athātaḥ khuḍḍikāṃ garbhāvakrāntiṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das kleine Kapitel über den Eintritt des Keimlings (garbhāvakrānti) im Rahmen der Körperlehre (śārīra) erklären.
Caraka-Saṃhitā · Shariirasthana
Das dritte Kapitel des Śārīrasthāna, die „kleine“ Abhandlung über den Eintritt des Keimlings (khuḍḍikā garbhāvakrānti), inszeniert eine philosophische Debatte zwischen Ātreya und seinem Schüler Bharadvāja über die Frage, wodurch ein Embryo überhaupt entsteht. Bharadvāja vertritt zunächst provokant die These, weder Mutter noch Vater noch Seele noch Ernährung könnten allein die Zeugung erklären, und widerlegt jede einzelne Erklärung mit Gegenbeispielen; Ātreya löst den Widerspruch schließlich auf, indem er die Empfängnis als Zusammenwirken von sechs Faktoren beschreibt – Mutter, Vater, Selbst, zuträgliche Lebensweise, Nahrungsessenz und ein spontan hinzutretendes Lebensprinzip. Medizinisch legt dieser knappe, aber dicht argumentierte Text die theoretische Grundlage für die ausführlichere Embryologie des folgenden Kapitels und zeigt exemplarisch die dialektische Methode der Caraka-Saṃhitā, in der konkurrierende Lehrmeinungen in einem fiktiven Streitgespräch gegeneinander abgewogen werden. Botanische Inhalte fehlen in diesem philosophisch geprägten Kapitel vollständig.
| Ursprung | Bestandteile des Embryos |
|---|---|
| mätṛja (von der Mutter) | Haut, Blut, Fleisch, Fett, Nabel, Herz, kloma, Leber, Milz, beide Nieren, Harnblase, Kotbehälter, Magen (ämäśaya), Verdauungsstätte (pakväśaya), oberer und unterer Mastdarm, Dünn- und Dickdarm, das Netz (vapä) samt Aufhängung |
| pitṛja (vom Vater) | Kopfhaar, Bart, Nägel, Körperhaar, Zähne, Knochen, Adern (sirä), Sehnen (snäyu), Gefäße (dhamani), Same |
athātaḥ khuḍḍikāṃ garbhāvakrāntiṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das kleine Kapitel über den Eintritt des Keimlings (garbhāvakrānti) im Rahmen der Körperlehre (śārīra) erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya.
puruṣasyānupahataretasaḥ striyāścāpraduṣṭayoniśoṇitagarbhāśayāyā yadā bhavati saṃsargaḥ ṛtukāle, yadā cānayostathāyukte saṃsargeśukraśoṇitasaṃsargamantargarbhāśayagataṃ jīvo'vakrāmati sattvasamprayogāttadā garbho'bhinirvatete, sa sātmyarasopayogādarogo'bhivardhate samyagupacāraiścopacaryamāṇaḥ, tataḥ prāptakālaḥ sarvendriyopapannaḥ paripūrṇaśarīro balavarṇasattvasaṃhananasampadupetaḥ sukhena jāyatesamudayādeṣāṃ bhāvānāṃ-mātṛjaścāyaṃ garbhaḥ pitṛjaścātmajaśca sātmyajaśca rasajaśca, asti ca khalu sattvamaupapādukamiti hovāca bhagavānātreyaḥ
Wenn bei einem Mann, dessen Samen nicht geschädigt ist, und einer Frau, deren Scheide, Blut (śoṇita) und Gebärmutter (garbhāśaya) nicht befleckt sind, zur rechten Zeit (ṛtukāla) die Vereinigung stattfindet, und wenn bei diesen beiden, so vereinigt, die Lebenskraft (jīva) zusammen mit dem geistigen Prinzip (sattva) in die in der Gebärmutter befindliche Verbindung von Samen und Blut eintritt, dann entsteht der Keimling (garbha). Dieser wächst, wenn er sich zuträglicher Nahrungsessenz (rasa) bedient, gesund heran und wird bei richtiger Pflege gut betreut; danach wird er, wenn die Zeit gekommen ist, mit allen Sinnesorganen versehen, mit vollständigem Körper, ausgestattet mit der Fülle von Kraft, Hautfarbe, Geist und fester Gestalt, leicht geboren. Aus dem Zusammentreffen dieser Faktoren entsteht dieser Keimling: er ist von der Mutter erzeugt (mātṛja), vom Vater erzeugt (pitṛja), vom Selbst erzeugt (ātmaja), von der zuträglichen Lebensweise erzeugt (sātmyaja) und aus der Nahrungsessenz erzeugt (rasaja); und es gibt auch ein von selbst entstehendes Lebewesen (sattva aupapāduka) — so sprach der erhabene Ātreya.
