athātaḥ sirāvyadhavidhiṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Technik des Aderlasses (sirāvyadha), das zur Anatomie gehört, darlegen.
Suśruta-Saṃhitā · Sharirasthana
Das achte Kapitel legt die praktische Technik des therapeutischen Aderlasses (sirāvyadha) dar, einer der zentralen Behandlungsmethoden der Suśruta-Chirurgie, die als „halbe Behandlung" der gesamten Chirurgie gilt. Ausführlich werden Kontraindikationen – etwa bei Kindern, Greisen, Erschöpften oder abgemagerten Schwangeren –, die richtige Vorbereitung, Lagerung und Abbindetechnik je nach Körperregion sowie die passende Messergröße und Einstichtiefe beschrieben, ferner die geeigneten Jahreszeiten und Witterungsbedingungen. Ein umfangreicher Abschnitt listet zwanzig Arten fehlerhafter Punktion auf – von der „schlecht gestochenen" über die „zu tief gestochene" bis zur gefährlichen Verletzung eines marman – mit ihren jeweiligen Ursachen und Folgen, ergänzt um konkrete Einstichstellen für zahlreiche Krankheitsbilder wie Ischias, Elephantiasis oder Bauchwassersucht sowie um Verhaltensregeln nach der Behandlung. Abschließend werden alternative Methoden des Blutentzugs – Aderlanzette, Horn, Kürbisflasche und Blutegel (jalaukā) – je nach Tiefenlage des verdorbenen Blutes einander gegenübergestellt. Das Kapitel zeigt exemplarisch die hohe technische Ausdifferenzierung der altindischen Chirurgie.
| Fehlerart | Ursache / Kennzeichen |
|---|---|
| schlecht gestochen | zu feines Messer, Blut fließt undeutlich, schmerzhaft und geschwollen |
| zu tief gestochen | Maß überschritten, Blut dringt nach innen oder fließt übermäßig heraus |
| verzogen gestochen | wie zu tief gestochen, seitlich versetzt |
| gequetscht | mit stumpfem Messer zerquetscht und verbreitert |
| mehrfach durchstochen | ohne rechten Treffer mehrfach am Rand durchstochen |
| nicht fließend | aus Kälte, Angst oder Ohnmacht fließt kein Blut |
| übermäßig hervorgetreten | scharfes, großmündiges Messer, zu heftige Blutung |
| am Rand gestochen | nur wenig Blutfluss |
| ausgetrocknet | geschwächtes, windgefülltes Blut |
| verengt | nach einem Viertel der erwarteten Menge nur wenig Blut |
| zitternd | schlechte Lagerung oder falsches Abbinden, Verwirrung des Blutflusses |
| bei nicht hervorgetretener Ader gestochen (vom Messer durchtrennt) | Ader wird durchtrennt, übermäßiger, behandlungserschwerender Blutfluss |
| schräg gestochen | Messer schräg angesetzt, nur wenig Blut |
| ohne rechte Ansetzung gestochen | Messer zu wenig angesetzt, vielfache Verletzung |
| unzulässig gestochen | eine Stelle gestochen, die gar nicht gestochen werden sollte |
| ausgewichen | Ader weicht durch wiederholtes Anstoßen aus, verliert wiederholt Blut |
| dhenukā | zu feines Messer verletzt die Ader vielfach |
| wiederholt gestochen | dieselbe Ader wird immer wieder gestochen |
| an Sehne, Knochen, Gelenk oder marma gestochen | verursacht Schmerz, Schwellung, Verstümmelung oder Tod |
athātaḥ sirāvyadhavidhiṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über die Technik des Aderlasses (sirāvyadha), das zur Anatomie gehört, darlegen.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So wie es der erhabene Dhanvantari gelehrt hat:
bālasthavirarūkṣakṣatakṣīṇabhīrupariśrāntamadyapādhvastrīkarśitavamitaviriktā-sthāpitānuvāsitajāgaritaklībakṛśagarbhiṇīnāṃ kāsaśvāsaśoṣa pravṛddhajvarā-kṣepakapakṣā ghātopavāsapipāsāmūrcchāprapīḍitānāṃ ca sirāṃ na vidhyet yāścavyādhyāḥ vyadhyāścādṛṣṭāḥ dṛṣṭāścāyantritāḥ yantritāścānutthitā iti
Man soll die *sirā* (die Ader) nicht stechen bei Kindern, Greisen, von Natur aus Trockenen, Verwundeten, Geschwächten, Furchtsamen, Erschöpften, Betrunkenen, durch Reisen erschöpften Frauen, Abgemagerten, durch Erbrechen Behandelten, durch Abführen Gereinigten, mit Klistier oder Ölklistier Behandelten, Schlaflosen, Eunuchen und abgemagerten Schwangeren; ebenso wenig bei denen, die von Husten, Atemnot, Auszehrung, hohem Fieber, Krämpfen, Halbseitenlähmung, Fasten, Durst oder Ohnmacht geplagt sind. Auch soll man weder eine Ader stechen, die noch nicht behandlungsbedürftig ist, noch eine, die zwar stechenswert, aber noch nicht sichtbar geworden ist, noch eine, die zwar sichtbar, aber noch nicht abgebunden ist, noch eine, die zwar abgebunden, aber noch nicht hervorgetreten ist.
