athāto'tulyagotrīyaṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel des Śārīrasthāna erklären, das den Titel „Atulyagotrīya“ trägt.
Caraka-Saṃhitā · Shariirasthana
Das zweite Kapitel des Śārīrasthāna trägt den Titel „Atulyagotrīya“ – benannt nach dem fragenden Schüler Atulyagotra – und behandelt die Entstehung des Embryos aus Same und Menstrualblut sowie die Ursachen für Geschlecht, Zwillingsbildung, Unfruchtbarkeit und angeborene Fehlbildungen wie Zwittrigkeit oder Impotenz. Zentral ist die Lehre, dass das Kind vier Arten von Bestandteilen erbt – von Mutter, Vater, aus früherem Karma und aus der Nahrungsessenz –, wodurch Ähnlichkeiten mit den Vorfahren (dem „gotra“ des Kapiteltitels) erklärt werden: eine frühe, karmisch geprägte Vererbungstheorie. Historisch-philologisch reiht sich das Kapitel in die embryologische Kapitelfolge des Śārīrasthāna ein, die zu den detailliertesten Passagen der gesamten Saṃhitā zählt und Parallelen, aber auch eigene Akzente gegenüber der Embryologie der Suśruta-Saṃhitā aufweist. Botanische Substanzen treten kaum auf; im Vordergrund stehen physiologische und metaphysische Erklärungen von Zeugung, Seelenwanderung und Missbildung.
| Bezeichnung | Ursache | Merkmal |
|---|---|---|
| dviretas | Same und Blut gleich stark, aber beide erhitzt (geschädigt) | Zwitter mit doppeltem Samen, trägt Männliches und Weibliches zugleich |
| pavanendriya | Übermäßiger Väta zerstört den Samenbehälter des Embryos | „Windgeschlechtiger“ |
| saṃskäravähin | Väta verstopft den Zugang zum Samenbehälter | „Träger fremder Prägung“ |
| klíba (zwei Arten) | Keim ist schwach und zu gering an Menge | Zwei Formen kraftloser, lustloser Impotenz |
| (ohne Eigenname) – der „Verkrümmte“ | Störung beim Geschlechtsverkehr der Mutter während der Schwangerschaft, Schwäche des väterlichen Samens | Körperliche Verkrümmung |
| (ohne Eigenname) – der „Eifersüchtige“ | Mutter von Eifersucht überwältigt | Nur schwache Lust, Lust auf Eifersucht beruhend |
| vätikaṣaṇḷaka | Hoden gehen durch Störung von Väta und Agni zugrunde | „Windzwitter“ |
athāto'tulyagotrīyaṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel des Śārīrasthāna erklären, das den Titel „Atulyagotrīya“ trägt.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach einst der erhabene Ātreya.
atulyagotrasya rajaḥkṣayānte rahovisṛṣṭaṃ mithunīkṛtasya| kiṃ syāccatuṣpātprabhavaṃ ca ṣaḍbhyo yat strīṣu garbhatvamupaiti puṃsaḥ
Atulyagotra fragte: Was ist es, das am Ende der Menstruation heimlich abgegeben wird, wenn ein Paar sich vereinigt hat – jenes, das vierfachen Ursprung hat und aus sechs Bestandteilen entsteht, wodurch bei der Frau durch den Mann Schwangerschaft eintritt?
śukraṃ tadasya pravadanti dhīrā yaddhīyate garbhasamudbhavāya| vāyvagnibhūmyabguṇapādavattat ṣaḍbhyo rasebhyaḥ prabhavaśca tasya
Das, sagen die Weisen, ist der Same (śukra), der sich zur Entstehung des Embryos hingibt. Er hat die Eigenschaften von Wind (vāyu), Feuer (agni), Erde und Wasser als seine vier Grundlagen, und sein Ursprung liegt in den sechs Rasas, den aus der Nahrung entstehenden Säften.
sampūrṇadehaḥ samaye sukhaṃ ca garbhaḥ kathaṃ kena ca jāyate strī| garbhaṃ cirādvindati saprajā'pi bhūtvā'thavā naśyati kena garbhaḥ
Wie und wodurch entsteht ein Embryo, der zur rechten Zeit mit vollständig ausgebildetem Körper und ohne Beschwerden geboren wird – und wodurch entsteht ein Mädchen? Warum erlangt eine Frau, obwohl fruchtbar, den Embryo erst nach langer Zeit, und wodurch geht ein bereits entstandener Embryo wieder zugrunde?