neti bharadvājaḥ, kiṃ kāraṇaṃ- na hi mātā na pitā nātmā na sātmyaṃ na pānāśanabhakṣyalehyopayogā garbhaṃ janayanti, na caparalokādetya garbhaṃ sattvamavakrāmati (1) yadi hi mātāpitarau garbhaṃ janayetāṃ, bhūyasyaḥ striyaḥ pumāṃsaśca bhūyāṃsaḥ putrakāmāḥ, te sarve putrajanmābhisandhāyamaithunadharmamāpadyamānāḥ putrāneva janayeyurduhitṝrvā duhitṛkāmāḥ, na tu kāścit striyaḥ kecidvā puruṣā nirapatyāḥ syurapatyakāmā vā parideveran (2) na cātmā''tmānaṃ janayati| yadi hyātmā''tmānaṃ janayejjāto vā janayedātmānamajāto vā, taccobhayathā'pyayuktam| na hi jāto janayati sattvāt, na cājāto janayatyasattvāt, tasmādubhayathā'pyanupapattiḥ| tiṣṭhatu tāvadetat| yadyayamātmā''tmānaṃ śakto janayituṃ syāt, na tvenamiṣṭāsveva kathaṃ yoniṣu janayedvaśinamapratihatagatiṃ kāmarūpiṇaṃtejobalajavavarṇasattvasaṃhananasamuditamajaramarujamamaram; evaṃvidhaṃ hyātmā''tmānamicchatyato vā bhūyaḥ (3) asātmyajaścāyaṃ garbhaḥ| yadi hi sātmyajaḥsyāt, tarhi sātmyasevināmevaikāntena prajā syāt, asātmyasevinaśca nikhilenānapatyāḥ syuḥ,taccobhayamubhayatraiva dṛśyate (4) arasajaścāyaṃ garbhaḥ| yadi hi rasajaḥ syāt, na kecit strīpuruṣeṣvanapatyāḥ syuḥ, na hi kaścidastyeṣāṃ yo rasānnopayuṅkte; śreṣṭharasopayogināṃcedgarbhā jāyanta ityabhipretamiti, evaṃ satyājaurabhramārgamāyūragokṣīradadhighṛtamadhutailasaindhavekṣurasamudgaśālibhṛtānāmevaikāntenaprajā syāt, śyāmākavarakoddālakakoradūṣakakandamūlabhakṣāśca nikhilenānapatyāḥ syuḥ, taccobhayamubhayatra dṛśyate (5) na khalvapi paralokādetya sattvaṃ garbhamavakrāmati; yadi hyenamavakrāmet, nāsya kiñcit paurvadehikaṃ syādaviditamaśrutamadṛṣṭaṃ vā,sa ca tacca na kiñcidapi smarati (6) tasmādetadbrūmahe- amātṛjaścāyaṃ garbho'pitṛjaścānātmajaścāsātmyajaścārasajaśca, na cāsti sattvamaupapādukamiti (hovācabharadvājaḥ)
Nein, sagte Bharadvāja. Aus welchem Grund? Weder die Mutter noch der Vater noch das Selbst (ātman) noch die zuträgliche Lebensweise (sātmya) noch der Gebrauch von Getränken, Speisen, Genussmitteln und Geleckem erzeugen den Keimling, und auch kommt kein Lebewesen (sattva) aus einer anderen Welt herbei und tritt in den Keimling ein. (1) Denn wenn Mutter und Vater den Keimling erzeugten, so gäbe es sehr viele Frauen und sehr viele Männer, die sich Söhne wünschen; alle diese, die sich in der Absicht, einen Sohn zu bekommen, dem geschlechtlichen Verkehr hingeben, würden nur Söhne erzeugen, oder, wenn sie sich Töchter wünschen, nur Töchter; es gäbe aber keine Frauen und keine Männer, die kinderlos blieben oder sich, obwohl sie sich Kinder wünschten, vergeblich grämten. (2) Auch erzeugt das Selbst nicht sich selbst. Denn wenn das Selbst sich selbst erzeugte, so würde entweder das geborene Selbst das (noch ungeborene) Selbst erzeugen, oder das ungeborene das Selbst erzeugen — beides ist unhaltbar. Denn das geborene erzeugt nicht, weil es bereits als Lebewesen besteht, und das ungeborene erzeugt nicht, weil es noch nicht als Lebewesen besteht; daher ist beides unmöglich. Doch nehmen wir einmal an, dieses Selbst wäre fähig, sich selbst zu erzeugen — warum würde es sich dann nicht ausschließlich in erwünschten Mutterschößen erzeugen, es, das doch selbstbeherrscht wäre, von ungehindertem Gang, nach Belieben gestaltbar, ausgestattet mit Glanz, Kraft, Schnelligkeit, Schönheit, Geist und fester Gestalt, alterslos, krankheitslos, unsterblich? Denn ein solches Selbst würde das Selbst sich wünschen, oder gar ein noch vollkommeneres. (3) Auch ist dieser Keimling nicht durch die zuträgliche Lebensweise (sātmya) erzeugt. Denn wäre er durch sātmya erzeugt, so hätten ausschließlich diejenigen Nachkommenschaft, die eine zuträgliche Lebensweise pflegen, und diejenigen, die eine unzuträgliche pflegen, wären allesamt kinderlos; beides aber sieht man auf beiden Seiten vorkommen. (4) Auch ist dieser Keimling nicht aus der Nahrungsessenz (rasa) erzeugt. Denn wäre er aus rasa erzeugt, so gäbe es keine Männer und Frauen ohne Nachkommen, denn es gibt niemanden unter ihnen, der nicht Nahrungsessenzen zu sich nimmt; wollte man aber meinen, nur wer die besten rasas genieße, dem werde ein Keimling geboren, dann müssten ausschließlich diejenigen Nachkommenschaft haben, die sich von Ziegen-, Schaf-, Büffel-, Pfau-, Kuhmilch, Dickmilch, Ghee, Honig, Öl, Steinsalz, Zuckerrohrsaft, Mungobohnen und Reis ernähren, und diejenigen, die Hirse, Varaka, Koddrava, Koradūṣa-Korn, Wurzeln und Knollen essen, wären allesamt kinderlos; beides aber sieht man auf beiden Seiten vorkommen. (5) Auch tritt kein Lebewesen, aus einer anderen Welt kommend, als Keimling ein; denn träte es so ein, so gäbe es für dieses nichts aus dem früheren Leben, das ihm unbekannt, ungehört oder ungesehen wäre — doch weder an dieses noch an jenes erinnert es sich im Geringsten. (6) Deshalb sagen wir: Dieser Keimling ist nicht von der Mutter erzeugt, nicht vom Vater, nicht vom Selbst, nicht von der zuträglichen Lebensweise, nicht aus der Nahrungsessenz erzeugt, und es gibt kein von selbst entstehendes Lebewesen — so sprach Bharadvāja.
