Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Kalpasthana

Adhyāya 1: nnapānarakṣākalpo Der Schutz von Speise und Trank

Das Eröffnungskapitel des Kalpasthāna, des toxikologischen Buches der Suśruta-Saṃhitā, behandelt den Schutz von Speise und Trank (annapānarakṣā) am Königshof vor heimlicher Vergiftung. In Dialogform belehrt Dhanvantari seinen Schüler Suśruta über die Gefahr durch Feinde, bestochene Diener und *viṣakanyā* (Giftjungfrauen) und fordert einen eigens ausgewählten, charakterlich geprüften Arzt für die Königsküche, deren bauliche und personelle Anforderungen detailliert beschrieben werden. Breiten Raum nimmt die Kunst ein, einen Giftmischer an Körpersprache und Verhalten zu erkennen, sowie ein umfangreicher Katalog von Vergiftungsanzeichen an Tieren (Krähen, dem Cakora-, Jīvajīvaka-, Kokila- und Krauñca-Vogel, Pfau, Reh, Affe), an Feuer und Speisen selbst. Für jede Kontaminationsart – Dampf, Zahnholz, Speise, Salböl, Räucherwerk, Augensalbe, Kleidung, Schmuck – werden eigene Symptome und Gegenmittel wie *nasya*, Salben aus Candana, Śirīṣa oder Kuṣṭha genannt, ergänzt um ein tägliches Herzschutzmittel (*hṛdayāvaraṇa*) und eine giftresistente Fleischdiät.

Vergiftungsanzeigende Tiere und ihre Reaktionen (Vers 28–33)
Tier / ElementReaktion auf Gift
Fliegen, Krähen u. a.sterben sofort beim Fressen des Opferanteils
Feuerknistert und knackt, Flamme pfauenhalsfarben, erlischt ungewöhnlich schnell
Cakora-VogelAugen trüben sich rasch
Jīvajīvaka-Vogelstirbt schon beim Anblick vergifteter Speise
Kokila-Vogelbekommt veränderte Stimme
Krauñca-Vogelgerät wie in Rausch
Pfausträubt das Gefieder
Papagei und Śārikāschreien
Schwanzischt übermäßig laut
Bhṛṅgarāja-Vogelklagt
geflecktes Rehvergießt Tränen
Affeentleert seinen Kot
Der König soll diese Tiere daher stets in seiner Nähe halten (V33–34).
Vergiftete Gegenstände: Symptome und Gegenmittel (Vers 34–75, Auswahl)
KontaminationsartSymptome bei KontaktGegenmittel
Dampf der SpeiseHerzbeklemmung, Schwindelgefühl in den Augen, Kopfschmerznasya aus Kuṣṭha, Lāmajjaka, Nalada, Honig; Candana-Salbe
Zahnholzzerfasertes Faserbüschel, Schwellung von Zunge, Zähnen, Lippen, ZahnfleischEinreibung aus Dhātakī-Blüten, Pathyā, Jambū-Kernen, Honig
Ölmassage (abhyaṅga)Blasen, Nässen, Eiterung, Schwitzen, Fieber, Aufreißen der Hautkaltes Besprengen; Salbe aus Candana, Tagara, Kuṣṭha, Uśīra u. a.
Abschaben (avalekhana)Haarausfall, Kopfschmerz, Blutaustritt aus Körperöffnungen, KopfschwellungenSalbe aus schwarzer Erde mit Bocksgalle, Ghee u. a.
Gesichtssalbebläulich-graues Gesicht, lotosstachelartige ErhebungenHonig mit Ghee trinken; Salbe aus Candana, Ghee u. a.
Räucherwerk / nasyaBlut aus Körperöffnungen, Kopfschmerz, Schleimflussmit Ativiṣā gekochtes Ghee, zu trinken und als nasya
OhrölStörung des Gehörs, Schwellung, Schmerz, Ausflusspratipūraṇa mit Bahuputrā-Saft, Ghee, Honig
Augensalbe (añjana)Tränenfluss, Brennen, Schmerz, Sehstörung, BlindheitGhee trinken; añjana aus Harz von Meṣaśṛṅgī und Varuṇa
SandalenSchwellung, Ausfluss, Taubheitsgefühl in den Füßen, BlasenBehandlung wie bei der abhyaṅga
SchmuckstückeGlanzverlust, Brennen, Eiterung, Aufreißen der HautBehandlung wie bei der abhyaṅga
Der Text behandelt außerdem vergiftete Speise, Getränke, Kleidung, Betten und Reittiere; hier eine repräsentative Auswahl der Kontaminationsarten.

