athātaḥ sarpadaṣṭaviṣavijñānīyaṃ kalpaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun denn wollen wir das Kapitel *sarpadaṣṭaviṣavijñānīya* (Wissen um das Gift bei Schlangenbiss) darlegen.
Suśruta-Saṃhitā · Kalpasthana
Das vierte Kapitel eröffnet die eigentliche Schlangenkunde: Auf Suśrutas Bitte klassifiziert Dhanvantari die achtzig irdischen Schlangenarten – unter ausdrücklichem Ausschluss der verehrungswürdigen, welttragenden Nāga-Fürsten wie Vāsuki – in fünf Gruppen: die haubentragenden *darvīkara*, die geringelten *maṇḍalin*, die gestreiften *rājimant*, die giftlosen *nirviṣa* und Mischformen (*vaikarañja*), denen jeweils zahlreiche Einzelarten mit Namen zugeordnet werden. Eine an das Kastensystem angelehnte Farbtypologie (brahmanische, kriegerische, kaufmännische, dienende Schlangen) verknüpft Aussehen mit Charakter, während jede der drei Hauptgruppen systematisch einem *doṣa* – Vāta, Pitta beziehungsweise Kapha – zugeordnet wird. Der Text unterscheidet zudem drei Bissarten (voller Giftbiss, bloßer Streifbiss, giftloser Biss) und beschreibt minutiös die doṣa-spezifischen Krankheitsbilder sowie deren stufenweise Ausbreitung über sieben *vega* (Kraftstufen), die sich in Farbe von Haut, Augen und Ausscheidungen sowie im fortschreitenden Organbefall äußern.
| Gruppe | Anzahl | Merkmale | doṣa | Beispiele |
|---|---|---|---|---|
| darvīkara | 26 | Zeichen von Rad, Pflug, Schirm, Svastika oder Elefantenhaken, mit Haube, schnelle Bewegung | vāta | Kṛṣṇasarpa, Mahākṛṣṇa, Padma |
| maṇḍalin | 22 | bunte Ringzeichnungen, breit, langsam, Glanz wie Feuer oder Sonne | pitta | Gonasa, Citraka, Eṇīpada |
| rājimant | 10 | glänzend, quer und längs gestreift | kapha | Rājicitra, Bindurāji, Sarṣapaka |
| nirviṣa | 12 | giftlos, keine besonderen Giftzeichen | – | Ajagara, Divyaka, Vṛkṣeśaya |
| vaikarañja | 3 (daraus 7 weitere) | Mischformen aus Kreuzung der drei Hauptgruppen | je nach Elternteil | Mākuli, Poṭagala, Snigdharāji |
athātaḥ sarpadaṣṭaviṣavijñānīyaṃ kalpaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun denn wollen wir das Kapitel *sarpadaṣṭaviṣavijñānīya* (Wissen um das Gift bei Schlangenbiss) darlegen.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So, wie es der erhabene Dhanvantari verkündete.
dhanvantariṃ mahāprājñaṃ sarvaśāstraviśāradam pādayorupasaṃgṛhya suśrutaḥ paripṛcchati
Suśruta umfasste die Füße des hochweisen Dhanvantari, der in allen Wissenschaften bewandert war, und befragte ihn.
sarpasaṃkhyāṃ vibhāgaṃ ca daṣṭalakṣaṇameva ca jñānaṃ ca viṣavegānāṃ bhagavan vaktumarhasi
„Erhabener, du mögest mir die Zahl der *sarpa* (Schlangen) und ihre Einteilung, die Kennzeichen des Bisses sowie das Wissen um die *vega* (Kraftstufen, Anfallswellen) des *viṣa* (Gift) darlegen.“
tasya tadvacanaṃ śrutvā prābravīdbhiṣajāṃ varaḥ asaṃkhyā vāsukiśreṣṭhā vikhyātāstakṣakādayaḥ
Als er diese Worte gehört hatte, sprach der Beste der Ärzte: „Zahllos sind die *nāga* (Schlangenfürsten), angeführt von Vāsuki, dem Vortrefflichsten, und den berühmten wie Takṣaka.
mahīdharāśca nāgendrā hutāgnisamatejasaḥ ye cāpyajasraṃ garjanti varṣanti ca tapanti ca
Es gibt erdtragende Fürsten der Nāgas, die an Glanz dem Opferfeuer gleichen, welche unaufhörlich donnern, Regen spenden und brennen,
sasāgaragiridvīpā yairiyaṃ dhāryate mahī kruddhā niḥśvāsadṛṣṭibhyāṃ ye hanyurakhilaṃ jagat
durch die diese Erde samt ihren Meeren, Bergen und Inseln getragen wird, und die, erzürnt, mit ihrem Atem und ihrem Blick die ganze Welt vernichten könnten.