śoṇitāvasekasādhyāśca ye vikārāḥ prāgabhihitāsteṣu cāpa kveṣvanyeṣu cā-nukteṣu yathābhyāsaṃ yathānyāyaṃ ca sirāṃ vidhyet
Bei den zuvor genannten Krankheiten, die durch Blutentnahme heilbar sind, sowie bei anderen, hier nicht ausdrücklich genannten ähnlichen Leiden, soll man entsprechend der Übung und nach den Regeln die Ader stechen.
pratiṣiddhānāmapi ca viṣopasarge ātyayike ca sirāvyadhanamapratiṣiddham
Selbst bei den für den Aderlass eigentlich verbotenen Personen ist der Aderlass bei Vergiftung und in akuten Notfällen nicht verboten.
tatra snigdhasvinnamāturaṃ yathādoṣapratyanīkaṃ dra vaprāyamannaṃ bhuktavantaṃ yavāgūṃ pīta-vantaṃ vā yathākālamupasthāpyāsīnaṃ sthitaṃ vā prāṇānabādhamāno vastrapaṭṭaca-rmāntarvalkalalatānāmanyatamena yantrayitvā nātigāḍhaṃ nātiśithilaṃ śarīrapradeśamāsādya prāptaṃ śastramādāya sirāṃ vidhyet
Dabei soll man den Kranken, der geölt und gedämpft und entsprechend dem Gegenmittel gegen den vorherrschenden *doṣa* (die Körpersäfte) behandelt wurde, der flüssige Nahrung oder Reisschleim (*yavāgū*) zu sich genommen hat, zur rechten Zeit sitzend oder stehend aufstellen; dann soll man ihn, ohne den Atem zu behindern, mit einem Tuch, einem Lederriemen oder einer Rindenschnur – weder zu fest noch zu locker – abbinden, die betreffende Körperstelle aufsuchen, das passende *śastra* (Messer) nehmen und die Ader stechen.
naivātiśīte nātyuṣṇe na pravāte na cābhrite sirāṇāṃ vyadhanaṃ kāryamaroge vā kadācana
Weder bei allzu großer Kälte noch bei allzu großer Hitze, weder im Wind noch bei bewölktem Himmel, und niemals bei einem nicht wirklich Kranken soll der Aderlass vorgenommen werden.
