Quellen der Menschheit

Jaiminīya-Brāhmaṇa

Vollständige zweisprachige Ausgabe: Sanskrit (IAST) und deutsche Übersetzung, mit Vorwort, Einführung, Kapitel-Einordnungen und Glossar.

Brāhmaṇas · 57 Kapitel · 1.192 Abschnitte

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Vorwort

Das Jaiminīya-Brāhmaṇa (JB) ist das Brāhmaṇa der Jaiminīya- oder Talavakāra-Schule des Sāmaveda – derselben Schule, der auch die in dieser Bibliothek bereits vorliegende Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa (JUB) angehört. Während die JUB als deren upaniṣadischer Ausläufer den Bogen zur Kena-Upaniṣad schlägt, entfaltet das JB selbst in drei Kāṇḍas mit zusammen 1.192 Abschnitten die eigentliche rituelle und mythologische Grundlegung der Schule: die Deutung des Agnihotra und der Soma-Opfer, die kunstvolle Technik der Sāman-Gesänge mit ihren Stoma-Formen, sowie – für ein Brāhmaṇa ungewöhnlich reich – zahlreiche Erzählungen (ākhyānas), die es zu einer der literarisch lebendigsten Quellen der vedischen Prosa machen.

Diese Ausgabe folgt in Kāṇḍa- und Abschnittszählung der vollständigen digitalen Abschrift von Sanskrit Wikisource (abgerufen am 6. September 2026); als gedruckte Referenzausgabe ist Raghu Vira und Lokesh Chandra, Jaiminīya-Brāhmaṇa of the Sāmaveda, Nagpur 1954, ausgewiesen. Der Wikisource-Text wird unter CC BY-SA weitergegeben; diese abgeleitete zweisprachige Leseausgabe steht unter denselben Bedingungen. Fünf offenkundige Auszeichnungsfehler der digitalen Vorlage (eine falsche Kāṇḍa-Zuordnung bei I.335, fehlende Kāṇḍa-Ziffern bei I.356, II.95 und II.264, ein unvollständiges Abschnittsende bei III.264) sowie zwei fehlgeleitete Wikisource-Weiterleitungen (II.301–310, II.321–330) wurden für eine lückenlose Zählung stillschweigend berichtigt, ohne den Wortlaut der Abschnitte selbst anzutasten.

Die deutsche Übersetzung folgt derselben Methode, die bereits für die übrigen Werke dieser Bibliothek gilt: Sie strebt eine lesbare, dem Sinn folgende Wiedergabe an, kein philologisches Interlinear. Rituelle Fachbegriffe (Sāman-Namen, Stoma-Formen, Opfernamen u. Ä.) werden in der Regel unübersetzt belassen und im Glossar erläutert. Stellen, an denen der knappe, oft elliptische Stil des Brāhmaṇa-Sanskrit oder der Zustand der digitalen Vorlage mehrere Deutungen zulässt, sind mit „[?]“ markiert; erläuternde Anmerkungen erscheinen in eckigen Klammern als „[Anm.: …]“. Diese Kennzeichnungen sind ehrlich gemeint: Sie zeigen an, wo die Übersetzerin oder der Übersetzer eine Wahl getroffen hat, keine Gewissheit vortäuscht.

Mit dieser Ausgabe liegt das Jaiminīya-Brāhmaṇa nun vollständig übersetzt vor: Kāṇḍa 1 (364 Abschnitte), Kāṇḍa 2 (442 Abschnitte) und Kāṇḍa 3 (386 Abschnitte) – zusammen 1.192 Abschnitte in 57 Kapiteln –, jedes Kāṇḍa mit eigenem Kapitelüberblick. Vorwort, Einführung und Glossar wurden mit Abschluss der Übersetzung entsprechend erweitert; kleinere Ergänzungen und Korrekturen bleiben, wie bei den übrigen Werken dieser Bibliothek, auch künftig möglich.

Einführung

Die Jaiminīyas – auch Talavakāras genannt – sind eine der drei großen erhaltenen Schulen (śākhās) des Sāmaveda, neben den Kauthumas und Rāṇāyanīyas. Ihr eigentliches Brāhmaṇa, das hier vorliegende Jaiminīya-Brāhmaṇa, gehört zu den umfangreichsten und – wegen seines reichen Bestands an Erzählungen, Etymologien und miteinander konkurrierenden Lehrmeinungen verschiedener Sängerschulen – zu den literarisch eigenständigsten Texten der gesamten Brāhmaṇa-Literatur. Am Ende der Schulüberlieferung schließt sich, als eigener Text mit eigener Handschriftenüberlieferung, die Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa an, die in der Forschung als upaniṣadischer Ausläufer bzw. Anhang derselben Schule gilt und in ihren letzten Abschnitten wortgleich in die als eigenständiges Werk kanonisierte Kena-Upaniṣad übergeht.

