athātastrividhakukṣīyaṃ vimānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die dreifache Einteilung des Bauches (Trividhakukṣīya Vimāna) erklären.
Caraka-Saṃhitā · Vimanasthana
Das zweite Kapitel des Vimānasthāna knüpft an die vorangegangene Geschmackslehre an und wendet sich der rechten Nahrungsmenge sowie der Physiologie der Verdauung zu, wie schon der Titel "Trividhakukṣīya" – die dreifache Einteilung des Bauchraums – andeutet. Ausführlich beschrieben werden die Folgen falscher Nahrungsmenge, sei sie zu gering oder zu reichlich, sowie die daraus entstehende Verderbnis des unverdauten Speisebreis (Āma), die sich in zwei ernsten Krankheitsbildern äußert: der choleraartigen Visūcikā und dem mit Darmverschluss einhergehenden Alasaka, dessen starre Sonderform Daṇḍālasaka als lebensbedrohlich und kaum heilbar gilt. Anatomisch-physiologisch bemerkenswert ist die Verortung des Āmāśaya, des Magens als Ort der ersten Verdauungsstufe, zwischen Nabel und Brust, von wo aus die verdaute Nahrung über die Dhamanī-Gefäße in den ganzen Körper gelangt. Botanische Einzelsubstanzen treten hinter dieser physiologischen Systematik der Verdauungsvorgänge und ihrer Störungen zurück.
athātastrividhakukṣīyaṃ vimānaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die dreifache Einteilung des Bauches (Trividhakukṣīya Vimāna) erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya.
etāvatīṃ hyāhāramātrāmupayuñjāno nāmātrāhārajaṃ kiñcidaśubhaṃ prāpnoti
Wer nämlich genau diese [rechte] Nahrungsmenge (āhāramātrā) zu sich nimmt, erleidet nichts Übles, das aus falscher Nahrungsmenge entsteht.
na ca kevalaṃ mātrāvattvādevāhārasya kṛtsnamāhāraphalasauṣṭhavamavāptuṃ śakyaṃ, prakṛtyādīnāmaṣṭānāmāhāravidhiviśeṣāyatanānāṃ pravibhaktaphalatvāt
Doch allein dadurch, dass die Nahrung in der rechten Menge eingenommen wird, lässt sich nicht die volle Güte der Nahrungswirkung erreichen, denn die acht besonderen Grundlagen der Nahrungsregeln – Beschaffenheit (prakṛti) der Speise und die übrigen sieben – bringen je eigene, unterschiedliche Wirkungen hervor.
tatrāyaṃ tāvadāhārarāśimadhikṛtya mātrāmātrāphalaviniścayārthaḥ prakṛtaḥ| etāvāneva hyāhārarāśividhivikalpo yāvanmātrāvattvamamātrāvattvaṃ ca
Hier nun wird zunächst, mit Bezug auf die Nahrungsmenge (āhārarāśi), die Bestimmung der Wirkung von rechter und falscher Menge behandelt. Denn die gesamte Unterscheidung hinsichtlich der Nahrungsmenge reicht genau so weit, wie es rechte Menge (mātrāvattva) und falsche Menge (amātrāvattva) gibt.
tatra mātrāvattvaṃ pūrvamuddiṣṭaṃ kukṣyaṃśavibhāgena, tadbhūyo vistareṇānuvyākhyāsyāmaḥ| iti mātrāvato lakṣaṇamāhārasya bhavati
Die rechte Menge wurde zuvor durch die Einteilung der Bauchanteile (kukṣi) dargelegt; wir werden sie nun noch ausführlicher erklären. So beschaffen ist das Kennzeichen der Nahrung, die in rechter Menge eingenommen wird.
amātrāvattvaṃ punardvividhamācakṣate- hīnam, adhikaṃ ca| atimātraṃ punaḥ sarvadoṣaprakopaṇamicchanti kuśalāḥ| te prakupitāstamevāhārarāśimapariṇatamāviśya kukṣyekadeśamannāśritā viṣṭambhayantaḥ sahasā vā'pyuttarādharābhyāṃ mārgābhyāṃ pracyāvayantaḥ pṛthak pṛthagimān vikārānabhinirvartayantyatimātrabhoktuḥ| śleṣmā tu chardyarocakāvipākaśītajvarālasyagātragauravāṇi
Die falsche Menge wiederum wird als zweifach bezeichnet: zu wenig (hīna) und zu viel (adhika). Von der übermäßigen Menge (atimātra) nehmen die Kundigen an, dass sie sämtliche doṣas (die drei Körperprinzipien vāta, pitta und kapha) erregt. Diese, erregt, dringen eben in jene unverdaute Nahrungsmenge ein, setzen sich, auf die Speise gestützt, in einem Teil des Bauches fest und verstopfen ihn, oder sie stoßen die Nahrung plötzlich aus den oberen und unteren Bahnen hinaus – und bringen so, jede für sich, bei dem, der über die Maßen isst, folgende Störungen hervor: Kapha (der Schleim-doṣa) verursacht Erbrechen, Appetitlosigkeit, Unverdaulichkeit, Kältegefühl, Fieber, Trägheit und Schwere der Glieder.
