Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Indriyasthana

Adhyāya 2: Pushpitakam Indriyam Todeszeichen durch Geruch (Puṣpitaka)

Das zweite Kapitel des Indriyasthāna, „Puṣpitaka“ („das Erblühte“), entfaltet eine der eindrücklichsten Metaphern der Caraka-Saṃhitā: So wie die Blüte der Frucht vorausgeht, kündigt das Todeszeichen (ariṣṭa) unweigerlich den nahenden Tod an. Im Zentrum steht die Geruchsprognostik: Wessen Körper – gebadet oder ungebadet – unerklärlich nach Blüten, Sandelholz, Honig oder auch nach Verwesung riecht, gilt als „erblüht“ und wird nach der Lehre Ātreyas binnen eines Jahres sterben. Dieses für moderne Leser ungewöhnliche Verfahren, aus Geruchsveränderungen auf die Lebenserwartung zu schließen, ist charakteristisch für die klassische ayurvedische Prognostik, die Sinneswahrnehmung systematisch zur Diagnose unheilbarer Zustände nutzt. Pflanzennamen erscheinen hier nur als Vergleichsgrößen für Gerüche, nicht als Heilmittel; das Kapitel führt die im vorangehenden Varṇasvarīya begonnene Reihe der Todeszeichen fort und bereitet die folgenden Kapitel zu Tastsinn und Sinnesorganen vor.

athātaḥ puṣpitakamindriyaṃ vyākhyāsyāmaha

Nun also werden wir das Kapitel „Puṣpitaka“ der Indriya[sthāna] erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

puṣpaṃ yathā pūrvarūpaṃ phalasyeha bhaviṣyataḥ| tathā liṅgamariṣṭākhyaṃ pūrvarūpaṃ mariṣyataḥ

Wie hier die Blüte das Vorzeichen (pūrvarūpa) der künftigen Frucht ist, so ist das als ariṣṭa (Todeszeichen) bezeichnete Merkmal das Vorzeichen dessen, der sterben wird.

apyevaṃ tu bhavet puṣpaṃ phalenānanubandhi yat| phalaṃ cāpi bhavet kiñcidyasya puṣpaṃ na pūrvajam

Es kann freilich auch eine Blüte geben, der keine Frucht folgt, und ebenso kann es eine Frucht geben, der keine vorausgehende Blüte vorangegangen ist.

na tvariṣṭasya jātasya nāśo'sti maraṇādṛte| maraṇaṃ cāpi tannāsti yannāriṣṭapuraḥsaram

Ist jedoch ein ariṣṭa einmal entstanden, so gibt es für den Betroffenen kein anderes Ende als den Tod; und es gibt auch keinen Tod, dem nicht ein ariṣṭa vorausgeht.

mithyādṛṣṭamariṣṭābhamanariṣṭamajānatā| ariṣṭaṃ vā'pyasambuddhametat prajñāparādhajam

Was fälschlich für ein ariṣṭa gehalten wird, obwohl es keines ist, weil man es nicht richtig erkennt, oder was, obwohl es ein wirkliches ariṣṭa ist, nicht als solches erfasst wird – dies entspringt einem Fehler des Urteilsvermögens (prajñāparādha).

sambodhanārthaṃ tu liṅgairmaraṇapūrvajaiḥ| puṣpitānupadekṣyāmo narān bahuvidhairbahūn

Um also die richtige Erkenntnis zu ermöglichen, werden wir anhand der vielfältigen, dem Tod vorausgehenden Merkmale die vielen „erblühten“ (puṣpita) Menschen lehren.

nānāpuṣpopamo gandho yasya bhāti divāniśam| puṣpitasya vanasyeva nānādrumalatāvataḥ

Wessen Geruch Tag und Nacht wie der mannigfacher Blüten erscheint, gleich einem blühenden Wald voller verschiedener Bäume und Schlingpflanzen –

tamāhuḥ puṣpitaṃ dhīrā naraṃ maraṇalakṣaṇaiḥ| sa nā saṃvatsarāddehaṃ jahātīti viniścayaḥ

den nennen die Weisen einen „erblühten“ Mann mit Todeszeichen; die feststehende Lehre besagt: Er wird den Körper nicht länger als ein Jahr behalten, das heißt, er stirbt binnen eines Jahres.

evamekaikaśaḥ puṣpairyasya gandhaḥ samo bhavet| iṣṭairvā yadi vā'niṣṭaiḥ sa ca puṣpita ucyate

Ebenso wird auch der genannt, dessen Geruch, einzeln betrachtet, je einer bestimmten Blüte gleicht, mag er angenehm oder unangenehm sein – auch er heißt „erblüht“.

samāsenāśubhān gandhānekatvenāthavā punaḥ| ājighredyasya gātreṣu taṃ vidyāt puṣpitaṃ bhiṣak

Wessen Gliedern man insgesamt unheilvolle Gerüche entnehmen kann – sei es als Gesamteindruck oder auch einzeln –, den soll der Arzt als „erblüht“ erkennen.

āplutānāplute kāye yasya gandhāḥ śubhāśubhāḥ| vyatyāsenānimittāḥ syuḥ sa ca puṣpita ucyate

Wessen Körper, ob gebadet oder ungebadet, abwechselnd und ohne erkennbaren Anlass gute und schlechte Gerüche ausströmt, der wird ebenfalls „erblüht“ genannt.

tadyathā- candanaṃ kuṣṭhaṃ tagarāguruṇī madhu| mālyaṃ mūtrapurīṣe ca mṛtāni kuṇapāni ca

Zum Beispiel Gerüche wie die von Sandelholz, Kuṣṭha, Tagara, Aguru, Honig, Blumengirlande, Urin und Kot sowie von toten, verwesenden Leichen.

ye cānye vividhātmāno gandhā vividhayonayaḥ| te'pyanenānumānena vijñeyā vikṛtiṃ gatāḥ

Auch alle anderen mannigfaltigen Gerüche unterschiedlichen Ursprungs sind nach demselben Schluss als krankhaft verändert zu erkennen.

idaṃ cāpyatideśārthaṃ lakṣaṇaṃ gandhasaṃśrayam| vakṣyāmo yadabhijñāya bhiṣaṅmaraṇamādiśet

Auch dieses auf dem Geruch beruhende Merkmal, das hier als allgemeine Regel gilt, wollen wir nun darlegen; wer es erkennt, kann als Arzt den Tod voraussagen.

viyonirviduro gandho yasya gātreṣu jāyate| iṣṭo vā yadi vā'niṣṭo na sa jīvati tāṃ samām

Wessen Gliedern ein wesensfremder, ihm nicht eigener Geruch entströmt – ob angenehm oder unangenehm –, der überlebt jenes Jahr nicht.

etāvadgandhavijñānaṃ,... ...rasajñānamataḥ param| āturāṇāṃ śarīreṣu vakṣyate vidhipūrvakam

So weit die Erkenntnis des Geruchs. ... Danach folgt nun der Reihe nach die Erkenntnis des Geschmacks (rasa) an den Körpern der Kranken.

yo rasaḥ prakṛtisthānāṃ narāṇāṃ dehasambhavaḥ| sa eṣāṃ carame kāle vikāraṃ bhajate dvayam

Der Geschmack (rasa), der den gesunden (prakṛtistha) Menschen von Natur aus im Körper entsteht, nimmt bei ihnen zur letzten Zeit des Lebens eine von zwei Arten der Veränderung an.

kaścidevāsyavairasyamatyarthamupapadyate| svādutvamaparaścāpi vipulaṃ bhajate rasaḥ

Bei dem einen stellt sich ein überaus starker, unangenehmer Geschmack im Mund ein, bei dem anderen wiederum nimmt der Geschmack eine ausgeprägte Süße an.

tamanenānumānena vidyādvikṛtimāgatam| manuṣyo hi manuṣyasya kathaṃ rasamavāpnuyāt

Diesen Zustand soll man an diesem Schluss als eingetretene Veränderung erkennen; denn wie sollte ein Mensch sonst den Geschmack eines anderen Menschen wahrnehmen können?

makṣikāścaiva yūkāśca daṃśāśca maśakaiḥ saha| virasādapasarpanti jantoḥ kāyānmumūrṣataḥ

Fliegen, Läuse, Bremsen und Mücken weichen wegen des üblen Geschmacks vom Körper eines Wesens, das im Sterben liegt.

atyartharasikaṃ kāyaṃ kālapakvasya makṣikāḥ| api snātānuliptasya bhṛśamāyānti sarvaśaḥ

Zum überaus „geschmackvoll“ gewordenen Körper eines vom Tod schon „gereiften“ Menschen kommen die Fliegen von allen Seiten heftig herbei, selbst wenn er gebadet und gesalbt ist.

tatra ślokaḥ- sāmānyena mayoktāni liṅgāni rasagandhayoḥ| puṣpitasya narasyaitatphalaṃ maraṇamādiśet

Dazu der Vers: Im Allgemeinen habe ich die Merkmale von Geschmack und Geruch dargelegt; dies ist das zu erwartende Ergebnis bei einem „erblühten“ Menschen – man soll daraus den Tod voraussagen.

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