei fortgesetztem Gebrauch.
atha khalu trīṇi dravyāṇi nātyupayuñjītādhikamanyebhyo dravyebhyaḥ; tadyathā- pippalī, kṣāraḥ, lavaṇamiti
Nun sollte man drei Substanzen nicht übermäßig, mehr als andere Substanzen, verwenden, nämlich: langen Pfeffer (pippalī), Lauge (kṣāra) und Salz (lavaṇa).
pippalyo hi kaṭukāḥ satyo madhuravipākā gurvyonātyarthaṃ snigdhoṣṇāḥ prakledinyo bheṣajābhimatāścatāḥ sadyaḥ; śubhāśubhakāriṇyo bhavanti; āpātabhadrāḥ, prayogasamasādguṇyāt; doṣasañcayānubandhāḥ;- satatamupayujyamānā hi guruprakleditvācchleṣmāṇamutkleśayanti, auṣṇyāt pittaṃ, na ca vātapraśamanāyopakalpante'lpasnehoṣṇabhāvāt; yogavāhinyastu khalu bhavanti;tasmāt pippalīrnātyupayuñjīta
Denn die Pippalī-Früchte sind scharf im Geschmack, aber süß in der Nachwirkung (vipāka), schwer, nicht übermäßig ölig und warm, feuchtigkeitsfördernd, und werden sogleich als Heilmittel geschätzt; doch wirken sie sowohl heilsam als auch schädlich. Bei erstmaliger Anwendung erscheinen sie wohltuend, da ihre Wirkung dann ausgewogen ist, doch führen sie zur Anhäufung von doṣa: Bei fortgesetztem Gebrauch reizen sie wegen ihrer Schwere und feuchtigkeitsfördernden Wirkung den śleṣman auf und wegen ihrer Wärme das pitta, und zur Besänftigung des vāta taugen sie nicht, da ihr öliger und warmer Anteil zu gering ist. Sie sind jedoch gute Wirkstoffträger (yogavāhin), die die Wirkung anderer Mittel verstärken. Deshalb sollte man Pippalī nicht übermäßig verwenden.
kṣāraḥ punarauṣṇyataikṣṇayalāghavopapannaḥ kledayatyādau paścādviśoṣayati, sa pacanadahanabhedanārthamupayujyate; so'tiprayujyamānaḥ keśākṣihṛdayapuṃstvopaghātakaraḥ sampadyate| ye hyenaṃ grāmanagaranigamajanapadāḥ satatamupayuñjate ta āndhyaṣāṇḍhyakhālityapālityabhājo hṛdayāpakartinaśca bhavanti, tadyathā- prācyāścīnāśca; tasmāt kṣāraṃ nātyupayuñjīta
Lauge (kṣāra) wiederum ist mit Wärme, Schärfe und Leichtigkeit versehen; sie befeuchtet zunächst und trocknet danach aus; sie wird zum Verdauen, Verbrennen und Aufspalten von Gewebe verwendet. Bei übermäßigem Gebrauch schädigt sie Augen, Haar, Herz und Zeugungskraft. Diejenigen aus Dörfern, Städten, Handelsplätzen und Landschaften, die sie fortwährend gebrauchen, erblinden, werden unfruchtbar, kahlköpfig und ergrauen frühzeitig, und ihr Herz wird geschwächt – wie zum Beispiel die Bewohner des Ostens und die Chinesen. Deshalb sollte man Lauge nicht übermäßig verwenden.