tatra vyadhyasiraṃ puruṣaṃ pratyādityamukhamaratnimātrocchrite upaveśyāsane sanktho-rākuñcitayorniveśya kūrpare sandhidvayasyopari hastāvantargūḍhāṅguṣṭhakṛtamuṣṭī ma-nyayoḥsthāpayitvā yantraṇaśāṭakaṃ grīvāmuṣṭayorupari parikṣipyānyena puruṣeṇa paścātsthitena vāmahastenottānena śāṭakāntadvayaṃ grāhayitvā tato brūyāt dakṣi-ṇahastena sirotthāpanārthaṃ nātyāyataśithilaṃ yantramāveṣṭayeti asṛksrāvaṇārthaṃ ca yantraṃ pṛṣṭhamadhye pīḍayeti karmapuruṣaṃ ca vāyupūrṇamukhaṃ sthāpayet eṣa uttamā-ṅgagatānāmantarmukhavarjānāṃ sirāṇāṃ vyadhane yantraṇavidhiḥ pādavyadhyasirasya pādaṃ same sthāne susthitaṃ sthāpayitvā'nya pādamīṣatsaṃkucitamuccaiḥ kṛtvā vyadhyasiraṃ pādaṃ jānusandheradhaḥ śāṭakenāveṣṭya hastābhyāṃ prapīḍya gulphaṃ vya-dhyapradeśasyopari caturaṅgule plotādīnāmanyatamena baddhvā vā pādasirāṃ vi-dhyet athopariṣṭhāddhastau gūḍhāṅguṣṭhakṛta muṣṭī samyagāsane sthāyipatvā sukho-paviṣṭasya pūrvavadyantraṃ baddhvā hastasirāṃ vidhyet gṛdhrasī viśvācyoḥ saṅku-cita jānu kūrparasya śraṇpṛṣṭhaskandheṣūnnāmitapṛṣṭhasyāvākśiraskasyopaviṣṭasya visphūrjitapṛṣṭhasya vidhyet udarorasoḥ prasāritoraskasyonnā mitaśiraskasya visphūrjitadehasya bāhubhyāmavalambamānadehasya pārśvayoḥ anāmitameḍhrasya meḍhre unnamitavidaṣṭajihvāgrasyādhojihvāyām ativyāttānanasya tāluni dantamūleṣu ca evaṃ yantropāyānanyāṃśca sirotthāpanahetūn buddhyā'vekṣaya śarīravaśena vyādhivaśena ca vidadhyāt
Dabei soll man den Mann, dessen Ader gestochen werden soll, mit dem Gesicht der Sonne zugewandt auf einen Sitz von der Höhe einer Elle setzen, seine Beine an den Knien anwinkeln, seine zu Fäusten geballten Hände mit eingeschlossenem Daumen über den Ellbogengelenken an den Nackenmuskeln ruhen lassen und ein Abbindetuch über die Fäuste und den Nacken legen; ein zweiter, hinter ihm stehender Mann soll mit ausgestreckter linker Hand die beiden Enden des Tuches ergreifen. Dann soll man sagen: 'Binde mit der rechten Hand das Abbindetuch weder zu straff noch zu locker, damit die Ader hervortritt', und: 'Drücke das Tuch in der Rückenmitte, damit das Blut fließt.' Der Assistent soll dabei den Mund mit Luft gefüllt halten – dies ist die Methode des Abbindens beim Aderlass an den im Kopfbereich gelegenen Adern, mit Ausnahme der nach innen gerichteten. Beim Aderlass am Fuß soll man den gesunden Fuß fest auf ebenem Boden aufstellen, den anderen, leicht angewinkelten Fuß erhöht halten, das Bein unterhalb des Kniegelenks mit einem Tuch umwickeln, mit den Händen zusammenpressen und vier Fingerbreit oberhalb der Einstichstelle den Knöchel mit einem Verband aus Leinen oder Ähnlichem abbinden; so soll man die Fuß-Ader stechen. Beim bequem sitzenden Patienten soll man die zu Fäusten geballten Hände mit eingeschlossenem Daumen richtig lagern und wie zuvor das Abbindetuch anlegen, um die Hand-Ader zu stechen. Bei Ischias (*gṛdhrasī*) und *viśvācī* soll man bei angewinkeltem Knie, am Ellbogen und an der Schulter des mit gewölbtem Rücken, gesenktem Kopf sitzenden Patienten stechen. Am Bauch und an der Brust soll man bei ausgestreckter Brust, erhobenem Kopf und aufgerichtetem Körper stechen; an den Flanken bei einem sich mit den Armen abstützenden Körper; am Glied bei nicht gebeugtem Glied; unter der Zunge bei erhobener, mit den Zähnen festgehaltener Zungenspitze; am Gaumen und an den Zahnwurzeln bei weit geöffnetem Mund. So soll man auch andere Mittel, die Ader zum Hervortreten zu bringen, nach eigenem Urteil, je nach Körperbeschaffenheit und Krankheit, anwenden.