namastebhyo'sti no teṣāṃ kāryaṃ kiñciccikitsayā ye tu daṃṣṭrāviṣā bhaumā ye daśanti ca mānuṣān
Verehrung sei ihnen – mit ihnen hat die Heilkunst nichts zu schaffen. Doch von jenen irdischen Schlangen, deren Gift in den Fangzähnen sitzt und die Menschen beißen,
teṣāṃ saṅkhyāṃ pravakṣyāmi yathāvadanupūrvaśaḥ aśītistveva sarpāṇāṃ bhidyate pañcadhā tu sā
von diesen will ich die Zahl der Reihe nach richtig verkünden: Achtzig *sarpa*-Arten gibt es, die sich in fünf Gruppen gliedern.
darvīkarā maṇḍalino rājimantastathaiva ca nirviṣā vaikarañjāśca trividhāste punaḥ smṛtāḥ
*Darvīkara* (kobraartige Hutzüngler), *maṇḍalin* (Ringzeichnungsschlangen), ebenso *rājimant* (Streifenschlangen), die giftlosen (*nirviṣa*) und die Mischlinge (*vaikarañja*) – auch diese gelten wiederum als je dreifach unterteilt.
darvīkarā maṇḍalino rājimantaśca pannagāḥ teṣu darvīkarā jñeyā viṃśatiḥ ṣaṭ ca pannagāḥ
*Darvīkara*, *maṇḍalin* und *rājimant* sind die eigentlichen Giftschlangen (*pannaga*); unter ihnen sind sechsundzwanzig als *darvīkara* zu erkennen.
dvāviṃśatirmaṇḍalino rājimantastathā daśa nirviṣā dvādaśa jñeyā vaikarañjāstrayastathā
Zweiundzwanzig sind *maṇḍalin*, zehn ebenso *rājimant*, zwölf sind als *nirviṣa* zu erkennen, und drei ebenso als *vaikarañja*.
vaikarañjodbhavāḥ sapta citrā maṇḍalirājilāḥ pādābhimṛṣṭā duṣṭā vā kruddhā grāsārthino'pi vā
Aus den *vaikarañja* entstanden [weitere] sieben bunte, von *maṇḍalin* und *rājila* geprägte [Schlangen]. Solche, die auf den Fuß getreten wurden, oder verdorbene, erzürnte oder nach Beute gierende –
te daśanti mahākrodhāstrividhaṃ bhīmadarśanāḥ sarpitaṃ raditaṃ cāpi tṛtīyamatha nirviṣam sarpāṅgābhihataṃ kecidicchanti khalu tadvidaḥ
diese beißen, von großem Zorn erfüllt und furchterregend anzusehen, und zwar dreifach: das *sarpita* (der volle Giftbiss), ebenso das *radita* (der bloße Streifbiss), und drittens der giftlose Biss; manche Kenner rechnen auch den Schlag durch den Schlangenkörper selbst (*sarpāṅgābhihata*) dazu.
padāni yatra dantānāmekaṃ dve vā bahūni vā nimagnānyalparaktāni yānyudvṛtya karoti hi
Wo die Male der Zähne – eines, zwei oder mehrere – tief eingedrückt sind, wenig Blut zeigen und die Schlange sie durch Herausziehen der Zähne gesetzt hat,
cañcumālakayuktāni vaikṛtyakaraṇāni ca saṅkṣiptāni saśophāni vidyāttat sarpitaṃ bhiṣak
mit schnabelartigen Kränzen versehen, Verunstaltungen hervorrufend, eng zusammengezogen und geschwollen – das soll der Arzt als *sarpita* erkennen.
rājyaḥ salohitā yatra nīlāḥ pītāḥ sitāstathā vijñeyaṃ raditaṃ tattu jñeyamalpaviṣaṃ ca tat
Wo Streifen mit etwas Blut sichtbar sind, blau, gelb oder auch weiß, das ist als *radita* zu erkennen, und dieses gilt als geringgiftig.
aśophamalpaduṣṭāsṛk prakṛtisthasya dehinaḥ padaṃ padāni vā vidyādaviṣaṃ taccikitsakaḥ
Ohne Schwellung, mit nur wenig verdorbenem Blut, bei einem Körper, der in seiner natürlichen Verfassung bleibt, mit einem Zahnmal oder mehreren – das soll der Behandelnde als giftlos erkennen.
