athāto garbhavyākaraṇaṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über den Körperbau erklären, das von der Entstehung des *garbha* (des Embryos) handelt.
Suśruta-Saṃhitā · Sharirasthana
Das vierte Kapitel behandelt, ausgehend von der Entstehung des Embryos, den strukturellen Aufbau des menschlichen Körpers und seiner Konstitutionstypen. Zunächst werden die sieben Hautschichten (tvac) mit genauen Maßangaben in Reiskorn-Einheiten und den jeweils dort beheimateten Hautkrankheiten wie Sidhma, Kilāsa und Kuṣṭha beschrieben, gefolgt von den sieben Trennmembranen (kalā) – etwa Māṃsadharā, Raktadharā, Medodharā oder Pittadharā –, die Fleisch, Blut, Fett, Kot, Galle und Samen im Körper begrenzen. Es folgt eine embryologische Darstellung der Organentstehung aus Blut und Kapha, insbesondere von Herz, Leber, Milz, Lunge und Nieren, wobei das Herz als Sitz des Bewusstseins (cetanāsthāna) gilt; daran schließt sich eine ausführliche Theorie des Schlafes mit seinen Ursachen, Arten und Störungen sowie Definitionen verwandter Zustände wie Schläfrigkeit, Gähnen, Ohnmacht und Schwindel an. Den größten Teil des Kapitels nimmt die Lehre von den sieben doṣa-bedingten Körperkonstitutionen (prakṛti) ein, die mit detaillierten körperlichen und charakterlichen Merkmalen sowie Tiervergleichen beschrieben werden, ergänzt um eine Typologie der von sattva, rajas und tamas geprägten „großen Konstitutionen" (Mahāprakṛti) – von göttlichen über dämonische bis hin zu tierischen Wesensarten.
| Name | Dicke (in Reiskorn-Einheiten) | Sitz von Krankheiten |
|---|---|---|
| Avabhāsinī („die Erstrahlende“) | 1/18 Reiskorn | Sidhma, Padmakaṇṭaka |
| Lohitā („die Rötliche“) | 1/16 Reiskorn | Tilakālaka, Vyaṅga |
| Śvetā („die Weiße“) | 1/12 Reiskorn | Carmadala, Ajagallikā, Maṣaka |
| Tāmrā („die Kupferfarbene“) | 1/8 Reiskorn | Kilāsa, Kuṣṭha |
| Vedinī („die Empfindende“) | 1/5 Reiskorn | Kuṣṭha, Visarpa |
| Rohiṇī („die Wachsende“) | 1 Reiskorn | Granthi, Apacī, Arbuda, Ślīpada, Galagaṇḍa |
| Māṃsadharā („die Fleischtragende“) | 2 Reiskörner | Bhagandara, Vidradhi, Arśas |
| Name | Funktion / Sitz |
|---|---|
| Māṃsadharā-kalā | enthält im Fleisch die Verzweigungen von Venen, Sehnen, Arterien und srotas |
| Raktadharā-kalā | enthält das Blut, besonders in Venen, Leber und Milz |
| Medodharā-kalā | Sitz des Fettes im Bauchraum sowie des Knochenmarks |
| Śleṣmadharā-kalā | befindet sich in sämtlichen Gelenken, ermöglicht deren Beweglichkeit |
| Purīṣadharā-kalā | sitzt im Dickdarm, teilt dort den Kot auf |
| Pittadharā-kalā | hält Speise und Trank fest, die vom Magen zum Dickdarm gelangt sind |
| Śukradharā-kalā | durchdringt bei allen Lebewesen den ganzen Körper, birgt den Samen |
athāto garbhavyākaraṇaṃ śārīraṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über den Körperbau erklären, das von der Entstehung des *garbha* (des Embryos) handelt.
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
So sprach es der erhabene Dhanvantari.
agniḥ somo vāyuḥ sattvaṃ rajastamaḥ pañcendri yāṇi bhūtātmeti prāṇāḥ
Agni (das Feuer), Soma (das Mond- bzw. Feuchtigkeitsprinzip), Vāyu (der Wind), *sattva*, *rajas* und *tamas* (die drei Grundqualitäten des Geistes – Reinheit, Aktivität und Trägheit), die fünf Sinnesorgane sowie die verkörperte Seele (*bhūtātman*) – all dies bildet zusammen die Lebenskräfte (*prāṇa*).
tasya khalvevaṃpravṛttasya śukraśoṇitasyābhipacyamānasya kṣīrasyeva santānikāḥ sapta tvaco bhavanti tāsāṃ prathamā'vabhāsinī nāma yā sarvān varṇānavabhāsa-yati pañcavidhāṃ ca chāyāṃ prakāśayati sā vrīheraṣṭādaśabhāgapramāṇā sidhmapadmakaṇṭakādhiṣṭhānā dvitīyā lohitā nāma ṣoḍaśabhāgapramāṇā tilakālakanyacchavyaṅgādhiṣṭhānā tṛtīyā śvetā nāma dvādaśabhāgapramāṇā carmadalājagallīmaṣakādhiṣṭhānā caturthī tāmrā nāmāṣṭabhāgapramāṇā vividhakilāsakuṣṭhādhiṣṭhānā pañcamī vedinī nāma pañcabhāgapramāṇā kuṣṭhavisarpādhiṣṭhānā ṣaṣṭhī rohiṇī nāma vrīhipramāṇā granthyapacyarbudaślīpadagalagaṇḍādhiṣṭhānā saptamī māṃsadharā nāma vrīhidvayapramāṇā bhagandaravidra dhyarśo'dhiṣṭhānā yadetat pramāṇaṃ nirdiṣṭaṃ tanmāṃsaleṣvavakāśeṣu na lalāṭe sūkṣmāṅgulyādiṣu ca yatovakṣyatyudareṣuvrīhimukhenāṅguṣṭhodarapramāṇamavagāḍhaṃ vidhyet iti