tadapyāmameva pradūṣayati
Auch dies verdirbt eben das āma (den unverdauten, schädlichen Speisebrei) weiter.
mātrayā'pyabhyavahṛtaṃ pathyaṃ cānnaṃ na jīryati| cintāśokabhayakrodhaduḥkhaśayyāprajāgaraiḥ
Selbst in rechter Menge eingenommene und bekömmliche Speise wird nicht verdaut, wenn Sorge, Kummer, Furcht, Zorn, Schmerz, falsches Liegen und Schlaflosigkeit hinzukommen.
taṃ dvividhamāmapradoṣamācakṣate bhiṣajaḥ- visūcikām, alasakaṃ ca
Diese Verderbnis des āma (āmapradoṣa) bezeichnen die Ärzte als zweifach: Visūcikā (eine cholera-artige Störung) und Alasaka (eine mit Darmverschluss einhergehende Störung).
tatra visūcikāmūrdhvaṃ cādhaśca pravṛttāmadoṣāṃ yathoktarūpāṃ vidyāt
Dabei erkenne man die Visūcikā, die sich nach oben wie nach unten hin äußert, in ihrer Gestalt entsprechend dem doṣa, wie es zuvor beschrieben wurde.
tatastaṃ daṇḍālasakamasādhyaṃ bruvate| viṣasadṛśaliṅgatvāt; tat paramasādhyam, āśukāritvādviruddhopakramatvācceti
Ferner nennt man das Daṇḍālasaka (die 'stabartige', starre Form des Alasaka) unheilbar, weil seine Zeichen denen einer Vergiftung gleichen; es ist überaus schwer zu heilen, da es rasch verläuft und einander widersprechende Behandlungen erfordert.
tatra sādhyamāmaṃ praduṣṭamalasībhūtamullekhayedādau pāyayitvā salavaṇamuṣṇaṃ vāri, visūcikāyāṃ svedanavartipraṇidhānābhyāmupācaredupavāsayeccainam| tataḥ laṅghanamevāgre viriktavaccānupūrvī| pāyayeddoṣaśeṣapācanārthamauṣadhamagnisandhukṣaṇārthaṃ hyagnirnayugapaddoṣamauṣadhamāhārajātaṃ ca paktum| śaktaḥ api punarvikārāṇāmapatarpaṇenaivoparamo sahasaivāturamabalamatipātayet| āmapradoṣajānāṃ cāmapradoṣāhārauṣadhavibhramo'tibalatvāduparatakāyāgniṃ bhavati, sati tvanubandhe kṛtāpatarpaṇānāṃ vyādhīnāṃ nigrahe nimittaviparītamapāsyauṣadhamātaṅkaviparītamevāvacārayedyathāsvam|sarvavikārāṇāmapi ca nigrahe vā| kuśalāḥ, tadarthakāri hetuvyādhiviparītamauṣadhamicchanti vimuktāmapradoṣasya punaḥ paripakvadoṣasya dīpte cāgnāvabhyaṅgāsthāpanānuvāsanaṃ vidhivat snehapānaṃ ca yuktyā prayojyaṃ prasamīkṣya doṣabheṣajadeśakālabalaśarīrāhāra sātmyasattvaprakṛtivayasāmavasthāntarāṇa vikārāṃśca samyagiti
Dabei soll man bei heilbarem, verdorbenem, zu Alasaka gewordenem āma zunächst salziges, warmes Wasser zu trinken geben und Erbrechen herbeiführen; bei Visūcikā behandle man mit Schwitzen (svedana) und dem Anlegen wirkstoffgetränkter Dochte und lasse den Kranken fasten. Danach wende man zuerst Abmagerung/Erleichterung (laṅghana) an, und in der Folge die übliche Ordnung wie nach einer Abführung (virecana). Man gebe ein Heilmittel zu trinken, um die verbliebenen doṣas zu verdauen (pācana) und um das agni (Verdauungsfeuer) neu zu entfachen; denn das agni vermag nicht zugleich den doṣa, das Heilmittel und die aufgenommene Nahrung zu verdauen. Selbst wenn es dazu fähig wäre, könnte ein Übermaß an Entziehung (apatarpaṇa), das allein die Störungen zum Stillstand bringen soll, den bereits geschwächten