māṃsaleṣvavakāśeṣu yavamātraṃ śastraṃ nidadhyāt ato'nyathā'dhayavamātraṃ vrīhimātraṃ vā vrīhimukhena ansthāmupari kuṭhārikayā vidhyedardhayavamātram
An fleischigen Stellen soll man das *śastra* (Messer) in der Größe eines Gerstenkorns ansetzen; andernorts einen halben Gerstenkorn oder ein Reiskorn tief, mit reiskornförmiger Spitze; über einem Knochen soll man mit einem beilförmigen Messer einen halben Gerstenkorn tief stechen.
vyabhre varṣāsu vidhyettu grīṣmakāle tu śītale hemantakāle madhyāhne śastrakālāstrayaḥ smṛtāḥ
In der Regenzeit soll man bei wolkenlosem Himmel stechen, in der heißen Jahreszeit bei kühlem Wetter, im Winter zur Mittagszeit – dies sind die drei überlieferten Zeiten für den Einsatz des Messers.
samyakśastranipātena dhārayā yā sravedasṛk muhūrtaṃ ruddhā tiṣṭhecca suviddhāṃ tāṃ vinirdiśet
Wenn nach richtigem Ansetzen des Messers das Blut in gleichmäßigem Strahl fließt und dann, kurz gestockt, zum Stillstand kommt, gilt die Ader als richtig gestochen.
yathā kusumbhapuṣpebhyaḥ pūrvaṃ sravati pītikā tathā sirāsu viddhāsu duṣṭamagre pravartate
So wie aus den Blüten der Färberdistel (*kusumbha*) zuerst der gelbe Farbstoff austritt, so fließt auch beim Stechen der Adern zuerst das verdorbene Blut heraus.
mūrcchitasyātibhītasya śrāntasya tṛṣitasya ca na vahanti sirā viddhāstathā'nutthitayantritāḥ
Bei einem Ohnmächtigen, sehr Verängstigten, Erschöpften oder Durstigen fließt das Blut aus der gestochenen Ader nicht, ebenso wenig bei einer abgebundenen, aber noch nicht hervorgetretenen Ader.
kṣīṇasya bahudoṣasya mūrcchayā'bhihatasya ca bhūyo'parāhṇe visrāvyā sā'paredyustryahe'pi vā
Bei einem Geschwächten, bei starker *doṣa*-Fülle oder bei einem von Ohnmacht Befallenen soll man am Nachmittag erneut Blut ablassen, oder am folgenden Tag, oder auch am dritten Tag.
raktaṃ saśeṣadoṣaṃ tu kuryādapi vicakṣaṇaḥ na cātiniḥsrutaṃ kuryāccheṣaṃ saṃśamanairjayet
Der kundige Arzt soll das Blut ablassen, auch wenn noch ein Rest an *doṣa* darin bleibt; er soll es aber nicht übermäßig abfließen lassen, sondern den Rest durch besänftigende Mittel (*saṃśamana*) beseitigen.
balino bahudoṣasya vayaḥsthasya śarīriṇaḥ paraṃ pramāṇamicchanti prasthaṃ śoṇitamokṣaṇe
Bei einem kräftigen, im besten Alter stehenden Menschen mit starker *doṣa*-Fülle gilt ein *prastha* (ein bestimmtes Hohlmaß) als die höchste Menge für den Aderlass.
