Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Shariirasthana

Adhyāya 5: Purusha Vichaya Sharira Der Mensch als Abbild des Kosmos

Das fünfte Kapitel des Śārīrasthāna, der „Untersuchung des Menschen“ (puruṣavicaya) gewidmet, eröffnet den anatomisch-physiologischen Teil der Caraka-Saṃhitā auf ungewöhnlich philosophische Weise: Ātreya legt die berühmte Lehre von der Entsprechung zwischen Mensch (puruṣa) und Kosmos (loka) dar, wonach dieselben Elemente – Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum und das innere Selbst – sowohl den Makrokosmos als auch den menschlichen Körper konstituieren. Von hier aus entwickelt das Kapitel eine regelrechte Erlösungslehre: Begierde und Verblendung als Wurzel allen Strebens, die Reinigung des Gemüts (sattva) und schließlich mokṣa, die Befreiung, als höchstes Ziel. Medizinisch begründet dies die ayurvedische Grundüberzeugung, dass Heilkunde den ganzen Menschen samt seiner geistig-seelischen Verfassung erfasst; botanischer Inhalt fehlt fast völlig, da das Kapitel primär der samkhya-nahen Naturphilosophie gewidmet ist, auf der die folgenden, konkreteren Kapitel zu Körperbau und Fortpflanzung aufbauen.

Entsprechungen von Kosmos und Mensch (Vers 4–5)
Im KosmosIm Menschen
Erdefeste Form (Körper)
WasserFeuchtigkeit
FeuerWärme
WindAtem (präṇa)
Raum (äkäśa)Hohlräume
Brahmaninneres Selbst (antarätman)
Prajäpatisattva (Geist)
IndraIch-Bewusstsein (ahaṅkära)
ÄdityaAufnahmekraft
RudraZorn
SomaHeiterkeit
die VasusGlück
die AśvinGlanz
MarutTatendrang
die ViśvedevasSinnesorgane und Sinnesobjekte
Tamas (Finsternis)Verblendung
LichtErkenntnis
Ergänzend vergleicht der Text die Lebensphasen des Menschen mit den vier Weltzeitaltern: Entstehung des Kosmos – Empfängnis, Kṛtayuga – Kindheit, Tretäyuga – Jugend, Dväparayuga – Alter, Kaliyuga – Gebrechlichkeit, Ende eines Zeitalters – Tod.

athātaḥ puruṣavicayaṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über die Untersuchung (vicaya) des Menschen (puruṣa) im Śārīrasthāna darlegen.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

‘puruṣo'yaṃ lokasammitaḥ’ ityuvāca bhagavān punarvasurātreyaḥ| yāvanto hi loke (mūrtimanto ) bhāvaviśeṣāstāvantaḥ puruṣe, yāvantaḥ puruṣe tāvanto loke; ityevaṃvādinaṃbhagavantamātreyamagniveśa uvāca- naitāvatā vākyenoktaṃ vākyārthamavagāhāmahe, bhagavatā buddhyā bhūyastaramato'nuvyākhyāyamānaṃśuśrūṣāmaha iti

„Dieser Mensch (puruṣa) ist dem Kosmos (loka) gleichgestaltet“, sprach der erhabene Punarvasu Ātreya. Denn so viele besondere, formhafte Erscheinungen (bhāva) es im Kosmos gibt, ebenso viele gibt es im Menschen; und so viele es im Menschen gibt, ebenso viele gibt es im Kosmos. Als der erhabene Ātreya so sprach, sagte Agniveśa zu ihm: „Mit diesen Worten allein erfassen wir den Sinn der Aussage nicht; wir möchten hören, wie der Erhabene dies mit seiner Einsicht ausführlicher darlegt.“

tamuvāca bhagavānātreyaḥ- aparisaṅkhyeyā lokāvayavaviśeṣāḥ, puruṣāvayavaviśeṣā apyaparisaṅkhyeyāḥ; teṣāṃ yathāsthūlaṃkaticidbhāvān sāmānyamabhipretyodāhariṣyāmaḥ, tānekamanā nibodha samyagupavarṇyamānānagniveśa!| ṣaḍdhātavaḥ samuditāḥ 'loka' iti śabdaṃ labhante; tadyathā- pṛthivyāpastejo vāyurākāśaṃ brahma cāvyaktamiti, eta eva caṣaḍdhātavaḥ samuditāḥ 'puruṣa' iti śabdaṃ labhante

