Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Shariirasthana

Adhyāya 4: Mahatigarbhavakranti Sharira Die Entstehung des Embryos (ausführliche Fassung)

Das vierte Kapitel des Śārīrasthāna, die „große“ Abhandlung über den Eintritt des Keimlings, entfaltet ausführlich, was das vorangehende Kapitel knapp skizziert hatte: die Entwicklung des Embryos Monat für Monat, von der geronnenen Anfangsmasse über die Ausbildung aller Sinnesorgane im dritten Monat bis zur vollständigen Reifung im neunten oder zehnten Monat, samt den körperlichen Veränderungen der Schwangeren und der berühmten Lehre vom „Zweiherzigsein“ (dauhṛda) – den Gelüsten der Schwangeren, die aus Rücksicht auf das ungeborene Kind nicht missachtet werden sollen. Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf der Typologie von sechzehn Charaktertypen des sattva, von brahmisch und seherhaft bis dämonisch und tierhaft, die Ātreya der Prägung des Embryos durch frühere Taten zuordnet – eine bemerkenswerte Verbindung von Embryologie und Wiedergeburtslehre. Historisch-philologisch gehört dieses Kapitel zu den detailliertesten embryologischen Texten der frühen indischen Medizin und wird oft mit vergleichbaren Passagen der Suśruta-Saṃhitā verglichen. Botanische Substanzen treten kaum auf; genannt werden lediglich allgemeine diätetische Vorgaben für die Schwangere.

Monatliche Entwicklung des Embryos (Vers 9–25)
MonatEntwicklung des EmbryosBefinden der Mutter
1.Noch geronnen, schleimartig, Gestalt unklar–
2.Feste Masse (ghana), Klumpen (peśí) oder runde Geschwulst (arbuda) – daraus wird Junge, Mädchen bzw. Zwitter–
3.Alle Sinnesorgane und Körperglieder bilden sich gleichzeitig–
4.Embryo erlangt FestigkeitVermehrte Schwere der Glieder
5.Fleisch und Blut nehmen stärker zuBesondere Abmagerung
6.Kraft und Hautfarbe/Glanz nehmen stärker zuVerlust an Kraft und Hautfarbe
7.Embryo in jeder Hinsicht ausgereiftGrößte Erschöpfung
8.Wechselseitiger Austausch von ojas zwischen Mutter und Embryo; Monat gilt als „nicht zählend“ (aganḷya), Geburt gefährdetAbwechselnd Freude und Erschöpfung
9.–10.Normale Geburtszeit–
Verbleibt der Embryo über den zehnten Monat hinaus im Mutterleib, gilt dies als krankhaft (vaikärika).
Die sechzehn Charaktertypen (sattva) des Embryos (Vers 37–39)
TypGruppeKurzcharakteristik
brähmarein (śuddha)Rein, wahrhaftig, selbstbeherrscht, freigebig, wissend, gutes Gedächtnis, frei von Begierde und Zorn
ärṣareinOpfer, Studium und Keuschheit ergeben, spontane Einsicht, treffende Rede
aindrareinHerrschaftlich, tapfer, kraftvoll, den drei Lebenszielen ergeben
yämyareinNach fester Ordnung handelnd, unerschütterlich, gutes Gedächtnis
väruṇareinTapfer, besonnen, rein, dem Opfer zugetan, am Wasser erfreut
kauberareinRang, Ansehen und Genuss zugetan, rein, deutlicher Zorn und deutliche Gunst
gändharvareinErfahren in Tanz, Gesang, Musik und Dichtung, sinnlichem Genuss zugetan
äsuraleidenschaftlich (räjasa)Tapfer, jähzornig, missgünstig, herrschsüchtig, hinterlistig
räkṣasaleidenschaftlichUnduldsam, nachtragend im Zorn, grausam, dem Fleisch zugetan
paiśäcaleidenschaftlichVielessend, den Frauen ergeben, unrein, furchtsam, zugleich schreckend
särpaleidenschaftlichIm Zorn tapfer, sonst furchtsam, argwöhnisch, auf Essen und Vergnügen bedacht
pretaleidenschaftlichEssbegierig, missgünstig, überaus gierig, untätig
śäkunaleidenschaftlichUnablässig begierig, auf Essen und Vergnügen bedacht, unbeständig
päśavadumpf (tämasa)Ablehnend, unklug, sexuell besessen, viel schlafend
mätsyadumpfFurchtsam, unklug, gierig, unbeständig, dem Wasser zugetan
vänaspatyadumpfTräge, einzig auf Nahrung versessen, ohne Verstand
Sieben reine, sechs leidenschaftliche und drei dumpfe Unterarten – Ätreya bezeichnet dies als beispielhaften Ausschnitt aus unzähligen möglichen sattva-Typen.

athāto mahatīṃ garbhāvakrāntiṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über den umfassenden Eintritt des Embryos (garbhāvakrānti) im Rahmen der Körperlehre (śārīra) ausführlich darlegen.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der ehrwürdige Ātreya.

yataśca garbhaḥ sambhavati, yasmiṃśca garbhasañjñā, yadvikāraśca garbhaḥ, yayā cānupūrvyā'bhinirvartate kukṣau, yaścāsya vṛddhihetuḥ,yataścāsyājanma bhavati, yataśca jāyamānaḥ kukṣau vināśaṃ prāpnoti, yataśca kārtsnyenāvinaśyan vikṛtimāpadyate,tadanuvyākhyāsyāmaḥ

Wodurch der Embryo (garbha) entsteht, wann er die Bezeichnung „Embryo“ erhält, aus welcher Umwandlung (vikāra) er hervorgeht, in welcher Reihenfolge er sich im Mutterleib (kukṣi) entwickelt, was die Ursache seines Wachstums ist, wodurch seine Nicht-Geburt (Fehlgeburt) zustande kommt, wodurch der werdende Embryo im Mutterleib zugrunde geht, und wodurch er, ohne vollständig zugrunde zu gehen, eine Missbildung erleidet – dies werden wir nun der Reihe nach darlegen.

mātṛtaḥ pitṛta ātmataḥ sātmyato rasataḥ sattvata ityetebhyo bhāvebhyaḥ samuditebhyo garbhaḥ sambhavati| tasya ye ye'vayavā yato yataḥ sambhavataḥ sambhavanti tān vibhajya mātṛjādīnavayavān pṛthak pṛthaguktamagre

Von der Mutter, vom Vater, von der Seele (ātman), von der Zuträglichkeit (sātmya), vom rasa und vom sattva – aus diesen zusammenwirkenden Faktoren entsteht der Embryo. Welche seiner Glieder aus welchem dieser Faktoren jeweils hervorgehen, das haben wir bereits zuvor dargelegt, indem wir die von der Mutter, vom Vater usw. herrührenden Bestandteile einzeln unterschieden und aufgezählt haben.

