athātaḥ sirāvarṇavibhaktiśārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Farben und die Einteilung der Venen (sirā) erklären.
Suśruta-Saṃhitā · Sharirasthana
Das siebte Kapitel behandelt Farben und Gliederung der siebenhundert Venen (sirā), die alle vom Nabel als Ursprung ausgehen und den Körper wie ein Bewässerungssystem durchziehen. Vierzig Wurzelvenen führen je zehnfach Vāta, Pitta, Kapha und Blut und verzweigen sich weiter zu den siebenhundert Gefäßen, die nach ihrer Farbe – rötlich-braun bei Vāta, bläulich-heiß bei Pitta, weißlich-kühl bei Kapha, rötlich beim Blut – unterschieden werden; betont wird jedoch, dass keine Vene ausschließlich einen einzigen Körpersaft führt, sondern alle bei Erregung der doṣa deren vermischten Weg tragen können. Den Hauptteil nimmt eine chirurgisch bedeutsame Liste von Venen ein, die beim Aderlass nicht durchstochen werden dürfen, weil ihre Verletzung Verstümmelung oder Tod nach sich zieht – aufgeschlüsselt nach Gliedmaßen, Rumpf und Kopfbereich mit genauer Lagebeschreibung. Das Kapitel bildet damit die anatomische Grundlage für die im folgenden Kapitel dargestellte Technik des therapeutischen Aderlasses (sirāvyadha), einer zentralen Behandlungsmethode der klassischen indischen Chirurgie.
| Doṣa | Farbe der Vene |
|---|---|
| vāta | rötlich-braun (aruṇa) |
| pitta | heiß und bläulich (nīla) |
| kapha | kühl, weißlich (gaura) und fest |
| Blut | rötlich (rohiṇī), weder sehr heiß noch kalt |
athātaḥ sirāvarṇavibhaktiśārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir das Kapitel über die Farben und die Einteilung der Venen (sirā) erklären.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat:
sapta sirāśatāni bhavanti yābhiridaṃ śarīramārāma iva jalahāriṇībhiḥ kedāra iva ca kulyābhirupasnihyate'nugṛhyate cākuñcanaprasāraṇādibhirviśeṣaiḥ drumapatra-sevanīnāmiva tāsāṃ pratānāḥ tāsāṃ nābhirmūlaṃ tataśca prasarantyūrdhvamadhastiryak ca
Es gibt siebenhundert Venen, durch die dieser Körper wie ein Garten von wasserführenden Kanälen oder ein Reisfeld von Bewässerungsgräben durchzogen und genährt wird; durch Beugen, Strecken und ähnliche Bewegungen wird er von ihnen unterstützt, gleich den Blattadern der Bäume in ihren feinen Verästelungen. Ihr Ursprung ist der Nabel, von dem aus sie sich nach oben, nach unten und quer verbreiten.
bhavataścātra ślokau yāvatyastu sirāḥ kāye saṃbhavanti śarīriṇām nābhyāṃ sarvā nibaddhāstāḥ pratanvanti samantataḥ
Hierzu gehören auch folgende Verse: So viele Venen es im Körper der Lebewesen auch gibt, sie alle sind im Nabel verankert und breiten sich von dort nach allen Seiten aus.
nābhisthāḥ prāṇināṃ prāṇāḥ prāṇānnābhirvyupāśritā sirābhirāvṛtā nābhiścakranābhirivārakaiḥ
Im Nabel wohnen die Lebenskräfte (prāṇa) der Lebewesen, und die Lebenskräfte stützen sich wiederum auf den Nabel; von den Venen wird der Nabel umschlossen, so wie die Nabe eines Rades von den Speichen.
tāsāṃ mūlasirāścatvāriṃśat tāsāṃ vātavāhinyo daśa pittavāhinyo daśa kapha vāhinyo daśa daśaraktavāhinyaḥ tāsāṃ tu vātavāhinīnāṃ vātasthānagatānāṃ pañcasaptatiśataṃ bhavati tāvatya eva pittavāhinyaḥ pittasthāne kaphavāhinyaśca kaphasthāne raktavāhinyaśca yakṛtplīhnoḥ evametāni sapta sirāśatāni
Von diesen sind vierzig Wurzelvenen; davon führen zehn den Wind (vāta), zehn die Galle (pitta), zehn den Schleim (kapha) und zehn das Blut (rakta). Von den windführenden Venen, soweit sie sich im Sitz des Windes befinden, gibt es einhundertfünfundsiebzig; ebenso viele gallenführende im Sitz der Galle und schleimführende im Sitz des Schleims, ebenso viele blutführende in Leber und Milz. So kommen diese siebenhundert Venen zusammen.