athāto'nnapānarakṣākalpaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel über den Schutz von Speise und Trank (annapānarakṣākalpa) darlegen.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So sprach einst der erhabene Dhanvantari:

dhanvantariḥ kāśipatistapodharmabhṛtāṃ varaḥ suśrutaprabhṛtīñchiṣyāñchaśāsāhataśāsanaḥ

Dhanvantari, der Herrscher von Kāśī, der Beste unter den Trägern von Askese und Dharma, unterwies seine Schüler, allen voran Suśruta, mit einer Lehre, der niemand zu widersprechen wagte.

ripavo vikramākrāntā ye ca sve kṛtyatāṃ gatāḥ sisṛkṣavaḥ krodhaviṣaṃ vivaraṃ prāpya tādṛśam

Feinde, die durch Gewalt überwältigt wurden, sowie jene, die selbst zu Werkzeugen fremder Ränke geworden sind, wollen, sobald sich ihnen eine passende Gelegenheit bietet, das *viṣa* (Gift) ihres Zorns entfesseln.

viṣairnihanyurnipuṇaṃ nṛpatiṃ duṣṭacetasaḥ striyo vā vividhān yogān kadācitsubhagecchayā

Böswillige Menschen könnten mit *viṣa* geschickt den König töten, oder Frauen könnten, um begehrt zu werden, mitunter allerlei Mittel anwenden,

viṣakanyopayogādvā kṣaṇājjahyādasūnnaraḥ tasmādvaidyena satataṃ viṣādra kṣyo narādhipaḥ

oder durch den Einsatz einer *viṣakanyā* (Giftjungfrau) könnte ein Mann binnen eines Augenblicks sein Leben verlieren. Deshalb muss der Herrscher von seinem Arzt beständig vor *viṣa* geschützt werden.

yasmācca ceto'nityatvamaśvavat prathitaṃ nṛṇām na viśvasyāttato rājā kadācidapi kasyacit

Und da bekannt ist, dass der Sinn der Menschen unbeständig ist wie ein Pferd, sollte der König sich deshalb niemals völlig auf irgendjemanden verlassen.

kulīnaṃ dhārmikaṃ snigdhaṃ subhṛtaṃ saṃtatotthitam alubdhamaśaṭhaṃ bhaktaṃ kṛtajñaṃ priṃyadarśanam

Er soll in der Küche einen Arzt einsetzen, der von guter Herkunft ist, rechtschaffen, liebevoll ergeben, gut besoldet und beständig tätig,

krodhapāruṣyamātsaryamāyālasyavivarjitam jitendri yaṃ kṣamāvantaṃ śuciṃ śīladayānvitam

frei von Zorn, Grobheit, Neid, Betrug und Trägheit, seine Sinne beherrschend, geduldig, rein und von gutem Wesen und Mitgefühl erfüllt,

medhāvinamasaṃśrāntamanuraktaṃ hitaiṣiṇam paṭuṃ pragalbhaṃ nipuṇaṃ dakṣamālasyavarjitam

klug, unermüdlich, ergeben, auf das Wohl des Königs bedacht, geschickt, selbstsicher, kundig, tüchtig und frei von Faulheit —

pūrvoktaiśca guṇairyuktaṃ nityaṃ sannihitāgadam mahānase prayuñjīta vaidyaṃ tadvidyapūjitam

einen Arzt, der mit den zuvor genannten Eigenschaften ausgestattet ist, stets ein *agada* (Gegengift) bei sich trägt und für sein Wissen geehrt wird, soll man in der Küche beschäftigen.

praśastadigdeśakṛtaṃ śucibhāṇḍaṃ mahacchuci sajālakaṃ gavākṣāḍhyamāptavarganiṣevitam

Die Küche soll an günstiger Himmelsrichtung und an günstigem Ort errichtet sein, mit reinem Gerät ausgestattet, groß und sauber, mit Netzen versehen, reich an Fenstern und von vertrauenswürdigen Leuten besucht,

vikakṣasṛṣṭasaṃsṛṣṭaṃ savitānaṃ kṛtārcanam parīkṣitastrīpuruṣaṃ bhaveccāpi mahānasam

gut belüftet und dennoch abgeschirmt, mit einem Baldachin überspannt und mit vollzogener Verehrung versehen — auch sollen die dort tätigen Frauen und Männer geprüft sein: so soll die Küche beschaffen sein.