lavaṇaṃ punarauṣṇyataikṣṇyopapannam, anatiguru, anatisnigdham, upakledi, visraṃsanasamartham, annadravyarucikaram, āpātabhadraṃ prayogasamasādguṇyāt, doṣasañcayānubandhaṃ, tadrocanapācanopakledanavisraṃsanārthamupayujyate| tadatyarthamupayujyamānaṃ glāniśaithilyadaurbalyābhinirvṛttikaraṃ śarīrasya bhavati| ye hyenadgrāmanagaranigamajanapadāḥ satatamupayuñjate, te bhūyiṣṭhaṃ glāsnavaḥ śithilamāṃsaśoṇitā aparikleśasahāśca bhavanti| tadyathā- bāhlīkasaurāṣṭrikasaindhavasauvīrakāḥ; te hi payasā'pi saha lavaṇamaśnanti| ye'pīha bhūmeratyūṣarā deśāsteṣvoṣadhivīrudvanaspativānaspatyā na jāyante'lpatejaso vā bhavanti, lavaṇopahatatvāt| tasmāllavaṇaṃ nātyupayuñjīta| ye hyatilavaṇasātmyāḥ puruṣāsteṣāmapi khālityapālityāni valayaścākāle bhavanti
Salz (lavaṇa) wiederum ist mit Wärme und Schärfe versehen, nicht übermäßig schwer, nicht übermäßig ölig, feuchtigkeitsfördernd, auflösend wirksam und geschmacksfördernd für Speisen. Bei erstmaliger Anwendung erscheint es wohltuend, da seine Wirkung ausgewogen ist, doch führt es zur Anhäufung von doṣa; es wird zur Geschmacksförderung, Verdauung, Befeuchtung und Auflösung verwendet. Bei übermäßigem Gebrauch bewirkt es Erschöpfung, Erschlaffung und Schwäche des Körpers. Diejenigen aus Dörfern, Städten, Handelsplätzen und Landschaften, die es fortwährend gebrauchen, sind meist erschöpft, haben schlaffes Fleisch und Blut und ertragen Strapazen nur schlecht – wie zum Beispiel die Bāhlīker, Saurāṣṭriker, Saindhaver und Sauvīraker, die Salz sogar zusammen mit Milch essen. Auch dort, wo der Boden übermäßig versalzen ist, wachsen Kräuter, Ranken, Sträucher und Bäume nicht oder besitzen nur geringe Kraft, weil sie durch das Salz geschädigt sind. Deshalb sollte man Salz nicht übermäßig verwenden. Denn auch bei Menschen, denen übermäßiger Salzgenuss zur Gewohnheit geworden ist, treten Kahlköpfigkeit, vorzeitiges Ergrauen und Falten schon vor der Zeit auf.
tasmātteṣāṃ tatsātmyataḥ krameṇāpagamanaṃ śreyaḥ| sātmyamapi hi krameṇopanivartyamānamadoṣamalpadoṣaṃ vā bhavati
Deshalb ist es für solche Menschen besser, sich schrittweise von dieser Gewohnheit zu lösen. Denn auch eine schädliche Gewohnheit (sātmya) verursacht, wenn sie schrittweise aufgegeben wird, keinen oder nur geringen Schaden.
sātmyaṃ nāma tad yadātmanyupaśete; sātmyārtho hyupaśayārthaḥ| tattrividhaṃ pravarāvaramadhyavibhāgena; saptavidhaṃ tu rasaikaikatvena sarvarasopayogācca| tatra sarvarasaṃ pravaram, avaramekarasaṃ, madhyaṃ tu pravarāvaramadhyastham| tatrāvaramadhyābhyāṃ sātmyābhyāṃ krameṇaiva pravaramupapādayet sātmyam| sarvarasamapi ca sātmyamupapannaḥ prakṛtyādyupayoktraṣṭamāni sarvāṇyāhāravidhiviśeṣāyatanānyabhisamīkṣya hitamevānurudhyeta
Sātmya (Bekömmlichkeit, Gewöhnung) nennt man das, was dem eigenen Selbst zuträglich ist; der Sinn von sātmya ist derselbe wie der von upaśaya (Zuträglichkeit). Es ist dreifach eingeteilt, in gering, mittel und vorzüglich; siebenfach jedoch nach der einzelnen Betrachtung jedes rasa sowie nach dem gemeinsamen Gebrauch aller rasas. Dabei ist die Verträglichkeit aller rasas zusammen die vorzüglichste, ein einzelner rasa die geringste, und dazwischen liegt die mittlere. Ausgehend von der geringen und der mittleren Gewöhnung soll man schrittweise zur vorzüglichsten gelangen. Und wer die Verträglichkeit für alle rasas erlangt hat, sollte, unter Berücksichtigung der Konstitution des Essenden sowie aller acht Grundlagen der Nahrungsregeln, stets dem Zuträglichen folgen.
