Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Vimanasthana

Adhyāya 6: Roganika Vimana Vom Heer der Krankheiten

Das sechste Kapitel des Vimānasthāna, „Rogānīka“ – wörtlich das „Heer der Krankheiten“ –, entwirft eine systematische Klassifikation aller Leiden nach Heilbarkeit, Schwere, Sitz, Ursache und Ursprungsort. Im Zentrum steht die Lehre von den doṣas: Neben den drei körperlichen Doṣas vāta, pitta und kapha führt der Text rajas und tamas als „geistige Doṣas“ ein, deren Ungleichgewicht sich in Begierde, Zorn oder Kummer äußert. Besonders einflussreich ist die Darlegung der vier Konstitutionstypen samt der zugehörigen Verdauungsfeuer-Typologie (agni) und der jeweils passenden diätetischen Empfehlungen – ein Grundpfeiler der bis heute praktizierten ayurvedischen Konstitutionslehre (prakṛti). Philologisch aufschlussreich ist zudem die sprachkritische Reflexion über die mehrdeutige Verwendung des Wortes „roga“ für Doṣa wie für Krankheitszustand. Botanisch bleibt das Kapitel allgemein: Statt konkreter Substanzen dominieren Verhaltens- und Klimafaktoren, etwa Kühlung durch Lotusblüten und Sandelholz beim pitta-Typ.

DIE VIER VERDAUUNGSFEUER-TYPEN (AGNI) UND KONSTITUTIONEN (Vers 12–18)
Agni-TypZugehörige KonstitutionMerkmalHeilsames Verhalten
sama (ausgeglichen)vāta, pitta und kapha im Gleichgewicht (prakṛtistha)gerät nur bei Verstoß gegen die Ernährungsregeln aus dem Gleichgewichtin jeder Hinsicht ausgewogenes Verhalten
viṣama (ungleichmäßig)vāta-dominiert (vātala)unberechenbarÖlung (sneha) und Schwitzen (sveda); milde, ölig-warme, süß-sauer-salzige Reinigungsmittel; Massage; Wein; Klistiere (basti); ruhiges Leben
tīkṣṇa (scharf)pitta-dominiert (pittala)erträgt jeden Verstoß gegen die ErnährungGhee trinken und damit einölen; Abführen; süß-bitter-herb-kühlende Mittel; kühlende Düfte, Sandelholz, Lotoswasser, angenehme kühle Umgebung
manda (schwach)kapha-dominiert (śleṣmala)dem tīkṣṇa entgegengesetztscharfe, heiße Reinigungsmittel; trockene, scharf-bitter-herbe Speisen; Bewegung, Laufen, Schwimmen, Fasten, Ringkampf; Räuchern; warme Kleidung
Die vier Typen gelten nur solange, bis der agni wieder ausgeglichen ist; danach ist erneut ausgewogenes Verhalten angezeigt (Vers 14).

athāto rogānīkaṃ vimānaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun also werden wir das Kapitel (vimāna) über das Heer der Krankheiten (rogānīka) erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

dve rogānīke bhavataḥ prabhāvabhedena- sādhyam, asādhyaṃ ca; dve rogānīke balabhedena- mṛdu, dāruṇaṃ ca; dve rogānīke adhiṣṭhānabhedena- mano'dhiṣṭhānaṃ, śarīrādhiṣṭhānaṃ ca; dve rogānīke nimittabhedena- svadhātuvaiṣamyanimittam, āgantunimittaṃ ca; dve rogānīke āśayabhedena- āmāśayasamutthaṃ, pakvāśayasamutthaṃ ceti| evametat prabhāvabalādhiṣṭhānanimittāśayabhedāddvaidhaṃ sadbhedaprakṛtyantareṇa bhidyamānamathavā'pi sandhīyamānaṃ syādekatvaṃ bahutvaṃ vā| ekatvaṃ tāvadekameva rogānīkaṃ, duḥkhasāmānyāt; bahutvaṃ tu daśa rogānīkāni prabhāvabhedādinā bhavanti; bahutvamapi saṅkhyeyaṃ syādasaṅkhyeyaṃ vā| tatra saṅkhyeyaṃ tāvadyathoktamaṣṭodarīye, aparisaṅkhyeyaṃ punaryathā- mahārogādhyāye rugvarṇasamutthānādīnāmasaṅkhyeyatvāt

