Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana

Adhyāya 12: Gomayachurniyam Indriyam Das Kuhdung-Pulver und die Botendeutung

Als zwölftes und letztes Kapitel des Indriyasthāna rundet „Gomayacūrṇīya“ (benannt nach einem kuhdungähnlichen Pulver, das sich Sterbenden auf dem Kopf zeigen soll) die Todeszeichenlehre ab und erweitert sie um zwei neue Prognoseinstrumente: die Deutung der Boten, die den Arzt zum Krankenbesuch rufen – ihr Auftreten, ihre Kleidung, ihre zufällig geäußerten Worte gelten als Vorzeichen –, sowie die Deutung von Träumen des Kranken. Anders als die vorangehenden Kapitel endet dieses mit einer ausführlichen, geradezu versöhnlichen Liste günstiger Zeichen, von Vogelgesängen und wohlriechenden Düften über Traumbilder wie das Besteigen von Bergen oder Elefanten bis zu heiterer Gemütsverfassung, die auf Genesung statt Tod hindeuten. Damit schließt das Indriyasthāna programmatisch nicht mit dem Tod, sondern mit der Hoffnung auf Heilung. Pflanzliche Substanzen erscheinen nur am Rande, etwa als Bestandteile ritueller Opfergaben; im Zentrum steht die ärztliche Kunst, aus unzähligen sinnlichen Eindrücken ein Urteil über Leben und Tod zu fällen.

TODESBOTEN: UNHEILVOLLE GEGENSTÄNDE UND VORZEICHEN (Vers 19–24)
KategorieBeispiele aus dem Text
Pflanzliche/landwirtschaftliche ResteStroh, Spreu, Getreideschwinge
Körperliche ResteFleisch, Knochen, Haupthaar, Körperhaare, Nägel, Zähne
HaushaltsgeräteBesen, Mörserstößel, abgetragenes Sandalen-Leder
NaturmaterialGras, Holz, glühende Kohle, Erdscholle, Stein
Weitere unheilvolle ZeichenToter oder Totenschmuck, Zerbrochenes, Verbranntes, Zerstörtes; scharfer/stechender Geschmack; starker Leichengeruch
Dinge, die die Boten Sterbender bei der ersten Begegnung mit dem Arzt berühren, tragen oder erwähnen (Vers 19–23) – gilt dem Arzt als Zeichen, die Behandlung abzulehnen.
ZEICHEN DER GENESUNG – REPRÄSENTATIVE AUSWAHL (Vers 71–87)
KategorieBeispiele aus dem Text
Menschen und TiereBrahmanen, Stiere, der König, Mädchen und junge Männer, eine milchgebende Kuh mit Kalb, ein weißes Pferd
Vögel von günstigem RufJīvañjīvaka-Vogel, Sārasa-Kranich, Priyavāda-Vogel, Schwäne, Pfauen
Gegenstände und Substanzenvolle Wasserkrüge, Juwelen, Sandelholz, weißer Senf, Gorocanā, Spiegel, Rucaka-Schmuckstück
Sinneseindrückeangenehmer Duft, süßer Geschmack, reinweiße Farbe, wohlklingende Laute, ein von rechts wehender Wind
Klänge und RitualeFesttrommeln, Muschelhörner, Segensrufe, Vedenrezitation, Lobpreisung
Traumbilderdas Besteigen von Bergen, Elefanten, Häusern oder Palästen; der Anblick von Mond, Sonne und Feuer; das Durchqueren des Ozeans; ein Gespräch mit wohlgesonnenen Göttern und Ahnen
Der Text nennt in Vers 71–87 eine sehr viel längere Liste von Einzelzeichen (u.a. weitere Vögel, Pflanzen, Farben und Traumbilder); hier eine repräsentative Auswahl nach Kategorien.

athāto gomayacūrṇīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun also werden wir das Kapitel „Gomayacūrṇīya“ (Das Kuhdung-Pulver) des Indriyasthāna erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya:

yasya gomayacūrṇābhaṃ cūrṇaṃ mūrdhani jāyate| sasnehaṃ bhraśyate caiva māsāntaṃ tasya jīvitam

Wessen Kopf ein Pulver zeigt, das dem Pulver von Kuhdung gleicht, und dessen Haare zugleich mit ihrer Fettigkeit ausfallen, dessen Leben endet nach einem Monat.

nikaṣanniva yaḥ pādau cyutāṃsaḥ paridhāvati| vikṛtyā na sa loke'smiṃściraṃ vasati mānavaḥ