śukrāsṛgātmāśayakālasampad yasyopacāraśca hitaistathā'nnaiḥ | garbhaśca kāle ca sukhī sukhaṃ ca sañjāyate samparipūrṇadehaḥ
Bei wem Same, Menstrualblut, Seele (ātman), Gebärmutter und Zeitpunkt allesamt vollkommen sind und wer zudem mit zuträglicher Nahrung gepflegt wird, dessen Embryo entsteht zur rechten Zeit, gedeiht in Wohlbefinden, wird mit vollständigem Körper geboren, und die Geburt selbst verläuft leicht.
yonipradoṣānmanaso'bhitāpācchukrāsṛgāhāravihāradoṣāt| akālayogādbalasaṅkṣayācca garbhaṃ cirādvindati saprajā'pi
Durch einen Fehler der Gebärmutter, durch seelischen Kummer, durch einen Fehler von Same, Menstrualblut, Nahrung oder Lebensweise, durch Vereinigung zur unrechten Zeit sowie durch Kraftverlust erlangt eine Frau, obwohl fruchtbar, den Embryo erst nach langer Zeit.
asṛṅgiruddhaṃ pavanena nāryā garbhaṃ vyavasyantyabudhāḥ kadācit| garbhasya rūpaṃ hi karoti tasyāstadasṛgasravi vivardhamānam
Manche Unwissende halten bisweilen das durch Vāta zurückgehaltene Blut einer Frau für einen Embryo; denn dieses nicht abfließende, anwachsende Blut nimmt tatsächlich die äußere Gestalt eines Embryos an.
tadagnisūryaśramaśokarogairūṣṇānnapānairathavā pravṛttam | dṛṣṭvā'sṛgekaṃ na ca garbhasañjñaṃ kecinnarā bhūtahṛtaṃ vadanti
Sehen sie hingegen, dass dieses Blut allein durch Hitze, Sonne, Anstrengung, Kummer oder Krankheit, oder auch durch heiße Speisen und Getränke wieder in Fluss gerät, und dass es die Bezeichnung „Embryo“ nicht verdient, so erklären manche es für von einem Dämon (bhūta) geraubt.
ojośanānāṃ rajanīcarāṇāmāhārahetorna śarīramiṣṭam| garbhaṃ hareyuryadi te na māturlabdhāvakāśā na hareyurojaḥ
Für nächtens wandelnde, ojas-verzehrende Wesen ist der Körper selbst nicht als Nahrung begehrenswert; würden sie den Embryo rauben, so nur, weil sie bei der Mutter keine andere Gelegenheit fänden – sonst würden sie nicht deren Ojas rauben.
kanyāṃ sutaṃ vā sahitau pṛthagvā sutau sute vā tanayān bahūn vā| kasmāt prasūte sucireṇa garbhameko'bhivṛddhiṃ ca yame'bhyupaiti
Warum gebiert eine Frau eine Tochter oder einen Sohn, beide zugleich oder getrennt, zwei Söhne, zwei Töchter oder auch viele Kinder auf einmal? Und warum entwickelt sich bei Zwillingen der eine Embryo lange Zeit langsamer, während der andere kräftiger heranwächst?
raktena kanyāmadhikena putraṃ śukreṇa tena dvividhīkṛtena| bījena kanyāṃ ca sutaṃ ca sūte yathāsvabījānyatarādhikena
Überwiegt das mütterliche Blut, gebiert sie eine Tochter; überwiegt der väterliche Same, einen Sohn; sind Same und Blut im so zweigeteilten Keim gleich stark vertreten, gebiert sie sowohl Tochter als auch Sohn – je nachdem, welcher der beiden Keimanteile überwiegt.