Es gibt zwei Arten von Krankheitsheeren, unterschieden nach ihrer Wirkkraft (prabhāva): heilbare (sādhya) und unheilbare (asādhya); zwei Arten, unterschieden nach ihrer Stärke (bala): milde (mṛdu) und schwere (dāruṇa); zwei Arten, unterschieden nach ihrem Sitz (adhiṣṭhāna): im Geist (manas) beheimatete und im Körper (śarīra) beheimatete; zwei Arten, unterschieden nach ihrer Ursache (nimitta): solche, die durch ein Ungleichgewicht der eigenen dhātus entstehen, und solche, die durch zufällige äußere Einwirkung (āgantu) entstehen; zwei Arten, unterschieden nach ihrem Ursprungsort (āśaya): solche, die im āmāśaya (dem Ort des Unverdauten) entstehen, und solche, die im pakvāśaya (dem Ort des Verdauten) entstehen. So kann dieses Zweifache – nach Wirkkraft, Stärke, Sitz, Ursache und Ursprungsort unterschieden – durch eine andersartige Einteilung entweder weiter aufgeteilt oder auch wieder zusammengefasst werden, sodass Einheit oder Vielheit entsteht. Einheit besteht darin, dass es nur ein einziges Krankheitsheer gibt, weil das Leiden (duḥkha) allen gemeinsam ist; Vielheit aber besteht darin, dass es aufgrund der genannten Unterscheidungen zehn Krankheitsheere gibt. Auch diese Vielheit kann zählbar oder unzählbar sein. Zählbar ist sie, wie im Kapitel Aṣṭodarīya dargelegt; unzählbar hingegen, wie im Kapitel über die großen Krankheiten (Mahārogādhyāya), weil dort die Krankheitszeichen, Ursprünge und dergleichen unzählbar sind.

na ca saṅkhyeyāgreṣu bhedaprakṛtyantarīyeṣu vigītirityato doṣavatī syādatra kācit pratijñā, na cāvigītirityataḥ syādadoṣavatī| bhettā hi bhedyamanyathābhinatti, anyathā purastādbhinnaṃ bhedaprakṛtyantareṇa bhindan bhedasaṅkhyāviśeṣamāpādayatyanekadhā, na ca pūrvaṃ bhedāgramupahanti| samānāyāmapi khalu bhedaprakṛtau prakṛtānuprayogāntaramapekṣyam[1] |santi hyarthāntarāṇi samānaśabdābhihitāni, santi cānarthāntarāṇi paryāyaśabdābhihitāni| samāno hi rogaśabdo doṣeṣu ca vyādhiṣu ca; doṣā hyapi rogaśabdamātaṅkaśabdaṃ yakṣmaśabdaṃ doṣaprakṛtiśabdaṃ vikāraśabdaṃ ca labhante, vyādhayaśca rogaśabdamātaṅkaśabdaṃ yakṣmaśabdaṃ doṣaprakṛtiśabdaṃ vikāraśabdaṃ ca labhante| tatra doṣeṣu caiva vyādhiṣu ca rogaśabdaḥ samānaḥ, śeṣeṣu tu viśeṣavān