Wer, wie reibend, die Füße schleifend umherläuft, mit herabgesunkenen Schultern und entstellter Haltung, dieser Mensch verweilt aufgrund dieser Entstellung nicht mehr lange in dieser Welt.

yasya snātānuliptasya pūrvaṃ śuṣyatyuro bhṛśam| ārdreṣu sarvagātreṣu so'rdhamāsaṃ na jīvati

Wessen Brust, kaum ist er gebadet und gesalbt, sogleich stark austrocknet, während alle übrigen Glieder feucht bleiben, der lebt keinen halben Monat mehr.

yamuddiśyāturaṃ vaidyaḥ saṃvartayitumauṣadham | yatamāno na śaknoti durlabhaṃ tasya jīvitam

Der Kranke, für den der Arzt sich müht, die Arznei zur Wirkung zu bringen, und es dennoch nicht vermag – dessen Leben ist schwer zu retten.

vijñātaṃ bahuśaḥ siddhaṃ vidhivaccāvacāritam| na sidhyatyauṣadhaṃ yasya nāsti tasya cikitsitam

Bei wem eine vielfach erprobte, wirksame und vorschriftsgemäß angewandte Arznei keine Wirkung zeigt, für den gibt es keine Heilung.

āhāramupayuñjāno bhiṣajā sūpakalpitam| yaḥ phalaṃ tasya nāpnoti durlabhaṃ tasya jīvitam

Wer, obwohl er die vom Arzt sorgfältig zubereitete Nahrung zu sich nimmt, deren Nutzen nicht erlangt, dessen Leben ist schwer zu retten.

dūtādhikāre vakṣyāmo lakṣaṇāni mumūrṣatām| yāni dṛṣṭvā bhiṣak prājñaḥ pratyākhyāyādasaṃyamam

Im Abschnitt über die Boten werden wir nun die Zeichen der Sterbenden darlegen, bei deren Anblick der kluge Arzt die Behandlung ablehnen und sich nicht in unbesonnenem Übereifer verstricken sollte.

muktakeśe'thavā nagne rudatyaprayate'thavā| bhiṣagabhyāgataṃ dṛṣṭvā dūtaṃ maraṇamādiśet

Sieht der Arzt einen zu ihm kommenden Boten mit gelöstem Haar oder nackt, weinend oder ohne den gebührenden ehrerbietigen Gruß, so soll er den Tod des Kranken voraussagen.

supte bhiṣaji ye dūtāśchindatyapi ca bhindati| āgacchanti bhiṣak teṣāṃ na bhartāramanuvrajet

Kommen Boten, während der Arzt schläft, und zerschneiden oder zerspalten sie dabei etwas – den Herrn (Auftraggeber) solcher Boten soll der Arzt nicht begleiten.

juhvatyagniṃ tathā piṇḍān pitṛbhyo nirvapatyapi| vaidye dūtā ya āyānti te ghnanti prajighāṃsavaḥ

Boten, die zum Arzt kommen, während sie gerade ins Opferfeuer opfern oder den Ahnen Opferkuchen darbringen, sind gleichsam von der Absicht zu töten geleitet – sie bringen den Tod.

kathayatyapraśastāni cintayatyathavā punaḥ| vaidye dūtā manuṣyāṇāmāgacchanti mumūrṣatām

Boten von Menschen, die im Sterben liegen, kommen zum Arzt, während sie Unheilvolles erzählen oder in düstere Gedanken versunken sind.

mṛtadagdhavinaṣṭāni bhajati vyāharatyapi| apraśastāni cānyāni vaidye dūtā mumūrṣatām

Die Boten der Sterbenden berühren oder erwähnen im Gespräch mit dem Arzt Totes, Verbranntes, Zerstörtes und anderes Unheilvolles.

vikārasāmānyaguṇe deśe kāle'thavā bhiṣak| dūtamabhyāgataṃ dṛṣṭvā nāturaṃ tamupācaret

Erkennt der Arzt, dass Ort oder Zeit der Botschaft dieselbe unheilvolle Beschaffenheit tragen wie die Krankheit selbst, so soll er diesen Kranken nicht behandeln.

dīnabhītadrutatrastamalināmasatīṃ striyam| trīn vyākṛtīṃśca ṣaṇḍāṃśca dūtān vidyānmumūrṣatām

Einen elenden, verängstigten, gehetzten, erschrockenen Boten, eine schmutzige oder unzüchtige Frau, jemanden mit dreifacher Missbildung oder einen Eunuchen soll man als Boten eines Sterbenden erkennen.

aṅgavyasaninaṃ dūtaṃ liṅginaṃ vyādhitaṃ tathā| samprekṣya cograkarmāṇaṃ na vaidyo gantumarhati

Sieht der Arzt einen Boten, der an einem Glied verstümmelt, ein Asket mit Ordenszeichen oder selbst krank ist oder eine grausame Tätigkeit ausübt, so ziemt es sich für ihn nicht, mit ihm zu gehen.

