Adhyāya 1
Die Aśvamedha-Kosmoshomologie, der Tod-Hunger-Schöpfungsmythos, der Udgītha-Wettstreit und die Lehre vom Selbst als Puruṣa
Adhyāya 1 der Bṛhadāraṇyaka-Upaniṣad (Mādhyandina-Rezension) umfasst sechs Brāhmaṇas. Brāhmaṇa 1 (1.1–1.2) entfaltet die berühmte Aśvamedha-Homologie: Das geopferte Pferd wird mit dem gesamten Kosmos gleichgesetzt (Kopf = Morgenröte, Rumpf = Jahr, Glieder = Jahreszeiten usw.), und Tag und Nacht werden als kosmische 'Größen' (mahiman) beschrieben, die dem Pferd von Osten und Westen her entstehen. Brāhmaṇa 2 (2.1–2.8) erzählt den Tod/Hunger-Schöpfungsmythos: Im Anfang war nur der Tod (mṛtyu), der zugleich Hunger (aśanāyā) ist; durch Askese und Wortspiele (arc + kam = arka, 'Glanz') erschafft er Wasser, Erde und Feuer, vereinigt sich im Geiste mit der Rede zum Jahr und erzeugt schließlich das Pferdeopfer, mit dem er selbst den wiederholten Tod (punarmṛtyu) überwindet. Brāhmaṇa 3 (3.1–3.9, 3.10–3.33) schildert zunächst den Wettstreit zwischen Göttern und Dämonen um den Udgītha-Gesang, den unter den Sinnesorganen allein der Mund-Atem (mukhya prāṇa, alias Ayāsya Āṅgirasa) unbeschadet übersteht, und entfaltet daran anschließend eine ausgedehnte Sāman-Symbolik mit zahlreichen volksetymologischen Wortspielen (sā+ama='sāman', sva/svara, svara/suvarṇa). Brāhmaṇa 4 (4.1–4.22) enthält den zentralen Puruṣa/Ātman-Schöpfungsmythos: Das Selbst (ātman) als Puruṣa erkennt sich zuerst als 'Ich' (aham), fühlt Furcht und Unlust im Alleinsein, teilt sich in Mann und Frau, und aus der Vereinigung entstehen alle Wesen; die berühmte Formel 'ahaṃ brahmāsmi' ('Ich bin Brahman') und die Vāmadeva-Erkenntnis 'ahaṃ manur abhavaṃ sūryaś ca' stehen hier im Zentrum. Brāhmaṇa 5 (5.1–5.34) behandelt Prajāpatis Erschaffung dreier Klassen von Nachkommen (Götter, Menschen, Väter/Verstorbene) durch die drei Veden, die Nāma-Rūpa-Karma-Lehre und die Lehre vom Sohn als leiblicher Fortsetzung des Vaters über den Tod hinaus. Brāhmaṇa 6 (6.1–6.3), das kürzeste, fasst zusammen: Alles Bestehende ist dreifach – Name (nāman), Gestalt (rūpa) und Tat (karman) –, wobei Rede, Auge und Selbst (Leib) jeweils deren gemeinsamer Bezugspunkt (uktham) sind, und identifiziert das so beschriebene Ganze mit dem einen, unsterblichen Selbst, das durch Name und Gestalt (als das 'Wahre', satya) verhüllt ist.
Die Morgenröte (uṣas) ist fürwahr der Kopf des opferwürdigen (medhya) Pferdes (aśva), die Sonne sein Auge, der Wind (vāta) sein Atem (prāṇa), das weit aufgesperrte Maul der alldurchdringende Feuergott Vaiśvānara, das Jahr (saṃvatsara) der Rumpf (ātman) des opferwürdigen Pferdes. Der Himmel ist sein Rücken, der Luftraum (antarikṣa) sein Bauch, die Erde seine Unterseite (pājasya), die Himmelsrichtungen seine beiden Flanken, die Zwischenrichtungen seine Rippen, die Jahreszeiten (ṛtu) seine Glieder, Monate und Halbmonate seine Gelenke, Tag und Nacht seine Füße (pratiṣṭhā, wörtl. 'Standfeste'), die Sternbilder (nakṣatra) seine Knochen, das Gewölk (nabhas) sein Fleisch. Der Sand ist sein unverdauter Speisebrei (ūvadhya), die Flüsse sind seine Gedärme, Leber und Lunge (kloman) sind die Berge, Kräuter und Bäume sind seine Haare. Die aufgehende Sonne ist seine vordere Hälfte, die untergehende seine hintere. Wenn es sich streckt, blitzt es; wenn es sich schüttelt, donnert es; wenn es harnt, regnet es. Seine Stimme (vāc) allein ist seine Rede. [Anm.: Mehrere Realien dieser Aśvamedha-Homologie sind lexikalisch unsicher: 'pājasya' (Unterseite, Brust oder Vorderteil – wörtliche Bedeutung strittig), 'kloman' (Lunge oder ein anderes Organ) sowie die genaue Zuordnung von 'ūvadhyam' (unverdauter Speisebrei) und 'sikatāḥ' (Sandkörner) zueinander.]
Der Tag (ahar) entstand fürwahr als Glanz (mahiman) vor dem Pferd, d.h. in östlicher Richtung; sein Ursprung (yoni) liegt im östlichen Meer. Die Nacht entstand als Glanz hinter dem Pferd, d.h. in westlicher Richtung; ihr Ursprung liegt im westlichen Meer. Diese beiden Erscheinungen des Glanzes entstanden fürwahr zu beiden Seiten um das Pferd. Als Hengst (haya) geworden trug es die Götter, als Rennpferd (vājin) die Gandharven, als Renner (arvan) die Dämonen (asura), als Pferd (aśva) die Menschen. Das Meer allein ist sein Verwandter (bandhu), das Meer sein Ursprung. [Anm.: 'purastāt'/'paścāt' sind hier räumlich zu verstehen (vorn = Osten, hinten = Westen), wie der Bezug auf östliches/westliches Meer zeigt; die genaue Nuance von 'anvajāyata' ('entstand danach/entsprechend') bleibt daneben unsicher.]
naiveha kiṃ canāgra āsīn mṛtyunaivedamāvṛtamāsīdaśanāyayāśanāyā hi mṛtyuḥ tanmano'kurutātmanvī syāmiti so'rcannacarat tasyārcata āpo'jāyantārcate vai me kamabhūditi tadevārkyasyārkatvam kaṃ ha vā asmai bhavati ya evametadarkyasyārkatvaṃ veda
Fürwahr, im Anfang war hier überhaupt nichts. Durch den Tod (mṛtyu) allein war dies verhüllt, durch den Hunger (aśanāyā) – denn Hunger ist der Tod. Der Tod fasste den Gedanken (manas): 'Ich möchte ein Selbst (ātmanvin) haben!' So zog er preisend umher (arcan). Während er so pries, entstanden ihm die Wasser (āpas): 'Während ich pries, ist mir da Glück (kam) zuteilgeworden' – [so sprach er]. Eben das ist das Arka-Sein dessen, was preiswürdig (arkya) ist. Wahrlich, Glück wird dem zuteil, der so dieses Arka-Sein des Preiswürdigen kennt. [Anm.: Die Passage beruht auf einer volksetymologischen Wortspielkette: aśanāyā ('Hunger') wird mit mṛtyu ('Tod') gleichgesetzt, und arc- ('leuchten, preisen') plus kam ('Glück', zugleich Fragewort 'was?') ergeben zusammen 'arka' (Glanz, Feuer, Lobgesang) – diese Etymologien lassen sich im Deutschen nicht nachbilden.]
Die Wasser (āpas) sind fürwahr der Arka, die Feuerglut. Was der Schaum (śara) der Wasser war, verdichtete sich; daraus wurde die Erde. Auf ihr mühte sich der Tod ab. Von ihm, dem Erschöpften, dem Erhitzten, ging als Glanz-Essenz (tejas-rasa) das Feuer (agni) hervor. [Anm.: 'śara' (Schaum, Bodensatz der Wasser) ist lexikalisch unsicher; die Übersetzung folgt der gängigen Deutung als schaumig-feste Ausscheidung, aus der die Erde entsteht.]
sa tredhātmānaṃ vyakurutādityaṃ tṛtīyaṃ vāyuṃ tṛtīyaṃ sa eṣa prāṇastredhāvihitaḥ tasya prācī dikṣiro'sau cāsau cermāu athāsya pratīcī dikpucCham asau cāsau ca sakthyau dakṣiṇā codīcī ca pārśve dyauṣpṛṣṭham antarikṣamudaram iyamuraḥ sa eṣo'psu pratiṣṭhito yatra kva caiti tadeva pratitiṣṭhatyevaṃ vidvān
Er (das Feuer, Agni, aus der vorigen Kaṇḍikā) teilte sich selbst in drei Teile: die Sonne (āditya) als ein Drittel, der Wind (vāyu) als ein Drittel, [er selbst als das dritte]. So ist eben dieser (als Atem, prāṇa) dreifach verteilt. Von ihm ist die östliche Himmelsrichtung der Kopf, jene und jene Richtungen sind seine beiden Vorderbeine (īrmau); die westliche Himmelsrichtung ist sein Schwanz, jene und jene Richtungen seine beiden Schenkel; Süden und Norden sind seine beiden Seiten; der Himmel ist sein Rücken, der Luftraum sein Bauch, diese Erde seine Brust. Er ist in den Wassern gegründet; wohin er auch geht, dort findet er Halt – ebenso ergeht es dem, der dies weiß. [Anm.: 'īrmau' ist ein seltenes vedisches Wort (vermutlich 'die beiden Vorderbeine' oder 'Schultern') ohne sichere Standardübersetzung.]