śukrādhikaṃ dvaidhamupaiti bījaṃ yasyāḥ sutau sā sahitau prasūte| raktādhikaṃ vā yadi bhedameti dvidhā sute sā sahite prasūte
Teilt sich bei einer Frau der durch überschüssigen Samen gebildete Keim in zwei Teile, so gebiert sie zwei Söhne zugleich; teilt sich hingegen der durch überschüssiges Blut gebildete Keim entzwei, so gebiert sie zwei Töchter zugleich.
bhinatti yāvadbahudhā prapannaḥ śukrārtavaṃ vāyuratipravṛddhaḥ| tāvantyapatyāni yathāvibhāgaṃ karmātmakānyasvavaśāt prasūte
In so viele Teile der übermäßig angewachsene Vāta, in den vereinigten Same und Menstrualblut eingedrungen, diese zerteilt, in so viele Kinder gebiert die Frau entsprechend dieser Teilung – Kinder, deren Zahl von ihrem früheren Karma bestimmt wird, nicht von ihrem eigenen Willen.
āhāramāpnoti yadā na garbhaḥ śoṣaṃ samāpnoti parisrutiṃ vā| taṃ strī prasūte sucireṇa garbhaṃ puṣṭo yadā varṣagaṇairapi syāt
Erhält der Embryo keine ausreichende Nahrung, so verkümmert er oder geht durch Ausfluss verloren; wird er aber genährt, so mag es selbst mehrerer Jahre bedürfen, bis die Frau diesen Embryo endlich, nach langer Zeit, gebiert.
karmātmakatvādviṣamāṃśabhedācchukrāsṛjorvṛddhimupaiti kukṣau| eko'dhiko nyūnataro dvitīya evaṃ yame'pyabhyadhiko viśeṣaḥ
Aufgrund des früheren Karmas und einer ungleichen Aufteilung der Anteile wachsen Same und Blut im Mutterleib unterschiedlich stark heran: der eine Embryo wird kräftiger, der zweite entsprechend schwächer – so besteht auch bei Zwillingen dieser Unterschied in der Stärke.
kasmāddviretāḥ pavanendriyo vā saṃskāravāhī naranāriṣaṇḍau| vakrī tatherṣyābhiratiḥ kathaṃ vā sañjāyate vātikaṣaṇḍako vā
Wodurch entsteht ein Zwitter mit doppeltem Samen (dviretas), ein „Windgeschlechtiger“ (pavanendriya), ein Träger fremder Prägung (saṃskāravāhin), ein Verkrümmter, einer, dessen Lust auf Eifersucht beruht, oder ein „Windzwitter“ (vātikaṣaṇḍaka)?
bījāt samāṃśādupataptabījāt strīpuṃsaliṅgī bhavati dviretāḥ| śukrāśayaṃ garbhagatasya hatvā karoti vāyuḥ pavanendriyatvam
Aus einem Keim mit gleichen, aber zugleich erhitzten (geschädigten) Anteilen von Same und Blut entsteht der Dviretas, der die Merkmale von Mann und Frau zugleich trägt. Zerstört dagegen der übermäßige Vāta den Samenbehälter des im Mutterleib befindlichen Embryos, so bewirkt er den Zustand des Pavanendriya.