tatrādhyakṣaṃ niyuñjīta prāyo vaidyaguṇānvitam śucayo dakṣiṇā dakṣā vinītāḥ priyadarśanāḥ

Dort soll man einen Aufseher einsetzen, der möglichst die Eigenschaften eines Arztes besitzt. Die Küchenangestellten sollen rein, geschickt, aufrichtig, wohlerzogen und von angenehmem Äußeren sein,

saṃvibhaktāḥ sumanaso nīcakeśanakhāḥ sthirāḥ snātā dṛḍhaṃ saṃyaminaḥ kṛtoṣṇīṣāḥ susaṃyatāḥ

wohlgestaltet, guten Gemüts, mit kurz geschnittenen Haaren und Nägeln, standhaft, gebadet, streng diszipliniert, mit Turban bekleidet und wohlbeherrscht.

tasya cājñāvidheyāḥ syurvividhāḥ parikarmiṇaḥ āhārasthitayaścāpi bhavanti prāṇino yataḥ

Ihm sollen die verschiedenen Hilfskräfte untertan sein, denn von der Nahrung hängt das Fortbestehen aller Lebewesen ab.

tasmānmahānase vaidyaḥ pramādarahito bhavet māhānasikavoḍhāraḥ saupaudanikapaupikāḥ

Deshalb soll der Arzt in der Küche stets wachsam sein — ebenso die Küchendiener, die Wasserträger, die für den gekochten Reis Zuständigen und die Köche,

bhaveyurvaidyavaśagā ye cāpyanye'tra kecana iṅgitajño manuṣyāṇāṃ cākceṣṭāmukhavaikṛtaiḥ

und wer sonst noch dort beschäftigt ist, soll dem Arzt untergeordnet sein. Dieser wiederum soll die Regungen der Menschen kennen

vidyādviṣasya dātāramebhirliṅgaiśca buddhimān na dadātyuttaraṃ pṛṣṭo vivakṣan mohameti ca

und an Gesten, Handlungen und Veränderungen der Mimik den Verabreicher von *viṣa* erkennen — ein kluger Arzt erkennt ihn an solchen Anzeichen: Er gibt, wenn er befragt wird, keine Antwort, oder er verfällt, obwohl er sprechen will, in Verwirrung,

apārthaṃ bahu saṅkīrṇaṃ bhāṣate cāpi mūḍhavat sphoṭayatyaṅgulīrbhūmimakasmādvilikheddhaset

er redet Sinnloses, Weitschweifiges und Verworrenes wie ein Narr, knackt mit den Fingern, kratzt plötzlich auf dem Boden, lacht ohne Grund,

vepathurjāyate tasya trastaścānyo'nyamīkṣate kṣāmo vivarṇavaktraśca nakhaiḥ kiñcicchinattyapi

er beginnt zu zittern, blickt ängstlich hin und her, wird abgemagert und blass im Gesicht und zupft mit den Nägeln an sich selbst herum,

ālabhetāsakṛddīnaḥ kareṇa ca śiroruhān niryiyāsurapadvārairvīkṣate ca punaḥ punaḥ

er berührt sich kläglich immer wieder mit der Hand die Haare, will hinausgehen und blickt wiederholt zu den Hintertüren,

vartate viparītaṃ tu viṣadātā vicetanaḥ kecidbhayāt pārthivasya tvaritā vā tadājñayā

kurz: wer *viṣa* verabreicht, verhält sich verwirrt und widersprüchlich. Manche handeln aus Furcht vor dem König, andere eilig auf dessen Befehl —

asatāmapi santo'pi ceṣṭāṃ kurvanti mānavāḥ tasmāt parīkṣaṇaṃ kāryaṃ bhṛtyānāmādṛtairnṛpaiḥ

denn selbst redliche Menschen können sich mitunter wie Übeltäter benehmen. Deshalb sollen achtsame Könige ihre Diener sorgfältig prüfen,

anne pāne dantakāṣṭhe tathā'bhyaṅge'valekhane utsādane kaṣāye ca pariṣeke'nulepane

bei Speise, Trank und Zahnholz, ebenso bei *abhyaṅga* (Ölmassage), *avalekhana* (Abschaben), *utsādana* (Kräuterpasten-Einreibung), *kaṣāya* (Sud), *pariṣeka* (Übergießung) und *anulepana* (Einsalbung),