Und bei den zählbaren obersten Kategorien, die aus einer je anderen Art der Einteilung hervorgehen, besteht kein wirklicher Widerspruch; deshalb wäre eine Behauptung hierzu nicht schon deshalb fehlerhaft, weil scheinbar Uneinigkeit besteht, und ebenso wenig wäre sie schon deshalb fehlerfrei, weil scheinbar keine Uneinigkeit besteht. Denn wer einteilt (bhettā), teilt das zu Einteilende auf verschiedene Weise ein: Wenn er das zuvor bereits Eingeteilte durch eine andere Art der Einteilung erneut unterteilt, erzeugt er auf vielfache Weise eine je andere Anzahl von Untergliederungen, ohne dabei die frühere Einteilung selbst aufzuheben. Auch bei gleichbleibender Art der Einteilung ist auf die jeweils andere Verwendungsweise der gebrauchten Begriffe im Zusammenhang zu achten. Denn es gibt verschiedene Bedeutungen, die mit demselben Wort ausgedrückt werden, und es gibt gleiche Sachverhalte, die mit unterschiedlichen, sinnverwandten Wörtern ausgedrückt werden. So wird das Wort 'roga' (Krankheit) gleichermaßen für die doṣas wie für die vyādhis (Krankheitszustände) gebraucht; auch die doṣas erhalten die Bezeichnungen roga, ātaṅka, yakṣma, doṣaprakṛti und vikāra, und ebenso erhalten die vyādhis die Bezeichnungen roga, ātaṅka, yakṣma, doṣaprakṛti und vikāra. Dabei ist das Wort 'roga' sowohl für die doṣas als auch für die vyādhis in gleicher Weise gebräuchlich, bei den übrigen Bezeichnungen aber besteht jeweils eine engere, besondere Bedeutung.

tatra vyādhayo'parisaṅkhyeyā bhavanti, atibahutvāt| doṣāstu khalu parisaṅkhyeyā bhavanti, anatibahutvāt| tasmādyathācitraṃ vikārānudāharaṇārtham, anavaśeṣeṇa ca doṣān vyākhyāsyāmaḥ| rajastamaśca mānasau doṣau| tayorvikārāḥ kāmakrodhalobhamoherṣyāmānamadaśokacitto(nto)dvegabhayaharṣādayaḥ| vātapittaśleṣmāṇastu khalu śārīrā doṣāḥ| teṣāmapi ca vikārā jvarātīsāraśophaśoṣaśvāsamehakuṣṭhādayaḥ| iti doṣāḥ kevalā vyākhyātā vikāraikadeśaśca

Die Krankheiten (vyādhi) nun sind unzählbar, weil es sie in allzu großer Zahl gibt; die doṣas hingegen sind zählbar, weil es sie nicht in allzu großer Zahl gibt. Deshalb werden wir, um mannigfaltige Beispiele für die Krankheitsformen zu geben, die doṣas vollständig, ohne Rest, erklären. Rajas und tamas sind die beiden geistigen (mānasa) doṣas. Ihre Krankheitsformen sind: Begierde (kāma), Zorn (krodha), Gier (lobha), Verblendung (moha), Neid (īrṣyā), Hochmut (māna), Rausch (mada), Kummer (śoka), Erregung des Geistes (cittodvega), Furcht (bhaya), Übermut (harṣa) und dergleichen mehr. Vāta, pitta und kapha (śleṣman) hingegen sind die körperlichen (śārīra) doṣas. Auch ihre Krankheitsformen sind: Fieber (jvara), Durchfall (atisāra), Schwellung (śopha), Auszehrung (śoṣa), Atemnot (śvāsa), Harnkrankheiten (meha), Hautkrankheiten (kuṣṭha) und dergleichen mehr. Damit sind die doṣas für sich erklärt worden, ebenso ein Teil ihrer Krankheitsformen.

tatra khalveṣāṃ dvayānāmapi doṣāṇāṃ trividhaṃ prakopaṇaṃ; tadyathā- asātmyendriyārthasaṃyogaḥ, prajñāparādhaḥ pariṇāmaśceti

Für beide Arten dieser doṣas nun gibt es eine dreifache Ursache der Erregung (prakopaṇa), nämlich: die unzuträgliche Verbindung der Sinne mit ihren Objekten (asātmyendriyārthasaṃyoga), der Verstandesfehler (prajñāparādha) und der Wandel der Zeit bzw. der Jahreszeiten (pariṇāma).

prakupitāstu khalu te prakopaṇaviśeṣāddūṣyaviśeṣācca vikāraviśeṣānabhinirvartayantyaparisaṅkhyeyān