śukraśoṇitajīvasaṃyoge tu khalu kukṣigate garbhasañjñā bhavati

Wenn sich Same (śukra) und Blut (śoṇita) mit dem Lebensprinzip (jīva) vereinigen und in den Mutterleib gelangt sind, entsteht die Bezeichnung „Embryo“ (garbha).

garbhastu khalvantarikṣavāyvagnitoyabhūmivikāraścetanādhiṣṭhānabhūtaḥ| evamanayā yuktyā pañcamahābhūtavikārasamudāyātmako garbhaścetanādhiṣṭhānabhūtaḥ; sa hyasya ṣaṣṭho dhāturuktaḥ

Der Embryo ist eine Umwandlung von Raum (ākāśa), Wind (vāyu), Feuer (agni), Wasser und Erde, die zum Sitz des Bewusstseins (cetanā) wird. So ist der Embryo, dieser Erklärung zufolge, seinem Wesen nach eine Zusammensetzung der Umwandlungen der fünf Grundelemente (pañcamahābhūta), die zum Sitz des Bewusstseins wird; denn dieses Bewusstsein wird als sein sechster dhātu (Bestandteil) bezeichnet.

gate purāṇe rajasi nave cāvasthite śuddhasnātāṃstriyamavyāpannayoniśoṇitagarbhāśayāmṛtumatīmācakṣmahe| tayā saha tathābhūtayā yadā pumānavyāpannabījo miśrībhāvaṃ gacchati, tadā tasya harṣodīritaḥ paraḥ śarīradhātvātmāśukrabhūto'ṅgādaṅgāt sambhavati| sa tathā harṣabhūtenātmanodīritaścādhiṣṭhitaśca bījarūpo dhātuḥ puruṣaśarīrādabhiniṣpattyocitena pathā garbhāśayamanupraviśyārtavenābhisaṃsargameti

Wenn das alte Menstrualblut (rajas) abgegangen und das neue eingetreten ist, und eine Frau sich rein gewaschen hat, ihre Yoni, ihr Blut und ihr Gebärmutterbereich (garbhāśaya) unversehrt sind, so nennen wir sie „im fruchtbaren Zustand“ (ṛtumatī). Wenn sich mit einer solchen Frau ein Mann vereinigt, dessen Same unversehrt ist, dann wird bei ihm durch die aufsteigende Lust (harṣa) das höchste, die dhātus des Körpers verkörpernde Prinzip in Form von Same (śukra) aus jedem einzelnen Körperglied hervorgebracht. Dieser durch die Lust in Bewegung gesetzte und getragene Same gelangt als samenförmiger dhātu auf dem für die Zeugung geeigneten Weg aus dem Körper des Mannes in die Gebärmutter (garbhāśaya) und vereinigt sich dort mit dem Menstrualblut (ārtava).

pradhānamavyaktaṃ jīvo jñaḥ pudgalaścetanāvān vibhurbhūtātmācendriyātmā cāntarātmā ceti| dehagrahaṇe'pi pravartamānaḥpūrvataramākāśamevopādatte, tataḥ krameṇa vyaktataraguṇān dhātūn vāyvādikāṃścaturaḥ| sarvamapi tu khalvetadguṇopādānamaṇunā kālena bhavati

Pradhāna (die Urmaterie), das Unmanifeste (avyakta), der Jīva (das individuelle Lebensprinzip), der Wissende (jña), das Individuum (pudgala), der mit Bewusstsein Begabte, der Alldurchdringende, das Element-Selbst, das Sinnes-Selbst und das innere Selbst – all dies sind Bezeichnungen für dasselbe Prinzip. Wenn dieses sich anschickt, einen Körper zu ergreifen, nimmt es zuerst den Raum (ākāśa) an, danach der Reihe nach die vier deutlicher hervortretenden dhātus, beginnend mit dem Wind. All diese Aneignung der Eigenschaften geschieht in einem winzigen Zeitraum.

sa sarvaguṇavān garbhatvamāpannaḥ prathame māsi sammūrcchitaḥ sarvadhātukaluṣīkṛtaḥ kheṭabhūto bhavatyavyaktavigrahaḥsadasadbhūtāṅgāvayavaḥ

Dieser mit allen Eigenschaften ausgestattete [Same-Blut-Verbund] ist, nachdem er den Zustand des Embryos angenommen hat, im ersten Monat noch geronnen, durch alle dhātus getrübt, schleimartig und von unklarer Gestalt, wobei seine Glieder noch nicht eindeutig vorhanden oder nicht vorhanden sind.

dvitīye māsi ghanaḥ sampadyate piṇḍaḥ peśyarbudaṃ vā| tatra ghanaḥ puruṣaḥ, peśī strī, arbudaṃ napuṃsakam

Im zweiten Monat wird er zu einer festen Masse (ghana), einem Klumpen, einem fleischähnlichen Gebilde (peśī) oder einer runden Geschwulst (arbuda). Dabei entsteht aus der festen Masse ein Junge, aus der peśī ein Mädchen, aus dem arbuda ein Zwitter.

tṛtīye māsi sarvendriyāṇi sarvāṅgāvayavāśca yaugapadyenābhinirvartante

Im dritten Monat bilden sich alle Sinnesorgane (indriya) und alle Körperglieder gleichzeitig heraus.