Da sprach der erhabene Ātreya zu ihm: Die besonderen Bestandteile des Kosmos sind unzählbar, und ebenso sind die besonderen Bestandteile des Menschen unzählbar. Von diesen wollen wir, grob umrissen, einige Erscheinungen im Hinblick auf ihre Gemeinsamkeit (sāmānya) nennen; höre sie aufmerksam, Agniveśa, während sie ordnungsgemäß dargelegt werden! Sechs Elemente (dhātu, hier: Grundbestandteile) erhalten, wenn sie vereinigt sind, die Bezeichnung „Kosmos“; nämlich Erde, Wasser, Feuer, Wind, Raum (ākāśa) und das Unentfaltete (avyakta) als Brahman. Eben diese sechs Elemente erhalten, wenn sie vereinigt sind, die Bezeichnung „Mensch“.

tasya puruṣasya pṛthivī mūrtiḥ, āpaḥ kledaḥ, tejo'bhisantāpaḥ, vāyuḥ prāṇaḥ, viyat suṣirāṇi, brahma antarātmā| yathā khalu brāhmī vibhūtirloke tathā puruṣe'pyāntarātmikī vibhūtiḥ, brahmaṇo vibhūtirloke prajāpatirantarātmano vibhūtiḥ puruṣesattvaṃ, yastvindro loke sa puruṣe'haṅkāraḥ, ādityastvādānaṃ, rudro roṣaḥ, somaḥ prasādaḥ, vasavaḥ sukham, aśvinau kāntiḥ,marudutsāhaḥ, viśvedevāḥ sarvendriyāṇi sarvendriyārthāśca, tamo mohaḥ, jyotirjñānaṃ, yathā lokasya sargādistathā puruṣasya garbhādhānaṃ,yathā kṛtayugamevaṃ bālyaṃ, yathā tretā tathā yauvanaṃ, yathā dvāparastathā sthāviryaṃ, yathā kalirevamāturyaṃ, yathā yugāntastathāmaraṇamiti| evametenānumānenānuktānāmapi lokapuruṣayoravayavaviśeṣāṇāmagniveśa! sāmānyaṃ vidyāditi

Bei diesem Menschen ist die Erde die feste Form, das Wasser die Feuchtigkeit, das Feuer die Wärme, der Wind der Atem (prāṇa), der Raum die Hohlräume, Brahman das innere Selbst (antarātman). So wie es im Kosmos eine Manifestation Brahmans gibt, so gibt es auch im Menschen eine Manifestation des inneren Selbst: Was im Kosmos die Manifestation Brahmans ist, das ist Prajāpati; was im Menschen die Manifestation des inneren Selbst ist, das ist sattva (die geistige Substanz, das reine Bewusstseinsprinzip). Was im Kosmos Indra ist, das ist im Menschen der Ahaṅkāra (das Ich-Bewusstsein); was Āditya ist, das ist die Aufnahmekraft; was Rudra ist, das ist der Zorn; was Soma ist, das ist die Heiterkeit; was die Vasus sind, das ist das Glück; was die Aśvin sind, das ist der Glanz; was Marut ist, das ist der Tatendrang; was die Viśvedevas sind, das sind alle Sinnesorgane und alle Sinnesobjekte; was Tamas (Finsternis) ist, das ist die Verblendung; was Licht ist, das ist die Erkenntnis. So wie der Kosmos seinen Anfang in der Schöpfung hat, so hat der Mensch seinen Anfang in der Empfängnis; so wie das Kṛtayuga ist, so ist die Kindheit; so wie das Tretāyuga ist, so ist die Jugend; so wie das Dvāparayuga ist, so ist das Alter; so wie das Kaliyuga ist, so ist die Gebrechlichkeit des hohen Alters; so wie das Ende eines Zeitalters ist, so ist der Tod. Auf diese Weise, durch diesen Analogieschluss, erkenne, Agniveśa, auch die Übereinstimmung der nicht eigens genannten besonderen Bestandteile von Kosmos und Mensch.