tatra khalvimānyaṣṭāvāhāravidhiviśeṣāyatanāni bhavanti; tadyathā- prakṛtikaraṇasaṃyogarāśideśakālopayogasaṃsthopayoktraṣṭamāni (bhavanti)
Dies nun sind die acht Grundlagen der besonderen Nahrungsregeln: Naturbeschaffenheit (prakṛti), Zubereitung (karaṇa), Kombination (saṃyoga), Menge (rāśi), Ort (deśa), Zeit (kāla), Regel des Verzehrs (upayogasaṃsthā) und, als achtes, der Essende selbst (upayoktṛ).
tatra prakṛtirucyate svabhāvo yaḥ, sa punarāhārauṣadhadravyāṇāṃ svābhāviko gurvādiguṇayogaḥ; tadyathā māṣamudgayoḥ, śūkaraiṇayośca (1) karaṇaṃ punaḥ svābhāvikānāṃ dravyāṇāmabhisaṃskāraḥ| saṃskāro hi guṇāntarādhānamucyate| te guṇāstoyāgnisannikarṣaśaucamanthanadeśakālavāsanabhāvanādibhiḥ kālaprakarṣabhājanādibhiścādhīyante (2) saṃyogaḥ punardvayorbahūnāṃ vā dravyāṇāṃ saṃhatībhāvaḥ, sa viśeṣamārabhate, yaṃ punarnaikaikaśo dravyāṇyārabhante; tadyathā- madhusarpiṣoḥ, madhumatsyapayasāṃ ca saṃyogaḥ (3) rāśistu sarvagrahaparigrahau mātrāmātraphalaviniścayārthaḥ| tatra sarvasyāhārasya pramāṇagrahaṇamekapiṇḍena sarvagrahaḥ, parigrahaḥ punaḥ pramāṇagrahaṇamekaikaśyenāhāradravyāṇām| sarvasya hi grahaḥ sarvagrahaḥ, sarvataśca grahaḥ parigraha ucyate (4) deśaḥ punaḥ sthānaṃ; sa dravyāṇāmutpattipracārau deśasātmyaṃ cācaṣṭe (5) kālo hi nityagaścāvasthikaśca; tatrāvasthiko vikāramapekṣate, nityagastu ṛtusātmyāpekṣaḥ (6) upayogasaṃsthā tūpayoganiyamaḥ; sa jīrṇalakṣaṇāpekṣaḥ (7) upayoktā punaryastamāhāramupayuṅkte, yadāyattamokasātmyam| ityaṣṭāvāhāravidhiviśeṣāyatanāni vyākhyātāni bhavanti
Dabei wird unter prakṛti die Eigennatur verstanden; sie ist die naturgegebene Verbindung von Eigenschaften wie Schwere u. a. bei Nahrungsmitteln und Arzneisubstanzen, wie zum Beispiel bei māṣa (Urdbohne) und mudga (Mungbohne) oder bei Schweinefleisch und Antilopenfleisch (1). Karaṇa (Zubereitung) wiederum ist die Bearbeitung der naturgegebenen Substanzen; denn unter saṃskāra (Verarbeitung) versteht man das Hinzufügen einer weiteren Eigenschaft. Diese Eigenschaften werden hinzugefügt durch Berührung mit Wasser oder Feuer, Reinigung, Verrühren, Ort, Zeit, Durchtränkung, Imprägnierung und dergleichen sowie durch Reifungsdauer, Gefäße und Ähnliches (2). Saṃyoga (Kombination) wiederum ist die Verbindung von zwei oder mehreren Substanzen; sie bewirkt eine besondere Eigenschaft, die die Substanzen einzeln nicht hervorbringen – wie zum Beispiel die Verbindung von Honig und Ghee oder von Honig, Fisch und Milch (3). Rāśi (Menge) betrifft die Gesamtmenge und die Einzelmengen, zur