Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana

Adhyāya 7: Pannarupiyam Indriyam Todeszeichen im Spiegelbild des Auges

Das Kapitel „Pannarūpīya“ (etwa: „von der entstellten Gestalt“) eröffnet eines der für westliche Leser ungewöhnlichsten Lehrstücke der klassischen Ayurveda-Medizin: die Deutung von Schatten- und Spiegelbildern als Todeszeichen (ariṣṭa). Als siebtes Kapitel des Indriyasthāna, jenes Abschnitts der Caraka-Saṃhitā, der ganz der ärztlichen Prognostik gewidmet ist, beschreibt es, wie ein verzerrter, verfärbter oder unvollständiger Schatten im Mondlicht, Sonnenlicht oder Spiegelbild den nahenden Tod anzeigt. Bemerkenswert ist die systematische Zuordnung der Schattenbilder zu den fünf Elementen – Äther, Luft, Feuer, Wasser, Erde – mit jeweils eigener Farbe und Textur, eine Verbindung von Kosmologie und Krankenbeobachtung, wie sie in ähnlicher Form auch der Ariṣṭa-Lehre der Suśruta-Saṃhitā zugrunde liegt. Botanische Substanzen spielen in diesem stark divinatorisch geprägten Kapitel praktisch keine Rolle; im Zentrum steht die sinnliche Wahrnehmung selbst als diagnostisches Werkzeug des Arztes.

Die fünf Elementarschatten (Vers 10–13)
ElementMerkmale des SchattensBedeutung
näbhasa (Äther)klar, bläulich, ölig-glänzend, strahlendgünstig
väyavya (Luft)rau, bräunlich-rötlich, ohne Glanzungünstig – kündigt Untergang oder schweres Leid an
ägneya (Feuer)rein rot, leuchtend, angenehm anzuschauengünstig
ämbhasa (Wasser)rein wie ein reiner Vaidürya-Stein, von großem Glanzgünstig
pärthiva (Erde)fest, glänzend, dicht, glatt, dunkel und weiß-gesprenkeltgünstig
Zusätzlich unterscheidet der Text sieben Glanzfarben (prabhä): rot, gelb, weiß, bräunlich, grün, fahlgelb und schwarz (V14) – ausgebreitete, glänzende Farben gelten als günstig, raue und trübe als ungünstig.

athātaḥ pannarūpīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun also werden wir das Kapitel „Pannarūpīya“ (Über die entstellte Gestalt) der Indriya[sthāna] erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

dṛṣṭyāṃ yasya vijānīyāt pannarūpāṃ kumārikām| praticchāyāmayīmakṣṇornainamiccheccikitsitum

Wenn man erkennt, dass im Auge eines Menschen die kumārikā – das kleine, im Spiegelbild der Augen bestehende Abbild, das man dort widergespiegelt sieht – eine entstellte, „gefallene“ Gestalt angenommen hat, so sollte man nicht mehr wünschen, ihn zu behandeln.

jyotsnāyāmātape dīpe salilādarśayorapi| aṅgeṣu vikṛtā yasya cchāyā pretastathaiva saḥ

Im Mondlicht, im Sonnenlicht, im Lampenschein, im Wasser oder im Spiegel: Wessen Schatten (chāyā) an den Gliedern verzerrt erscheint, der ist, [auch wenn er noch lebt,] bereits gleichsam ein Toter (preta).

chinnā bhinnā''kulā cchāyā hīnā vā'pyadhikā'pi vā| naṣṭā tanvī dvidhā cchinnā vikṛtā viśirā ca yā

Ein Schatten, der zerschnitten, zerrissen, verworren, zu klein oder zu groß, verschwunden, zu dünn, in zwei Teile gespalten, entstellt oder ohne Kopf erscheint –

etāścānyāśca yāḥ kāścit praticchāyā vigarhitāḥ| sarvā mumūrṣatāṃ jñeyā na cellakṣyanimittajāḥ

diese und alle anderen als fehlerhaft geltenden Spiegelbilder (praticchāyā) sind, sofern sie nicht durch offensichtliche äußere Ursachen bedingt sind, sämtlich als Zeichen für im Sterben liegende Menschen zu erkennen.

saṃsthānena pramāṇena varṇena prabhayā tathā| chāyā vivartate yasya svastho'pi preta eva saḥ

Wessen Schatten sich nach Form, Größe, Farbe und Glanz verändert, der ist, mag er auch [noch] gesund erscheinen, in Wahrheit bereits ein Toter.

saṃsthānamākṛtirjñeyā suṣamā viṣamā ca sā| madhyamalpaṃ mahaccoktaṃ pramāṇaṃ trividhaṃ nṛṇām

Als „Form“ (saṃsthāna) ist die Gestalt zu verstehen, die entweder regelmäßig oder unregelmäßig sein kann; die „Größe“ (pramāṇa) der Menschen wird als dreifach bezeichnet: mittel, klein und groß.

pratipramāṇasaṃsthānā jalādarśātapādiṣu| chāyā yā sā praticchāyā cchāyā varṇaprabhāśrayā

Der Schatten, der in Wasser, Spiegel, Sonnenlicht und dergleichen der Größe und Form [des Körpers] entsprechend erscheint, wird „Spiegelbild“ (praticchāyā) genannt; der [gewöhnliche Körper-]Schatten (chāyā) hingegen bezieht sich auf Hautfarbe und Glanz.

khādīnāṃ pañca pañcānāṃ chāyā vividhalakṣaṇāḥ| nābhasī nirmalā nīlā sasnehā saprabheva ca

Von den fünf Elementen, beginnend mit Kha (dem Äther/Raum), gibt es je fünf Arten von Schatten mit unterschiedlichen Merkmalen: Der ätherische (nābhasa) Schatten ist klar, bläulich, ölig-glänzend und von Strahlkraft.

rūkṣā śyāvāruṇā yā tu vāyavī sā hataprabhā| viśuddharaktā tvāgneyī dīptābhā darśanapriyā

Der luftige (vāyavya) Schatten dagegen ist rau, bräunlich-rötlich und ohne Glanz; der feurige (āgneya) ist von reinem Rot, leuchtendem Schein und angenehm anzuschauen.

śuddhavaidūryavimalā susnigdhā cāmbhasī matā| sthirā snigdhā ghanā ślakṣṇā śyāmā śvetā ca pārthivī

Der wässrige (āmbhasa) Schatten gilt als rein wie reiner Vaidūrya-Stein und von großem Glanz; der irdische (pārthiva) ist fest, glänzend, dicht, glatt, dunkel und weiß[-gesprenkelt].

vāyavī garhitā tvāsāṃ catasraḥ syuḥ sukhodayāḥ | vāyavī tu vināśāya kleśāya mahate'pi vā

Von diesen fünf ist der luftige verwerflich; die übrigen vier bringen Wohlergehen mit sich. Der luftige Schatten aber kündigt Untergang oder auch schweres Leid an.

syāttaijasī prabhā sarvā sā tu saptavidhā smṛtā| raktā pītā sitā śyāvā haritā pāṇḍurā'sitā

Der feurige Glanz (prabhā) insgesamt gilt als siebenfach überliefert: rot, gelb, weiß, bräunlich, grün, fahlgelb und schwarz.

tāsāṃ yāḥ syurvikāsinyaḥ snigdhāśca vipulāśca yāḥ| tāḥ śubhā rūkṣamalināḥ saṅkṣiptāścāśubhodayāḥ

Von diesen sind jene günstig, die sich ausbreiten, glänzend und ausgedehnt sind; jene hingegen, die rau, trüb und zusammengezogen sind, kündigen Unheil an.

varṇamākrāmati cchāyā bhāstu varṇaprakāśinī| āsannā lakṣyate cchāyā bhāḥ prakṛṣṭā prakāśate

Der Schatten (chāyā) überdeckt die [natürliche] Hautfarbe, der Glanz (bhā) hingegen bringt die Farbe zum Leuchten; der Schatten ist nur aus der Nähe zu erkennen, der Glanz strahlt auch aus der Ferne.

nācchāyo nāprabhaḥ kaścidviśeṣāścihnayanti tu| nṛṇāṃ śubhāśubhotpattiṃ kāle chāyāprabhāśrayāḥ

Keiner ist ganz ohne Schatten, keiner ganz ohne Glanz; doch bestimmte Besonderheiten von Schatten und Glanz kündigen den Menschen zur rechten Zeit Gutes oder Schlechtes an.

kāmalā'kṣṇormukhaṃ pūrṇaṃ śaṅkhayormuktamāṃsatā| santrāsaścoṣṇagātratvaṃ yasya taṃ parivarjayet

Wessen Augen von Gelbsucht (kāmalā) ergriffen sind, während das Gesicht [dabei] aufgedunsen ist, wessen Schläfen eingefallen sind, weil das Fleisch dort geschwunden ist, wer von Schrecken befallen ist und heiße Glieder hat – den sollte man aufgeben.

utthāpyamānaḥ śayanāt pramohaṃ yāti yo naraḥ| muhurmuhurna saptāhaṃ sa jīvati vikatthanaḥ

Ein Mensch, der beim Aufrichten vom Lager immer wieder in Ohnmacht fällt und dabei wirr redet, lebt keine Woche mehr.

saṃsṛṣṭā vyādhayo yasya pratilomānulomagāḥ| vyāpannā grahaṇī prāyaḥ so'rdhamāsaṃ na jīvati

Wessen Krankheiten sich vermengt haben, sowohl gegen die natürliche Richtung als auch mit ihr verlaufend, und dessen Grahaṇī (Verdauungsorgan/-funktion) meist geschädigt ist, der lebt keine zwei Wochen mehr.

uparuddhasya rogeṇa karśitasyālpamaśnataḥ| bahu mūtrapurīṣaṃ syādyasya taṃ parivarjayet

Wer von Krankheit geplagt und abgemagert ist, wenig isst, aber viel Urin und Kot ausscheidet – den sollte man aufgeben.

durbalo bahu bhuṅkte yaḥ prāgbhuktādannamāturaḥ | alpamūtrapurīṣaśca yathā pretastathaiva saḥ

Wer geschwächt ist und dennoch viel isst, sogar bevor die vorherige Mahlzeit verdaut ist, wer krank ist und wenig Urin und Kot ausscheidet, der ist wie ein Toter.

iṣṭaṃ ca guṇasampannamannamaśnāti yo naraḥ| śaśvacca balavarṇābhyāṃ hīyate na sa jīvati

Ein Mensch, der beliebte, hochwertige Nahrung zu sich nimmt und trotzdem beständig an Kraft und Hautfarbe verliert, der wird nicht mehr lange leben.

prakūjati praśvasiti śithilaṃ cātisāryate| balahīnaḥ pipāsārtaḥ śuṣkāsyo na sa jīvati

Wer stöhnt, schwer atmet, an unkontrolliertem Durchfall leidet, kraftlos ist, von Durst gequält wird und einen trockenen Mund hat, der wird nicht mehr lange leben.

hrasvaṃ ca yaḥ praśvasiti vyāviddhaṃ spandate ca yaḥ| mṛtameva tamātreyo vyācacakṣe punarvasuḥ

Wer flach atmet und dessen Glieder unkontrolliert zucken – den erklärte Ātreya Punarvasu für bereits tot.

ūrdhvaṃ ca yaḥ praśvasiti śleṣmaṇā cābhibhūyate| hīnavarṇabalāhāro yo naro na sa jīvati

Wer angestrengt nach oben atmet und von Śleṣman (Schleim, kapha) überwältigt wird, wer an Hautfarbe, Kraft und Nahrungsaufnahme geschwächt ist, der wird nicht mehr lange leben.

ūrdhvāgre nayane yasya manye cāratakampane| balahīnaḥ pipāsārtaḥ śuṣkāsyo na sa jīvati

Wessen Augen nach oben gerichtet sind, wessen Nackensehnen (manya) zittern, wer kraftlos ist, von Durst gequält wird und einen trockenen Mund hat, der wird nicht mehr lange leben.

yasya gaṇḍāvupacitau jvarakāsau ca dāruṇau| śūlī pradveṣṭi cāpyannaṃ tasmin karma na sidhyati

Bei wem die Wangen angeschwollen sind, wer an heftigem Fieber und Husten leidet, an [Kolik-]Schmerzen (śūla) und Widerwillen gegen Nahrung – bei dem gelingt keine Behandlung.

vyāvṛttamūrdhajihvāsyo bhruvau yasya ca vicyute| kaṇṭakaiścācitā jihvā yathā pretastathaiva saḥ

Wessen Kopfhaar, Zunge und Mund verzerrt sind, wessen Augenbrauen [von ihrer Stelle] abgewichen sind und dessen Zunge wie mit Dornen besetzt ist, der ist wie ein Toter.

śephaścātyarthamutsiktaṃ niḥsṛtau vṛṣaṇau bhṛśam| ataścaiva viparyāso vikṛtyā pretalakṣaṇam

Wessen Glied übermäßig geschwollen und dessen Hoden stark herabgesunken sind – ebenso gilt das Gegenteil davon, in seiner Abweichung, als Todeszeichen (pretalakṣaṇa).

nicitaṃ yasya māṃsaṃ syāttvagasthiṣveva dṛśyate| kṣīṇasyānaśnatastasya māsamāyuḥ paraṃ bhavet

Wessen Fleisch so geschwunden ist, dass [nur noch] Haut und Knochen zu sehen sind, wer abgemagert ist und nicht [mehr] isst – dessen Lebensspanne beträgt höchstens noch einen Monat.

tatra ślokaḥ- idaṃ liṅgamariṣṭākhyamanekamabhijajñivān| āyurvedavidityākhyāṃ labhate kuśalo janaḥ

Dazu der Vers: Wer dieses vielfältige, als ariṣṭa (Todeszeichen) bezeichnete Merkmal erkannt hat, der kundige Mensch erlangt den Namen „Kenner des Āyurveda“.

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