so'kāmayataḥ dvitīyo ma ātmā jāyeteti sa manasā vācaṃ mithunaṃ samabhavadaśanāyāṃ mṛtyuḥ tadyadreta āsīt sa saṃvatsaro'bhavan na ha purā tataḥ saṃvatsara āsa tametāvantaṃ kālamabibharyāvāntsaṃvatsaraḥ tametāvataḥ kālasya parastādasṛjata taṃ jātamabhivyādadāt sa bhāṇakarot saiva vāgabhavat
Er (der Tod) begehrte: 'Ein zweites Selbst möge mir entstehen!' Da vereinigte er sich, im Geiste (manasā, durch das Denken), mit der Rede (vāc) zu einem Paar (mithuna) – er, der Hunger, der Tod. Was dabei als Same (retas) entstand, wurde zum Jahr (saṃvatsara); denn zuvor gab es kein Jahr. So lange, wie ein Jahr währt, trug er es; nach Ablauf dieser Zeitspanne brachte er es hervor. Als es geboren war, sperrte er das Maul nach ihm auf; da rief es 'bhāṃ' – eben das wurde zur Rede. [Anm.: Das Subjekt von 'abhivyādadāt' ('sperrte das Maul auf') ist vermutlich der Tod, der das Neugeborene bedrohlich anblickt; 'bhāṇ' ist ein lautmalerisches Wort, das sich nicht wörtlich übersetzen lässt.]
sa aikṣataḥ yadi vā imamabhimaṃsye kanīyo'nnaṃ kariṣya iti sa tayā vācā tenātmanedaṃ sarvamasṛjata yadidaṃ kiṅcarco yajūṃṣi sāmāni Chandāṃsi yajñānprajāṃ paśūnt sa yad-yadevāsṛjata tat-tadattumadhriyata sarvaṃ vā attīti tadaditeradititvaṃ sarvasyāttā bhavati sarvamasyānnaṃ bhavati ya evametadaditeradititvaṃ veda
Er (der Tod) erwog: 'Wenn ich dieses angreife, verschaffe ich mir nur geringere Speise.' Da schuf er mit jener Rede und jenem Selbst dieses Ganze, was immer hier ist: die Ṛc-Verse, die Yajus-Sprüche, die Sāman-Gesänge, die Versmaße (chandas), die Opfer, die Geschöpfe (prajā) und das Vieh (paśu). Und was immer er schuf, das schuf er, um es zu verzehren. Weil er alles verzehrt (atti), heißt das die Aditi-heit der Aditi. Zum Verzehrer von allem wird, alles wird ihm zur Speise, wer so dieses Aditi-Sein der Aditi kennt. [Anm.: Wortspiel zwischen 'atti' ('er verzehrt') und dem Götternamen 'Aditi', volksetymologisch mit dem Verzehren aller Dinge verbunden – im Deutschen nicht nachbildbar.]
so'kāmayataḥ bhūyasā yajñena bhūyo yajeyeti so'śrāmyat sa tapo'tapyata tasya śrāntasya taptasya yaśo vīryamudakrāmat prāṇā vai yaśo vīryam tatprāṇeṣūtkrānteṣu śarīraṃ śvayitumadhriyata tasya śarīra eva mana āsīt
Er (der Tod) begehrte: 'Durch ein reichlicheres Opfer möchte ich noch mehr opfern!' Er mühte sich ab, er erhitzte sich in Askese (tapas). Von ihm, dem Erschöpften, dem Erhitzten, wichen Ruhm und Kraft (yaśas, vīrya) – die Atemkräfte (prāṇāḥ) nämlich sind Ruhm und Kraft. Als die Atemkräfte entwichen waren, blieb der Körper zum Aufschwellen zurück; in seinem Körper allein war noch das Denken (manas).
so'kāmayataḥ medhyaṃ ma idaṃ syādātmanvyanena syāmiti tato'śvaḥ samabhavad yadaśvat tanmedhyamabhūditi tadevāśvamedhasyāśvamedhatvam eṣa ha vā aśvamedhaṃ veda ya enamevaṃ veda
Er begehrte: 'Dies möge mir opferwürdig (medhya) sein, durch dieses möge ich beseelt (ātmanvin) sein!' Daraufhin entstand daraus das Pferd (aśva). Weil es angeschwollen war (aśvat), wurde es opferwürdig – so heißt es. Eben das ist das Aśvamedha-Sein des Pferdeopfers (aśvamedha). Fürwahr, wer dies so weiß, kennt das Aśvamedha. [Anm.: Volksetymologisches Wortspiel: 'aśvat' (von √śvi, 'anschwellen') und 'medhya' ('opferwürdig') erklären den Namen 'aśvamedha' – im Deutschen nicht direkt nachbildbar.]
Ohne es wirklich einzusperren/zurückzuhalten, betrachtete er es gleichsam als freigelassen. Nach Ablauf eines Jahres opferte er es (das Pferd) sich selbst dar; das übrige Vieh übertrug er den Gottheiten. Deshalb opfern sie das allen Gottheiten geweihte, besprengte, dem Prajāpati gehörige Pferd. Das eben ist der Aśvamedha: jene Sonne, die dort glüht; ihr Selbst (ātman) ist das Jahr; dieses Feuer ist der Arka; ihre Leiber sind diese Welten. Arka und Aśvamedha, diese beiden, sind eins. So wird er zu einer einzigen Gottheit. Der Tod selbst überwindet den wiederholten Tod (punarmṛtyu); der Tod erreicht ihn nicht, der Tod wird zu seinem eigenen Selbst; er erlangt die volle Lebensspanne (āyus). Eins wird er mit diesen Gottheiten, wer dies so weiß. [Anm.: Der Eröffnungssatz spielt vermutlich auf den Ritus an, das Aśvamedha-Pferd ein Jahr lang frei umherziehen zu lassen, bevor es geopfert wird ('anavarudhya', 'ohne einzusperren'); der Bezug von 'ya eṣa tapati' (vermutlich die Sonne) ist zudem nicht mit letzter Sicherheit zu klären. Diese Kaṇḍikā weist insgesamt erhöhte Interpretationsunsicherheit auf.]
dvayā ha prājāpatyā devāścāsurāśca tataḥ kānīyasā eva devā jyāyasā asurāḥ ta eṣu lokeṣvaspardhanta
Zweifach fürwahr waren die Nachkommen Prajāpatis: die Götter (deva) und die Dämonen (asura). Von ihnen waren die Götter die jüngeren, die Dämonen die älteren. Sie stritten miteinander (aspardhanta) um diese Welten.
te ha vācamūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhyo vāgudagāyad yo vāci bhogastaṃ devebhya āgāyad yatkalyāṇaṃ vadati tadātmane te'viduḥ anena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvidhyant sa yaḥ sa pāpmā yadevedamapratirūpaṃ vadati sa eva sa pāpmā
Da sprachen sie zur Rede (vāc): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es', sprach sie. Für sie sang die Rede den Udgītha. Was an Genuss in der Rede liegt, das sang sie für die Götter; was Gutes sie spricht, das behielt sie für sich. Da erkannten sie (die Dämonen): 'Mit diesem Sänger (udgātṛ) werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf sie los und durchbohrten sie mit dem Bösen (pāpman). Das Böse, das da ist – dass sie nämlich Unpassendes (apratirūpa) redet – eben das ist jenes Böse.
atha ha prāṇamūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhyaḥ prāṇa udagāyad yaḥ prāṇe bhogastaṃ devebhya āgāyad yatkalyāṇaṃ jighrati tadātmane te'viduranena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvidhyant sa yaḥ sa pāpmā yadevedamapratirūpaṃ jighrati sa eva sa pāpmā
Da sprachen sie zum Atem (prāṇa, hier: dem Geruchssinn): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es.' Für sie sang der Atem den Udgītha. Was an Genuss im Atem liegt, das sang er für die Götter; was er Angenehmes riecht, das für sich selbst. Da erkannten sie: 'Mit diesem Sänger werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf ihn los und durchbohrten ihn mit dem Bösen. Das Böse, das da ist – dass er nämlich Unpassendes riecht – eben das ist jenes Böse.
atha ha cakṣurūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhyaścakṣurudagāyad yaścakṣuṣi bhogastaṃ devebhya āgāyad yatkalyāṇaṃ paśyati tadātmane te'viduranena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvidhyant sa yaḥ sa pāpmā yadevedamapratirūpaṃ paśyati sa eva sa pāpmā
Da sprachen sie zum Auge (cakṣus): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es.' Für sie sang das Auge den Udgītha. Was an Genuss im Auge liegt, das sang es für die Götter; was es Schönes sieht, das für sich selbst. Da erkannten sie: 'Mit diesem Sänger werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf es los und durchbohrten es mit dem Bösen. Das Böse, das da ist – dass es nämlich Unpassendes sieht – eben das ist jenes Böse.
atha ha śrotramūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhyaḥ śrotramudagāyad yaḥ śrotre bhogastaṃ devebhya āgāyad yatkalyāṇaṃ śṛṇoti tadātmane te'viduranena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvidhyant sa yaḥ sa pāpmā yadevedamapratirūpaṃ śṛṇoti sa eva sa pāpmā
Da sprachen sie zum Ohr (śrotra): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es.' Für sie sang das Ohr den Udgītha. Was an Genuss im Ohr liegt, das sang es für die Götter; was es Schönes hört, das für sich selbst. Da erkannten sie: 'Mit diesem Sänger werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf es los und durchbohrten es mit dem Bösen. Das Böse, das da ist – dass es nämlich Unpassendes hört – eben das ist jenes Böse.
atha ha mana ūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhyo mana udagāyad yo manasi bhogastaṃ devebhya āgāyad yatkalyāṇaṃ saṅkalpayati tadātmane te'viduranena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvidhyant sa yaḥ sa pāpmā yadevedamapratirūpaṃ saṅkalpayati sa eva sa pāpmaivamu khalvetā devatāḥ pāpmabhirupāsṛjann evamenāḥ pāpmanāvidhyan
Da sprachen sie zum Denken (manas): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es.' Für sie sang das Denken den Udgītha. Was an Genuss im Denken liegt, das sang es für die Götter; was es Gutes ersinnt (saṅkalpayati), das für sich selbst. Da erkannten sie: 'Mit diesem Sänger werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf es los und durchbohrten es mit dem Bösen. Das Böse, das da ist – dass es nämlich Unpassendes ersinnt – eben das ist jenes Böse. So fürwahr behafteten sie diese Gottheiten (die Sinnesorgane) mit Übeln, so durchbohrten sie sie mit dem Bösen.