tatrāsya kecidaṅgāvayavā mātṛjādīnavayavān vibhajya pūrvamuktā yathāvat| mahābhūtavikārapravibhāgena tvidānīmasya tāṃścaivāṅgāvayavān kāṃścit paryāyāntareṇāparāṃścānuvyākhyāsyāmaḥ| mātṛjādayo'pyasya mahābhūtavikārā eva| tatrāsyākāśātmakaṃ śabdaḥ śrotraṃ lāghavaṃ saukṣmyaṃ vivekaśca, vāyvātmakaṃ sparśaḥ sparśanaṃ raukṣyaṃ preraṇaṃ dhātuvyūhanaṃ ceṣṭāśca śārīryaḥ, agnyātmakaṃ rūpaṃ darśanaṃ prakāśaḥ paktirauṣṇyaṃ ca, abātmakaṃ raso rasanaṃ śaityaṃ mārdavaṃ snehaḥkledaśca, pṛthivyātmakaṃ gandho ghrāṇaṃ gauravaṃ sthairyaṃ mūrtiśceti

Manche seiner Glieder wurden bereits früher beschrieben, als wir die von der Mutter herrührenden usw. Bestandteile unterschieden haben. Jetzt aber wollen wir dieselben Glieder nach der Einteilung der Umwandlungen der Grundelemente (mahābhūta) erklären, teils in anderer Reihenfolge, teils mit anderen Zuordnungen. Auch die von Mutter und Vater herrührenden Bestandteile sind ja nichts anderes als Umwandlungen der Grundelemente. Von der Natur des Raumes (ākāśa) sind bei ihm: der Klang, das Gehör, die Leichtigkeit, die Feinheit und das Unterscheidungsvermögen. Von der Natur des Windes (vāyu): die Berührung, der Tastsinn, die Trockenheit, der Antrieb, die Anordnung der dhātus und die körperlichen Bewegungen. Von der Natur des Feuers (agni): die Form/Farbe, das Sehvermögen, der Glanz, die Verdauung und die Hitze. Von der Natur des Wassers: der Geschmack, der Geschmackssinn, die Kühle, die Weichheit, die Ölhaftigkeit und die Feuchtigkeit. Von der Natur der Erde: der Geruch, der Geruchssinn, die Schwere, die Festigkeit und die feste Gestalt.

evamayaṃ lokasammitaḥ puruṣaḥ| yāvanto hi loke mūrtimanto bhāvaviśeṣāstāvantaḥ puruṣe, yāvantaḥ puruṣe tāvanto loke iti; budhāstvevaṃ draṣṭumicchanti

So ist der Mensch (puruṣa) dem Kosmos (loka) gleich bemessen. Denn so viele Arten von körperlichen Erscheinungen es im Kosmos gibt, ebenso viele gibt es im Menschen, und so viele es im Menschen gibt, ebenso viele gibt es im Kosmos – so wollen die Weisen dies betrachtet wissen.

evamasyendriyāṇyaṅgāvayavāśca yaugapadyenābhinirvartante'nyatra tebhyo bhāvebhyo ye'sya jātasyottarakālaṃ jāyante; tadyathā-dantā vyañjanāni vyaktībhāvastathāyuktāni cāparāṇi| eṣā prakṛtiḥ, vikṛtiḥ punarato'nyathā| santi khalvasmin garbhe kecinnityā bhāvāḥ, santi cānityāḥ kecit| tasya ya evāṅgāvayavāḥ santiṣṭhante, ta eva strīliṅgaṃ puruṣaliṅgaṃ napuṃsakaliṅgaṃ vā bibhrati| tatra strīpuruṣayorye vaiśeṣikā bhāvāḥ pradhānasaṃśrayā guṇasaṃśrayāśca, teṣāṃ yato bhūyastvaṃ tato'nyatarabhāvaḥ| tadyathā- klaibyaṃ bhīrutvamavaiśāradyaṃ moho'navasthānamadhogurutvamasahanaṃ śaithilyaṃ mārdavaṃ garbhāśayabījabhāgastathāyuktānicāparāṇi strīkarāṇi, ato viparītāni puruṣakarāṇi, ubhayabhāgāvayavā napuṃsakakarāṇi bhavanti

So bilden sich seine Sinnesorgane und Körperglieder gleichzeitig heraus, mit Ausnahme jener Merkmale, die erst nach der Geburt bei ihm entstehen – wie etwa die Zähne, die Geschlechtsmerkmale, das deutliche Hervortreten gewisser Eigenschaften und ähnliche Dinge. Dies ist der natürliche Zustand (prakṛti); die Fehlbildung (vikṛti) hingegen weicht davon ab. In diesem Embryo gibt es nämlich manche beständige und manche unbeständige Eigenschaften. Welche Glieder sich bei ihm ausbilden, eben diese bestimmen, ob er weibliches, männliches oder zwittriges Geschlecht trägt. Von den besonderen Merkmalen, die Frau und Mann unterscheiden – seien sie in der Grundsubstanz oder in den Eigenschaften begründet – entsteht je nach Überwiegen das eine oder das andere Geschlecht. So sind zum Beispiel Unfruchtbarkeit, Furchtsamkeit, mangelnde Geschicklichkeit, Verwirrung, Unbeständigkeit, Neigung nach unten, Unduldsamkeit, Schlaffheit, Weichheit sowie der weibliche Anteil des Samens im garbhāśaya und ähnliche weitere Merkmale weiblichkeitsbildend; die entgegengesetzten Merkmale sind männlichkeitsbildend; und Glieder, die von beiden Anteilen bestimmt werden, bewirken Zwittrigkeit.

tasya yatkālamevendriyāṇi santiṣṭhante, tatkālameva cetasi vedanā nirbandhaṃ prāpnoti; tasmāttadā prabhṛti garbhaḥ spandate, prārthayateca janmāntarānubhūtaṃ yat kiñcit, taddvaihṛdayyamācakṣate vṛddhāḥ| mātṛjaṃ cāsya hṛdayaṃ mātṛhṛdayenābhisambaddhaṃ bhavati rasavāhinībhiḥ saṃvāhinībhiḥ; tasmāttayostābhirbhaktiḥ saṃspandate | taccaiva kāraṇamavekṣamāṇā na dvaihṛdayyasya vimānitaṃ garbhamicchanti kartum| vimānane hyasya dṛśyate vināśo vikṛtirvā| samānayogakṣemā hi tadā bhavati garbheṇa keṣucidartheṣu mātā| tasmāt priyahitābhyāṃ garbhiṇīṃ viśeṣeṇopacaranti kuśalāḥ