tatra pādadāhapādaharṣacippavisarpavātaśoṇitavātakaṇṭakavicarcikāpādadārī-prabhṛtiṣu kṣipramarmaṇa upariṣṭhād dvyaṅgule vrīhimukhena sirāṃ vidhyet ślīpade taccikitsite yathā vakṣyate kroṣṭukaśiraḥkhañjapaṅgaluvātavedanāsu jaṅghāyāṃ gu-lphasyopari caturaṅgule apacyāmindrabasteradhastād dvyaṅgule jānusandherupa-ryadho vā caturaṅgule gṛdhrasyāṃ ūrumūlasaṃśritāṃ galagaṇḍe etenetarasakthi bāhū ca vyākhyātau viśeṣatastu vāmabāhau kūrparasandherabhyantarato bāhumadhye plīhnika-niṣṭhikānāmikayormadhye vā evaṃ dakṣiṇabāhau yakṛddālye kiphodare ca etā-meva ca kāsaśvāsayorapyādiśanti gṛdhrasyāmiva viśvācyāṃ śroṇiṃ prati sama-ntād dvyaṅgule pravāhikāyāṃ śūlinyāṃ parivartikopadaṃśaśūkadoṣaśukravyāpa-tsu meḍhramadhye vṛṣaṇayoḥ pārśve mūtravṛddhyāṃ nābheradhaścaturaṅgule sevanyā vāmapārśve dakodare vāmapārśve kakṣāstanayorantare'ntarvidra dhau pārśvaśūle ca bāhuśoṣāva-bāhukayorapyeke vadantyaṃsayorantare trikasandhimadhyagatāṃ tṛtīyake adhaḥskandha-sandhigatāmanyatarapārśvasaṃsthitāṃ caturthake hanusandhimadhyagatāmapasmāre śaṅkhake-śāntasandhigatāmuro'pāṅgalalāṭeṣu conmāde jihvārogeṣvadhojihvāyāṃdanta vyādhiṣu ca tāluni tālavyeṣu karṇayorupari samantāt karṇaśūle tadro geṣu ca gandhāgrahaṇe nāsārogeṣu ca nāsāgre timirākṣipākaprabhṛtiṣvakṣyāmayeṣūpanā-sike lālāṭyāmapāṅgyāṃ vā etā eva śirorogādhimanthaprabhṛtiṣu rogeṣviti
Bei Brennen der Füße, Kribbeln der Füße, *cippa* (einer Fußerkrankung), Wundrose (*visarpa*), Vātaśoṇita (Gicht), dornartigen Fußschmerzen, Vicarcikā (einer Hautkrankheit) und rissigen Füßen soll man rasch zwei Fingerbreit oberhalb der lebenswichtigen Stelle (*marma*) mit reiskornförmiger Spitze stechen; bei Elephantiasis (*ślīpada*) so, wie es bei dessen Behandlung noch dargelegt wird. Bei Kroṣṭukaśīrṣa, Hinken und Lähmung durch *vāta* soll man am Unterschenkel vier Fingerbreit oberhalb des Knöchels stechen; bei Apacī (Halsdrüsengeschwulst) zwei Fingerbreit unterhalb des Sprunggelenks; bei Ischias vier Fingerbreit ober- oder unterhalb des Kniegelenks oder an der von der Oberschenkelwurzel ausgehenden Ader; bei Kropf ebenso – dasselbe gilt für das andere Bein und für die Arme. Am linken Arm, innerhalb des Ellbogengelenks oder in der Mitte des Oberarms, zwischen Ringfinger und kleinem Finger, bei Milzleiden; ebenso am rechten Arm bei Leberleiden und bei *kapha*-bedingter Bauchauftreibung; dieselben Stellen empfiehlt man auch bei Husten und Atemnot. Bei *viśvācī*, ähnlich wie bei Ischias, soll man ringsum die Hüfte zwei Fingerbreit stechen; bei Ruhr mit Kolikschmerzen, bei Parivartikā, Geschlechtskrankheiten, Samenstörungen in der Mitte des Gliedes; an der Seite der Hoden bei Harnstauung; vier Fingerbreit unterhalb des Nabels an der Naht auf der linken Seite bei Bauchwassersucht; zwischen Achselhöhle und Brust bei innerem Abszess und Seitenstechen. Manche sprechen auch von einer Ader zwischen Ober- und Unterarm bei Armabmagerung; zwischen den Schultern bei der dritten Krampfform, die in der Mitte des Kreuzbeingelenks liegt; unterhalb des Schultergelenks bei der vierten; in der Mitte des Kiefergelenks bei Epilepsie; an der Verbindung von Schläfe und Haaransatz bei Wahnsinn sowie bei Brust-, Augenwinkel- und Stirnkrankheiten; unter der Zunge bei Zungen- und Zahnleiden; am Gaumen bei Gaumenkrankheiten; rings um beide Ohren bei Ohrenschmerz; an der Nasenspitze bei Geruchsverlust und Nasenkrankheiten; unterhalb der Nase bei Nachtblindheit, Augenentzündung und ähnlichen Augenleiden; an Stirn oder Augenwinkel bei Kopfkrankheiten und grünem Star und ähnlichen Leiden.