Erregt aber bringen sie, je nach der besonderen Art der Erregungsursache und je nach dem besonders betroffenen Gewebe (dūṣya), unzählbare besondere Krankheitsformen hervor.

te ca vikārāḥ parasparamanuvartamānāḥ kadācidanubadhnanti kāmādayo jvarādayaśca

Und diese Krankheitsformen folgen einander manchmal und schließen sich aneinander an – so etwa die geistigen Störungen wie die Begierde und die körperlichen wie das Fieber.

niyatastvanubandho rajastamasoḥ parasparaṃ, na hyarajaskaṃ tamaḥ pravartate

Zwischen rajas und tamas jedoch besteht eine feste, notwendige gegenseitige Verknüpfung, denn tamas tritt niemals ohne rajas auf.

(prāyaḥ) śārīradoṣāṇāmekādhiṣṭhānīyānāṃ sannipātaḥ saṃsargo vā samānaguṇatvāt; doṣā hi dūṣaṇaiḥ samānāḥ

In der Regel kommt es bei den körperlichen doṣas, wenn sie am selben Sitz (adhiṣṭhāna) wirken, zu einem gemeinsamen Auftreten aller drei (sannipāta) oder zu einer Verbindung zweier (saṃsarga), weil sie gleichartige Eigenschaften (guṇa) besitzen; denn die doṣas gleichen einander in ihrer schädigenden Wirkung.

tatrānubandhyānubandhakṛto viśeṣaḥ- svatantro vyaktaliṅgo yathoktasamutthānapraśamo bhavatyanubandhyaḥ, tadviparītalakṣaṇastvanubandhaḥ| anubandhyalakṣaṇasamanvitāstatra yadi doṣā bhavanti tattrikaṃ sannipātamācakṣate, dvayaṃ vā saṃsargam| anubandhyānubandhaviśeṣakṛtastu bahuvidho doṣabhedaḥ| evameṣa sañjñāprakṛto bhiṣajāṃ doṣeṣu vyādhiṣu ca nānāprakṛtiviśeṣavyūhaḥ

Dabei besteht der Unterschied zwischen dem 'Hauptglied' (anubandhya) und dem 'Folgeglied' (anubandha): Selbständig, mit deutlich ausgeprägten Krankheitszeichen, mit der genannten Entstehung und dem genannten Abklingen versehen, ist der anubandhya; entgegengesetzte Merkmale hat der anubandha. Sind dabei alle beteiligten doṣas mit den Merkmalen des anubandhya versehen, so nennt man das Zusammenwirken aller drei sannipāta, das zweier saṃsarga. Durch die Unterscheidung von anubandhya und anubandha entsteht so eine vielfältige Unterteilung der doṣas. So ist dies das vielgestaltige Geflecht besonderer Grundbegriffe der Ärzte hinsichtlich der Bezeichnung von doṣas und Krankheiten.

agniṣu tu śārīreṣu caturvidho viśeṣo balabhedena bhavati| tadyathā- tīkṣṇo, mandaḥ, samo, viṣamaśceti| tatra tīkṣṇo'gniḥ sarvāpacārasahaḥ, tadviparītalakṣaṇastu mandaḥ, samastu khalvapacārato vikṛtimāpadyate'napacāratastu prakṛtāvavatiṣṭhate, samalakṣaṇaviparītalakṣaṇastu viṣama iti| ete caturvidhā bhavantyagnayaścaturvidhānāmeva puruṣāṇām| tatra samavātapittaśleṣmaṇāṃ prakṛtisthānāṃ samā bhavantyagnayaḥ, vātalānāṃ tu vātābhibhūte'gnyadhiṣṭhāne viṣamā bhavantyagnayaḥ, pittalānāṃ tu pittābhibhūte hyagnyadhiṣṭhāne tīkṣṇā bhavantyagnayaḥ, śleṣmalānāṃ tu śleṣmābhibhūte'gnyadhiṣṭhāne mandā bhavantyagnayaḥ