śukrāśayadvāravighaṭṭanena saṃskāravāhaṃ kurute'nilaśca| mandālpabījāvabalāvaharṣau klībau ca heturvikṛtidvayasya
Indem er den Zugang zum Samenbehälter verstopft, bewirkt der Vāta den Zustand des Saṃskāravāhin; ist der Keim hingegen schwach und gering an Menge, entstehen zwei kraftlose, lustlose Impotente (klība) – dies ist die Ursache dieser beiden Störungen.
māturvyavāyapratighena vakrī syādbījadaurbalyatayā pituśca| īrṣyābhibhūtāvapi mandaharṣāvīrṣyāratereva vadanti hetum
Durch eine Störung beim Geschlechtsverkehr der Mutter während der Schwangerschaft und durch Schwäche des väterlichen Samens entsteht der Verkrümmte; und für jene, die von Eifersucht überwältigt sind und nur schwache Lust verspüren, nennt man ebenso die Eifersucht als Ursache.
vāyvagnidoṣādvṛṣaṇau tu yasya nāśaṃ gatau vātikaṣaṇḍakaḥ saḥ| ityevamaṣṭau vikṛtiprakārāḥ karmātmakānāmupalakṣaṇīyāḥ
Wessen Hoden aber durch eine Störung von Vāta und Agni zugrunde gehen, der ist ein Vātikaṣaṇḍaka. So sind diese acht Arten von Fehlbildungen, die auf früherem Karma beruhen, zu erkennen.
garbhasya sadyo'nugatasya kukṣau strīpunnapuṃsāmudarasthitānām| kiṃ lakṣaṇaṃ? kāraṇamiṣyate kiṃ sarūpatāṃ yena ca yātyapatyam
Welches sind die Anzeichen eines Embryos, der soeben in den Mutterleib eingetreten ist? Und was gilt bei den im Bauch befindlichen Embryonen als Ursache dafür, ob es ein Mädchen, ein Junge oder ein Napuṃsaka (Zwitter) wird, und wodurch nimmt der Nachkomme seine jeweilige Gestalt an?
niṣṭhīvikā gauravamaṅgasādastandrāpraharṣau hṛdaye vyathā ca| tṛptiśca bījagrahaṇaṃ ca yonyāṃ garbhasya sadyo'nugatasya liṅgam
Speichelfluss, ein Gefühl von Schwere, Mattigkeit der Glieder, Schläfrigkeit und Unlust, ein Unbehagen im Herzen, ein Gefühl der Sättigung sowie das Empfangen des Keims in der Gebärmutter – das sind die Anzeichen eines soeben eingetretenen Embryos.
savyāṅgaceṣṭā puruṣārthinī strī strīsvapnapānāśanaśīlaceṣṭā| savyāttagarbhā na ca vṛttagarbhā savyapradugdhā striyameva sūte
Eine Frau, die die rechte Körperseite bevorzugt bewegt, die sich nach einem Mann sehnt, dabei aber Träume, Trinken, Essen, Gewohnheiten und Verhalten einer Frau zeigt, die den Embryo auf der rechten Seite trägt, deren Leib nicht rund gewölbt ist und deren rechte Brust reichlicher Milch gibt – eine solche Frau gebiert dennoch nur ein Mädchen.
putraṃ tvato liṅgaviparyayeṇa vyāmiśraliṅgā prakṛtiṃ tṛtīyām| garbhopapattau tu manaḥ striyā yaṃ jantuṃ vrajettatsadṛśaṃ prasūte
Bei den entsprechend umgekehrten Anzeichen gebiert sie hingegen einen Sohn; bei gemischten Anzeichen entsteht die dritte Art, das Napuṃsaka. Doch welchem Wesen auch immer der Geist der Frau im Augenblick der Empfängnis zugewandt ist, ein diesem ähnliches Kind bringt sie zur Welt.
garbhasya catvāri caturvidhāni bhūtāni mātāpitṛsambhavāni| āhārajānyātmakṛtāni caiva sarvasya sarvāṇi bhavanti dehe
Vier Gruppen von Elementen, jede von vierfacher Art, bilden den Embryo: solche, die von der Mutter stammen, solche, die vom Vater stammen, solche, die aus der Nahrung entstehen, und solche, die vom eigenen Selbst (ātman) bewirkt sind; bei jedem Lebewesen sind sie alle im Körper vorhanden.