Sobald sich seine Sinnesorgane herausgebildet haben, wird zugleich das Empfinden (vedanā) in seinem Geist fest verankert; von da an regt sich der Embryo, und er verlangt nach allerlei, was er in einem früheren Leben erfahren hat – dies nennen die Alten „Zweiherzigkeit“ (dvaihṛdayya, das Verlangen der Schwangeren). Sein von der Mutter herrührendes Herz ist durch blutführende, verbindende Gefäße mit dem Herzen der Mutter verbunden; deshalb schwingt zwischen den beiden eine gemeinsame Zuneigung mit. Eben aus diesem Grund wollen kundige Ärzte nicht, dass das Verlangen der „Zweiherzigen“ missachtet wird; denn bei Missachtung droht dem Embryo Untergang oder Missbildung. Denn dann teilt die Mutter mit dem Embryo in gewissen Dingen dasselbe Wohlergehen. Deshalb pflegen kundige Ärzte die Schwangere besonders sorgfältig mit dem, was ihr lieb und zuträglich ist.

tasyā garbhāpatterdvaihṛdayyasya ca vijñānārthaṃ liṅgāni samāsenopadekṣyāmaḥ| upacārasādhanaṃ hyasya jñāne, jñānaṃ ca liṅgataḥ, tasmādiṣṭo liṅgopadeśaḥ| tadyathā- ārtavādarśanamāsyasaṃsravaṇamanannābhilāṣaśchardirarocako'mlakāmatā ca viśeṣeṇa śraddhāpraṇayanamuccāvaceṣu bhāveṣugurugātratvaṃ cakṣuṣorglāniḥ stanayoḥ stanyamoṣṭhayoḥ stanamaṇḍalayośca kārṣṇyamatyarthaṃ śvayathuḥ pādayorīṣallomarājyudgamoyonyāścāṭālatvamiti garbhe paryāgate rūpāṇi bhavanti

Um das Eintreten der Schwangerschaft und das „Zweiherzigsein“ zu erkennen, wollen wir kurz die Anzeichen darlegen. Denn die geeignete Behandlung setzt Erkenntnis voraus, und Erkenntnis erfolgt durch Anzeichen; deshalb ist die Darlegung der Anzeichen erwünscht. Diese sind: das Ausbleiben der Menstruation, vermehrter Speichelfluss im Mund, Appetitlosigkeit auf Speisen, Erbrechen, Widerwillen gegen Essen, Verlangen nach Saurem, ein besonderes Zuneigen bald zu diesem, bald zu jenem Verlangen, Schwere der Glieder, Mattigkeit der Augen, Milch in den Brüsten, Dunkelfärbung der Lippen und der Brustwarzenhöfe, deutliche Schwellung der Füße, das leichte Hervortreten einer Haarlinie sowie eine Erschlaffung der Yoni – dies sind die Merkmale, die auftreten, wenn die Schwangerschaft fortgeschritten ist.

sā yadyadicchettattadasyai dadyādanyatra garbhopaghātakarebhyo bhāvebhyaḥ

Was immer sie sich wünscht, das soll man ihr geben – außer solchen Dingen, die dem Embryo schaden.

garbhopaghātakarāstvime bhāvā bhavantiḥ; tadyathāsarvamatigurūṣṇatīkṣṇaṃ dāruṇāśca ceṣṭāḥ; imāṃścānyānupadiśanti vṛddhāḥ-devatārakṣo'nucaraparirakṣaṇārthaṃ na raktāni vāsāṃsi bibhṛyānna madakarāṇi madyānyabhyavaharenna yānamadhirohenna māṃsamaśnīyātsarvendriyapratikūlāṃśca bhāvān dūrataḥ parivarjayet, yaccānyadapi kiñcit striyo vidyuḥ

Dem Embryo schädlich sind folgende Dinge: alles übermäßig Schwere, Heiße und Scharfe sowie heftige Tätigkeiten. Und die Alten geben noch weitere Anweisungen: Zum Schutz vor Gottheiten, bösen Geistern (rakṣas) und deren Gefolge soll die Schwangere keine roten Kleider tragen, keine berauschenden Getränke zu sich nehmen, sich nicht unvorsichtig auf ein Fahrzeug begeben, kein Fleisch essen, und alles, was den Sinnen widrig ist, von vornherein meiden – sowie alles andere, was Frauen sonst noch aus Erfahrung wissen.

tīvrāyāṃ tu khalu prārthanāyāṃ kāmamahitamapyasyai hitenopahitaṃ dadyāt prārthanāvinayanārtham| prārthanāsandhāraṇāddhi vāyuḥ prakupito'ntaḥśarīramanucaran garbhasyāpadyamānasya vināśaṃ vairūpyaṃ vā kuryāt

Bei heftigem Verlangen aber soll man ihr, um das Verlangen zu besänftigen, auch etwas ihr an sich Unzuträgliches geben, jedoch mit etwas Zuträglichem gemildert. Denn wenn man das Verlangen unterdrückt, wird vāta erregt, durchwandert den Körper und kann beim werdenden Embryo Untergang oder Missbildung verursachen.

caturthe māsi sthiratvamāpadyate garbhaḥ, tasmāttadā garbhiṇī gurugātratvamadhikamāpadyate viśeṣeṇa

Im vierten Monat erlangt der Embryo Festigkeit; deshalb erfährt die Schwangere zu dieser Zeit eine besonders vermehrte Schwere der Glieder.

pañcame māsi garbhasya māṃsaśoṇitopacayo bhavatyadhikamanyebhyo māsebhyaḥ, tasmāttadā garbhiṇī kārśyamāpadyate viśeṣeṇa

Im fünften Monat nehmen bei dem Embryo Fleisch und Blut stärker zu als in den anderen Monaten; deshalb wird die Schwangere zu dieser Zeit besonders mager.

