Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana

Adhyāya 10: Sadyomaraneeyam Indriyam Zeichen des plötzlichen Todes

Das zehnte Kapitel widmet sich einem eigenen, dramatischen Sonderfall der Prognostik: den Zeichen des plötzlichen Todes (sadyomaraṇa). Im Zentrum steht dabei fast durchweg der aus dem Gleichgewicht geratene Vāta, das Bewegungsprinzip unter den drei Doṣas, der, wenn er bestimmte Körperregionen – Herz, Nabel, Leiste, Rippen, Blase – gleichzeitig oder in rascher Folge durchdringt, den Lebenshauch (prāṇa) abrupt aus dem Körper reißt. Die Nähe dieser Lehre zur älteren Marman-Lehre, den „verwundbaren Punkten“ des Körpers, wie sie auch in der Suśruta-Saṃhitā ausführlich behandelt wird, ist unverkennbar, auch wenn hier nicht äußere Verletzung, sondern innere Doṣa-Bewegung die Todesursache ist. Pflanzliche Mittel kommen in diesem kurzen, dicht komponierten Kapitel praktisch nicht vor; es liest sich eher wie ein klinischer Katalog letzter Warnzeichen, den der Arzt im Akutfall rasch abrufen können musste.

athātaḥ sadyomaraṇīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun also werden wir das Kapitel über die Indriya-Zeichen erklären, die den plötzlichen Tod (sadyomaraṇa) ankündigen.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya:

sadyastitikṣataḥ prāṇāṃllakṣaṇāni pṛthak pṛthak| agniveśa! pravakṣyāmi saṃspṛṣṭo yairna jīvati

Agniveśa! Ich werde dir einzeln die Merkmale derer darlegen, deren Lebenshauche (prāṇa, die Lebenskräfte) im Begriff sind, den Körper plötzlich zu verlassen – Merkmale, von denen berührt ein Mensch nicht mehr am Leben bleibt.

sadyastitikṣataḥ prāṇāmṃllakṣaṇāni pr̥thak pr̥thak| vātāṣṭhīlā susaṃvṛddhā tiṣṭhantī dāruṇā hṛdi| tṛṣṇayā'bhiparītasya sadyo muṣṇāti jīvitam

Die einzelnen Merkmale derer, deren Lebenshauche im Begriff sind, plötzlich zu entweichen: Wenn bei einem von Durst (tṛṣṇā) überwältigten Kranken im Herzbereich eine stark angeschwollene, schmerzhafte, vāta-bedingte Geschwulst (vātāṣṭhīlā, eine harte, steinartige Verhärtung durch vāta – einen der drei doṣas, das Bewegungsprinzip im Körper) auftritt und dort verharrt, raubt sie ihm plötzlich das Leben.

piṇḍike śithilīkṛtya jihmīkṛtya ca nāsikām| vāyuḥ śarīre vicaran sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der im Körper umherziehende Wind (vāyu, d.h. vāta) die Waden erschlaffen lässt und die Nase schief einsinken macht, raubt er plötzlich das Leben.

bhruvau yasya cyute sthānādantardāhaśca dāruṇaḥ| tasya hikkākaro rogaḥ sadyo muṣṇāti jīvitam

Wessen Augenbrauen aus ihrer Stellung gewichen sind und der ein heftiges inneres Brennen hat, dessen Leben raubt die den Schluckauf erzeugende Krankheit (hikkā) plötzlich.

kṣīṇaśoṇitamāṃsasya vāyurūrdhvagatiścaran| ubhe manye same yasya sadyo muṣṇāti jīvitam

Bei einem an Blut und Fleisch (māṃsa-dhātu) erschöpften Menschen, in dem der aufwärts strebende Wind zieht und dessen beide Halssehnen (manyā) gleich [straff hervortretend] sind, raubt er plötzlich das Leben.

antareṇa gudaṃ gacchan nābhiṃ ca sahasā'nilaḥ| kṛśasya vaṅkṣaṇau gṛhṇan sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der Wind (anila) plötzlich zwischen After und Nabel hindurchzieht und bei einem Abgemagerten beide Leistengegenden schmerzhaft ergreift, raubt er plötzlich das Leben.

vitatya parśukāgrāṇi gṛhītvoraśca mārutaḥ| stimitasyāyatākṣasya sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der Wind (māruta) die Rippenspitzen spannt und die Brust ergreift bei einem Kranken, der regungslos daliegt und dessen Augen weit und starr geöffnet sind, raubt er plötzlich das Leben.

hṛdayaṃ ca gudaṃ cobhe gṛhītvā māruto balī| durbalasya viśeṣeṇa sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der starke Wind zugleich Herz und After ergreift, raubt er, besonders bei einem Geschwächten, plötzlich das Leben.