teṣāṃ viśeṣādbalavanti yāni bhavanti mātāpitṛkarmajāni| tāni vyavasyet sadṛśatvahetuṃ sattvaṃ yathānūkamapi vyavasyet
Von diesen sollte man diejenigen, die von Mutter, Vater und früherem Karma stammen und besonders kräftig ausgeprägt sind, als Ursache der Ähnlichkeit des Kindes mit den Vorfahren erkennen; ebenso sollte man das ererbte Gemüt (sattva) als diesen entsprechend erkennen.
kasmāt prajāṃ strī vikṛtāṃ prasūte hīnādhikāṅgīṃ vikalendriyāṃ vā| dehāt kathaṃ dehamupaiti cānyamātmā sadā kairanubadhyate ca
Warum gebiert eine Frau ein missgebildetes Kind – mit fehlenden oder überzähligen Gliedmaßen oder mit geschädigten Sinnesorganen? Und wie geht das Selbst (ātman) von einem Körper in einen anderen über, und wovon wird es dabei stets begleitet?
bījātmakarmāśayakāladoṣairmātustathā''hāravihāradoṣaiḥ| kurvanti doṣā vividhāni duṣṭāḥ saṃsthānavarṇendriyavaikṛtāni
Durch Fehler des Keims, des früheren Karmas, der Gebärmutter oder der Zeit sowie durch Fehler in Nahrung und Lebensweise der Mutter bewirken die dadurch gestörten Doṣas mancherlei Missbildungen an Körperbau, Hautfarbe und Sinnesorganen.
varṣāsu kāṣṭhāśmaghanāmbuvegāstaroḥ saritsrotasi saṃsthitasya| yathaiva kuryurvikṛtiṃ tathaiva garbhasya kukṣau niyatasya doṣāḥ
So wie in der Regenzeit die reißenden, mit Holz, Steinen und Wassermassen beladenen Fluten einem Baum schaden, der im Bett eines Flusses steht, ebenso schaden die gestörten Doṣas dem Embryo, der fest im Mutterleib verankert ist.
bhūtaiścaturbhiḥ sahitaḥ susūkṣmairmanojavo dehamupaiti dehāt| karmātmakatvānna tu tasya dṛśyaṃ divyaṃ vinā darśanamasti rūpam
Begleitet von den vier überaus feinstofflichen Elementen geht das Selbst, schnell wie der Gedanke, von einem Körper in einen anderen über; doch weil dieser Übergang auf Karma beruht, ist seine Gestalt nicht sichtbar – außer durch übersinnliche, göttliche Schau.
sa sarvagaḥ sarvaśarīrabhṛcca sa viśvakarmā sa ca viśvarūpaḥ| sa cetanādhāturatīndriyaśca sa nityayuk sānuśayaḥ sa eva
Es ist allgegenwärtig und trägt doch jeweils nur einen einzelnen Körper; es ist der Urheber allen Wirkens und hat doch alle Gestalten angenommen; es ist der Träger des Bewusstseins und den Sinnen entzogen; es ist stets mit dem Geist verbunden und ist zugleich mit den Nachwirkungen früherer Anhaftung behaftet – eben dieses ist das Selbst.
rasātmamātāpitṛsambhavāni bhūtāni vidyāddaśa ṣaṭ ca dehe| catvāri tatrātmani saṃśritāni sthitastathā''tmā ca caturṣu teṣu
Man wisse, dass im Körper sechzehn Elemente vereint sind, die aus dem Rasa, dem Selbst, der Mutter und dem Vater entstehen; von ihnen sind vier im Selbst verankert, und ebenso ist das Selbst in jenen vieren verankert.
bhūtāni mātāpitṛsambhavāni rajaśca śukraṃ ca vadanti garbhe| āpyāyyate śukramasṛk ca bhūtairyaistāni bhūtāni rasodbhavāni
Als von Mutter und Vater stammende Elemente im Embryo bezeichnet man das Menstrualblut und den Samen; genährt aber werden Same und Blut durch jene Elemente, die ihrerseits aus dem Nahrungssaft (rasa) entstehen.
