Das neunte Kapitel, benannt nach der bräunlich-grünlichen Verfärbung („śyāva“) von Blick und Haut als Vorzeichen, verknüpft die Todeszeichenlehre des Indriyasthāna erstmals eng mit konkreten Krankheitsbildern: Schwindsucht (rājayakṣman), Pitta-Störungen, Vāta-Erkrankungen, Epilepsie, Hautleiden, Ödeme und Bauchwassersucht werden jeweils mit ihren tödlichen Endstadien beschrieben, etwa dem Austrocknen von Mund und Kehle, schwindender Stimme oder einem trügerischen, plötzlichen Nachlassen der Symptome. Damit bildet das Kapitel eine Brücke zwischen der allgemeinen Prognostik des Indriyasthāna und der krankheitsspezifischen Diagnostik, wie sie andernorts in der Caraka-Saṃhitā entfaltet wird. Auch hier steht die klinische Beobachtung im Vordergrund, nicht die Pflanzenheilkunde; genannte Mittel wie Abführmittel (virecana) dienen lediglich als diagnostische Prüfsteine, nicht als eigentliche Therapie. Der Text macht deutlich, dass sich die ärztliche Kompetenz im alten Indien nicht zuletzt daran bemaß, den Punkt zu erkennen, an dem eine Krankheit unheilbar geworden ist.
Beginn [des Kapitels] „Von dem, dessen (Haut- und Augenfarbe) sich bräunlich verfärbt, als Vorzeichen“. Nun wollen wir also das Indriya-Kapitel erklären, das den Titel trägt: Von der bräunlichen Verfärbung als Vorzeichen (des Todes).
Bei wem der Blick bräunlich, getrübt (zerstört) oder auch grünlich-gelb geworden ist, dessen Krankheit ist, wie der Kundige erkennen muss, zum Tode fortgeschritten.
Wer empfindungslos (bewusstlos) ist, dessen Mund gänzlich ausgetrocknet ist, und wer von Krankheiten überwältigt ist – diesen soll der besonnene Arzt meiden, da er erkennt, dass dessen Lebenszeit versperrt (fast erschöpft) ist.
Wessen Adern (sirā) grünlich-gelb geworden sind und dessen Hautporen verschlossen sind – ein solcher Mensch, der Verlangen nach Saurem hat, stirbt an einer Störung des Pitta (eines der drei Doṣas, der Körpersäfte Vāta, Pitta und Kapha).
śarīrāntāśca śobhante śarīraṃ copaśuṣyati| balaṃ ca hīyate yasya rājayakṣmā hinasti tam
Wessen Körperenden (Gliedmaßen) auffällig hervortreten, während der Körper austrocknet und die Kraft schwindet, den vernichtet die Rājayakṣman (die „Königskrankheit“, Schwindsucht).
aṃsābhitāpo hikkā ca chardanaṃ śoṇitasya ca| ānāhaḥ pārśvaśūlaṃ ca bhavatyantāya śoṣiṇaḥ
Brennen in den Schultern, Schluckauf, Erbrechen von Blut, Blähungsverschluss (ānāha) und Flankenschmerz treten bei dem an Schwindsucht (śoṣa) Leidenden als Vorzeichen des Todes auf.
vātavyādhirapasmārī kuṣṭhī śophī tathodarī| gulmī ca madhumehī ca rājayakṣmī ca yo naraḥ
Ein Mann, der an einer Vāta-Krankheit, an Epilepsie (apasmāra), an einer Hautkrankheit (kuṣṭha), an Ödemen (śopha), ebenso an Bauchwassersucht (udara), an einem Gulma (Geschwulst im Bauch), an Honigharnen (madhumeha, „Zuckerkrankheit“) oder an Rājayakṣman leidet –
– diese werden unheilbar, sobald Kraft und Muskelfleisch schwinden; auch bei anderen Erkrankungen soll der Arzt solche Kranken als hoffnungslos meiden.
Ein Mann, dessen Blähungsverschluss durch ein Abführmittel (virecana) beseitigt wurde, der aber weiterhin von Durst geplagt wird und nach dem Abführen wieder aufgebläht ist, gleicht einem Verstorbenen (preta).
svarasya durbalībhāvaṃ hāniṃ ca balavarṇayoḥ| rogavṛddhimayuktyā ca dṛṣṭvā maraṇamādiśet
Wenn man das Schwächerwerden der Stimme, den Verlust von Kraft und Hautfarbe sowie ein den Erwartungen widersprechendes Fortschreiten der Krankheit beobachtet, soll man den Tod voraussagen.
Wer mit erhobenem Kopf schwer atmet, dessen Körperwärme erloschen ist, dessen Leistengegend von stechenden Schmerzen befallen ist, und der keine Linderung findet – diesen soll der Verständige als unheilbar aufgeben.
Wer mit entstellter Stimme spricht, obwohl er seinen eigenen nahenden Tod schon erreicht hat, und wer Laute hört, wo keine sind – diesen soll man schon von weitem meiden.
Den Mann, den eine Krankheit plötzlich verlässt, nachdem sie ihn geschwächt hat, dessen Leben ist, wie Ātreya meint, in einen ungewissen Zustand geraten.
Wenn nun aber seine Angehörigen demütig darum bitten, ihn zu behandeln, soll der Arzt sagen: „Er möge zunächst mit Säften (rasa – nährenden Brühen) ernährt werden“, und soll ihm kein reinigendes Mittel (viśodhana) geben.
niṣṭhyūte yasya dṛśyante varṇā bahuvidhāḥ pṛthak| tacca sīdatyapaḥ prāpya na sa jīvitumarhati
Bei wem im Auswurf viele verschiedene Farben einzeln sichtbar werden, und dieser Auswurf, sobald er ins Wasser gelangt, darin versinkt, der verdient es nicht mehr zu leben.
Wessen Pitta, von übermäßiger Hitze begleitet, in die Schläfen gelangt und dort die Sinne betäubt – diese Krankheit, mit Namen Śaṅkhaka, vernichtet das Leben binnen drei Nächten.
Wessen schaumiges Blut wiederholt aus dem Mund fließt und dessen Bauch von stechenden Schmerzen gequält wird – ein solcher Kranker ist als unheilbar abzuweisen.
balamāṃsakṣayastīvro rogavṛddhirarocakaḥ| yasyāturasya lakṣyante trīn pakṣānna sa jīvati
Bei welchem Kranken über drei Halbmonate (etwa anderthalb Monate) hinweg heftiger Schwund von Kraft und Muskelfleisch, ein Fortschreiten der Krankheit und Appetitlosigkeit (arocaka) zu beobachten sind, der wird nicht mehr lange leben.
tatra ślokau- vijñānāni manuṣyāṇāṃ maraṇe pratyupasthite| bhavantyetāni sampaśyedanyānyevaṃvidhāni ca
Dazu gibt es zwei Verse: Dies sind die Erkennungszeichen der Menschen, wenn der Tod bevorsteht; man soll sie beachten, ebenso auch andere Zeichen dieser Art.
tāni sarvāṇi lakṣyante na tu sarvāṇi mānavam| viśanti vinaśiṣyantaṃ tasmādbodhyāni sarvataḥ
Alle diese Zeichen sind grundsätzlich zu erkennen, doch nicht alle treten bei jedem sterbenden Menschen auf; deshalb müssen sie in ihrer Gesamtheit gekannt werden.