srakṣu vastreṣu śayyāsu kavacābharaṇeṣu ca pādukāpādapīṭheṣu pṛṣṭheṣu gajavājinām

bei Blumengirlanden, Kleidern, Betten, Rüstungen und Schmuckstücken, bei Sandalen und Fußbänken sowie auf dem Rücken von Elefanten und Pferden —

viṣajuṣṭeṣu cānyeṣu nasyadhūmāñjanādiṣu lakṣaṇāni pravakṣyāmi cikitsāmapyanantaram

bei diesen und allen anderen mit *viṣa* versetzten Dingen, ebenso bei *nasya* (Nasenmittel), Räucherungen und *añjana* (Augensalbe): Ich werde nun die Anzeichen der Vergiftung und im Anschluss auch die Behandlung darlegen.

nṛpabhaktādbali nyastaṃ saviṣaṃ bhakṣayanti ye tatraiva te vinaśyanti makṣikāvāyasādayaḥ

Von der Speise des Königs wird stets ein Opferanteil beiseitegelegt; fressen davon Fliegen, Krähen und andere Tiere, so sterben sie, sofern die Speise mit *viṣa* versetzt ist, auf der Stelle.

hutabhuk tena cānnena bhṛśaṃ caṭacaṭāyate mayūrakaṇṭhapratimo jāyate cāpi duḥsahaḥ

Wirft man diese Speise ins Feuer, so knistert und knackt es heftig, und die Flamme nimmt eine unerträgliche, dem Pfauenhals gleichende Farbe an,

bhinnārcistīkṣṇadhūmaśca nacirāccopaśāmyati cakorasyākṣivairāgyaṃ jāyate kṣiprameva tu

die Flamme wird unregelmäßig, der Rauch scharf, und das Feuer erlischt ungewöhnlich schnell. Beim Cakora-Vogel trüben sich sehr rasch die Augen,

dṛṣṭvā'nna viṣasaṃsṛṣṭaṃ mriyante jīvajīvakāḥ kokilaḥ svaravaikṛtyaṃ krauñcastu madamṛcchati

Jīvajīvaka-Vögel sterben schon beim bloßen Anblick vergifteter Speise, der Kokila-Vogel bekommt eine veränderte Stimme, und der Krauñca-Vogel gerät wie in Rausch,

hṛṣyenmayūra udvignaḥ krośataḥ śukasārike haṃsaḥ kṣveḍati cātyarthaṃ bhṛṅgarājastu kūjati

der erregte Pfau sträubt sein Gefieder, Papagei und Śārikā schreien, der Schwan zischt übermäßig laut, und der Bhṛṅgarāja-Vogel klagt,

pṛṣato visṛjatyaśruṃ viṣṭhāṃ muñcati markaṭaḥ sannikṛṣṭāṃstataḥ kuryādrā jñastān mṛgapakṣiṇaḥ

das gefleckte Reh vergießt Tränen, und der Affe entleert seinen Kot. Deshalb soll der König solche Tiere und Vögel stets in seiner Nähe halten,

veśmano'tha vibhūṣārthaṃ rakṣārthaṃ cātmanaḥ sadā upakṣiptasya cānnasya vāṣpeṇordhvaṃ prasarpatā

zur Zierde seines Hauses wie auch zu seinem eigenen Schutz. Steigt von der servierten Speise Dampf nach oben auf,

hṛtpīḍā bhrāntanetratvaṃ śiroduḥkhaṃ ca jāyate tatra nasyāñjate kuṣṭhaṃ lāmajjaṃ naladaṃ madhu

so entstehen Herzbeklemmung, ein Schwindelgefühl in den Augen und Kopfschmerz. Dagegen träufle man als *nasya* Kuṣṭha, Lāmajjaka, Nalada und Honig ein

kuryācchirīṣarajanīcandanaiśca pralepanam hṛdi candanalepastu tathā sukhamavāpnuyāt

und bereite eine Salbe aus Śirīṣa, Rajanī und Candana; eine Candana-Salbe auf der Brust verschafft ebenfalls Linderung.

pāṇiprāptaṃ pāṇidāhaṃ nakhaśātaṃ karoti ca atra pralepaḥ śyāmendra gopāsomotpalāni ca

Kommt es mit der Hand in Berührung, verursacht es ein Brennen der Hand und das Ablösen der Nägel. Hier hilft eine Salbe aus Śyāmā, Indragopa, Soma und blauer Lotosblüte.