evaṃvādinaṃ bhagavantamātreyamagniveśa uvāca- evametat sarvamanapavādaṃ yathoktaṃ bhagavatā lokapuruṣayoḥ sāmānyam| kinnvasya sāmānyopadeśasya prayojanamiti

Als der erhabene Ātreya so sprach, sagte Agniveśa zu ihm: So ist es, und all das, was der Erhabene über die Übereinstimmung von Kosmos und Mensch gesagt hat, ist unwiderlegbar. Doch welchen Zweck hat diese Lehre von der Übereinstimmung?

bhagavānuvāca-śṛṇvagniveśa! sarvalokamātmanyātmānaṃ ca sarvaloke samamanupaśyataḥ satyā buddhiḥ samutpadyate| sarvalokaṃ hyātmani paśyato bhavatyātmaiva sukhaduḥkhayoḥ kartā nānya iti|karmātmakatvācca hetvādibhiryuktaḥ sarvaloko'hamiti viditvā jñānaṃ pūrvamutthāpyate'pavargāyeti|tatra saṃyogāpekṣīlokaśabdaḥ| ṣaḍdhātusamudāyo hi sāmānyataḥ sarvalokaḥ

Der Erhabene sprach: Höre, Agniveśa! Wer den gesamten Kosmos im Selbst und das Selbst gleichermaßen im gesamten Kosmos erblickt, in dem entsteht wahre Erkenntnis. Denn wer den gesamten Kosmos im Selbst erblickt, für den wird das Selbst allein zum Urheber von Glück und Leid, kein anderer. Und weil der Mensch wesenhaft aus Handlung (karman) besteht, ist er durch Ursachen und dergleichen an den Kosmos gebunden; im Wissen „ich bin der gesamte Kosmos“ wird zuerst jene Erkenntnis geweckt, die zur Erlösung (apavarga) führt. Dabei bezieht sich das Wort „Kosmos“ auf die zeitweilige Verbindung der Elemente; denn die Gesamtheit der sechs Elemente ist, allgemein betrachtet, der gesamte Kosmos.

tasya hetuḥ, utpattiḥ, vṛddhiḥ, upaplavaḥ, viyogaśca| tatra heturutpattikāraṇaṃ, utpattirjanma, vṛddhirāpyāyanam, upaplavo duḥkhāgamaḥ, ṣaḍdhātuvibhāgo viyogaḥ sajīvāpagamaḥ saprāṇanirodhaḥ sa bhaṅgaḥ sa lokasvabhāvaḥ| tasya mūlaṃ sarvopaplavānāṃ ca pravṛttiḥ, nivṛttiruparamaḥ| pravṛttirduḥkhaṃ, nivṛttiḥ sukhamiti yajjñānamutpadyate tat satyam| tasya hetuḥ sarvalokasāmānyajñānam| etatprayojanaṃ sāmānyopadeśasyeti

Diese Verbindung hat eine Ursache, eine Entstehung, ein Wachstum, ein Unglück und eine Trennung. Dabei ist die Ursache der Grund der Entstehung, die Entstehung die Geburt, das Wachstum das Gedeihen, das Unglück das Eintreten von Leid, und die Trennung der sechs Elemente ist die Trennung: sie geht einher mit dem Weichen des Lebens, dem Aufhören des Atems; sie ist der Zerfall, sie ist das Wesen des Kosmos. Die Wurzel dieser Trennung und aller Unglücke ist das triebhafte Streben (pravṛtti); die Wurzel der Ruhe ist das Aufhören des Strebens (nivṛtti). „Das Streben ist Leid, das Aufhören ist Glück“ – diese Erkenntnis, die daraus entsteht, ist die wahre. Ihre Ursache ist das Wissen um die Übereinstimmung des gesamten Kosmos mit dem Menschen. Dies ist der Zweck der Lehre von der Übereinstimmung.

athāgniveśa uvāca- kimmūlā bhagavan! pravṛttiḥ, nivṛttau ca ka upāya iti

Da sprach Agniveśa: Erhabener, worin wurzelt das Streben, und welches ist das Mittel zum Aufhören?

bhagavānuvāca- mohecchādveṣakarmamūlā pravṛttiḥ| tajjā hyahaṅkārasaṅgasaṃśayābhisamplavābhyavapātavipratyayāviśeṣānupāyāstaruṇamiva drumamativipulaśākhāstaravo'bhibhūyapuruṣamavatatyaivottiṣṭhante; yairabhibhūto na sattāmativartate| prokṣaṇānaśanāgnihotratriṣavaṇābhyukṣaṇāvāhanayājanayajanayācanasalilahutāśanapraveśādayaḥ samārambhāḥprocyante hyanupāyāḥ| evamayamadhīdhṛtismṛtirahaṅkārābhiniviṣṭaḥ saktaḥ sasaṃśayo'bhisamplutabuddhirabhyavapatito'nyathādṛṣṭiraviśeṣagrāhīvimārgagatirnivāsavṛkṣaḥ sattvaśarīradoṣamūlānāṃ sarvaduḥkhānāṃ bhavati| evamahaṅkārādibhirdoṣairbhrāmyamāṇo nātivartate pravṛttiṃ, sā ca mūlamaghasya

Der Erhabene sprach: Das Streben wurzelt in Verblendung, Begierde und Hass sowie dem daraus folgenden Handeln. Aus ihm entstehen Ich-Bezogenheit (ahaṅkāra), Anhaftung, Zweifel, Verwirrung, Fehleinschätzung und irrige, undifferenzierte Auffassung – lauter untaugliche Mittel; sie überwältigen den Menschen wie zahllose, überreich verzweigte Bäume einen jungen Baum überwuchern und niederhalten, sodass er, von ihnen überwältigt, sich nicht mehr über sein bloßes Dasein erhebt. Unternehmungen wie Besprengung, Fasten, Feueropfer, die drei täglichen Trankspenden, Waschungen, Anrufungen, Opferhandlungen für andere, eigenes Opfern, Betteln, Wassergüsse und das Eingehen ins Feuer werden ebenfalls, wenn ohne rechte Erkenntnis vollzogen, als untaugliche Mittel bezeichnet. So wird dieser Mensch, obwohl mit Erkenntnis, Willenskraft und Gedächtnis ausgestattet, doch von Ich-Bezogenheit besessen, angehaftet, von Zweifeln geplagt, in seiner Erkenntnis verwirrt, in Fehleinschätzung befangen, mit verkehrter Sicht, undifferenzierter Auffassung, auf Abwegen wandelnd, zur Herberge all der Leiden, deren Wurzel die Fehler (doṣa) von sattva und Körper sind. So, von Ich-Bezogenheit und den übrigen Fehlern umhergetrieben, überwindet er das Streben nicht; und dieses Streben ist die Wurzel des Übels.

nivṛttirapavargaḥ; tat paraṃ praśāntaṃ tattadakṣaraṃ tadbrahma sa mokṣaḥ

Das Aufhören des Strebens ist die Erlösung (apavarga); jenes ist das Höchste, das gänzlich Befriedete, das Unvergängliche, das Brahman – das ist die Befreiung (mokṣa).

tatra mumukṣūṇāmudayanāni vyākhyāsyāmaḥ| tatra lokadoṣadarśino mumukṣorādita evācāryābhigamanaṃ, tasyopadeśānuṣṭhānam, agnerevopacaryā, dharmaśāstrānugamanaṃ, tadārthāvabodhaḥ,tenāvaṣṭambhaḥ, tatra yathoktāḥ kriyāḥ, satāmupāsanam, asatāṃ parivarjanam, asaṅgatirdurjanena, satyaṃsarvabhūtahitamaparuṣamanatikāle parīkṣya vacanaṃ, sarvaprāṇiṣu cātmanīvāvekṣā, sarvāsāmasmaraṇamasaṅkalpanamaprārthanamanabhibhāṣaṇaṃ castrīṇāṃ, sarvaparigrahatyāgaḥ, kaupīnaṃ pracchādanārthaṃ, dhāturāganivasanaṃ, kanthāsīvanahetoḥ sūcīpippalakaṃ, śaucādhānatorjalakuṇḍikā,daṇḍadhāraṇaṃ, bhaikṣacaryārthaṃ pātraṃ, prāṇadhāraṇārthamekakālamagrāmyo yathopapanno'bhyavahāraḥ, śramāpanayanārthaṃśīrṇaśuṣkaparṇatṛṇāstaraṇopadhānaṃ, dhyānahetoḥ kāyanibandhanaṃ, vaneṣvaniketavāsaḥ, tandrānindrālasyādikarmavarjanaṃ,indriyārtheṣvanurāgopatāpanigrahaḥ, suptasthitagataprekṣitā hāravihārapratyaṅgaceṣṭādikeṣvārambheṣu smṛtipūrvikā pravṛttiḥ,satkārastutigarhāvamānakṣamatvaṃ, kṣutpipāsāyāsaśramaśītoṣṇavātavarṣāsukhaduḥkhasaṃsparśasahatvaṃ,śokadainyamānodvegamadalobharāgerṣyābhayakrodhādibhirasañcalanam, ahaṅkārādiṣūpasargasañjñā, lokapuruṣayoḥsargādisāmānyāvekṣaṇaṃ, kāryakālātyayabhayaṃ, yogārambhe satatamanirvedaḥ, sattvotsāhaḥ, apavargāya dhīdhṛtismṛtibalādhānaṃ;niyamanamindriyāṇāṃ cetasi, cetasa ātmani, ātmanaśca; dhātubhedena śarīrāvayavasaṅkhyānamabhīkṣṇaṃ, sarvaṃkāraṇavadduḥkhamasvamanityamityabhyupagamaḥ, sarvapravṛttiṣvaghasañjñā [6] , sarvasannyāse sukhamityabhiniveśaḥ; eṣa mārgo'pavargāya,ato'nyathā badhyate; ityudayanāni vyākhyātāni