sarpaspṛṣṭasya bhīrorhi bhayena kupito'nilaḥ kasyacit kurute śophaṃ sarpāṅgābhihataṃ tu tat
Bei einem Furchtsamen, der von einer Schlange nur berührt wurde, kann der aus Angst erregte *vāta* (Wind, Bewegungsprinzip) bei manchem eine Schwellung hervorrufen – das aber ist nur der Schlag durch den Schlangenkörper.
vyādhitodvignadaṣṭāni jñeyānyalpaviṣāṇi tu tathā'tivṛddhabālābhidaṣṭamalpaviṣaṃ smṛtam
Bisse bei einem bereits Kranken oder von Angst Erregten sind ebenfalls als geringgiftig zu erkennen; ebenso gilt der Biss, den ein sehr altes oder ein junges Tier zufügt, als geringgiftig.
suparṇadevabrahmarṣiyakṣasiddhaniṣevite viṣaghnauṣadhiyukte ca deśe na kramate viṣam
An einem Ort, der von Garuḍa, Göttern, brahmanischen Sehern, Yakṣas und Siddhas aufgesucht wird und der mit giftvertreibenden Heilkräutern bewachsen ist, entfaltet sich das Gift nicht.
rathāṅgalāṅgalacchatrasvastikāṅkuśadhāriṇaḥ jñeyā darvīkarāḥ sarpāḥ phaṇinaḥ śīghragāminaḥ
Als *darvīkara*-Schlangen sind jene zu erkennen, die das Zeichen von Wagenrad, Pflug, Schirm, Svastika oder Elefantenhaken tragen; sie besitzen eine *phaṇa* (Haube) und bewegen sich schnell.
maṇḍalairvividhaiścitrāḥ pṛthavo mandagāminaḥ jñeyā maṇḍalinaḥ sarpā jvalanarkasamaprabhāḥ
Als *maṇḍalin*-Schlangen sind jene zu erkennen, die durch mannigfaltige Ringzeichnungen bunt, breit und langsam in der Bewegung sind, mit einem Glanz wie Feuer oder Sonne.
snigdhā vividhavarṇābhistiryagūrdhvaṃ ca rājibhiḥ citritā iva ye bhānti rājimantastu te smṛtāḥ
Glänzend, mit mannigfaltigen Farben, quer und der Länge nach mit Streifen wie gemalt schimmernd – diese gelten als *rājimant*-Schlangen.
muktārūpyaprabhā ye ca kapilā ye ca pannagāḥ sugandhayaḥ suvarṇāṃbhāste jātyā brāhmaṇāḥ smṛtāḥ
Schlangen, die im Glanz von Perlen oder Silber erscheinen, rötlich-braun und wohlriechend sind und golden schimmern – diese gelten ihrer Art nach als *brāhmaṇa*-Schlangen (Schlangen von priesterlicher Art).
kṣatriyāḥ snigdhavarṇāstu pannagā bhṛśakopanāḥ sūryacandrā kṛticchatralakṣma teṣāṃ tathā'mbujam
Als *kṣatriya*-Schlangen (Schlangen von kriegerischer Art) gelten jene von glänzender Farbe und heftigem Zorn, mit dem Zeichen von Sonne und Mond, von Schwert und Schirm sowie von Lotusblüten.
kṛṣṇā vajranibhā ye ca lohitā varṇatastathā dhūmrāḥ pārāvatābhāśca vaiśyāste pannagāḥ smṛtāḥ
Schwarze, dem Blitz ähnliche, ebenso rötlich gefärbte, rauchfarbene und taubenfarbene Schlangen gelten als *vaiśya*-Schlangen (Schlangen von bäuerlich-kaufmännischer Art).
mahiṣadvīpivarṇābhāstathaiva paruṣatvacaḥ bhinnavarṇāśca ye kecicchūdrā ste parikīrtitāḥ
Solche von der Farbe eines Büffels oder Panthers, ebenso rauhäutige, und alle jene von gemischter Farbe werden als *śūdra*-Schlangen (Schlangen von dienender Art) bezeichnet.
kopayantyanilaṃ jantoḥ phaṇinaḥ sarva eva tu pittaṃ maṇḍalinaścāpi kaphaṃ cānekarājayaḥ
Alle Haubenschlangen, die *darvīkara*, erregen den *vāta*; die *maṇḍalin* erregen das *pitta* (Galle, Feuerprinzip); und die vielfach gestreiften, die *rājimant*, erregen den *kapha* (Schleim, Wasserprinzip).
apatyamasavarṇābhyāṃ dvidoṣakaralakṣaṇam jñeyau doṣaiśca dampatyorviśeṣaścātra vakṣyate
Aus der Paarung [von Schlangen] verschiedener Farbe entsteht Nachkommenschaft, die das Kennzeichen trägt, zwei *doṣa* (Körpersäfte, Wirkprinzipien) zugleich zu erregen; und die Besonderheit der Eltern hinsichtlich ihrer *doṣa* soll hier noch dargelegt werden.