Beim körperlichen agni (Verdauungsfeuer) aber gibt es eine vierfache Unterscheidung nach der Stärke, nämlich: scharf (tīkṣṇa), schwach (manda), ausgeglichen (sama) und ungleichmäßig (viṣama). Der scharfe agni erträgt jeden Verstoß gegen die richtige Ernährung; entgegengesetzte Merkmale hat der schwache. Der ausgeglichene agni gerät bei einem Verstoß in Unordnung, bleibt aber ohne einen solchen in seinem natürlichen Zustand. Der ungleichmäßige agni schließlich hat dem ausgeglichenen entgegengesetzte Merkmale, das heißt, er ist unberechenbar. Diese vier Arten von agni entsprechen genau den vier Konstitutionstypen der Menschen. Bei denen, deren vāta, pitta und kapha ausgeglichen (sama) und in ihrem natürlichen Zustand (prakṛtistha) sind, ist der agni ausgeglichen; bei den vāta-dominierten (vātala) Menschen aber, deren Sitz des agni von vāta überwältigt ist, ist der agni ungleichmäßig; bei den pitta-dominierten (pittala), deren Sitz des agni von pitta überwältigt ist, ist der agni scharf; bei den kapha-dominierten (śleṣmala), deren Sitz des agni von kapha überwältigt ist, ist der agni schwach.

tatra kecidāhuḥ- na samavātapittaśleṣmāṇo jantavaḥ santi, viṣamāhāropayogitvānmanuṣyāṇāṃ; tasmācca vātaprakṛtayaḥ kecit, kecit pittaprakṛtayaḥ, kecit punaḥ śleṣmaprakṛtayo bhavantīti| taccānupapannaṃ, kasmāt kāraṇāt? samavātapittaśleṣmāṇaṃ hyarogamicchanti bhiṣajaḥ, yataḥ prakṛtiścārogyam, ārogyārthā ca bheṣajapravṛttiḥ, sā ceṣṭarūpā, tasmāt santi samavātapittaśleṣmāṇaḥ; na khalu santi vātaprakṛtayaḥ pittaprakṛtayaḥ śleṣmaprakṛtayo vā| tasya tasya kila doṣasyādhikyāt sā sā doṣaprakṛtirucyate manuṣyāṇāṃ, na ca vikṛteṣu doṣeṣu prakṛtisthatvamupapadyate, tasmānnaitāḥ prakṛtayaḥ santi; santi tu khalu vātalāḥ pittalāḥ śleṣmalāśca, aprakṛtisthāstu te jñeyāḥ

Dazu sagen nun manche: Es gibt keine Lebewesen mit ausgeglichenem vāta, pitta und kapha, da die Menschen sich unregelmäßig ernähren; deshalb gebe es manche mit vāta-Konstitution, manche mit pitta-Konstitution und wieder andere mit kapha-Konstitution. Das aber ist nicht stichhaltig. Aus welchem Grund? Die Ärzte betrachten nämlich denjenigen als frei von Krankheit (aroga), dessen vāta, pitta und kapha ausgeglichen sind, denn die natürliche Konstitution (prakṛti) selbst bedeutet Gesundheit (ārogya), und das ärztliche Handeln zielt auf Gesundheit, die das erstrebte Ziel ist. Deshalb gibt es Menschen mit ausgeglichenem vāta, pitta und kapha; es gibt hingegen keine eigentlichen 'vāta-Konstitutionen', 'pitta-Konstitutionen' oder 'kapha-Konstitutionen'. Zwar spricht man bei den Menschen wegen des jeweiligen Übermaßes eines doṣa von der einen oder anderen doṣa-Konstitution, doch bei gestörten (vikṛta) doṣas kann von einem natürlichen Zustand keine Rede sein; deshalb gibt es diese sogenannten Konstitutionen im eigentlichen Sinne nicht. Es gibt zwar vāta-dominierte, pitta-dominierte und kapha-dominierte Menschen, doch diese sind als nicht in ihrem natürlichen Zustand befindlich (aprakṛtistha) zu verstehen.