atha hemamāsanyaṃ prāṇamūcuḥ tvaṃ na udgāyeti tatheti tebhya eṣa prāṇa udagāyat te'viduranena vai na udgātrātyeṣyantīti tamabhidrutya pāpmanāvivyatsant sa yathāśmānamṛtvā loṣṭo vidhvaṃsetaivaṃ haiva vidhvaṃsamānā viṣvaṅco vineśuḥ tato devā abhavan parāsurā bhavatyātmanā parāsya dviṣanbhrātṛvyo bhavati ya evaṃ veda
Da sprachen sie zu diesem Atem im Munde (āsanya prāṇa, dem 'Haupt-Atem', mukhya prāṇa): 'Singe du für uns den Udgītha!' – 'So sei es.' Für sie sang dieser Atem den Udgītha. Da erkannten sie: 'Mit diesem Sänger werden sie uns fürwahr überwinden.' Sie stürzten auf ihn los, um ihn mit dem Bösen zu durchbohren. Doch wie eine Erdscholle, die gegen einen Stein prallt, zerbirst, so gingen sie, sich zerstreuend, nach allen Seiten zugrunde. Daraufhin gediehen die Götter, die Dämonen unterlagen. Aus eigener Kraft unterliegt ihm der hassende Rivale (bhrātṛvya), wer dies so weiß. [Anm.: Die Satzgrenze zwischen 'tato devā abhavan parāsurāḥ' und dem Folgesatz ist im sandhi-verbundenen Text nicht ganz eindeutig; die Übersetzung folgt der plausibelsten Satzgrenze.]
te hocuḥ kva nu so'bhūd yo na itthamasakteti ayamāsye'ntariti so'yāsya āṅgiraso aṅgānāṃ hi rasaḥ
Da sprachen sie: 'Wo mag der wohl gewesen sein, der uns so zusammenhielt?' – 'Dieser hier, im Innern des Mundes', [war die Antwort]. Er ist 'Ayāsya Āṅgirasa': denn er ist der Saft, die Essenz (rasa) der Glieder (aṅga). [Anm.: Die Etymologie des Beinamens 'Ayāsya' bleibt unsicher (evtl. bezogen auf 'āsya', 'Mund'); nur die Etymologie von 'Āṅgirasa' (aṅga + rasa) ist im Text explizit gemacht.]
Diese Gottheit, nachdem sie das Böse – den Tod – dieser Gottheiten (der Sinnesorgane) vertrieben hatte, brachte es dorthin, wo das Ende dieser Himmelsrichtungen ist; dort legte sie das Böse ab. Deshalb soll man nicht zu fremden Leuten gehen, nicht bis ans Ende der Welt gehen, damit man nicht dem Bösen, dem Tod, dort begegne.
Sie trug fürwahr zuerst die Rede (vāc) hinüber. Als diese vom Tod befreit wurde, wurde sie zum Feuer (agni). Dieses Feuer hier, den Tod hinter sich gelassen, leuchtet.
atha prāṇamatyavahat sa yadā mṛtyumatyamucyata sa vāyurabhavat so'yaṃ vāyuḥ pareṇa mṛtyumatikrāntaḥ pavate
Dann trug sie den Atem (prāṇa) hinüber. Als dieser vom Tod befreit wurde, wurde er zum Wind (vāyu). Dieser Wind hier, den Tod hinter sich gelassen, weht.
atha cakṣuratyavahat tadyadā mṛtyumatyamucyata sa ādityo'bhavat so'sāvādityaḥ pareṇa mṛtyumatikrāntastapati
Dann trug sie das Auge (cakṣus) hinüber. Als dieses vom Tod befreit wurde, wurde es zur Sonne (āditya). Diese Sonne dort, den Tod hinter sich gelassen, glüht.
atha śrotramatyavahat tadyadā mṛtyumatyamucyata tā diśo'bhavan tā imā diśaḥ pareṇa mṛtyumatikrāntāḥ
Dann trug sie das Ohr (śrotra) hinüber. Als dieses vom Tod befreit wurde, wurden daraus die Himmelsrichtungen (diś). Diese Himmelsrichtungen hier haben den Tod hinter sich gelassen.
atha mano'tyavahat tadyadā mṛtyumatyamucyata sa candramā abhavat so'sau candraḥ pareṇa mṛtyumatikrānto bhāti evaṃ ha vā enameṣā devatā mṛtyumativahati ya evaṃ veda
Dann trug sie das Denken (manas) hinüber. Als dieses vom Tod befreit wurde, wurde es zum Mond (candramas). Jener Mond dort, den Tod hinter sich gelassen, scheint. So fürwahr trägt diese Gottheit den, der dies weiß, über den Tod hinweg.
Dann sang sie für sich selbst Speise und Genuss (annādya) herbei. Denn was immer an Speise gegessen wird, das wird eben durch sie gegessen; dadurch findet sie hier Halt.
te devā abruvann etāvadvā idaṃ sarvaṃ yadannaṃ tadātmana āgāsīranu no'sminnanna ābhajasveti te vai mābhisaṃviśateti tatheti taṃ samantaṃ pariṇyaviśanta tasmādyadanenānnamatti tenaitāstṛpyanti evaṃ ha vā enaṃ svā abhisaṃviśanti bhartā svānāṃ śreṣṭhaḥ puraetā bhavatyannādo'dhipatiḥ ya evaṃ veda
Da sprachen die Götter (die anderen Sinnesorgane): 'So viel wie dies alles, was Speise ist, hast du für dich selbst herbeigesungen; lass uns daran teilhaben!' – 'So tretet denn in mich ein', sprach sie. 'So sei es', sprachen sie. Sie traten ringsum in ihn ein. Deshalb: was er an Speise isst, damit werden jene gesättigt. So fürwahr treten die eigenen Angehörigen in den ein, der dies weiß; er wird der Erhalter der Seinen, der Beste, der Vorangehende; ein Speise-Esser (annāda) und Oberherr (adhipati) wird, wer dies so weiß.
ya u haivaṃvidaṃ sveṣu pratipratirbubhūṣati na haivālaṃ bhāryebhyo bhavati atha ya evaitamanubhavati yo vaitamanu bhāryānbubhūrṣati sa haivālaṃ bhāryebhyo bhavati
Wer aber unter den Seinen einem, der dies weiß, den Vorrang streitig machen will, der wird für seine Angehörigen (bhāryā) nicht ausreichend sorgen können. Wer sich diesem Wissenden gemäß verhält und im Einklang mit ihm für seine Angehörigen sorgen will, der wird für sie fürwahr ausreichend sorgen können. [Anm.: 'bhāryā' bedeutet wörtlich 'Ehefrau' (von bhṛ, 'erhalten, versorgen'), könnte hier aber allgemeiner 'zu versorgende Angehörige' meinen – beide Lesarten sind vertretbar.]
so'yāsya āṅgiraso aṅgānāṃ hi rasaḥ prāṇo vā aṅgānāṃ rasaḥ prāṇo hi vā aṅgānāṃ rasaḥ tasmādyasmātkasmāccāṅgātprāṇa utkrāmati tadeva tacChuṣyati eṣa hi vā aṅgānāṃ rasaḥ
Er ist 'Ayāsya Āṅgirasa': denn er ist die Essenz (rasa) der Glieder (aṅga). Der Atem (prāṇa) nämlich ist die Essenz der Glieder, der Atem ist fürwahr die Essenz der Glieder. Deshalb: aus welchem Glied auch immer der Atem entweicht, das eben vertrocknet; denn dieser Atem ist fürwahr die Essenz der Glieder.
eṣa u eva sāma vāgvai sāmaiṣa sā cāmaśceti tatsāmnaḥ sāmatvam yadveva samaḥ pluṣiṇā samo maśakena samo nāgena sama ebhistribhirlokaiḥ samo'nena sarveṇa tasmādveva sāmāśnute sāmnaḥ sāyujyaṃ salokatāṃ ya evametatsāma veda
Er eben ist auch das 'Sāman': die Rede nämlich ist die Silbe 'Sā', und er, der Atem, ist die Silbe 'Ama' – so heißt es. Das ist das Sāman-Sein des Sāman. Oder auch: weil er gleich (sama) ist mit der Ameise (pluṣi), gleich mit der Mücke (maśaka), gleich mit dem Elefanten (nāga), gleich mit diesen drei Welten, gleich mit diesem Allem – deshalb erlangt, wer so dieses Sāman kennt, fürwahr das Sāman, die Vereinigung (sāyujya) mit dem Sāman und die Zugehörigkeit zu seiner Welt (salokatā). [Anm.: 'pluṣi' bezeichnet ein kleines Insekt (evtl. eine Ameisenart oder Fliege), dessen zoologische Identifikation unsicher ist; zudem liegt ein Wortspiel zwischen 'sāman' (sā + ama) und 'sama' ('gleich') vor, das im Deutschen nicht nachbildbar ist.]
eṣa u vā udgīthaḥ prāṇo vā ut prāṇena hīdaṃ sarvamuttabdham vāgeva gīthocca gīthā ceti sa udgīthaḥ
Er eben ist fürwahr auch der 'Udgītha': der Atem (prāṇa) nämlich ist die Silbe 'Ut', denn durch den Atem ist dieses Ganze aufgerichtet (uttabdha); die Rede eben ist die 'Gīthā', der Gesang. Er besteht aus 'Ut' und 'Gīthā' – so heißt es. Er ist der 'Udgītha'.
taddhāpi brahmadattaścaikitāneyo rājānaṃ bhakṣayannuvācāyaṃ tyasya rājā mūrdhānaṃ vipātayatād yadito'yāsya āṅgiraso'nyenodagāyaditi vācā ca hyeva sa prāṇena codagāyaditi
Darüber sprach sogar Brahmadatta Caikitāneya, während er den Königstrank genoss, Folgendes: 'Dieser König da (der Soma) möge jenem den Kopf abschlagen [lassen], wenn Ayāsya Āṅgirasa mit einem anderen [Organ] als diesem gesungen hätte' – denn er sang ja sowohl mit der Rede als auch mit dem Atem, so heißt es. [Anm.: 'rājānam bhakṣayan' wird hier als 'den Königstrank (Soma) genießend' gedeutet (rājan = Soma); 'rājā' im zweiten Satzteil bezeichnet ebenfalls Soma, personifiziert als Subjekt der Fluchformel 'mūrdhānaṃ vipātayatāt' ('der Kopf möge abfallen'), deren genauer Bezug – wessen Kopf gemeint ist – dennoch unsicher bleibt.]