sa cet pramādānmohādvā tadannamupasevate aṣṭhīlāvattato jihvā bhavatyarasavedinī

Nimmt jemand aus Unachtsamkeit oder Unwissenheit dennoch diese Speise zu sich, so wird seine Zunge steif wie ein Knoten und verliert die Fähigkeit, Geschmack wahrzunehmen,

tudyate dahyate cāpi śleṣmā cāsyāt prasicyate tatra bāṣperitaṃ karma yacca syāddāntakāṣṭhikam

sie sticht und brennt, und Schleim fließt ihm aus dem Mund. Dann wende man die für die Dampfvergiftung genannte Behandlung an, ebenso die für das Zahnholz vorgeschriebene.

mūrcchāṃ chardimatīsāramādhmānaṃ dāhavepathū indri yāṇāṃ ca vaikṛtyaṃ kuryādāmāśayaṃ gatam

Gelangt das *viṣa* in den unverdauten Magen, verursacht es Ohnmacht, Erbrechen, schweren Durchfall, Blähung, Brennen, Zittern und eine Störung der Sinnesorgane.

tatrāśu madanālābubimbīkośātakīphalaiḥ chardanaṃ dadhyudaśvidbhyāmathavā taṇḍulāmbunā

Hier veranlasse man umgehend Erbrechen mit den Früchten von Madana, Alābu, Bimbī und Kośātakī, oder mit saurer Buttermilch, oder mit Reiswasser.

dāhaṃ mūrcchāmatīsāraṃ tṛṣṇāmindri yavaikṛtam āṭopaṃ pāṇḍutāṃ kārśyaṃ kuryāt pakvāśayaṃ gatam

Gelangt es in den Verdauungsmagen, verursacht es Brennen, Ohnmacht, schweren Durchfall, Durst, eine Störung der Sinne, Blähbauch, Blässe und Abmagerung.

virecanaṃ sasarpiṣkaṃ tatroktaṃ nīlinīphalam dadhnā dūṣīviṣāriśca peyo vā madhusaṃyutaḥ

Hier ist ein *virecana* (Abführmittel) mit Ghee angezeigt, ebenso die Frucht der Nīlinī, oder Dūṣīviṣāri mit Dickmilch, mit Honig vermengt zu trinken.

dra vadra vyeṣu sarveṣu kṣīramadyodakādiṣu bhavanti vividhā rājyaḥ phenabudbudajanma ca

In allen flüssigen Stoffen — Milch, berauschenden Getränken, Wasser und dergleichen — entstehen vielfarbige Streifen sowie Schaum- und Blasenbildung,

chāyāścātra na dṛśyante dṛśyante yadi vā punaḥ bhavanti yamalāśchidrā stanvyo vā vikṛtāstathā

das eigene Spiegelbild wird darin nicht mehr sichtbar, oder falls doch, erscheint es verdoppelt, durchlöchert, verdünnt oder auf andere Weise entstellt.

śākasūpānnamāṃsāni klinnāni virasāni ca sadyaḥ paryuṣitānīva vigandhāni bhavanti ca

Gemüse, Linsensuppe, gekochter Reis und Fleisch werden feucht-klebrig und geschmacklos und riechen, obwohl frisch, wie über Nacht gestandene Speise,

gandhavarṇarasairhīnāḥ sarve bhakṣyāḥ phalāni ca pakvānyāśu viśīryante pākamāmāni yānti ca

alle Speisen und Früchte verlieren Geruch, Farbe und Geschmack; gekochte verderben rasch, und rohe reifen vorzeitig.

viśīryate kūrcakastu dantakāṣṭhagate viṣe jihvādantauṣṭhamāṃsānāṃ śvayathuścopajāyate

Ist das *viṣa* am Zahnholz, so zerfasert sich dessen Faserbüschel, und es entsteht eine Schwellung von Zunge, Zähnen, Lippen und Zahnfleisch.

athāsya dhātakīpuṣpapathyājambūphalāsthibhiḥ sakṣaudraiḥ pracchite śophe kartavyaṃ pratisāraṇam

Dann soll man bei der so entstandenen Schwellung ein *pratisāraṇa* (Einreibung) vornehmen mit den Blüten der Dhātakī, mit Pathyā und den Kernen der Jambū-Frucht, mit Honig vermengt.

athavā'ṅkoṭhamūlāni tvacaḥ saptacchadasya vā śirīṣamāṣakā vā'pi sakṣaudrāḥ pratisāraṇam