rajanyāḥ paścime yāme sarpāścitrāścaranti hi śeṣeṣūktā maṇḍalino divā darvīkarāḥ smṛtāḥ
In der letzten Nachtwache sind es die bunten *rājimant*, die umherziehen; in den übrigen Nachtwachen gelten, wie gesagt, die *maṇḍalin* als aktiv, und am Tage die *darvīkara*.
darvīkarāstu taruṇā vṛddhā maṇḍalinastathā rājimanto vayomadhyā jāyante mṛtyuhetavaḥ
*Darvīkara*, wenn jung, *maṇḍalin*, wenn alt, und *rājimant*, wenn im mittleren Alter, werden zu tödlichen Ursachen.
nakulākulitā bālā vāriviprahatāḥ kṛśāḥ vṛddhā muktatvaco bhītāḥ sarpāstvalpaviṣāḥ smṛtāḥ
Schlangen, die vom Mungo gequält wurden, junge, vom Wasser durchnässte, abgemagerte, alte, solche, die gerade ihre Haut abgestreift haben, und ängstliche gelten als geringgiftig.
tatra darvīkarāḥkṛṣṇasarpo mahākṛṣṇaḥ kṛṣṇodaraḥ śvetakapoto mahākapoto balāhako mahāsarpaḥ śaṅkhakapālo lohitākṣo gavedhukaḥ parisarpaḥ khaṇḍaphaṇaḥ kakudaḥ padmo mahāpadmo darbhapuṣpo dadhimukhaḥ puṇḍarīko bhrūkuṭīmukho viṣkiraḥ puṣpābhikīrṇo girisarpaḥ ṛjusarpaḥ śvetodaro mahāśirā alagarda āśīviṣa iti 1 maṇḍalinastu ādarśamaṇḍalaḥ śvetamaṇḍalo raktamaṇḍalaḥ citramaṇḍalaḥ pṛṣato rodhrapuṣpo milindako gonaso vṛddhagonasaḥ panaso mahāpanaso veṇupatrakaḥ śiśuko madanaḥ pālindiraḥ piṅgalaḥ tantukaḥ puṣpapāṇḍuḥ ṣaḍaṅgo agniko babhruḥ kaṣāyaḥ kaluṣaḥ pārāvato hastābharaṇaḥ citrakaḥ eṇīpada iti 2 rājimantastupuṇḍarīko rājicitro aṅgularājiḥ bindurājiḥ kardamakaḥ tṛṇaśoṣakaḥ sarṣapakaḥ śvetahanuḥ darbhapuṣpaścakrako godhūmakaḥ kikkisāda iti 3 nirviṣāstu galagolī śūkapatro ajagaro divyako varṣāhikaḥ puṣpaśakalī jyotīrathaḥ kṣīrikāpuṣpako ahipatāko andhāhiko gaurāhiko vṛkṣeśaya iti 4 vaikarañjāstu trayāṇāṃ darvīkarādīnāṃ vyatikarājjātāḥ tadyathāmākuli poṭagalaḥ snigdharājiriti tatra kṛṣṇasarpeṇa gonasyāṃ vaiparītyena vā jāto mākuli rājilena gonasyāṃ vaiparītyena vājātaḥ poṭagalaḥ kṛṣṇasarpeṇa rājimatyāṃ vaiparītyenavā jātaḥ snigdharājiriti teṣāmādyasya pitṛvadviṣotkarṣo dvayormātṛvadityeke 5 trayāṇāṃ vaikarañjānāṃ punardivyelakarodhrapuṣpakarājicitra kapoṭagala puṣpābhikīrṇadarbhapuṣpavellitakāḥ saptā teṣāmādyāstrayo rājilavat śeṣā maṇḍalivat evameteṣāṃ sarpāṇāmaśītirvyākhyātā
Unter den *darvīkara* zählen: Kṛṣṇasarpa, Mahākṛṣṇa, Kṛṣṇodara, Śvetakapota, Mahākapota, Balāhaka, Mahāsarpa, Śaṅkhakapāla, Lohitākṣa, Gavedhuka, Parisarpa, Khaṇḍaphaṇa, Kakuda, Padma, Mahāpadma, Darbhapuṣpa, Dadhimukha, Puṇḍarīka, Bhrūkuṭīmukha, Viṣkira, Puṣpābhikīrṇa, Girisarpa, Ṛjusarpa, Śvetodara, Mahāśirā, Alagarda und Āśīviṣa. Zu den *maṇḍalin* gehören: Ādarśamaṇḍala, Śvetamaṇḍala, Raktamaṇḍala, Citramaṇḍala, Pṛṣata, Rodhrapuṣpa, Milindaka, Gonasa, Vṛddhagonasa, Panasa, Mahāpanasa, Veṇupatraka, Śiśuka, Madana, Pālindira, Piṅgala, Tantuka, Puṣpapāṇḍu, Ṣaḍaṅga, Agnika, Babhru, Kaṣāya, Kaluṣa, Pārāvata, Hastābharaṇa, Citraka