Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana

Adhyāya 3: Parimarshaneeyam Indriyam Todeszeichen durch Betasten

Das kurze dritte Kapitel des Indriyasthāna, „Parimarśanīya“ (über die durch Betasten zu beurteilenden Vorzeichen), schließt die Reihe der sinnesbezogenen Todeszeichen ab, die mit Hautfarbe, Stimme, Geruch und Geschmack begonnen wurde, und widmet sich nun dem Tastsinn. Der Arzt soll den Körper des Kranken mit ruhiger Hand abtasten und dabei ungewöhnliches Schwitzen oder Kälte an Füßen, Rücken, Händen und Stirn ebenso prüfen wie Atem, Nägel, Wimpern und Haare; ein übermäßig langer oder kurzer Atem etwa gilt als sicheres Zeichen des nahenden Todes. Trotz seiner Kürze von nur wenigen Versen veranschaulicht das Kapitel exemplarisch das systematische Vorgehen der Caraka-Saṃhitā, bei dem jeder der klassischen Sinne methodisch für die Prognose ausgewertet wird. Botanische Inhalte fehlen erwartungsgemäß vollständig.

parimarśanīyendriyopakramaḥ athātaḥ parimarśanīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Beginn des Abschnitts „Die durch Betasten zu beurteilenden Vorzeichen (indriya – hier: Anzeichen des nahenden Todes)“. Nun wollen wir also die durch Betasten zu beurteilenden Vorzeichen erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach fürwahr der erhabene Ātreya:

varṇe svare ca gandhe ca rase coktaṃ pṛthak pṛthak| liṅgaṃ mumūrṣatāṃ samyak sparśeṣvapi nibodhata

Über die Anzeichen der Sterbenden wurde bereits einzeln bei Hautfarbe (varṇa), Stimme (svara), Geruch (gandha) und Geschmack (rasa) gesprochen; vernehmt nun ebenso genau die Anzeichen, die sich durch Tasten (sparśa) erkennen lassen.

sparśaprādhānyenaivāturasyāyuṣaḥ pramāṇāvaśeṣaṃ jijñāsuḥ prakṛtisthena pāṇinā śarīramasya kevalaṃ spṛśet, parimarśayedvā'nye| parimṛśatā tu khalvāturaśarīramime bhāvāstatra tatrāvaboddhavyā bhavanti| tadyathā- satataṃ spandamānānāṃ śarīradeśānāmaspandanaṃ, nityoṣmaṇāṃ śītībhāvaḥ, mṛdūnāṃ dāruṇatvaṃ, ślakṣṇānāṃ kharatvaṃ,satāmasadbhāvaḥ, sandhīnāṃ sraṃsabhraṃśacyavanāni; māṃsaśoṇitayorvītībhāvaḥ, dāruṇatvaṃ, svedānubandhaḥ, stambho vā; yaccānyadapikiñcidīdṛśaṃ sparśānāṃ lakṣaṇaṃ bhṛśavikṛtamanimittaṃ syāt| iti lakṣaṇaṃ spṛśyānāṃ bhāvānāmuktaṃ samāsena

Wer vor allem durch Tasten das noch verbleibende Maß der Lebenszeit eines Kranken erkennen möchte, soll dessen Körper allein mit ruhiger, gesunder Hand berühren, oder andere sollen ihn abtasten. Beim Abtasten des Körpers eines Kranken sind nun jeweils folgende Erscheinungen zu erkennen: das Aufhören der Bewegung an Körperstellen, die sich sonst ständig bewegen; das Kaltwerden von Stellen, die stets warm waren; das Hartwerden weicher Stellen; das Rauwerden glatter Stellen; das Verschwinden dessen, was vorhanden war; das Erschlaffen, Verrenken und Ausrenken der Gelenke; das Schwinden von Fleisch und Blut, deren Verhärtung, anhaltendes Schwitzen oder Erstarrung; sowie alles andere dieser Art, was als ein stark abnormes, grundloses Tastzeichen auftritt. So wurde das Kennzeichen der ertastbaren Erscheinungen in Kürze dargelegt.

tadvyāsato'nuvyākhyāsyāmaḥ- tasya cet parimṛśyamānaṃ pṛthaktvenapādajaṅghorusphigudarapārśvapṛṣṭheṣikāpāṇigrīvātālvoṣṭhalalāṭaṃ svinnaṃ śītaṃ stabdhaṃ dāruṇaṃ vītamāṃsaśoṇitaṃ vā syāt,parāsurayaṃ puruṣo na cirāt kālaṃ mariṣyatīti vidyāt| tasya cet parimṛśyamānāni pṛthaktvenagulphajānuvaṅkṣaṇagudavṛṣaṇameḍhranābhyaṃsastanamaṇikaparśukāhanunāsikākarṇākṣibhrūśaṅkhādīni srastāni vyastāni cyutānisthānebhyaḥ skannāni vā syuḥ, parāsurayaṃ puruṣo'cirāt kālaṃ mariṣyatīti vidyāt