teṣāṃ tu khalu caturvidhānāṃ puruṣāṇāṃ catvāryanupraṇidhānāni śreyaskarāṇi bhavanti| tatra samasarvadhātūnāṃ sarvākārasamam, adhikadoṣāṇāṃ tu trayāṇāṃ yathāsvaṃ doṣādhikyamabhisamīkṣya doṣapratikūlayogīni trīṇyanu(nna)praṇidhānāni śreyaskarāṇi bhavanti yāvadagneḥ samībhāvāt, same tu samameva kāryam; evaṃ ceṣṭā bheṣajaprayogāścāpare| tān vistareṇānuvyākhyāsyāmaḥ

Für diese vier Arten von Menschen nun gibt es vier heilsame Verhaltensweisen. Für den, dessen sämtliche dhātus ausgeglichen sind, ist ein in jeder Hinsicht ausgewogenes Verhalten heilsam; für die drei Typen mit vermehrtem doṣa hingegen sind, je nachdem welcher doṣa bei ihnen im Übermaß vorliegt, drei dem jeweiligen doṣa entgegenwirkende Verhaltensweisen heilsam – so lange, bis der agni wieder ausgeglichen ist; ist er aber ausgeglichen, so ist wiederum ausgewogenes Verhalten angezeigt. Ebenso verhält es sich mit weiterem Verhalten und weiteren Arzneianwendungen. Diese werden wir nun ausführlich erklären.

trayastu puruṣā bhavantyāturāḥ, te tvanāturāstantrāntarīyāṇāṃ bhiṣajām| tadyathā- vātalaḥ,pittalaḥ, śleṣmalaśceti| teṣāmidaṃ viśeṣavijñānaṃ- vātalasya vātanimittāḥ, pittalasya pittanimittāḥ, śleṣmalasya śleṣmanimittā vyādhayaḥ prāyeṇa balavantaśca bhavanti

Drei Arten von Menschen gelten als 'Kranke' (ātura), obwohl sie nach der Lehre anderer medizinischer Schulen eigentlich nicht krank sind, nämlich: der vāta-dominierte, der pitta-dominierte und der kapha-dominierte. Das besondere Erkennungsmerkmal bei ihnen ist dies: Beim vāta-dominierten treten meist durch vāta verursachte Krankheiten auf, beim pitta-dominierten durch pitta verursachte, beim kapha-dominierten durch kapha verursachte, und diese sind in der Regel auch kräftig ausgeprägt.

tatra vātalasya vātaprakopaṇānyāsevamānasya kṣipraṃ vātaḥ prakopamāpadyate, na tathetarau doṣau; sa tasya prakopamāpanno yathoktairvikāraiḥ śarīramupatapati balavarṇasukhāyuṣāmupaghātāya| tasyāvajayanaṃ- snehasvedau vidhiyuktau, mṛdūni ca saṃśodhanāni snehoṣṇamadhurāmlalavaṇayuktāni, tadvadabhyavahāryāṇi, abhyaṅgopanāhanodveṣṭanonmardanapariṣekāvagāhanasaṃvāhanāvapīḍanavitrāsanavismāpanavismāraṇāni, surāsavavidhānaṃ, snehāścānekayonayo dīpanīyapācanīyavātaharavirecanīyopahitāstathā śatapākāḥ sahasrapākāḥ sarvaśaśca prayogārthāḥ, bastayaḥ, bastiniyamaḥ sukhaśīlatā ceti

Wenn nun ein vāta-dominierter Mensch das vāta erregende Verhalten pflegt, gerät bei ihm rasch vāta in Erregung, nicht in gleicher Weise die beiden anderen doṣas; dieses in Erregung geratene vāta quält dann den Körper mit den genannten Krankheitsformen, zum Schaden von Kraft, Hautfarbe, Wohlbefinden und Lebensdauer. Um es zu bezwingen, dienen: vorschriftsmäßig angewandte Ölung (sneha) und Schwitzbehandlung (sveda); milde Reinigungsmittel (śodhana), versetzt mit öligen, warmen, süßen, sauren und salzigen Substanzen, ebenso zubereitete Speisen; Einreibung, warme Umschläge, Umwickeln, Kneten, Begießen, Baden, Streichmassage, Druckmassage sowie das Erschrecken, In-Erstaunen-Versetzen und Ablenken des Geistes; die Gabe von Wein und vergorenen Getränken; Öle vielfältiger Herkunft, versehen mit appetit- und verdauungsanregenden, vāta-beseitigenden und abführenden Eigenschaften, ebenso hundertfach und tausendfach gekochte Öle für jeglichen Gebrauch; Klistiere (basti), regelmäßige Klistierbehandlung sowie ein angenehmes, behagliches Leben.