und Eṇīpada. Zu den *rājimant* gehören: Puṇḍarīka, Rājicitra, Aṅgularāji, Bindurāji, Kardamaka, Tṛṇaśoṣaka, Sarṣapaka, Śvetahanu, Darbhapuṣpa, Cakraka, Godhūmaka und Kikkisāda. Zu den giftlosen, den *nirviṣa*, gehören: Galagolī, Śūkapatra, Ajagara (Riesenschlange), Divyaka, Varṣāhika, Puṣpaśakalī, Jyotīratha, Kṣīrikāpuṣpaka, Ahipatāka, Andhāhika, Gaurāhika und Vṛkṣeśaya. Die *vaikarañja* aber entstehen aus der Kreuzung der drei genannten Gruppen, der *darvīkara* und der übrigen, nämlich: Mākuli, Poṭagala und Snigdharāji. Von diesen entsteht der Mākuli aus einem Kṛṣṇasarpa-Männchen und einem Gonasa-Weibchen oder umgekehrt; der Poṭagala entsteht aus einem Rājila-Männchen und einem Gonasa-Weibchen oder umgekehrt; der Snigdharāji entsteht aus einem Kṛṣṇasarpa-Männchen und einem Rājimatī-Weibchen oder umgekehrt. Beim ersten von ihnen überwiegt, wie manche sagen, die Giftkraft des Vaters, bei den beiden anderen die der Mutter. Aus diesen drei *vaikarañja* wiederum entstehen sieben weitere: Divyelaka, Rodhrapuṣpaka, Rājicitra, Kapoṭagala, Puṣpābhikīrṇa, Darbhapuṣpa und Vellitaka; von diesen verhalten sich die ersten drei wie die *rājimant*, die übrigen wie die *maṇḍalin*. So sind diese achtzig Schlangenarten erklärt.
tatra mahānetrajihvāsyaśirasaḥ pumāṃsaḥ sukṣmanetrajihvāsyaśirasaḥ striyaḥ ubhayalakṣaṇā mandaviṣāakrodhā napuṃsakā iti
Dabei sind jene mit großen Augen, großer Zunge, großem Maul und großem Kopf die Männchen; jene mit feinen Augen, feiner Zunge, feinem Maul und feinem Kopf die Weibchen; solche, die beide Merkmale zeigen, sind geringgiftig, unzornig und gelten als geschlechtslos.
tatra sarveṣāṃ sarpāṇāṃ sāmānyata eva daṣṭalakṣaṇaṃ vakṣyāmaḥ kiṃ kāraṇaṃ viṣaṃ hi niśitanistriṃśāśanihutavahadeśyamāśukāri muhūrtamapyupekṣitamāturamatipātayati na cāvakāśo'sti vāksamūhamupasartuṃ pratyekamapi daṣṭalakṣaṇebhihite sarvatratraividhyaṃ bhavati tasmāt traividhyameva vakṣyāmaḥ etaddhyāturahitamasaṃmohakaraṃ ca api cātraiva sarvasarpavyañjanāvarodhaḥ
Nun wollen wir die allen Schlangen gemeinsamen Kennzeichen des Bisses darlegen. Aus welchem Grund? Weil das Gift, einem scharfen Schwert, einem Pfeil oder lodernder Glut gleich, rasch wirkt und, auch nur einen Augenblick vernachlässigt, den Menschen sogleich zu Fall bringt; und es bleibt keine Zeit, eine Fülle von Worten heranzuziehen. Selbst wenn für jede einzelne Art die Kennzeichen des Bisses eigens dargelegt würden, ergäbe sich überall doch dieselbe Dreiteilung; darum wollen wir eben diese Dreiteilung darlegen. Sie ist frei von Verwirrung und stiftet keine Verwechslung, und zugleich ist darin die Beschreibung aller Schlangengifte eingeschlossen.