Oder man verwende zur Einreibung die Wurzeln des Aṅkoṭha, oder die Rinde des Saptacchada, oder Śirīṣa und Māṣaka, mit Honig vermengt.

jihvānirlekhakavalau dantakāṣṭhavadādiśet picchilo bahulo'bhyaṅgo vivarṇo vā viṣānvitaḥ

Zungenschaben und Mundspülung verordne man wie beim Zahnholz. Ist die *abhyaṅga* mit *viṣa* versetzt, wird sie schleimig, übermäßig reichlich oder verfärbt,

sphoṭajanmarujāsrāvatvakpākaḥ svedanaṃ jvaraḥ daraṇaṃ cāpi māṃsānāmabhyaṅge viṣasaṃyute

und bei mit *viṣa* versetzter *abhyaṅga* entstehen Blasen, Schmerz, Nässen, Eiterung der Haut, Schwitzen, Fieber und ein Aufreißen des Fleisches.

tatra śītāmbusiktasya kartavyamanulepanam candanaṃ tagaraṃ kuṣṭhamuśīraṃ veṇupatrikā

Hier besprenge man den Betroffenen mit kaltem Wasser und lege eine Salbe auf: Candana, Tagara, Kuṣṭha, Uśīra und Veṇupatrikā,

somavallyamṛtā śvetā padmaṃ kālīyakaṃ tvacam kapittharasamūtrābhyāṃ pānametacca yujyate

Somavallī, Amṛtā, Śvetā, Lotus und Kālīyaka-Rinde — mit dem Saft der Kapittha-Frucht und Urin zu einem Trank verarbeitet, ist dies ebenfalls angezeigt.

utsādane parīṣeke kaṣāye cānulepane śayyāvastratanutreṣu jñeyamabhyaṅgalakṣaṇaiḥ

Bei *utsādana*, *pariṣeka*, *kaṣāya* und *anulepana*, ebenso bei Bett, Kleidung und Rüstung, erkenne man die Vergiftung an denselben Anzeichen wie bei der *abhyaṅga*.

keśaśātaḥ śiroduḥkhaṃ khebhyaśca rudhirāgamaḥ granthijanmottamāṅgeṣu viṣajuṣṭe'valekhane

Ist das *avalekhana* mit *viṣa* versetzt, fallen die Haare aus, es entsteht Kopfschmerz, aus den Körperöffnungen tritt Blut aus, und am Kopf bilden sich knotenartige Schwellungen.

pralepo bahuśastatra bhāvitāḥ kṛṣṇamṛttikāḥ ṛṣyapittaghṛtaśyāmāpālindītaṇḍulīyakaiḥ

Hier hilft mehrfach eine Salbe aus schwarzer Erde, getränkt mit Bocksgalle, Ghee, Śyāmā, Pālindī und Taṇḍulīyaka,

gomayasvaraso vā'pi hito vā mālatīrasaḥ raso mūṣikaparṇyā vā dhūmo vā'gārasaṃbhavaḥ

oder der ausgepresste Saft von Kuhdung ist heilsam, ebenso der Saft der Mālatī, oder der Saft der Mūṣikaparṇī, oder der im Haus entstehende Räucherrauch.

śiro'bhyaṅgaḥ śirastrāṇaṃ snānamuṣṇīṣameva ca srajaśca viṣasaṃsṛṣṭāḥ sādhayedavalekhanāt

Kopfmassage, Kopfbedeckung, Bad, Turban und Blumengirlanden, die mit *viṣa* versetzt sind, behandle man mit den beim *avalekhana* genannten Mitteln.

mukhālepe mukhaṃ śyāvaṃ yuktamabhyaṅgalakṣaṇaiḥ padminīkaṇṭakaprakhyaiḥ kaṇṭakaiścopacīyate

Ist die Gesichtssalbe vergiftet, wird das Gesicht bläulich-grau, wie bei den Anzeichen der *abhyaṅga* beschrieben, und es bilden sich Erhebungen, die den Stacheln der Lotospflanze gleichen.

tatra kṣaudra ghṛtaṃ pānaṃ pralepaścandanaṃ ghṛtam payasyā madhukaṃ phañjī bandhujīvaḥ punarnavā

Hier trinke man Honig mit Ghee, und als Salbe verwende man Candana und Ghee, Payasyā, Madhuka, Phañjī, Bandhujīva und Punarnavā.

asvāsthyaṃ kuñjarādīnāṃ lālāsrāvo'kṣiraktatā sphikpāyumeḍhramuṣkeṣu yātuśca sphoṭasaṃbhavaḥ