āturārthamanuprāptaṃ kharoṣṭrarathavāhanam| dūtaṃ dṛṣṭvā bhiṣagvidyādāturasya parābhavam

Sieht der Arzt, dass der im Auftrag des Kranken gekommene Bote auf einem Esel, Kamel oder Wagen fährt, so soll er darin den nahenden Untergang des Kranken erkennen.

palālabusamāṃsāsthikeśalomanakhadvijān| mārjanīṃ musalaṃ śūrpamupānaccarma vicyutam [1]

Stroh, Spreu, Fleisch, Knochen, Haupthaar, Körperhaare, Nägel, Zähne, einen Besen, einen Mörserstößel, eine Getreideschwinge, ein abgetragenes Sandalen-Leder,

tṛṇakāṣṭhatuṣāṅgāraṃ spṛśanto loṣṭamaśma ca| tatpūrvadarśane dūtā vyāharanti mumūrṣatām

Gras, Holz, Spreu, glühende Kohle, eine Erdscholle und einen Stein berührend – solches erwähnen oder berühren die Boten Sterbender, wenn man ihnen zum ersten Mal begegnet.

yasmiṃśca dūte bruvati vākyamāturasaṃśrayam| paśyennimittamaśubhaṃ taṃ ca nānuvrajedbhiṣak

Und zeigt der Bote, während er die den Kranken betreffende Botschaft ausspricht, ein unheilvolles Vorzeichen, so soll der Arzt ihm nicht folgen.

tathā vyasaninaṃ pretaṃ pretālaṅkārameva vā| bhinnaṃ dagdhaṃ vinaṣṭaṃ vā tadvādīni vacāṃsi vā

Ebenso ein Vorzeichen sind: ein vom Unglück Getroffener, ein Toter oder Totenschmuck, Zerbrochenes, Verbranntes oder Zerstörtes, oder Worte, die davon handeln,

raso vā kaṭukastīvro gandho vā kauṇapo mahān| sparśo vā vipulaḥ krūro yadvā'nyadaśubhaṃ bhavet

oder ein scharfer, stechender Geschmack, oder ein starker Leichengeruch, oder eine ausgeprägte, unangenehme Berührung, oder was sonst noch unheilvoll sein mag –

tatpūrvamabhito vākyaṃ vākyakāle'thavā punaḥ| dūtānāṃ vyāhṛtaṃ śrutvā dhīro maraṇamādiśet

hört der besonnene Arzt, dass dies vor oder während der Rede der Boten von ihnen geäußert wurde, so soll er den Tod des Kranken voraussagen.

iti dūtādhikāro'yamuktaḥ kṛtsno mumūrṣatām pathyāturakulānāṃ ca vakṣyāmyautpātikaṃ punaḥ

So wurde nun der gesamte Abschnitt über die Boten der Sterbenden dargelegt. Als Nächstes werde ich die Vorzeichen auf dem Weg zum Kranken und im Haus seiner Familie darlegen.

avakṣutamathotkruṣṭaṃ skhalanaṃ patanaṃ tathā| ākrośaḥ samprahāro vā pratiṣedho vigarhaṇam

Niesen, ferner ein lauter Schrei, Stolpern und Sturz, ein Fluch, ein Handgemenge, ein Zurückweisen (Wegversperren) oder ein Tadel,

vastroṣṇīṣottarāsaṅgaśchatropānadyugāśrayam| vyasanaṃ darśanaṃ cāpi mṛtavyasanināṃ tathā

das Herabfallen von Kleidung, Turban, Übergewand, Schirm oder einem Sandalenpaar, sowie der Anblick eines Verstorbenen oder eines vom Unglück Getroffenen,

caityadhvajapatākānāṃ pūrṇānāṃ patanāni ca| hatāniṣṭapravādāśca dūṣaṇaṃ bhasmapāṃśubhiḥ

das Umstürzen heiliger Bäume, von Fahnen, Bannern oder gefüllten Gefäßen, Gerüchte von Unheil und Verlust, sowie eine Beschmutzung durch Asche oder Staub,

pathacchedo biḍālena śunā sarpeṇa vā punaḥ| mṛgadvijānāṃ krūrāṇāṃ giro dīptāṃ diśaṃ prati

das Überqueren des Weges durch eine Katze, einen Hund oder eine Schlange, die Schreie grausamer Tiere oder Vögel, gerichtet auf eine feurig-rote (unheilvolle) Himmelsrichtung,