vaṅkṣaṇaṃ ca gudaṃ cobhe gṛhītvā māruto balī| śvāsaṃ sañjanayañjantoḥ sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der starke Wind zugleich Leistengegend und After ergreift und bei dem Kranken Atemnot (śvāsa) erzeugt, raubt er plötzlich das Leben.

nābhiṃ mūtraṃ bastiśīrṣaṃ purīṣaṃ cāpi mārutaḥ| pracchinnaṃ janayañchūlaṃ sadyo muṣṇāti jīvitam

Wenn der Wind Nabel, Harn, Blasenscheitel (bastiśīrṣa) und Stuhl [zugleich] blockiert und einen sie durchfahrenden, stechenden Schmerz (śūla) erzeugt, raubt er plötzlich das Leben.

bhidyete vaṅkṣaṇau yasya vātaśūlaiḥ samantataḥ| bhinnaṃ purīṣaṃ tṛṣṇā ca sadyaḥ prāṇāñjahāti saḥ

Wessen beide Leistengegenden von allen Seiten durch vāta-bedingte, stechende Schmerzen zerrissen werden und wer zugleich dünnflüssigen, durchfallartigen Stuhl und Durst hat, der verliert plötzlich seine Lebenshauche.

āplutaṃ māruteneha śarīraṃ yasya kevalam| bhinnaṃ purīṣaṃ tṛṣṇā ca sadyo jahyāt sa jīvitam

Wessen ganzer Körper hier vollständig vom Wind durchflutet und aufgetrieben ist und wer zugleich dünnflüssigen Stuhl und Durst hat, der verliert plötzlich sein Leben.

śarīraṃ śophitaṃ yasya vātāśophena dehinaḥ| bhinnaṃ purīṣaṃ tṛṣṇā ca sadyo jahyāt sa jīvitam

Wessen Körper durch eine vāta-bedingte Schwellung (Ödem) angeschwollen ist und wer zugleich dünnflüssigen Stuhl und Durst hat, der verliert plötzlich sein Leben.

āmāśayasamutthānā yasya syāt parikartikā| bhinnaṃ purīṣaṃ tṛṣṇā ca sadyaḥ prāṇāñjahāti saḥ

Wem ein vom āmāśaya (dem oberen, 'unreifen' Verdauungssitz, dem Magen) ausgehender schneidender Schmerz (parikartikā) entsteht und wer zugleich dünnflüssigen Stuhl und Durst hat, der verliert plötzlich seine Lebenshauche.

pakvāśayasamutthānā yasya syāt parikartikā| tṛṣṇā gudagrahaścograḥ sadyo jahyāt sa jīvitam

Wem ein vom pakvāśaya (dem unteren, 'gereiften' Verdauungssitz, dem Dickdarm) ausgehender schneidender Schmerz entsteht und wer Durst und eine heftige Verstopfung des Afters (gudagraha) hat, der verliert plötzlich sein Leben.

pakvāśayamadhiṣṭhāya hatvā sañjñāṃ ca mārutaḥ| kaṇṭhe ghurghurakaṃ kṛtvā sadyo harati jīvitam

Wenn der Wind sich im pakvāśaya festsetzt, das Bewusstsein (saṃjñā) auslöscht und in der Kehle ein Röcheln (ghurghuraka) hervorbringt, raubt er plötzlich das Leben.

dantāḥ kardamadigdhābhā mukhaṃ cūrṇakasannibham| siprāyante ca gātrāṇi liṅgaṃ sadyo mariṣyataḥ

Zähne, die wie mit Schlamm bestrichen erscheinen, ein Gesicht wie mit [weißem] Pulver bestäubt, und Glieder, die erschlaffen und einsinken – das ist das Zeichen dessen, der bald sterben wird.

tṛṣṇāśvāsaśirorogamohadaurbalyakūjanaiḥ| spṛṣṭaḥ prāṇāñjahātyāśu śakṛdbhedena cāturaḥ

Ein von Durst, Atemnot, Kopfschmerz, Bewusstseinstrübung (moha), Schwäche und Stöhnen Ergriffener, ein Kranker, verliert bei zusätzlichem [plötzlichem] Durchfall (śakṛdbheda) rasch seine Lebenshauche.

tatra ślokaḥ- etāni khalu liṅgāni yaḥ samyagavabudhyate| sa jīvitaṃ ca martyānāṃ maraṇaṃ cāvabudhyate

Dazu ein Merkvers: Wer diese Zeichen wahrhaftig erkennt, der erkennt sowohl das Leben als auch den Tod der Sterblichen.

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