ṣaṣṭhe māsi garbhasya balavarṇopacayo bhavatyadhikamanyebhyo māsebhyaḥ, tasmāttadā garbhiṇī balavarṇahānimāpadyate viśeṣeṇa

Im sechsten Monat nehmen bei dem Embryo Kraft (bala) und Hautfarbe/Glanz (varṇa) stärker zu als in den anderen Monaten; deshalb erleidet die Schwangere zu dieser Zeit einen besonderen Verlust an Kraft und Hautfarbe.

saptame māsi garbhaḥ sarvairbhāvairāpyāyyate, tasmāttadā garbhiṇī sarvākāraiḥ klāntatamā bhavati

Im siebten Monat wird der Embryo in jeder Hinsicht vollständig ausgereift; deshalb ist die Schwangere zu dieser Zeit in jeder Weise am erschöpftesten.

aṣṭame māsi garbhaśca mātṛto garbhataśca mātā rasahāriṇībhiḥ saṃvāhinībhirmuhurmuhurojaḥ parasparata ādadātegarbhasyāsampūrṇatvāt [35] | tasmāttadā garbhiṇīmuhurmahurmudā yuktā bhavati muhurmuhuśca mlānā, tathā garbhaḥ; tasmāttadā garbhasya janmavyāpattimadbhavatyojaso'navasthitatvāt | taṃ caivārthamabhisamīkṣyāṣṭamaṃ māsamagaṇyamityācakṣate kuśalāḥ

Im achten Monat nehmen Embryo und Mutter, weil der Embryo noch nicht voll ausgereift ist, wechselseitig immer wieder über die den rasa führenden, verbindenden Gefäße einander das ojas (die feinste Vitalessenz) ab – der Embryo von der Mutter und die Mutter vom Embryo. Deshalb ist die Schwangere zu dieser Zeit bald von Freude erfüllt, bald erschöpft, und ebenso der Embryo. Deshalb ist eine Geburt in diesem Monat gefährdet, weil das ojas nicht beständig ist. In Anbetracht dieses Umstandes bezeichnen die Kundigen den achten Monat als „nicht zählend“ (agaṇya).

tasminnekadivasātikrānte'pi navamaṃ māsamupādāya prasavakālamityāhurādaśamānmāsāt| etāvān prasavakālaḥ, vaikārikamataḥ paraṃ kukṣāvavasthānaṃ garbhasya

Wenn dieser achte Monat auch nur um einen Tag überschritten ist, gilt vom neunten bis zum zehnten Monat als Geburtszeit. So weit reicht die normale Geburtszeit; ein Verbleiben des Embryos im Mutterleib darüber hinaus gilt als krankhaft (vaikārika).

evamanayā''nupūrvyā'bhinirvartate kukṣau

So entwickelt sich der Embryo in dieser Reihenfolge im Mutterleib.

mātrādīnāṃ khalu garbhakarāṇāṃ bhāvānāṃ sampadastathā vṛttassya sauṣṭhavānmātṛtaścaivopasnehopasvedābhyāṃ kālapariṇāmātsvabhāvasaṃsiddheśca kukṣau vṛddhiṃ prāpnoti

Durch das Gedeihen der den Embryo bildenden Faktoren – Mutter usw. – sowie durch die Vortrefflichkeit ihres Verhaltens, durch die von der Mutter ausgehende Befeuchtung und Erwärmung, durch das Fortschreiten der Zeit und durch die natürliche Reifung erlangt der Embryo Wachstum im Mutterleib.

mātrādīnāmeva tu khalu garbhakarāṇāṃ bhāvānāṃ vyāpattinimittamasyājanma bhavati

Durch eine Störung eben dieser den Embryo bildenden Faktoren – Mutter usw. – kommt es hingegen zur Nicht-Geburt.

ye hyasya kukṣau vṛddhihetusamākhyātā bhāvāsteṣāṃ viparyayādudare vināśamāpadyate, athavā'pyacirajātaḥ syāt

Denn durch das Gegenteil jener Faktoren, die als Ursache seines Wachstums im Mutterleib genannt wurden, geht der Embryo im Leib zugrunde, oder er stirbt kurz nach der Geburt.

yatastu kārtsnyenāvinaśyan vikṛtimāpadyate, tadanuvyākhyāsyāmaḥ- yadā striyā doṣaprakopaṇoktānyāsevamānāyā doṣāḥprakupitāḥ śarīramupasarpantaḥ śoṇitagarbhāśayāvupapadyante , na ca kārtsnyena śoṇitagarbhāśayau dūṣayanti, tadeyaṃ garbhaṃ labhatestrī; tadā tasya garbhasya mātṛjānāmavayavānāmanyatamo'vayavo vikṛtimāpadyata eko'thavā'neke, yasya yasya hyavayavasya bījebījabhāge vā doṣāḥ prakopamāpadyante, taṃ tamavayavaṃ vikṛtirāviśati| yadā hyasyāḥ śoṇite garbhāśayabījabhāgaḥ pradoṣamāpadyate, tadā vandhyāṃ janayati; yadā punarasyāḥ śoṇitegarbhāśayabījabhāgāvayavaḥ pradoṣamāpadyate, tadā pūtiprajāṃ janayati; yadā tvasyāḥ śoṇite garbhāśayabījabhāgāvayavaḥ strīkarāṇāṃ caśarīrabījabhāgānāmekadeśaḥ pradoṣamāpadyate, tadā stryākṛtibhūyiṣṭhāmastriyaṃ vārtāṃ [42] nāma janayati, tāṃ strīvyāpadamācakṣate

Wodurch der Embryo, ohne vollständig zugrunde zu gehen, eine Missbildung erleidet, das wollen wir nun darlegen. Wenn bei einer Frau, die die für die Erregung der doṣas genannten schädlichen Verhaltensweisen pflegt, die doṣas erregt werden, in den Körper eindringen und zu Blut und Gebärmutter (śoṇita, garbhāśaya) gelangen, ohne diese jedoch vollständig zu verderben, dann empfängt diese Frau dennoch einen Embryo. Dann aber erleidet eines der von der Mutter herrührenden Glieder dieses Embryos eine Missbildung – ein einzelnes oder mehrere; denn welches Glied auch immer in seinem Samenanteil (bīja) von den doṣas befallen wird, in eben dieses Glied dringt die Missbildung ein. Wenn nämlich bei ihr im Blut der Samenanteil des garbhāśaya vollständig verdorben wird, bringt sie eine unfruchtbare Tochter hervor; wenn aber bei ihr im Blut nur ein Teil des Samenanteils des garbhāśaya verdorben wird, bringt sie eine Nachkommenschaft mit üblem Geruch hervor; wenn aber bei ihr im Blut ein Teil des Samenanteils des garbhāśaya sowie ein Teil der die Weiblichkeit bewirkenden Samenanteile des Körpers verdorben wird, bringt sie ein Wesen überwiegend weiblicher Gestalt, aber nicht wirklich weiblich, hervor, genannt „Vartā“; man bezeichnet dies als eine Fehlbildung des weiblichen Geschlechts (strīvyāpad).

evameva puruṣasya yadā bīje bījabhāgaḥ pradoṣamāpadyate, tadā vandhyaṃ janayati; yadā punarasya bīje bījabhāgāvayavaḥpradoṣamāpadyate, tadā pūtiprajaṃ janayati; yadā tvasya bīje bījabhāgāvayavaḥ puruṣakarāṇāṃ ca śarīrabījabhāgānāmekadeśaḥpradoṣamāpadyate, tadā puruṣākṛtibhūyiṣṭhamapuruṣaṃ tṛṇaputrikaṃ nāma janayati; tāṃ puruṣavyāpadamācakṣate

Ebenso ist es beim Mann: Wenn bei ihm im Samen der Samenanteil vollständig verdorben wird, zeugt er ein unfruchtbares Kind; wenn aber bei ihm im Samen nur ein Teil des Samenanteils verdorben wird, zeugt er eine Nachkommenschaft mit üblem Geruch; wenn aber bei ihm im Samen ein Teil des Samenanteils sowie ein Teil der die Männlichkeit bewirkenden Samenanteile des Körpers verdorben wird, zeugt er ein Wesen überwiegend männlicher Gestalt, aber nicht wirklich männlich, genannt „Tṛṇaputrika“ (Strohpuppe); man bezeichnet dies als eine Fehlbildung des männlichen Geschlechts (puruṣavyāpad).

etena mātṛjānāṃ pitṛjānāṃ cāvayavānāṃ vikṛtivyākhyānena sātmyajānāṃ rasajānāṃ sattvajānāṃ cāvayavānāṃ vikṛtirvyākhyātābhavati

Mit dieser Darlegung der Missbildung der von Mutter und Vater herrührenden Glieder ist zugleich auch die Missbildung der von sātmya, von rasa und von sattva herrührenden Glieder erklärt.

nirvikāraḥ parastvātmā sarvabhūtānāṃ nirviśeṣaḥ; sattvaśarīrayostu viśeṣādviśeṣopalabdhiḥ

Das höchste Selbst (paramātman) jedoch ist unveränderlich und bei allen Wesen ohne Unterschied; nur durch die Verschiedenheit von sattva (Geist) und śarīra (Körper) entsteht die Wahrnehmung von Unterschieden zwischen den Individuen.

tatra trayaḥ śarīradoṣā vātapittaśleṣmāṇaḥ, te śarīraṃ dūṣayanti; dvau punaḥ sattvadoṣau rajastamaśca, tau sattvaṃ dūṣayataḥ| tābhyāṃ ca sattvaśarīrābhyāṃ duṣṭābhyāṃ vikṛtirupajāyate, nopajāyate cāpraduṣṭābhyām

Es gibt drei körperliche doṣas – vāta, pitta und kapha (śleṣman) –, die den Körper verderben; und zwei geistige doṣas – rajas und tamas –, die das sattva verderben. Wenn sattva und śarīra durch diese verdorben sind, entsteht eine Missbildung; sind sie nicht verdorben, entsteht keine.

tatra śarīraṃ yoniviśeṣāccaturvidhamuktamagre

Der Körper wurde dabei bereits früher, nach der Besonderheit seines Ursprungs (yoni), als vierfach beschrieben.

trividhaṃ khalu sattvaṃ- śuddhaṃ, rājasaṃ, tāmasamiti| tatra śuddhamadoṣamākhyātaṃ kalyāṇāṃśatvāt, rājasaṃ sadoṣamākhyātaṃ roṣāṃśatvāt, tāmasamapi sadoṣamākhyātaṃ mohāṃśatvāt| teṣāṃ tu trayāṇāmapi sattvānāmekaikasya bhedāgramaparisaṅkhyeyaṃ taratamayogāccharīrayoniviśeṣebhyaścānyonyānuvidhānatvācca| śarīraṃ hyapi sattvamanuvidhīyate, sattvaṃ ca śarīram| tasmāt katicitsattvabhedānanūkābhinirdeśena nidarśanārthamanuvyākhyāsyāmaḥ

Das sattva ist dreifach: rein (śuddha), leidenschaftlich (rājasa) und dumpf (tāmasa). Dabei wird das reine sattva als fehlerlos bezeichnet, weil es aus dem Anteil des Guten besteht; das rājasa wird als fehlerbehaftet bezeichnet, weil es aus dem Anteil des Zorns besteht; und auch das tāmasa wird als fehlerbehaftet bezeichnet, weil es aus dem Anteil der Verblendung besteht. Von diesen drei Arten des sattva hat jede einzelne unzählige Unterarten, je nach dem Grad ihrer Ausprägung, nach den Besonderheiten des Körperursprungs und nach ihrer gegenseitigen Beeinflussung; denn auch der Körper richtet sich nach dem sattva, und das sattva nach dem Körper. Deshalb wollen wir zur Veranschaulichung einige Unterarten des sattva beispielhaft darlegen.