śayanāsanayānānāmuttānānāṃ ca darśanam| ityetānyapraśastāni sarvāṇyāhurmanīṣiṇaḥ

und der Anblick von umgestürzten Betten, Sitzen oder Fahrzeugen – all dies, so sagen die Weisen, sind durchweg unheilvolle Vorzeichen.

etāni pathi vaidyena paśyatā''turaveśmani| śṛṇvatā ca na gantavyaṃ tadāgāraṃ vipaścitā

Sieht oder hört der Arzt unterwegs zum Haus des Kranken solche Zeichen, so soll der Kluge dieses Haus nicht betreten.

ityautpātikamākhyātaṃ pathi vaidyavigarhitam imāmapi ca budhyeta gṛhāvasthāṃ mumūrṣatām

So wurden die auf dem Weg vom Arzt zu meidenden Vorzeichen dargelegt. Nun soll er auch folgenden Zustand im Haus eines Sterbenden erkennen:

praveśe pūrṇakumbhāgnimṛdbījaphalasarpiṣām| vṛṣabrāhmaṇaratnānnadevatānāṃ ca nirgatim

Beim Betreten des Hauses ist es ein Zeichen, wenn volle Wasserkrüge, Feuer, Erde, Samen, Früchte oder Ghee hineingebracht werden – ein Gegenzeichen dagegen, wenn Stier, Brahmane, Juwelen, Speise oder Gottheiten (Kultbilder) es verlassen,

agnipūrṇāni pātrāṇi bhinnāni viśikhāni ca| bhiṣaṅ mumūrṣatāṃ veśma praviśanneva paśyati

sowie zerbrochene und rissige, mit Feuer gefüllte Gefäße – dies sieht der Arzt, sobald er das Haus eines Sterbenden betritt.

chinnabhinnāni dagdhāni bhagnāni mṛditāni ca| durbalāni ca sevante mumūrṣorvaiśmikā janāḥ

Die Hausbewohner eines Sterbenden gebrauchen zerschnittene, zersplitterte, verbrannte, zerbrochene, zerdrückte und minderwertige Dinge.

śayanaṃ vasanaṃ yānaṃ gamanaṃ bhojanaṃ rutam| śrūyate'maṅgalaṃ yasya nāsti tasya cikitsitam

Wessen Bett, Kleidung, Fahrzeug, Gang, Speise und Stimme man als unheilvoll berichtet, für den gibt es keine Heilung.

śayanaṃ vasanaṃ yānamanyaṃ vā'pi paricchadam| pretavadyasya kurvanti suhṛdaḥ preta eva saḥ

Wessen Bett, Kleidung, Fahrzeug oder sonstiges Gerät die Angehörigen bereits wie das eines Toten behandeln, der ist in Wahrheit schon ein Toter.

annaṃ vyāpadyate'tyarthaṃ jyotiścaivopaśāmyati| nivāte sendhanaṃ yasya tasya nāsti cikitsitam

Wessen Speise sich übermäßig verdirbt und wessen Feuer erlischt, obwohl es windgeschützt steht und genug Brennstoff hat, für den gibt es keine Heilung.

āturasya gṛhe yasya bhidyante vā patanti vā| atimātramamatrāṇi durlabhaṃ tasya jīvitam

Im Haus des Kranken, dessen Gefäße übermäßig zerbrechen oder zu Boden fallen, dessen Leben ist schwer zu retten.

bhavanti cātra- yaddvādaśabhiradhyāyairvyāsataḥ parikīrtitam| mumūrṣatāṃ manuṣyāṇāṃ lakṣaṇaṃ jīvitāntakṛt

Hierzu gibt es folgende Verse: Was in zwölf Kapiteln ausführlich als die lebensbeendenden Zeichen sterbender Menschen dargelegt wurde,

tat samāsena vakṣyāmaḥ paryāyāntaramāśritam| paryāyavacanaṃ hyarthavijñānāyopapadyate

das werden wir nun zusammenfassend darlegen, in eine andere Ausdrucksweise gefasst; denn eine wiederholende Darstellung dient dem tieferen Verständnis der Sache.

atyarthaṃ punareveyaṃ vivakṣā no vidhīyate| tasminnevādhikaraṇe yat pūrvamabhiśabditam