Wenn sich Same und Blut auf diese Weise vereinigt haben und, gleichsam wie Milch beim Kochen, verarbeitet werden, entstehen sieben aufeinanderfolgende Hautschichten (*tvac*). Die erste von ihnen heißt Avabhāsinī, ‚die Erstrahlende', welche alle Farben zum Leuchten bringt und die fünf Arten von Hautglanz offenbart; sie hat die Dicke eines Achtzehntels eines Reiskorns und ist Sitz von Sidhma (weißer Flechte) und Padmakaṇṭaka (einer dornartigen Hautveränderung). Die zweite heißt Lohitā, ‚die Rötliche', ein Sechzehntel eines Reiskorns dick, Sitz von Muttermalen, dunklen Flecken und ähnlichen Hautfehlern (Tilakālaka und Vyaṅga). Die dritte heißt Śvetā, ‚die Weiße', ein Zwölftel eines Reiskorns dick, Sitz von Hautrissen, ziegenwarzenartigen Auswüchsen und Muttermalen (Carmadala, Ajagallikā, Maṣaka). Die vierte heißt Tāmrā, ‚die Kupferfarbene', ein Achtel eines Reiskorns dick, Sitz verschiedener Formen von Weißfleckenkrankheit und anderer Hautkrankheiten (Kilāsa, Kuṣṭha). Die fünfte heißt Vedinī, ‚die Empfindende', ein Fünftel eines Reiskorns dick, Sitz von Kuṣṭha und kriechender Entzündung (Visarpa). Die sechste heißt Rohiṇī, ‚die Wachsende', von der Dicke eines Reiskorns, Sitz von Knoten, Skrofeln, Geschwülsten, Elephantiasis und Kropf (Granthi, Apacī, Arbuda, Ślīpada, Galagaṇḍa). Die siebte heißt Māṃsadharā, ‚die Fleischtragende', von der Dicke zweier Reiskörner, Sitz von Fisteln, Abszessen und Hämorrhoiden (Bhagandara, Vidradhi, Arśas). Dieses angegebene Maß gilt jedoch nur an fleischreichen Körperstellen, nicht an der Stirn oder an den feinen Fingern und ähnlichen Stellen; denn, wie später gelehrt wird, soll man am Bauch mit der Spitze eines Reiskorns bis zur Tiefe eines Daumenballens stechen.
kalāḥ khalvapi sapta bhavanti dhātvāśayāntaramaryādāḥ
Auch die *kalā* (die Trennmembranen des Körpers) sind sieben an der Zahl; sie bilden die Grenzscheiden zwischen den *dhātu* (den Körpergeweben) und den Hohlorganen.
bhavataścātra yathā hi sāraḥ kāṣṭheṣu chidyamāneṣu dṛśyate tathāhi dhāturmāṃseṣu chidyamāneṣu dṛśyate
Hierzu gilt: So wie sich beim Zerschneiden von Holz sein Kernholz zeigt, so zeigt sich beim Zerschneiden von Fleisch das *dhātu*.
snāyubhiśca praticchannān santatāṃśca jarāyuṇā śleṣmaṇā veṣṭitāṃścāpi kalābhāgāṃstu tān viduḥ
Man versteht darunter jene Teile, die von Sehnen bedeckt, durch Bindegewebe (Jarāyu) miteinander verbunden und von *kapha* (dem Schleimprinzip) umhüllt sind – dies sind die *kalā*.
tāsāṃ prathamā māṃsadharā yasyāṃ māṃse sirāsnāyudhamanīsrotasāṃ pratānā bhavanti
Von diesen ist die erste die Māṃsadharā-*kalā* (‚die das Fleisch Tragende'), in welcher im Fleisch die Verzweigungen von Venen, Sehnen, Arterien und *srotas* (den Körperkanälen) verlaufen.
yathā bisamṛṇālāni vivardhante samantataḥ bhūmau paṅkodakasthāni yathā māṃse sirādayaḥ
So wie Lotusfasern und Lotusstängel sich in schlammigem, wasserreichem Boden nach allen Seiten ausbreiten, so breiten sich im Fleisch die Venen und Ähnliches aus.
dvitīyā raktadharā māṃsasyābhyantarataḥ tasyāṃ śoṇitaṃ viśeṣataśca sirāsu yakṛtplīhnośca bhavati
Die zweite ist die Raktadharā-*kalā* (‚die das Blut Tragende'), innerhalb des Fleisches gelegen; in ihr befindet sich das Blut, besonders in den Venen sowie in Leber und Milz.
vṛkṣādyathābhiprahatāt kṣīriṇaḥ kṣīrimāvahet māṃsādevaṃ kṣatāt kṣipraṃ śoṇitaṃ saṃprasicyate
So wie aus einem angeschlagenen Milchsaftbaum sogleich Milchsaft hervorquillt, so tritt aus verletztem Fleisch rasch Blut hervor.
tṛtīyā medodharā medo hi sarvabhūtānāmudarasthamaṇvasthiṣu ca mahatsu ca majjā bhavati
Die dritte ist die Medodharā-*kalā* (‚die das Fett Tragende'); das Fett aller Lebewesen befindet sich im Bauchraum, während sich in den kleinen wie den großen Knochen das Knochenmark befindet.
sthūlāsthiṣu viśeṣeṇa majjā tvabhyantarāśritaḥ athetareṣu sarveṣu saraktaṃ meda ucyate śuddhamāṃsasya yaḥ snehaḥ sā vasā parikīrtitā
In den dicken Knochen befindet sich besonders viel Knochenmark im Inneren; in allen anderen Knochen hingegen nennt man das mit Blut vermischte Gewebe Fett (Medas). Das reine Fett des Fleisches selbst wird als Vasā (Schmalz) bezeichnet.
caturthī śleṣmadharā sarvasandhiṣu prāṇabhṛtāṃ bhavati
Die vierte ist die Śleṣmadharā-*kalā* (‚die den *kapha* Tragende'), welche sich bei allen Lebewesen in sämtlichen Gelenken befindet.
snehābhyakte yathā hyakṣe cakraṃ sādhu pravartate sandhayaḥ sādhu vartante saṃśliṣṭāḥ śleṣmaṇā tathā
So wie sich ein Rad auf einer eingefetteten Achse gut dreht, so bewegen sich auch die durch *kapha* zusammengehaltenen Gelenke gut.
pañcamī purīṣadharā nāma yā'ntakoṣṭhe malamabhivibhajate pakvāśayasthā
Die fünfte heißt Purīṣadharā-*kalā* (‚die den Kot Tragende'); sie sitzt im Dickdarm und teilt dort im unteren Bauchraum den Kot auf.
yakṛtsamantāt koṣṭhaṃ ca tathā'ntrāṇi samāśritā uṇḍukasthaṃ vibhajate malaṃ maladharā kalā
Diese kotverteilende *kalā* umgibt die Leber und den ganzen Bauchraum sowie die Gedärme und verteilt den im Blinddarm befindlichen Kot.