pittalasyāpi pittaprakopaṇānyāsevamānasya kṣipraṃ pittaṃ prakopamāpadyate, na tathetarau doṣau; tadasya prakopamāpannaṃ yathoktairvikāraiḥ śarīramupatapati balavarṇasukhāyuṣāmupaghātāya| tasyāvajayanaṃ- sarpiṣpānaṃ, sarpiṣā ca snehanam, adhaśca doṣaharaṇaṃ, madhuratiktakaṣāyaśītānāṃ cauṣadhābhyavahāryāṇāmupayogaḥ, mṛdumadhurasurabhiśītahṛdyānāṃ gandhānāṃ copasevā, muktāmaṇihārāvalīnāṃ ca paramaśiśiravārisaṃsthitānāṃ dhāraṇamurasā, kṣaṇe kṣaṇe'gryacandanapriyaṅgukālīyamṛṇālaśītavātavāribhirutpalakumudakokanadasaugandhikapadmānugataiśca vāribhirabhiprokṣaṇaṃ, śrutisukhamṛdumadhuramano'nugānāṃ ca gītavāditrāṇāṃ śravaṇaṃ, śravaṇaṃ cābhyudayānāṃ, suhṛdbhiḥ saṃyogaḥ, saṃyogaśceṣṭābhiḥ strībhiḥ śītopahitāṃśukasragdhāriṇībhiḥ, niśākarāṃśuśītalapravātaharmyavāsaḥ, śailāntarapulinaśiśirasadanavasanavyajanapavanasevanaṃ, ramyāṇāṃ copavanānāṃ sukhaśiśirasurabhimārutopahitānāmupasevanaṃ, sevanaṃ capadmotpalanalinakumudasaugandhikapuṇḍarīkaśatapatrahastānāṃ , saumyānāṃ ca sarvabhāvānāmiti

Auch beim pitta-dominierten Menschen gerät, wenn er das pitta erregende Verhalten pflegt, rasch pitta in Erregung, nicht in gleicher Weise die beiden anderen doṣas; dieses in Erregung geratene pitta quält dann den Körper mit den genannten Krankheitsformen, zum Schaden von Kraft, Hautfarbe, Wohlbefinden und Lebensdauer. Um es zu bezwingen, dienen: das Trinken von geklärter Butter (ghṛta) und die Ölung damit; das Abführen des doṣa nach unten; die Einnahme von Arzneien und Speisen, die süß, bitter, herb-adstringierend und kühlend sind; der Gebrauch milder, süßer, wohlriechender, kühler und herzerfreuender Düfte; das Tragen von Perlen- und Edelsteinketten, die von kühlstem Wasser umgeben sind, auf der Brust; das wiederholte Besprengen mit Wasser, das mit feinstem Sandelholz, Priyaṅgu, Kālīya-Wurzel und Lotusfasern versetzt und kühl vom Wind ist, sowie mit Wasser, in dem blaue, weiße und rote Lotusblüten und duftende Lotosblumen liegen; das Hören von dem Ohr wohltuender, sanfter, süßer und dem Gemüt zusagender Musik und Gesang, sowie das Hören von Nachrichten des Wohlergehens; der Umgang mit guten Freunden; die Gesellschaft liebevoller Frauen, die kühle, feine Gewänder und Blumengirlanden tragen; das Wohnen in Palästen, die vom Mondlicht kühl und von sanften Winden durchzogen sind; das Aufsuchen von Bergesschluchten, Flusssandbänken, kühlen Wohnstätten, kühlender Kleidung, Fächern und Winden; der Aufenthalt in lieblichen Parkanlagen, die von wohltuend kühlen, duftenden Winden umgeben sind; der Umgang mit blauen, weißen und roten Lotusblüten sowie hundertblättrigen Lotosblumen in der Hand; und überhaupt alles, was von milder (saumya) Natur ist.