tatra vātavāhinyaḥ sirā ekasmin sankthi pañcaviṃśatiḥ etenetarasakthi bāhū ca vyākhyātau viśeṣatastu koṣṭhe catustriṃśat tāsāṃ gudameḍhrāśritāḥ śroṇyā-maṣṭau dve dve pārśvayoḥ ṣaṭ pṛṣṭhe tāvatya evodare daśa vakṣasi ekacatvāriṃśajja-truṇa ūrdhvaṃtāsāṃ caturdaśa grīvāyāṃ karṇayoścatasraḥ nava jihvāyāṃ ṣaṇ nāsi-kāyāṃ aṣṭau netrayoḥ evametat pañcasaptatiśataṃ vātavāhinīnāṃ sirāṇāṃ vyā-khyātaṃ bhavati eṣa eva vibhāgaḥ śeṣāṇāmapi viśeṣatastu pittavāhinyo netrayordaśa karṇayordve evaṃ raktavahāḥ kaphavahāśca evametāni sapta sirāśatāni savibhāgāni vyākhyātāni
Von diesen befinden sich fünfundzwanzig windführende Venen an einem Bein – ebenso an jedem Arm –, im Rumpf jedoch vierunddreißig: davon acht am Becken, die After und Glied betreffen, je zwei an den Flanken, macht vier, sechs am Rücken, ebenso viele am Bauch, zehn an der Brust. Oberhalb des Schlüsselbeins sind es einundvierzig: vierzehn am Nacken, vier an den Ohren, neun an der Zunge, sechs an der Nase, acht an den Augen. So sind diese einhundertfünfundsiebzig windführenden Venen erklärt. Dieselbe Einteilung gilt auch für die übrigen, mit dem Unterschied, dass bei den gallenführenden Venen zehn an den Augen und zwei an den Ohren liegen; ebenso verhält es sich mit den blut- und schleimführenden Venen. So sind diese siebenhundert Venen mit ihrer Einteilung erklärt.
bhavanti cātra kriyāṇāmapratīghātamamohaṃ buddhikarmaṇām karotyanyān guṇāṃścāpi svāḥ sirāḥ pavanaścaran
Hierzu gehört auch: Solange der Wind ungehindert durch die eigenen Venen strömt, bewirkt er ungestörte Handlungen, Klarheit der Verstandestätigkeiten und auch die übrigen ihm eigenen Eigenschaften.
yadā tu kupito vāyuḥ svāḥ sirāḥ pratipadyate tadā'sya vividhā rogā jāyante vātasaṃbhavāḥ
Wenn aber der erregte Wind in die ihm eigenen Venen eindringt, entstehen dadurch mancherlei Krankheiten, die aus dem Wind entstehen.
bhrājiṣṇutāmannarucimagnidīptimarogatām saṃsarpat svāḥ sirāḥ pittaṃ kuryāccānyān guṇānapi
Glanz, Appetit, ein kräftiges Verdauungsfeuer (agni) und Krankheitsfreiheit sowie andere ihr eigene Eigenschaften bewirkt die Galle, wenn sie in ihren eigenen Venen fließt.
yadā prakupitaṃ pittaṃ sevate svavahāḥ sirāḥ tadā'sya vividhā rogā jāyante pittasaṃbhavāḥ
Wenn aber die erregte Galle sich in den ihr eigenen Venen aufhält, entstehen dadurch mancherlei Krankheiten, die aus der Galle entstehen.
snehamaṅgeṣu sandhīnāṃ sthairyaṃ balamudīrṇatām karotyanyān guṇāṃścāpi balāsaḥ svāḥ sirāścaran
Feuchtigkeit der Gliedmaßen, Festigkeit und Kraft der Gelenke sowie andere ihm eigene Eigenschaften bewirkt der Schleim (auch balāsa genannt), wenn er in seinen eigenen Venen strömt.
yadā tu kupitaḥ śleṣmā svāḥ sirāḥ pratipadyate tadā'sya vividhā rogā jāyante śleṣmasaṃbhavāḥ
Wenn aber der erregte Schleim in die ihm eigenen Venen eindringt, entstehen dadurch mancherlei Krankheiten, die aus dem Schleim entstehen.
dhātūnāṃ pūraṇaṃ varṇaṃ sparśajñānamasaṃśayam svāḥ sirāḥ saṃcaradra ktaṃ kuryāccānyān guṇānapi
Füllung der Grundgewebe, Hautfarbe und ohne Zweifel auch die Tastwahrnehmung sowie andere ihm eigene Eigenschaften bewirkt das Blut, wenn es in seinen eigenen Venen fließt.
yadā tu kupitaṃ raktaṃ sevate svavahāḥ sirāḥ tadā'sya vividhā rogā jāyante raktasaṃbhavāḥ
Wenn aber das erregte Blut sich in den ihm eigenen Venen aufhält, entstehen dadurch mancherlei Krankheiten, die aus dem Blut entstehen.
na hi vātaṃ sirāḥ kāścinna pittaṃ kevalaṃ tathā śleṣmāṇaṃ vā vahantyetā ataḥ sarvavahāḥ smṛtāḥ
Keine Vene führt ausschließlich nur Wind, nur Galle oder nur Schleim allein; deshalb gelten alle Venen als Träger aller drei Körpersäfte (sarvavaha).
praduṣṭānāṃ hi doṣāṇāṃ mūrcchitānāṃ pradhāvatām dhruvamunmārgagamanamataḥ sarvavahāḥ smṛtāḥ
Denn wenn die verdorbenen Körpersäfte (doṣa) sich vermischen und umherstürmen, verlassen sie unweigerlich ihre gewohnte Bahn; deshalb gelten alle Venen als Träger aller Körpersäfte.
tatrāruṇā vātavahāḥ pūryante vāyunā sirāḥ pittāduṣṇāśca nīlāśca śītā gauryaḥ sthirāḥ kaphāt asṛgvahāstu rohiṇyaḥ sirā nātyuṣṇa śītalāḥ
Von diesen füllen sich die windführenden Venen mit rötlich-brauner (aruṇa) Farbe durch den Wind; durch die Galle werden sie heiß und bläulich (nīla); durch den Schleim kühl, weißlich (gaura) und fest. Die blutführenden Venen sind rötlich (rohiṇī) und weder sehr heiß noch kalt.
ata ūrdhvaṃ pravakṣyāmi na vidhyedyāḥ sirā bhiṣak vaikalyaṃ maraṇaṃ cāpi vyadhāttāsāṃ dhruvaṃ bhavet
Von hier an werde ich die Venen nennen, die der Arzt nicht durchstechen darf; wird eine von ihnen verletzt, tritt unweigerlich Verstümmelung oder gar der Tod ein.
sirāśatāni catvāri vidyācchākhāsu buddhimān ṣaṭtriṃśacca śataṃ koṣṭhe catuḥṣaṣṭaṃ ca mūrdhani
Vierhundert Venen soll der Kundige in den Gliedmaßen wissen, einhundertsechsunddreißig im Rumpf und vierundsechzig am Kopf.
śākhāsu ṣoḍaśa sirāḥ koṣṭhe dvātriṃśadeva tu pañcāśajjatruṇaścordhvamavyadhyāḥ parikīrtitāḥ
In den Gliedmaßen gelten sechzehn Venen, im Rumpf zweiunddreißig und oberhalb des Schlüsselbeins fünfzig als unverletzbar.
tatra sirāśatamekasmin sankthi bhavati tāsāṃ jāladharā tvekā tisraścābhya-ntarāḥtatrorvīsaṃjñe dve lohitākṣasaṃjñā caikā tāstvavyadhyāḥ etenetarasakthi bāhū ca vyākhyātau evamaśastrakṛtyāḥ ṣoḍaśa śākhāsu dvātriṃśacchroṇyāṃ tāsāma-ṣṭāvaśastrakṛtyāḥdve dve viṭapayoḥ kaṭīkataruṇayośca aṣṭāvaṣṭāvekaikasmin pārśve tāsāmekaikāmūrdhvagāṃ pariharet pārśvasandhigate ca dve catasro viṃśatiśca pṛṣṭhe pṛ-ṣṭhavaṃśamubhayataḥ tāsāmūrdhvagāminyau dve dve pariredbṛhatīsire tāvatya evodare tā-sāṃ meḍhropari romarājīmubhayato dve dve pariharet catvāriṃśadvakṣasi tāsāṃ caturda-śāśastrakṛtyāḥhṛdaye dve dve dve stanamūle stanarohitāpalāpastambheṣūbhayato'ṣṭau evaṃ dvātriṃśadaśastrakṛtyāḥ pṛṣṭhodaroraḥsu bhavanti catuḥṣaṣṭaṃ sirāśataṃ jatruṇa ūrdhvaṃ bhavati tatra ṣaṭpañcāśacchirodharāyāṃ tāsāmaṣṭau catasraśca marmasaṃjñāḥ pari-haret dve kṛkāṭikayoḥ dve vidhurayoḥ evaṃ grīvāyāṃ ṣoḍaśāvyadhyāḥ hanvorubha-yato'ṣṭāvaṣṭau tāsāṃ tu sandhidhamanyau dve dve pariharetṣaṭtriṃśajjihvāyāṃ tāsāmadhaḥ ṣoḍaśāśastrakṛtyāḥ rasavahe dve vāgvahe ca dve dvirdvādaśa nāsāyāṃ tāsāmaupa-nāsikyaścatasraḥ pariharet tāsā mevaca tālunyekāṃ mṛdāvuddeśe aṣṭatriṃśadubha-yornetrayoḥ tāsāme kaikāmapāṅgayoḥ pariharetkarṇayordaśa tāsāṃ śabdavāhinī mekaikāṃ pariharet nāsānetragatāstu lalāṭe ṣaṣṭiḥ tāsāṃ keśāntānugatāścatasraḥ āvartayorekaikā sthapanyāṃ caikā parihartavyā śaṅkhayordaśa tāsāṃ śaṅkhasandhiga-tāmekaikāṃ pariharet dvādaśa mūrdhni tāsāmutkṣepayordve pariharet sīmanteṣvekaikām ekāmadhipatāviti evamaśastrakṛtyāḥ pañcāśajjatruṇa ūrdhvamiti