ṣaṣṭhī pittadharā yā caturvidhamannapānamāmāśayāt pracyutaṃ pakvāśayopasthitaṃ dhārayati
Die sechste ist die Pittadharā-*kalā* (‚die das *pitta* Tragende', das Feuer- und Gallenprinzip); sie hält die viererlei Speise und Trank fest, die aus dem Magen hervorgegangen und beim Dickdarm angekommen ist.
aśitaṃ khāditaṃ pītaṃ līḍhaṃ koṣṭhagataṃ nṛṇām tajjīryati yathākālaṃ śoṣitaṃ pittatejasā
Was der Mensch gegessen, gekaut, getrunken oder geleckt hat und in den Bauchraum gelangt ist, wird zur rechten Zeit verdaut, indem es durch die Glut des *pitta* ausgetrocknet wird.
saptamī śukradharā yā sarvaprāṇināṃ sarvaśarīravyāpinī
Die siebte ist die Śukradharā-*kalā* (‚die den Samen Tragende'), welche bei allen Lebewesen den ganzen Körper durchdringt.
yathā payasi sarpistu gūḍhaścekṣau raso yathā śarīreṣu tathā śukraṃ nṛṇāṃ vidyādbhiṣagvaraḥ
So wie Ghee verborgen in der Milch und Saft im Zuckerrohr enthalten ist, so soll der beste Arzt wissen, dass der Same im ganzen Körper des Menschen verborgen ist.
dvyaṅgule dakṣiṇe pārśve bastidvārasya cāpyadhaḥ mūtrasrotaḥ pathācchukraṃ puruṣasya pravartate
Zwei Fingerbreit rechts und unterhalb der Öffnung der Harnblase tritt der Same des Mannes durch den Kanal des Harnleiters hervor.
kṛtsnadehāśritaṃ śukraṃ prasannamanasastathā strīṣu vyāyacchataścāpi harṣāttat saṃpravartate
Der im ganzen Körper wohnende Same eines Mannes mit heiterem Gemüt, der sich bei der Frau anstrengt, tritt durch Erregung hervor.
gṛhītagarbhāṇāmārtavavahānāṃ srotasāṃ vartmānyavarudhyante garbheṇa tasmādgṛhītaga-rbhāṇāmārtavaṃ na dṛśyatetatastadadhaḥ pratihatamūrdhvamāgatamaparaṃ copacīyamānamapa-retyabhidhīyate śeṣaṃ cordhvataramāgataṃ payo dharāvabhipratipadyate tasmādgarbhiṇyaḥ pīnonnatapayodharā bhavanti
Bei Frauen, die empfangen haben, werden die Wege der die Monatsblutung führenden *srotas* durch den *garbha* versperrt; deshalb erscheint bei ihnen keine Monatsblutung mehr. Dieses Blut wird von da an nach unten zurückgehalten, während das, was nach oben gelangt und sich ansammelt, als Apara (Plazenta, Nachgeburt) bezeichnet wird; der übrige, noch weiter oben gelangende Teil geht in die Brüste über. Deshalb haben schwangere Frauen volle, hochstehende Brüste.
garbhasya yakṛtplīhānau śoṇitajau śoṇitaphenaprabhavaḥ phupphusaḥ śoṇitakiṭṭaprabhava uṇḍukaḥ
Beim *garbha* entstehen Leber und Milz aus Blut, die Lunge aus dem Schaum des Blutes und der Blinddarm aus dessen Bodensatz.
asṛjaḥ śleṣmaṇaścāpi yaḥ prasādaḥ paro mataḥ taṃ pacyamānaṃ pittena vāyuścāpyanudhāvati
Der klarste, reinste Anteil von Blut und *kapha* wird, während er durch *pitta* verkocht wird, vom Wind (Vāyu) durchdrungen.
tato'syāntrāṇi jāyante gudaṃ bastiśca dehinaḥ udare pacyamānānāmādhmānādrukmasāravat
Daraus entstehen beim Lebewesen die Gedärme, der After und die Harnblase – durch das Aufblähen der im Bauch verdauten Stoffe, ähnlich wie beim Gerinnen geschmolzenen Goldes.
kaphaśoṇitamāṃsānāṃ sārājjihvā prajāyate yathārthamūṣmaṇā yukto vāyuḥ srotāṃsi dārayet
Aus dem feinsten Anteil von *kapha*, Blut und Fleisch entsteht die Zunge; der mit der rechten Wärme verbundene Vāyu durchbricht dabei die *srotas*.
anupraviśya piśitaṃ peśīrvibhajate tathā medasaḥ snehamādāya sirāsnāyutvamāpnuyāt
Indem er in das Fleisch eindringt, teilt er es in Muskeln; und indem er das Fett des Fettgewebes aufnimmt, nimmt er die Gestalt von Venen und Sehnen an.
sirāṇāṃ tu mṛduḥ pākaḥ snāyūnāṃ ca tataḥ kharaḥ āśayyābhyāsayogena karotyāśayasaṃbhavam
Die Reifung der Venen ist weich, die der Sehnen dagegen härter; durch fortwährende Berührung und Übung bewirkt der Vāyu die Entstehung der Hohlorgane.
raktamedaḥprasādādvṛkkau māṃsāsṛkkaphamedaḥprasādādvṛṣaṇau śoṇitakaphaprasādajaṃ hṛdayaṃ yadāśrayā hi dhamanyaḥ prāṇavahāḥ tasyādho vāmataḥ plīhā phupphusaśca da-kṣiṇato yakṛt kloma ca tadviśeṣeṇa cetanāsthānam astasmiṃstamasā'vṛte sarvaprāṇinaḥ svapanti
Aus dem klaren Anteil von Blut und Fett entstehen die Nieren; aus dem klaren Anteil von Fleisch, Blut, *kapha* und Fett entstehen die Hoden; aus dem klaren Anteil von Blut und *kapha* entsteht das Herz, auf das sich die lebenstragenden Arterien stützen. Unterhalb davon und links liegen Milz und Lunge, rechts Leber und Kloma (die rechte Lungenhälfte); besonders das Herz ist der Sitz des Bewusstseins (*cetanāsthāna*, der Ort des Bewusstseins). Wenn dieses von Dunkelheit (*tamas*) umhüllt ist, schlafen alle Lebewesen.
