Quellen der Menschheit

Gopatha-Brāhmaṇa

Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung, Prapāṭhaka-Einordnungen und Glossar.

Brāhmaṇas · 11 Prapāṭhakas · 258 Kaṇḍikās

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Vorwort

Das Gopatha-Brāhmaṇa ist das einzige vollständig erhaltene Brāhmaṇa des Atharvaveda – während Ṛgveda, Sāmaveda und (Kṛṣṇa- wie Śukla-)Yajurveda jeweils mehrere solcher Ritualerläuterungswerke besitzen, tritt der Atharvaveda mit nur diesem einen an. Das Werk gliedert sich in einen Pūrva-Bhāga ("ersten Teil", 5 Prapāṭhakas, 135 Kaṇḍikās) und einen Uttara-Bhāga ("zweiten Teil", 6 Prapāṭhakas, 123 Kaṇḍikās), zusammen 258 Kaṇḍikās (kurze, nummerierte Prosa-Abschnitte). Ungewöhnlich für ein Brāhmaṇa beginnt der Pūrva-Bhāga nicht mit Opferregeln, sondern mit einem upaniṣadenartigen Text über Brahman, die Silbe Oṃ und den Ursprung der Welt aus dem Selbst-Existierenden (Prapāṭhaka 1, Kaṇḍikā 1–38) – ein Umstand, der schon früh dazu geführt hat, diesen Abschnitt separat als "Praṇava-Upaniṣad" (die 48. Upaniṣad der Muktikā-Sammlung) zu zählen.

Diese Ausgabe folgt in Aufbau und Zählung der kritischen Sanskrit-Edition von Dieuke Gaastra, Das Gopatha Brāhmaṇa (Leiden: Brill, 1919), die den Text – im Unterschied zur älteren, viel kritisierten Erstausgabe von Rājendralāla Mitra und Harachandra Vidyābhūṣaṇa (Bibliotheca Indica, Calcutta 1872) – erstmals auf breiterer handschriftlicher Grundlage kritisch ediert. Der Sanskrit-Text wurde eigens aus dem Scan dieser Ausgabe transkribiert; die deutsche Übersetzung entstand direkt aus dem Sanskrit. Gaastra selbst weist im Vorwort ausdrücklich darauf hin, dass die Überlieferung des Gopatha-Brāhmaṇa außergewöhnlich schlecht ist – schlechter als bei den meisten anderen Brāhmaṇas –, und dass etliche Stellen trotz sorgfältigster Prüfung der ihr zugänglichen sechs Handschriften "korrupt" oder in ihrem genauen Wortlaut unsicher bleiben. Diese Ausgabe übernimmt diese Vorsicht: Stellen, an denen der Scan unleserlich oder der Sinn unsicher blieb, sind im Text mit [?] beziehungsweise [Anm.: …] gekennzeichnet, statt stillschweigend geglättet zu werden – auch hier wird bewusst darauf verzichtet, Lücken durch Vermutungen zu füllen.

Wie bei den anderen Bänden dieser Reihe wurden im laufenden Text vorkommende Fußnoten-Verweise auf einzelne Handschriftvarianten (die Gaastras Ausgabe reichlich bietet) nicht mit übersetzt; maßgeblich ist stets der von Gaastra gewählte Haupttext. Wer sich für die textkritischen Einzelheiten interessiert, sei auf Gaastras Originalausgabe verwiesen, die diese Varianten vollständig dokumentiert.

Einführung

Zum Verfasser oder zur Entstehungsschule des Gopatha-Brāhmaṇa ist – anders als bei der legendären Zuschreibung des Aitareya-Brāhmaṇa an Mahidāsa Aitareya – nichts überliefert. Über das Alter des Werks lässt sich nur mittelbar urteilen: Arthur Berriedale Keith argumentierte, dass Yāska (der im Nirukta eine mit dem Gopatha-Brāhmaṇa nahezu wortgleiche Stelle zitiert) den Text bereits kannte, sodass das Gopatha-Brāhmaṇa nicht jünger als etwa 600–550 v. Chr. sein kann; zugleich enthält es, wie das verwandte Aitareya-Brāhmaṇa, ältere und jüngere Schichten. Nach Max Müllers und Macdonells Einschätzung dürfte die Brāhmaṇa-Periode insgesamt etwa 800–600 v. Chr. umfassen, womit sich das Gopatha-Brāhmaṇa in die späte vedische Zeit einordnet.

Die Forschung hat sich intensiv mit dem Verhältnis des Gopatha-Brāhmaṇa zu anderen vedischen Texten befasst. Theodor Aufrecht nannte es in der Einleitung zu seiner Aitareya-Ausgabe abschätzig "ein elendes Machwerk", und Maurice Bloomfield vertrat die These, es sei aus Versatzstücken verschiedener älterer Brāhmaṇas – vor allem des Śatapatha- und des Aitareya-Brāhmaṇa – zu einem atharvavedischen Ritualtext zusammengefügt worden, wobei viele Passagen fast wörtlich mit Stellen aus Śatapatha-, Aitareya-, Kāṭhaka- und Taittirīya-Texten übereinstimmen (besonders eng lehnt sich Prapāṭhaka I 4–5 an das zwölfte Buch des Śatapatha-Brāhmaṇa an). Willem Caland widersprach dieser Herabsetzung in mehreren Aufsätzen und zeigte insbesondere, dass das Vaitāna-Sūtra (das Śrautasūtra des Atharvaveda) jünger als das Gopatha-Brāhmaṇa ist, es also nicht daraus abgeleitet sein kann; auch Gaastra selbst hält in ihrer Einleitung fest, dass sie trotz der zahlreichen Parallelstellen einige originäre, nur im Gopatha-Brāhmaṇa bezeugte Erzählungen und Begründungen identifizieren konnte.

Inhaltlich begleitet der Pūrva-Bhāga, nach der einleitenden Om-Kosmogonie (Prapāṭhaka 1), die Pflichten des Brahmacārin (Schülers), das Agnyādheya (die Feuerlegung) und das Sāṃtapana-Feuer, eine ausführliche Verteidigung des Vorrangs des atharvavedischen Brahman-Priesters unter den vier Hauptpriestern (Prapāṭhaka 2–3), sowie eine mystische Deutung des Darśapūrṇamāsa (Neu- und Vollmondopfers), des Agnihotra und schließlich, in metrischer Betrachtung, des gesamten Opfergeschehens (Prapāṭhaka 3–5). Der Uttara-Bhāga wendet sich den komplexeren Soma-Riten zu: Wunschopfern (kāmyeṣṭayaḥ), Āgrayaṇa, Agnicayana (Feueraltar-Schichtung) und den Cāturmāsya-Vierteljahresopfern (Prapāṭhaka II 1), der Pravargya-Zeremonie und Untersuchungen über Opferfehler (Prapāṭhaka II 2), sowie in den letzten Büchern den gesteigerten Soma-Formen Ṣoḍaśin, Atirātra, Sautrāmaṇī, Vājapeya und Aptoryāma (Prapāṭhaka II 4–5). Das abschließende sechste Prapāṭhaka des Uttara-Bhāga behandelt die vieltägigen Ahīna-Opfer mit ihren kunstvoll gestaffelten Saṃpāta-Versen ("Zusammenklang"-Strophen dreier Hotraka-Priester) und schließt mit der Etaśa-Pralāpa-Überlieferung und einer Doppel-Kolophonzeile, die sowohl das sechste Prapāṭhaka als auch das gesamte, aus Pūrva- und Uttara-Bhāga bestehende Werk für beendet erklärt.

Eine vollständige deutsche Übersetzung des Gopatha-Brāhmaṇa hat es bislang nicht gegeben; die einzige vollständige Übersetzung überhaupt ist, soweit bekannt, die von Dieuke Gaastra selbst in ihrer Ausgabe gebotene, philologisch kommentierte niederländische Fassung einzelner Partien im kritischen Apparat, während eine durchgehende Übertragung ins Deutsche oder Englische fehlt. Die vorliegende Ausgabe unternimmt erstmals den Versuch einer vollständigen zweisprachigen deutschen Fassung aller 258 Kaṇḍikās, in dem Bewusstsein, dass angesichts der von Gaastra selbst hervorgehobenen schlechten Textüberlieferung mehr Stellen als bei den übrigen Bänden dieser Reihe mit Unsicherheitsmarkierungen versehen werden mussten – gerade darin liegt aber auch der Wert einer Ausgabe, die diese Unsicherheit offen zeigt, statt sie zu verbergen.

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