śleṣmalasyāpi śleṣmaprakopaṇānyāsevamānasya [1] kṣipraṃ śleṣmā prakopamāpadyate, na tathetarau doṣau; sa tasya prakopamāpannoyathoktairvikāraiḥ śarīramupatapati balavarṇasukhāyuṣāmupaghātāya| tasyāvajayanaṃ- vidhiyuktāni tīkṣṇoṣṇāni saṃśodhanāni, rūkṣaprāyāṇi cābhyavahāryāṇi kaṭukatiktakaṣāyopahitāni, tathaivadhāvanalaṅghanaplavanaparisaraṇajāgaraṇaniyuddhavyavāyavyāyāmonmardanasnānotsādanāni, viśeṣatastīkṣṇānāṃ dīrghakālasthitānāṃ camadyānāmupayogaḥ, sadhūmapānaḥ sarvaśaścopavāsaḥ, tathoṣṇaṃ vāsaḥ, sukhapratiṣedhaśca sukhārthameveti

Auch beim kapha-dominierten Menschen gerät, wenn er das kapha erregende Verhalten pflegt, rasch kapha in Erregung, nicht in gleicher Weise die beiden anderen doṣas; dieses in Erregung geratene kapha quält dann den Körper mit den genannten Krankheitsformen, zum Schaden von Kraft, Hautfarbe, Wohlbefinden und Lebensdauer. Um es zu bezwingen, dienen: vorschriftsmäßig angewandte scharfe und heiße Reinigungsmittel; überwiegend trockene Speisen, versetzt mit scharfen, bitteren und herb-adstringierenden Substanzen; ebenso Laufen, Fasten, Schwimmen, Umherwandern, Wachbleiben, Ringkampf, Geschlechtsverkehr, körperliche Übung, Kneten, Baden und Einreiben mit Kräuterpulver; insbesondere der Genuss scharfer, lange gelagerter Weine; das Räuchern, gänzliches Fasten von Zeit zu Zeit, ebenso das Tragen warmer Kleidung; und der Verzicht auf Bequemlichkeit – eben um des wahren Wohlbefindens willen.

bhavati cātra- sarvarogaviśeṣajñaḥ sarvakāryaviśeṣavit| sarvabheṣajatattvajño rājñaḥ prāṇapatirbhavediti

Und hierzu gibt es folgenden Vers: Wer die Besonderheiten aller Krankheiten kennt, die Besonderheiten aller ärztlichen Aufgaben versteht und die Wahrheit aller Arzneimittel kennt, der soll der Leibarzt (wörtlich: 'Herr über das Leben') des Königs sein.

tatra ślokāḥ- prakṛtyantarabhedena rogānīkavikalpanam| parasparāvirodhaśca sāmānyaṃ rogadoṣayoḥ

Dazu gibt es folgende Verse: Die Einteilung des Krankheitsheeres nach verschiedenen Arten der Unterscheidung; die gegenseitige Widerspruchsfreiheit sowie die gemeinsame Bedeutung der Wörter 'roga' und 'doṣa';

doṣasaṅkhyā vikārāṇāmekadeśaḥ prakopaṇam| jaraṇaṃ prati cintā ca kāyāgnerdhukṣaṇāni ca

die Anzahl der doṣas und ein Teil ihrer Krankheitsformen samt den Ursachen ihrer Erregung; die Erwägung hinsichtlich der Verdauung sowie die Ursachen für das Entfachen des körperlichen Verdauungsfeuers (kāyāgni);

narāṇāṃ vātalādīnāṃ prakṛtisthāpanāni ca| rogānīke vimāne'smin vyāhṛtāni maharṣiṇā

und die Maßnahmen zur Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts bei den vāta-dominierten und den übrigen Menschen – all dies wurde in diesem Kapitel Rogānīka Vimāna von dem großen Weisen dargelegt.

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