bhavati cātra puṇḍarīkeṇa sadṛśaṃ hṛdayaṃ syādadhomukham jāgratastadvikasati svapataśca nimīlati
Hierzu gilt: Das Herz gleicht einer nach unten gerichteten Lotosknospe; im Wachzustand öffnet es sich, im Schlaf schließt es sich.
nidrāṃ tu vaiṣṇavīṃ pāpmānamupadiśanti sā svabhāvata eva sarvaprāṇino'bhispṛśati tatra yadā saṃjñāvahāni srotāṃsi tamobhūyiṣṭhaḥ śleṣmā pratipadyate tadā tāmasī nāma nidrā saṃbhavatyanavabodhinī sā pralayakāle tamobhūyiṣṭhānāmahaḥsu niśāsu ca bhavati rajobhūyiṣṭhānāmanimittaṃ sattvabhūyiṣṭhānāmardharātre kṣīṇaśleṣmaṇāmanilabahulānāṃ manaḥśarīrābhitāpavatāṃ ca naiva sā vaikārikībhavati
Man lehrt, dass der Schlaf zu Viṣṇu gehört und zugleich als etwas Unheilvolles gilt; von Natur aus berührt er alle Lebewesen. Wenn die bewusstseinsleitenden *srotas* von überwiegend dunklem (*tamas*) *kapha* erfasst werden, entsteht der sogenannte tamasige Schlaf, aus dem man nicht erwacht. Dieser tritt zur Zeit der Weltauflösung bei den von *tamas* überwältigten Wesen sowohl am Tag als auch in der Nacht auf, bei den von *rajas* überwältigten ohne bestimmten Anlass, bei den von *sattva* überwältigten um Mitternacht. Bei denen, deren *kapha* vermindert, deren Wind (Vāta) vermehrt ist, sowie bei denen, deren Geist und Körper von Hitze gequält sind, tritt dieser krankhafte Schlaf gar nicht erst ein.
bhavataścātra hṛdayaṃ cetanāsthānamuktaṃ suśruta dehinām tamobhibhūte tasmiṃstu nidrā viśati dehinam
Hierzu gilt, o Suśruta: Das Herz wird als der Sitz des Bewusstseins der Lebewesen bezeichnet; wird es von *tamas* überwältigt, so befällt der Schlaf das Lebewesen.
nidrā hetustamaḥ sattvaṃ bodhane heturucyate svabhāva eva vā heturgarīyān parikīrtyate
Die Ursache des Schlafes ist *tamas*, die Ursache des Erwachens wird *sattva* genannt; als die gewichtigste Ursache jedoch gilt die eigene Natur (Svabhāva) selbst.
pūrvadehānubhūtāṃstu bhūtātmā svapataḥ prabhuḥ rajoyuktena manasā gṛhṇātyarthāñ śubhāśubhān
Die verkörperte Seele (*bhūtātman*), die Herrin des Schlafenden, erfasst mit dem von *rajas* begleiteten Geist die in einem früheren Körper erfahrenen guten und schlechten Dinge.
karaṇānāṃ tu vaikalye tamasā'bhipravardhite asvapannapi bhūtātmā prasupta iva cocyate
Wenn jedoch die Sinnesorgane versagen, weil *tamas* übermäßig zugenommen hat, wird die verkörperte Seele, obwohl sie nicht schläft, dennoch als ‚wie schlafend' bezeichnet.
sarvartuṣu divāsvāpaḥ pratiṣiddho'nyatra grīṣmāt pratiṣiddheṣvapi tu bālavṛddha-strīkarśitakṣatakṣīṇamadyanityayānavāhanādhvakarmapariśrāntānāmabhuktavatāṃ medaḥ-svedakapharasaraktakṣīṇānāmajīrṇināṃ ca muhūrtaṃ divāsvapanamapratiṣiddham rā-trāvapi jāgaritavatāṃ jāgaritakālādardha miṣyate divāsvapanam vikṛtirhi divāsvapno nāma tatra svapatāmadharmaḥ sarvadoṣaprakopaśca tatprakopācca kāsaśvāsa pratiśyāyaśirogauravāṅgamardārocakajvarāgnidaurbalyāni bhavanti rātrāvapi jāgaritavatāṃ vātapittanimittāsta evopadra vā bhavanti
Zu allen Jahreszeiten ist der Tagesschlaf verboten, außer im Sommer. Doch selbst wenn er sonst verboten ist, ist ein kurzer, augenblicklicher Tagesschlaf nicht verboten für Kinder, Greise, Frauen, Abgemagerte, Verletzte, Erschöpfte, Gewohnheitstrinker, für solche, die durch Fahren, Reiten oder Wegstrecken ermüdet sind, für Hungrige, für solche, deren Fett, Schweiß, *kapha*, Körpersaft (Rasa) und Blut geschwächt sind, sowie für Menschen mit schlechter Verdauung. Auch für solche, die nachts wach geblieben sind, gilt: die Hälfte der Zeit, die sie wach waren, darf als Tagesschlaf zugestanden werden. Der Tagesschlaf ist nämlich naturwidrig; wer trotzdem schläft, begeht dadurch ein Unrecht, und alle *doṣa* (die Körpersäfte) geraten in Erregung. Aus dieser Erregung entstehen Husten, Atemnot, Schnupfen, Kopfschwere, Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Fieber und Schwäche des Verdauungsfeuers. Auch bei denen, die nachts wach bleiben, entstehen dieselben, durch Vāta und *pitta* verursachten Beschwerden.
bhavanti cātra tasmānna jāgṛyādrā trau divāsvapnaṃ ca varjayet jñātvā doṣakarāvetau budhaḥ svapnaṃ mitaṃ caret
Hierzu gilt: Deshalb soll man nachts nicht wach bleiben und den Tagesschlaf meiden; der Weise erkenne, dass beides die *doṣa* erregt, und pflege einen maßvollen Schlaf.
arogaḥ sumanā hyevaṃ balavarṇānvito vṛṣaḥ nātisthūlakṛśaḥ śrīmān naro jīvet samāḥ śatam
So bleibt der Mensch gesund, frohgemut, kraftvoll und von guter Hautfarbe, zeugungsfähig, weder zu dick noch zu mager, und wohlhabend, und er lebt hundert Jahre lang.