Bei Elefanten und anderen Reittieren zeigt sich Vergiftung durch Unwohlsein, Speichelfluss, gerötete Augen sowie durch Juckreiz und die Bildung von Blasen an Gesäß, After, Glied und Hoden.

tatrābhyaṅgavadeveṣṭā yātṛvāhanayoḥ kriyā śoṇitāgamanaṃ khebhyaḥ śirorukkaphasaṃsravaḥ

Hier ist für Reiter und Reittier dieselbe Behandlung wie bei der *abhyaṅga* angezeigt. Bei der Räucherung treten Blut aus den Körperöffnungen, Kopfschmerz und Schleimfluss auf,

nasyadhūmagate liṅgamindri yāṇāṃ ca vaikṛtam tatra dugdhairgavādīnāṃ sarpiḥ sātiviṣaiḥ śṛtam

wenn das *viṣa* durch *nasya* oder Rauch in den Körper gelangt ist, ebenso eine Störung der Sinnesorgane. Hier verwende man mit Kuhmilch und anderer Milch sowie mit Ativiṣā gekochtes Ghee,

pāne nasye ca saśvetaṃ hitaṃ samadayantikam gandhahānirvivarṇatvaṃ puṣpāṇāṃ mlānatā bhavet

zu trinken und als Nasenmittel, zusammen mit Śvetā und Madayantikā ist es heilsam. Bei vergifteten Blumen geht der Duft verloren, die Farbe verblasst, und die Blüten welken,

jighrataśca śiroduḥkhaṃ vāripūrṇe ca locane tatra bāṣperitaṃ karma mukhālepe ca yat smṛtam

und wer daran riecht, bekommt Kopfschmerz, und seine Augen füllen sich mit Tränen. Hier wende man die für die Dampfvergiftung genannte Behandlung an, ebenso die für die Gesichtssalbe überlieferte.

karṇatailagate śrotravaiguṇyaṃ śophavedane karṇasrāvaśca tatrāśu kartavyaṃ pratipūraṇam

Ist das Ohröl vergiftet, entstehen eine Störung des Gehörs, Schwellung, Schmerz und Ausfluss aus dem Ohr. Hier soll man umgehend ein *pratipūraṇa* (Auffüllen des Ohrs mit einem Gegenmittel) vornehmen,

svaraso bahuputrāyāḥ saghṛtaḥ kṣaudra saṃyutaḥ somavalkarasaścāpi suśīto hita iṣyate

der ausgepresste Saft von Bahuputrā, mit Ghee und Honig vermischt, gilt als heilsam, ebenso der wohltemperiert-kühle Saft der Soma-Rinde.

aśrūpadeho dāhaśca vedanā dṛṣṭivibhramaḥ añjane viṣasaṃsṛṣṭe bhavedāndhyamathāpi ca

Ist das *añjana* mit *viṣa* versetzt, treten Tränenfluss, Brennen, Schmerz, Sehstörung und sogar Blindheit auf.

tatra sadyo ghṛtaṃ peyaṃ tarpaṇaṃ ca samāgadham añjanaṃ meṣaśṛṅgasya niryāso varuṇasya ca

Hier trinke man sogleich Ghee und wende ein mit *agada* versehenes *tarpaṇa* (Nährbehandlung der Augen) an, sowie als *añjana* den Harz von Meṣaśṛṅgī und von Varuṇa,

muṣkakasyājakarṇasya pheno gopittasaṃyutaḥ kapitthameṣaśṛṅgyośca puṣpaṃ bhallātakasya vā

den Schaum von Muṣkaka und Ajakarṇa mit Kuhgalle vermischt, oder die Blüte von Kapittha und Meṣaśṛṅgī, oder von Bhallātaka.

ekaikaṃ kārayet puṣpaṃ bandhūkāṅkoṭayorapi śophaḥ srāvastathā svāpaḥ pādayoḥ sphoṭajanma ca

Man verwende auch je einzeln die Blüte von Bandhūka und Aṅkoṭha. Bei vergifteten Sandalen zeigen sich Schwellung, Ausfluss, Taubheitsgefühl in den Füßen sowie die Bildung von Blasen —

bhavanti viṣajuṣṭābhyāṃ pādukābhyāmasaṃśayam upānatpādapīṭhāni pādukāvat prasādhayet

diese entstehen zweifellos durch mit *viṣa* versetzte Sandalen. Schuhe und Fußbänke behandle man wie die Sandalen.