neti bhagavānātreyaḥ, sarvebhya ebhyo bhāvebhyaḥ samuditebhyo garbho'bhinirvartate
Nein, sagte der erhabene Ātreya: Aus dem Zusammenwirken aller dieser genannten Faktoren entsteht der Keimling.
mātṛjaścāyaṃ garbhaḥ| na hi māturvinā garbhotpattiḥ syāt, na ca janma jarāyujānām| yāni khalvasya garbhasya mātṛjāni, yāni cāsya mātṛtaḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā- tvakcalohitaṃ ca māṃsaṃ ca medaśca nābhiśca hṛdayaṃ ca kloma ca yakṛcca plīhā ca vṛkkau ca bastiśca purīṣādhānaṃ cāmāśayaścapakvāśayaścottaragudaṃ cādharagudaṃ ca kṣudrāntraṃ ca sthūlāntraṃ ca vapā ca vapāvahanaṃ ceti (mātṛjāni)
Dieser Keimling ist von der Mutter erzeugt. Denn ohne die Mutter gäbe es keine Entstehung des Keimlings, und keine Geburt der im Mutterleib (jarāyu) Entstehenden. Was nun an diesem Keimling von der Mutter erzeugt ist, was von ihr, der Mutter, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich Haut und Blut, Fleisch, Fett, Nabel, Herz, das Kloma (ein inneres Organ nahe dem Herzen), Leber, Milz, die beiden Nieren, Harnblase, der Behälter des Kots, Magen (āmāśaya) und Verdauungsstätte (pakvāśaya), oberer und unterer Mastdarm, Dünndarm und Dickdarm, das Netz (vapā) und dessen Aufhängung — dies sind die von der Mutter erzeugten (Bestandteile).
pitṛjaścāyaṃ garbhaḥ| nahi piturṛte garbhotpattiḥ syāt, na ca janma jarāyujānām| yāni khalvasya garbhasya pitṛjāni, yāni cāsya pitṛtaḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā-keśaśmaśrunakhalomadantāsthisirāsnāyudhamanyaḥ śukraṃ ceti (pitṛjāni)
Dieser Keimling ist auch vom Vater erzeugt. Denn ohne den Vater gäbe es keine Entstehung des Keimlings, und keine Geburt der im Mutterleib Entstehenden. Was nun an diesem Keimling vom Vater erzeugt ist, was von ihm, dem Vater, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich Kopfhaar, Bart, Nägel, Körperhaar, Zähne, Knochen, Adern (sirā), Sehnen (snāyu) und Gefäße (dhamani) sowie der Samen — dies sind die vom Vater erzeugten (Bestandteile).
ātmajaścāyaṃ garbhaḥ| garbhātmā hyantarātmā yaḥ, taṃ ‘jīva’ ityācakṣate śāśvatamarujamajaramamaramakṣayamabhedyamacchedyamaloḍyaṃ viśvarūpaṃviśvakarmāṇamavyaktamanādimanidhanamakṣaramapi| sa garbhāśayamanupraviśya śukraśoṇitābhyāṃ saṃyogametya garbhatvena janayatyātmanā''tmānam, ātmasañjñā hi garbhe| tasya punarātmano janmānāditvānnopapadyate, tasmānna jāta evāyamajātaṃ garbhaṃ janayati, ajāto hyayamajātaṃ garbhaṃjanayati; sa caiva garbhaḥ kālāntareṇa bālayuvasthavirabhāvān prāpnoti, sa yasyāṃ yasyāmavasthāyāṃ vartate tasyāṃ tasyāṃ jātobhavati, yā tvasya puraskṛtātasyāṃ janiṣyamāṇaśca, tasmāt sa eva jātaścājātaśca yugapadbhavati; yasmiṃścaitadubhayaṃ sambhavatijātatvaṃ janiṣyamāṇatvaṃ ca sa jāto janyate, sa caivānāgateṣvavasthāntareṣvajāto janyayatyātmanā''tmānam| sato hyavasthāntaragamanamātrameva hi janma cocyate tatra tatra vayasi tasyāṃ tasyāmavasthāyāṃ; yathā- satāmeva śukraśoṇitajīvānāṃprāk saṃyogādgarbhatvaṃ na bhavati, tacca saṃyogādbhavati; yathā- satastasyaiva puruṣasya prāgapatyāt pitṛtvaṃ na bhavati,taccāpatyādbhavati; tathā satastasyaiva garbhasya tasyāṃ tasyāmavasthāyāṃ jātatvamajātatvaṃ cocyate
Dieser Keimling ist auch vom Selbst (ātman) erzeugt. Das innere Selbst nämlich, das die Seele des Keimlings ist, nennt man 'jīva' (Lebenskraft) — ewig, krankheitslos, alterslos, unsterblich, unvergänglich, unteilbar, unzerschneidbar, unauflösbar, allgestaltig, in allem wirkend, unmanifest, ohne Anfang, ohne Ende, unvergänglich. Dieses Selbst tritt in die Gebärmutter ein, verbindet sich mit Samen und Blut, und erzeugt, indem es zum Keimling wird, durch sich selbst sich selbst — denn im Keimling nimmt es die Bezeichnung 'Selbst' an. Da nun dieses Selbst ohne Anfang ist, ist eine Geburt im eigentlichen Sinne für es nicht möglich; daher erzeugt nicht das bereits geborene das ungeborene, sondern das ungeborene erzeugt den ungeborenen Keimling. Und eben dieser Keimling durchläuft im Laufe der Zeit die Zustände des Kindes, des Jünglings und des Greises; in welchem Zustand er sich jeweils befindet, in dem gilt er als geboren, während er in Bezug auf den Zustand, der ihm noch bevorsteht, als noch zu gebären gilt; daher ist eben dieses Selbst zugleich geboren und ungeboren. Und in dem, worin beides zusammentrifft — das Geborensein und das Noch-zu-Gebären-Sein —, das ist geboren und wird zugleich erzeugt; und eben dieses Selbst erzeugt, indem es in den zukünftigen Zuständen noch ungeboren ist, durch sich selbst sich selbst. Denn vom bereits Bestehenden wird nur der Übergang in einen anderen Zustand 'Geburt' genannt, in jedem jeweiligen Lebensalter, in jedem jeweiligen Zustand; so wie die bereits bestehenden Samen, Blut und Lebenskraft (jīva) vor ihrer Verbindung nicht den Zustand des Keimlings haben, ihn aber durch die Verbindung erhalten; so wie derselbe bereits bestehende Mann vor der Geburt eines Kindes nicht Vater ist, es aber durch die Geburt des Kindes wird — ebenso wird von demselben, bereits bestehenden Keimling je nach seinem jeweiligen Zustand gesagt, er sei 'geboren' oder 'ungeboren'.
na khalu garbhasya na ca māturna piturna cātmanaḥ sarvabhāveṣu yatheṣṭakāritvamasti; te kiñcit svavaśāt kurvanti, kiñcitkarmavaśāt, kvaciccaiṣāṃ karaṇaśaktirbhavati, kvacinna bhavati| yatra sattvādikaraṇasampattatra yathābalameva yatheṣṭakāritvam, ato'nyathā viparyayaḥ| na ca karaṇadoṣādakaraṇamātmāsambhavati garbhajanane, dṛṣṭaṃ ceṣṭā yoniraiśvaryaṃ mokṣaścātmavidbhirātmāyattam| nahyanyaḥ sukhaduḥkhayoḥ kartā| na cānyato garbho jāyate jāyamānaḥ, nāṅkurotpattirabījāt
Weder der Keimling noch die Mutter, der Vater oder das Selbst haben in allen Dingen völlig freie Verfügung, wie sie wollen; sie bewirken manches aus eigener Macht, manches aufgrund früherer Taten (karma), und manchmal haben sie die Fähigkeit dazu, manchmal nicht. Wo die Vollständigkeit der Ursachen — sattva und die übrigen — gegeben ist, dort besteht, soweit die Kraft reicht, Handeln nach Belieben; andernfalls gilt das Gegenteil. Und ein Mangel des Werkzeugs (karaṇa) beweist nicht, dass das Selbst bei der Erzeugung des Keimlings untätig sei; denn man sieht ja, dass die erwünschte Wiedergeburt, Herrschaft und Erlösung von den Kennern des Selbst als vom Selbst abhängig gelehrt werden. Kein anderer als das Selbst ist der Urheber von Glück und Leid. Auch entsteht der Keimling bei seiner Entstehung aus nichts anderem als diesen Ursachen — so wenig, wie ein Keim ohne Samen aufgeht.
yāni tu khalvasya garbhasyātmajāni, yāni cāsyātmataḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ tadyathā- tāsu tāsuyoniṣūtpattirāyurātmajñānaṃ mana indriyāṇi prāṇāpānau preraṇaṃ dhāraṇamākṛtisvaravarṇaviśeṣāḥ sukhaduḥkhe icchādveṣau cetanādhṛtirbuddhiḥ smṛtirahaṅkāraḥ prayatnaśceti (ātmajāni)
Was nun an diesem Keimling vom Selbst erzeugt ist, was von ihm, dem Selbst, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich das Entstehen im jeweiligen Mutterschoß, die Lebensspanne, die Selbsterkenntnis, der Geist (manas), die Sinnesorgane, das Ein- und Ausatmen (prāṇa und apāna), Antrieb und Zurückhaltung, die Besonderheiten von Gestalt, Stimme und Hautfarbe, Glück und Leid, Verlangen und Abneigung, Bewusstsein, Standhaftigkeit, Verstand (buddhi), Erinnerung (smṛti), Ich-Bewusstsein (ahaṅkāra) und Willensanstrengung — dies sind die vom Selbst erzeugten (Eigenschaften).
sātmyajaścāyaṃ garbhaḥ| nahyasātmyasevitvamantareṇa strīpuruṣayorvandhyatvamasti, garbheṣu vā'pyaniṣṭo bhāvaḥ| yāvat khalvasātmyasevināṃ strīpuruṣāṇāṃ trayo doṣāḥ prakupitāḥ śarīramupasarpanto na śukraśoṇitagarbhāśayopaghātāyopapadyante,tāvat samarthā garbhajananāya bhavanti| sātmyasevināṃ punaḥ strīpuruṣāṇāmanupahataśukraśoṇitagarbhāśayānāmṛtakāle sannipatitānāṃ jīvasyānavakramaṇādgarbhā naprādurbhavanti| nahi kevalaṃ sātmyaja evāyaṃ garbhaḥ, samudayo'tra kāraṇamucyate| yāni khalvasya garbhasya sātmyajāni, yāni cāsya sātmyataḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā-ārogyamanālasyamalolupatvamindriyaprasādaḥ svaravarṇabījasampat praharṣabhūyastvaṃ ceti (sātmyajāni)
Dieser Keimling ist auch von der zuträglichen Lebensweise (sātmya) erzeugt. Denn nicht ohne den Genuss von Unzuträglichem gibt es Unfruchtbarkeit bei Mann und Frau oder unerwünschte Zustände bei Keimlingen. Solange bei Männern und Frauen, die Unzuträgliches genießen, die drei doṣas zwar erregt sind und den Körper befallen, aber nicht so weit gehen, dass sie Samen, Blut und Gebärmutter schädigen, solange sind sie noch fähig, einen Keimling zu erzeugen. Bei Männern und Frauen hingegen, die Zuträgliches genießen, deren Samen, Blut und Gebärmutter unversehrt sind und die sich zur rechten Zeit vereinigen, entsteht dennoch kein Keimling, wenn die Lebenskraft (jīva) nicht eintritt. Denn nicht allein durch sātmya wird dieser Keimling erzeugt — das Zusammenwirken aller Faktoren wird hier als Ursache bezeichnet. Was nun an diesem Keimling durch sātmya erzeugt ist, was von ihm, dem sātmya, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich Gesundheit, Nicht-Trägheit, Nicht-Gier, Klarheit der Sinne, die Vollkommenheit von Stimme, Hautfarbe und Samen, sowie ein Übermaß an Freude — dies sind die durch sātmya erzeugten (Eigenschaften).
rasajaścāyaṃ garbhaḥ| na hi rasādṛte mātuḥ prāṇayātrā'pi syāt, kiṃ punargarbhajanma| na caivāsamyagupayujyamānā rasā garbhamabhinirvartayanti, na ca kevalaṃ samyagupayogādeva rasānāṃ garbhābhinirvṛttirbhavati,samudāyo'pyatra kāraṇamucyate| yāni tu khalvasya garbhasya rasajāni, yāni cāsya rasataḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā-śarīrasyābhinirvṛttirabhivṛddhiḥ prāṇānubandhastṛptiḥ puṣṭirutsāhaśceti (rasajāni)
Dieser Keimling ist auch aus der Nahrungsessenz (rasa) erzeugt. Denn ohne rasa gäbe es nicht einmal den Fortbestand des Lebens der Mutter, geschweige denn die Entstehung eines Keimlings. Doch bewirkt nicht ungenügend genossener rasa die Entstehung des Keimlings, und auch nicht allein durch richtigen Genuss von rasa entsteht der Keimling — auch hier wird das Zusammenwirken (aller Faktoren) als Ursache bezeichnet. Was nun an diesem Keimling aus rasa erzeugt ist, was von ihm, dem rasa, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich die Entstehung des Körpers, sein Wachstum, die Fortdauer des Lebensatems (prāṇa), Sättigung, Kräftigung und Tatkraft — dies sind die aus rasa erzeugten (Eigenschaften).
asti khalu sattvamaupapādukaṃ; yajjīvaṃ spṛkśarīreṇābhisambadhnāti, yasminnapagamanapuraskṛte śīlamasya vyāvartate,bhaktirviparyasyate, sarvendriyāṇyupatapyante, balaṃ hīyate, vyādhaya āpyāyyante, yasmāddhīnaḥ prāṇāñjahāti,yadindriyāṇāmabhigrāhakaṃ ca ‘mana’ ityabhidhīyate; tattrividhamākhyāyate- śuddhaṃ, rājasaṃ, tāmasamiti| yenāsya khalu mano bhūyiṣṭhaṃ, tena dvitīyāyāmājātau samprayogo bhavati; yadā tu tenaiva śuddhena saṃyujyate, tadājāteratikrāntāyā api smarati| smārtaṃ hi jñānamātmanastasyaiva manaso'nubandhādanuvartate, yasyānuvṛttiṃ puraskṛtya puruṣo ‘jātismara’ ityucyate| yāni khalvasya garbhasya sattvajāni, yānyasya sattvataḥ sambhavataḥ sambhavanti, tānyanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā- bhaktiḥ śīlaṃśaucaṃ dveṣaḥ smṛtirmohastyāgo mātsaryaṃ śauryaṃ bhayaṃ krodhastandrotsāhastaikṣṇyaṃ mārdavaṃ gāmbhīryamanavasthitatvamityevamādayaścānye,te sattvavikārā yānuttarakālaṃ sattvabhedamadhikṛtyopadekṣyāmaḥ| nānāvidhāni khalu sattvāni, tāni sarvāṇyekapuruṣe bhavanti, na ca bhavantyekakālam, ekaṃ tu prāyovṛttyā''ha
Es gibt auch ein von selbst entstehendes Lebewesen (sattva aupapāduka): das, was die Lebenskraft (jīva) untrennbar mit dem Körper verbindet, bei dessen Fortgehen der Charakter (śīla) sich wandelt, die Zuneigung sich verkehrt, alle Sinnesorgane leiden, die Kraft schwindet, die Krankheiten zunehmen, und dessen Fehlen den Lebensatem veranlasst, den Körper zu verlassen; das, was die Sinnesorgane erfasst und lenkt, wird 'manas' (Geist) genannt. Dieses wird als dreifach beschrieben: rein (sattvisch), leidenschaftlich (rajasisch) und dumpf (tamasisch). Womit dieser Geist nun größtenteils verbunden ist, damit tritt er auch bei der zweiten, d.h. der nächsten Geburt wieder in Verbindung; wenn er aber mit eben jenem reinen Anteil verbunden ist, dann erinnert er sich auch an eine vergangene Geburt. Denn die auf Erinnerung beruhende Erkenntnis des Selbst folgt aus der Fortdauer eben dieses Geistes; und ein Mensch, bei dem sich diese Fortdauer zeigt, wird 'einer, der sich an frühere Geburten erinnert' (jātismara) genannt. Was nun an diesem Keimling vom sattva erzeugt ist, was von ihm, dem sattva, herrührend entsteht, das wollen wir im Einzelnen erklären: nämlich Zuneigung, Charakter, Reinheit, Abneigung, Erinnerung, Verblendung, Entsagung, Neid, Tapferkeit, Furcht, Zorn, Trägheit, Tatkraft, Schärfe, Milde, Tiefsinn, Unbeständigkeit und dergleichen mehr — dies sind Abwandlungen des sattva, die wir später im Zusammenhang mit der Einteilung der sattva-Typen darlegen werden. Es gibt vielfältige Arten von sattva; alle diese kommen in einem einzigen Menschen vor, jedoch nicht gleichzeitig — meist überwiegt jeweils eine bestimmte Art, so sagt man.
evamayaṃ nānāvidhānāmeṣāṃ garbhakarāṇāṃ bhāvānāṃ samudāyādabhinirvartate garbhaḥ; yathā- kūṭāgāraṃ nānādravyasamudāyāt, yathā vā- rathonānārathāṅgasamudāyāt; tasmādetadavocāma- mātṛjaścāyaṃ garbhaḥ, pitṛjaśca, ātmajaśca, sātmyajaśca, rasajaśca, asti casattvamaupapādukamiti (hovāca bhagavānātreyaḥ)
So entsteht dieser Keimling aus dem Zusammenwirken dieser vielfältigen, den Keimling bewirkenden Faktoren; so wie ein Giebelhaus aus dem Zusammentreffen verschiedener Materialien entsteht, oder wie ein Wagen aus dem Zusammentreffen verschiedener Wagenteile. Deshalb haben wir gesagt: Dieser Keimling ist von der Mutter erzeugt, vom Vater, vom Selbst, von der zuträglichen Lebensweise und aus der Nahrungsessenz, und es gibt auch ein von selbst entstehendes Lebewesen — so sprach der erhabene Ātreya.
bharadvāja uvāca-yadyayameṣāṃ nānāvidhānāṃ garbhakarāṇāṃ bhāvānāṃ samudāyādabhinirvartate garbhaḥ kathamayaṃ sandhīyate, yadi cāpisandhīyate kasmāt samudāyaprabhavaḥ san garbho manuṣyavigraheṇa jāyate, manuṣyaśca manuṣyaprabhava ucyate; tatracediṣṭametadyasmānmanuṣyo manuṣyaprabhavastasmādeva manuṣyavigraheṇa jāyate, yathā- gaurgoprabhavaḥ, yathā- cāśvo'śvaprabhava iti; evaṃsati yaduktamagre samudayātmaka iti tadayuktam| yadi ca manuṣyo manuṣyaprabhavaḥ, kasmājjaḍāndhakubjamūkavāmanamimminavyaṅgonmattakuṣṭhikilāsibhyo jātāḥ pitṛsadṛśarūpā na bhavanti| athātrāpi buddhirevaṃ syāt- svenaivāyamātmā cakṣuṣā rūpāṇi vetti, śrotreṇa śabdān, ghrāṇena gandhān, rasanena rasān, sparśanenasparśān, buddhyā boddhavyamityanena hetunā na jaḍādibhyo jātāḥ pitṛsadṛśā bhavanti| atrāpi pratijñāhānidoṣaḥ syāt, evamukte hyātmā satsvindriyeṣu jñaḥ syādasatsvajñaḥ; yatra caitadubhayaṃ sambhavati jñatvamajñatvaṃ ca,savikāraścātmā | yadi ca darśanādibhirātmā viṣayān vetti, nirindriyo darśanādivirahādajñaḥ syāt, ajñatvādakāraṇam, akāraṇatvācca nātmetivāgvastumātrametadvacanamanarthaṃ syāditi (hovāca bharadvājaḥ)
Bharadvāja sprach: Wenn dieser Keimling aus dem Zusammenwirken dieser vielfältigen, den Keimling bewirkenden Faktoren entsteht, wie kommt dann seine Zusammenfügung zustande? Und wenn er sich zusammenfügt, warum wird der Keimling, obwohl er aus einem Zusammenwirken entsteht, in Menschengestalt geboren, und warum sagt man, der Mensch stamme vom Menschen ab? Wenn man nämlich zugesteht, dass der Mensch, weil er vom Menschen abstammt, eben deshalb in Menschengestalt geboren wird — so wie die Kuh von der Kuh und das Pferd vom Pferd abstammt —, dann ist das, was zuvor gesagt wurde, nämlich dass er aus einem Zusammenwirken bestehe, nicht richtig. Und wenn der Mensch vom Menschen abstammt, warum werden dann nicht die von Dummen, Blinden, Buckligen, Stummen, Zwergen, Einäugigen, Verkrüppelten, Wahnsinnigen, Aussätzigen und Weißfleckigen Gezeugten dem Vater ähnlich in ihrer Gestalt geboren? Wollte man nun hierauf erwidern: Eben dieses Selbst erkennt selbst mit dem Auge die Formen, mit dem Ohr die Töne, mit der Nase die Gerüche, mit der Zunge die Geschmäcker, mit dem Tastsinn die Berührungen, mit dem Verstand das zu Erkennende, und aus diesem Grund werden sie nicht der Gestalt der Dummen usw. gleich, sondern dem Vater ähnlich — so läge hierin ein Fehler, nämlich die Aufgabe der zuvor aufgestellten Behauptung. Denn spräche man so, wäre das Selbst erkennend, wenn die Sinnesorgane vorhanden sind, und unerkennend, wenn sie fehlen; und wo bei ein und demselben beides möglich ist — Erkennen und Nicht-Erkennen —, dort ist das Selbst dem Wandel unterworfen. Und wenn das Selbst die Objekte durch das Sehen und die übrigen Sinne erkennt, so wäre es, seiner Sinnesorgane beraubt, wegen des Fehlens von Sehen usw. unerkennend; aus dem Unerkennend-Sein folgt die Wirkungslosigkeit, und aus der Wirkungslosigkeit folgt, dass es kein Selbst im eigentlichen Sinn ist — so wäre diese Rede nur ein leeres Wort ohne wirklichen Gegenstand — so sprach Bharadvāja.
ātreya uvāca- purastādetat pratijñātaṃ- sattvaṃ jīvaṃ spṛkśarīreṇābhisambadhnātīti| yasmāttu samudāyaprabhavaḥ san sa garbho manuṣyavigraheṇa jāyate, manuṣyo manuṣyaprabhava ityucyate, tadvakṣyāmaḥ- bhūtānāṃ caturvidhāyonirbhavati- jarāyvaṇḍasvedodbhidaḥ| tāsāṃ khalu catasṛṇāmapi yonīnāmekaikā yoniraparisaṅkhyeyabhedā bhavati, bhūtānāmākṛtiviśeṣāparisaṅkhyeyatvāt| tatra jarāyujānāmaṇḍajānāṃ ca prāṇināmete garbhakarā bhāvā yāṃ yāṃ yonimāpadyante, tasyāṃ tasyāṃ yonau tathātathārūpā bhavanti;yathā- kanakarajatatāmratrapusīsakānyāsicyamānāni teṣu teṣu madhūcchiṣṭavigraheṣu, tāni yadā manuṣyabimbamāpadyante tadāmanuṣyavigraheṇa jāyante, tasmāt samudāyaprabhāvaḥ san garbho manuṣyavigraheṇa jāyate; manuṣyaśca manuṣyaprabhava ucyate,tadyonitvāt
Ātreya sprach: Zuvor wurde schon behauptet: Das sattva verbindet die Lebenskraft (jīva) untrennbar mit dem Körper. Warum aber der Keimling, obwohl er aus einem Zusammenwirken entsteht, in Menschengestalt geboren wird, und warum man sagt, der Mensch stamme vom Menschen ab, das wollen wir nun darlegen: Der Ursprung der Lebewesen ist vierfach: aus dem Mutterleib (jarāyuja), aus dem Ei (aṇḍaja), aus Feuchtigkeit bzw. Schweiß (svedaja) und aus dem Aufsprießen (udbhijja). Von diesen vier Ursprungsarten hat wiederum jede einzelne unzählige Unterarten, da die Formen der Lebewesen unzählig verschieden sind. Bei den aus dem Mutterleib und aus dem Ei Geborenen nun nehmen diese den Keimling bewirkenden Faktoren, in welchen Mutterschoß auch immer sie gelangen, jeweils genau die diesem Mutterschoß entsprechende Gestalt an; so wie Gold, Silber, Kupfer, Zinn und Blei, wenn sie in verschiedene Wachsformen gegossen werden, deren Gestalt annehmen — werden sie in eine Menschenform gegossen, so nehmen sie Menschengestalt an. Deshalb wird der Keimling, obwohl er aus einem Zusammenwirken entsteht, in Menschengestalt geboren; und der Mensch wird als vom Menschen abstammend bezeichnet, weil eben dieser sein Mutterschoß ist.
yaccoktaṃ- yadi ca manuṣyo manuṣyaprabhavaḥ, kasmānna jaḍādibhyo jātāḥ pitṛsadṛśarūpā bhavantīti; tatrocyate-yasya yasyahyaṅgāvayavasya bīje bīja bhāga upatapto bhavati, tasya tasyāṅgāvayavasya vikṛtirupajāyate, nopajāyate cānupatāpāt;tasmādubhayopapattirapyatra| sarvasya cātmajānīndriyāṇi, teṣāṃ bhāvābhāvaheturdaivaṃ; tasmānnaikāntato jaḍādibhyo jātāḥ pitṛsadṛśarūpā bhavanti
Was aber gesagt wurde: Wenn der Mensch vom Menschen abstammt, warum werden dann nicht die von Dummen usw. Gezeugten dem Vater ähnlich in ihrer Gestalt geboren — darauf wird erwidert: Bei welchem Körperglied und -teil jeweils der entsprechende Anteil im Samen geschädigt ist, bei diesem Körperglied und -teil entsteht eine Missbildung, bei Nicht-Schädigung entsteht sie nicht; deshalb ist hier beides möglich. Und alle Sinnesorgane sind vom Selbst erzeugt; die Ursache für ihr Vorhandensein oder Fehlen ist das Schicksal (daiva, d.h. früheres karma). Deshalb werden die von Dummen usw. Gezeugten nicht ausnahmslos dem Vater ähnlich in ihrer Gestalt geboren.
na cātmā satsvindriyeṣu jñaḥ, asatsu vā bhavatyajñaḥ; na hyasattvaḥ kadācidātmā, sattvaviśeṣāccopalabhyate jñānaviśeṣa iti
Und das Selbst ist weder erkennend, wenn die Sinnesorgane vorhanden sind, noch unerkennend, wenn sie fehlen; denn niemals ist das Selbst ohne Bewusstsein, sondern je nach der Beschaffenheit des sattva ergibt sich ein unterschiedliches Maß an Erkenntnis.
bhavanti cātra- na karturindriyābhāvāt kāryajñānaṃ pravartate| yā kriyā vartate bhāvaiḥ sā vinā tairna vartate
Und hierzu gibt es folgende Verse: Nicht wegen des Fehlens der Sinnesorgane des Handelnden bleibt die Erkenntnis der Wirkung aus. Die Handlung, die durch bestimmte Faktoren zustande kommt, kommt ohne diese nicht zustande.
jānannapi mṛdo'bhāvāt kumbhakṛnna pravartate| śrūyatāṃ cedamadhyātmamātmajñānabalaṃ mahat
Auch der Töpfer, der es versteht, kann mangels Lehm nicht tätig werden. So höre nun diese große innere Kraft der Selbsterkenntnis (adhyātma).
indriyāṇi ca saṅkṣipya manaḥ saṅkṣipya cañcalam| praviśyādhyātmamātmajñaḥ sve jñāne paryavasthitaḥ
Wenn er die Sinnesorgane zurückzieht und den unsteten Geist (manas) zurückzieht, in das innere Selbst eintritt, das Selbst erkennend, in seiner eigenen Erkenntnis verharrend —
sarvatrāvahitajñānaḥ sarvabhāvān parīkṣate| gṛhṇīṣva ce(ve)damaparaṃ bharadvāja vinirṇayam
— dann erkennt er, überall aufmerksam, alle Dinge. Nimm nun, Bharadvāja, diese weitere Klärung an:
nivṛttendriyavākceṣṭaḥ suptaḥ svapnagato yadā| viṣayān sukhaduḥkhe ca vetti nājño'pyataḥ smṛtaḥ
Wenn jemand mit zurückgezogenen Sinnen, ohne Sprache und Bewegung, schlafend, im Traum befindlich, Objekte, Glück und Leid wahrnimmt — so gilt er dennoch nicht als unerkennend.
nātmajñānādṛte caikaṃ jñānaṃ kiñcit pravartate| na hyeko vartate bhāvo vartate nāpyahetukaḥ
Denn ohne die Erkenntnis des Selbst kommt keinerlei andere Erkenntnis zustande; denn kein einzelnes Ding besteht für sich allein, und nichts besteht ohne Ursache.
tasmājjñaḥ prakṛtiścātmā draṣṭā kāraṇameva ca| sarvametadbharadvāja nirṇītaṃ jahi saṃśayam
Deshalb ist das Selbst der Erkennende, die Urnatur, der Betrachter und zugleich die Ursache. All dies, Bharadvāja, ist damit geklärt — lege deinen Zweifel ab.
tatra ślokau- heturgarbhasya nirvṛttau vṛddhau janmani caiva yaḥ| punarvasumatiryā ca bharadvājamatiśca yā
Dazu gibt es folgende Verse: Was die Ursache der Entstehung, des Wachstums und der Geburt des Keimlings ist; und was die Ansicht des Punarvasu (Ātreya) und was die Ansicht des Bharadvāja ist;
pratijñāpratiṣedhaśca viśadaścātmanirṇayaḥ| garbhāvakrāntimuddiśya khuḍḍīkāṃ tatprakāśitam
die Behauptung und ihre Widerlegung, sowie die klare Klärung über das Selbst — dies wurde, mit Bezug auf den Eintritt des Keimlings, im 'Kleinen Kapitel' (khuḍḍikā) dargelegt.