nidrā sātmyīkṛtā yaistu rātrau ca yadi vā divā divārātrau ca ye nityaṃ svapnajāgaraṇocitāḥ na teṣāṃ svapatāṃ doṣo jāgratāṃ vā'pi jāyate
Wer sich an eine bestimmte Schlafgewohnheit gewöhnt hat – sei es nachts, sei es tagsüber, oder Tag und Nacht abwechselnd –, wer also ständig an Schlafen und Wachen in dieser Weise gewöhnt ist, bei dem entsteht weder durch Schlafen noch durch Wachen ein Schaden.
nidrā nāśo'nilāt pittānmanastāpāt kṣayādapi saṃbhavatyabhighātācca pratyanīkaiḥ praśāmyati
Schlaflosigkeit entsteht durch Vāta, durch *pitta*, durch seelischen Kummer, durch Erschöpfung sowie durch Verletzung; sie wird durch die jeweils entgegengesetzten Mittel besänftigt.
nidrā nāśe'bhyaṅgayogo mūrdhni tailaniṣevaṇam gātrasyodvartanaṃ caiva hitaṃ saṃvāhanāni ca
Bei Schlaflosigkeit sind Ölmassage am ganzen Körper, das Auftragen von Öl auf den Kopf, das Einreiben des Körpers mit duftenden Pudern sowie Massagen heilsam.
śāligodhūmapiṣṭānnabhakṣyairaikṣavasaṃskṛtaiḥ bhojanaṃ madhuraṃ snigdhaṃ kṣīramāṃsarasādibhiḥ
Ebenso ist eine süße, fettreiche Kost heilsam, bereitet aus Śāli-Reis, Weizenmehlspeisen und mit Zuckerrohr zubereiteten Gerichten, sowie aus Milch, Fleischbrühe und Ähnlichem.
rasairbileśayānāṃ ca viṣkirāṇāṃ tathaiva ca drā kṣāsitekṣudra vyāṇāmupayogo bhavenniśi
Auch der abendliche Genuss von Fleischbrühen der in Höhlen lebenden Tiere und der scharrenden Vögel sowie von Weintrauben, Zucker und Zuckerrohrsaft ist heilsam.
śayanāsanayānāni manojñāni mṛdūni ca nidrā nāśe tu kurvīta tathā'nyānyapi buddhimān
Bei Schlaflosigkeit soll der Kluge angenehme, weiche Betten, Sitze und Fahrzeuge verwenden und ebenso andere derartige Mittel anwenden.
nidrā tiyoge vamanaṃ hitaṃ saṃśodhanāni ca laṅghanaṃ raktamokṣaśca manovyākulanāni ca
Bei übermäßigem Schlaf hingegen sind Erbrechenstherapie und andere Reinigungsverfahren, Fasten, Aderlass sowie geistig aufwühlende Beschäftigungen heilsam.
kaphamedoviṣārtānāṃ rātrau jāgaraṇaṃ hitam divāsvapnaśca tṛṭśūlahikkājīrṇātisāriṇām
Für die von *kapha*, Fett oder Gift Geplagten ist nächtliches Wachbleiben heilsam, für die an Durst, Kolikschmerzen, Schluckauf, Verdauungsstörung oder Durchfall Leidenden hingegen der Tagesschlaf.
indriyārtheṣvasaṃprāptirgauravaṃ jṛmbhaṇaṃ klamaḥ nidrārtasyeva yasyehā tasya tandrāṃ vinirdiśet
Wenn jemand die Sinnesobjekte nicht recht wahrnimmt, Schwere empfindet, gähnt und ermattet, und ein Verlangen nach Schlaf hat, ähnlich wie zur gewohnten Zeit, so soll man dies als Schläfrigkeit (Tandrā) bezeichnen.
pītvaikamanilocchvāsamudveṣṭan vivṛtānanaḥ yaṃ muñcati sanetrāsraṃ sa jṛmbha iti saṃjñitaḥ
Wenn jemand einen einzigen Atemzug einzieht, sich streckt, mit weit geöffnetem Mund ausatmet und dabei Tränen aus den Augen freisetzt, nennt man dies Gähnen (Jṛmbha).
yo'nāyāsaḥ śramo dehe pravṛddhaḥ śvāsavarjitaḥ klamaḥ sa iti vijñeya indri yārthaprabādhakaḥ
Eine ohne Anstrengung entstandene, im Körper zunehmende Ermattung, die nicht mit Atemnot einhergeht und die Wahrnehmung der Sinnesobjekte beeinträchtigt, soll man als Erschöpfung (Klama) erkennen.
sukhasparśaprasaṅgitvaṃ duḥkhadveṣaṇalolatā śaktasya cāpyanutsāhaḥ karmasvālasyamucyate
Die Neigung, sich angenehmer Berührung hinzugeben, die Abneigung gegen Unangenehmes verbunden mit Unbeständigkeit, sowie mangelnder Tatendrang trotz vorhandener Fähigkeit bei Tätigkeiten – all dies nennt man Trägheit (Ālasya).
utkliśyānnaṃ na nirgacchet prasekaṣṭhīvaneritam hṛdayaṃ pīḍyate cāsya tamutkleśaṃ vinirdiśet
Wenn Speise, von Speichelfluss und Ausspucken begleitet, hochsteigt, aber nicht herauskommt, und dabei das Herz bedrängt wird, soll man dies als Übelkeit (Utkleśa) bezeichnen.
vaktre madhuratā tandrā hṛdayodveṣṭanaṃ bhramaḥ na cānnamabhikāṅkṣeta glāniṃ tasya vinirdiśet
Süßlicher Geschmack im Mund, Schläfrigkeit, ein Zusammenschnüren des Herzens, Schwindel und fehlendes Verlangen nach Speise – dies soll man als Mattigkeit (Glāni) bezeichnen.