Bestimmung des rechten Maßes und dessen Wirkung: Die Erfassung der gesamten Speise als eine einzige Masse ist die Gesamtmenge (sarvagraha), die Erfassung des Maßes jeder einzelnen Nahrungssubstanz für sich ist die Einzelmenge (parigraha); denn 'Erfassung von allem zugleich' heißt Gesamtmenge, und 'Erfassung von jeder einzelnen Seite her' wird Einzelmenge genannt (4). Deśa (Ort) wiederum ist der Standort; er bestimmt Herkunft und Verbreitung der Substanzen sowie deren Ortsverträglichkeit (5). Kāla (Zeit) ist entweder dauerhaft, wie die Jahreszeiten, oder situationsbezogen; die situationsbezogene Zeit richtet sich nach dem jeweiligen Zustand, die dauerhafte nach der Verträglichkeit der Jahreszeit (6). Upayogasaṃsthā, die Ordnung des Verzehrs, ist die Regel des Essens; sie richtet sich nach den Anzeichen der Verdauung der vorangegangenen Mahlzeit (7). Upayoktṛ, der Essende, schließlich ist derjenige, der die Nahrung zu sich nimmt, wobei es auf dessen persönliche Gewohnheit (sātmya) ankommt. Damit sind die acht Grundlagen der besonderen Nahrungsregeln erklärt.
eṣāṃ viśeṣāḥ śubhāśubhaphalāḥ parasparopakārakā bhavanti; tān bubhutseta, buddhvā ca hitepsureva syāt; naca mohāt pramādādvā priyamahitamasukhodarkamupasevyamāhārajātamanyadvā kiñcit
Die besonderen Ausprägungen dieser acht Faktoren bringen heilsame oder schädliche Folgen und beeinflussen sich gegenseitig; man sollte sie zu erkennen suchen und, nachdem man sie erkannt hat, stets das Zuträgliche anstreben – und nicht aus Verblendung oder Unachtsamkeit etwas Angenehmes, aber Schädliches, dessen Folgen kein Wohlbefinden bringen, sei es an Nahrung oder sonst irgendetwas, zu sich nehmen.
tatredamāhāravidhividhānamarogāṇāmāturāṇāṃ cāpi keṣāñcit kāle prakṛtyaiva hitatamaṃ bhuñjānānāṃ bhavati- uṣṇaṃ, snigdhaṃ, mātrāvat, jīrṇe vīryāviruddham, iṣṭe deśe, iṣṭasarvopakaraṇaṃ, nātidrutaṃ, nātivilambitam, ajalpan, ahasan, tanmanā bhuñjīta, ātmānamabhisamīkṣya samyak
Hier nun ist diese Regel für den Nahrungsverzehr, die für Gesunde und für manche Kranke, sofern sie zur rechten Zeit essen, von Natur aus höchst zuträglich ist: Man esse warm, ölig, in angemessener Menge, erst wenn die vorige Mahlzeit verdaut ist, in der Wirkkraft nicht widersprüchlich zusammengesetzt, an einem angenehmen Ort, mit allem angenehmen Zubehör versehen, nicht zu schnell, nicht zu langsam, ohne zu reden, ohne zu lachen, mit auf die Speise gerichteter Aufmerksamkeit, und indem man sich selbst gebührend betrachtet.