śuciṃ satyābhisandhaṃ jitātmānaṃ saṃvibhāginaṃ jñānavijñānavacanaprativacanasampannaṃ smṛtimantaṃkāmakrodhalobhamānamoherṣyāharṣāmarṣāpetaṃ samaṃ sarvabhūteṣu brāhmaṃ vidyāt (1)| ijyādhyayanavratahomabrahmacaryaparamatithivratamupaśāntamadamānarāgadveṣamohalobharoṣaṃpratibhāvacanavijñānopadhāraṇaśaktisampannamārṣaṃ vidyāt (2)| aiśvaryavantamādeyavākyaṃ yajvānaṃ śūramojasvinaṃ tejasopetamakliṣṭakarmāṇaṃ dīrghadarśinaṃ dharmārthakāmābhiratamaindraṃ vidyāt (3)| lekhāsthavṛttaṃ prāptakāriṇamasamprahāryamutthānavantaṃ smṛtimantamaiśvaryalambhinaṃ [53] vyapagatarāgerṣyādveṣamohaṃ yāmyaṃ vidyāt (4))| śūraṃ dhīraṃ śucimaśucidveṣiṇaṃ yajvānamambhovihāraratimakliṣṭakarmāṇaṃ sthānakopaprasādaṃ vāruṇaṃ vidyāt (5)| sthānamānopabhogaparivārasampannaṃ dharmārthakāmanityaṃ śuciṃ sukhavihāraṃ vyaktakopaprasādaṃ kauberaṃ vidyāt (6)| priyanṛtyagītavāditrollāpakaślokākhyāyiketihāsapurāṇeṣu kuśalaṃ gandhamālyānulepanavasanastrīvihārakāmanityamanasūyakaṃgāndharvaṃ vidyāt (7)| ityevaṃ śuddhasya sattvasya saptavidhaṃ bhedāṃśaṃ vidyāt kalyāṇāṃśatvāt; tatsaṃyogāttu brāhmamatyantaśuddhaṃ vyavasyet

Man erkenne den brahmischen (brāhma) Charaktertyp als: rein, wahrhaftig in seinen Absichten, selbstbeherrscht, freigebig, ausgestattet mit Wissen, Erkenntnis, angemessener Rede und Erwiderung, mit gutem Gedächtnis, frei von Begierde, Zorn, Habgier, Dünkel, Verblendung, Neid, Übermut und Unduldsamkeit, und allen Wesen gegenüber gleichmütig (1). Man erkenne den ārṣa (seherhaften) Typ als: dem Opfer, dem Studium, den Gelübden, dem Feueropfer, der Keuschheit und der Gastfreundschaft ergeben, besänftigt hinsichtlich Rausch, Dünkel, Leidenschaft, Hass, Verblendung, Habgier und Zorn, und ausgestattet mit der Fähigkeit zu spontaner Einsicht, treffender Rede, Erkenntnis und Auffassungsgabe (2). Man erkenne den aindra (indrahaften) Typ als: herrschaftlich, mit maßgeblicher Rede, dem Opfer zugetan, tapfer, kraftvoll, von Tatkraft erfüllt, unermüdlich im Handeln, weitblickend, und den drei Zielen Dharma, Artha und Kāma ergeben (3). Man erkenne den yāmya (yamahaften) Typ als: nach fester Ordnung handelnd, das Gebotene tuend, unerschütterlich, tatkräftig, von gutem Gedächtnis, herrschaftliche Macht erlangend, und frei von Leidenschaft, Neid, Hass und Verblendung (4). Man erkenne den vāruṇa (varunahaften) Typ als: tapfer, besonnen, rein, dem Unreinen abgeneigt, dem Opfer zugetan, am Verweilen im Wasser erfreut, unermüdlich im Handeln, und mit festem Zorn und fester Gunst entsprechend seinem Rang (5). Man erkenne den kaubera (kuberahaften) Typ als: ausgestattet mit Rang, Ansehen, Genüssen und Gefolge, stets Dharma, Artha und Kāma zugetan, rein, an angenehmem Leben erfreut, mit deutlich erkennbarem Zorn und deutlicher Gunst (6). Man erkenne den gāndharva (gandharvenhaften) Typ als: erfahren in Tanz, Gesang, Musik, heiterer Rede, Versdichtung, Erzählungen, Geschichten (itihāsa) und alten Sagen (purāṇa), stets Wohlgeruch, Blumenkränzen, Salben, Kleidung, dem Umgang mit Frauen und sinnlichem Genuss zugetan, und ohne Missgunst (7). So kenne man die sieben Unterarten des reinen sattva, weil sie aus dem Anteil des Guten bestehen; unter diesen aber gilt der brahmische Typ, durch seine Verbindung mit dem Höchsten, als der vollkommen reinste.

śūraṃ caṇḍamasūyakamaiśvaryavantamaupadhikaṃ raudramananukrośamātmapūjakamāsuraṃ vidyāt (1)| amarṣiṇamanubandhakopaṃ chidraprahāriṇaṃ krūramāhārātimātrarucimāmiṣapriyatamaṃ svapnāyāsabahulamīrṣyuṃ rākṣasaṃ vidyāt (2)| mahāśanaṃ [57] straiṇaṃ strīrahaskāmamaśuciṃ śucidveṣiṇaṃ bhīruṃ bhīṣayitāraṃ vikṛtavihārāhāraśīlaṃ paiśācaṃ vidyāt (3)| kruddhaśūramakruddhabhīruṃ tīkṣṇamāyāsabahulaṃ santrastagocaramāhāravihāraparaṃ [58] sārpaṃ vidyāt (4)| āhārakāmamatiduḥkhaśīlācāropacāramasūyakamasaṃvibhāginamatilolupamakarmaśīlaṃ praitaṃ vidyāt (5)| anuṣaktakāmamajasramāhāravihāraparamanavasthitamamarṣaṇamasañcayaṃ śākunaṃ vidyāt (6)| ityevaṃ khalu rājasasya sattvasya ṣaṅvidhaṃ bhedāṃśaṃ vidyāt, roṣāṃśatvāt

Man erkenne den āsura (dämonenhaften) Typ als: tapfer, jähzornig, missgünstig, herrschsüchtig, hinterlistig, wild, mitleidlos, und selbstverherrlichend (1). Man erkenne den rākṣasa (rakshasenhaften) Typ als: unduldsam, nachtragend im Zorn, den Schwachpunkt des Gegners angreifend, grausam, von übermäßiger Vorliebe für Essen, dem Fleisch am meisten zugetan, viel schlafend und leicht ermüdend, und neidisch (2). Man erkenne den paiśāca (piśāca-artigen) Typ als: vielessend, den Frauen ergeben, heimliche Zusammenkünfte mit Frauen begehrend, unrein, dem Reinen abgeneigt, furchtsam, zugleich aber andere erschreckend, und von seltsamer Lebens- und Essgewohnheit (3). Man erkenne den sārpa (schlangenhaften) Typ als: im Zorn tapfer, ohne Zorn furchtsam, scharf, leicht ermüdend, in seinem Wirkungsbereich argwöhnisch, und ganz auf Essen und Vergnügen bedacht (4). Man erkenne den preta (gespensterhaften) Typ als: essbegierig, von sehr leidvoller Lebens- und Verhaltensweise, missgünstig, nicht teilend, überaus gierig, und untätig (5). Man erkenne den śākuna (vogelhaften) Typ als: unablässig begierig, ständig auf Essen und Vergnügen bedacht, unbeständig, unduldsam, und ohne Vorsorge (6). So kenne man die sechs Unterarten des leidenschaftlichen (rājasa) sattva, weil sie aus dem Anteil des Zorns bestehen.

nirākariṣṇumamedhasaṃ jugupsitācārāharaṃ maithunaparaṃ svapnaśīlaṃ pāśavaṃ vidyāt (1)| bhīrumabudhamāhāralubdhamanavasthitamanuṣaktakāmakrodhaṃ saraṇaśīlaṃ toyakāmaṃ mātsyaṃ vidyāt (2)| alasaṃ kevalamabhiniviṣṭamāhāre sarvabuddhyaṅgahīnaṃ vānaspatyaṃ vidyāt (3)| ityevaṃ tāmasasya sattvasya trividhaṃ bhedāṃśaṃ vidyānmohāṃśatvāt

Man erkenne den pāśava (tierhaften) Typ als: ablehnend, unklug, von verabscheuungswürdigem Verhalten und Essen, sexuell besessen, und viel schlafend (1). Man erkenne den mātsya (fischhaften) Typ als: furchtsam, unklug, gierig nach Essen, unbeständig, unablässig von Begierde und Zorn erfüllt, ständig in Bewegung, und dem Wasser zugetan (2). Man erkenne den vānaspatya (pflanzenhaften) Typ als: träge, einzig auf Nahrung versessen, und aller Merkmale des Verstandes (buddhi) beraubt (3). So kenne man die drei Unterarten des tāmasa sattva, weil sie aus dem Anteil der Verblendung bestehen.

ityaparisaṅkhyeyabhedānāṃ trayāṇāmapi sattvānāṃ bhedaikadeśo vyākhyātaḥ; śuddhasya sattvasya saptavidhobrahmarṣiśakrayamavaruṇakuberagandharvasattvānukāreṇa, rājasasya ṣaḍvidho daityapiśācarākṣasasarpapretaśakunisattvānukāreṇa, tāmasasyatrividhaḥ paśumatsyavanaspatisattvānukāreṇa, kathaṃ ca yathāsattvamupacāraḥ syāditi

So wurde ein Teil der Unterarten aller drei sattva-Typen, die in Wirklichkeit unzählige Unterarten haben, dargelegt: die sieben Unterarten des reinen sattva nach Analogie zu Brahma, den ṛṣis, Śakra (Indra), Yama, Varuṇa, Kubera und den Gandharvas; die sechs Unterarten des leidenschaftlichen sattva nach Analogie zu Daityas, Piśācas, Rākṣasas, Schlangen, Pretas und Vögeln; und die drei Unterarten des tāmasa sattva nach Analogie zu Tieren, Fischen und Pflanzen – und dies auch, um zu zeigen, wie die Behandlung entsprechend dem jeweiligen sattva-Typ zu gestalten ist.

kevalaścāyamuddeśo yathoddeśamabhinirdiṣṭo bhavati garbhāvakrāntisamprayuktaḥ ; tasya cārthasya vijñāne sāmarthyaṃ garbhakarāṇāṃ cabhāvānāmanusamādhiḥ, vidhātaśca vighātakarāṇāṃ bhāvānāmiti

Dies ist nur ein knapper Überblick, so wie er im Zusammenhang mit dem Eintritt des Embryos dargelegt werden sollte. Der Nutzen der Erkenntnis dieses Gegenstandes liegt darin, dass man die den Embryo fördernden Faktoren richtig zu bewahren weiß und die schädigenden Faktoren abzuwehren vermag.

nimittamātmā prakṛtirvṛddhiḥ kukṣau krameṇa ca| vṛddhihetuśca garbhasya pañcārthāḥ śubhasañjñitāḥ

Die Ursache der Empfängnis, das Selbst (ātman), die Grundnatur (prakṛti), das Wachstum im Mutterleib der Reihe nach, und die Ursache des Wachstums des Embryos – dies sind die fünf als „günstig“ bezeichneten Themen.

ajanmani ca yo heturvināśe vikṛtāvapi| imāṃstrīnaśubhān bhāvānāhurgarbhavighātakān

Und was die Ursache der Nicht-Geburt, des Untergangs und auch der Missbildung ist – diese drei ungünstigen Dinge nennt man die den Embryo schädigenden Faktoren.

śubhāśubhasamākhyātānaṣṭau bhāvānimān bhiṣak| sarvathā veda yaḥ sarvān sa rājñaḥ kartumarhati

Der Arzt, der all diese acht genannten günstigen und ungünstigen Faktoren in jeder Hinsicht vollständig kennt, verdient es, zum Leibarzt eines Königs gemacht zu werden.

avāptyupāyān garbhasya sa evaṃ jñātumarhati| ye ca garbhavighātoktā bhāvāstāṃścāpyudāradhīḥ mahatīgarbhāvakrāntiśārīraṃ nāma caturtho'dhyāyaḥ

Ein solcher Arzt von hohem Verstand verdient es ebenso, die Mittel zum Erlangen eines Embryos zu kennen sowie jene Faktoren, die als den Embryo schädigend genannt wurden. Dies ist das vierte Kapitel, betitelt „Der umfassende Eintritt des Embryos“, im Rahmen der Körperlehre (śārīra).

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