Nun wollen wir die Aufstiegsstufen derer darlegen, die nach Befreiung streben. Für den, der nach Befreiung strebt und die Fehlerhaftigkeit des Kosmos erkannt hat, ist zunächst das Aufsuchen eines Lehrers erforderlich, sodann die Befolgung seiner Unterweisung, der Dienst am heiligen Feuer allein, das Befolgen der Rechtslehre (dharmaśāstra), das Verstehen ihres Sinnes, das Sich-darauf-Stützen; ferner die dort vorgeschriebenen Riten, die Verehrung der Guten, das Meiden der Schlechten, keine Gemeinschaft mit üblen Menschen; wahrhaftige, allen Wesen zuträgliche, unraue, zur rechten Zeit nach Prüfung gesprochene Rede; das Betrachten aller Lebewesen wie das eigene Selbst; das Nicht-Erinnern, Nicht-Begehren, Nicht-Verlangen und Nicht-Ansprechen von Frauen jeglicher Art; das Aufgeben allen Besitzes; ein Lendentuch nur zur Bedeckung, ein Gewand aus gefärbtem Stoff; Nadel und kleiner Spaten zum Nähen des Flickenmantels; ein Wasserkrug zur Reinhaltung; das Tragen eines Stabes; eine Bettelschale für den Almosengang; einmal täglich, unaufdringlich, nur mit dem, was sich schicklich ergibt, die Nahrungsaufnahme zum bloßen Erhalt des Lebens; zur Beseitigung der Erschöpfung ein Lager und Kissen aus verwelktem, trockenem Laub und Gras; zur Sammlung in der Meditation das Fesseln des Körpers in fester Sitzhaltung; das Wohnen ohne feste Behausung in den Wäldern; das Meiden von Trägheit, Schlafsucht, Faulheit und dergleichen; das Zurückhalten von Zuneigung und Abneigung gegenüber den Sinnesobjekten; bei allen Unternehmungen – Liegen, Stehen, Gehen, Blicken, Essen, Wandeln, den Bewegungen der Glieder und dergleichen – ein von Achtsamkeit geleitetes Handeln; Gleichmut gegenüber Ehrung, Lob, Tadel und Verachtung; das Ertragen von Hunger, Durst, Anstrengung, Erschöpfung, Kälte, Hitze, Wind, Regen sowie angenehmer und unangenehmer Berührung; Unerschütterlichkeit gegenüber Kummer, Elend, Hochmut, Angst, Rausch, Habgier, Leidenschaft, Neid, Furcht, Zorn und dergleichen; das Erkennen von Ich-Bezogenheit und den übrigen Fehlern als Störungen; das Betrachten der Gemeinsamkeit von Kosmos und Mensch hinsichtlich Entstehung und dergleichen; die Furcht, den rechten Zeitpunkt für die notwendige Aufgabe zu versäumen; beständige Unverdrossenheit beim Beginnen der Yoga-Übung; Tatkraft des sattva; das Stärken von Erkenntnis, Willenskraft und Gedächtnis im Hinblick auf die Erlösung; das Zügeln der Sinne im Denken (citta), des Denkens im Selbst, und zuletzt des Selbst in sich selbst; das wiederholte Durchdenken der Gliederung des Körpers nach seinen Bestandteilen; die Anerkenntnis, dass alles, was eine Ursache hat, leidvoll, nicht das Eigene und unbeständig ist; das Erkennen jeglichen Strebens als Übel; die feste Überzeugung, dass im gänzlichen Verzicht auf alles das Glück liegt – dies ist der Weg zur Erlösung; wer anders handelt, bleibt gebunden. So sind die Aufstiegsstufen dargelegt.

etairavimalaṃ sattvaṃ śuddhyupāyairviśudhyati| mṛjyamāna ivādarśastailacelakacādibhiḥ

Durch diese Mittel der Läuterung wird das getrübte sattva rein, so wie ein Spiegel rein wird, der mit Öl, Tuch, Haaren und dergleichen poliert wird.

grahāmbudarajodhūmanīhārairasamāvṛtam| yathā'rkamaṇḍalaṃ bhāti bhāti sattvaṃ tathā'malam

So wie die Sonnenscheibe strahlt, wenn sie nicht von Planetenverfinsterung, Wolken, Staub, Rauch und Nebel verhüllt ist, so strahlt das sattva, wenn es rein ist.

jvalatyātmani saṃruddhaṃ tat sattvaṃ saṃvṛtāyane| śuddhaḥ sthiraḥ prasannārcirdīpo dīpāśaye yathā

Jenes sattva erglänzt, im Selbst gesammelt, an geschütztem Ort, so wie eine reine, stille Lampe mit klarer Flamme in einer windgeschützten Lampennische ruhig brennt.