tasya haitasya sāmno yaḥ svaṃ veda bhavati hāsya svam tasya vai svara eva svam tasmādārtvijyaṃ kariṣyanvāci svaramicCheta tayā vācā svarasampannayārtvijyaṃ kuryāt tasmādyajñe svaravantaṃ didṛkṣanta evātho yasya svaṃ bhavati bhavati hāsya svaṃ ya evametatsāmnaḥ svaṃ veda
Von diesem Sāman gilt: wer sein 'Eigen(tum)' (sva) kennt, dem wird Eigentum zuteil. Der Ton (svara) nämlich ist sein Eigentum. Deshalb soll, wer den Priesterdienst (ārtvijya) ausüben will, nach gutem Ton in der Stimme trachten; mit dieser klangvollen Stimme soll er den Priesterdienst ausüben. Deshalb wünschen sie sich beim Opfer, einen Priester mit guter Stimme zu sehen. Und wem solches Eigentum zuteilwird – Eigentum wird ihm fürwahr zuteil, wer so dieses Eigentum des Sāman kennt. [Anm.: Wortspiel zwischen 'sva' ('Eigentum, das Eigene') und 'svara' ('Ton, Stimmklang'), im Deutschen nicht nachbildbar.]
tasya haitasya sāmno yaḥ suvarṇaṃ veda bhavati hāsya suvarṇam tasya vai svara eva suvarṇam bhavati hāsya suvarṇaṃ ya evametatsāmnaḥ suvarṇaṃ veda
Von diesem Sāman gilt: wer sein 'Gold' (suvarṇa) kennt, dem wird Gold zuteil. Der Ton (svara) nämlich ist sein Gold. Gold wird ihm fürwahr zuteil, wer so dieses Gold des Sāman kennt. [Anm.: Wortspiel zwischen 'svara' ('Ton') und 'suvarṇa' ('Gold', wörtl. 'gute Farbe/guter Klang'), im Deutschen nicht nachbildbar.]
tasya haitasya sāmno yaḥ pratiṣṭhāṃ veda prati ha tiṣṭhati tasya vai vāgeva pratiṣṭhā vāci hi khalveṣa etatprāṇaḥ pratiṣṭhito gīyate anna ityu haika āhuḥ
Von diesem Sāman gilt: wer seine 'Stütze' (pratiṣṭhā) kennt, der findet fürwahr Halt. Die Rede nämlich ist seine Stütze; denn in der Rede gegründet wird dieser Atem als Sāman gesungen. 'Speise (anna)' sei sie, sagen wiederum manche.
athātaḥ pavamānānāmevābhyārohaḥ sa vai khalu prastotā sāma prastauti sa yatra prastuyāt tadetāni japedasato mā sadgamaya tamaso mā jyotirgamaya mṛtyormāmṛtaṃ gamayeti
Nun folgt der 'Aufstieg' (abhyāroha) zu den Pavamāna-Strophen. Wenn der Vorsänger (prastotṛ) das Sāman anstimmt, soll er dabei Folgendes leise rezitieren: 'Vom Nichtseienden führe mich zum Seienden, von der Finsternis führe mich zum Licht, vom Tod führe mich zur Unsterblichkeit!'
Wenn er nun spricht: 'Vom Nichtseienden führe mich zum Seienden' – der Tod nämlich ist das Nichtseiende (asat), das Unsterbliche (amṛta) ist das Seiende (sat) – so meint er damit: 'Vom Tod führe mich zur Unsterblichkeit, mache mich unsterblich.'
'Von der Finsternis führe mich zum Licht' – der Tod nämlich ist die Finsternis, das Unsterbliche ist das Licht – so meint er damit: 'Vom Tod führe mich zur Unsterblichkeit, mache mich unsterblich.' '[Und] vom Tod führe mich zur Unsterblichkeit' – hierin ist nichts wie verborgen.
atha yānītarāṇi stotrāṇi teṣvātmane'nnādyamāgāyet tasmādu teṣu varaṃ vṛṇīta yaṃ kāmaṃ kāmayeta taṃ sa eṣa evaṃvidudgātātmane vā yajamānāya vā yaṃ kāmaṃ kāmayate tamāgāyati taddhaital lokajideva na haivālokyatāyā āśāsti ya evametatsāma veda
Was nun die übrigen Lobgesänge (stotra) betrifft, so soll er in ihnen für sich selbst Speise und Genuss (annādya) hersingen. Deshalb soll er sich bei ihnen einen Wunsch erbitten, welchen Wunsch er sich auch wünscht. Dieser so wissende Sänger (udgātṛ) singt für sich selbst oder für den Opferherrn (yajamāna) den Wunsch herbei, den er sich wünscht. Dies eben ist ein 'Welt-Erobern' (lokajit); keineswegs braucht er eine Nichtzugehörigkeit zur Welt (alokyatā) zu befürchten, wer so dieses Sāman kennt. [Anm.: Die genaue Bedeutungsnuance von 'āśāsti' (erhoffen vs. befürchten) im Kontext von 'alokyatā' ist nicht ganz sicher; die Übersetzung folgt der Deutung 'braucht nicht zu erwarten/befürchten'.]
Das Selbst (ātman) allein war dies im Anfang, von der Gestalt eines Menschen (puruṣa). Es blickte um sich (anuvīkṣya) und sah nichts anderes als das Selbst. Es sprach zuerst: 'Ich bin' (aham asmi). Daher entstand der Name 'Ich' (aham). Deshalb sagt man auch heute noch, wenn man angesprochen wird, zuerst 'Ich bin dieser (ayam)' und nennt dann erst den anderen Namen, der einem zukommt.
sa yatpūrvo'smātsarvasmātsarvānpāpmana auṣat tasmātpuruṣa oṣati ha vai sa taṃ yo'smātpūrvo bubhūṣati ya evaṃ veda
Weil er, der vor diesem Ganzen war, alle Übel (pāpman) verbrannte (auṣat), heißt er 'puruṣa' [Anm.: volksetymologische Ableitung von pūrva + √uṣ, 'verbrennen' – ein bewusstes Wortspiel des Textes, keine Textkorruption]. Wer dies so weiß, verbrennt (oṣati) fürwahr denjenigen, der vor ihm zu sein wünscht (bubhūṣati).
Er fürchtete sich. Deshalb fürchtet sich, wer allein ist. Da überlegte er (īkṣāṃ cakre): „Da außer mir nichts ist, wovor sollte ich mich fürchten?“ Daraufhin verging seine Furcht – denn wovor hätte er sich fürchten sollen? Furcht entsteht ja erst vor einem Zweiten.
sa vai naiva reme tasmādekākī na ramate sa dvitīyamaicChat sa haitāvānāsa yathā strīpumāṃsau sampariṣvaktau
Er aber fand keine Freude. Deshalb freut sich nicht, wer allein ist. Da wünschte er sich einen Zweiten. Er war so groß, wie Frau und Mann eng umschlungen sind.
sa imamevātmānaṃ dvedhāpātayat tataḥ patiśca patnī cābhavatām tasmādidamardhabṛgalamiva sva iti ha smāha yājñavalkyaḥ tasmādayamākāśaḥ striyā pūryata eva tāṃ samabhavat tato manuṣyā ajāyanta
Er ließ eben dieses Selbst (ātman) in zwei Teile fallen (dvedhā apātayat); daraus entstanden Gatte (pati) und Gattin (patnī). Deshalb, so pflegte Yājñavalkya zu sagen, gleicht dies (der Mensch für sich) der Hälfte einer gespaltenen Hülsenfrucht (ardhabṛgala) [Anm.: 'ardhabṛgalam' ist ein seltenes Vergleichswort; die botanische Identität von bṛgala ist nicht sicher bestimmbar]. Deshalb wird dieser Leerraum (ākāśa) eben durch die Frau ausgefüllt. Er vereinigte sich mit ihr, und daraus entstanden die Menschen.
Sie wurde zur Stute, der andere zum Hengst; sie wurde zur Eselin, der andere zum Esel. Er vereinigte sich mit ihr; daraus entstand das Einhufer-Vieh (ekaśapha).
Sie wurde zur Ziege, der andere zum Ziegenbock; sie wurde zum Mutterschaf, der andere zum Widder. Er vereinigte sich mit ihr; daraus entstanden Ziegen und Schafe. Ebenso schuf er alles, was hier paarweise (mithuna) lebt, bis hinab zu den Ameisen – das alles schuf er.
so'vedahaṃ vāva sṛṣṭirasmi ahaṃ hīdaṃ sarvamasṛkṣīti tataḥ sṛṣṭirabhavat sṛṣṭyāṃ hāsyaitasyāṃ bhavati ya evaṃ veda
Er erkannte: 'Ich bin fürwahr die Schöpfung, denn ich habe dies alles geschaffen.' Daher entstand (das Wort) 'Schöpfung' (sṛṣṭi). In dieser seiner Schöpfung befindet sich, wer dies so weiß.
athetyabhyamanthat sa mukhācca yonerhastābhyāṃ cāgnimasṛjata tasmādetadubhayamalomakamantarato alomakā hi yonirantarataḥ
Danach rieb er (abhyamanthat) Feuer; mit den Händen erzeugte er Agni aus dem Mund und aus dem Schoß (yoni). Deshalb sind beide innen unbehaart (alomaka), denn auch der Schoß ist innen unbehaart. [Anm.: 'yoni' kann hier wörtlich den Schoß meinen oder bildlich die untere Öffnung des Feuerquirlholzes (araṇi) bezeichnen, passend zum vorangehenden 'rieb' (abhyamanthat); beide Deutungen werden vertreten.]
tadyadidamāhuramuṃ yajāmuṃ yajetyekaikaṃ devam etasyaiva sā visṛṣṭiḥ eṣa u hyeva sarve devā
Wenn man nun sagt: 'Opfere diesem, opfere jenem!' — jeweils einem einzelnen Gott —, so ist das eben seine (des Selbst) Ausbreitung (visṛṣṭi); er selbst nämlich ist alle Götter.