duṣṭavyadhā viṃśatiḥdurviddhā'tividdhā kuñcitāpiccitā kuṭṭitā'prasrutā'tyuddī rṇā'nte viddhā pariśuṣkā kūṇitā vepitā'nutthitaviddhā śastrahatā tiryagvi-ddhāvi ddhā'vyadhyā vidrutā dhenukā punaḥ punarviddhā sirāsnayvāsthisandhimarmasu ceti
Es gibt zwanzig Arten fehlerhafter Punktion: die schlecht gestochene, die zu tief gestochene, die verzogen gestochene, die gequetschte, die mehrfach durchstochene, die nicht blutende, die zu heftig spritzende, die am Rand gestochene, die ausgetrocknete, die verengte, die zitternde, die an nicht hervorgetretener Ader gestochene, die vom Messer durchtrennte, die schräg gestochene, die an falscher Stelle gestochene, die ausgewichene, die sogenannte '*dhenukā*', die wiederholt gestochene, sowie die an Sehne, Knochen, Gelenk oder einem lebenswichtigen Punkt (*marma*) gestochene.
tatra yā sūkṣmaśastraviddhā'vyaktamasṛk sravati rujāśophavatī ca sā durviddhā pramāṇātiriktaviddhāyāmantaḥ praviśati śoṇitaṃ śoṇitātipravṛttirvā sā'ti-viddhā kuñcitāyāmapyevaṃ kuṇṭhaśastrapramathitā pṛthulībhāvamāpannā piccitā a-nāsāditā punaḥ punarantayośca bahuśaḥ śastrābhihatā kuṭṭitā śītabhayamūrcchābhirapravṛttaśoṇitā aprasrutā tīkṣṇamahāmukhaśastraviddhā'tyudīrṇā alpara-ktasrāviṇyanteviddhā kṣīṇaśoṇitasyānilapūrṇā pariśuṣkā caturbhāgā sāditā kiṃcitpravṛttaśoṇitā kūṇitā duḥsthānabandhanādvepamānāyāḥ śoṇitasaṃmoho bhavati sā vepitā anutthitaviddhāyāmapyevaṃ chinnā'tipravṛttaśoṇitā kriyā-saṅgakarī śastrahatā tiryakpraṇihitaśastrā kiṃciccheṣā tiryagviddhā bahuśaḥ kṣatā hīnaśastrapraṇidhā nenāviddhā aśastrakṛtyā avyadhyā anavasthitaviddhā vidrutā pradeśasya bahuśo'vaghaṭṭanādārohadvyadhā muhurmuhuḥ śoṇitasrāvā dhenukā sūkṣmaśastravyadhanādbahuśo bhinnā punaḥ punarviddhā snāyvasthisirāsandhimarmasu viddhā rujāṃ śophaṃ vaikalyaṃ maraṇaṃ cāpādayati
Die Ader, die mit einem zu feinen Messer gestochen wurde, aus der das Blut nur undeutlich fließt und die schmerzhaft und geschwollen ist, heißt 'schlecht gestochen'. Wird bei der Punktion das rechte Maß überschritten, so dass das Blut nach innen dringt oder übermäßig herausfließt, heißt sie 'zu tief gestochen'; ebenso, wenn sie verzogen ist. Wurde sie mit einem stumpfen Messer zerquetscht und dadurch verbreitert, heißt sie 'gequetscht'. Wird sie, ohne recht getroffen zu sein, mehrfach am Rand durchstochen, heißt sie 'mehrfach durchstochen'. Fließt aus Kälte, Angst oder Ohnmacht kein Blut, heißt sie 'nicht fließend'. Wird sie mit einem scharfen, großmündigen Messer gestochen, so dass sie zu heftig blutet, heißt sie 'übermäßig hervorgetreten'. Fließt nur wenig Blut, weil am Rand gestochen wurde, heißt sie 'am Rand gestochen'. Bei geschwächtem Blut und von Wind erfüllter Ader heißt sie 'ausgetrocknet'. Fließt nach einem Viertel der erwarteten Menge nur wenig Blut, heißt sie 'verengt'. Kommt es durch schlechte Lagerung oder falsches Abbinden zum Zittern und dadurch zu einer Verwirrung des Blutflusses, heißt sie 'zitternde'. Wird bei nicht hervorgetretener Ader gestochen, so dass sie durchtrennt wird und das Blut übermäßig fließt und die Behandlung erschwert, heißt sie die 'bei nicht hervorgetretener Ader gestochene', auch 'vom Messer durchtrennte' genannt. Wird das Messer schräg angesetzt, so dass nur wenig Blut fließt, heißt sie 'schräg gestochen'. Wird sie vielfach verletzt, weil das Messer zu wenig angesetzt wurde, heißt sie 'ohne rechte Ansetzung gestochen'. Wird eine Stelle gestochen, die gar nicht gestochen werden sollte, heißt sie 'unzulässig gestochen'. Weicht die Ader durch wiederholtes Anstoßen der Stelle aus, so dass sie sich immer wieder erhebt und Blut verliert, heißt sie 'ausgewichen'. Wird durch das Stechen mit einem zu feinen Messer die Ader vielfach verletzt, heißt sie '*dhenukā*'. Wird dieselbe Ader immer wieder gestochen, heißt sie 'wiederholt gestochen'. Wird dabei eine Sehne, ein Knochen, ein Gelenk oder ein *marma* getroffen, so verursacht dies Schmerz, Schwellung, Verstümmelung oder sogar den Tod.