śuddhasattvasya yā śuddhā satyā buddhiḥ pravartate| yayā bhinattyatibalaṃ mahāmohamayaṃ tamaḥ

Die reine, wahre Erkenntnis, die bei reinem sattva entsteht, durch die man die überaus mächtige, aus großer Verblendung bestehende Finsternis durchbricht,

sarvabhāvasvabhāvajño yayā bhavati niḥspṛhaḥ| yogaṃ yayā sādhayate sāṅkhyaḥ sampadyate yayā

durch die man das Wesen aller Dinge erkennt und begierdelos wird, durch die man Yoga vollendet und zum Sāṅkhya wird,

yayā nopaityahaṅkāraṃ nopāste kāraṇaṃ yayā| yayā nālambate kiñcit sarvaṃ sannyasyate yayā

durch die man nicht mehr der Ich-Bezogenheit verfällt, durch die man sich nicht mehr an eine erste Ursache klammert, durch die man an nichts mehr festhält, durch die man allem entsagt,

yāti brahma yayā nityamajaraṃ śāntamavyayam | vidyā siddhirmatirmedhā prajñā jñānaṃ ca sā matā

durch die man zum ewigen, alterslosen, befriedeten, unvergänglichen Brahman gelangt – sie wird Wissen, Vollendung, Einsicht, Verstand, Weisheit und Erkenntnis genannt.

loke vitatamātmānaṃ lokaṃ cātmani paśyataḥ| parāvaradṛśaḥ śāntirjñānamūlā na naśyati

Für den, der das im Kosmos ausgebreitete Selbst und den Kosmos im Selbst erblickt, der das Höhere und das Niedere gleichermaßen schaut, vergeht der in Erkenntnis wurzelnde Friede nicht.

paśyataḥ sarvabhāvān hi sarvāvasthāsu sarvadā| brahmabhūtasya saṃyogo na śuddhasyopapadyate

Denn für den, der alle Dinge in allen Zuständen stets in ihrer wahren Natur erblickt, der zum Brahman geworden und rein ist, kommt keine neue Verbindung mit dem Kreislauf des Werdens mehr zustande.

nātmanaḥ karaṇābhāvālliṅgamapyupalabhyate| sa sarvakaraṇāyogānmukta ityabhidhīyate

Weil dem Selbst die Werkzeuge (die Sinnesorgane und der Geist) fehlen, wird an ihm auch kein unterscheidendes Merkmal mehr wahrgenommen. Weil es von allen Werkzeugen gelöst ist, wird es als „befreit“ bezeichnet.

vipāpaṃ virajaḥ śāntaṃ paramakṣaramavyayam| amṛtaṃ brahma nirvāṇaṃ paryāyaiḥ śāntirucyate

Frei von Übel, frei von Trübung, befriedet, das höchste Unvergängliche, das Beständige, die Unsterblichkeit, Brahman, Nirvāṇa – mit diesen Worten als Synonymen wird der Friede bezeichnet.

etattat saumya! vijñānaṃ yajjñātvā muktasaṃśayāḥ| munayaḥ praśamaṃ jagmurvītamoharajaḥspṛhāḥ

Dies, mein Lieber, ist jene Erkenntnis, durch deren Erlangung die Weisen, von Zweifeln befreit, frei von Verblendung, Trübung und Begierde, zum völligen Frieden gelangt sind.

saprayojanamuddiṣṭaṃ lokasya puruṣasya ca| sāmānyaṃ mūlamutpattau nivṛttau mārga eva ca

So wurde die Übereinstimmung von Kosmos und Mensch mitsamt ihrem Zweck dargelegt: als Wurzel bei der Entstehung des Leides und als Weg zu dessen Aufhören.

śuddhasattvasamādhānaṃ satyā buddhiśca naiṣṭhikī| vicaye puruṣasyoktā niṣṭhā ca paramarṣiṇā

Die Sammlung des gereinigten sattva und die wahre, endgültige Erkenntnis sind vom höchsten Weisen als das letzte Ziel der Untersuchung des Menschen verkündet worden.

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