bhūtāni catvāri tu karmajāni yānyātmalīnāni viśanti garbham| sa bījadharmā hyaparāparāṇi dehāntarāṇyātmani yāti yāti
Die vier vom früheren Karma erzeugten Elemente aber, die im Selbst ruhen, treten mit ihm in den Embryo ein; denn dieses Selbst, dessen Wesen an seine früheren Taten gebunden ist, geht, begleitet von jenen Elementen, immer wieder von einem Körper in einen anderen über.
rūpāddhi rūpaprabhavaḥ prasiddhaḥ karmātmakānāṃ manaso manastaḥ| bhavanti ye tvākṛtibuddhibhedārajastamastatra ca karma hetuḥ
Bekannt ist, dass bei den auf Karma beruhenden Wiedergeburten Gestalt aus früherer Gestalt und Geist aus früherem Geist entsteht; die dabei auftretenden Unterschiede in Körperform und Verstand aber haben ihre Ursache im Wirken von Rajas und Tamas.
atīndriyaistairatisūkṣmarūpairātmā kadācinna viyuktarūpaḥ| na karmaṇā naiva manomatibhyāṃ na cāpyahaṅkāravikāradoṣaiḥ
Von jenen übersinnlichen, überaus feinstofflichen Elementen ist das Selbst niemals wirklich getrennt – ebenso wenig vom Karma, von Geist und Verstand, noch von den krankmachenden Verzerrungen des Ich-Bewusstseins (ahaṅkāra).
rajastamobhyāṃ hi mano'nubaddhaṃ jñānaṃ vinā tatra hi sarvadoṣāḥ| gatipravṛttyostu nimittamuktaṃ manaḥ sadoṣaṃ balavacca karma
Denn solange ihm rechtes Wissen fehlt, ist der Geist an Rajas und Tamas gebunden, und darin liegen alle seelischen Fehler begründet. Als Ursache für das Wandern von Körper zu Körper und für das gegenwärtige Handeln aber gelten der so fehlerbehaftete Geist sowie das übermächtige frühere Karma.
rogāḥ kutaḥ saṃśamanaṃ kimeṣāṃ harṣasya śokasya ca kiṃ nimittam| śarīrasattvaprabhavā vikārāḥ kathaṃ na śāntāḥ punarāpateyuḥ
Woher kommen Krankheiten, und was ist ihre Heilung? Was ist die Ursache von Freude und von Kummer? Und wie kommt es, dass die aus Körper und Geist entstehenden Störungen, sind sie einmal zur Ruhe gekommen, nicht wiederkehren?
prajñāparādho viṣamāstathā'rthā hetustṛtīyaḥ pariṇāmakālaḥ| sarvāmayānāṃ trividhā ca śāntirjñānārthakālāḥ samayogayuktāḥ
Der Verstandesfehler (prajñāparādha), ferner das unangemessene Zusammentreffen mit den Sinnesobjekten und drittens der natürliche Wandel der Zeit (der Jahreszeiten) sind die drei Ursachen. Und die Heilung aller Krankheiten ist entsprechend dreifach: rechtes Wissen, der rechte Umgang mit den Sinnesobjekten und das rechte Verhalten zur Zeit, jeweils im richtigen Maß angewandt.
dharmyāḥ kriyā harṣanimittamuktāstato'nyathā śokavaśaṃ nayanti| śarīrasattvaprabhavāstu rogāstayoravṛttyā na bhavanti bhūyaḥ
Pflichtgemäße Handlungen gelten als Ursache der Freude; ihr Gegenteil führt in die Gewalt des Kummers. Die aus Körper und Geist entstehenden Krankheiten aber entstehen nicht wieder, wenn man von diesen beiden – Verstandesfehler und Kummer – absieht.