tasya sādguṇyamupadekṣyāmaḥ- uṣṇamaśnīyāt; uṣṇaṃ hi bhujyamānaṃ svadate, bhuktaṃ cāgnimaudaryamudīrayati, kṣipraṃ jarāṃ gacchati, vātamanulomayati, śleṣmāṇaṃ ca parihrāsasayati; tasmāduṣṇamaśnīyāt (1) snigdhamaśnīyāt; snigdhaṃ hi bhujyamānaṃ svadate, bhuktaṃ cānudīrṇamagnimudīrayati, kṣipraṃ jarāṃ gacchati, vātamanulomayati, śarīramupacinoti, dṛḍhīkarotīndriyāṇi, balābhivṛddhimupajanayati, varṇaprasādaṃ cābhinirvartayati; tasmāt snigdhamaśnīyāt (2) mātrāvadaśnīyāt; mātrāvaddhi bhuktaṃ vātapittakaphānapīḍayadāyureva vivardhayati kevalaṃ, sukhaṃ gudamanuparyeti, na coṣmāṇamupahanti, avyathaṃ ca paripākameti; tasmānmātrāvadaśnīyāt (3) jīrṇe'śnīyāt; ajīrṇe hi bhuñjānasyābhyavahṛtamāhārajātaṃ pūrvasyāhārasya rasamapariṇatamuttareṇāhārarasenopasṛjat sarvān doṣān prakopayatyāśu, jīrṇe tu bhuñjānasya svasthānastheṣu doṣeṣvagnau codīrṇe jātāyāṃ ca bubhukṣāyāṃ vivṛteṣu ca srotasāṃ mukheṣu viśuddhe codgāre hṛdaye viśuddhe vātānulomye visṛṣṭeṣu ca vātamūtrapurīṣavegeṣvabhyavahṛtamāhārajātaṃ sarvaśarīradhātūnapradūṣayadāyurevābhivardhayati kevalaṃ; tasmājjīrṇe'śnīyāt (4) vīryāviruddhamaśnīyāt; aviruddhavīryamaśnan hi viruddhavīryāhārajairvikārairnopasṛjyate; tasmādvīryāviruddhamaśnīyāt (5) iṣṭe deśe iṣṭasarvopakaraṇaṃ cāśnīyāt; iṣṭe hi deśe bhuñjāno nāniṣṭadeśajairmanovighātakarairbhāvairmanovighātaṃ prāpnoti, tathaiveṣṭaiḥ sarvopakaraṇaiḥ; tasmādiṣṭe deśe tatheṣṭasarvopakaraṇaṃ cāśnīyāt (6) nātidrutamaśnīyāt; atidrutaṃ hi bhuñjānasyotsnehanamavasādanaṃ bhojanasyāpratiṣṭhānaṃ ca, bhojyadoṣasādgaṇyopalabdhiśca na niyatā; tasmānnātidrutamaśnīyāt (7) nātivilambitamaśnīyāt; ativilambitaṃ hi bhuñjāno na tṛptimadhigacchati, bahu bhuṅkte, śītībhavatyāhārajātaṃ, viṣamaṃ ca pacyate; tasmānnātivilambitamaśnīyāt (8) ajalpannahasan tanmanā bhuñjīta; jalpato hasato'nyamanaso vā bhuñjānasya ta eva hi doṣā bhavanti, ya evātidrutamaśnataḥ; tasmādajalpannahasaṃstanmanā bhuñjīta (9) ātmānamabhisamīkṣya bhuñjīta samyak; idaṃ mamopaśete idaṃ nopaśeta ityevaṃ viditaṃ hyasyātmana ātmasātmyaṃ bhavati; tasmādātmānamabhisamīkṣya bhuñjīta samyagiti
Wir wollen nun die guten Eigenschaften dieser Regeln erklären. Man esse warm; denn warme Speise schmeckt beim Essen gut, regt nach dem Verzehr das Verdauungsfeuer (agni) im Bauch an, wird rasch verdaut, bringt den vāta in seine natürliche Richtung und vermindert den śleṣman; deshalb esse man warm (1). Man esse ölig; denn ölige Speise schmeckt beim Essen gut, regt nach dem Verzehr das noch nicht übermäßig erregte Verdauungsfeuer an, wird rasch verdaut, bringt den vāta in seine natürliche Richtung, baut den Körper auf, festigt die Sinnesorgane, lässt die Kraft anwachsen und bewirkt einen klaren Teint; deshalb esse man ölig (2). Man esse in angemessener Menge; denn was in angemessener Menge gegessen wird, mehrt, ohne vāta, pitta und kapha zu bedrängen, allein die Lebenskraft, geht wohlig durch den After hindurch, schädigt nicht die Verdauungswärme und gelangt schmerzlos zur vollständigen Verdauung; deshalb esse man in angemessener Menge (3). Man esse erst, wenn die vorige Mahlzeit verdaut ist; denn isst man, bevor sie verdaut ist, vermischt