Dies wollen wir nun ausführlich erläutern: Werden beim Abtasten einzeln Fuß, Unterschenkel, Oberschenkel, Gesäß, Bauch, Flanke, Rücken, Wirbelsäule, Hand, Nacken, Gaumen, Lippen und Stirn schwitzend, kalt, starr, hart oder ohne Fleisch und Blut befunden, so wisse man: Diesem Menschen ist der Lebenshauch entwichen (parāsu), und er wird in Kürze sterben. Erscheinen ferner beim Abtasten einzeln Fußknöchel, Knie, Leiste, After, Hoden, Glied, Nabel, Schulter, Brust, Handgelenk, Rippen, Kinnbacken, Nase, Ohren, Augen, Augenbrauen, Schläfen und dergleichen erschlafft, verschoben, aus ihrer Lage gewichen oder eingesunken, so wisse man ebenso: Diesem Menschen ist der Lebenshauch entwichen, und er wird in Kürze sterben.

tathā'syocchvāsamanyādantapakṣmacakṣuḥkeśalomodaranakhāṅgulīrālakṣayet| tasya ceducchvāso'tidīrgho'tihrasvo vā syāt, parāsuriti vidyāt| tasya cenmanye parimṛśyamāne na spandeyātāṃ, parāsuriti vidyāt| tasya ceddantāḥ parikīrṇāḥ śvetā jātaśarkarāḥ syuḥ, parāsuriti vidyāt| tasya cet pakṣmāṇi jaṭābaddhāni syuḥ, parāsuriti vidyāt| tasya ceccakṣuṣī prakṛtihīne, vikṛtiyukte- atyutpiṇḍite, atipraviṣṭe, atijihme, ativiṣame, atimuktabandhane, atiprasrute,satatonmiṣite, satatanimiṣite, nimiṣonmeṣātipravṛtte, vibhrāntadṛṣṭike, viparītadṛṣṭike, hīnadṛṣṭike, vyastadṛṣṭike,nakulāndhe, kapotāndhe, alātavarṇe, kṛṣṇapītanīlaśyāvatāmraharitahāridraśuklavaikārikāṇāṃ varṇānāmanyatamenātiplute vāsyātāṃ, tadā parāsuriti vidyāt| athāsya keśalomānyāyacchet, tasya cet keśalomānyāyamyamānāni pralucyeran na cedvedayeyustaṃ parāsuriti vidyāt| tasya cedudare sirāḥ prakāśerañ śyāvatāmranīlahāridraśuklā vā syuḥ, parāsuriti vidyāt| tasya cennakhā vītamāṃsaśoṇitāḥ pakvajāmbavavarṇāḥ syuḥ, parāsuriti vidyāt| athāsyāṅgulīrāyacchet; tasya cedaṅgulaya āyamyamānā na sphuṭeyuḥ, parāsuriti vidyāt

Ebenso soll man bei ihm Atem, Nackenstränge (manyā), Zähne, Wimpern, Augen, Kopfhaar, Körperhaar, Bauch, Nägel und Finger prüfen. Ist sein Atem übermäßig lang oder übermäßig kurz, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Bewegen sich beim Betasten seine beiden Nackenstränge nicht, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sind seine Zähne unregelmäßig auseinanderstehend, weiß und mit zahnsteinartigen Ablagerungen bedeckt, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sind seine Wimpern wie zu Zöpfen verfilzt, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sind seine Augen ihrer natürlichen Beschaffenheit beraubt und krankhaft verändert – übermäßig vorgewölbt, übermäßig eingesunken, übermäßig schräg, übermäßig ungleichmäßig, mit übermäßig erschlafften Lidern, übermäßig tränend, ständig weit geöffnet, ständig geschlossen, in übermäßig häufigem Blinzeln begriffen, mit umherirrendem Blick, mit verkehrtem Blick, mit geschwächtem Blick, mit unstetem, nicht gleichgerichtetem Blick, mongoartig blind, taubenartig blind, von der Farbe eines glühenden Feuerbrands, oder sind beide Augen übermäßig überzogen von einer der krankhaften Farben – schwarz, gelb, blau, graubraun, kupferfarben, grün, safrangelb oder weiß –, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sodann soll man an seinem Kopf- und Körperhaar ziehen. Lösen sich beim Ziehen Kopf- und Körperhaare, ohne dass er es spürt, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Treten an seinem Bauch die Venen (sirā) sichtbar hervor und sind sie graubraun, kupferfarben, blau, safrangelb oder weiß, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sind seine Nägel ohne den Schein von Fleisch und Blut und von der Farbe einer reifen Jambu-Frucht, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen. Sodann soll man an seinen Fingern ziehen. Knacken seine Finger beim Ziehen nicht, so wisse man: Ihm ist der Lebenshauch entwichen.

tatra ślokaḥ- etān spṛśyān bahūn bhāvān yaḥ spṛśannavabudhyate| āture na sa sammohamāyurjñānasya gacchati

Dazu gibt es einen Vers: Wer diese vielen ertastbaren Erscheinungen beim Betasten richtig erkennt, der verfällt bei der Beurteilung der Lebenszeit eines Kranken nicht der Verwirrung.

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