Kranken plötzlich zu Fall bringen. Bei den aus āmapradoṣa entstandenen Krankheiten führt eine falsche Anwendung von Nahrung und Heilmittel gegen āmapradoṣa, eben weil sie zu stark wirkt, dazu, dass das Körperfeuer erlischt; besteht jedoch ein Nachfolgezustand, so wende man, um bei denen, die bereits eine Entziehungstherapie erhalten haben, die Krankheit zu bezwingen, nicht das der Ursache entgegenwirkende Heilmittel an, sondern lasse dieses beiseite und wende stattdessen, je nach Fall, ein der Krankheit selbst entgegenwirkendes Mittel an – oder, um sämtliche Störungen zugleich zu bezwingen, [ein umfassendes]. Die Kundigen bevorzugen ein diesem Zweck dienendes Heilmittel, das der Ursache wie der Krankheit entgegenwirkt. Ist dagegen die āma-Verderbnis behoben, der doṣa völlig ausgereift und das agni wieder entflammt, so sollen Ölmassage (abhyaṅga), stärkende Klistiere (āsthāpana-basti) und ölige Nachklistiere (anuvāsana-basti) sowie vorschriftsmäßiges Öl-Trinken (snehapāna) mit Bedacht angewandt werden – nachdem man doṣa, Heilmittel, Ort, Zeit, Kraft, Körper, Nahrung, Gewöhnung (sātmya), Gemütsart (sattva), Konstitution (prakṛti) und Lebensalter, die jeweiligen Zustände sowie die Störungen sorgfältig geprüft hat.
āhāravidhyāyatanāni cāṣṭau samyak parīkṣyātmahitaṃ vidadhyāt| anyaśca yaḥ kaścidihāsti mārgo hitopayogeṣu bhajeta taṃ ca
Und nachdem man die acht Grundlagen der Nahrungsregeln sorgfältig geprüft hat, richte man das für sich selbst Zuträgliche ein. Und welcher andere Weg auch immer es hier bei der zuträglichen Anwendung [der Nahrung] geben mag, dem folge man ebenfalls.
aśitaṃ khāditaṃ pītaṃ līḍhaṃ ca kva vipacyate| etattvāṃ dhīra! pṛcchāmastanna ācakṣva buddhiman
„Wo wird das Gegessene, Gekaute, Getrunkene und Geleckte verdaut? Das fragen wir dich, o Beherrschter! Erkläre es uns, du Kluger!“
ityagniveśapramukhaiḥ śiṣyaiḥ pṛṣṭaḥ punarvasuḥ| ācacakṣe tatastebhyo yatrāhāro vipacyate
So von den Schülern, allen voran Agniveśa, gefragt, erklärte Punarvasu ihnen daraufhin, wo die Nahrung verdaut wird.
nābhistanāntaraṃ jantorāmāśaya iti smṛtaḥ| aśitaṃ khāditaṃ pītaṃ līḍhaṃ cātra vipacyate
Der Bereich zwischen Nabel und Brust wird beim Lebewesen als āmāśaya (der 'Sitz des Unverdauten', der Magen) bezeichnet. Dort wird das Gegessene, Gekaute, Getrunkene und Geleckte verdaut.
āmāśayagataḥ pākamāhāraḥ prāpya kevalam| pakvaḥ sarvāśayaṃ paścāddhamanībhiḥ prapadyate
Die im āmāśaya befindliche Nahrung, die dort allein die erste Verdauung erfährt, gelangt, sobald sie verdaut ist, danach durch die dhamanīs (die Gefäße) in den ganzen Körper.
tasya mātrāvato liṅgaṃ phalaṃ coktaṃ yathāyatham| amātrasya tathā liṅgaṃ phalaṃ coktaṃ vibhāgaśaḥ
Von dieser [Nahrung] wurden, wenn sie in rechter Menge eingenommen wird, Zeichen und Wirkung der Reihe nach dargelegt; ebenso wurden, wenn sie nicht in rechter Menge eingenommen wird, Zeichen und Wirkung im Einzelnen dargelegt.