sich die neu aufgenommene Speise mit dem noch unverwandelten Speisesaft (rasa) der vorherigen Mahlzeit und bringt rasch alle doṣas in Erregung. Ist die vorige Mahlzeit hingegen verdaut, die doṣas an ihrem angestammten Ort, das Verdauungsfeuer angeregt, Hunger eingetreten, die Mündungen der srotas (Körperkanäle) geöffnet, das Aufstoßen rein, das Herz frei, der vāta in geregelter Richtung und die Dränge nach Wind, Harn und Stuhl entleert, so mehrt die dann aufgenommene Speise, ohne die Gewebe (dhātu) des ganzen Körpers zu verderben, allein die Lebenskraft; deshalb esse man erst, wenn die vorige Mahlzeit verdaut ist (4). Man esse Speisen, deren Wirkkraft (vīrya) nicht widersprüchlich zueinander ist; denn wer Speisen mit widerspruchsfreier Wirkkraft isst, wird nicht von den Krankheiten befallen, die aus Speisen mit widersprüchlicher Wirkkraft entstehen; deshalb esse man Speisen, deren Wirkkraft nicht widersprüchlich ist (5). Man esse an einem angenehmen Ort und mit allem angenehmen Zubehör; denn wer an einem angenehmen Ort isst, erfährt keine Beeinträchtigung des Gemüts durch unangenehme, geistestrübende Umstände eines unangenehmen Ortes, ebenso ist es mit angenehmem Zubehör; deshalb esse man an einem angenehmen Ort und mit allem angenehmen Zubehör (6). Man esse nicht zu schnell; denn wer zu schnell isst, dem droht Verschlucken oder Erschöpfung, die Speise findet keinen festen Platz im Magen, und die Wahrnehmung von Fehlern oder guten Eigenschaften der Speise ist nicht zuverlässig; deshalb esse man nicht zu schnell (7). Man esse nicht zu langsam; denn wer zu langsam isst, erreicht kein Sättigungsgefühl, isst zu viel, die Speise wird kalt und ungleichmäßig verdaut; deshalb esse man nicht zu langsam (8). Man esse, ohne zu reden, ohne zu lachen, mit ganz auf die Speise gerichteter Aufmerksamkeit; denn wer redend, lachend oder mit abgelenktem Geist isst, bei dem treten dieselben Fehler auf wie bei dem, der zu schnell isst; deshalb esse man, ohne zu reden, ohne zu lachen, mit ganz auf die Speise gerichteter Aufmerksamkeit (9). Man esse, indem man sich selbst richtig betrachtet; denn nur wenn man erkennt 'Dies bekommt mir, jenes bekommt mir nicht', kennt man die eigene Verträglichkeit; deshalb esse man, indem man sich selbst richtig betrachtet.
rasān dravyāṇi doṣāṃśca vikārāṃśca prabhāvataḥ| veda yo deśakālau ca śarīraṃ ca sa[1] no bhiṣak
Wer rasas, Substanzen, doṣas und Krankheitszustände hinsichtlich ihrer Wirkkraft kennt, sowie Ort, Zeit und den Körper – der ist für uns ein wahrer Arzt.
vimānārtho rasadravyadoṣarogāḥ prabhāvataḥ| dravyāṇi nātisevyāni trividhaṃ sātmyameva ca
Der Sinn des Vimāna-Kapitels ist die Kenntnis von rasa, Substanz, doṣa und Krankheiten hinsichtlich ihrer Wirkkraft, von den Substanzen, die man nicht übermäßig gebrauchen soll, sowie von der dreifachen Einteilung der Verträglichkeit (sātmya).
āhārāyatanānyaṣṭau bhojyasādguṇyameva ca| vimāne rasasaṅkhyāte sarvametat prakāśitam
Die acht Grundlagen der Nahrung sowie die guten Eigenschaften des Essens – all dies wurde in diesem Vimāna-Kapitel, das dem rasa gewidmet ist, dargelegt.