ārdra carmāvanaddhaṃ vā yo gātraṃ manyate naraḥ tathā guru śiro'tyarthaṃ gauravaṃ tadvinirdiśet
Wenn ein Mensch das Gefühl hat, sein Körper sei mit feuchter Haut umhüllt, und wenn sein Kopf äußerst schwer erscheint, soll man dies als Schwere (Gaurava) bezeichnen.
mūrcchā pittatamaḥprāyā rajaḥpittānilādbhramaḥ tamovātakaphāttandrā nidrā śleṣmatamobhavā
Ohnmacht (Mūrcchā) entsteht vorwiegend aus *pitta* und *tamas*, Schwindel (Bhrama) aus *rajas*, *pitta* und Vāta, Schläfrigkeit aus *tamas*, Vāta und *kapha*, und Schlaf entsteht aus *kapha* und *tamas*.
garbhasya khalu rasanimittā mārutādhmānanimittā ca parivṛddhirbhavati
Das Wachstum des *garbha* geschieht durch die Nahrungssäfte (Rasa) als Ursache sowie durch die aufblähende Wirkung des Vāyu.
bhavanti cātra tasyāntareṇa nābhestu jyotiḥsthānaṃ dhruvaṃ smṛtam tadādhamati vātastu dehastenāsya vardhate
Hierzu gilt: In seinem Inneren, im Bereich des Nabels, befindet sich der als beständig geltende Sitz der Lebensglut (Jyotiḥsthāna); diesen bläst der Vāta auf, und dadurch wächst sein Körper.
ūṣmaṇā sahitaścāpi dārayatyasya mārutaḥ ūrdhvaṃ tiryagadhastācca srotāṃsyapi yathā tathā
Zusammen mit der Wärme durchbricht der Vāyu dessen *srotas* nach oben, zur Seite und nach unten, jeweils entsprechend.
dṛṣṭiśca romakūpāśca na vardhante kadācana dhruvāṇyetāni martyānāmiti dhanvantarermatam
Die Sehkraft und die Haarfollikel wachsen niemals weiter; dies sind, so die Lehre Dhanvantaris, feste, unveränderliche Merkmale der Sterblichen.
śarīre kṣīyamāṇe'pi vardhete dvāvimau sadā svabhāvaṃ prakṛtiṃ kṛtvā nakhakeśāviti sthitiḥ
Selbst wenn der Körper abmagert, wachsen diese beiden stets weiter – so ist es ihre eigene Natur: die Nägel und die Haare.
sapta prakṛtayo bhavantidoṣaiḥ pṛthak dviśaḥ samastaiśca
Es gibt sieben *prakṛti* (Konstitutionstypen): einzeln durch je einen *doṣa* bedingt, zu zweit gemischt, und alle drei *doṣa* zusammen.
śukraśoṇitasaṃyoge yo bhaveddoṣa utkaṭaḥ prakṛtirjāyate tena tasyā me lakṣaṇaṃ śṛṇu
Welcher *doṣa* bei der Vereinigung von Same und Blut vorherrschend ist, danach entsteht die *prakṛti*; höre nun von mir deren Kennzeichen.
tatra vātaprakṛtiḥ prajāgarūkaḥ śītadveṣī durbhagaḥ steno matsaryanāryo gandharvacittaḥ sphuṭitakaracaraṇo'lparūkṣaśmaśrunakhakeśaḥ krāthī dantakhādī ca bhavati
Der Mensch mit Vāta-*prakṛti* ist leicht erweckbar, hasst Kälte, ist unglücklich, diebisch, neidisch, unedel, in Gedanken unstet wie ein Gandharva, hat rissige Hände und Füße, spärlichen, trockenen Bart, spärliche, trockene Nägel und Haare, schnarcht und knirscht mit den Zähnen.
adhṛtiradṛḍhasauhṛdaḥ kṛtaghnaḥ kṛśaparuṣo dhamanītataḥ pralāpī drutagatiraṭano'navasthitātmā viyati ca gacchati saṃbhrameṇa suptaḥ
Er ist unbeständig, ohne feste Freundschaften, undankbar, mager, rauh, mit hervortretenden Adern, schwatzhaft, geht schnell, redet laut, ist innerlich haltlos, und im Traum wähnt er sich verwirrt durch die Luft zu fliegen.
avyavasthitamatiścaladṛṣṭirmandaratnadhanasaṃcayamitraḥ kiṃcideva vilapatyanibaddhaṃ mārutaprakṛtireṣa manuṣyaḥ
Er hat einen unbeständigen Geist, unruhige, wandernde Augen, sammelt nur wenig Reichtum, Schmuck und Freunde und murmelt manchmal Zusammenhangloses vor sich hin – so ist der Mensch von Vāta-*prakṛti*.
vātikāścājagomāyuśaśākhūṣṭraśunāṃ tathā gṛdhrakākakharādīnāmanūkaiḥ kīrtitā narāḥ
Die Menschen vom Vāta-Typ werden ihrem Wesen nach mit der Ziege, dem Schaf, dem Schakal, dem Hasen, dem Kamel und dem Hund verglichen, ebenso mit dem Geier, der Krähe, dem Esel und ähnlichen Tieren.
pittaprakṛtistu svedano durgandhaḥ pītaśithilāṅgastāmranakhanayanatālujihvauṣṭhapā-ṇipādatalo durbhagovalīpalitakhālityajuṣṭo bahubhuguṣṇadveṣī kṣiprakopaprasādo madhyabalo madhyāyuśca bhavati
Der Mensch von *pitta*-*prakṛti* schwitzt stark, riecht unangenehm, hat schlaffe, gelbliche Glieder, kupferfarbene Nägel, Augen, Gaumen, Zunge, Lippen sowie Hand- und Fußflächen, ist unglücklich, neigt früh zu Falten, grauem Haar und Kahlheit, isst viel, hasst Hitze, gerät leicht in Zorn und ebenso leicht wieder zur Ruhe, hat mittlere Kraft und eine mittlere Lebensspanne.
medhāvī nipuṇamatirvigṛhya vaktā tejasvī samitiṣu durnivāravīryaḥ suptaḥ san kanakapalāśakarṇikārān saṃpaśyedapi ca hutāśavidyudulkāḥ
Er ist geistreich, scharfsinnig, ein streitbarer Redner, glanzvoll, in Versammlungen von unwiderstehlicher Tatkraft; im Traum sieht er goldene Bäume, Palāśa- und Karṇikāra-Blüten sowie Feuer, Blitze und Meteore.
na bhayāt praṇamedanateṣvamṛduḥ praṇateṣvapi sāntvanadānaruciḥ bhavatīha sadā vyathitāsyagatiḥ sa bhavediha pittakṛtaprakṛtiḥ
Er beugt sich nicht aus Angst vor Unnachgiebigen, ist gegenüber Unterwürfigen gerne zu Trost und Gaben bereit, und sein Gesicht und Gang wirken stets von innerer Unruhe gezeichnet – so ist der Mensch mit *pitta*-*prakṛti*.
bhujaṅgolūkagandharvayakṣamārjāravānaraiḥ vyāghrarkṣanakulānūkaiḥ paittikāstu narāḥ smṛtāḥ
Die Menschen vom *pitta*-Typ gelten ihrem Wesen nach als der Schlange, der Eule, den Gandharvas, den Yakṣas, der Katze, dem Affen, dem Tiger, dem Bären und dem Mungo ähnlich.