Und was immer hier feucht ist, das schuf er aus dem Samen (retas); eben das ist Soma. Denn all dies ist Speise (anna) und Speiseesser (annāda) zugleich: Soma ist die Speise, Agni der Speiseesser.
saiṣā brahmaṇo'tisṛṣṭiḥ yacChreyaso devānasṛjatātha yanmartyaḥ sannamṛtānasṛjata tasmādatisṛṣṭiratisṛṣṭyāṃ hāsyaitasyāṃ bhavati ya evaṃ veda
Dies ist die Über-Schöpfung (atisṛṣṭi) des Brahman, dass er die Götter, die vorzüglicher (śreyas) sind, schuf, und dass er, obwohl selbst sterblich (martya), Unsterbliche (amṛta) schuf. Deshalb (heißt es) 'Über-Schöpfung'. In dieser seiner Über-Schöpfung befindet sich, wer dies so weiß.
Dieses (Universum) nun war damals unentfaltet (avyākṛta). Es wurde eben durch Name (nāman) und Gestalt (rūpa) entfaltet, so dass gilt: 'Er hat diesen Namen, er hat diese Gestalt.' So wird dieses auch jetzt eben durch Name und Gestalt entfaltet: 'Er hat diesen Namen, er hat diese Gestalt.'
sa eṣa iha praviṣṭa ā nakhāgrebhyo yathā kṣuraḥ kṣuradhāne'vahitaḥ syād viśvambharo vā viśvambharakulāye taṃ na paśyanti akṛtsno hi saḥ
Er ist hier eingedrungen bis zu den Fingerspitzen, wie ein Rasiermesser (kṣura) in seinem Behälter (kṣuradhāna) verborgen läge, oder wie das Feuer Viśvambhara ('Allernährer') in seinem Behälter (viśvambharakulāya) [Anm.: 'viśvambharakulāya' ist ein seltener Kompositum-Begriff; ob damit die Feuerstätte, der Herd oder ein anderer Bezug gemeint ist, lässt sich nicht sicher bestimmen]. Man sieht ihn nicht, denn er ist (in dieser Gestalt) unvollständig (akṛtsna).
prāṇanneva prāṇo nāma bhavati vadanvāk paśyaṃścakṣuḥ śṛṇvañcrotraṃ manvāno manaḥ tānyasyaitāni karmanāmānyeva sa yo'ta ekaikamupāste na sa vedākṛtsno hyeṣo'ta ekaikena bhavati
Nur wenn er atmet, heißt er Atem (prāṇa); wenn er spricht, Rede (vāc); wenn er sieht, Auge/Sehkraft (cakṣus); wenn er hört, Gehör (śrotra); wenn er denkt, Denksinn (manas). Dies sind eben seine nach der Tätigkeit gebildeten Namen (karmanāman). Wer nun jeweils eines davon einzeln verehrt, der weiß es nicht; denn er (das Selbst) ist mit jedem einzelnen davon unvollständig (akṛtsna).
ātmetyevopāsītātra hyete sarva ekaṃ bhavanti tadetatpadanīyamasya sarvasya yadayamātmānena hyetatsarvaṃ veda yathā ha vai padenānuvindedevaṃ kīrtiṃ ślokaṃ vindate ya evaṃ veda
Man soll ihn eben als 'Selbst' (ātman) verehren, denn darin werden diese alle eins. Dieses Selbst ist die Spur (padanīya) für all dies, denn durch dieses Selbst erkennt man dies alles. So wie man mittels einer (Fuß-)Spur (jemanden/etwas) aufspürt, so findet Ruhm (kīrti) und Anerkennung (śloka), wer dies so weiß.
tadetatpreyaḥ putrāt preyo vittāt preyo'nyasmātsarvasmādantarataraṃ yadayamātmā sa yo'nyamātmanaḥ priyaṃ bruvāṇaṃ brūyāt priyaṃ rotsyatītīśvaro ha tathaiva syād ātmānameva priyamupāsīta sa ya ātmānameva priyamupāste na hāsya priyaṃ pramāyukaṃ bhavati
Dieses Selbst nun ist lieber (preyas) als der Sohn, lieber als Reichtum (vitta), lieber und inniger (antaratara) als alles andere. Würde jemand zu einem anderen, der etwas außer dem Selbst als lieb bezeichnet, sagen: „Er wird das ihm Liebe verlieren“, so würde dies wohl tatsächlich eintreffen [Anm.: 'īśvaraḥ...syāt' ist ein gängiges Idiom für 'es könnte/dürfte tatsächlich so eintreffen', kein singulärer Textkrux.]. Man soll das Selbst allein als das Liebste verehren. Wer das Selbst allein als das Liebste verehrt, dessen Liebstes wird nicht hinfällig (pramāyuka).
Dazu sagen sie: 'Weil die Menschen meinen, durch das Brahman-Wissen (brahmavidyā) alles zu werden — nun, was erkannte jenes Brahman, wodurch dieses Alles entstand?'
brahma vā idamagra āsīt tadātmānamevāvedahaṃ brahmāsmīti tasmāttatsarvamabhavat tadyo-yo devānāṃ pratyabudhyata sa eva tadabhavat tatharṣīnāṃ tathā manuṣyāṇām
Brahman fürwahr war dies im Anfang. Es erkannte nur sich selbst: 'Ich bin Brahman.' Deshalb wurde es zu diesem Allem. Wer immer unter den Göttern dies erkannte, der wurde eben dies (All); ebenso bei den Sehern (ṛṣi), ebenso bei den Menschen.
taddhaitatpaśyannṛṣirvāmadevaḥ pratipederahaṃ manurabhavaṃ sūryaśceti tadidamapyetarhi ya evaṃ vedāhaṃ brahmāsmīti sa idaṃ sarvaṃ bhavati tasya ha na devāścanābhūtyā īśata ātmā hyeṣāṃ sa bhavati atha yo'nyāṃ devatāmupāsteranyo'sāu anyo'hamasmīti na sa veda yathā paśurevaṃ sa devānām yathā ha vai bahavaḥ paśavo manuṣyaṃ bhuṅjyuḥ evamekaikaḥ puruṣo devānbhunakti ekasminneva paśāvādīyamāne'priyaṃ bhavati kimu bahuṣu tasmādeṣāṃ tanna priyaṃ yadetanmanuṣyā vidyuḥ
Dies eben erkennend, gelangte der Seher (ṛṣi) Vāmadeva zu der Einsicht: „Ich bin Manu geworden und die Sonne (Sūrya).“ Dies gilt auch jetzt noch: Wer dies so weiß – „Ich bin Brahman“ –, der wird dieses Alles. Selbst die Götter vermögen ihn nicht an seinem Gedeihen zu hindern [Anm.: 'abhūtyā īśate' ist wörtlich unklar konstruiert, 'sind mächtig durch/mittels Nicht-Gedeihen'; hier sinngemäß als 'können ihn nicht am Gedeihen hindern' wiedergegeben], denn er wird ihr eigenes Selbst. Wer aber eine andere Gottheit verehrt in der Haltung „Er ist ein anderer, ich bin ein anderer“, der weiß es nicht. Wie ein (Haus-)Tier ist er für die Götter. So wie viele Tiere einem Menschen nützen, so nützt jeder einzelne Mensch den Göttern. Schon wenn nur ein einziges Tier weggenommen wird, ist das unangenehm – wie viel mehr, wenn viele! Deshalb ist es ihnen (den Göttern) nicht lieb, dass die Menschen dies erkennen.
Brahman fürwahr war dies im Anfang, einzig allein. Weil es einzig war, entfaltete es sich nicht (weiter). Es schuf darüber hinaus eine vorzüglichere Gestalt (śreyo rūpa), das Kṣatra (die Kriegerherrschaft) — nämlich diese Kṣatra-Mächte unter den Göttern: Indra, Varuṇa, Soma, Rudra, Parjanya, Yama, Mṛtyu (Tod), Īśāna. Deshalb gibt es nichts Höheres als das Kṣatra. Deshalb sitzt der Brahmane beim Königsweihe-Opfer (rājasūya) unterhalb des Kṣatriya; eben dadurch verleiht er dem Kṣatra jenen Ruhm (yaśas). Dieses (Brahman) ist der Ursprung (yoni) des Kṣatra. Deshalb nimmt der König, wenn er auch zur höchsten Stellung gelangt, am Ende doch wieder Zuflucht beim Brahman, seinem Ursprung. Wer dieses (Brahman) verletzt, verletzt seinen eigenen Ursprung; er wird schlechter, wie einer, der einen Vorzüglicheren verletzt hat.
sa naiva vyabhavat sa viśamasṛjata yānyetāni devajātāni gaṇaśa ākhyāyante vasavo rudrā ādityā viśve devā maruta iti
Es entfaltete sich noch immer nicht. Es schuf den Volksstand (viś) — nämlich diese Göttergeschlechter, die gruppenweise (gaṇaśas) benannt werden: die Vasu, die Rudra, die Āditya, die Allgötter (Viśvedevāḥ), die Marut.
sa naiva vyabhavat sa śaudraṃ varṇamasṛjata pūṣaṇam iyaṃ vai pūṣeyaṃ hīdaṃ sarvaṃ puṣyati yadidaṃ kiṅca
Es entfaltete sich noch immer nicht. Es schuf den Śūdra-Stand, den Pūṣan; diese (Erde) hier nämlich ist Pūṣan, denn sie nährt/mehrt (puṣyati) dies alles, was hier ist.
sa naiva vyabhavat tacChreyo rūpamatyasṛjata dharmam tadetatkṣatrasya kṣatraṃ yaddharmaḥ tasmāddharmātparaṃ nāsti atho abalīyānbalīyāṃsamāśaṃsate dharmeṇa yathā rājñaivam yo vai sa dharmaḥ satyaṃ vai tat tasmātsatyaṃ vadantamāhuḥ dharmaṃ vadatīti dharmaṃ vā vadantaṃ satyaṃ vadatīti etaddhyevaitadubhayaṃ bhavati
Es entfaltete sich noch immer nicht. Es schuf darüber hinaus eine vorzüglichere Gestalt, das Recht (dharma). Dies ist das Kṣatra (die Herrschermacht) des Kṣatra, nämlich das Recht. Deshalb gibt es nichts Höheres als das Recht. Deshalb vertraut sich sogar der Schwächere dem Stärkeren mittels des Rechts an, wie mithilfe eines Königs. Was nämlich jenes Recht ist, das ist Wahrheit (satya). Deshalb sagt man von jemandem, der die Wahrheit spricht: 'Er spricht das Recht', und von jemandem, der das Recht spricht: 'Er spricht die Wahrheit.' Denn eben dies beides ist (im Grunde) dasselbe.
Dies also sind Brahman, Kṣatra, Volk (viś) und Śūdra. Dabei wurde das Brahman durch Agni unter den Göttern (wirksames Brahman), durch den Brahmanen unter den Menschen; (das Kṣatra) durch den Kṣatriya, (der Vaiśya-Stand) durch den Vaiśya, (der Śūdra-Stand) durch den Śūdra. Deshalb suchen sie (die Menschen) einen Platz (loka) eben bei Agni unter den Göttern, beim Brahmanen unter den Menschen; denn durch diese beiden Gestalten (rūpa) wurde das Brahman (offenbar).
atha yo ha vā asmāl lokātsvaṃ lokamadṛṣṭvā praiti sa enamavidito na bhunakti yathā vedo vānanūkto'nyadvā karmākṛtam yadi ha vā apyanevaṃvinmahatpuṇyaṃ karma karoti taddhāsyāntataḥ kṣīyata evātmānameva lokamupāsīta sa ya ātmānameva lokamupāste na hāsya karma kṣīyate asmāddhyevātmano yad-yatkāmayate tat-tatsṛjate
Wer nun von dieser Welt weggeht, ohne seine (eigentliche) Welt (das Selbst) erkannt zu haben, dem nützt sie, da unbekannt, nichts — wie ein nicht rezitierter Veda oder eine sonst nicht ausgeführte Handlung (nichts nützt). Selbst wenn ein solcher Nichtwissender ein großes verdienstvolles Werk (puṇya karma) vollbringt, schwindet es ihm doch am Ende. Man soll eben das Selbst allein als (seine) Welt verehren. Wer das Selbst allein als Welt verehrt, dessen Werk schwindet nicht; denn aus eben diesem Selbst heraus erschafft er, was immer er sich wünscht.
atho ayaṃ vā ātmā sarveṣāṃ bhūtānāṃ lokaḥ sa yaj juhoti yadyajate tena devānāṃ loko atha yadanubrūte tenarṣīṇām atha yatprajāmicChate yatpitṛbhyo nipṛṇāti tena pitRṇām atha yanmanuṣyānvāsayate yadebhyo'śanaṃ dadāti tena manuṣyāṇām atha yatpaśubhyastṛṇodakaṃ vindati tena paśūnāṃ yadasya gṛheṣu śvāpadā vayāṃsyā pipīlikābhya upajīvanti tena teṣāṃ loko yathā ha vai svāya lokāyāriṣṭimicChedevaṃ haivaṃvide sarvadā sarvāṇi bhūtānyariṣṭimicChanti tadvā etadviditaṃ mīmāṃsitam
Und ferner: Dieses Selbst ist die Welt aller Wesen. Indem er (Trank-)Opfer darbringt und (Tier-)Opfer vollzieht, (erlangt er) dadurch die Welt der Götter. Indem er (den Veda) rezitiert, (erlangt er) dadurch die Welt der Seher (ṛṣi). Indem er sich Nachkommenschaft wünscht und den Vätern Opferspende darbringt, (erlangt er) dadurch die Welt der Väter (Pitṛs). Indem er Menschen beherbergt und ihnen Speise gibt, (erlangt er) dadurch die Welt der Menschen. Indem er den Tieren Gras und Wasser verschafft, (erlangt er) dadurch die Welt der Tiere. Was in seinem Haus wilde Tiere, Vögel, bis hinab zu den Ameisen an ihm zehren, dadurch (erlangt er) deren Welt. So wie man sich für die eigene Welt Unversehrtheit (ariṣṭi) wünscht, so wünschen alle Wesen demjenigen, der dies so weiß, immer Unversehrtheit. Dies eben ist erkannt und durchdacht (mīmāṃsita).
ātmaivedamagra āsīdeka eva so'kāmayataḥ jāyā me syādatha prajāyeyātha vittaṃ me syādatha karma kurvīyeti etāvānvai kāmo necChaṃścanāto bhūyo vindet tasmādapyetarhyekākī kāmayateḥ jāyā me syādatha prajāyeyātha vittaṃ me syādatha karma kurvīyeti sa yāvadapyeteṣāmekaikaṃ na prāpnoti akṛtsna eva tāvanmanyate tasyo kṛtsnatā
Das Selbst allein war dies im Anfang, einzig. Es wünschte sich: 'Möge mir eine Gattin zuteilwerden, damit ich mich fortpflanze; möge mir Reichtum zuteilwerden, damit ich Werke vollbringe.' So groß eben ist das Begehren (kāma), und selbst wer nicht begehrt, kann nicht mehr erlangen als dies. Deshalb wünscht sich auch heute noch, wer allein ist: 'Möge mir eine Gattin zuteilwerden, damit ich mich fortpflanze; möge mir Reichtum zuteilwerden, damit ich Werke vollbringe.' Solange er auch nur eines von diesen nicht erlangt, so lange hält er sich für unvollständig. Seine Vollständigkeit aber (besteht in Folgendem):
mana evāsyātmā vāgjāyā prāṇaḥ prajā cakṣurmānuṣaṃ vittaṃ cakṣuṣā hi tadvindati śrotraṃ daivaṃ śrotreṇa hi tacChṛṇoti ātmaivāsya karmātmanā hi karma karoti sa eṣa pāṅkto yajñaḥ pāṅktaḥ paśuḥ pāṅktaḥ puruṣaḥ pāṅktamidaṃ sarvaṃ yadidaṃ kiṅca tadidaṃ sarvamāpnoti ya evaṃ veda
Sein Denksinn (manas) ist sein Selbst, die Rede (vāc) seine Gattin, der Atem (prāṇa) seine Nachkommenschaft, das Auge (cakṣus) sein menschlicher Reichtum — denn mit dem Auge findet man ihn —, das Gehör (śrotra) sein göttlicher (Reichtum) — denn mit dem Gehör hört man ihn —, das Selbst (der Leib) selbst ist sein Werk (karma) — denn mit dem Leib vollbringt man das Werk. Dies ist das fünffache (pāṅkta) Opfer, das fünffache Opfertier, der fünffache Mensch; fünffach ist dies alles, was hier ist. Dies alles erlangt, wer dies so weiß.
yatsaptānnāni medhayā tapasājanayatpitai- -kamasya sādhāraṇaṃ dve devānabhājayat trīṇyātmane'kuruta paśubhya ekaṃ prāyacChat tasmintsarvaṃ pratiṣṭhitaṃ yacca prāṇiti yacca na kasmāttāni na kṣīyante adyamānāni sarvadā yo vai tāmakṣitiṃ veda so'nnamatti pratīkena sa devānapigacChati sa ūṛjamupajīvatīti ślokāḥ
'Dass der Vater (Prajāpati) sieben Speisen durch Weisheit (medhā) und Askese (tapas) erzeugte — eine davon ist ihm gemeinsam; zwei teilte er den Göttern zu; drei machte er für sich selbst; eine gab er den Tieren. Auf dieser (der gemeinsamen) beruht alles, was atmet und was nicht (atmet). Warum schwinden jene nicht, obwohl sie ständig verzehrt werden? Wer diese Unerschöpflichkeit (akṣiti) kennt, der isst Speise mittels eines Abbildes (pratīka), der gelangt (sogar) zu den Göttern, der lebt von Kraft (ūrj).' — So lauten die Verse (ślokāḥ).
yatsaptānnāni medhayā tapasājanayatpiteti medhayā hi tapasājanayatpitaikamasya sādhāraṇamitīdamevāsya tatsādhāraṇamannaṃ yadidamadyate sa ya etadupāste na sa pāpmano vyāvartate miśraṃ hyetat
'Dass der Vater sieben Speisen durch Weisheit und Askese erzeugte' — durch Weisheit und Askese erzeugte der Vater sie fürwahr. 'Eine davon ist ihm gemeinsam' — dies eben ist jene ihm gemeinsame Speise, nämlich das, was hier gewöhnlich gegessen wird. Wer diese verehrt, der wendet sich nicht vom Übel (pāpman) ab; denn diese (Speise) ist gemischt (miśra, d.h. mit Gutem und Bösem vermengt).
dve devānabhājayaditi hutaṃ ca prahutaṃ ca tasmāddevebhyo juhvati ca pra ca juhvati atho āhuḥ darśapūrṇamāsāviti tasmānneṣṭiyājukaḥ syāt
'Zwei teilte er den Göttern zu' – das Hutam- und das Prahutam-Opfer (das dargebrachte und das weitergereichte Opfer). Deshalb bringt man den Göttern Opfer dar und reicht sie weiter. Auch nennt man sie Neumonds- und Vollmondsopfer (darśapūrṇamāsau). Deshalb soll man kein bloßer Iṣṭi-Opferer (iṣṭiyājuka) sein [Anm.: 'iṣṭiyājukaḥ' ist ein seltener Fachbegriff – vermutlich jemand, der nur kleinere Iṣṭi-Wunschopfer, nicht aber das volle Darśapūrṇamāsa-Opfer vollzieht; die genaue Bedeutung ist nicht ganz sicher].
'Eine gab er den Tieren' — das ist die Milch; denn von Milch leben zuerst (nach der Geburt) sowohl Menschen als auch Tiere. Deshalb lässt man ein neugeborenes Kind zuerst entweder Ghee (Butterschmalz) lecken oder an der Brust saugen.
Und von einem neugeborenen Kalb sagt man, es sei 'noch kein Grasfresser' (atṛṇāda). '(Doch schon jetzt) beruht auf ihm alles, was atmet und was nicht' — denn auf der Milch beruht ja dies alles, was atmet und was nicht.
tadyadidamāhuḥ saṃvatsaraṃ payasā juhvadapa punarmṛtyuṃ jayatīti na tathā vidyād yadahareva juhoti tadahaḥ punarmṛtyumapajayatyevaṃ vidvānt sarvaṃ hi devebhyo'nnādyaṃ prayacChati kasmāttāni na kṣīyante'dyamānāni sarvadeti
Wenn man nun sagt: 'Wer ein Jahr lang mit Milch opfert, überwindet den Wiedertod (punarmṛtyu)' — so soll man es nicht so verstehen; vielmehr überwindet, wer so weiß, an eben dem Tag, an dem er (überhaupt einmal) opfert, an diesem Tag den Wiedertod — denn er gibt den Göttern alle Speise (annādya). 'Warum schwinden jene nicht, obwohl sie ständig verzehrt werden?' (so lautet die Frage).
puruṣo vā akṣitiḥ sa hīdamannaṃ punaḥ-punarjanayate yo vai tāmakṣitiṃ vedeti puruṣo vā akṣitiḥ sa hīdamannaṃ dhiyā-dhiyā janayate karmabhiḥ yaddhaitanna kuryāt kṣīyeta ha so'nnamatti pratīkeneti mukhaṃ pratīkaṃ mukhenetyetat sa devānapigacChati sa ūrjamupajīvatīti praśaṃsā
'Der Mensch fürwahr ist die Unerschöpflichkeit (akṣiti), denn er erzeugt diese Speise immer wieder von neuem — das gilt für den, der diese Unerschöpflichkeit kennt.' Der Mensch fürwahr ist die Unerschöpflichkeit, denn er erzeugt diese Speise durch immer neues Planen (dhiyā-dhiyā) mittels (ritueller) Handlungen (karman); täte er dies nicht, würde sie schwinden. 'Er isst Speise mittels eines Abbildes (pratīka)' — der Mund ist das Abbild, 'mittels des Mundes' ist damit gemeint. 'Er gelangt (sogar) zu den Göttern, er lebt von Kraft' — das ist ein Lobpreis (praśaṃsā).
'Drei machte er für sich selbst' — (nämlich) Denksinn (manas), Rede (vāc) und Atem (prāṇa). Diese machte er für sich selbst — (so wie man sagt): 'Ich war geistesabwesend, ich habe (es) nicht gesehen; ich war geistesabwesend, ich habe (es) nicht gehört' — denn nur mit dem Denksinn sieht man, mit dem Denksinn hört man.
kāmaḥ saṅkalpo vicikitsā śraddhāśraddhā dhṛtiradhṛtirhrīrdhīrbhīrityetatsarvaṃ mana eva tasmādapi pṛṣṭhata upaspṛṣṭo manasā vijānāti
Begehren (kāma), Wille (saṅkalpa), Zweifel (vicikitsā), Glaube und Unglaube (śraddhā-aśraddhā), Standhaftigkeit und Unstandhaftigkeit (dhṛti-adhṛti), Scham (hrī), Einsicht (dhī), Furcht (bhī) — dies alles ist eben der Denksinn (manas). Deshalb erkennt man sogar, wenn man von hinten berührt wird, dies mit dem Denksinn.
Jeglicher Laut ist eben Rede (vāc); diese hat fürwahr ein Ende – jener (der Atem) aber nicht [Anm.: kein Textfehler, sondern eine elliptische Parallelkonstruktion ('X hat ein Ende – Y [elliptisch: hat kein Ende]'), ein übliches Stilmittel brahmanischer Prosa; philosophisch: die Rede ist endlich, der Atem (prāṇa) hingegen unerschöpflich, vgl. das nahegelegene 'puruṣo vā akṣitiḥ']. Der Ausatem (prāṇa), der Einatem (apāna), der Zwischenatem (vyāna), der Aufatem (udāna), der Gleichatem (samāna) – dies alles ist eben Atem. Aus diesem Atem besteht dieses Selbst: Es besteht aus Rede, besteht aus Denksinn, besteht aus Atem.
Das Erkannte, das noch zu Erkennende und das Unerkannte sind eben diese (drei): Was auch immer erkannt ist, das ist die Gestalt (rūpa) der Rede; denn die Rede ist das Erkannte. Die Rede schützt ihn, indem sie dies wird.
yatkiṅca vijijñāsyaṃ manasastadrūpam mano hi vijijñāsyaṃ mana enaṃ tadbhūtvāvati
Was auch immer noch zu erkennen (vijijñāsya) ist, das ist die Gestalt des Denksinns; denn der Denksinn ist das noch zu Erkennende. Der Denksinn schützt ihn, indem er dies wird.
Von dieser Rede ist die Erde der Körper (śarīra), dieses Feuer (agni) die lichte Gestalt (jyotis-rūpa). Soweit nun die Rede reicht, so weit reicht die Erde, so weit reicht dieses Feuer.
athaitasya manaso dyauḥ śarīraṃ jyotī rūpamasāvādityaḥ tadyāvadeva manastāvatī dyauḥ tāvānasāvādityaḥ tau mithunaṃ samaitām tataḥ prāṇo'jāyata sa indraḥ sa eṣo'sapatno dvitīyo vai sapatno nāsya sapatno bhavati ya evaṃ veda
Von diesem Denksinn ist der Himmel (dyaus) der Körper, jene Sonne (āditya) die lichte Gestalt. Soweit nun der Denksinn reicht, so weit reicht der Himmel, so weit reicht jene Sonne. Diese beiden vereinigten sich als Paar [Anm.: der Bezug von 'tau' ('diese beiden') ist nicht ganz eindeutig; vermutlich sind Himmel und Sonne (dyaus und āditya) als das zuvor genannte Paar gemeint]; daraus wurde der Atem (prāṇa) geboren, das ist Indra. Er ist ohne Nebenbuhler (asapatna); ein Zweiter nämlich ist ein Nebenbuhler (sapatna). Keinen Nebenbuhler hat, wer dies so weiß.
Von diesem Atem ist das Wasser der Körper, jener Mond (candra) die lichte Gestalt. Soweit nun der Atem reicht, so weit reicht das Wasser, so weit reicht jener Mond.
ta ete sarva eva samāḥ sarve'nantāḥ sa yo haitānantavata upāste antavantaṃ sa lokaṃ jayati atha yo haitānanantānupāste anantaṃ sa lokaṃ jayati
Diese alle sind gleich (groß), alle sind unendlich (ananta). Wer diese als endlich (antavat) verehrt, gewinnt eine endliche Welt; wer aber diese als unendlich verehrt, gewinnt eine unendliche Welt.
sa eṣa saṃvatsaraḥ prajāpatiṣṣoḍaśakalaḥ tasya rātraya eva paṅcadaśa kalā dhruvaivāsya ṣoḍaśī kalā sa rātribhirevā ca pūryate apa ca kṣīyate so'māvāsyāṃ rātrimetayā ṣoḍaśyā kalayā sarvamidaṃ prāṇabhṛdanupraviśya tataḥ prātarjāyate tasmādetāṃ rātriṃ prāṇabhṛtaḥ prāṇaṃ na vicChindyād api kṛkalāsasyaitasyā eva devatāyā apacityai
Dieses (Jahr) ist Prajāpati mit sechzehn Teilen (ṣoḍaśakala). Seine Nächte sind eben fünfzehn Teile, sein sechzehnter Teil ist der beständige (dhruva, unveränderliche). Durch die Nächte füllt er sich sowohl an als er auch abnimmt. In der Neumondnacht (amāvāsyā) durchdringt er mit diesem sechzehnten Teil alles, was Atem trägt (prāṇabhṛt), und wird dann am (nächsten) Morgen wieder geboren. Deshalb soll man in dieser Nacht keinem lebenden Wesen den Atem abschneiden (es töten), nicht einmal einer Eidechse (kṛkalāsa), zu Ehren (apaciti) eben dieser Gottheit.
yo vai sa saṃvatsaraḥ prajāpatiṣṣoḍaśakālo ayameva sa yo'yamevaṃvitpuruṣaḥ tasya vittameva paṅcadaśa kalāḥ ātmaivāsya ṣoḍaśī kalā sa vittenaivā ca pūryate apa ca kṣīyate tadetannabhyaṃ yadayamātmā pradhirvittam tasmādyadi api sarvajyāniṃ jīyata ātmanā cej jīvati pradhināgādityāhuḥ
Das Jahr, Prajāpati mit sechzehn Teilen — eben dieser ist der Mensch, der dies so weiß. Sein Reichtum (vitta) sind eben die fünfzehn Teile, sein Selbst (ātman) ist sein sechzehnter Teil. Durch den Reichtum füllt er sich an und nimmt ab. Dies (das Selbst) ist die Nabe (nābhi); die Felge (pradhi) ist der Reichtum. Deshalb, selbst wenn er allen Besitz verliert, aber am Leben bleibt durch das Selbst, sagt man von ihm: 'Er hat (nur) die Felge verloren' (die Nabe blieb).
Es gibt fürwahr drei Welten: die Menschenwelt, die Väterwelt (pitṛloka) und die Götterwelt (devaloka). Diese Menschenwelt ist nur durch einen Sohn zu gewinnen, durch nichts anderes; die Väterwelt durch (rituelles) Handeln (karman); die Götterwelt durch Wissen (vidyā). Die Götterwelt ist fürwahr die vorzüglichste der Welten; deshalb preisen sie das Wissen.
athātaḥ samprattiḥ yadā praiṣyanmanyate atha putramāhaḥ tvaṃ brahma tvaṃ yajñaḥ tvaṃ loka iti sa putraḥ pratyāhāhaṃ brahmāhaṃ yajño ahamloka iti
Nun folgt die Übergabe (samprattiḥ). Wenn er (der Vater) meint, er werde sterben, dann spricht er zum Sohn: 'Du bist das Brahman, du bist das Opfer, du bist die Welt.' Der Sohn erwidert: 'Ich bin das Brahman, ich bin das Opfer, ich bin die Welt.'
yadvai kiṅcānūktaṃ tasya sarvasya brahmetyekatā ye vai keca yajñāḥ teṣāṃ sarveṣāṃ yajña ityekatā ye vai keca lokāḥ teṣāṃ sarveṣāṃ loka ityekataitāvadvā idaṃ sarvam etanmā sarvaṃ sannayamito bhunajaditi tasmātputramanuśiṣṭaṃ lokyamāhuḥ tasmādenamanuśāsati sa yadaivaṃvidasmāl lokātpraiti athaibhireva prāṇaiḥ saha putramāviśati sa yadyanena kiṅcidakṣṇayā kṛtaṃ bhavati tasmādenaṃ sarvasmātputro muṅcati tasmātputro nāma sa putreṇaivāsmil loke pratitiṣṭhati athainamete devāḥ prāṇā amṛtā āviśanti
Was auch immer studiert (rezitiert) wurde – für all das gibt es die Einheit „Brahman“. Was es auch für Opfer gibt – für alle diese gibt es die Einheit „Opfer“. Was es auch für Welten gibt – für alle diese gibt es die Einheit „Welt“. Soviel eben ist dies alles. „Möge dieser (Sohn), nachdem er dies Alles geworden ist, mich von hier aus weiter nähren“ – deshalb nennen sie den unterwiesenen Sohn „welt-verschaffend“ (lokya); deshalb unterweisen sie ihn. Wenn ein solcher Wissender von dieser Welt geht, geht er mit eben diesen Atem-Kräften in den Sohn ein. Wenn er (der Vater) irgendetwas Verkehrtes begangen hat, davon befreit ihn der Sohn gänzlich [Anm.: 'akṣṇayā' ('schräg, verkehrt, unrecht') ist ein seltenes Adverb; hier sinngemäß als 'etwas Unrechtes/Verkehrtes' wiedergegeben]; deshalb heißt er „Sohn“ (putra, hier volksetymologisch gedeutet). Durch den Sohn eben besteht er (der Vater) fort in dieser Welt. Dann gehen diese unsterblichen göttlichen Atem-Kräfte in ihn ein.
Aus der Erde und aus dem Feuer geht in ihn die göttliche Rede (daivī vāc) ein. Dies ist die göttliche Rede, mit der, was auch immer er spricht, das (jeweils) geschieht.
divaścainamādityācca daivaṃ mana āviśati tadvai daivaṃ mano yenānandyeva bhavati atho na śocati
Aus dem Himmel und aus der Sonne geht in ihn der göttliche Denksinn (daivaṃ manas) ein. Dies ist der göttliche Denksinn, durch den man eben frohgemut (ānandin) wird und sich auch nicht (mehr) grämt.
adbhyaścainaṃ candramasaśca daivaḥ prāṇa āviśati sa vai daivaḥ prāṇo yaḥ sañcaraṃścāsañcaraṃśca na vyathate atho na riṣyati sa eṣa evaṃvitsarveṣāṃ bhūtānāmātmā bhavati yathaiṣā devataivaṃ sa yathaitāṃ devatāṃ sarvāṇi bhūtānyavanti evaṃ haivaṃvidaṃ sarvāṇi bhūtānyavanti yadu kiṅcemāḥ prajāḥ śocanti amaivāsāṃ tadbhavati puṇyamevāmuṃ gacChati na ha vai devānpāpaṃ gacChati
Aus den Wassern und aus dem Mond geht in ihn der göttliche Atem (daivaḥ prāṇa) ein. Dies ist der göttliche Atem, der, sei er in Bewegung oder nicht in Bewegung, nicht erschüttert wird und auch nicht Schaden nimmt. Wer dies so weiß, der wird das Selbst aller Wesen; wie diese Gottheit ist, so wird er. Wie alle Wesen diese Gottheit begünstigen, so begünstigen alle Wesen den, der dies so weiß. Was auch immer diese Geschöpfe (hier) an Kummer erleiden, das bleibt nur bei ihnen; nur das Verdienstvolle (puṇya) geht zu jenem (Wissenden) über, denn zu den Göttern gelangt fürwahr kein Übel (pāpa).
Nun folgt die Erwägung der (Verhaltens-)Regel (vrata). Prajāpati schuf die Tätigkeitsorgane (karmāṇi, die Sinnesfähigkeiten). Diese, geschaffen, wetteiferten (aspardhanta) miteinander: 'Ich werde sprechen!' — so nahm sich die Rede vor; 'Ich werde sehen!' — so das Auge; 'Ich werde hören!' — so das Gehör; ebenso die anderen Organe, jedes gemäß seiner Tätigkeit (yathākarma).
Der Tod (mṛtyu), zur Ermüdung (śrama) geworden, ergriff/bezwang sie; er erlangte (Macht über) sie; nachdem er sie erlangt hatte, hielt der Tod sie fest. Deshalb ermüdet die Rede, ermüdet das Auge, ermüdet das Gehör. Nur diesen einen aber erlangte er nicht, nämlich diesen mittleren Atem (madhyama prāṇa).
tāni jñātuṃ dadhrirerayaṃ vai naḥ śreṣṭho yaḥ sañcaraṃścāsañcaraṃśca na vyathate atho na riṣyati hantāsyaiva sarve rūpaṃ bhavāmeti ta etasyaiva sarve rūpamabhavanḥ tasmādeta etenākhyāyante prāṇā iti tena ha vāva tatkulamācakṣate yasminkule bhavati ya evaṃ veda ya u haivaṃvidā spardhate anuśuṣya haivāntato mriyata ityadhyātmam
Sie versuchten, dies zu erkennen: 'Dieser fürwahr ist der Beste (śreṣṭha) von uns, der, sei er in Bewegung oder nicht in Bewegung, nicht erschüttert wird und auch nicht Schaden nimmt. Wohlan, lasst uns alle seine Gestalt annehmen!' Da nahmen sie alle eben dessen Gestalt an. Deshalb werden sie danach 'Atem-Kräfte' (prāṇāḥ) benannt. Eben danach benennt man auch jene Familie (kula), in welcher ein Wissender dieser Art ist. Wer aber mit einem solchen Wissenden wetteifert, der verdorrt und stirbt schließlich — so (lautet die Lehre) auf das Selbst bezogen (adhyātmam).
Nun auf die Gottheiten bezogen (adhidevatam): 'Ich werde lodern!' — so nahm sich Agni vor; 'Ich werde erhitzen (Glut spenden)!' — so Āditya (die Sonne); 'Ich werde leuchten!' — so der Mond (candramas); ebenso die anderen Gottheiten, jede gemäß ihrer Gottheit. So wie unter diesen Atem-Kräften der mittlere Atem (der beste ist), ebenso ist unter diesen Gottheiten der Wind (vāyu der beste); denn die anderen Gottheiten gehen unter, nicht aber der Wind. Dies ist die Gottheit, die nicht untergeht (anastamitā), nämlich der Wind.
athaiṣa śloko bhavatiḥ yataścodeti sūryo astaṃ yatra ca gacChatīti prāṇādvā eṣa udeti prāṇe'stameti taṃ devāścakrire dharmaṃ sa evādya sa u śva iti yadvā ete'murhyadhriyanta tadevāpyadya kurvanti tasmādekameva vrataṃ caret prāṇyāccaivāpānyāccaḥ nenmā pāpmā mṛtyurāpnavaditi yadyu caret samāpipayiṣet teno etasyai devatāyai sāyujyaṃ salokatāṃ jayati ya evaṃ veda
Dazu gibt es diesen Vers (śloka): „Von wo aus die Sonne aufgeht und wohin sie untergeht“ – aus dem Atem fürwahr geht sie auf, im Atem geht sie unter. Dies bestimmten die Götter als Regel (dharma): „Das gilt heute ebenso wie morgen.“ Was jene Götter einst dort befolgten, das tun sie auch heute noch. Deshalb soll man ein einziges Gelübde (vrata) befolgen: einatmen und ausatmen, damit einen nicht das Übel des Todes erreiche (im Sinne des zuvor behandelten Wiedertods, punarmṛtyu). Und wenn man es befolgt, sollte man es vollständig zu Ende führen [Anm.: 'samāpipayiṣet' ist eine seltene, morphologisch schwer eindeutig zuzuordnende Verbform, vermutlich ein Desiderativ zu 'vollständig anfüllen/zu Ende führen'; die Übersetzung ist sinngemäß, nicht sicher belegt]; dadurch gewinnt man Vereinigung (sāyujya) und Gleich-Welt-Sein (salokatā) mit dieser Gottheit, wer dies so weiß.
Dreifach fürwahr ist dies: Name (nāman), Gestalt (rūpa) und Tat (karman). Von diesen Namen ist die Rede (vāc) ihr 'Uktha' (uktham, ein liturgischer Fachterminus für einen rezitierten Lobspruch); denn aus ihr gehen alle Namen hervor. Dies ist ihr Sāman (Gesang, Wesensgleiches); denn dies ist mit allen Namen gleich (übereinstimmend). Dies ist ihr Brahman; denn dies trägt alle Namen.
atha rūpāṇāṃ cakṣurityetadeṣāmuktham ato hi sarvāṇi rūpāṇyuttiṣṭhanti etadeṣāṃ sāmaitaddhi sarvai rūpaiḥ samam etadeṣāṃ brahmaitaddhi sarvāṇi rūpāṇi bibharti
Und von den Gestalten ist das Auge (cakṣus) ihr 'Uktha' (uktham, liturgischer Fachbegriff); denn aus ihm gehen alle Gestalten hervor. Dies ist ihr Sāman; denn dies ist mit allen Gestalten gleich. Dies ist ihr Brahman; denn dies trägt alle Gestalten.
Und von den Taten ist das Selbst (der Leib, ātman) ihr 'Uktha' (uktham, liturgischer Fachbegriff); denn aus ihm gehen alle Taten hervor. Dies ist ihr Sāman; denn dies ist mit allen Taten gleich. Dies ist ihr Brahman; denn dies trägt alle Taten. Dieses Dreifache ist (in Wahrheit) eines: eben dieses Selbst. Das Selbst, obwohl eines, ist dieses Dreifache. Dies (das Selbst) ist das Unsterbliche (amṛta), verhüllt durch das Wahre (satya). Der Atem (prāṇa) fürwahr ist das Unsterbliche; Name und Gestalt sind das Wahre; durch diese beiden ist dieser Atem verhüllt.