Diese unsere Absicht, es noch einmal darzulegen, betrifft ausdrücklich denselben Gegenstand, der bereits zuvor besprochen wurde.

vasatāṃ caramaṃ kālaṃ śarīreṣu śarīriṇām| abhyugrāṇāṃ vināśāya dehebhyaḥ pravivatsatām

Für die verkörperten Wesen, die die letzte Zeit in ihren Körpern verweilen, die im heftigen Drang zum Untergang im Begriff sind, den Leib zu verlassen,

iṣṭāṃstitikṣatāṃ prāṇān kāntaṃ vāsaṃ jihāsatām| tantrayantreṣu bhinneṣu tamo'ntyaṃ pravivikṣatām

die die geliebten Lebenskräfte (prāṇa) noch mühsam ertragen, die die liebgewonnene Wohnstatt – den Körper – verlassen wollen, deren Gewebe und Organe bereits zerstört sind und die im Begriff sind, in die endgültige Finsternis einzutreten –

vināśāyeha rūpāṇi yānyavasthāntarāṇi ca| bhavanti tāni vakṣyāmi yathoddeśaṃ yathāgamam

welche Erscheinungen und veränderten Zustände hierbei, beim Herannahen des Untergangs, auftreten, diese werde ich nun der Reihe nach und gemäß der Überlieferung darlegen.

prāṇāḥ samupatapyante vijñānamuparudhyate| vamanti balamaṅgāni ceṣṭā vyuparamanti ca

Die Lebenskräfte (prāṇa) werden gequält, das Erkenntnisvermögen wird blockiert, die Glieder verlieren ihre Kraft, und die Bewegungsfähigkeit erlischt.

indriyāṇi vinaśyanti khilībhavati cetanā | autsukyaṃ bhajate sattvaṃ ceto bhīrāviśatyapi

Die Sinnesorgane (indriya) gehen zugrunde, das Bewusstsein verödet, der Geist (sattva, die psychische Vitalkraft) wird von Unruhe ergriffen, und Furcht dringt ins Gemüt ein.

smṛtistyajati medhā ca hrīśriyau cāpasarpataḥ| upaplavante pāpmāna ojastejaśca naśyati

Erinnerung und Verstand schwinden, Scham und Ausstrahlung weichen, sündhafte Regungen brechen hervor, und ojas (die feinstoffliche Lebenskraft) sowie tejas (die innere Glut) gehen zugrunde.

śīlaṃ vyāvartate'tyarthaṃ bhaktiśca parivartate| vikriyante praticchāyāśchāyāśca vikṛtiṃ prati

Der Charakter wandelt sich völlig, die Zuneigung zu den Liebsten kehrt sich um, das Spiegelbild wird entstellt, und die Körperfarbe verändert sich zum Schlechten.

śukraṃ pracyavate sthānādunmārgaṃ bhajate'nilaḥ| kṣayaṃ māṃsāni gacchanti gacchatyasṛgapi kṣayam

Das Samen (śukra-dhātu) weicht von seinem Ort, vāta (das Bewegungsprinzip im Körper) nimmt eine falsche Bahn, das Fleisch (māṃsa-dhātu) schwindet, und auch das Blut (rakta) schwindet.

ūṣmāṇaḥ pralayaṃ yānti viśleṣaṃ yānti sandhayaḥ| gandhā vikṛtimāyānti bhedaṃ varṇasvarau tathā

Die Körperwärme erlischt, die Gelenke lösen sich voneinander, die Körpergerüche verändern sich zum Schlechten, ebenso Hautfarbe und Stimme.

vaivarṇyaṃ bhajate kāyaḥ kāyacchidraṃ viśuṣyati| dhūmaḥ sañjāyate mūrdhni dāruṇākhyaśca cūrṇakaḥ

Der Körper verfärbt sich, die Körperöffnungen trocknen aus, am Kopf entsteht etwas wie Rauch, und dort erscheint das sogenannte „dāruṇa“-Pulver (das schreckliche Pulver).

satataspandanā deśāḥ śarīre ye'bhilakṣitāḥ| te stambhānugatāḥ sarve na calanti kathañcana

Körperstellen, die sonst beständig zuckten, werden nun von Erstarrung ergriffen und bewegen sich auf keinerlei Weise mehr.

guṇāḥ śarīradeśānāṃ śītoṣṇamṛdudāruṇāḥ| viparyāsena vartante sthāneṣvanyeṣu tadvidhāḥ

Die Eigenschaften der Körperbereiche – kalt, warm, weich, hart – kehren sich um, und ihresgleichen findet sich nun an anderen, fremden Stellen.