rūpasya sattvasya ca santatiryā noktastadādirnahi so'sti kaścit| tayoravṛttiḥ kriyate parābhyāṃ dhṛtismṛtibhyāṃ parayā dhiyā ca
Die Fortdauer von Körper und Geist im Kreislauf der Wiedergeburten ist ohne Anfang – dafür lässt sich kein erster Ursprung benennen. Ihr Aufhören aber wird durch zwei höchste Kräfte bewirkt: durch Selbstbeherrschung und Erinnerung sowie durch höchste Einsicht.
satyāśraye vā dvividhe yathokte pūrvaṃ gadebhyaḥ pratikarma nityam| jitendriyaṃ nānupatanti rogāstatkālayuktaṃ yadi nāsti daivam
Wer sich stets, wie zuvor beschrieben, auf diese beiden Grundlagen der Wahrheit stützt und rechtzeitig die geeigneten Gegenmaßnahmen gegen Krankheiten ergreift, den befallen, sofern kein unabwendbares früheres Schicksal (daiva) entgegensteht, keine Krankheiten – denn er hat seine Sinne gemeistert.
daivaṃ purā yat kṛtamucyate tat tat pauruṣaṃ yattviha karma dṛṣṭam| pravṛttiheturviṣamaḥ sa dṛṣṭo nivṛttiheturhi samaḥ sa eva
Was in einem früheren Leben getan wurde, nennt man Schicksal (daiva); was hingegen jetzt, in diesem Leben, als Handeln sichtbar wird, nennt man menschliches Wirken (pauruṣa). Falsch ausgeführt, gilt dieses als Ursache für das Fortbestehen der Krankheit; recht ausgeführt hingegen ebenso als Ursache für deren Beendigung.
haimantikaṃ doṣacayaṃ vasante pravāhayan graiṣmikamabhrakāle| ghanātyaye vārṣikamāśu samyak prāpnoti rogānṛtujānna jātu
Wer die im Winter angesammelten Doṣas im Frühling ausleitet, die des Sommers zur Regenzeit und die der Regenzeit am Ende der Regenzeit, jeweils rechtzeitig und in rechter Weise, den befallen niemals durch die Jahreszeiten bedingte Krankheiten.
naro hitāhāravihārasevī samīkṣyakārī viṣayeṣvasaktaḥ| dātā samaḥ satyaparaḥ kṣamāvānāptopasevī ca bhavatyarogaḥ
Ein Mensch, der sich zuträglicher Nahrung und Lebensweise befleißigt, der besonnen, nach reiflicher Überlegung handelt, der nicht an den Sinnesobjekten haftet, der freigebig, ausgeglichen, der Wahrheit zugetan und geduldig ist und sich an vertrauenswürdige, weise Menschen hält, bleibt frei von Krankheit.
matirvacaḥ karma sukhānubandhaṃ sattvaṃ vidheyaṃ viśadā ca buddhiḥ| jñānaṃ tapastatparatā ca yoge yasyāsti taṃ nānupatanti rogāḥ
Wessen Denken, Reden und Handeln auf Wohlergehen ausgerichtet sind, wessen Gemüt beherrschbar und wessen Verstand klar ist, wer über Wissen, Selbstdisziplin (tapas) und Hingabe an die geistige Vereinigung (Yoga) verfügt – den befallen keine Krankheiten.
tatra ślokaḥ| ihāgniveśasya mahārthayuktaṃ ṣaṭtriṃśakaṃ praśnagaṇaṃ maharṣiḥ| atulyagotre bhagavān yathāvannirṇītavān jñānavivardhanārtham
Dazu der Merkvers: Hier hat der große Weise, der erhabene Ātreya, zur Mehrung des Wissens dem Agniveśa im Zusammenhang mit Atulyagotra die aus sechsunddreißig Fragen bestehende, bedeutungsreiche Fragenreihe der Reihe nach zutreffend beantwortet.