śleṣmaprakṛtistu dūrvendīvaranistriṃśārdrāriṣṭakaśarakāṇḍānāmanyatamavarṇaḥ subhagaḥ priyadarśano madhurapriyaḥ kṛtajño dhṛtimān sahiṣṇuralolupo balavāṃściragrāhī dṛḍhavairaśca bhavati
Der Mensch von *kapha*-*prakṛti* hat die Farbe von Dūrvā-Gras, blauem Lotus, einem Schwert, Ariṣṭaka-Samen oder Śara-Schilfrohr, ist wohlgestaltet, von angenehmem Aussehen, liebt Süßes, ist dankbar, standhaft, geduldig, frei von Gier, kräftig, hält lange an seinen Überzeugungen fest und pflegt auch Feindschaften nachhaltig.
śuklākṣaḥ sthirakuṭilālinīlakeśo lakṣmīvān jaladamṛdaṅgasiṃhaghoṣaḥ suptaḥ san sakamalahaṃsacakravākān saṃpaśyedapi ca jalāśayān manojñān
Er hat weiße Augen, festes, gelocktes, glänzend schwarzes Haar, ist wohlhabend, seine Stimme klingt wie eine Regenwolke, eine Mṛdaṅga-Trommel oder ein Löwe; im Traum sieht er Lotusblumen, Schwäne, Cakravāka-Vögel und liebliche Gewässer.
raktāntanetraḥ suvibhaktagātraḥ snigdhacchaviḥ sattvaguṇopapannaḥ kleśakṣamo mānayitā gurūṇāṃ jñeyo balāsaprakṛtirmanuṣyaḥ
Er hat an den Rändern gerötete Augen, wohlproportionierte Glieder, glänzende Haut, ist mit der Eigenschaft *sattva* ausgestattet, erträgt Mühsal, ehrt seine Lehrer und Älteren – so soll man den Menschen mit *kapha*-*prakṛti* erkennen.
dṛḍhaśāstramatiḥ sthiramitradhanaḥ parigaṇya cirāt pradadāti bahu pariniścitavākyapadaḥ satataṃ gurumānakaraśca bhavet sa sadā
Er ist in seinem Verständnis der Lehrschriften fest, bewahrt Freundschaften und Besitz beständig, gibt nach reiflicher Überlegung reichlich, spricht wohlüberlegte Worte und erweist seinen Lehrern stets Ehrerbietung.
brahmarudre ndra varuṇaiḥ siṃhāśvagajagovṛṣaiḥ tārkṣyahaṃsasamānūkāḥ śleṣmaprakṛtayo narāḥ
Die Menschen mit *kapha*-*prakṛti* gelten ihrem Wesen nach als Brahmā, Rudra, Indra und Varuṇa ähnlich, sowie dem Löwen, dem Pferd, dem Elefanten, dem Stier, dem Garuḍa und dem Schwan.
dvayorvā tisṛṇāṃ vā'pi prakṛtīnāṃ tu lakṣaṇaiḥ jñātvā saṃsargajā vaidyaḥ prakṛtīrabhinirdiśet
Erkennt der Arzt an den Merkmalen zweier oder aller drei *prakṛti* zugleich, so soll er die aus ihrer Mischung entstandenen Konstitutionen entsprechend benennen.
prakopo vā'nyathābhāvo kṣayo vā nopajāyate prakṛtīnāṃ svabhāvena jāyate tu gatāyuṣaḥ
Bei diesen *prakṛti* tritt weder Erregung noch Veränderung noch Schwund ein, da sie aus der eigenen Natur entstehen; sie enden nur mit dem Ende des Lebens.
viṣajāto yathā kīṭo na viṣeṇa vipadyate tadvatprakṛtayo martye śaknuvanti na bādhitum
So wie ein im Gift geborener Wurm nicht durch das Gift zugrunde geht, so können auch diese *prakṛti* dem Sterblichen, in dem sie wirken, nicht schaden.
prakṛtimiha narāṇāṃ bhautikīṃ kecidāhuḥ pavanadahanatoyaiḥ kīrtitāstāstu tisraḥ sthiravipulaśarīraḥ pārthivaśca kṣamāvāñ śuciratha cirajīvī nābhasaḥ khairmahadbhiḥ
Manche sprechen auch von einer aus den Elementen hervorgehenden *prakṛti* der Menschen; von diesen werden drei genannt, nach Wind, Feuer und Wasser benannt. Der Mensch der Erd-*prakṛti* hat einen festen, kräftigen Körper und ist geduldig; der Mensch der Himmelsraum-*prakṛti* ist rein und langlebig durch die großen Räume.
śaucamāstikyamadhyāso vedeṣu gurupūjanam priyātithitvamijyā ca brahmakāyasya lakṣaṇam
Reinheit, Gottgläubigkeit, Beständigkeit, Vertrauen in die Veden, Verehrung der Lehrer, Gastfreundschaft und Opferbereitschaft sind die Kennzeichen des Brahmā-Typs.
māhātmyaṃ śauryamājñā ca satataṃ śāstrabuddhitā bhṛtyānāṃ bharaṇaṃ cāpi māhendraṃ kāyalakṣaṇam
Erhabenheit, Tapferkeit, Befehlsgewalt, stete Gelehrsamkeit in den Lehrschriften sowie die Fürsorge für die Dienerschaft sind die Kennzeichen des Indra-Typs (Māhendra).