bhūṣaṇāni hatārcīṃṣi na vibhānti yathā purā svāni sthānāni hanyuśca dāhapākāvadāraṇaiḥ

Vergiftete Schmuckstücke verlieren ihren Glanz und leuchten nicht mehr wie zuvor, und sie schädigen die Körperstellen, an denen sie getragen werden, durch Brennen, Eiterung und Aufreißen der Haut.

pādukābhūṣaṇeṣūktamabhyaṅgavidhimācaret viṣopasargo bāṣpādirbhūṣaṇānto ya īritaḥ

Bei Sandalen und Schmuckstücken wende man die für die *abhyaṅga* vorgeschriebene Behandlung an. Diese Reihe von *viṣa*-Erscheinungen, angefangen beim Dampf bis hin zum Schmuck, wurde hiermit dargelegt.

samīkṣyopadra vāṃstasya vidadhīta cikitsitam mahāsugandhimagadaṃ yaṃ pravakṣyāmi taṃ bhiṣak

Nach Prüfung der jeweiligen Begleitsymptome soll der Arzt die Behandlung durchführen — samt dem großen, wohlduftenden *agada*, das ich nun verkünden werde.

pānālepananasyeṣu vidadhītāñjaneṣu ca virecanāni tīkṣṇāni kuryāt pracchardanāni ca

Bei Trank, Salbe, *nasya* und *añjana* soll er es anwenden, und er soll scharfe *virecana* sowie kräftige Brechmittel verordnen,

sirāśca vyadhayet kṣipraṃ prāptaṃ visrāvaṇaṃ yadi mūṣikā'jaruhā vā'pi haste baddhā tu bhūpateḥ

und wenn ein Aderlass angezeigt ist, soll er die Adern rasch öffnen. Auch eine Maus oder ein junger Ziegenbock, am Arm des Königs befestigt getragen,

karoti nirviṣaṃ sarvamannaṃ viṣasamāyutam hṛdayāvaraṇaṃ nityaṃ kuryācca mitramadhyagaḥ

macht jede mit *viṣa* versetzte Speise ungiftig. Ständig, auch mitten unter Freunden, soll er ein *hṛdayāvaraṇa* (Herzschutzmittel) einnehmen —

pibedghṛtamajeyākhyamamṛtākhyaṃ ca buddhimān sarpirdadhi payaḥ kṣaudraṃ pibedvā śītalaṃ jalam

der Kluge trinke das Ghee namens Ajeyā oder das namens Amṛtā, oder er trinke Ghee, Dickmilch, Milch und Honig, oder auch kühles Wasser.

mayūrānnakulān godhāḥ pṛṣatān hariṇānapi satataṃ bhakṣayeccāpi rasāṃsteṣāṃ pibedapi

Man esse beständig das Fleisch von Pfau, Mungo, Godhā-Eidechse, geflecktem Reh und Reh, und man trinke auch deren Fleischsäfte.

godhānakulamāṃseṣu hariṇasya ca buddhimān dadyāt supiṣṭāṃ pālindīṃ madhukaṃ śarkarāṃ tathā

Zum Fleisch von Godhā, Mungo und Reh soll der Kluge fein zerriebene Pālindī, Madhuka und ebenso Zucker hinzugeben,

śarkarātiviṣe deye māyūre samahauṣadhe pārṣate cāpi deyāḥ syuḥ pippalyaḥ samahauṣadhāḥ

zum Pfaufleisch soll man Zucker und Ativiṣā samt Kräutern hinzugeben, und zum Fleisch des gefleckten Rehs soll man Pippalī samt Kräutern hinzugeben.

sakṣaudraḥ saghṛtaścaiva śimbīyūṣo hitaḥ sadā viṣaghnāni ca seveta bhakṣyabhojyāni buddhimān

Eine Hülsenfruchtsuppe mit Honig und Ghee ist stets zuträglich, und der Kluge soll überhaupt solche Speisen und Gerichte zu sich nehmen, die *viṣa* entgegenwirken.

pippalīmadhukakṣaudra śarkarekṣurasāmbubhiḥ chardayedguptahṛdayo bhakṣitaṃ yadi vai viṣam

Sollte er dennoch *viṣa* zu sich genommen haben, so erbreche er es mit geschütztem Herzen mithilfe von Pippalī, Madhuka, Honig, Zucker, Zuckerrohrsaft und Wasser.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks