athāto'vākśirasīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel „Avākśirasīya Indriya“ erläutern – jenen Abschnitt über die Vorzeichen (ariṣṭa), der nach dem Zeichen des nach unten geneigten Kopfes benannt ist.
Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana
Das achte Kapitel des Indriyasthāna, „Avākśirasīya“ („vom [zum Tode] geneigten Haupt“), setzt die Todeszeichenlehre der Caraka-Saṃhitā fort und wendet sie auf eine minutiöse Musterung von Kopf und Gesicht an. Beschrieben werden unter anderem ein schräg hängender Kopf im Spiegelbild, verfilzte Wimpern, geschwollene, sich nicht mehr schließende Augenlider, neu auftretende Haarwirbel, ein unnatürlich glänzendes Haar, ein verformter Nasenrücken sowie verfärbte Lippen und eine starre, dornige „Leichenzunge“ (pretajihvā) – Zeichen, denen jeweils präzise Fristen von wenigen Tagen bis zu mehreren Monaten zugeordnet werden. Das Kapitel zeigt exemplarisch, wie die altindische Medizin aus genauester körperlicher Beobachtung ein System der Sterbeprognose entwickelte, das dem Arzt half zu entscheiden, wann eine Behandlung noch sinnvoll und wann sie aussichtslos ist. Pflanzliche Heilmittel treten hier hinter der reinen Beobachtungskunst zurück; im Mittelpunkt steht die ärztliche Kunst des genauen Hinsehens selbst, die dem gesamten Indriyasthāna seinen Namen gibt.
athāto'vākśirasīyamindriyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel „Avākśirasīya Indriya“ erläutern – jenen Abschnitt über die Vorzeichen (ariṣṭa), der nach dem Zeichen des nach unten geneigten Kopfes benannt ist.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya.
avākśirā vā jihmā vā yasya vā viśirā bhavet| janto rūpapraticchāyā nainamiccheccikitsitum
Wessen Spiegel- oder Schattenbild (chāyā, das Abbild seiner Gestalt) mit nach unten geneigtem Kopf, oder schief, oder gar ohne Kopf erscheint – diesen Menschen soll man nicht mehr zu behandeln versuchen.
jaṭībhūtāni pakṣmāṇi dṛṣṭiścāpi nigṛhyate | yasya jantorna taṃ dhīro bheṣajenopapādayet
Wessen Wimpern verfilzt sind wie Zöpfe und dessen Blick zugleich getrübt und eingeschränkt ist – diesen Menschen soll der besonnene Arzt nicht [mehr] mit Heilmitteln behandeln.
yasya śūnāni vartmāni na samāyānti śuṣyataḥ| cakṣuṣī copadihyete yathā pretastathaiva saḥ
Wessen Augenlider geschwollen sind und sich, während er selbst abmagert, nicht mehr richtig schließen, und dessen beide Augen wie mit einem Belag überzogen erscheinen – der gleicht schon einem Toten (preta).
bhruvorvā yadi vā mūrdhni sīmantāvartakān bahūn| apūrvānakṛtān vyaktān dṛṣṭvā maraṇamādiśet
Sieht man an den Augenbrauen oder auf dem Kopf zahlreiche Haarwirbel (sīmantāvartaka), die zuvor nicht dagewesen, nicht künstlich gemacht und deutlich sichtbar sind, so soll man den Tod voraussagen.
tryahametena jīvanti lakṣaṇenāturā narāḥ| arogāṇāṃ punastvetat ṣaḍrātraṃ paramucyate
Mit diesem Zeichen leben kranke Menschen noch drei Tage; bei Gesunden hingegen wird hierfür eine Frist von sechs Nächten angegeben.
āyamyotpāṭitān keśān yo naro nāvabudhyate| anāturo vā rogī vā ṣaḍrātraṃ nātivartate
Wer nicht bemerkt, wenn man ihm die Haare zieht und ausreißt – ob er nun gesund oder krank ist – der überlebt keine sechs Nächte mehr.
yasya keśā nirabhyaṅgā dṛśyante'bhyaktasannibhāḥ| uparuddhāyuṣaṃ jñātvā taṃ dhīraḥ parivarjayet
Wessen Haare, ohne eingeölt zu sein, dennoch wie eingeölt und glänzend erscheinen – den soll der Kluge meiden, wohl wissend, dass dessen Lebenszeit schon blockiert ist.
glāyate nāsikāvaṃśaḥ pṛthutvaṃ yasya gacchati| aśūnaḥ śūnasaṅkāśaḥ pratyākhyeyaḥ sa jānatā
Wessen Nasenrücken erschlafft und breiter wird, ohne wirklich geschwollen zu sein, dabei aber geschwollen erscheint – den soll der Kundige als unheilbar aufgeben.
atyarthavivṛtā yasya yasya cātyarthasaṃvṛtā| jihmā vā pariśuṣkā vā nāsikā na sa jīvati
Wessen Nase übermäßig geweitet oder übermäßig verengt ist, schief oder ganz ausgetrocknet – der lebt nicht mehr lange.
mukhaṃ śabdaśravāvoṣṭhau śuklaśyāvātilohitau| vikṛtyā yasya vā nīlau na sa rogādvimucyate
Wessen Mund – die beiden Lippen, aus denen die Sprache erklingt – weiß, dunkel oder übermäßig rot erscheint, oder krankhaft verändert bläulich-schwarz wird – der wird von seiner Krankheit nicht mehr befreit.
asthiśvetā dvijā yasya puṣpitāḥ paṅkasaṃvṛtāḥ| vikṛtyā na sa rogaṃ taṃ vihāyārogyamaśnute
Wessen Zähne knochenweiß, „geblüht“ (fleckig-gesprenkelt) und wie mit Schlamm überzogen erscheinen, krankhaft verändert – der wird diese Krankheit nicht ablegen und nie wieder Gesundheit erlangen.
stabdhā niścetanā gurvī kaṇṭakopacitā bhṛśam| śyāvā śuṣkā'thavā śūnā pretajihvā visarpiṇī
Eine starre, gefühllose, schwere, dicht mit dornartigen Erhebungen besetzte Zunge, dunkel verfärbt oder ausgetrocknet oder geschwollen, hin- und herzuckend – das ist die „Leichenzunge“ (pretajihvā), ein Zeichen des nahen Todes.
dīrghamucchvasya yo hrasvaṃ naro niḥśvasya tāmyati| uparuddhāyuṣaṃ jñātvā taṃ dhīraḥ parivarjayet
Wer tief einatmet, dann nur flach ausatmet und dabei leidet – den soll der Kluge meiden, wohl wissend, dass dessen Lebenszeit schon blockiert ist.
hastau pādau ca manye ca tālu caivātiśītalam| bhavatyāyuḥkṣaye krūramathavā'pi bhavenmṛdu
Wenn die Lebenskraft erlischt, werden Hände, Füße, Nacken und Gaumen eiskalt und dabei entweder hart und starr oder auffallend weich und schlaff.
ghaṭṭayañjānunā jānu pādāvudyamya pātayan| yo'pāsyati muhurvakramāturo na sa jīvati
Wer die Knie aneinanderreibt, die Füße hochhebt und wieder fallen lässt und dabei wiederholt den Mund verzerrt – ein solcher Kranker lebt nicht mehr lange.
dantaiśchindannakhāgrāṇi nakhaicchindañchiroruhān| kāṣṭhena bhūmiṃ vilikhanna rogāt parimucyate
Wer mit den Zähnen seine Fingernägel abbeißt, mit den Nägeln seine Kopfhaare ausreißt und mit einem Holzstück in den Boden ritzt – der wird von seiner Krankheit nicht mehr genesen.
dantān khādati yo jāgradasāmnā virudan hasan| vijānāti na cedduḥkhaṃ na sa rogādvimucyate
Wer im Wachzustand mit den Zähnen knirscht, grundlos weint oder lacht und dabei keinen Schmerz mehr empfindet – der wird von seiner Krankheit nicht mehr befreit.
muhurhasan muhuḥ kṣveḍan śayyāṃ pādena hanti yaḥ| uccaiśchidrāṇi vimṛśannāturo na sa jīvati
Wer abwechselnd lacht und dumpfe Laute ausstößt, mit dem Fuß gegen das Bett schlägt und laut in der Luft nach [nicht vorhandenen] Öffnungen tastet – ein solcher Kranker lebt nicht mehr.
yairvindati purā bhāvaiḥ sametaiḥ paramāṃ ratim| tairevāramamāṇasya glāsnormaraṇamādiśet
Wenn ein erschöpfter, dem Tode naher Kranker plötzlich wieder höchstes Vergnügen an genau jenen Dingen findet, deren Zusammenwirken ihm einst die größte Freude bereitete, so soll man seinen Tod voraussagen.
na bibharti śiro grīvā na pṛṣṭhaṃ bhāramātmanaḥ| na hanū piṇḍamāsyasthamāturasya mumūrṣataḥ
Beim sterbenden Kranken trägt der Nacken den Kopf nicht mehr, der Rücken nicht mehr sein eigenes Gewicht, und die Kiefer halten nicht einmal mehr den Bissen im Mund.
sahasā jvarasantāpastṛṣṇā mūrcchā balakṣayaḥ| viśleṣaṇaṃ ca sandhīnāṃ mumūrṣorupajāyate
Beim Sterbenden treten plötzlich Fieberglut, Durst, Ohnmacht, Kräfteverfall und ein Auseinanderweichen der Gelenke auf.
gosarge vadanādyasya svedaḥ pracyavate bhṛśam| lepajvaropataptasya durlabhaṃ tasya jīvitam
Wessen Gesicht bei Sonnenaufgang (gosarga, „zur Zeit des Kuhauftriebs“) heftig zu schwitzen beginnt, während er von „Lepa-Fieber“ (einem Fieber mit dem Gefühl, wie mit einer Salbe überzogen zu sein) gequält wird – dessen Überleben ist kaum zu erhoffen.
nopaiti kaṇṭhamāhāro jihvā kaṇṭhamupaiti ca| āyuṣyantaṃ gate jantorbalaṃ ca parihīyate
Wenn die Nahrung nicht mehr bis zum Rachen gelangt, die Zunge sich aber zum Rachen zurückzieht, und wenn sich das Lebensende naht, schwindet zugleich auch die Kraft des Menschen.
śiro vikṣipate kṛcchrānmuñcayitvā prapāṇikau| lalāṭasrupratasvedo mumūrṣuścyutabandhanaḥ
Der Sterbende, dessen [innerer] Halt sich löst, wirft mühsam den Kopf hin und her, lässt die Hände kraftlos sinken, und von seiner Stirn tropft unablässig Schweiß.
tatra ślokaḥ- imāni liṅgāni nareṣu buddhimān vibhāvayetāvahito mumūrṣuṣu| kṣaṇena bhūtvā hyupayānti kānicinnacāphalaṃ liṅgamihāsti kiñcana
Dazu ein Merkvers: Diese Zeichen soll der Verständige bei Sterbenden aufmerksam beobachten. Manche von ihnen zeigen sich nur für einen Augenblick und vergehen wieder – doch keines dieser Zeichen ist hier ohne Bedeutung.