nakheṣu jāyate puṣpaṃ paṅko danteṣu jāyate| jaṭāḥ pakṣmasu jāyante sīmantāścāpi mūrdhani

An den Nägeln entsteht eine trübe Ausblühung, an den Zähnen entsteht Schmutzbelag, an den Wimpern entstehen Verfilzungen, und auf dem Kopf bilden sich (seltsame) Scheitel.

bheṣajāni na saṃvṛttiṃ prāpnuvanti yathāruci| yāni cāpyupapadyante teṣāṃ vīryaṃ na sidhyati

Arzneien erzielen nicht mehr die gewohnte Wirkung, und selbst wenn sie angewendet werden, entfaltet sich ihre Kraft nicht.

nānāprakṛtayaḥ krūrā vikārā vividhauṣadhāḥ| kṣipraṃ samabhivartante pratihatya balaujasī

Verschiedenartige, bösartige Krankheiten, die mannigfaltige Arzneien erfordern, brechen rasch herein, nachdem sie zuvor Kraft und ojas zerschlagen haben.

śabdaḥ sparśo raso rūpaṃ gandhaśceṣṭā vicintitam | utpadyante'śubhānyeva pratikarmapravṛttiṣu

Klang, Berührung, Geschmack, Form, Geruch sowie Gedanken und Handlungen – bei jeder Gegenmaßnahme treten nur noch unheilvolle Wahrnehmungen und Reaktionen auf.

dṛśyante dāruṇāḥ svapnā daurātmyamupajāyate| preṣyāḥ pratīpatāṃ yānti pretākṛtirudīryate

Man sieht schreckliche Träume, Bösartigkeit des Wesens entsteht, die Dienerschaft wendet sich feindselig ab, und die Gestalt des Kranken nimmt das Aussehen eines Toten (Preta) an.

prakṛtirhīyate'tyarthaṃ vikṛtiścābhivardhate| kṛtsnamautpātikaṃ ghoramari(ni)ṣṭamupalakṣyate

Die natürliche Konstitution (prakṛti) schwindet gänzlich, während die krankhafte Störung (vikṛti) zunimmt – man erkennt die gesamte Fülle schrecklicher, todverkündender Vorzeichen (ariṣṭa).

ityetāni manuṣyāṇāṃ bhavanti vinaśiṣyatām| lakṣaṇāni yathoddeśaṃ yānyuktāni yathāgamam

Dies sind, wie sie der Reihe nach und gemäß der Überlieferung genannt wurden, die Zeichen der dem Untergang geweihten Menschen.

maraṇāyeha rūpāṇi paśyatā'pi bhiṣagvidā| apṛṣṭena na vaktavyaṃ maraṇaṃ pratyupasthitam

Auch wenn der kundige Arzt Anzeichen des nahenden Todes erkennt, soll er, solange er nicht gefragt wird, den bevorstehenden Tod nicht von sich aus ankündigen.

pṛṣṭenāpi na vaktavyaṃ tatra yatropaghātakam| āturasya bhavedduḥkhamathavā'nyasya kasyacit

Auch wenn er gefragt wird, soll er es nicht sagen, wenn dies dem Kranken oder irgendeinem anderen Schaden zufügen würde.

abruvanmaraṇaṃ tasya nainamiccheccikitsitum| yasya paśyedvināśāya liṅgāni kuśalo bhiṣak

Ohne den Tod offen auszusprechen, sollte der erfahrene Arzt dennoch dessen Behandlung nicht mehr wünschen, bei dem er die Zeichen des nahenden Untergangs erkennt.

liṅgebhyo maraṇākhyebhyo viparītāni paśyatā| liṅgānyārogyamāgantu vaktavyaṃ bhiṣajā dhruvam

Erkennt der Arzt hingegen Zeichen, die den todverkündenden Zeichen entgegengesetzt sind, so soll er mit Gewissheit die kommende Genesung verkünden.

dūtairautpātikairbhāvaiḥ pathyāturakulāśrayaiḥ| āturācāraśīleṣṭadravyasampattilakṣaṇaiḥ

