Quellen der Menschheit

Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa

Auch bekannt als Talavakāra-Āraṇyaka · Jaiminīya-Āraṇyaka

Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung, Adhyāya-Einordnungen und Glossar.

Brāhmaṇas · 4 Adhyāyas · 145 Khaṇḍas

Interaktive LeseansichtGlossar

Vorwort

Die Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa gehört zur Jaiminīya- (auch Talavakāra genannten) Schule des Sāmaveda und bildet den spekulativ-philosophischen Ausklang des umfangreichen Jaiminīya-Brāhmaṇa, dessen Ritualerläuterungen sie mit einer Lehre von der geheimen, „upaniṣadischen“ Bedeutung des Sāman-Gesangs fortsetzt und vertieft. Ihre größte Berühmtheit verdankt sie einem einzigen, in sich geschlossenen Abschnitt: Die vier Khaṇḍas 4.18 bis 4.21 sind, von geringen Lesartunterschieden abgesehen, nichts anderes als die Kena-Upaniṣad – jene kurze, unter Sanskrit-Kennern wie unter westlichen Leserinnen und Lesern gleichermaßen berühmte Schrift von der Erkenntnis des Brahman, benannt nach dem Anfangswort dieses Textes, „kena“ („von wem“). Der weit überwiegende Rest des Werkes ist im deutschen wie im englischen Sprachraum dagegen kaum bekannt, obwohl er reich ist an eigenständigen kosmogonischen Erzählungen, Sāman-Etymologien, Lehrer-Stammbäumen und – in einer bemerkenswerten Passage in Adhyāya 3 – an wörtlichen Zitaten aus dem Ṛgveda, darunter dem berühmten Pataṅga-Vers (RV 10.177) und einer Strophe aus dem Rätsel-Hymnus des Dīrghatamas (RV 1.164.31).

Als Sanskrit-Grundlage diente eine digitale Abschrift, die auf Hanns Oertels grundlegender Edition The Jaiminīya or Talavakāra Upaniṣad Brāhmaṇa (Journal of the American Oriental Society 16, 1896, S. 79–260) beruht: Jost Gippert erfasste den Text für das TITUS-Projekt (2008), Masato Fujii gab ihn ein, Mieko Kajihara las ihn Korrektur, und die Sanskrit Library (Peter M. Scharf, Hg., Matthias H. Ahlborn, XML-Erfassung) veröffentlichte 2010 die erste XML-Ausgabe, auf der die vorliegende Arbeitsausgabe fußt. Die Zählung in 145 durchlaufend nummerierte Abschnitte folgt Oertels eigener Khaṇḍa-Zählung über die vier Adhyāyas (60, 15, 42 und 28 Abschnitte); die überlieferten Anuvāka-Schlussformeln sind, wo vorhanden, jeweils im Anschluss an den betreffenden Abschnitt vermerkt. Die deutsche Übersetzung entstand direkt aus dem Sanskrit. Wie bei den übrigen Bänden dieser Reihe werden unsichere oder auslegungsbedürftige Stellen nicht stillschweigend geglättet, sondern mit [?] im Text beziehungsweise mit [Anm.: …] als Anmerkung gekennzeichnet – etwa dort, wo die Vorlage selbst eine Lücke in der überlieferten Kolophon-Zählung aufweist (der Sprung von „3. Khaṇḍa“ auf „5. Khaṇḍa“ im 3. Anuvāka des dritten Adhyāya, ohne dass ein „4. Khaṇḍa“ bezeugt wäre) oder wo eine stark verdichtete Wortfolge mehrere Deutungen zulässt.

Oertels Ausgabe bietet neben dem Sanskrit-Text auch eine vollständige englische Übersetzung mit ausführlichem philologischem Kommentar sowie Verweise auf Parallelstellen in anderen vedischen Texten; sie bleibt bis heute die maßgebliche Referenz für alle Detailfragen der Textkritik und Einzeldeutung, auf die hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Wer sich vertieft mit einzelnen Lesarten auseinandersetzen möchte, sei auf Oertels Originalveröffentlichung sowie auf die genannte XML-Ausgabe der Sanskrit Library verwiesen. Die digitale Textgrundlage steht unter CC BY-NC-SA 3.0; diese abgeleitete, nichtkommerzielle Übersetzung wird unter denselben Bedingungen weitergegeben. Eine vollständige deutsche Übersetzung der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa – über die ohnehin gesondert kursierende Kena-Upaniṣad hinaus – hat es unseres Wissens bisher nicht gegeben; die vorliegende Ausgabe unternimmt erstmals den Versuch, alle 145 Abschnitte zweisprachig zugänglich zu machen.

Einführung

Die Jaiminīya-Schule (auch Talavakāra genannt, nach einem ihrer frühen Lehrer) ist eine der drei traditionell bis heute praktizierten Schulrichtungen des Sāmaveda, neben der Kauthuma- und der Rāṇāyanīya-Schule; sie ist vor allem in Südindien (Kerala, Tamil Nadu) lebendig geblieben. Wie bei den meisten vedischen Schulwerken ist kein individueller Verfasser überliefert; der Schulname Jaimini (ein Schüler Vyāsas, dem auch die Grundschrift der Mīmāṃsā zugeschrieben wird) bezeichnet eine Lehrtradition, nicht eine einzelne Person. Die Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa steht in engem Zusammenhang mit dem großen Jaiminīya-Brāhmaṇa: Sie setzt dessen Ritualerläuterung fort, wendet sich aber, dem allgemeinen Entwicklungsgang der Brāhmaṇa-Literatur folgend, zunehmend von der reinen Ritualvorschrift ab und einer esoterisch-philosophischen Deutung des Sāman-Gesangs zu, wie sie für die Gattung der Āraṇyakas und frühen Upaniṣaden kennzeichnend ist. Eine genaue Datierung ist nicht möglich; die Forschung ordnet sie, wie die verwandten Übergangstexte anderer vedischer Schulen, in die spätere Brāhmaṇa- bzw. frühe Upaniṣad-Zeit ein, ohne dass sich dies auf ein bestimmtes Jahrhundert festlegen ließe.

Der erste Adhyāya (60 Abschnitte) entfaltet in vielfältigen Anläufen die Mithuna-Lehre von Ṛc (als weiblichem) und Sāman (als männlichem Prinzip) sowie die Symbolik der einzelnen Sāman-Teile (Hiṅkāra, Prastāva, Ādi, Udgītha, Pratihāra, Upadrava, Nidhana). Der zweite Adhyāya (15 Abschnitte) widmet sich den Vyāhṛtis (den heiligen Ausrufen bhūr, bhuvaḥ, svaḥ) und einer kosmogonischen Erzählung um Prajāpati und den Tod (Mṛtyu), verbunden mit mehrfachen, nicht miteinander harmonisierten Etymologien der sāmavedischen Sängerschulen der Āyāsyas und Āṅgirasas. Der dritte, umfangreichste Adhyāya (42 Abschnitte) reicht von Erzählungen berühmter vedischer Lehrer (Śaunaka Kāpeya, Abhipratārin Kākṣaseni, Sudakṣiṇa Kṣaimi) über eine große Prajāpati-Kosmogonie mit der Lehre von den drei Welten, drei Somasäften und drei Veden bis zu wörtlichen Ṛgveda-Zitaten mit fortlaufender Auslegung und einem langen, über vierzig Namen umfassenden Lehrer-Stammbaum. Der vierte Adhyāya (28 Abschnitte) beginnt mit atharvavedaartigen Schutzformeln und der Erzählung von König Bhagaratha Aikṣvāka und dem weisen Baka Dālbhya, führt über die Sage vom Rangstreit der Gottheiten (Agni, Vāyu, Āditya, Atem, Speise, Rede) zur berühmten, hier in den Khaṇḍas 4.18–4.21 eingebetteten Kena-Upaniṣad und schließt mit einer Kosmogonie der fünf Atemarten, der Lehre vom „sechzehnteiligen Brahman“ und einer Vers-für-Vers-Auslegung der Sāvitrī (des Gāyatrī-Mantras).

Hanns Oertels 1896 erschienene Edition mit englischer Übersetzung blieb für ein Jahrhundert die einzige vollständige wissenschaftliche Erschließung des Werkes. Die moderne Sāmaveda-Philologie – nicht zuletzt durch Masato Fujii, denselben japanischen Sanskritisten, dessen digitale Texterfassung auch der vorliegenden Übersetzung zugrunde liegt – hat sich seither intensiv mit der handschriftlichen Überlieferung der Jaiminīya-Schule befasst, ohne dass Oertels Übersetzung insgesamt ersetzt worden wäre. Die größte Bekanntheit der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa verdankt sich, wie eingangs erwähnt, dem Umstand, dass ihre Khaṇḍas 4.18–4.21 identisch mit der eigenständig kanonisierten Kena-Upaniṣad sind – ein Umstand, der in der Sekundärliteratur zur Kena-Upaniṣad zwar regelmäßig erwähnt wird, der aber selten dazu geführt hat, dass auch der weitere Kontext dieser vier Khaṇḍas innerhalb des größeren Werks Beachtung fand.

Diese Ausgabe unternimmt erstmals den Versuch einer vollständigen zweisprachigen deutschen Fassung aller 145 Abschnitte der Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa – nicht nur der isoliert kursierenden Kena-Upaniṣad, sondern des ganzen Werks, in dem diese vier Khaṇḍas ihren ursprünglichen Platz haben. Ziel ist es, Sanskrit-Kundigen wie interessierten Leserinnen und Lesern ohne Sanskrit-Kenntnisse einen Zugang zu diesem für das Verständnis der Sāmaveda-Tradition und der Vorgeschichte der klassischen Upaniṣaden zentralen, im deutschen Sprachraum aber praktisch unbekannten Werk zu eröffnen.

Inhalt