Von diesen befinden sich hundert Venen an einem Bein; davon ist eine die jāladharā, drei die inneren – zwei davon heißen urvī, eine lohitākṣa; diese sind unverletzbar. Ebenso ist das andere Bein sowie die Arme zu verstehen. So sind es sechzehn ohne chirurgischen Eingriff zu meidende Venen in den Gliedmaßen. Am Becken sind es zweiunddreißig, davon acht ohne chirurgischen Eingriff zu meiden: je zwei an den beiden viṭapa-Punkten und an den beiden kaṭīkataruṇa-Punkten; an jeder Flanke acht, davon soll man jeweils eine, die nach oben verläuft, an der Verbindungsstelle der Flanke meiden – macht vier. Zwanzig am Rücken, beiderseits der Wirbelsäule; davon soll man die beiden nach oben verlaufenden bṛhatī-Venen meiden – macht vier. Ebenso viele, zwanzig, am Bauch; davon soll man oberhalb des Gliedes, beiderseits der Schamhaarlinie, je zwei meiden – macht vier. Vierzig an der Brust; davon vierzehn ohne chirurgischen Eingriff zu meiden: am Herzen je zwei, an der Brustwurzel je zwei, an stanarohita, apalāpa und apastambha beiderseits je zwei – macht zusammen zweiunddreißig zu meidende Venen an Rücken, Bauch und Brust. Vierundsechzig Venen befinden sich oberhalb des Schlüsselbeins; davon sechsundfünfzig am Nacken, von denen man acht, dazu vier, die zu den marman gehören, meiden soll: zwei an den kṛkāṭika-Punkten, zwei an den vidhura-Punkten – so sind es sechzehn unverletzbare am Nacken. An den Kiefern beiderseits acht, davon soll man je eine Gelenkarterie meiden; sechsunddreißig an der Kehle, davon am Zungengrund sechzehn zu meiden: zwei an den geschmackführenden, zwei an den sprachführenden Venen, vierundzwanzig weitere; an der Nase soll man die vier apunāsikya-Venen meiden, ebenso am Gaumen eine, an einer weichen Stelle. Achtunddreißig an den beiden Augen, davon soll man je eine an den beiden apāṅga-Punkten meiden. Zehn an den Ohren, davon soll man je eine schallführende Vene meiden. Sechzig an der Stirn, im Bereich von Nase und Auge; davon soll man die vier dem Haaransatz folgenden meiden, je eine an den beiden āvarta-Punkten, sowie eine an der sthapanī. Zehn an den beiden Schläfen, davon soll man je eine an der Schläfenverbindung meiden. Zwölf am Kopf, davon soll man die beiden an den utkṣepa-Punkten meiden, je eine an jeder der Schädelnähte und eine am adhipati-Punkt. So sind diese fünfzig ohne chirurgischen Eingriff zu meidenden Venen oberhalb des Schlüsselbeins zu verstehen.
bhavati cātra vyāpnuvantyabhito dehaṃ nābhitaḥ prasṛtāḥ sirāḥ pratānāḥ padminīkandādbisādīnāṃ yathā jalam
Hierzu gehört auch: Vom Nabel ausgehend durchziehen die zahlreich verzweigten Venen den ganzen Körper nach allen Seiten, so wie das Wasser die Wurzelstöcke, Stängel und dergleichen einer Lotuspflanze durchdringt.