Kāṇḍa 1 des JB, das diese Ausgabe vollständig enthält, ist der Deutung des Agnihotra – des täglichen Feueropfers am Morgen und Abend – und der großen Soma-Opfer gewidmet: der Herkunft der fünf Atemarten aus dem beim Feuerquirlen entstehenden Rauch, der Glut und der Asche, der Zählung und rituellen Bedeutung der einzelnen Trankopfer-Sequenzen, sowie, in großer technischer Ausführlichkeit, der Gliederung des Sāman-Gesangs in seine Teile (Hiṃkāra, Prastāva, Udgītha, Pratihāra, Upadrava, Nidhana) und der verschiedenen Stoma-Formen (u. a. Trivṛt-, Pañcadaśa- und Saptadaśastoma). Eingestreut sind zahlreiche Lehrerzählungen und Mythen – von Bhṛgu Vāruṇis Jenseitsreise über Trita Āptya im Brunnen und die vom Ṛgveda (8.91) übernommene Geschichte der Apālā bis zum Raub des Soma durch die personifizierten Versmaße und der abschließenden Kosmogonie von den drei Welten, drei Veden und drei Vyāhṛtis – sowie fortlaufende Streitgespräche zwischen benannten Lehrern (allen voran Śāṭyāyani), in denen konkurrierende Deutungen einander gegenübergestellt werden, ohne dass das Brāhmaṇa stets zu einer einzigen Auflösung fände.

Kāṇḍa 2 (442 Abschnitte, in dieser Ausgabe in 21 Kapiteln gegliedert) ist dem Gavāmayana gewidmet, dem ganzjährigen „Kühe-Wander-Opfer“: Nach den sechs Pṛṣṭha-Gesängen und der Weihe auf dem Thron der Sonne entfaltet es den großen Katalog der Eintags- und Ahīna-Opfer – darunter die Ṛṣiṣṭoma der sieben Sehergeschlechter, Vājapeya, Rājasūya und Aśvamedha – bis hin zum eigentlichen, monatelangen Sattra mit seinem Höhepunkt, dem Mahāvrata-Tag. Auch hier ist der ausführliche technische Stoff durchsetzt von zahlreichen Lehrerzählungen: Śvetaketus Herausforderung seines Vaters Āruṇi (desselben Uddālaka Āruṇi der späteren Upaniṣaden), der Tod des Vasiṣṭha-Sohnes Śakti, der Streit um Indras Vajra, sowie, den Abschluss des Kāṇḍa bildend, der vollständige Vala-Mythos von den durch die Paṇis geraubten Kühen und der treuen Hündin Saramā. Bemerkenswert sind zudem mehrere fast wörtliche Parallelen zur Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad, allen voran die Erzählung von König Janakas Kühen und Yājñavalkyas tödlichem Verhör des Vidagdha Śākalya.

Kāṇḍa 3 (386 Abschnitte, in 20 Kapiteln gegliedert) setzt das Zwölftage-Opfer (Dvādaśāha) fort, das den größten Teil des Kāṇḍa technisch wie mythologisch durchzieht. Eine lange Kette von Sāman-Ursprungsmythen – von Dadhyañc Ātharvaṇas berühmtem, den Aśvins zuliebe untergeschobenem Pferdehaupt (cf. Ṛgveda 1.116f.) bis zur eigenständigen Fassung der Cyavana-Sukanyā-Erzählung – mündet in den ausgedehnten Mahānāmnī-Sīmā-Śakvarī-Komplex, dessen zentrales Prinzip, das parokṣapriyatva („die Götter lieben das Verhüllte“), als durchgehendes Deutungsmuster des ganzen Kāṇḍa immer wiederkehrt. Erzählerische Höhepunkte bilden die abweichend überlieferte Zehnkönigsschlacht mit Bharadvāja statt Vasiṣṭha als Purohita und die Geschichte von Prajāpatis Begehren nach seiner Tochter Uṣas mit dem daraus entstehenden Ursprung der Menschheit; gegen Ende des Kāṇḍa folgt eine dichte Folge von Zahlen- und Versmaß-Kosmogonien, die in Indras Geburt aus Prajāpatis eigenem Zorn, einer zweiten, eigenständigen Fassung des Hiraṇyagarbha-Mythos und, den Abschluss des gesamten Jaiminīya-Brāhmaṇa bildend, einem nahezu wörtlichen Zitat des Schöpfungshymnus Ṛgveda 10.129 gipfeln.

Das JB wurde in der westlichen Forschung vergleichsweise spät erschlossen. Hanns Oertel veröffentlichte ab den 1890er Jahren in einer Serie von Aufsätzen in JAOS Auszüge und Studien unter dem Titel „Contributions from the Jaiminīya Brāhmaṇa to the History of the Brāhmaṇa Literature“ – Vorarbeiten, die er neben seiner Ausgabe der eng verwandten JUB (1896) betrieb. Die erste größere zusammenhängende Übersetzung ins Deutsche legte Willem Caland 1919 mit „Das Jaiminīya-Brāhmaṇa in Auswahl“ vor, einer kommentierten Auswahlübersetzung der auffälligsten Erzählungen und Streitgespräche. Eine vollständige Textausgabe erschien erst 1954 durch Raghu Vira und Lokesh Chandra. Die jüngere Forschung zur Jaiminīya-Schule, unter anderem durch Masato Fujii – der auch an der textkritischen Erschließung der JUB beteiligt war – sowie durch Yasuke Ikari und andere, hat seither zu einem vertieften Verständnis der Überlieferungsgeschichte beider Werke beigetragen; eine vollständige moderne Übersetzung des gesamten JB in eine westliche Sprache steht jedoch nach wie vor aus.

Diese Ausgabe ist mit dem Abschluss aller drei Kāṇḍas fertiggestellt: 364, 442 und 386 Abschnitte, zusammen 1.192, gegliedert in 16, 21 und 20 Kapitel. Struktur, Terminologie und Kennzeichnungskonventionen folgen denen der übrigen Werke dieser Bibliothek, in die sich das Jaiminīya-Brāhmaṇa nun vollständig vorliegend neben die Jaiminīya-Upaniṣad-Brāhmaṇa und die übrigen Brāhmaṇas dieser Sammlung einreiht.

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