Durch die Zeichen an den Boten, durch die Vorzeichen auf dem Weg, durch die im Haus des Kranken auftretenden Erscheinungen sowie durch Zeichen, die sich auf Verhalten, Charakter und den guten Zustand der geliebten Dinge des Kranken beziehen –

svācāraṃ hṛṣṭamavyaṅgaṃ yaśasyaṃ śuklavāsasam| amuṇḍamajaṭaṃ dūtaṃ jātiveśakriyāsamam

einen Boten von guter Sitte, freudig gestimmt, unversehrt, von gutem Ansehen, in weißer Kleidung, weder kahlgeschoren noch mit verfilztem Haar, dessen Herkunft, Kleidung und Verhalten miteinander übereinstimmen,

anuṣṭrakharayānasthamasandhyāsvagraheṣu ca| adāruṇeṣu nakṣatreṣvanugreṣu dhruveṣu ca

der nicht auf Kamel, Esel oder Wagen sitzt, nicht in der Dämmerung erscheint, nicht bei ungünstigen Planetenkonjunktionen, nicht unter unheilvollen Mondhäusern, sondern unter milden und beständigen Sternzeichen,

vinā caturthīṃ navamīṃ vinā riktāṃ caturdaśīm| madhyāhnamardharātraṃ ca bhūkampaṃ rāhudarśanam

nicht am vierten, neunten oder vierzehnten Tag der Mondphase (den sogenannten „leeren“ Tagen), nicht am Mittag oder um Mitternacht, nicht bei einem Erdbeben oder beim Anblick einer Verfinsterung (Rāhu),

vinā deśamaśastaṃ cāśastautpātikalakṣaṇam| dūtaṃ praśastamavyagraṃ nirdiśedāgataṃ bhiṣak

nicht an einem ungünstigen Ort und ohne unheilvolles Vorzeichen – einen solchen günstigen, gelassenen Boten soll der Arzt bei seiner Ankunft als Zeichen der Genesung erkennen.

dadhyakṣatadvijātīnāṃ vṛṣabhāṇāṃ nṛpasya ca

Der Anblick von Dickmilch, ungeschältem Reis, Brahmanen, Stieren und des Königs,

ratnānāṃ pūrṇakumbhānāṃ sitasya turagasya ca| suradhvajapatākānāṃ phalānāṃ yāvakasya ca

von Juwelen, vollen Krügen, einem weißen Pferd, Götterfahnen und Bannern, von Früchten und Gerstenbrei,

kanyāpuṃvardhamānānāṃ baddhasyaikapaśostasthā| pṛthivyā uddhṛtāyāśca vahneḥ prajvalitasya ca

von Mädchen und heranwachsenden jungen Männern, von einem einzelnen, angebundenen Tier, von frisch ausgehobener Erde, von lodernd brennendem Feuer,

modakānāṃ sumanasāṃ śuklānāṃ candanasya ca| manojñasyānnapānasya pūrṇasya śakaṭasya ca

von süßen Bällchen, von Blumen, von weißen Gegenständen, von Sandelholz, von wohlschmeckender Speise und Trank, von einem vollbeladenen Wagen,

nṛbhirdhenvāḥ savatsāyā vaḍavāyāḥ striyāstathā| jīvañjīvakasiddhārthasārasapriyavādinām

von einer milchgebenden Kuh mit ihrem Kalb, einer Stute, einer Frau, dem Jīvañjīvaka-Vogel, weißem Senf, dem Sārasa-Kranich und dem freundlich rufenden Priyavāda-Vogel,

haṃsānāṃ śatapatrāṇāṃ cāṣāṇāṃ śikhināṃ tathā| matsyājadvijaśaṅkhānāṃ priyaṅgūnāṃ ghṛtasya ca

von Schwänen, Lotusblüten, Blauhähern, Pfauen, Fischen, Ziegenböcken, Brahmanen, Muscheln, Priyaṅgu-Körnern und Ghee,

rucakādarśasiddhārtharocanānāṃ ca darśanam| gandhaḥ surabhirvarṇaśca suśuklo madhuro rasaḥ

sowie der Anblick eines Rucaka-Schmuckstücks, eines Spiegels, von weißem Senf und Gorocanā (dem gelben Farbstoff aus der Kuh) – ebenso ein angenehmer Duft, eine reinweiße Farbe und ein süßer Geschmack,

mṛgapakṣimanuṣyāṇāṃ praśastāśca giraḥ śubhāḥ| chatradhvajapatākānāmutkṣepaṇamabhiṣṭutiḥ

günstige und wohlklingende Laute von Wildtieren, Vögeln und Menschen, das Emporheben von Schirm, Fahne und Banner, sowie Lobpreisung,

bherīmṛdaṅgaśaṅkhānāṃ śabdāḥ puṇyāhanisvanāḥ| vedādhyayanaśabdāśca sukho vāyuḥ pradakṣiṇaḥ

die Klänge von Festtrommeln, Mṛdaṅga-Trommeln und Muschelhörnern, Segensrufe, das Rezitieren der Veden, sowie ein angenehmer, von rechts wehender Wind –

pathi veśmapraveśe tu vidyādārogyalakṣaṇam maṅgalācārasampannaḥ sāturo vaiśmiko janaḥ

all dies soll man unterwegs und beim Betreten des Hauses als Zeichen der Genesung erkennen. Wenn der Kranke und die Hausbewohner von glückverheißendem Verhalten erfüllt sind,

śraddadhāno'nukūlaśca prabhūtadravyasaṅgrahaḥ| dhanaiśvaryasukhāvāptiriṣṭalābhaḥ sukhena ca

vertrauensvoll und wohlgesonnen, mit reichlich angesammelten Gütern, wenn Reichtum, Macht und Wohlergehen erlangt werden und Geliebtes leicht erworben wird,

dravyāṇāṃ tatra yogyānāṃ yojanā siddhireva ca| gṛhaprāsādaśailānāṃ nāgānāmṛṣabhasya ca

wenn dort die geeigneten Mittel erfolgreich zusammengestellt werden können, und im Traum das Besteigen von Häusern, Palästen, Bergen, Elefanten oder eines Stieres erscheint,

hayānāṃ puruṣāṇāṃ ca svapne samadhirohaṇam| somārkāgnidvijātīnāṃ gavāṃ nṝṇāṃ payasvinām

von Pferden und bedeutenden Männern das Traum-Besteigen, sowie der Anblick von Mond, Sonne, Feuer, Brahmanen, Kühen und milchreichen Menschen,

arṇavānāṃ prataraṇaṃ vṛddhiḥ sambādhaniḥsṛtiḥ| svapne devaiḥ sapitṛbhiḥ prasannaiścābhibhāṣaṇam

das Durchqueren von Ozeanen im Traum, Wachstum, das Entkommen aus einer beengten Lage, sowie im Traum ein Gespräch mit wohlgesonnenen Göttern und Ahnen –

darśanaṃ śuklavastrāṇāṃ hradasya vimalasya ca| māṃsamatsyaviṣāmedhyacchatrādarśaparigrahaḥ

der Anblick weißer Kleidung und eines klaren Sees, sowie das Empfangen von Fleisch, Fisch, Gift, Unreinem, eines Schirms oder Spiegels im Traum,

svapne sumanasāṃ caiva śuklānāṃ darśanaṃ śubham| aśvagorathayānaṃ ca yānaṃ pūrvottareṇa ca| rodanaṃ patitotthānaṃ dviṣatāṃ cāvamardanam

im Traum der günstige Anblick von Blumen und weißen Dingen, das Fahren auf Pferd, Rind oder Wagen, eine Fahrt nach Osten oder Norden, Weinen, das Aufstehen nach einem Sturz, sowie das Niederringen von Feinden –

sattvalakṣaṇasaṃyogo bhaktirvaidyadvijātiṣu| sādhyatvaṃ na ca nirvedastadārogyasya lakṣaṇam

das Vorhandensein guter geistiger Eigenschaften (sattva), Zuneigung zu Arzt und Brahmanen, die Heilbarkeit der Krankheit sowie das Fehlen von Verzweiflung – dies sind die Zeichen der Genesung.

ārogyādbalamāyuśca sukhaṃ ca labhate mahat| iṣṭāṃścāpyaparān bhāvān puruṣaḥ śubhalakṣaṇaḥ

Durch Genesung erlangt der Mensch mit günstigen Zeichen Kraft, langes Leben, großes Wohlergehen sowie andere erwünschte Dinge.

tatra ślokau- uktaṃ gomayacūrṇīye maraṇārogyalakṣaṇam| dūtasvapnāturotpātayuktisiddhivyapāśrayam

Hierzu gibt es folgende zwei Verse: Im „Gomayacūrṇīya“ wurden die Zeichen von Tod und Genesung dargelegt, gestützt auf Boten, Träume, den Zustand des Kranken, Vorzeichen sowie ärztliches Vorgehen und dessen Erfolg.

itīdamuktaṃ prakṛtaṃ yathātathaṃ tadanvavekṣyaṃ satataṃ bhiṣagvidā| tathā hi siddhiṃ ca yaśaśca śāśvataṃ sa siddhakarmā labhate dhanāni ca

So wurde dieser Gegenstand wahrheitsgemäß dargelegt; der kundige Arzt soll ihn stets sorgfältig beachten. Denn wer so danach handelt und Erfolg hat, erlangt Erfolg, dauerhaften Ruhm und Reichtum.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks