athātaḥ śukraśoṇitaśuddhiśārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Reinheit von Samen (*śukra*) und Menstrualblut (*śoṇita*) darlegen.
Suśruta-Saṃhitā · Sharirasthana
Das zweite Kapitel behandelt die Reinheit von Same (śukra) und Menstrualblut (śoṇita) als Voraussetzung für gesunde Nachkommenschaft. Zunächst werden krankhafte Erscheinungsformen beider Substanzen – leichenartig, knotig, faulig-eitrig, erschöpft, urin- oder kotartig – den drei Körpersäften Vāta, Pitta und Kapha zugeordnet und mit Ghee-Zubereitungen, Reinigungsverfahren und dem therapeutischen Klistier (uttarabasti) behandelt. Ausführlich geregelt wird das Verhalten der menstruierenden Frau sowie der günstige Zeitpunkt der Empfängnis: An geraden Tagen nach der Regel wird ein Sohn, an ungeraden eine Tochter gezeugt, wobei spätere Tage mehr Lebenskraft versprechen. Ein eigener Abschnitt erklärt ungewöhnliche Zeugungsverläufe und intersexuelle Formen wie āsekya, saugandhika, kumbhīka, īrṣyaka und ṣaṇḍha sowie die Entstehung von Zwillingen und Missbildungen durch Vāta-Störung oder missachtete Schwangerschaftsgelüste. Den Abschluss bildet die Lehre, dass Charakter und Erinnerungsfähigkeit eines Menschen – bis hin zur Erinnerung an frühere Geburten – von den im vorigen Leben eingeübten Eigenschaften und vom Karma bestimmt werden.
| Fehlerform | Ursache (Doṣa) | Heilbarkeit |
|---|---|---|
| leichenartig | vāta / Blut | schwer heilbar |
| knotig | kapha und vāta gemeinsam | schwer heilbar |
| faulig-eitrig | pitta und kapha gemeinsam | schwer heilbar |
| erschöpft | pitta und vāta gemeinsam | schwer heilbar |
| urinartig | sannipāta (alle drei Doṣa) | unheilbar |
| kotartig | sannipāta (alle drei Doṣa) | unheilbar |
| Name | Entstehung / Merkmal |
|---|---|
| āsekya | bei äußerst geringem Samen der Eltern; erlangt Zeugungsfähigkeit erst nach Aufnahme fremden Samens |
| saugandhika | in übelriechender Scheide gezeugt; Zeugungskraft durch das Riechen von Scheide und Glied |
| kumbhīka | aus mangelnder Enthaltsamkeit im eigenen After verkehrend, verhält sich bei Frauen wie ein Mann |
| īrṣyaka | wird erst beim Anblick fremden Geschlechtsverkehrs selbst zum Verkehr fähig |
| ṣaṇḍha | entsteht, wenn der Vater sich zur Zeit der Fruchtbarkeit der Mutter wie eine Frau verhält; gilt als ohne Samen |
athātaḥ śukraśoṇitaśuddhiśārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Reinheit von Samen (*śukra*) und Menstrualblut (*śoṇita*) darlegen.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari gesprochen hat.
vātapittaśleṣmakuṇapagranthipūtipūyakṣīṇamūtrapurīṣaretasaḥ prajotpādane na samarthā bhavanti
Samen, der von *vāta*, *pitta* oder *śleṣman* (den drei Körpersäften) geprägt ist, der leichenartig, knotig, faulig-eitrig, erschöpft, urinartig oder kotartig ist, vermag keine Nachkommenschaft hervorzubringen.
teṣu vātavarṇavedanaṃ vātena pittavarṇavedanaṃ pittena śleṣmavarṇavedanaṃ śleṣmaṇā kuṇapagandhyanalpaṃ ca raktena granthibhūtaṃ śleṣmavātābhyāṃ pūtipūyanibhaṃ pittaśle-ṣmabhyāṃ kṣīṇaṃ prāguktaṃ pittamārutābhyāṃ mūtrapurīṣagandhi sannipāteneti teṣukuṇapagranthipūtipūyakṣīṇaretasaḥ kṛcchrasādhyāḥ mūtrapurīṣaretasastvasādhyā iti
Darunter zeigt der von *vāta* geschädigte Samen dessen Farb- und Empfindungscharakter, der von *pitta* geschädigte den seinen, der von *śleṣman* geschädigte den seinen; der an reichlichem Leichengeruch erkennbare entsteht durch Blut; der knotige durch *śleṣman* und *vāta* gemeinsam; der faulig-eitrige durch *pitta* und *śleṣman* gemeinsam; der erschöpfte, wie bereits gesagt, durch *pitta* und *vāta* gemeinsam; der nach Urin und Kot riechende durch das Zusammenwirken aller drei (*sannipāta*). Von diesen sind die Formen mit leichenartigem, knotigem, faulig-eitrigem oder erschöpftem Samen nur schwer heilbar, während die urin- und kotartigen unheilbar sind.
ārttavamapi tribhirdoṣaiḥ śoṇitacaturthaiḥ pṛthagdvandvaiḥ samastaiścopasṛṣṭamabījaṃ bhavati tadapi doṣavarṇavedanādibhirvijñeyam teṣu kuṇapagranthipūtipūyakṣīṇamūtrapurīṣaprakāśamasādhyaṃ sādhyamanyacceti
Auch das Menstrualblut (*ārtava*) wird, wenn es von den drei *doṣa* – sei es einzeln, paarweise oder alle drei zusammen – zusätzlich zum vierten, dem Blut selbst, befallen ist, unfruchtbar; auch dies erkennt man an Farbe, Empfindung und ähnlichen Merkmalen der jeweiligen *doṣa*. Darunter sind die leichenartigen, knotigen, faulig-eitrigen, erschöpften sowie die urin- und kotartig erscheinenden Formen unheilbar, die übrigen heilbar.
bhavanti cātra teṣvādyāñ śukradoṣāṃstrīn snehasvedādibhirjayet kriyāviśeṣairmatimāṃstathā cottarabastibhiḥ
Dazu heißt es: Die ersten drei Fehler des Samens, die durch *vāta*, *pitta* und *śleṣman* bedingt sind, behandle der kundige Arzt mit Ölungen, Schwitzbehandlungen und weiteren besonderen Verfahren sowie mit therapeutischen Klistieren (*uttarabasti*).
pāyayeta naraṃ sarpirbhiṣak kuṇaparetasi dhātakīpuṣpakhadiradāḍimārjunasādhitam
Bei leichenartigem Samen gebe der Arzt dem Mann geklärte Butter zu trinken, die mit Dhātakī-Blüten, Khadira, Granatapfel und Arjuna zubereitet wurde.
pāyayedathavā sarpiḥ śālasārādisādhitam granthibhūte śaṭīsiddhaṃ pālāśe vā'pi bhasmani
Oder man gebe geklärte Butter zu trinken, die mit Śāla-Kernholz und Ähnlichem zubereitet wurde; bei knotigem Samen solche, die mit Śaṭī bereitet wurde, oder auch Asche von Palāśa.
parūṣakavaṭādibhyāṃ pūyaprakhye ca sādhitam prāguktaṃ vakṣyate yacca tat kāryaṃ kṣīṇaretasi
Bei eitrig erscheinendem Samen gebe man mit Parūṣaka, Vaṭa (Banyan) und Ähnlichem zubereitete Butter; bei erschöpftem Samen wende man das bereits Genannte sowie das noch zu Nennende an.
viṭprabhe pāyayet siddhaṃ citrakośīrahiṅgubhiḥ snigdhaṃ vāntaṃ viriktaṃ ca nirūḍhamanuvāsitam
Bei kotartig erscheinendem Samen gebe man eine mit Citraka, Uśīra und Hiṅgu zubereitete Arznei; man behandle den mit Öl Gepflegten mit Brechmitteln, Abführmitteln sowie reinigenden und ölenden Klistieren.
yojayecchukradoṣārtaṃ samyaguttarabastinā sphaṭikābhaṃ dra vaṃ snigdhaṃ madhuraṃ madhugandhi ca
Man behandle den vom Samenfehler Geplagten sorgfältig mit dem therapeutischen Klistier, auf dass der Same alaunhell, flüssig, ölig, süß und nach Honig duftend werde.
śukramicchanti kecittu tailakṣaudra nibhaṃ tathā vidhimuttaravastyantaṃ kuryādārtavaśuddhaye
Manche wünschen sich den Samen auch von der Beschaffenheit von Öl oder Honig. Zur Reinigung des Menstrualblutes wende man dasselbe Verfahren an, bis hin zum therapeutischen Klistier.
strīṇāṃ snehādiyuktānāṃ catasṛṣvārtavārtiṣu kuryātkalkān picūṃścāpi pathyānyācamanāni ca
Bei Frauen, die mit Ölungen und Ähnlichem behandelt wurden, wende man bei den vier Störungen des Menstrualblutes Salbenpasten, Tampons, zuträgliche Speisen und Ausspülungen an.
granthibhūte pibet pāṭhāṃ tryūṣaṇaṃ vṛkṣakāṇi ca durgandhipūyasaṅkāśe majjatulye tathā'rtave
Bei knotiger Störung trinke sie Pāṭhā, das Dreigewürz (*triyūṣaṇa* – Ingwer, Pfeffer und langer Pfeffer) und Vṛkṣaka; bei übelriechend-eitrigem sowie bei markähnlichem Menstrualblut ebenso.
pibedbhadra śriyaḥ kvāthaṃ candanakvāthameva ca śukradoṣaharāṇāṃ ca yathāsvamavacāraṇam
Sie trinke einen Absud von Bhadraśrī sowie einen Sandelholz-Absud; auch wende man die jeweils passenden samenfehler-beseitigenden Mittel an.
yogānāṃ śuddhikaraṇaṃ śeṣāsvapyārtavārtiṣu annaṃ śāliyavaṃ madyaṃ hitaṃ māṃsaṃ ca pittalam
Diese Rezepturen dienen der Reinigung auch bei den übrigen Störungen des Menstrualblutes; zuträglich sind Reis- und Gerstenspeisen, Wein und *pitta*-förderndes Fleisch.
śaśāsṛkpratimaṃ yattu yadvā lākṣārasopamam tadārtavaṃ praśaṃsanti yadvāso na virañjayet
Menstrualblut, das der Farbe von Hasenblut gleicht oder dem Saft der Lackfarbe ähnelt und das ein Tuch nicht verfärbt, wird als gesundes Menstrualblut gepriesen.
tadevātiprasaṅgena pravṛttamanṛtāvapi asṛgdaraṃ vijānīyādato'nyadra ktalakṣaṇāt
Fließt eben dieses jedoch im Übermaß auch außerhalb der rechten Zeit, so erkenne man dies als Blutfluss-Störung (*asṛgdara*); alles andere unterscheide man an den Merkmalen des jeweiligen Blutes.
asṛgdaro bhavet sarvaḥ sāṅgamardaḥ savedanaḥ tasyātivṛttau daurbalyaṃ bhramo mūrcchā tamastṛṣā
Jeder Blutfluss geht mit Gliederschmerzen und Schmerzempfindung einher; bei dessen Übermaß treten Schwäche, Schwindel, Ohnmacht, Verdunkelung des Bewusstseins und Durst auf,
dāhaḥ pralāpaḥ pāṇḍutvaṃ tandrā rogāśca vātajāḥ taruṇyā hitasevinyāstamalpopadra vaṃ bhiṣak
Brennen, Fieberdelirium, Blässe, Mattigkeit und von *vāta* verursachte Krankheiten. Bei einer jungen Frau, die sich zuträglich verhält, behandle der Arzt diese Störung, da sie dann nur geringfügig ist.
raktapittavidhānena yathāvat samupācaret doṣairāvṛtamārgatvādārtavaṃ naśyati striyāḥ
Man behandle sie ordnungsgemäß nach dem Verfahren für Blut-*pitta* (Blutungen); wenn die *doṣa* den Weg der Kanäle versperren, geht das Menstrualblut der Frau verloren.
tatra matsyakulatthāmlatilamāṣasurā hitāḥ pāne mūtramudaśvicca dadhi śuktaṃ ca bhojane
Dabei sind Fisch, Kulattha-Bohnen, Saures, Sesam, Urdbohnen und Branntwein als Getränk zuträglich; ebenso Urin, saure Buttermilch, Joghurt und Gegorenes als Speise.
kṣīṇaṃ prāgīritaṃ raktaṃ salakṣaṇacikitsitam tathā'pyatra vidhātavyaṃ vidhānaṃ naṣṭaraktavat
Erschöpftes Blut wurde bereits mit seinen Merkmalen und seiner Behandlung dargelegt; dennoch verordne man hier auch das Verfahren, das für verlorenes Blut gilt.
evamaduṣṭaśukraḥ śuddhārtavā ca
So werde der Mann von unverdorbenem Samen und die Frau von reinem Menstrualblut.
ṛtau prathamadivasāt prabhṛti brahmacāriṇī divāsvapnāñjanāśrupātasnānānulepa-nābhyaṅganakhacchedanapradhāvanahasanakathanātiśabdaśravaṇāvalekhanānilāyāsān pariharet kiṃ kāraṇaṃ divā svapantyāḥ svāpaśīlaḥ añjanādandhaḥ rodanādvi-kṛtadṛṣṭiḥ snānānulepanādduḥkhaśīlaḥ tailābhyaṅgāt kuṣṭhī nakhāpakartanāt kuna-khī pradhāvanāccañcalaḥ hasanācchyāvadantauṣṭhatālujihvaḥ pralāpī cātikathanāt atiśabdaśravaṇādbadhiraḥ avalekhanāt khalatiḥ mārutāyāsasevanādunmatto garbho bhavatītyevametān pariharet darbhasaṃstaraśāyinīṃ karatalaśarāvaparṇānyatamabho-jinīṃ haviṣyaṃ tryahaṃ ca bhartuḥ saṃrakṣet tataḥ śuddhasnātāṃ caturthe'hanyahatavāsaḥ samalaṅkṛtāṃ kṛtamaṅgalasvastivācanāṃ bhartāraṃ darśayet tat kasya hetoḥ
Vom ersten Tag der Monatsblutung an lebe die Frau enthaltsam wie eine *brahmacāriṇī* (Keuschheitsgelobende) und vermeide Schlafen am Tage, das Auftragen von Augenschminke, Weinen, Baden, Salben und Einreiben, Nägelschneiden, Umherlaufen, Lachen, vielerlei Reden, das Hören lauten Lärms, das Kämmen bzw. Kratzen des Kopfes sowie durch Wind verursachte Anstrengung. Aus welchem Grund? Wer am Tage schläft, wird schlafsüchtig; von Augenschminke wird sie blind; vom Weinen erhält sie ein entstelltes Sehvermögen; von Baden und Salben wird sie von Leiden geplagt; von der Ölmassage wird sie hautkrank; vom Nägelschneiden bekommt sie missgestaltete Nägel; vom Umherlaufen wird sie unstet; vom Lachen bekommen Zähne, Lippen, Gaumen und Zunge einen bräunlichen Belag; von vielerlei Reden wird sie geschwätzig; vom Hören lauten Lärms wird sie taub; vom Kratzen des Kopfes wird sie kahl; von windbedingter Anstrengung wird der Embryo geistesgestört – all dies meide sie also. Auf einer Streu aus Darbha-Gras liegend, aus der hohlen Hand oder aus Schalenblättern essend, sich der Enthaltsamkeit befleißigend, bewahre sie drei Tage lang die Treue zu ihrem Gatten und nehme nur geweihte Speise (*haviṣya*) zu sich. Danach, am vierten Tag, gereinigt und gebadet, mit frischer Kleidung geschmückt, nachdem Segenssprüche und Segenswünsche über sie gesprochen wurden, zeige sie sich dem Gatten. Aus welchem Grund?
pūrvaṃ paśyedṛtusnātā yādṛśaṃ naramaṅganā tādṛśaṃ janayet putraṃ bhartāraṃ darśayedataḥ
Denn was für einen Mann die nach der Monatsblutung gebadete Frau zuerst erblickt, einem solchen wird der von ihr geborene Sohn ähneln; deshalb zeige sie sich zuerst dem eigenen Gatten.
tato vidhānaṃ putrīyamupādhyāyaḥ samācaret karmānte ca kramaṃ hyetamārabheta vicakṣaṇaḥ
Danach vollziehe der Lehrer (Hauspriester) das für die Erlangung eines Sohnes vorgeschriebene Ritual; und nach Abschluss der Zeremonie beginne der Kundige mit eben dieser Reihenfolge des Vorgehens.
tato'parāhṇe pumān māsaṃ brahmacārī sarpiḥsnigdhaḥ sarpiḥ kṣīrābhyāṃ śālyodanaṃ bhuktvā māsaṃ brahmacāriṇīṃ tailasnigdhāṃ tailamāṣottarāhārāṃ nārīmupeyādrā trau sāmabhiratriviśvāsya vikalpyaivaṃ caturthyāṃ ṣaṣṭhayāmaṣṭamyāṃ daśamyāṃ dvādaśyāṃ copeyāditi putrakāmaḥ
Danach, am Nachmittag, esse der Mann, der einen Monat lang enthaltsam gelebt und sich mit geklärter Butter genährt hat, Reisspeise, zubereitet mit geklärter Butter und Milch; er nähere sich nachts der Frau, die ebenfalls einen Monat lang enthaltsam gelebt, sich mit Öl gepflegt und sich vorwiegend von Öl und Urdbohnen ernährt hat, indem er sie zärtlich und vertrauensvoll umwirbt. So nähere sich, wer sich einen Sohn wünscht, wechselweise am vierten, sechsten, achten, zehnten und zwölften Tag nach der Monatsblutung.
eṣūttarottaraṃ vidyādāyurārogyameva ca prajāsaubhāgyamaiśvaryaṃ balaṃ ca divaseṣu vai
Man wisse, dass an diesen Tagen, je später sie folgen, umso mehr Lebenslänge, Gesundheit, Nachkommenschaft, Glück, Herrschaft und Kraft zu erwarten sind.
ataḥ paraṃ pañcamyāṃ saptamyāṃ navamyāmekādaśyāṃ ca strīkāmaḥ trayodaśīprabhṛyo nindyāḥ
Wer sich hingegen eine Tochter wünscht, nähere sich am fünften, siebten, neunten und elften Tag; die Tage ab dem dreizehnten gelten als verwerflich.
tatra prathame divase ṛtumatyāṃ maithunagamanamanāyuṣyaṃ puṃsāṃ bhavati yaśca tatrādhīyate garbhaḥ sa prasavamāno vimucyate dvitīye'pyevaṃ sūtikāgṛhe vā tṛtīye'pyevama-saṃpūrṇāṅgolpāyurvā bhavati caturthe tu saṃpūrṇāṅgo dīrghāyuśca bhavati na ca pravarta-māne rakte bījaṃ praviṣṭaṃ guṇakaraṃ bhavati yathā nadyāṃ pratisrotaḥ plāvidravyaṃ pra-kṣiptaṃ pratinivartate nordhvaṃ gacchati tadvadetaddra ṣṭavyam tasmāmninayamavatīṃ trirātraṃ pariharet ataḥ paraṃ māsādupeyāt
Der Geschlechtsverkehr mit einer menstruierenden Frau am ersten Tag verkürzt das Leben des Mannes; und wird dabei ein Embryo empfangen, so wird er entweder bei der Geburt wieder ausgestoßen oder stirbt im Wochenbett. Ebenso am zweiten Tag; am dritten Tag ebenfalls, oder das Kind wird mit unvollständigen Gliedern und kurzer Lebensdauer geboren. Am vierten Tag hingegen wird es mit vollständigen Gliedern und langer Lebensdauer geboren. Solange das Blut noch fließt, wird der eingedrungene Same nicht wirksam – so wie ein in einen Fluss geworfener, gegen die Strömung treibender Gegenstand zurückgetrieben wird und nicht stromaufwärts gelangt, so ist auch dies zu verstehen. Deshalb meide man die den Regeln folgende Frau drei Nächte lang; danach, nach Ablauf eines Monats, nähere man sich ihr.
labdhagarbhāyāścaiteṣvahaḥsu lakṣmaṇāvaṭaśuṅga sahadevā viśvadevānāmanyatamāṃ kṣīreṇābhiṣutya trīṃścaturo vā bindūn dadyāddakṣiṇe nāsāpuṭe putrakāmāyai na ca tānniṣṭhīvet
Hat die Frau an diesen Tagen empfangen, so mische man Lakṣmaṇā, Vaṭaśuṅga, Sahadevā oder eines der Viśvadeva-Kräuter mit Milch, presse den Saft aus und träufle drei oder vier Tropfen davon in das rechte Nasenloch der Frau, die sich einen Sohn wünscht; sie speie diese nicht aus.
dhruvaṃ caturṇāṃ sānnidhyādgarbhaḥ syādvidhipūrvakam ṛtukṣetrāmbubījānāṃ sāmagryādaṅkuro yathā
Beim Zusammenkommen von vier Dingen entsteht mit Sicherheit auf vorschriftsmäßige Weise ein Embryo, so wie aus dem Zusammentreffen von Jahreszeit, Feld, Wasser und Samen ein Keim hervorgeht: nämlich der rechten Zeit, des fruchtbaren Feldes der Frau, des Wassers und des Samens.
evaṃ jātā rūpavantaḥ sattvavantaścirāyuṣaḥ bhavantyṛṇasya moktāraḥ satputrāḥ putriṇe hitāḥ
So geboren sind die Söhne wohlgestaltet, charakterstark und langlebig; sie lösen die Schuld gegenüber den Ahnen ein – gute Söhne, die dem Vater eines Sohnes zum Segen gereichen.
tatra tejodhāturvarṇānāṃ prabhavaḥ sa yadā garbhotpattāvabdhātuprāyo bhavati tadā garbhaṃ gauraṃ karoti pṛthivīdhātuprāyaḥ kṛṣṇaṃ pṛthivyākāśaghātuprāyaḥ kṛṣṇaśyāmaṃ to-yākāśadhātuprāyo gauraśyāmam yādṛgvarṇamāhāramupasevate garbhiṇī tādṛgvarṇa-prasavā bhavati ityeke bhāṣante tatra dṛṣṭibhāgamapratipannaṃ tejo jātyandhaṃ karoti tadeva raktānugataṃ raktākṣaṃ pittānugataṃ piṅgākṣaṃ śleṣmānugataṃ śuklākṣaṃ vātānugataṃ vikṛtākṣamiti
Der Feuer-Bestandteil (*tejodhātu*) ist der Ursprung der Hautfarben. Überwiegt bei der Entstehung des Embryos der Wasser-Bestandteil, so macht er den Embryo hell; überwiegt der Erd-Bestandteil, macht er ihn dunkel; überwiegen Erde und Raum, macht er ihn dunkelbraun; überwiegen Wasser und Raum, macht er ihn hellbraun. Manche behaupten, dass die Schwangere, je nach der Farbe der Nahrung, die sie zu sich nimmt, ein Kind von entsprechender Farbe zur Welt bringt. Wird dabei der den Sehsinn betreffende Anteil des Feuers nicht ausgebildet, so macht dies das Kind von Geburt an blind; wird eben dieser vom Blut begleitet, so werden die Augen rot; vom *pitta* begleitet, bräunlich-gelb; vom *śleṣman* begleitet, weiß; vom *vāta* begleitet, entstellt.
bhavanti cātra ghṛtapiṇḍo yathaivagnimāśritaḥ pravilīyate visarpatyārtavaṃ nāryāstathā puṃsāṃ samāgame
Dazu heißt es: So wie ein Klumpen geklärter Butter, dem Feuer ausgesetzt, schmilzt und sich verflüssigt, so verflüssigt und verbreitet sich das Menstrualblut der Frau bei der Vereinigung mit dem Manne.
bīje'ntarvāyunā bhinne dvau jīvau kukṣimāgatau yamāvityabhidhīyete dharmetarapuraḥsarau
Wird der Same durch den Wind innerlich geteilt, so gelangen zwei Lebewesen in den Mutterleib; sie werden Zwillinge (*yamau*) genannt, wobei das eine von Verdienst, das andere vom Gegenteil begleitet ist.
pitroratyalpabījatvādāsekyaḥ puruṣo bhavet sa śukraṃ prāśya labhate dhvajocchrāyamasaṃśayam
Ist der Samen der Eltern äußerst gering, so entsteht ein Mann, der als *āsekya* bezeichnet wird; dieser erlangt seine Zeugungsfähigkeit ohne Zweifel erst, nachdem er fremden Samen aufgenommen hat.
yaḥ pūtiyonau jāyeta sa saugandhikasaṃjñitaḥ sa yoniśephasorgandhamāghrāya labhate balam
Wer in einer übelriechenden Scheide gezeugt wird, wird *saugandhika* genannt; dieser erlangt seine Zeugungskraft erst, indem er den Geruch von Scheide und Glied riecht.
sve gude'brahmacaryādyaḥ strīṣu puṃvat pravartate kumbhīkaḥ sa tu vijñeyaḥ īrṣyakaṃ śṛṇu cāparam
Wer aus mangelnder Enthaltsamkeit im eigenen After verkehrt und sich dennoch bei Frauen wie ein Mann verhält, ist als *kumbhīka* zu erkennen; höre nun von einem weiteren, dem *īrṣyaka*.
dṛṣṭvā vyavāyamanyeṣāṃ vyavāye yaḥ pravartate īrṣyakaḥ sa tu vijñeyaḥ ṣaṇḍhakaṃ śṛṇu pañcamam
Wer erst beim Anblick des Geschlechtsverkehrs anderer selbst zum Verkehr fähig wird, ist als *īrṣyaka* zu erkennen; höre nun vom fünften, dem *ṣaṇḍhaka*.
yo bhāryāyāmṛtau mohādaṅganeva pravartate tataḥ strīceṣṭitākāro jāyate ṣaṇḍhasaṃjñitaḥ
Wer sich bei seiner Frau zur Zeit ihrer Fruchtbarkeit aus Verwirrung wie eine Frau verhält, aus dem entsteht ein Kind mit weiblichem Verhalten, das als *ṣaṇḍha* bezeichnet wird.
ṛtau puruṣavadvā'pi pravartetāṅganā yadi tatra kanyā yadi bhavet sā bhavennaraceṣṭitā
Verhält sich hingegen die Frau zur Zeit der Fruchtbarkeit wie ein Mann, und entsteht dabei ein Mädchen, so wird dieses ein männliches Verhalten annehmen.
āsekyaśca sugandhī ca kumbhīkaścerṣyakastathā saretasastvamī jñeyā aśukraḥ ṣaṇḍhasaṃjñitaḥ
Der *āsekya*, der *saugandhika*, der *kumbhīka* sowie der *īrṣyaka* – diese sind als samenhaft, also fortpflanzungsfähig, zu erkennen; der *ṣaṇḍha* hingegen gilt als ohne Samen.
anayā viprakṛtyā tu teṣāṃ śukravahāḥ sirāḥ harṣātsphuṭatvamāyāntidhvajocchrāyastato bhavet
Durch diese Fehlbildung öffnen sich bei ihnen die samenführenden Gefäße erst durch Erregung, und daraus entsteht dann die Zeugungsfähigkeit.
āhārācāraceṣṭābhiryādṛśībhiḥ samanvitau strīpuṃsau samupeyātāṃ tayoḥ putro'pi tādṛśaḥ
Mit welcher Art von Nahrung, Verhalten und Handlungsweise Mann und Frau ausgestattet sich vereinigen, von solcher Art wird auch ihr Sohn sein.
yadā nāryāvupeyātāṃ vṛṣasyantyau kathaṃcana muñcataḥ śukramanyonyamanasthistatra jāyate
Wenn zwei Frauen sich irgendwie vereinigen, indem sie den ehelichen Verkehr nachahmen, und dabei Same freisetzen, so entsteht daraus ein knochenloses Gebilde.
ṛtusnātā tu yā nārī svapne maithunamāvahet ārtavaṃ vāyurādāya kukṣau garbhaṃ karoti hi
Erlebt aber eine nach der Monatsblutung gebadete Frau im Traum Geschlechtsverkehr, so nimmt der Wind ihr Menstrualblut auf und bewirkt damit einen Embryo im Mutterleib.
māsi māsi vivardheta garbhiṇyā garbhalakṣaṇam kalalaṃ jāyate tasyā varjitaṃ paitṛkairguṇaiḥ
Monat für Monat entwickeln sich bei der Schwangeren die Merkmale des Embryos; zunächst entsteht bei ihr ein Keimklümpchen (*kalala*), das noch frei von den väterlichen Eigenschaften ist.
sarpavṛścikakūṣmāṇḍavikṛtākṛtayaśca ye garbhāstvete striyāścaiva jñeyāḥ pāpakṛto bhṛśam
Fehlgeburten, die Schlangen, Skorpionen oder Kürbissen gleichen oder missgestaltet sind – diese sind als Folge schwerer Verfehlungen der Frau selbst zu erkennen.
garbho vātaprakopeṇa dauhṛde vā'vamānite bhavet kubjaḥ kuṇiḥ paṅgurmūko minmiṇa eva vā
Durch Erregung des *vāta* oder durch Missachtung eines Schwangerschaftsgelüstes (*dauhṛda*) kann der Embryo buckelig, verkrüppelt, lahm, stumm oder stotternd werden.
mātāpitrostu nāstikyādaśubhaiśca purākṛtaiḥ vātādīnāṃ prakopeṇa garbho vaikṛtamāpnuyāt
Durch die Gottlosigkeit der Eltern, durch früher begangene üble Taten und durch die Erregung von *vāta* und den übrigen *doṣa* kann der Embryo eine Missbildung erhalten.
malālpatvādayogācca vāyoḥ pakvāśayasya ca vātamūtrapurīṣāṇi na garbhasthaḥ karoti hi
Wegen der Geringfügigkeit der Ausscheidungen sowie mangels Tätigkeit des Windes im Dickdarm scheidet der im Mutterleib befindliche Embryo weder Blähungen noch Urin noch Kot aus.
jarāyuṇā mukhe cchanne kaṇṭhe ca kaphaveṣṭite vāyormārganirodhācca na garbhasthaḥ praroditi
Da der Mund von der Eihaut (*jarāyu*) verschlossen und der Hals von Schleim umhüllt ist und der Weg des Windes versperrt ist, weint der im Mutterleib befindliche Embryo nicht.
niḥśvāsocchvāsasaṅkṣobhasvapnān garbho'dhigacchati māturniśvasitocchvāsasaṅkṣobhasvapnasaṃbhavān
Der Embryo erlangt sein Ein- und Ausatmen, seine Erschütterungen und seinen Schlaf, indem sie aus dem Ein- und Ausatmen, den Erschütterungen und dem Schlaf der Mutter entstehen.
sanniveśaḥ śarīrāṇāṃ dantānāṃ patanodbhavau taleṣvasaṃbhavo yaśca romṇāmetat svabhāvataḥ
Die Anordnung der Körperteile, das Ausfallen und Nachwachsen der Zähne sowie das Fehlen von Haaren auf den Handflächen und Fußsohlen – dies alles geschieht aus eigener Natur (*svabhāva*).
bhāvitāḥ pūrvadeheṣu satataṃ śāstrabuddhayaḥ bhavanti satvabhūyiṣṭhāḥ pūrvajātismarā narāḥ
Menschen, deren Geist in früheren Körpern beständig von den Lehrschriften geprägt wurde, werden, wenn sie reich an *sattva* sind, zu solchen, die sich an ihre früheren Geburten erinnern.
karmaṇā codito yena tadāpnoti punarbhave abhyastāḥ pūrvadehe ye tāneva bhajate guṇān
Wodurch immer ein Wesen durch sein Karma angetrieben wird, das erlangt es in der Wiedergeburt; die Eigenschaften, die im früheren Körper eingeübt wurden, eben diese nimmt es wieder an.