tatra darvīkaraviṣeṇatvaṅnayananakhadaśanavadanamūtrapurīṣadaṃśakṛṣṇatvaṃ raukṣyaṃ śi-raso gauravaṃ sandhivedanā kaṭīpṛṣṭhagrīvādaurbalyaṃ jṛmbhaṇaṃ vepathuḥ svarāvasādo ghurghurako jaḍatā śuṣkodgāraḥ kāsaśvāsauhikkā vāyorūrdhvagamanaṃ śūlodveṣṭanaṃ tṛṣṇā lālāsrāvaḥ phenāgamanaṃ sroto'varodhastāstāśca vātavedanā bhavanti ma-ṇḍaliviṣeṇa tvagādīnāṃ pītatvaṃśītābhilāṣaḥ paridhūpanaṃ dāhastṛṣṇā mado mūrcchājvaraḥ śoṇitāgamanamūrdhvamadhaśca māṃsānāmavaśātanaṃ śvayathurdaṃśakothaḥ pītarūpadarśanamāśukopastāstāśca pittavedanā bhavanti rājimadviṣeṇa śuklatvaṃ-tvagādīnāṃ śītajvaro romaharṣaḥ stabdhatvaṃ gātrāṇāmādaṃśaśophaḥ sāndra kaphapra-sekaśchardirabhīkṣṇamakṣṇoḥ kaṇḍūḥ kaṇṭhe śvayathurghurghuraka ucchvāsanirodhastamaḥ praveśastāstāśca kaphavedanā bhavanti
Durch das Gift der *darvīkara* treten folgende Erscheinungen auf: Schwärzung von Haut, Augen, Nägeln, Zähnen, Mund, Harn, Kot und der Bissstelle; Rauheit; Schwere im Kopf; Gelenkschmerzen; Schwäche in Hüfte, Rücken und Nacken; Gähnen; Zittern; Stimmverlust; ein röchelndes Geräusch; Erstarrung; trockenes Aufstoßen; Husten, Atemnot und Schluckauf; Aufsteigen des *vāta* nach oben; krampfartig sich windende Schmerzen; Durst; Speichelfluss; Schaumbildung; Verstopfung der *srotas* (Körperkanäle) – dies und Ähnliches sind die durch *vāta* verursachten Schmerzen. Durch das Gift der *maṇḍalin*: Gelbfärbung von Haut und Übrigem; Verlangen nach Kühlem; das Gefühl, als würde man beräuchert; Brennen; Durst; Rausch; Ohnmacht; Fieber; Blutungen nach oben und unten; Erschlaffung des Fleisches; Schwellung; Faulen der Bissstelle; das Sehen gelber Erscheinungen; rasches Aufbrausen – dies und Ähnliches sind die durch *pitta* verursachten Schmerzen. Durch das Gift der *rājimant*: Weißfärbung von Haut und Übrigem; Fieber mit Kälteschauer; Haaresträuben; Erstarrung der Glieder; Schwellung an der Bissstelle; dickflüssiger Schleimauswurf; Erbrechen; ständiges Jucken der Augen; Schwellung im Hals; röchelndes Geräusch; behinderter Atem; Eintritt von *tamas* (Bewusstlosigkeit, Umnachtung) – dies und Ähnliches sind die durch *kapha* verursachten Schmerzen.
puruṣābhidaṣṭa ūrdhvaṃ prekṣate adhastāt striyā sirāścottiṣṭhanti lalāṭe napuṃsa-kābhidaṣṭastiryakpekṣī bhavati garbhiṇyā pāṇḍumukhodhmātaśca sūtikayā kukṣi-śūlārtaḥ sarudhiraṃ mehatyupajihvikā cāsya bhavati grāsārthinā'nna kāṅkṣati vṛ-ddhane cirānmandāśca vegāḥ bālenāśu mṛdavaśca nirviṣeṇāviṣaliṅgaṃ andhāhike-nāndhatvamityeke grasanāt ajagaraḥ śarīraprāṇaharo na viṣāt tatra sadyaḥ prāṇaharāhidaṣṭaḥ patati śāstrāśanihata iva bhūmausrastāṅgaḥ svapiti
Ist ein Mann gebissen, blickt er nach oben; ist es eine Frau, so treten ihr die Adern an der Stirn hervor; ist es ein Geschlechtsloser, so blickt er seitwärts. Bei einer Schwangeren wird das Gesicht blass und aufgedunsen; bei einer *sūtikā* (Wöchnerin) treten Unterleibsschmerzen auf, sie scheidet blutigen Harn aus, und es zeigt sich eine Schwellung der *upajihvikā* (des Zäpfchens). Bei einem aus Beutegier beißenden Tier verlangt der Gebissene nach Nahrung. Bei einem alten Tier treten die Krankheitsstöße erst spät und schwach auf, bei einem jungen dagegen rasch und mild. Bei einer giftlosen Schlange fehlen die Giftzeichen. Manche sagen, durch den Biss der Andhāhika trete Blindheit ein. Der *ajagara* raubt durch Verschlingen Leib und Leben, nicht durch Gift. Wer aber von einer Schlange gebissen wird, deren Gift sogleich das Leben raubt, der fällt wie von einem Blitzstrahl getroffen zu Boden, mit erschlafften Gliedern, und sinkt in Bewusstlosigkeit.
tatra sarveṣāṃ sarpāṇāṃ viṣasya sapta vegā bhavanti tatra darvīkarāṇāṃ prathame vege viṣaṃ śoṇitaṃ dūṣayati tat praduṣṭaṃ kṛṣṇatāmupaiti tena kārṣṇyaṃ pipīlikāpari-sarpaṇamiva cāṅge bhavati dvitīye māṃsaṃ dūṣayati tenātyarthaṃ kṛṣṇatā śopho gra-nthayaścāṅge bhavanti tṛtīye medo dūṣayati tena daṃśakledaḥ śirogauravaṃ svedaścakṣu-rgrahaṇaṃ ca caturthe koṣṭhamanupraviśyakaphapradhānān doṣān dūṣayati tena tandrā prase-kasandhiviśleṣā bhavanti pañcame'sthīnyanupraviśati prāṇamagniṃ ca dūṣayati tena parvabhedo hikkā dāhaścabhavati ṣaṣṭhe majjānamanupraviśati grahaṇīṃ cātyarthaṃdūṣayati tena gātrāṇāṃ gauravamatīsāro hṛtpīḍā mūrcchā ca bhavati saptame śukramanupravi-śati vyānaṃcātyarthaṃ kopayati kaphaṃ ca sūkṣmasrotobhyaḥ pracyāvayati tena śleṣmavartiprādurbhāvaḥ kaṭīpṛṣṭhabhaṅgaḥ sarvaceṣṭaāvighāto lālāsvedayoratipra-vṛttirucchvāsavirodhaśca bhavati maṇḍalināṃ prathame vege viṣaṃśoṇitaṃ dūṣayati tat praduṣṭaṃ pītatāmupaiti tatraparidāhaḥ pītāvabhāsatā cāṅgānāṃ bhavati dvitī-yemāṃsaṃ dūṣayati tenātyarthaṃ pītatā paridāho daṃśeśvayathuśca bhavati tṛtīye medo dūṣayati tena pūrvavaccakṣurgrahaṇaṃ tṛṣṇā daṃśakledaḥ svedaśca caturthe koṣṭhamanupraviśya jvaramāpādayati pañcame paridāhaṃ sarvagātreṣu karoti ṣaṣṭhasaptamayoḥ pūrvavat rā-jimatāṃ prathame vege viṣaṃ śoṇitaṃ dūṣayati tat praduṣṭaṃ pāṇaḍutāmupaiti tena ro-maharṣaḥ śuklāvabhāsaśca puruṣobhavati dvitīye māṃsaṃ dūṣayati tena pāṇḍutā'tyarthaṃ jāḍyaṃ śiraḥśophaśca bhavati tṛtīye medo dūṣayatitena cakṣurgrahaṇaṃ daṃśakledaḥ svedo ghrāṇākṣisrāvaśca bhavati caturthe koṣṭhamanupraviśaya manyāstambhaṃ śirogauravaṃ cāpādayati pañcame vāksaṅgaṃ śītajvaraṃ ca karoti ṣaṣṭhasaptamayoḥ pūrvavaditi
Bei allen Schlangen durchläuft das Gift sieben *vega* (Kraftstufen). Bei den *darvīkara* verdirbt das Gift in der ersten Stufe das Blut; dieses nimmt eine schwarze Farbe an, wodurch am Körper eine Schwärzung und ein Gefühl wie das Krabbeln von Ameisen entstehen. In der zweiten Stufe verdirbt es das Fleisch, wodurch heftige Schwärzung, Schwellung und Knotenbildungen entstehen. In der dritten Stufe verdirbt es das Fett, wodurch Nässen der Bissstelle, Schwere im Kopf, Schwitzen und ein Versagen der Augen entstehen. In der vierten Stufe dringt es in den *koṣṭha* (Rumpf) ein und verdirbt die vorwiegend von *kapha* geprägten *doṣa*, wodurch Schläfrigkeit, Speichelfluss und ein Auseinanderweichen der Gelenke entstehen. In der fünften Stufe dringt es in die Knochen ein und verdirbt den *prāṇa* (Lebensodem) sowie den *agni* (Verdauungsfeuer), wodurch Gelenkschmerzen, Schluckauf und Brennen entstehen. In der sechsten Stufe dringt es ins Knochenmark ein und verdirbt heftig die *grahaṇī* (Verdauungskraft), wodurch Schwere der Glieder, starker Durchfall, Herzbeklemmung und Ohnmacht entstehen. In der siebten Stufe dringt es in den *śukra* (Samen) ein, erregt heftig den *vyāna* (eine Form des *vāta*) und treibt den *kapha* aus den feinsten *srotas*, wodurch das Auftreten schleimiger Stränge, ein Brechen in Hüfte und Rücken, das Erlahmen aller Bewegungen, übermäßiger Speichel- und Schweißfluss sowie eine Behinderung des Atems entstehen. Bei den *maṇḍalin* verdirbt das Gift in der ersten Stufe das Blut; dieses nimmt eine gelbe Farbe an, wodurch ein Brenngefühl und eine gelbliche Färbung der Glieder entstehen. In der zweiten Stufe verdirbt es das Fleisch, wodurch heftige Gelbfärbung, Brenngefühl und Schwellung an der Bissstelle entstehen. In der dritten Stufe verdirbt es das Fett, wodurch wie zuvor ein Versagen der Augen, Durst, Nässen der Bissstelle und Schwitzen entstehen. In der vierten Stufe dringt es in den Rumpf ein und ruft Fieber hervor. In der fünften Stufe erzeugt es ein Brennen im ganzen Körper. In der sechsten und siebten Stufe wie zuvor bei den *darvīkara*. Bei den *rājimant* verdirbt das Gift in der ersten Stufe das Blut; dieses nimmt eine blasse Farbe an, wodurch Haaresträuben entsteht und der Betroffene weißlich erscheint. In der zweiten Stufe verdirbt es das Fleisch, wodurch heftige Blässe, Stumpfheit und eine Schwellung des Kopfes entstehen. In der dritten Stufe verdirbt es das Fett, wodurch ein Versagen der Augen, Nässen der Bissstelle, Schwitzen und ein Ausfluss aus Nase und Augen entstehen. In der vierten Stufe dringt es in den Rumpf ein und verursacht eine Versteifung des Nackens sowie Schwere im Kopf. In der fünften Stufe verursacht es eine Behinderung der Sprache und Fieber mit Kälteschauer. In der sechsten und siebten Stufe wie zuvor.
bhavanti cātra dhātvantareṣu yāḥ sapta kalāḥ saṃparikīrtitāḥ tāsvekaikāmatikramya vegaṃ prakurute viṣam
Dabei gibt es in den Körpergeweben (*dhātu*) jeweils sieben *kalā* (Zeit- bzw. Gewebeanteile), wie sie überliefert sind; indem das Gift jeweils einen von ihnen überschreitet, erzeugt es eine neue Kraftstufe.
yenāntareṇa tu kalāṃ kālakalpaṃ bhinatti hi samīraṇenohyamānaṃ tattu vegāntaraṃ smṛtam
Der Zeitabstand aber, in dem das vom *vāta* fortgetragene Gift jeweils eine solche *kalā* durchbricht, gilt als der Zwischenraum zwischen den Kraftstufen.
śūnāṅgaḥ prathame vege paśurdhyāyati duḥkhitaḥ lālāsrāvo dvitīye tu kṛṣṇāṅgaḥ pīḍyate hṛdi
Bei einem gebissenen Tier: In der ersten Kraftstufe sind seine Glieder geschwollen, es sinnt schmerzerfüllt vor sich hin; in der zweiten fließt ihm Speichel, sein Körper wird schwarz, und es leidet am Herzen.
tṛtīye ca śiroduḥkhaṃ kaṇṭhagrīvaṃ ca bhajyate caturthe vepate mūḍhaḥ khādan dantān jahātyasūn
In der dritten hat es Kopfschmerzen, und Hals und Nacken werden wie gebrochen; in der vierten zittert es benommen, knirscht mit den Zähnen und gibt sein Leben auf.
kecidvegatrayaṃ prāhurantaṃ caiteṣu tadvidaḥ dhyāyati prathame vege pakṣī muhyatyataḥ param
Manche Kenner sagen, dass bei ihm bereits nach drei Kraftstufen das Ende eintritt. Bei einem Vogel sinnt er in der ersten Kraftstufe vor sich hin, danach verfällt er in Bewusstlosigkeit.
dvitīye vihvalaḥ proktastṛtīye mṛtyumṛcchati kecidekaṃ vihaṅgeṣu viṣavegamuśanti hi mārjāranakulādīnāṃ viṣaṃ nātipravartate
In der zweiten wird er, wie gesagt, ganz verwirrt, in der dritten erreicht ihn der Tod. Manche behaupten sogar, dass bei Vögeln schon eine einzige Giftstufe genügt. Bei Katze, Mungo und dergleichen entfaltet sich das Gift dagegen nicht sehr stark.