bhavanti cātra sirāsu śikṣito nāsti calā hyetāḥ svabhāvataḥ matsyavat parivartante tasmādyatnena tāḍayet
Dazu gibt es folgenden Merkvers: Niemand ist im Umgang mit den Adern völlig geübt, denn sie sind von Natur aus beweglich und weichen wie Fische aus; deshalb soll man mit großer Sorgfalt zustechen.
ajānatā gṛhīte tu śastre kāyanipātite bhavanti vyāpadaścaitā bahavaścāpyupadra vāḥ
Wird das Messer von einem Unkundigen geführt und in den Körper hineingestoßen, so entstehen diese Fehlpunktionen und viele weitere Komplikationen.
snehādibhiḥ kriyāyogairna tathā lepanairapi yāntyāśu vyādhayaḥ śāntiṃ yathā samyak sirāvyadhāt
Durch Ölbehandlungen und andere Verfahren, auch nicht durch Salben, weichen die Krankheiten so schnell, wie sie es durch einen richtig ausgeführten Aderlass tun.
sirāvyadhaścikitsārdhaṃ śalyatantre prakīrtitaḥ yathā praṇihitaḥ samyagbastiḥ kāyacikitsite
Der Aderlass gilt in der Chirurgie (*śalyatantra*) als die halbe Behandlung, ebenso wie ein richtig verabreichtes Klistier (*basti*) in der inneren Medizin.
tatra snigdhasvinnavāntaviriktāsthāpitānuvasitasirāviddhaiḥ parihartarvyānikro-dhāyāsamaithunadivāsvapnavāgvyāyāmayānādhyayanasthānāsana caṅkramaṇaśīta-vātātapaviruddhāsātmyājīrṇānyābalalābhāt māsameke manyante eteṣāṃ vistaramupariṣṭhādvakṣyāmaḥ
Wer geölt, gedämpft, zum Erbrechen oder Abführen gebracht, mit Klistieren oder Aderlass behandelt wurde, soll – wie manche meinen – bis zur Wiedererlangung der vollen Kraft, einen Monat lang, Zorn, Anstrengung, Geschlechtsverkehr, Schlaf am Tage, lautes Sprechen, körperliche Übung, Reisen, Studium, langes Stehen oder Sitzen, Umhergehen, Kälte, Wind, Sonnenhitze, ungeeignete und unverträgliche Speisen sowie unverdaute Nahrung meiden. Diese Dinge werden wir später ausführlicher darlegen.
sirāviṣāṇatumbaistu jalaukābhiḥ padaistathā avagāḍhaṃ yathāpūrvaṃ nirharedduṣṭaśoṇitam
Mit der Aderlanzette, mit dem Horn, mit der Kürbisflasche, mit Blutegeln (*jalaukā*) sowie mit den Füßen soll man je nach Tiefe, wie zuvor beschrieben, das verdorbene Blut entfernen.
avagāḍhe jalaukā syāt pracchannaṃ piṇḍite hitam sirā'ṅgavyāpake rakte śṛṅgālābū tvaci sthite
Bei tief liegendem verdorbenem Blut ist der Blutegel angezeigt, bei verborgenem das Auspressen; wenn das Blut die Ader und die Gliedmaßen durchdringt, sind Horn und Kürbisflasche angezeigt, wenn es nur in der Haut sitzt, der Blutegel.