śītasevā sahiṣṇutvaṃ paiṅgalyaṃ harikeśatā priyavāditvamityetadvāruṇaṃ kāyalakṣaṇam
Vorliebe für Kälte, Geduld, bräunlich-goldene Hautfarbe, hellbraunes Haar und liebenswürdige Rede sind die Kennzeichen des Varuṇa-Typs.
madhyasthatā sahiṣṇutvamarthasyāgamasaṃcayau mahāprasavaśaktitvaṃ kauberaṃ kāyalakṣaṇam
Unparteilichkeit, Geduld, das Erwerben und Ansammeln von Reichtum sowie große Zeugungskraft sind die Kennzeichen des Kubera-Typs.
gandhamālyapriyatvaṃ ca nṛtyavāditrakāmitā vihāraśīlatā caiva gāndharvaṃ kāyalakṣaṇam
Vorliebe für Düfte und Blumengirlanden, Freude an Tanz und Musik sowie Vergnügungslust sind die Kennzeichen des Gandharva-Typs.
prāptakārī dṛḍhotthāno nirbhayaḥ smṛtimāñchuciḥ rāgamohamadadveṣairvarjito yāmyasattvavān
Wer Aufgaben zuverlässig erledigt, entschlossen handelt, furchtlos, von gutem Gedächtnis und reinem Wesen ist, und wer frei von Leidenschaft, Verblendung, Rausch und Hass ist, besitzt die Wesensart des Yama-Typs.
japavratabrahmacaryahomādhyayanasevinam jñānavijñānasaṃpannamṛṣisattvaṃ naraṃ viduḥ
Als einen Menschen mit der Wesensart eines Ṛṣi erkennt man denjenigen, der sich Gebetsmurmeln, Gelübden, Enthaltsamkeit, Opferritualen und Studium widmet und mit Wissen und praktischer Erkenntnis ausgestattet ist.
saptaite sāttvikāḥ kāyā rājasāṃstu nibodha me aiśvaryavantaṃ raudraṃ ca śūraṃ caṇḍamasūyakam
Dies sind die sieben *sattva*-geprägten Körpertypen; höre nun von mir die *rajas*-geprägten: den herrschsüchtigen, den grausamen, den heldenhaften, den jähzornigen und den missgünstigen Charakter.
ekāśinaṃ caudarikamāsuraṃ sattvamīdṛśam tīkṣṇamāyāsinaṃ bhīruṃ caṇḍaṃ māyānvitaṃ tathā
Wer nur allein isst und ein Vielfraß ist – so ist die dämonische (Āsura) Wesensart beschaffen: scharf, mühevoll, furchtsam, jähzornig und zugleich verschlagen.
vihārācāracapalaṃ sarpasattvaṃ vidurnaram pravṛddhakāmasevī cāpyajasrāhāra eva ca
Als Menschen von Schlangen-Wesensart (Sarpa) gilt, wer in seinem Verhalten und Wandel unstet ist, wer sich übermäßig der Begierde hingibt und ständig isst.
amarṣaṇo'navasthāyī śākunaṃ kāyalakṣaṇam ekāntagrāhitā raudra masūyā dharmabāhyatā
Unbeherrschte Ungeduld und Unbeständigkeit sind die Kennzeichen des Vogel-Typs (Śākuna). Einseitige Voreingenommenheit, Grausamkeit, Missgunst und das Fernsein von Rechtschaffenheit –
bhṛśamātraṃ tamaścāpi rākṣasaṃ kāyalakṣaṇam ucchiṣṭāhāratā taikṣṇyaṃ sāhasapriyatā tathā
– sowie tiefe Finsternis (*tamas*) sind die Kennzeichen des Rākṣasa-Typs. Der Verzehr von Speiseresten, Schärfe im Wesen und die Vorliebe für Gewalttätigkeit –
strīlolupatvaṃ nairlajjyaṃ paiśācaṃ kāyalakṣaṇam asaṃvibhāgamalasaṃ duḥkhaśīlamasūyakam
– sowie Begierde nach Frauen und Schamlosigkeit sind die Kennzeichen des Piśāca-Typs. Geiz, Trägheit, Neigung zu Kummer und Missgunst –
lolupaṃ cāpyadātāraṃ pretasattvaṃ vidurnaram ṣaḍete rājasāḥ kāyāḥ tāmasāṃstu nibodha me
– und Gier bei gleichzeitigem Geiz kennzeichnen den Menschen von Preta-Wesensart. Dies sind die sechs rajasischen Körpertypen; höre nun von mir die tamasischen.
durmedhastvaṃ mandatā ca svapne maithunanityatā nirākariṣṇutā caiva vijñeyāḥ pāśavā guṇāḥ
Mangelnde Klugheit, Trägheit, ständiges Träumen von Geschlechtsverkehr und die Neigung, andere zurückzuweisen – dies sind die als tierhaft (Pāśava) zu erkennenden Eigenschaften.
anavasthitatā maurkhyaṃ bhīrutvaṃ salilārthitā parasparābhimardaśca matsyasattvasya lakṣaṇam
Unbeständigkeit, Torheit, Ängstlichkeit, ständiges Verlangen nach Wasser und gegenseitiges Bedrängen sind die Kennzeichen der Fisch-Wesensart (Matsya).
ekasthānaratirnityamāhāre kevale rataḥ vānaspatyo naraḥ sattvadharmakāmārthavarjitaḥ
Wer stets an einem Ort verharrt und sich einzig am Essen erfreut, ist ein Mensch von Pflanzen-Wesensart (Vānaspatya), dem Wesenskraft sowie die Ziele des Rechts, der Sinnenlust und des Wohlstands gänzlich fehlen.
ityete trividhāḥ kāyāḥ proktā vai tāmasāstathā kāyānāṃ prakṛtīrjñātvā tvanurūpāṃ kriyāṃ caret
So wurden diese drei Arten der tamasischen Körpertypen dargelegt. Kennt man die *prakṛti* der Körper, so soll man eine entsprechend angepasste Behandlung durchführen.
mahāprakṛtayastvetā rajaḥsattvatamaḥkṛtāḥ proktā lakṣaṇataḥ samyagbhiṣak tāśca vibhāvayet
Dies sind die großen Konstitutionstypen (Mahāprakṛti), die durch *rajas*, *sattva* und *tamas* hervorgebracht werden und anhand ihrer Merkmale vollständig dargelegt wurden; der Arzt soll diese sorgfältig erkennen.